Kapitel 2

I feel so astray inside, as I know you're far away

In der Zitadelle der Zeit wurde es langsam hell. Epona hatte draußen auf dem Vorplatz einen Flecken Gras gefunden, an dem sie sich gütlich tat. Link war irgendwann von Müdigkeit übermannt worden. Zu schwach, um zu widerstehen, war er eingeschlafen, den Kopf auf seinem Arm neben den Leichnam der Prinzessin gebettet.

Irgendwann war ein Traum gekommen, in dem alles gut war. In dem sie nicht tot war, und sie lag neben ihm in der Blätterlaube im königlichen Garten, wo eine Bank stand, gepolstert mit Kissen. Es war Zeldas liebster Ort in den Gärten, und schon als Kind hatte sie jedem verboten, ohne Erlaubnis dorthin zu gehen. Link allerdings hatte sie es erlaubt.

Und so lagen sie dort beieinander, ihr goldenes Haar floss über die weißen Kissen und ihre Augen waren voller Glück und Freude. Er spielte mit einer ihrer Locken, küsste ihr Haar sanft und hatte allen Kummer vergessen. Sie war hier, sie lebte; in diesem Moment war alles perfekt.

Aber als sie den Mund öffnete, um etwas zu sagen, und ihre Augen ein Schleier vom Kummer bedeckte, legte er ihr sanft die Finger auf den Mund. „Sprich nicht", sagte er. „Lass mir diesem Moment. Ich will nicht erinnert werden."

Sie lächelte scheu, ohne ein Wort zu sagen, und konnte ihm nicht widerstehen. Mit einem Kuss auf ihre weiße Stirn legte er sich zu ihr, und sie barg ihn im Schoß.

In der Stille danach konnte Zelda ihren Kummer dennoch nicht mehr verbergen, und sie richtete sich auf. Ihre Haare fielen von seinem Körper, sodass er sie ansah und eine Haarlocke durch seine Finger gleiten ließ; wie Wasser.

Sie lächelte wehmütig ob seiner Zuneigung, wusste sie doch, dass sie ihn verletzen würde.

„Ich muss gehen, Link", sagte sie. „Möglicherweise für immer."

Link setzte sich nun doch auf. „Was meinst du? Warum solltest du jetzt... gehen wollen? Wohin?"

„Ich muss." Zelda ertrug nicht, seinem besorgten, traurigen Blick zu begegnen. „Ich weiß nicht, wohin." Ihre feinen Finger hatte sie in das weiße Tuch der Kissen gekrallt, und ohne, dass sie es selbst bemerkte, tropfte ihr eine Träne auf die Knöchel. Link berührte sie an der Schulter, aber sie zuckte weg und wollte keinen Trost und er zog die Hand zurück.

„Kann ich etwas tun?", fragte er leise. „Ich würde; alles. Das weißt du."

Sie nickte nur, brachte keinen Ton heraus. Die Trauer schnürte ihre Kehle zu, das atmen fiel ihr schwer. Auf einmal kam alle Traurigkeit, die die Verzweiflung bisher unterdrückt hatte. „Ich weiß nicht–", brachte sie schließlich hervor, „Ich weiß nicht, was passieren wird. Ich habe solche Angst."

„Prinzessin." Link nahm ihre Hand, die noch immer um das Laken gekrallt war, die Knöchel weiß wie Schnee. „Solange ich da bin, werde ich auf dich achten. Einen anderen Sinn gibt es für mich nicht."

Zelda sah ihn an, und er versuchte sich an einem Lächeln, um ihr Mut zu machen. „Wirst du mich suchen?", flüsterte sie. „Auch, wenn ich verloren bin in den düstersten Abgründen dieser Welt – der Welt der Mahre?"

Link spürte sein Herz eine Moment aussetzen. Aber er verlor nicht den Mut. „Ich verspreche es", sagte Link und hauchte einen Kuss auf ihre Handknöchel. „Wo auch immer du bist, ich werde dich finden. Ich werde Wüsten und Ozeane durchqueren, den Himmel und die untersten Schichte der Erde, Wirklichkeit und Traum, um wieder bei dir zu sein."

Zelda lächelte.

Damit wachte er auf und fand sich in der Zitadelle wieder. Die Kerzen waren heruntergebrannt, durch die Glasfenster schimmerte die Sonne und warf bunte, schwache Lichtflecken in die Zitadelle.

Aber er hatte verstanden, was er tun musste.

Er rieb sich die Augen und sah dann auf den Leichnam vor ihm hinab. Er berührte die kalte Haut; Zeldas Körper war noch steif, die Totenstarre löste sich noch nicht. Es kam Link ewig vor, dass er sie niedergesunken auf der Ebene gesehen hatte, aber länger als einen Tag war es noch nicht her.

Er betrachtete sie einen Moment lang. Sie sah kühl und edel und weise aus, wie immer. Der Tod wusste ihre Schönheit nicht zu mildern. Dennoch erinnerte nichts an ihre Lebendigkeit seines Traumes.

Link musste schlucken. „Entschuldigt, Hoheit", sagte er leise, als er vorsichtig die Hand ausstreckte, um den linken Ohrring zu lösen, den Zelda trug. Er drückte einen kleinen Kuss darauf und verstaute ihn dann sicher in einer seiner Gürteltaschen.

Mit einem Seufzen zwang er sich zum Aufbruch, wandte sich um, reckte die steifen Glieder und pfiff Epona zu sich, die aus dem Schatten treu zu ihm trottete. Er fasste sie am Halfter und führte sie in den Vorraum, wo seine Ausrüstung noch unangetastet lag. Er legte sie an, stieß dann die schweren Eichenportale der Zitadelle mit der Schulter auf und blinzelte draußen im strahlenden Sonnenschein.

Und da erinnerte er sich erst daran, dass er trotz allem siegreich gewesen war – dass die Welt jetzt besser sein würde als zuvor, trotz Zeldas Tod. Die Bewohner Hyrules konnten wieder reine Luft atmen und ihre Häuser ohne Angst verlassen. Das Licht erschien ihm heller, die Farben strahlender und obwohl es schon Herbst war, schien sich die ganze Welt zusammenzunehmen um einen letzten Sommertag hervorzubringen, um zu feiern, dass die Jahre der Tyrannei vorbei waren.

Für einen kurzen Moment verspürte Link so etwas wie Erleichterung, und auch Stolz. Es war ein langer, steiniger Weg bis hierher gewesen.

Aber er wünschte, er könnte mit Zelda an seiner Seite von nun an den Weg beschreiten, der nun kommen würde.

Er zwang sich, die dunklen Gedanken abzuwerfen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das war seine neue Aufgabe. Er musste herausbekommen, wie er es Zelda ermöglichen konnte, aus dem Reich der Mahre zu entkommen. War das überhaupt möglich? War das nicht der Sinn in einem Ort der Verdammnis, dass man nie wieder daraus entkam?
Aber Zelda hätte ihn nicht im Traum aufgesucht, gäbe es nicht eine Chance. Womöglich hatten die Göttinnen doch seine Gebete erhört. Es musste einen Weg geben.

Er saß auf Epona auf, drückte ihr die Fersen in die Flanken und trieb sie zur Eile an, um in die Stadt zu kommen.

Beim Reiten merkte er, und er hätte es niemals zugegeben, soetwas wie Erleichterung. Die Trauer um den Tod der Prinzessin blieb, aber der kühle Wind belebte seinen Geist und irgendwo in seinem tiefsten Inneren hatte er Angst vor Stagnation gehabt, sobald seine Aufgabe erfüllt gewesen wäre. Was passierte schon mit einem Helden, der seine Aufgabe erledigt hatte?

Aber nun hatte er ein weiteres Ziel, und der Gedanke daran hob seine Laune und machte ihn optimistisch. Er hatte schon genug überlebt, um zu wissen, dass er auch diese Aufgabe schaffen konnte.

