Es ist bereits finster, vermutlich weil er absichtlich später kam nur um den Abend zu verkürzen. Jack kam nicht oft zu solchen Veranstaltungen, aber Petersen und Frobie hatten es verdient und er wusste, dass er zumindest sein Gesicht zeigen musste.
Ausserdem kam SG 1 gerade erst von P43 812 zurück und sollte die Erde erst in zwei Wochen wieder verlassen. Also gab es keine echte Ausrede um nicht hier zu sein.
Leider.
Wäre er reflektierter, würde er sich selbst fragen warum er einen Abend alleine zu Hause mit einem Bier in der Hand auf seiner Couch einem Abend in einer Bar mit den meisten seiner Freunde vorzog. Doch auf diese Frage wollte er nicht weiter eingehen. Die Antwort wäre zu gefährlich, also schob er es auf sein Alter.
Natürlich stimmte das nicht.
Es ist gefährlich, dieser Abend, diese Bar und vor allem die Person die sich darin befindet.
Die Bar ist an der 115 gelegen, von außen ein grimmiger Schuppen mit einer Neontafel die schon bessere Zeiten gesehen hatte. Als er einbog, bemerkte er die ganzen Autos die er schon aus dem Berg kannte. Er parkte sich ein, nicht zu weit weg aber weit genug um mit niemanden reden zu müssen und ging schnellen Schrittes in Richtung Eingang.
Da sah er es. Das Metall reflektierte das schummrige Licht der Neonröhren, die Felgen glänzten frech und das Design gab sich bescheiden aber seiner Schönheit wohl wissend.
Obwohl er sich bemühte, konnte er den kleinen Funken in seinem Magen nicht stoppen. Carter ist hier. Und sie kam mit ihrem Bike.
Jap. Gefährlich.
Es ist seine eigene Schuld. Zunächst hatte er alles abgeblockt. Es hat sogar funktioniert, für eine Weile zumindest. Sie haben einfach weiter gemacht, Kollegen, die miteinander arbeteiteten. Nicht mehr und nicht weniger. Sie ignorierten die Funken, die ignorierten die verstohlenen Blicke die sie sich manchmal einfach nicht verkneifen konnten.
Sie ignorierten die gigantische „Was wäre wenn.." Frage die über ihren Köpfen schwirrte.
Aber dann kam das ganze Za'tarc Debakel mit Anise und ihrem verdammten Tok'ra Lügendetektor. Wäre er klug gewesen, hätte er Carter aus dem Raum geschickt. Aber wäre klug gewesen, wäre er auch nicht bei ihrem Test geblieben.
Und so mussten sie beide das Unausgesprochene mit anhören. Sicher wussten sie es, aber es zu hören war eine ganz andere Sache. Es brachte eine gewisse Euphorie mit, die sofort von Frustration abgelöst wurde.
Der größte Fehler jedoch war, und dafür verfluchte er sich immer noch, der Kuss den er sich unbedingt holen musste. Den einen Kuss, an den sie sich niemals erinnern wird und den er ihr niemals, nicht in 100 Jahren erzählen wird.
Alles würde wieder normal werden, hatte Daniel gesagt. Ohne Konsequenzen. Und das stimmte auch, zumindest fast. Keine schwerwiegenden Konsequenzen, keine furchtbaren Auswirkungen. Aber was Jack nicht bedacht hatte, waren die kleineren Konsequenzen. Die, die ihn mitten in der Nacht aufweckten und sein Herz zum schlagen brachten. Die, die ihn daran erinnerten, wie sich ihr Körper angefühlt hatte. Wie sich ihre Lippen bewegten, wie sie schmeckte.
Wie sie tief einatmete und ihn noch näher an sich heran zog. Sogar die Tatsache, dass Hammond direkt neben ihr stand, konnte nicht das Seufzen verhindern, welches er vermutlich nie wieder aus seinem Kopf bekommen würde. Vielleicht, wenn sie alleine gewesen wären, wenn er einen früheren Zeitpunkt gewählt hätte dann- Verdammt.
Ja er war ein Idiot zu denken, dass der Kuss ohne Konsequenzen bleiben würde. Und all das jetzt wegzusperren war nicht nur schwierig sondern schier unmöglich.
Sogar von seiner Position am Eingang konnte er sehen, dass der Abend mehr als gut verlief. Das Stargate Kommando wählte zwar nur die besten der besten aus, aber das hieß nicht, dass die Besten der Besten nicht wussten wie man feierte. Außerdem trieb einen das Leben unter dem Berg zusammen, und so freute sich so jeder für das Glück von Cal und Jen.
