Chase konnte immer noch nicht fassen, zu was er fähig war. Aus seiner Kehle stiegen eruptionsartig mitleiderregende, kindliche Laute, die sein Entsetzen darüber offenbarten. Selbst noch etwas irritiert und benommen wiegte House ihn ein wenig, bis er nicht mehr schluchzte.

„Es ist gut. Oder habe ich Ihnen wehgetan?"

Unglücklich schüttelte er den Kopf. Vermutlich wäre er gerne aufgestanden, aber House hielt ihn fest. Er sollte ruhiger werden, wieder zu sich kommen. Und das, was er gerade getan hatte, nicht überbewerten.

„Habe ich Ihnen ...?"

„Nicht die Spur. Scht ... es war großartig mit Ihnen. Ich war selten so beneidenswert und bin fast traurig, dass ich Cameron nicht eifersüchtig machen kann, wenn wir es wie abgemacht für uns behalten. Weinen Sie nicht."

Er trocknete Chase' Tränen mit den Fingern, ließ sie über das glatte, erhitzte Gesicht wandern. Die Haut war so weich, dass die sprichwörtliche Pfirsichhaut sich dagegen sicher wie Cellulite anfühlte.

„Es war nicht verwerflich. Ist es schlimm, mich glücklich zu machen? Oder sich selbst?"

„Ich bin nicht schwul", sagte er bedrückt. „Ich weiß selber nicht mehr, was ich bin ..."

„Sie sind attraktiv, ein bisschen verrückt und völlig normal. Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf, weil ich Ihnen selbigen verdrehe. Das wird sich geben. Im Augenblick bin ich Ihre Bezugsperson, die Ihnen das Gehen und andere Grundbedürfnisse beibringt, ob Ihnen das gefällt oder nicht. Jemand anderen würden Sie nicht an sich heranlassen. Das Geschlecht der Person ist dabei nicht von Bedeutung. Ich habe Ihnen Hilfe zugesagt in jener Nacht, darum bin ich der Einzige, dem Sie vertrauen."

Verlegen stand er auf und ziepte an seinen Hosen, nachdem er sich von House entfernt hatte. „Es hätte sich nichtso entwickeln dürfen."

„Chase. Ich habe es weiß Gott nicht beabsichtigt. Ich will Ihnen auch jetzt nicht zu nahe treten. Mir scheint nur, Sie sind besessen davon, so schnell wie möglich wieder ein normales Leben zu führen. Ich dachte, ich erweise Ihnen einen Gefallen, indem ich mich auf Ihre Spiele einlasse. Und ich muss sagen, die sind besser als meine. So erfrischend überraschend."

Er reagierte nicht. Stattdessen wandte er sich zur Front der verglasten Wand und ballte die Hände zu Fäusten. Sein Rücken bebte. Aber die Aussicht war wunderschön. Womit House nicht die Wolkenkratzer meinte. Der Anzug war Chase wie auf den Leib geschneidert und betonte seine schmale Taille.

„Wenn Sie in Ihrem Mangel an Selbstwertgefühl springen, fange ich Sie auf. Ich bin schneller unten als Sie. Gesetz der Schwerkraft."

Chase barg das Gesicht in den Händen. „Oh Gott ... ich habe das nicht gewollt!"

„Hören Sie. Selbst wenn der von Ihnen gerade Angerufene das verdammen sollte, was Sie und ich eben hatten, wird er Ihnen vergeben. Sie sind deswegen kein Abtrünniger. Nur ein Mensch, der Fehler macht. Der eine schwierige Zeit hat. Was kann Er da oben dagegen haben, wenn ich versuche, Ihnen zu helfen, damit zurechtzukommen?"

Er schniefte und wischte sich die Nase am Ärmel ab. „Ich habe ... nur noch eine Jeans dabei ..."

House erhob sich achselzuckend und rang den Impuls nieder, Chase erneut in die Arme zu schließen. Er quälte sich so sehr, und es dauerte ihn, dass er nicht wirklich helfen konnte. Er wusste selbst, dass es für den ernsthaften Chorknaben kein Trost war, was er ihm eben gesagt hatte.