Am Tor zur Stadt standen zwei Wachen, in eine heftige Diskussion vertieft, die aber zusammenfuhren und dann stramm standen, als sie Link auf Epona herantraben sahen.

„Herr!", kam es mit zackigem Salut.

Link zog an Eponas Zügel und bremste sie etwas ab. „Sorgt dafür, dass die Zitadelle abgeriegelt wird und niemand sie ohne meine Erlaubnis betritt! Das gilt auch für euch."

Dieses mal war der Salut etwas unsicherer. „Herr, verzeiht, wenn ich spreche", sagte eine der beiden Wachen und klappte den Gesichtsschutz des Helmes auf. „Herr, sind die Gerüchte wahr?"

Link zuckte leicht zusammen. Hatte sich das Fehlen der Prinzessin etwa so schnell schon herumgesprochen? Es würde ein Chaos geben – die Herrscherin tot und ohne Nachkommen. Hatte sie ein Testament hinterlegt? Link dämmerte, dass er, bevor er sich auf den Weg seines neuen Abenteuers machte, ein paar Sachen klären musste.

„Welche Gerüchte?", fragte er schließlich taub.

„Dass Ihr den Großmeister bezwungen habt, Herr! Dass dieser Albtraum endlich vorbei ist, Herr! Die Monster aus der Stadt sind verschwunden und der Todesberg scheint sich erholt zu haben, da dachten wir..."

Link sah zu den beiden Männern hinab, die ihre Speere umklammert hielten, als müssten sie sich daran festhalten. Dann wandte er den Blick gen Osten zum Todesberg, und die dunklen Wolken waren tatsächlich verschwunden.

„Es ist wahr", sagte er schließlich leise. „Der Albtraum ist vorbei." Und weil die Wachen sofort anfingen zu jubeln, sahen sie einen Blick zurück zur Zitadelle nicht.

Link erinnerte die Männer an seine Befehle, ehe er Epona wieder zur Eile antrieb und sie in Richtung des Schlosses leitete.

Schloss Hyrule erhob sich majestätisch, weiß und golden über die Stadt und das gesamte Land. Die höchsten Türme sah man selbst in den Wüsten des Westens und den Wäldern des Ostens noch. Es war ein prächtiges Schloss, schon einige Jahrhunderte alt und doch extrem gut erhalten. Es ging das Gerücht um, dass die Göttinnen selbst es erbaut hatten als Wohnsitz für sich selbst. Was natürlich Unsinn war – Link kannte die Schöpfungsgeschichte des Landes gut und er wusste, dass die Göttinnen nur aus dem Heiligen Reich herabgestiegen waren, um Hyrule in all seiner Pracht zu erschaffen und dann wieder zu verschwinden, nichts hinterlassend als das Triforce, der einzige Weg, ins Heilige Reich zu gelangen.

Die Wachen stoben auseinander, als Link mit Epona durch ihre Mitte preschte und erst vor dem großen Hauptportal absprang, eine Wache anwies, sie solle das Pferd für seine Abreise bereit halten und dann ins Schloss stürmte, ohne sich die Tore öffnen zu lassen. Egal, wer ihn ansprach, er ignorierte es, bis er in einem der Osttürme vor einem Gemach ankam. Er rief sich zu Ruhe und Ordnung, erinnerte sich daran, wem er gegenüber stehen würde, strich sich über Stirn und Haare und klopfte dann.

Eine Weile geschah nichts, dann wurde er hereingerufen, öffnete die Türe und betrat das Zimmer.

Das Zimmer war weniger prunkvoll als man es von Gemächern im Schloss erwarten sollte. Waffen hingen an den blanken Steinwänden. An einem Schreibtisch am Fenster saß eine Frau, das lange, weiße Haar in einem komplizierten, mehrsträngigen Zopf geflochten. Sie trug leichte Rüstung und mehrere Waffen – Link zählte sichtbar drei und wusste, sie hatte viele an sich, die er nicht mit bloßem Auge sah.

Er verbeugte sich kurz, aber tief. Er hatte großen Respekt vor Impa, Zeldas Leibgarde und Amme.

Sie lächelte ihn freundlich an, was ein paar Fältchen um ihre Lippen sichtbar machte; das einzige Anzeichen ihres Alters. „Ich grüße dich, junger Held. Es geht das Gerücht um, dass deine Reise eine erfolgreiche war."

Link richtete sich auf und sah Impa ernst an. „Wie man es nimmt", sagte er und machte eine kurze Pause, in der er den Blick abwandte um den Mut finden, zu sagen, was er sagen musste. „Die Prinzessin ist tot."

Impa sah ihn an und sagte nichts. Schließlich legte sie das Schreibzeug, das sie gehalten hatte, beiseite, stand auf und ging an das Fenster, lehnte sich auf die Fensterbank und sah hinab auf das fruchtbare, wundervolle Land, das vor ihr lag.

„Das sind schlimme Nachrichten", sagte sie schließlich. Link konnte nur nicken. „Wir müssen das öffentlich machen", fügte sie nach einer weiteren Pause hinzu. „Wo ist der Leichnam der Prinzessin?"

„In der Zitadelle aufgebahrt", sagte Link. „Aber bitte halte ihren Tod vorerst geheim."

Impa zog die dünnen, weißen Augenbrauen hoch und wies Link mit einer Handbewegung an, weiterzusprechen. Er fing an, nervös hin und her zu gehen. „Sie ist mir im Traum erschienen. Sie hat mich gebeten, sie zu suchen und ich habe ihr mein Wort geben. Ich muss nur—"

Impa hob die Hand und stoppte den Redefluss, der aus Link herauszubrechen drohte. „Wer gestorben ist und wer nicht von einer Fee gerettet wird, kann nicht zurückkommen", sagte sie streng.

Link sah sie verzweifelt an. „Das weiß ich", sagte er. „Aber sie hat selbst gesagt..."

„Du hast geträumt, Link", seufzte Impa. „Ich kann verstehen, dass du ihren Tod nicht akzeptieren willst, aber ich befürchte, etwas anderes bleibt dir nicht übrig."

Link sah sie an und spürte Wut in sich aufkommen. Dass ausgerechnet Impa, die er immer für ihren Mut und ihre kämpferischen Fähigkeiten bewundert hatte, einfach so aufgeben wollte, störte ihn enorm.

„Es war ein Traum, ja, aber sie war da, mit ihren eigenen Gedanken. Ich habe mir... ich habe ihre Reaktion nicht geträumt, ich habe mir das nicht ausgedacht, sie war da..." Er sah auf seine Hände, mit denen er die ihren gehalten hatte, er erinnerte sich an den Duft ihrer Haut und ihres Haars, es war so real gewesen... „Ich würde mir nicht ausdenken, dass jemand wie sie das Reich der Mahre erdulden muss!", sagte er schließlich und sah Impa wieder an. „Jemand wie sie käme ins Heilige Reich, nirgendwo sonst, Impa, es war wirklich, ich schwöre es bei ihrem Namen."

Sie starrten sich eine Weile an und Impa merkte, dass es Link ernst war. Sie seufzte schließlich. „Das Reich der Mahre also", sagte sie und legte die Stirn in tiefe Furchen. Sie sah kurz in die Luft und überlegte, ehe sie zu einem kleinen Bücherregal ging und ein bestimmtes Buch heraussuchte. Auf den ledernen Buchdeckel war ein Symbol geprägt, das Link wohlbekannt war: Das weinende Auge mit den drei Dreiecken darüber. Die Sprache, in die der Titel geschrieben war, kannte er nicht.

Impa schien zu wissen, was sie suchte, denn sie blätterte sehr energisch in dem alten, vergilbten Buch herum, das allem Anschein nach noch handgeschrieben und nicht gedruckt war, wie es eigentlich üblich war.

„Hier", sagte sie schließlich und hielt an einer Stelle inne. „Das Reich der Mahre oder auch das Verdammte Land", zitierte sie die alte Schrift, „ist ein spiritueller Ort, der von lebendigen Lebewesen nicht aufgesucht werden kann." Mit dem Finger auf den Zeilen suchte sie eine weitere wichtige Stelle. „Die dort gefangene Seele erleidet die für sie schlimmsten Erlebnisse, geschehene wie fiktive, immer und immer wieder, das Gedächtnis wird hierbei aber nach jedem Szenario gelöscht, sodass es der Seele unmöglich ist, zu verstehen, wo sie gefangen ist..." Impa verstummte, las schweigend und runzelte dabei immer mehr die Stirn. Link beobachtete sie besorgt und fragte sich, ob er wissen wollte, was sie gerade erfuhr.

Schließlich klappte sie das Buch zu. „Du hast dir eine schwere Aufgabe ausgesucht, junger Held", sagte sie ernst. „Aber ich werde dir mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, helfen."

Link lächelte leicht. „Ich danke dir, Impa."

Sie winkte ab. „Ich rate dir, zu König Zora zu gehen und ihn um Rat zu bitten. Ihm solltest du auch anvertrauen, dass die Prinzessin tot ist. Er ist alt, älter als viele andere Lebewesen in Hyrule, er wird möglicherweise mehr wissen als ich."

Link nickte. Er hatte König Zora auf seinen Reisen getroffen und ihn als einen stolzen und sehr weisen Mann kennengelernt. Er würde ihm sicher wieder helfen. „Es ist auf jeden Fall ein erster Schritt", sagte er.

„Ich werde mich um die anfallenden Formalitäten kümmern und sehen, ob ich in der Königlichen Bibliothek mehr Quellen finde, die dir helfen könnten." Impa legte das Buch auf das Regal und kam zu Link hinüber. Sie überragte ihn, der er kein schmächtiger Mann war, um fast zwei Stirnen, als sie ihm die Hand auf die Schulter legte und anlächelte. Sie musste nichts sagen, Link wusste auch so, dass er immer auf sie zählen konnte. Ihre Berührung tat gut und erleichterte ihn.

Er erwiderte das Lächeln, verbeugte sich noch einmal vor ihr und machte sich auf den Weg zum Reich der Zora.

Immer dem Fluss nach, zuerst gen Osten, bis das Gebirge anfing, der Fluss sich im Stein verlor und für niemanden außer das Volk der Zora Zugang gewährte. Bis vor einer Weile hätte Link es niemals geschafft, selber die Quelle des Zoraflusses zu erreichen, und auch zum König hätte er bestenfalls einen Boten schicken können – die Zora waren ein stolzes Volk und obgleich sie sich als Diener der königlichen Familie sahen, hatten sie kein Interesse daran, mit jedem dahergelaufenen Hylianer zu reden, der einmal ihre kühle, glatte Schuppenhaut bewundern oder gar anfassen wollte. Durch ihre Apartheid und Distanz zu den anderen Völkern Hyrules hatten sie es vortrefflich geschafft, einen ganz eigenen Mythos um sich zu erschaffen. Dies betreffend waren sie sehr anders als die Goronen, die nicht unweit von ihnen in den Bergen über dem Zorafluss lebten und sehr gastfreundlich waren und auch mit den Menschen Handel betrieben.

Hätten die Zora nicht, als die Tyrannei auf ihnen wie ganz Hyrule wie ein Schatten lag, existenzbedrohende Probleme mit Wasserverunreinigung gehabt, die Link für sie hatte lösen können, wäre er sicher nicht willkommen gewesen.

So aber hatte er keine Ablehnung zu befürchten. Er folgte einem wenig bekannten, dünnen Gebirgspfad hinauf in die Berge. Es würde tiefste Nacht sein, bis er an der Höhle ankäme, die ihn zu einem unterirdischen See bringen würde, durch den er Zoras Reich erreichen konnte. Sein Lampenöl sparte er sich auf, das Mondlicht reichte vorerst und er ging nicht davon aus, mehr als ein paar Arachnos zu begegnen, die man getrost ignorieren konnte, griffen sie doch nur an, wenn man ihnen zu nahe kam.

Epona lief in schnellem Schritt. Sie kannte den Weg, und Link war zu sehr in Gedanken versunken, um selber darauf zu achten. In solchen Momenten kam ihm sein treues Hylianisches Schlachtross sehr zugute, und Epona war ein besonders intelligentes Tier.

Link schreckte aus seinen Gedanken heraus, als er ein steinernes Poltern hörte, zog an Eponas Halfter und hieß sie, stehen zu bleiben. Er lauschte, und das Geräusch ertönte erneut. Trocken und gewaltig klang es, wie wenn man große Steinplatten übereinanderschleifte. Ohne selbst einen Laut zu machen, ergriff Link seinen Bogen und legte einen Pfeil an die Sehne. Das Geräusch ertönte erneut, kam aber nicht näher, und Link entschied, dass wohl kaum jemand es auf ihn abgesehen hatte. Er behielt den Bogen trotzdem in den Händen. „Heda!", rief er.

„Was da?", kam es polternd aus der Dunkelheit zurück.

Link seufzte lautlos und entspannte sich wieder. Er kannte die Stimme. „Khor-Dar?", fragte er ins Nichts hinein. „Hier ist Link. Was tust du hier?"

„Ooh. Link?" Ein tiefes Poltern und Knirschen, wie wenn ein schwerer Stein über sandigen Boden rollt, ertönte und wenig später konnte Link in der Dunkelheit den Schatten eines massiven Goronen erkennen. Für das ungeübte Auge glich ein Gorone dem anderen, aber Link hatte genug Zeit mit ihnen verbracht, um die feinen Unterschiede zu erkennen.

„Was tust du hier?", fragte Khor-Dar, der jetzt direkt neben Link und Epona stand und trotzdem mit Link auf Augenhöhe war – selbst für einen Goronen war er auffallend groß und kräftig. Kein Wunder, dass er zu den Kämpfern des Stammes gehörte.

„Auf dem Weg zu König Zora", winkte Link ab und hoffte, der Gorone würde nicht nachhaken. „Und du?"

„Oh, seit gestern sind die Eruptionen im Todesberg abgebrochen, der Älteste hat einige von uns losgeschickt, um die Lage zu prüfen, und da bin ich auf diesen Fluss erkalteter Lava gestoßen und habe, ja, eine Pause gemacht." Der Gorone guckte so unschuldig, wie er konnte, aber Link hatte ihn durchschaut.

„Also hast du eine kleine Nachtmahlzeit eingelegt, hm?" Link versuchte sich an einem Lächeln, merkte am Zucken seiner Mundwinkel, dass er eine Grimasse zog und ließ es blieben.

„Wir haben seit Monaten nur noch im Berg gehaust, wo es wirklich nicht viel kulinarische Abwechslung gibt, und so ein Lavabrocken mit warmem, weichen Inneren ist wirklich eine Köstlichkeit!", verteidigte sich Khor-Dar und brachte Link doch zum Grinsen – was ihn selbst verwunderte, aber auch erleichterte. Sein Herz war so schwer.

„Soll ich dir ein wenig Gesellschaft leisten auf dem Weg bis zur Höhle?", fragte Khor-Dar. „Ich hab zwar kein Gesindel gesehen in letzter Zeit, aber zu zweit ist man weniger angreifbar als alleine, und dann auch noch du mit deinen zerbrechlichen Knochen und weichem Fleisch."

„Ich klinge köstlich, wenn du es so beschreibst." Link verzog den Mund, zuckte aber mit den Schultern und drückte seine Fersen in Eponas Seiten. Sie ging langsam wieder los. „Ich rechne nicht wirklich mit Überfällen. Ich kann mir vorstellen, dass alle Moblinbanden das Weite gesucht haben."

„So?" Khor-Dar beäugte Link von der Seite, als sie zusammen dem Pfad folgten. „Hast du damit etwas zu tun, vielleicht?"