Die Hölle, die sein Assistenzarzt durchmachte, begriff er nicht aus eigener Erfahrung, und Chase würde ihm niemals von seinen diesbezüglichen Gefühlen berichten, gleichgültig, wie lange oder gut sie sich kannten. Eigentlich gab es nicht viel zu erzählen. Man hatte ihn unrein gemacht, ihn entehrt. Darüber zu sprechen, wäre selbst einer exhibitionistischen Quasselstrippe wie Cuddy schwer gefallen.

Seine eigene Hose war nun ebenfalls untauglich für einen Opernabend.

„Dann gehen wir in Jeans. Solange die noch sauber sind ..."

Wäre er doch so mutig wie sein Chef, wenn es um Konventionen ging. Was andere über ihn dachten, kümmerte ihn nicht, und wenn er es erfuhr, demonstrierte er offen seine Rebellion und erzürnte die Langeweiler erst recht.

„Was steht als Nächstes auf dem Programm? Ich muss sagen, den Auftakt kann alles Folgende kaum toppen. Nicht mal der bucklige Zwerg dieses italienischen Komponisten."

Auf seinen Fingerknöcheln kauend wandte Chase sich jäh um. Seine großen Augen waren gerötet, und er verhaspelte sich, als er sprach.

„Ich will nicht mehr. Lassen Sie uns heimfahren. Oder besser ich – ich nehme den Zug ..."

„Und verderben mir den Spaß? Seien Sie nicht kindisch. Was glauben Sie, was es mich gekostet hat, uns drei Tage rauszuhauen? Einen Tausender für Cuddy."

Einen Augenblick sah Chase erschrocken aus, ehe er ein zuckendes Lächeln versuchte. Auf wie viele Arten er lächeln konnte, und dabei zeigte er es viel zu selten. House beschloss, dass dieses zu seinen Favoriten gehörte. Der jetzige Ausdruck war erstaunt, unsicher und verlangte nach Schutz. Und wühlte ihn auf. Er hoffte, er würde nicht noch einmal schwach werden. Seinetwegen könnten sie sich den ganzen Tag und die ganze Nacht in diesem luxuriösen Apartment amüsieren. Sich im Kingsizebett wälzen, ein Bad zu zweit nehmen, ein Dinner aufs Zimmer kommen lassen, und bei Kerzenschein würde er in Chase' wunderschönen Augen versinken und später in seinen Armen. Das schien ihm heute der Inbegriff des Paradieses. Multiple Orgasmen wären nicht drin und auch nicht sein Ziel, doch allein Chase anzusehen, zu berühren, den jungen, biegsamen, vor Erregung zitternden und keuchenden Körper zu spüren und das Lachen zu hören, das ihm soviel bedeutete, würden sie ihm ersetzen. Im besten Fall sogar Chase' Selbstvertrauen stärken.

„Sie erpressen sie nicht."

„Aber sie mich. Im Inneren bin ich exorbitant wehrlos. Ich musste mit ihr schlafen, um die Auszeit genehmigt zu kriegen. Die Frau ist eine Furie. Weiß genau, was sie will. Nur nicht, was andere wollen. Ich stehe mehr auf blonde, ozeanische, emotional verwirrte Surferboys."

Zuerst rief diese Aussage Bestürzung in dem jungenhaften Gesicht hervor, doch dann verstand er, dass sein Chef ihn auf den Arm nahm. Wieder lächelte er, fast ein Grinsen und schnaubte ein bisschen. Es war ein so hinreißender Laut, dass House einen Moment die Augen schloss.

„Kommen Sie. Wir wechseln unsere Garderobe und gehen ein wenig die City erkunden. Die Zeit geht ohnehin viel zu schnell vorbei."

oOo

Im Lift blieb er ruhig. Viel gelassener als wenige Stunden zuvor. Sie waren zwar nicht die Einzigen in der Kabine, doch House hoffte, dass es nicht allein daran lag. Erfreut konstatierte er, wie Chase sich bei ihm unterhakte und sich flüchtig an ihn schmiegte.

Sie flanierten über den Times Square. Buntes Treiben, die vielen Cineplex-Gebäude und der legendäre Broadway zogen Chase magisch an. An House' Arm, auf den er angewiesen war, besah er sich die riesigen Reklameschilder, Werbeplakate, die Videoleinwand, auf der ein Nachrichtensender lief, dem sie eine Weile beim Flimmern zuschauten und sich damit als Touristen outeten, und Geschäfte. Sein Staunen überraschte House. Melbourne war ebenfalls eine Metropole und dürfte sich von New York optisch nicht allzu sehr unterscheiden, und dennoch schien ihn die Stadt irgendwie einzuschüchtern. Na ja. Keine Stadt war wie diese, zumindest keine, in der er bereits gewesen war. Eine grell geschminkte Hure, voller Lug und Trug. Er mochte sie nicht und war nur Chase zuliebe hier hergefahren. Was sich offenbar gelohnt hatte, denn dieser war augenfällig beeindruckt.