Link sagte eine Weile nichts. Er war niemand, der sich selbst mit Lorbeeren schmückte, und für den Tod der Prinzessin fühlte er sich auch verantwortlich. „Hyrule wird jetzt wieder bessere Zeiten erleben, egal, was passiert", entschloss er sich zu antworten. „Belassen wir es dabei."

Kapitel 3

Let my love shine and be your guide

On your way towards the Portals of Light

Zelda erwachte.

Sie hatte Kopfschmerzen und fasste sich an die Stirn. Als sie die Dunkelheit ihres Traums davongeblinzelt hatte, erkannte sie, dass alles so war wie immer. Ihr Bett, umschlossen von schweren, dunklen Samtvorhängen, die kein Licht zu ihr ließen. In der Ferne Vogelgezwitscher. Der Geruch von Schlaf, und irgendwo dahinter, weit entfernt, Frühling.

Sie schlug die Daunendecke zurück und rutschte zur Kante des Bettes, schob den Vorhang etwas beiseite und schwang ihre zierlichen Füße aus dem Bett. Sie berührten nicht den Teppich, der den kalten Marmorfußboden bedeckte. Sie musste sich von der Kante rutschen lassen, um sich hinstellen zu können.

Auf einem Beistelltisch neben ihrem Bett stand eine Glocke, mit der sie ein Zimmermädchen herbeiläuten konnte, das ihr beim Anziehen half. Sie verzichtete darauf.

Sie warf sich einen Morgenmantel aus feinster Seide um und schlüpfte mit den nackten Füßen in feine Schuhe. Dann wollte sie die Türe zum Flur öffnen, aber eine mahnende Stimme hinter ihr hielt sie ab.

„Prinzessin, Ihr könnt nicht unbekleidet herumlaufen."

Zelda wandte den Kopf und sah ihre Amme, die von ihr unbemerkt am Fenster gelehnt hatte, unglücklich an. Impa machte nie Geräusche, es war unmöglich, ihre Gegenwart zu bemerken, wenn man nicht wusste, dass sie da war.

„Ich möchte zu Mutter", erklärte sie, als wäre es nicht offensichtlich.

„Das verstehe ich ja", sagte Impa. „Aber Ihr müsst Euch vorher anziehen. Denkt doch, was Euer Vater sagen würde, würde er sehen, dass Ihr so gekleidet Euer Zimmer verlasst."

Zelda senkte den Blick und ließ die Türklinke los. Impa hatte Recht.

Ihre Amme kam zu ihr und läutete die Glocke. Dann nahm sie das Mädchen, das ihr kaum bis zum Bauchnabel reichte, liebevoll in den Arm. Zelda klammerte sich an sie und genoss die Wärme und Geborgenheit, die die große Sheikah ausstrahlte. Sie trug Rüstung und war bewaffnet, da sie viel mehr als nur ihre Amme war, aber trotzdem spürte sie Impas Zuneigung. Von ihrem Vater hatte sie nichts dergleichen zu erwarten, und ihre Mutter war zu krank, um sich noch um sie zu kümmern.

Mit hoch erhobenem Kopf ertrug Zelda die quälend lange Prozedur, eingekleidet zu werden. Ein frisches Unterkleid aus weißer Seide, darüber ein langes, weißes Kleid, ebenfalls aus Seide, an den Säumen bestickt. Darüber der rosenfarbene Überwurf mit dem königlichen Wappen. Ihre Haare wurden gekämmt und geflochten und auf ihrem Kopf zusammengesteckt, dann bekam sie eine Haube aufgesetzt, die jede noch so kleine Strähne verbarg. Zelda hatte nie eingesehen, warum es nötig sein sollte, dass sie ihre Haare verbarg, aber der König befahl es.

Als sie fertig angekleidet war, sah sie Impa hoffnungsvoll an, die nickte. Zelda stürmte schon fast aus ihren Gemächern, gefolgt von ihrer Amme, hinauf, hinauf, die Wendeltreppen hoch in den Westflügel zur Kemenate der Königin.

Wie immer waren die schweren Eichenholztüren verschlossen. Wie immer hielten zwei Soldaten Wache. Wie immer ließen sie Zelda nicht ein, solange Impa es nicht befahl. Was nutzte es, Prinzessin und Thronfolger zu sein, wenn man nicht mal die eigene Mutter besuchen konnte, ohne von oben herab behandelt zu werden?

Zelda schluckte ihre Wut herunter, als die schweren Türen ihr geöffnet wurden, und spürte, dass Trauer ihr stattdessen die Kehle zuschnürte.

Das wunderschön eingerichtete und schon lange nicht mehr belebte Zimmer war dunkel. Die Fenster waren mit schweren Vorhängen verdeckt. Ein Feuer knisterte im Kamin, es war heiß. Kaum hörbar verschwanden Gestalten vom großen Himmelbett weg tiefer in die Schatten. Zelda wusste um die Sheikah, die über ihre Mutter wachten, weil sie selbst Impa hatte. Ihre Existenz war bei den Menschen außerhalb des Schlosses allerdings nur eine Legende.

Anders als die Krankheit, die die Königin zerfraß.

„Mutter." Zelda strich die Vorhänge vom Bett zurück und brauchte einen Moment, um den Anblick ihrer Mutter zu verkraften. Von Tag zu Tag sah sie ausgezehrter und kränker aus. Jeden Tag kam sie dem Tod einen Schritt näher, mit jedem Atemzug entglitt ihr das Leben. Und kein Gelehrter, kein Heiler, niemand wusste, was ihr fehlte.

Es ist das Blut, munkelte man. Jede Frau der königlichen Familie ist unter furchtbaren Bedingungen gestorben. Es ist im Blut. Ach, hätte der König nur einen Sohn bekommen!

Zelda missachtete alle Gebote und hob sich auf die Bettkante, kroch vorsichtig näher an ihre Mutter heran.

„Prinzessin", mahnte Impa, hatte schon ihre Hände um Zeldas Hüfte, um sie vom Bett zu heben, aber Zeldas flehender Blick gebot ihr Einhalt. Sie deutete eine Verbeugung an und zog sich etwas zurück.

„Mutter", flüsterte Zelda noch einmal, legte ihre kleine Hand an die kalte Wange ihrer Mutter. Keine Regung verriet, ob sie sie hören konnte oder sich auch nur daran erinnerte, dass sie existierte.

„Du fehlst mir", sagte Zelda und spürte, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. „Bitte werd wieder gesund. Du kannst mich nicht mit dem König allein lassen. Ich hab solche Angst..."

Es war ihr, als hätte ihre Mutter den Kopf nur das winzigste Stück bewegt, als würde sie ihr zuhören. Aber natürlich konnte das nicht sein, weil ihr Geist schon lange nicht mehr in ihrem Körper harrte. Zelda legte sich neben den leblosen Körper der Königin, dicht an sie geschmust. Ihr war egal, ob das, was auch immer ihre Mutter tötete, sie auch befallen könnte. Sie wollte bei ihr sein, solange sie noch konnte.

Aarja schwamm schnell. Trotz seiner neuen Ausrüstung hatte Link Mühe, ihr zu folgen, zumal er nichts sah, alles um ihn herum war stockdunkel. Ein leicht gespenstisches Leuchten ging von Aarjas weißer Haut aus, das war alles, was er wahrnehmen konnte. Ab und zu fühlte er eine klamme Berührungen an den Händen oder im Gesicht, und auch wenn er sich sicher war, dass es nur Seegras und Algen waren, die ihn streiften, fühlte er sich zutiefst beunruhigt. Er vermisste eine Waffe in der Hand, aber das würde ihn langsamer machen, und Aarja nahm keine Rücksicht auf ihn. Es galt also, einfach nur durch die Dunkelheit zu schwimmen.

Es ging weiter durch ein unterirdisches Tunnelsystem. Link wusste, dass diese unterirdischen Wasserläufe ganz Hyrule vernetzten. Er war aber nur einen kleinen Bruchteil davon selber gereist, als er König Zora half, die Wasserverunreinigung zu beheben, die ihren Ursprung tief im Hyliasee gehabt hatte, in einem kleinen Schrein, der von Monstern befallen war. Ganz Hyrule hatten sie überrannt, als der Großmeister des Bösen das Königreich eingenommen hatte.

All das war keine Woche her. Er hatte nur einmal geschlafen, seit er den tödlichen Streich gegen den Ursupator getan hatte.

Es fiel ihm schwer, das zu verstehen.

Er wusste nicht einmal, was mit der Leiche passiert war. Seit er gesehen hatte, dass die Prinzessin zu Boden gesunken war, war alles in seiner Erinnerung schwarzer Schmerz. Er war zur Zitadelle aufgebrochen, ohne zurückzusehen.

Vielleicht hatte Impa die Soldaten angewiesen, sich darum zu kümmern. Falls nicht, würden die Geier sich freuen.

Hoffentlich nicht, dachte Link grimmig, ich gönne es ihm, dass nicht mal Aasfresser seine Leiche wollen.

Aarja, die sich etwas zurück hatte fallen lassen, um mit ihm auf einer Höhe zu sein, riss ihn aus seinen Gedanken. „Konzentrier dich! Das hier ist gefährliches Gewässer, auch wenn du sie nicht sehen kannst, ich sehe sie."

Link wandte den Kopf nach links und rechts, aber es es nützte nichts. Er sah kaum die Hand vor Augen. Er wusste nicht, was sie meinte, erinnerte sich aber mit Unwollen an die schemenhaften, kühlen Berührungen, die er bemerkt hatte. Er blickte hinüber zu Aarja. Ihre Augen waren groß und dunkel in ihrem leicht schimmernden, weißen Gesicht. Unter Wasser fehlte ihr alles menschenähnliche, das er ihr über Wasser noch zugeschrieben hatte. Sie war ein Wesen der Tiefe.

„Du bist ein Fremdkörper in dieser Gegend, Herr der Zeit", sagte sie weiter. „Noch haben sie Angst vor dir, weil sie nicht wissen, was du bist. Aber das kann sich schnell ändern. Schwimm schneller, wenn du kannst, damit du bald wieder Luft um dich und Boden unter dir hast."

Er hätte zu gern Widerworte gegeben, aber auch wenn er atmen konnte, sprechen konnte er nicht. Also schwieg er. Auch musste er einsehen, dass sie Recht hatte. Sie schwammen zwar mit der Strömung, und er begann dennoch, müde zu werden und seine Arme schwer. Er hätte gern gefragt, wie weit es noch war, konnte nicht und zwang sich deshalb, durchzuhalten.

Er versuchte, die Müdigkeit und die Trauer zu verdrängen und sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Er versuchte, an etwas zu denken, das ihm Energie gab und ihn nicht verzweifeln ließ. Aber seine Gedanken schweiften immer wieder ab zum Gesicht der Prinzessin, wie sie tot in seinen Armen gelegen hatte.

Die Verzweiflung war wie die Dunkelheit um ihn herum.

Zelda erwachte.

Sie fuhr mit einem fürchterlichen Schreck aus dem Schlaf hoch und fegte die Vorhänge vor ihrem Bett beiseite. Impa stand vor ihr, die Hand noch ausgestreckt, weil sie sie hatte wecken wollen.

Ihr Blick war voller Schmerz. „Prinzessin...", begann sie. Ihre Augen waren feucht.

Zelda verstand. Tränen fingen an, heiß über ihre Wangen zu rinnen. Sie stand auf, und Impa kniete sich zu ihr hinab und umarmte sie fest, während Zelda furchtbar weinte und schrie und klagte.

Ab jetzt würde sich alles ändern.

Die Beerdigung der Königin war schon am nächsten Tag. Zelda trug ein schwarzes Kleid und einen Schleier über den Augen. Sie war erst acht, aber der König hatte darauf bestanden, dass sie die Kleidung einer erwachsenen Frau trug. „Du wirst Königin sein", hatte er streng gesagt. „Du hast jetzt keine Zeit mehr, Kind zu sein. Benimm dich dementsprechend."

„Ja, Vater", hatte Zelda geantwortet und versucht, nicht zu verzweifeln. Die Last, die sie auf ihren schmalen Schultern wähnte, schien ihr allzu schwer.

Impa war die einzige, die spürte, wie sehr sie litt und wie sehr sie versuchte, den Erwartungen des Königs und des ganzen Landes zu entsprechen.

Mit zehn wollte der König sie verheiraten, aber wenigstens das konnte sie verhindern. Wenig später starb auch er. Zeldas Koronation war an ihrem zwölften Geburtstag. Die Gesetzte verbaten ihr den Titel der Königin, solange sie nicht verheiratet war, und sie schlug jegliche Avancen aus, die ihr gemacht wurden, egal wie charmant und hochangesehen und reich der Edelmann war, der glaubte, so einen guten Schachzug zu machen.

Sie war Herrscherin über Hyrule, ehe sie tatsächlich zur Frau geworden war. Sie war Herrscherin über Hyrule, ohne, dass ihr Wort etwas galt. Denn auch wenn ihr vorgegaukelt wurde, dass ihre Meinung zählte, entschieden doch ihre Statthalter, was tatsächlich im Land geschah. Vieles davon missbilligte sie, aber ändern konnte sie nichts. Zelda beobachtete die Geschehnisse in ihrem eigenen Land wie durch eine Glaswand. Und sie war sich nicht sicher, ob nicht doch das Land sie beobachtete, wie sie, gläsern und durchsichtig, auf einem Thron saß, der nichts bedeutete.

Ihre Tage waren von Einsamkeit geprägt.

Impa bedachte das Gesicht der Prinzessin mit Kummer. Nachdem Link sich auf ins Reich der Zora gemacht hatte, war sie unverzüglich zur Zitadelle geritten. Die Wachen, die Link höchstselbst angewiesen hatte, niemanden einzulassen, leisteten ihr tatsächlich kurz schwachen Widerstand und beriefen sich auf seinen Befehl, den Impa allerdings ignorierte. Aber ein wenig stolz war sie auf den Mut der Soldaten dennoch. Viele der Männer und Frauen der Armee hatten darunter gelitten, dass sie während des kurzen Krieges, der das Land überkommen hatte, kaum etwas hatten ausrichten können.

Barfuß hatte sie die Zitadelle betreten und sofort Zeldas Leichnam auf dem Altar bemerkt. Den Stich in ihrem Herzen ignorierend war sie neben ihn getreten und hatte ihr nach kurzem Zögern über die Stirn gestrichen.

Zelda sah aus, als schliefe sie.

Sie war sehr bleich, ihr Gesicht wächsern, und doch sah sie nicht... tot aus. Impa wusste nicht, wie sie es beschreiben sollte, doch sie hatte viele Tote in ihrem Leben als Dienerin des Königshauses gesehen und sie war sich sicher, dass etwas an Zelda anders war.

In der Zitadelle war es dunkel, der Sonnenschein drang kaum durch die Buntglasfenster, also ging Impa in einen Nebenraum, um Kerzen zu holen und sie um die Prinzessin aufzustellen und zu entzünden. Der warme Schein der Flammen glich die Kälte des toten Körpers aus, und wieder verstärkte sich Impas Gefühl, dass Zelda noch lebte.

„Eigenartig", sagte sie zu sich selbst und musste Zeldas Gesicht wieder leicht berühren, als ob sie sich überzeugen musste, dass ihr nicht doch ein schlechter Scherz gespielt wurde. „Link hatte Recht. Das kann unmöglich das Ende sein..."

Einer plötzlichen Eingebung folgend, zog sie Zelda vorsichtig den rechten Seidenhandschuh aus, während sie eine Entschuldigung für den Übergriff murmelte.