An einer Imbissbude kauften sie Hot Dogs und Dosenbier, nachdem Chase ihn gefragt hatte, welches Essen die Ortsansässigen bevorzugten.

„House!" Kauend zeigte er auf die andere Straßenseite und blieb abrupt stehen. House folgte seinem ausgestreckten Finger mit dem Blick. Ein Programmkino pries eine Nachmittagsvorstellung von Vom Winde verweht an. Über dem Eingang hing die klassische Gable/Leigh-Szene, in der Rhett Butler die gerade von einem Alptraum hochgeschreckte Scarlett väterlich umarmte.

„Das ist jetzt nicht Ihr Ernst", sagte House pikiert. „Der Schinken geht eine gefühlte Ewigkeit. Ich sitz' mir doch nicht sechs Stunden am Tag den Arsch platt. Sie müssen laufen, deswegen hetze ich doch überhaupt hier mit Ihnen von Block zu Block. Vielleicht hätten wir lieber zum Central Park gehen sollen."

„Ich bin völlig groggy", begehrte Chase ungewöhnlich scharf auf. „Mir tut alles weh."

„Weil Sie vor ein paar Stunden wilden Sex hatten." Schockiert schaute sich Chase um, doch die Menschen, die links und rechts an ihnen vorbeiströmten, wirkten abgestumpft, gestresst oder gleichgültig. „Mit unserem Spaziergang hat das nichts zu tun. Sie müssen laufen. Ihre Beine wollen es."

„Aber ich nicht mehr", rief er aus und packte flehentlich House' Arm. „Bitte lassen Sie uns ins Kino gehen. Danach bleibt immer noch Zeit für einen Ausflug in den Park, wenn Sie darauf bestehen. Ich muss ein bisschen ausruhen. Bitte."

Übertrieben laut seufzte House und zog dabei die Schultern hoch. Er hoffte, die Vorstellung war bereits ausverkauft, doch die Massen zog der Klassiker schon lange nicht mehr ins Kino, insbesondere, da er sich seit Jahrzehnten im Standardfernsehprogramm als feste Größe etabliert hatte.

oOo

Eine breite, geschwungene, quietschende Holztreppe führte hinauf in den mit violett schimmernden Chintzstühlen überraschend kleinen Vorführungssaal. Die Leinwand indes war riesig und nahm die gesamte Wand ein. Zuschauer gab es recht viele; vielleicht ein oder zwei ausländische Fanclubs und die ewiggestrigen Nostalgiker, frustrierte Hausfrauen, die ihre Wünsche auf die weibliche Hauptfigur projizierten, und die unvermeidlichen Intellektuellen mit Hornbrille und Rollkragenpullover, die schon beim geringsten Popcornknistern die Stirn runzelten. Gut. Er hatte einen Megaeimer und Coke für sich und Chase gekauft.

„Ordentlich rascheln", raunte er Chase zu, als der sich ein paar Popcorn aus dem Pappeimer klaute. „Schmatzen und Schlürfen ist noch besser. Das bringt die Nerds auf die Palme."

Er stupste ihn an und schenkte ihm wieder dieses Lächeln, das sein Herz zum Schmelzen brachte. Er war so wunderschön, dass er manchmal gar nicht glauben konnte, womit er seine Gesellschaft verdient hatte. Am liebsten hätte er ihn geküsst. Ganz kurz nur auf den Mund. Er tat es, indem er ihn am Nacken zu sich herzog, es war bereits halb dunkel. Chase wich zurück, Stirn und Lippen gekräuselt. „House ..."

„Ich musste es tun. Eine innere Stimme hat es mir befohlen. Sie sehen so bezaubernd aus im Dämmerlicht. Wie ein kleines Mädchen, das seine Mommy verloren hat. Keinen juckt es, was wir hier treiben. Das ist New York, Chase."

Der Film begann, und House legte die Beine über den Sitz vor ihm und störte damit den Vordermann, der sich empört umdrehte.

„Krankes Bein", erklärte House unverfroren. „Suchen Sie sich einen anderen Platz. Vorne ist noch einer frei."

Vielleicht kannte ihn der Mann, vielleicht war er auch nur eine Memme; jedenfalls stand er widerspruchslos auf und wand sich durch die Reihe auf der Suche nach einem freien Stuhl.

„Sie sind böse", sagte Chase glucksend.

„Solange es Leute wie ihn gibt, sehe ich nicht ein, weshalb ich das ändern sollte."

Vom Winde Verweht hatte er mehr als einmal gesehen, es war einer von Wilsons Lieblingsfilmen, und er langweilte ihn. Die Figuren langweilten ihn, die Handlung, die Karikatur einer starken Frau, die die hysterische Scarlett angeblich war.

Rhett Butler war der Einzige, dessen Verhalten ihm einigermaßen plausibel erschien, und trotzdem war er genau so stereotyp wie der Rest der Schauspieler. Und letztendlich trotz allem Freiheitsdrang ein von Scarlett abhängiger Waschlappen. Wenigstens verschonte man den Zuschauer mit einem Happy End.

Chase' morgendliche Attacke auf ihn hatte ihn tatsächlich mehr gefordert als er gedacht hätte. Insofern tat ihm ein Nickerchen im Kinosaal jetzt ganz gut. Nach kurzer Zeit schon schlief er ein.

Unruhe weckte ihn. Mit einem geöffneten Auge erkannte er, dass gerade die Szene gezeigt wurde, als Scarlett in der Nacht von betrunkenen Kerlen in ihrer Droschke überfallen wurde.

Geflissentlich und in routinierter Medizinermanier nahm Chase House' Beine von der Lehne und drückte sich an ihm vorbei.

„Hey." Er stoppte ihn mit dem Stock. „Wohin, Kumpel?"

„Ich muss auf die Toilette", murmelte er, es klang belegt, beinahe ängstlich.

„Soll ich Sie begleiten?"

Er kämpfte mit sich, es war ihm anzusehen. Um die Sache abzukürzen, erbarmte sich House und ging mit ihm zur Toilette.

„Sie waren tapfer bisher", stellte er fest, als Chase in der Kabine verschwunden war. Er urinierte immer noch im Sitzen. „Oder haben Sie es verdrängt? Das würde mich überraschen."

Die Spülung rauschte, alibihalber. Er hatte ihn nicht pinkeln gehört. Chase kam heraus, hinkte an ihm vorbei und wusch sich die Hände. Sein Gang erinnerte House an seinen eigenen. Der Atem war zu schnell für eine Lüge, und so schwieg er.

„Möchten Sie gehen?"

Seine Lippen pressten sich aufeinander, während er geräuschvoll durch die Nase atmete.

„Ich würde es verstehen", versicherte House. „Sie wählen den falschen Weg. Warum quälen Sie sich so? Erst die Anmache im Lift, dann der – zugegeben – beste Liebesakt, den ich je hatte, und nun dieser Film, den wir kurz nach Ihrer Vergewaltigung angeschaut haben. Das muss doch nicht sein."

Aufgrund House' schonungsloser Wortwahl in Bezug auf das Schreckliche zuckte er zusammen.

„Ich kann mich nicht an den Film erinnern", würgte er hervor.

„Geben Sie es auf, mir den toughen Supermann vorspielen zu wollen. Ich weiß, wie es in Ihnen aussieht."

Verzweifelt sah Chase zu ihm auf. „Wird sich das je ändern? Was kann ich denn tun?"

„Gar nichts. Es geht immer um das Eine. Im Film, in Büchern, sogar in der Realität. Werden Sie Mönch, wenn Sie sich ihr nicht stellen können. Ich würde einen guten Arzt verlieren, aber darauf sollten Sie keine Rücksicht nehmen. Und suchen Sie sich ein Kloster, in dem man Ihre Reize zu ignorieren versteht."

Bittere Ironie, dass Chase unfreiwillig ein Priesterseminar abgebrochen hatte. Schon der wenig selbstbewusste Teenager hatte erfahren, welche Wirkung er auf andere hatte und sich ihr auf diese Weise zu entziehen versucht. Von der von Sex dominierten Welt in die vermeintliche Entsagung eines Klosters. Und nicht einmal dort war er sicher gewesen, hatte er mit seinem unschuldigen, engelsgleichen Aussehen die Nonnen und Gebetsbrüder angespitzt. Wen wunderte es, dass er verstört war?