Das Mal auf Zeldas Handrücken hatte sie seit ihrer Geburt gehabt. Eine knotige, dunkle Hautverfärbung, die aussah wie eine Brandwunde hatte der jungen Prinzessin in ihrer Jugend viel Kummer bereitet und sie hatte immer schon Handschuhe deswegen getragen. Dass das Mal das Triforce darstellte und ihr der Legende nach eine große Zukunft voraussagte, war ihr dabei nie ein Trost gewesen.

Erst, als es eines schicksalhaften Tages anfing, von sich aus golden zu leuchten, hatte Zelda begriffen, was es wirklich meinte. Innerhalb von wenigen Tagen hatte sich ihr Leben völlig geändert. Sie war nicht mehr nur die Prinzessin von Hyrule, sie war auch eine der sieben Weisen und trug das Fragment der Weisheit.

Und jetzt, obwohl sie tot war, leuchtete das Mal hell auf ihrem Handrücken.

Link brach durch die Wasseroberfläche und schnappte gewaltig nach Luft, während er sich das Zoratuch vom Mund zerrte. Ganz egal, was für Magie es war, echte Luft war es nicht und Link fühlte, wie sie seinen Brustkorb mit ihrer Energie beinahe zu sprengen drohte.

Hustend und erschöpft schwamm er zum Ufer, wo er sich in den nassen Sand fallen ließ.

Aarja steckte hinter ihm den Kopf durch das Wasser. „Wir sind da", kommentierte sie überflüssigerweise. „Ab hier musst du allein zurechtkommen, kleiner Held. Viel Glück."

„Warte!", rief Link ihr nach, aber sie war schon wieder abgetaucht. Link saß im Wasser, völlig durchnässt, ausgelaugt und müde, und seufzte.

Er war wieder allein.

Er stützte die Hände auf die Knie und sah sich um. Viel konnte er nicht erkennen, es war Nacht, dem Stand der Sterne nach würde es noch ein paar Stunden bis zum Sonnenaufgang dauern. Der Tunnel, dem er und Aarja, für was sich wie eine Ewigkeit angefühlt hatte, gefolgt waren, mündete in einem kleinen See, der ein paar Palmen und Sträucher speiste. Aber groß war der fruchtbare Radius nicht, und in nur ein paar Metern Entfernung gab es schon wieder nichts anderes als Sand.

Überall Sand.

Egal in welche Himmelsrichtung er blickte, er sah nur Dünen.

Mühevoll erhob Link sich, wrang seine Kleidung so gut er konnte aus, sichtete seine Ausrüstung, zog die Flossen aus und tauschte sie gegen seine normalen Schuhe und Armschienen. Er ging um das Wasserloch herum, schaute unter ein paar Sträucher, rüttelte an den Palmen, aber es fand sich nichts nützliches. Aber er hatte auch nicht wirklich damit gerechnet, in dieser Einöde irgendwas zu finden. Er hatte auch nicht nach irgendwas gesucht.

Er wischte sich den nassen Pony aus der Stirn und dachte nach. Er wusste nicht, in welche Richtung er gehen musste. Er wusste nicht mal genau, was er suchte. Janhalla sollte hier wohnen, doch wo? Es gab nichts, das wie ein Tempel oder Schrein aussah. Wie lebte der Herr der Nachtschwärmer?

Ein Geräusch hinter ihm ließ ihn herumfahren. Das Wasser des Sees kräuselte sich etwas, Link packte den Griff seines Schwertes und verharrte. Dann bewegte sich die Wasseroberfläche wieder, und dann tauchte ein halber Kopf mit tellergroßen, schwarzen Augen auf. Zuerst dachte Link, Aarja sei zurückgekommen, aber er erkannte, dass es sich um eine andere Nixe handelte.

Verrückt, blitzte es ihm durch den Kopf. Ich habe mein Leben lang gedacht, es gäbe nur weit draußen im Meer Nixen, und jetzt sehe ich zwei an einem Tag.

„Hallo", versuchte er vorsichtig und ließ den Schwertgriff los. Die Nixe tauchte etwas weiter auf, bis ihr Kinn über Wasser war. Sie sagte etwas in einer Sprache, die Link nicht verstand.

„Ich verstehe dich nicht", sagte er, und, als sie ihn fragend anblickte, fügte er in gebrochenem zoranisch dasselbe hinzu. Zum Glück hatte er sich für solche Fälle von allen Völkern Hyrules ein paar Sätze und Wörter beibringen lassen. Er war ein bescheidener Mann, aber auf seine Sprachfähigkeiten war er stolz. Nicht einmal Impa sprach die Sprachen der Goronen und Zora.

Die Nixe kicherte und fragte in der Zorasprache: „Was bist du?"

Link sah sein Vokabular jetzt schon erschöpft. Verloren gestikulierte er, sagte schließlich: „Link. Hylianer."

Ihre bleichen Lippen formten ein stummes Oh. Sie schien Vertrauen gefasst zu haben und kam näher bis zum Ufer. Link machte auch ein paar Schritte auf sie zu und kniete sich hin, um mehr auf ihrer Höhe zu sein.

„Deeha", sagte sie, und Link wusste nicht, ob das ihr Name war, oder ein Wort, die er nicht kannte.

Sie betrachtete ihn mit einem koketten Lächeln und streckte dann langsam eine bleiche Hand aus dem Wasser. Link konnte ihre Schwimmhäute aus der Nähe betrachten, sah blaue, haarfeine Adern dazwischen schimmern, die schwarzen Krallen, die aus ihren Fingerspitzen wuchsen.

Die Nixe berührte seine Wangen, zog aber die Hand schnell wieder zurück.

„Ich habe nie etwas gesehen wie dich", sagte sie. Sie klang ein wenig so, als müsse sie auch jedes Wort sorgfältig zurechtlegen. Dabei starrte sie Link unentwegt an, und ihm wurde ein wenig anders unter ihrem stechenden Blick. „Du kein Zora. Zora nur sehr selten hier. Angst vor Wasser hier. Keine guten Wässer."

Er wusste nicht, wie er antworten sollte, aber sie war momentan seine einzige Chance, deswegen versuchte er noch einen einfachen Satz: „Ich suche Jalhalla."

Das erschreckte sie, und sie machte einen Satz nach hinten von ihm weg und tauchte wieder mehr ab. Kurz befürchtete Link, sie würde verschwinden, aber ihre Augen blieben über der Wasseroberfläche.

„Hilf mir", bat Link vorsichtig.

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht Jalhalla", sagte sie.

„Ich muss nur wissen, wohin. Dir wird nichts passieren!" Das war, streng genommen, gelogen. Link hatte keine Ahnung, was ihn erwartete. Wenn Jalhalla den Nixen feindlich gesinnt war, könnte es durchaus Konsequenzen für sie haben, ihm den Weg zu weisen. Aber er hatte keine Wahl. „Bitte", fügte er hinzu.

Deeha formte mit Daumen und Zeigefinger zwei Kreise, die sie vor die Augen hielt. „Siehst nix", sagte sie. „Musst Augen öffnen!"

Link verfluchte die Sprachbarriere. Er wusste nicht, was sie meinte. Er überlegte noch, wie er ihr das erklären konnte, da war sie schon wieder abgetaucht. Zum zweiten Mal heute rief er einer Nixe hinterher: „Warte!" Aber auch sie war verschwunden.

Es war erdrückend still um ihn.

Link stieß einen Fluch gen Himmel aus. Er war kein Stück weiter gekommen.

Dafür merkte er, wie sehr er fror. Er war noch immer nass bis auf die Knochen. Es hatte keinen Sinn, sich jetzt überstürzt auf die Suche zu machen, das musste er einsehen. Er würde ein paar Stunden schlafen müssen, um klar denken zu können.