Ohne ein weiteres Wort kehrte er zum Saal zurück. Er war hart im Nehmen. Oder er erinnerte sich tatsächlich nicht mehr an jene Nacht. Immerhin war er unter starken Medikamenten gewesen, als House die Erstuntersuchung vorgenommen hatte.

Er folgte ihm kopfschüttelnd.

Dass er es nicht bis zum Ende schaffen würde, war House klar gewesen. Rhett Butlers gewaltsame Einforderung seiner Eherechte gab ihm den Rest. Den Eimer mit dem Popcorn stieß er von sich und verschüttete die Coke. Empörte Zuschauer zischelten und baten sich Ruhe aus, als Chase zu winseln begann, ehe er sich übergab. House schnellte hoch. Im Saal entstand Tumult, die Leute neben ihnen erhoben sich angewidert.

Und House stellte eine groteske Ähnlichkeit zwischen Clark Gable und Frank Mahoney fest. Massig, breitschultrig, unerbittlich und unüberwindbar bezwang er die zarte Vivien Leigh, mit der Chase sich wahrscheinlich gerade identifizierte. Subtil wie in den 1930er üblich, darum jedoch nicht weniger furchterregend. Vielleicht sogar mehr als es eine offenkundige Szene getan hätte.

Beruhigende Laute von sich gebend zog er ihn hoch. Er war schwach auf den Beinen und ermattet von der Übelkeit. Wenn er bloß nicht ohnmächtig wurde. Dagegen sprach allerdings, dass er sich auf einmal bedrohlich verspannte.

Kein Anfall, bitte nicht hier!

„Ganz ruhig. Lassen Sie locker. Ich bin hier, es passiert nichts", flüsterte er an seinem Ohr. Das Ganze war ein Fehler. Eigentlich hätte er es wissen müssen. Dank Wilson kannte er den Film in- und auswendig, auch die brutalen Momente. Die vor allem, denn die hatten ihm beim ersten Anschauen bei Stange gehalten.

„Wir gehen, okay? Ich halte Sie nur, es ist alles in Ordnung."

Er reichte Chase seinen Gehstock, den er so fest ergriff, dass die Knöchel weiß hervortraten. Ununterbrochen wimmerte er dabei an House' Jackett, der ihn humpelnd und von mitleidigen oder entrüsteten Rufen geleitet aus dem dunklen Vorführsaal in die Helligkeit und Geschäftigkeit des Foyers führte, wo er ein wenig ernüchterte.

Spitznasig und blass lehnte er an House. Einen Augenblick lang drückte der ihn sanft an sich. Chase schlang die Arme um ihn und barg das Gesicht schniefend an seiner Schulter. Er konnte kaum aufrecht stehen, obwohl er immer noch hart wie Stein war. House erwiderte die Umarmung und schaukelte ihn behutsam, wodurch Chase allmählich gelöster wurde.

„Es tut mir leid. Wir hätten uns die Vorführung nicht ansehen dürfen."

„Nicht ... Ihre Schuld", murmelte er.

Mit den Lippen streifte er über das blonde Haar, darauf wartend, dass die Muskelkontraktionen vollends verebbten. Es brauchte lange, bevor er soweit war, und House machte sich Vorwürfe.

oOo

Sie gingen nach draußen. Das Tageslicht blendete Chase, und er beschirmte die zusammengekniffenen Augen mit der Hand. Bis zur Oper waren es noch knapp vier Stunden.

„Der Park?" fragte House. „Nur wenn Sie wirklich möchten. Es gibt dort viele Leute und Seen wie in Princeton. Wie unseren Ententeich. Und wenn Sie es einem unverbesserlichen Fan gestatten, werden wir uns die Strawberry Fields anschauen. Und dann, wenn wir besonderes Glück haben, läuft uns Yoko Ono über den Weg und gießt die Gedenkplatte ihres Mannes. Sie wohnt immer noch im Dakota. John Lennon wurde vor dem Eingang des Hotels erschossen. Aber das wissen Sie schon alles, oder?"

Er nickte dankbar, wenngleich er kein Anhänger der Beatles war und ihm Yoko Onos Aufenthaltsort ziemlich schnurz. Doch Grünanlagen waren ihm mehr als recht; er mochte Parks, weil sie ihm ein Gefühl der Heimat gaben. In seiner Erinnerung war Australien immer grün und ruhig und idyllisch gewesen. Und House sang für ihn, weil er wusste, dass Chase ihm gerne zuhörte und ihn seine Singstimme entspannte. Immer wieder zauberte er die passende musikalische Untermalung aus dem Hut, diesmal die Rolling Stones mit Miss You.

Seine Laune besserte sich, als er dem sensationell gequetschten, heiseren Organ lauschte, mit dem sein Boss so treffend Mick Jagger imitierte. Er besaß eine unglaubliche musikalische Bandbreite und erstaunliches Talent, andere nachzuahmen. Wozu auch eine gute Beobachtungsgabe gehörte. Und da House die im Übermaß hatte, verwunderte ihn der Rest nicht mehr allzu sehr.

Er brachte ihn zum Lachen mit seinen Show-Einlagen, die er mit dem Gehstock unterstrich und ihn elegant in seine Bewegungen mit einbaute wie Mick Jagger auf der Bühne seinen Mikrofonständer. Mit seinem Talent für Komik, das er im Berufsleben selten offenbarte, sich aber hin und wieder Bahn brach und Cameron und gelegentlich auch Foreman brüskierte.

Mick Jagger hätte ihn nicht werbender umtänzeln können als House es tat, vor- und rückwärts tretend und scheinbar völlig mühelos. Erst als Chase strauchelte, da er es nicht gewohnt war, alleine zu gehen, stoppte er die Improvisation und nahm wieder seinen Arm.

Blätter wirbelten von den Bäumen und die Herbstsonne spiegelte sich auf dem See, der schlicht und ergreifend „The Lake" hieß. Endlich bekam er wieder Luft, das Gefühl, frei atmen zu können. Vereinzelt fuhren Boote vorbei, und Kinder, die House und Chase am Ufer erspähten, winkten ihnen zu. Auf einmal fühlte er sich glücklich. Aus heiterem Himmel bedankte er sich bei House.

„Wofür?" House schien ehrlich verdutzt.

„Für Ihre Mühe mit mir. Für alles."

Misstrauisch beäugte ihn House. „Ist das ein Abschied?"

„Nein", beeilte er sich zu sagen. „Ich wollte es Sie nur wissen lassen. Ich habe immer das Gefühl, dass ich es nie richtig sagen kann. Was es mir bedeutet, bei Ihnen zu sein."

Sie schlenderten zu einer Parkbank, auf der sich Chase ächzend niederließ. House setzte sich zu ihm und klatschte lautlos und irgendwie verlegen die Hände aneinander. Über ihnen in den Baumkronen veranstalteten Vögel, die sich für den Aufbruch nach Süden formierten, einen Heidenlärm.

„Mein Vater ist gestorben", eröffnete House ihm ohne Vorwarnung mit kühl klingender Stimme. Chase schluckte. Seine Finger umkrampften die Kante der Bank. Das nächtliche Telefongespräch! Er hatte geahnt, dass es keine Lappalie gewesen war. „Vor drei Tagen."

Mehr sagte er nicht. Chase wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er wusste, dass das Verhältnis zum Stiefvater gespannt gewesen war, ähnlich dem zu seinem eigenen Vater. Und trotzdem fiel ihm nichts ein, was er sagen konnte. Ob House überhaupt Trost oder irgendetwas von ihm erwartete. Er rutschte ein Stück näher zu ihm, berührte mit der Schulter die des Älteren, um ihm zu verstehen zu geben, dass er mit ihm fühlte.

„Kommen Sie mit zur Beerdigung? Sie wird nächste Woche in San Diego mit allen Ehren und dem ganzen Militärpomp stattfinden. Ich würde mich freuen, wenn Sie dabei wären."

„Ja. Natürlich."

„Guter Junge", sagte er geistesabwesend und zog ihn eng und fröstelnd an seine Seite, während sein Blick auf den See gerichtet blieb. Chase' Kopf sank gegen House, vertrauensvoll, mitfühlend. Er wusste jetzt, weshalb House diesen Trip mit ihm unternahm. Er wollte an ihm gutmachen, was der Vater vernachlässigt hatte. Ihm eine Zeit schenken, in der ganz allein er der Mittelpunkt war. Der kleine Gregory, in dessen Rolle er schlüpfte.