Bibbernd verließ er das Wasser, suchte sich die windgeschützteste Stelle der kleinen Oase neben einigen Sträuchern unter einer Palme und brach zuerst ein paar trockene Zweige ab, aber nach einiger Überlegung wagte er doch nicht, ein Feuer zu machen. Er wusste nicht, was in der Dunkelheit wohl auf ihn aufmerksam werden würde, wenn er sich mit einer Flamme verriet.

Er schnallte die Schwertscheide und den Schild ab und warf beides unbeachtet auf den Boden. Stöhnend massierte er sich die Schultern, kreise sie auf und ab, reckte den Nacken. Die Müdigkeit, die er schon in den Tunneln gespürt hatte, war wieder völlig da.

Er ließ sich unter die Palme fallen und lehnte sich an ihren Stamm, den Schwertheft griffbereit. Er trat die Stiefel von den Füßen, vergrub die Zehen im Sand und sah in den Himmel. Die Sterne glänzen völlig klar. Träge suchte er ein paar Sternzeichen zusammen. Der Tristern, der immer nach Norden zeigte, stand direkt über ihm. Impa hatte ihm vor einiger Zeit ein paar Sternzeichen beigebracht, damit er immer wusste, wo er war. Er war ihr dankbar dafür. Jetzt, so wusste er, war er weit, weit im Westen Hyrules, sicherlich viele Tagesmärsche vom Schloss entfernt. So tief war er nie in der Gespensterwüste gewesen. Zum Wüstenkoloss war er einmal zu Fuß marschiert, das stimmte. Es war eine der beschwerlichsten Reisen, an die er sich erinnerte. Nicht einmal völlig ohne Ausrüstung den Gebirgspass hinauf zum Krater des Todesberges zu klettern war ihm so gefährlich in Erinnerung geblieben.

Und jetzt saß er irgendwo im Nirgendwo, ohne Karte, ohne Kompass. Noch dazu würde er wohl kaum tagsüber wandern können. Bis zum Wüstenkoloss war die Temperatur eben so erträglich (diesbezüglich war der Krater des Todesbergs wirklich unangenehmer gewesen), dort lebten sogar die Wüstennomaden, aber wie es hier werden würde, konnte er nicht sagen.

Erst einmal musste er schlafen. Wenn er sich ein paar Stunden ausgeruht hatte, würde er besser überlegen können.

Er kauerte sich zusammen, die Arme um den Oberkörper geschlungen und das Kinn auf die Brust gepresst. Aber er merkte, dass die Kälte so schlimm war, dass er entweder nie einschlafen würde oder nie wieder erwachen.

Da fiel ihm das Tuch ein, das die Königin ihm gegeben hatte. Er öffnete die Gürteltasche, in der er es aufbewahrte, und holte das Tuch hervor. Es war oft zusammengefaltet und kaum größer als seine Handfläche. Außerdem war es völlig trocken, obwohl alles andere an Link noch immer troff. Link faltete das Tuch auseinander und war überrascht, wie groß es war. Er konnte es sich um die Schultern werfen und dann war noch immer genug über, um auch seine Beine zu bedecken.

Er sandte ein stummes Dankeschön an die Königin der Zora und nahm sich vor, in Zukunft nie wieder schlecht über das Handwerk einer Frau zu denken.

Er vergrub sich tiefer in seiner Decke und dann kam der Schlaf auf einmal ganz plötzlich.

Zelda erwachte.

Sie saß auf dem Thron und musste eingenickt sein. Der etwas pikierte Blick des Beraters, der vor ihr stand, die Hände gefaltet, bestätigte ihre Theorie. „Entschuldigt", sagte Zelda und strich sich über die Stirn, nahm wieder Haltung an. „Fahrt fort."

„Wie ich gerade sagte", hüstelte der dünne Mann und wies auf eine Karte des Landes, die neben ihm stand, von vielen kleinen roten Nadeln mit Fahnen daran durchlöchert, „haben die Wüstennomaden vor zwei Tagen begonnen, sich in Richtung der Steppe zu bewegen. Sie haben schnelle Pferde und werden in wenigen Tagen unsere Wachposten vor den Ausläufern der Gespensterwüste erreicht haben. Wenn Ihr mir die bescheidene Bemerkung erlaubt, sollten die dort postierten Truppen verstärkt werden." Er redete ununterbrochen weiter, und Zelda fiel es schwer, ihm zu folgen. Sie sah aus dem Fenster in die Ferne und verstand nicht, was das Schicksal mit ihr plante.

Sie hatte wenig geschlafen in den letzten Wochen. Ihre Berater sagten ihr, es würde zum Krieg kommen. Es würde ein König aus der Wüste kommen, der ihr Land einnehmen wollte. Eine Situation, auf die keiner im Land vorbereitet gewesen war. Der Frieden in Hyrule galt als ewig. Zelda wusste nicht, was zu tun war.

Aber alle sahen nur auf sie. Sie wurde ständig beobachtet. „Prinzessin, was sollen wir tun?", fragten sie.

„Ich weiß es nicht", antwortete sie. „Unser Land hat viele Jahrhunderte in Frieden gelebt. Unsere Soldaten sind schwach, die Waffen stumpf."

„Aber Prinzessin, Ihr müsst uns beschützen."

„Das möchte ich", sagte Zelda verzweifelt. „Aber wie sollen wir einen Krieg gewinnen? Ich kann meine Armee nicht in den sicheren Untergang schicken."

„Sie will uns hereinlegen! Sie wird uns dem Wüstenkönig überlassen und selber fliehen!"

„Nein! Nein, ich könnte mein Land niemals zurücklassen..." Zelda spürte die verhassten Blicke und die Finger, die auf sie zeigten. Sie hörte die leise gemurmelten Gerüchte hinter ihrem Rücken. Man nannte sie eine schlechte Herrscherin, man wünschte sich den König zurück. Man wünschte sich, sie wäre an seiner statt gestorben, so wie ihre Mutter vor ihr und davor deren Mutter. Keine Frau aus dem Königshaus habe es jemals zu etwas gebracht.

„Nein!", wollte Zelda rufen. „Das ist alles nicht wahr! Mein Vater war ein furchtbarer Mann, seht ihr das denn nicht? Ich wollte immer eine bessere Königin sein als er! Ich liebe euch, ihr seid mein Volk, ich würde für euch sterben!"

Doch da war nur Dunkelheit um sie herum. Sie wollte weglaufen, doch sie konnte nicht. Schwarze Schatten drangen ihr durch Mund und Nase in den Körper, sie wollte schreien, doch kein Laut kam über ihre Lippen.

Sie sank zu Boden und weinte. Sie hatte versagt.

Jemand trat vor sie, kniete sich zu ihr hinab und fasste nach ihrem Kinn und hob ihren Kopf an. Tränenverhangen sah sie direkt in den Blick zweier boshafter, goldener Augen.

„Weint nicht, kleine Prinzessin", sagte der hünenhafte Mann in der schwarzen Rüstung. Seine Stimme betrug seine Freundlichkeit. „Es wird alles gut werden."

„Verschont mich mit Eurem Mitleid!" Zelda wollte sich losreißen, doch er umfasste ihr schmales Handgelenk und hielt sie mit einer Leichtigkeit fest, die panische Angst in ihr entfachte.

„Kein Mitleid. Aber ich muss Euch dankbar sein. Dafür, dass Ihr es mir so leicht gemacht habt. Von einem so prächtigem Land wie Eurem hätte ich einen Krieg erwartet, der über Zeitalter besteht, aber Ihr habt mich durch das Haupttor des Schlosses gehen lassen, als wäre ich ein willkommener Gast. Dafür danke ich Euch."

Zelda begann ob seines Hohns wieder zu weinen. Sie zerrte an ihrem Arm, doch der grausame Wüstenkönig ließ sie nicht gehen.

„Was habt Ihr vor!", schrie sie. „Die Göttinnen werden dafür sorgen, dass Ihr Eure gerechte Strafe noch erhalten werdet!"