„Sind Sie-... wird er Ihnen fehlen?"

Ohne ihn anzusehen, kraulte House bedächtig sein Haar, und er spürte eine leichte Gänsehaut unter seinen Schal und den Mantel kriechen.

Eine Reiterin trabte auf einem abschnaubenden, rotbraunen Pferd vorbei, das sich harmonisch in die farbenfrohe Landschaft einfügte wie ein Puzzleteil. Die Frau im Sattel war völlig im Einklang mit ihrem Tier. Der Anblick war gigantisch und so friedlich in Verbindung mit House' Berührung, dass er wohlig zusammenschauderte.

„Mein Vater? Nein. Habe ich Ihnen je von ihm erzählt? Er war ein Despot."

„Aber er beschäftigt Sie", sagte Chase. „Oder? Deswegen sind wir doch hier."

Die Finger in seinem Nacken hörten mit dem zarten Streicheln auf. Sein Chef sah zu Boden und dann wieder auf den See hinaus, doch er lächelte nicht. Er wirkte traurig, melancholisch und plötzlich unnahbar.

„Sie sind clever. Ich unterschätze Sie immer noch, dabei müsste ich es inzwischen besser wissen. Ja, er beschäftigt mich. Weil mein Vater ein Narr war, weil er mich hart haben wollte und mich nie gefragt hat, was ich mir wünsche. Was mir gut tut oder was mir gefällt. Ich habe viel versäumt mit Daddy. Er war nicht mein richtiger, aber der einzige, den ich hatte und der mir ein Vorbild hätte sein können."

Abrupt stand er auf, den Stock in der Armbeuge streckte er Chase beide Hände entgegen. „Genug Trübsal geblasen. Wir wollen doch nicht zu spät kommen, oder?"

Nach kurzem Zögern ergriff Chase seine Hände und ließ sich auf die Füße ziehen. Vielleicht ärgerte es House, doch er fühlte sich danach, ihn noch einmal zu umhalsen. House ließ es geschehen, fuhr ihm mit der Hand über den Kopf. Er seufzte ein wenig und bebte in Chase' Umarmung. Jedes Wort wäre zuviel gewesen.

Yoko Ono ließ sich nicht blicken. In Chase' Vorstellung musste sie uralt sein, und es hatte ihn überrascht zu erfahren, dass sie überhaupt noch lebte. Wie eigenartig, in einem Hotel zu wohnen, und das schon solange! Vermutlich hätte sie in House einen verständnisvollen Gesprächspartner gefunden. Der hatte was übrig für schrullige Käuze. Allerdings meinte er gehört zu haben, dass Beatles-Fans nicht gerade gut auf die Witwe zu sprechen waren.

Das Denkmal mit der Imagine-Inschrift rührte ihn. Er konnte nicht sagen, warum, aber es hatte etwas Bejahendes, sich das Mosaik mit der Aufforderung „Stell dir vor" anzuschauen. Fast etwas Heiliges. Etwas, das jeden anging. Losgelöst von John Lennon und seinem tragischen Tod.

Stell dir vor, sie hätten es nicht getan.

Hinter ihm erzählte House, dass sich an Lennons Todestag Dutzende von Fans hier versammelten. Eine Huldigungsstätte. Dafür brachte er kein Verständnis auf, und House erst recht nicht.

Trotzdem gefiel ihm der Abstecher zum Strawberry Field Memorial. Anders als der Kinobesuch. Außerdem wünschte er sich, er hätte sich genauer über das Opernstück informiert. Genauer gesagt, wenigstens ein bisschen. Er hatte keine Ahnung, um was es im „Rigoletto" ging. Und da House bereits im Kino angedeutet hatte, dass es sich im Leben und in der Kunst nur um eines drehte, konnte er sich auf eine unangenehme Überraschung gefasst machen. Jeder Künstler in jeder Epoche und jeder Sparte fand seine Inspiration in Liebe, Sex, Intrigen und Todschlag. Er brauchte etwas, das nichts mit alledem zu tun hatte. Zerstreuung. Aber er würde immer damit konfrontiert werden. Tröstliche Aussichten waren das nicht. Falls es bei Rigoletto noch wüster zuging als bei Vom Winde Verweht, würde er sich dort mit einem Aussetzer noch mehr blamieren als im Filmsaal. House würde es verstehen, wenn er ihm von seinen Befürchtungen berichtete und einen Rückzieher machte, doch vor sich selbst kam ihm das feige vor. Er würde es durchstehen, schließlich war es sein Wunsch gewesen.

oOo

Am Eingang der Met standen die Leute bereits Schlange. In seinen Jeans fühlte sich Chase nun doch etwas unbehaglich. Doch da House auch Jeans trug, und die mit selbstbewusster Fassung, beschloss er, die verächtlichen Blicke der Damen in Pelzmäntel und der befrackten Herren zu ignorieren.

Als sie an der Reihe waren, erklärte House, dass er zwei Karten reserviert hatte und bekam sie ausgehändigt. Merkwürdigerweise erkundigte er sich nach der Matineevorstellung am nächsten Tag und bedankte sich ausnehmend herzlich für die Auskunft, bevor er zwei weitere Karten kaufte. Was sollte das?

„Wir gehen noch einen trinken", ließ er Chase wissen. „Hätten Sie Lust?"

„Aber-..." Verwirrt schaute er auf das Billett. In einer Viertelstunde fing das Stück an. „Wir werden es nicht mehr schaffen bis zur Ouvertüre."

Energisch zog ihn House von der Oper weg zu einer eher unscheinbaren Kneipe, wo er zwei Bier bestellte und Chase auf den Barhocker am Tresen half. „Wir steigern uns langsam", flüsterte er ihm zu. „Von Bier über Likör zu den harten Sachen."

„Wollen Sie randalieren, später in der Oper, um mich zu erniedrigen? Ich verstehe nicht ... wir verpassen doch alles ..."

House nahm einen Schluck Bier. „Was wissen Sie über Verdi und Rigoletto?"

Er zuckte die Achseln. „Nichts. Ich dachte, ich lasse mich überraschen. Ich kenne ein paar Arien von Verdi, die sind nicht schlecht."

„Nun, seine Opern sind es. Die Handlung ist billig, niveaulos und vorhersehbar. Und Rigoletto außerdem schrecklich deprimierend mit ausschweifenden Herzögen, boshaften Zwergen und liebeskranken Töchtern. Geben Sie mir Ihre Karte."

Völlig perplex überreichte er sie seinem Chef. Der sah Chase einen Moment prüfend an, ehe er die Karte zusammen mit der zweiten in Schnipsel riss und unter einem Bierfilz verschwinden ließ. Chase war wie vom Donner gerührt. Die teuren Logenplätze! Was war nur in ihn gefahren?

„Was-...?" Er klang weinerlich und verabscheute sich dafür.

Aber er hatte sich so sehr darauf gefreut. War seine Vermutung doch falsch gewesen? Hatte House den ganzen Budenzauber organisiert, um ihn umso mehr zu desillusionieren? Aber falls dem so war, welchen Grund gab es dafür? Hatte er sich irgendwann falsch verhalten? Einen Fehler gemacht, der nun bestraft wurde? Der Blackout im Lichtspielhaus war keine Absicht gewesen, und er hatte nicht damit gerechnet, andererseits hätte er sich dem gewiss nicht ausgeliefert. Er hatte stark sein wollen und versagt. Das war das ganze Geheimnis.

House' etwas rauhe Stimme, die sich trotzdem so sensibel anhörte, lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Begleiter. „Sie wollten nur mit mir in die Oper, stimmt's? Das Stück ist eigentlich nebensächlich, wenn ich Sie richtig verstanden habe. Also verlängern wir einen Tag und sehen uns das hier an."

Er gab Chase die Karte für die morgige Vorstellung. Humperdincks „Hänsel und Gretel". Leicht hysterisch lachend hielt er sich die Hand vor den Mund. Er sollte Entrüstung mimen, war jedoch insgeheim erleichtert. „Das ist eine Kinderoper", wagte er dennoch anzumerken.

„Nichtsdestotrotz eine Oper. Eine sehr nette für große und kleine Kinder." Mit einem seelenvollen Blick prostete er Chase zu. „Tun Sie nicht so erwachsen. Sie müssen nicht Daddys großer Junge sein. Ich habe Sie lieber so, wie Sie sind."

Grinsend stieß Chase mit ihm an. Der Abend versprach schön zu werden.