„Oh, das glaube ich nicht." Der Mann zupfte mit seinen riesigen Händen überraschend behutsam ihren Handschuh von ihren Fingern. Das Triforce der Weisheit glühte weiß und golden auf ihrem Handrücken. Und auf seiner Hand fing das Fragment der Kraft an zu leuchten. Zelda wurde ganz still.

„Das kann nicht sein", flüsterte sie.

Er lachte nur. Er lachte, laut, böse, und ihr gefror das Blut in den Adern.

Zelda erwachte.

Sie lag in ihrem Bett, alles war wie immer. Ihr Atem ging schnell, Schweiß stand ihr auf der Stirn. Ein Traum...?

Sie sprang aus dem Bett und lief zum Fenster, ignorierte Impa, die verwirrt zu ihr eilte. „Königin, alles in Ordnung?", fragte sie. „Habt Ihr schlecht geträumt?"

Zelda hatte die Fensterläden aufgestoßen und sah hinab auf die Stadt unter dem Schloss. Es war ein wunderschöner Morgen. Die Sonne schien. Bis hier oben hörte sie die Musik der Bänkelsänger auf den Straßen, Marktschreier, Gelächter. Es roch nach Blumen. „Ja", sagte sie und beruhigte sich wieder. „Nur ein Albtraum..."

Dann fiel ihr etwas ein. „Königin?", fragte sie verwirrt.

Impa sah sie genauso verwirrt an. „Natürlich, Hoheit", erwiderte sie, versuchte dann ein mildes Lächeln. „Es muss ein schlimmer Traum gewesen sein, wenn er Euch so die Sinne vernebelt hat."

„Ja..." Zelda ließ zu, dass Impa sie sanft an der Schulter auf einen Stuhl setzte. Aus dem Nichts erschienen Dienstmädchen, die Zeldas Haare kämmten und flochten, Blumen hineinsteckten und Perlen hineinwebten. Sie wurde gewaschen und angekleidet. Zelda hatte dieses Kleid noch nie gesehen. Es war aus weißer und cremefarbener Seide mit violetten Akzenten und vielen Unterröcken. Ein Mieder schnürte ihr die Taille wunderschön schmal, komplizierte Raffungen in den Röcken betonten zusätzlich ihren Körper. Sie betrachtete sich staunend von allen Seiten, während ein weiteres Dienstmädchen, dessen Gesicht Zelda nicht wiedererkannte, ihre Augen, Wangen und Lippen schminkte.

Impa betrachtete das alles zufrieden. „Ihr seht wunderschön aus, Hoheit", sagte sie. „Der König wird sich nicht sattsehen können." Sie lachte ein wenig. „Aber wann kann er das schon?"

Zelda bedachte Impa mit einem gespielten Lächeln. Sie konnte sich nicht daran erinnern, geheiratet zu haben. Sollte ihr Albtraum ihr wirklich solche Streiche spielen?

Sie bekam einen purpurnen, langen Fellmantel um die Schultern gelegt, der wunderbar weich war, ihre Füße steckte man in die zartesten Seidenschuhe, die über und über mit Verzierungen bestickt waren. Kleine Perlen glänzten im Licht.

Zuletzt bekam sie die Krone auf das Haupt gesetzt. Sie war wunderschön, schlicht und elegant und gekonnt gearbeitet, jedem der Geschmeide, die Zelda als Prinzessin getragen hatte, hoch erhaben.

Es tat beinahe weh, sich im Spiegel zu betrachten. Dort stand eine Königin, würdevoll, wunderschön. Eine, über die man sich noch in einem anderen Zeitalter Geschichten erzählen würde.

Zelda war nie eitel gewesen. Sie hatte anerkannt, dass sie keineswegs eine hässliche Frau gewesen war. Aber sie war nie stolz darauf gewesen oder hatte die Notwendigkeit gesehen, ihre Züge zusätzlich zu betonen. Aber jetzt, wo sie sich so im Spiegel betrachtete, hätte sie vor Glück weinen können. Hätte ihre Mutter sie so sehen können!

Sie strahlte Impa an, die zufrieden nickte und die Königin dann aus der Kemenate in den Thronsaal führte.

Zelda merkte sofort den Preis, den es kostete, schön zu sein. Die Schuhe drückten und stachen, das Mieder schnürte ihr die Luft ab und zwang sie in eine schmerzhafte Pose. Die vielen Röcke behinderten sie beim Gehen und Treppensteigen. Das erste Mal in ihren Jahren im Schloss war sie froh um die Geländer.

Sie kamen zu den großen Flügeltüren, die zum Thronsaal führten. Wie immer wurden sie von zwei Wachen flankiert, die salutierten, als Impa und Zelda sich näherten. Dann öffneten sie die Tore und riefen: „Die Königin!"

Impa blieb zurück, und Zelda trat mit Herzklopfen in den Thronsaal. Es war überwältigend: Das ganze Königreich schien versammelt zu sein, der Saal war mit Blumen und Girlanden geschmückt, Fanfaren wurden zu ihrem Erscheinen gespielt. Ihr Herz schien zerspringen zu wollen und mit sachten Schritten ging sie zum Thron hinüber, betrachtete ihr Volk, das ihr zujubelte, und wagte es, zaghaft zu winken, was das Frohlocken nur verstärkte.

Vor dem Thron angekommen sah sie Link. Er kam ihr lächelnd die letzten paar Schritte entgegen. „Meine Königin", sagte er. Seine Augen leuchteten. Zelda hatte ihn noch nie so gesehen, es warf sie völlig aus der Bahn. Sie kannte ihn nur als einen sehr ernsten jungen Mann, sie kannte ihn nur mit besorgten, traurigen Augen. Von alledem gab es hier keine Spur.

„Link", flüsterte sie, als er mit einer tiefen Verbeugung ihre Hand in seine nahm und einen Kuss darauf hauchte. Dann wies er ihr ihren Platz zu: einen gepolsterten, wunderschön aussehenden Sessel, der schräg versetzt zum Thron stand. Tiefer. Weiter hinten.

Überrascht setzte Zelda sich.

Link nahm auf dem Thron Platz.

Sie betrachtete ihn irritiert, doch er schien das nicht zu bemerken. Stattdessen wandte er sich mit einer Ansprache ans Volk, der Zelda gespannt zuhörte. Noch immer war sie desorientiert und verwirrt, das sollte aber niemand merken, also schwieg sie und wandte nur dann und wann ein kleines, lächelndes Nicken zu Link oder dem Volk.

Sie erfuhr, dass heute der Jahrestag des Sturzes des Großmeister des Bösen war und gleichzeitig ihr Hochzeitstag. Zelda wurde immer verunsicherter. Nachdem sie so lange Prinzessin gewesen war, konnte es sicherlich passieren, dass sie ab und zu vergaß, dass sie das nicht mehr war. Aber zu vergessen, dass sie geheiratet hatte – Link geheiratet hatte – und dass sie den Großmeister bezwungen hatten? Das konnte nicht stimmen.

Sie fuhr herum, als sie eine Bewegung hinter sich auszumachen glaubte. Aber da war nichts.

Link erzählte gerade mit dramatischen Gesten, wie er damals die alles entscheidende Schlacht geschlagen hatte. Zelda erwähnte er dabei mit keinem Wort.

Zelda wurde immer unwohler. Sie musste dringend mit Link reden, irgendwas stimmte nicht.

Vielleicht... war der Albtraum, den sie gehabt hatte, gar kein Albtraum gewesen, sondern eine Warnung? Vielleicht war der Großmeister zurückgekehrt. Vielleicht würde es wieder Krieg geben.

Wieder hatte sie das Gefühl, dass jemand hinter ihr stand. Auch diesmal sah sie nichts, als sie sich umdrehte.

Sie blickte verzweifelt zu Link, aber der schien ihren Kummer nicht wahrzunehmen. Also mahnte sie sich zu Geduld, wie es sich für eine Königin gehörte, und wartete darauf, dass sie einen ruhigen Moment gemeinsam hatten.