Keine Fanfare, keine Verlobung, keine große Zeremonie. Die beiden haben einfach einen gemeinsamen freien Tag ausgewählt und haben es getan.
Dieser simple Weg erfüllte jeden der die beiden kannte mit der Hoffnung, dass selbst mit der Bedrohung durch die Goa'uld, selbst mit dem Verlust von Freunden und Kollegen – ein wenig Normalität möglich war. Jack hoffte, dass dieses Gefühl die beiden durch all die Schwierigen Zeiten bringen würde, die ihnen ohne Zweifel noch bevor standen.
Cal hatte bereits einige Schrammen mit SG 11 gesammelt und auch Jen war mit SG 18 drei Wochen auf einem Planeten gestranden nachdem eine Jaffa Attacke zwei Team Mitglieder aus dem Leben rissen. Jedesmal wenn einer der beiden die Erde verließen, wussten sie nie ob sie sich wieder sehen würden. Ob sie zurückkehren würde. Aber Jack dachte, vielleicht war das der Grund. Vielleicht machte genau dieses Ungewisse es ihnen unmöglich zu warten. Sofort kam ihn ein ungebetener Gedanke in den Kopf, den er gewaltsam weg schob. Er würde sich nicht schon zu Beginn des Abends mit solchen Dingen herumplagen.
In der Bar war es voll und laut. Die Bar ansich war in der Mitte aufgebaut und darum waren einige Tische mit Sessel verstreut. Jack hielt kurz an und schaute durch die Menge. Die meisten waren bereits aus der Uniform geschlüpft, aber ein paar stachen aus der Menge heraus. Entweder waren sie gerade erst von einer Mission heimgekehrt oder sie standen kurz davor. Jack erspähte Peterson in der Mitte von einer Gruppe Soldaten und machte sich auf dem Weg zu ihm.
„Colonel!" rief Peterson als er Jack sah. „Sir- nett, dass Sie gekommen sind!"
„Ich wollte nur meine Glückwünsche ausdrucken, Captain."
Er schüttelte Peterson die Hand und klopfte ihm leicht auf die Schulter.
„Danke, Sir." Peterson strahlte über das ganze Gesicht und Jack kann sich an das Gefühl erinnern. In den ersten Wochen als er Sarah geheiratet hatte, erwischte er sich immer wieder wie er ohne Grund grinste. Naja der Grund war, dass er eine Frau geheiratet hatte, die er liebte.
„Ich bin ein Glückspilz."
„Sie sind ein verdammter Glückspilz, vergessen Sie das nie!"
„Nein Sir, habe ich nicht vor."
„Wo ist Frobie?"
Peterson deutete auf die gegenüberliegende Seite der Bar.
„Meine Frau ist dort drüben." Und er strahlte wieder. „Verdammt, das fühlt sich gut an, dass zu sagen."
Jack lächelte höflich und folgte Petersons Blick.
Frobie lehnte an der Bar, flankiert von Frasier und Carter. Die drei Frauen waren dabei ein paar Gläser Tequila zu leeren- unter Anfeuerung von ein paar Soldaten.
„Okay, ich werde später zu ihr rüber schauen. Zuerst brauch ich einen Drink. Was ist Ihr Gift?"
Peterson nannte eine Biermarke die Jack nicht kannte. Dieser machte sich auf den Weg zur Bar und entdeckte dabei Daniel und Teal'c. Diese waren tief in einer Konversation vertieft.
„Jack! Ich hatte schon gedacht du kommst nicht mehr. Bin froh, Sam schuldet mir nun 10 Dollar."
Er sah zu Carter rüber, die gerade eine geviertelte Zitrone aussaugte. „Sie hat wohl gegen mich gewettet."
„Tja scheinbar kennt sie dich doch nicht so gut wie sie dachte."
Jack lächelte grimmig und schrie dem Barmann seine Bestellung zu. Er sah wieder in Carters Richtung und diesmal sah sie ihn ebenfalls an. Ihr Blick war zwar komplett neutral, doch er schrie Ärger mit jeder Sekunde. Sie trug ein enges Top, nichts besonderes, aber zu eng für ihn um ihre Kurven zu ignorieren. Sie hat irgendetwas mit Make Up gemacht, ihre Lippen sind dünkler und ihre Augen noch ausdrucksvoller als sonst. Sie leckte noch immer den Rest der Zitrone von ihren Lippen und ihre Wangen sind leicht errötet. Selbst von dieser Distanz konnte er das unfassbare Blau ihrer Augen sehen.
Sie lächelte ihn leicht an und Jack fühlte sich, als hätte er glühende Kohlen im Magen.
Sam Carter könnte einen Kartoffelsack tragen, sie wäre noch immer wunderschön.
Aber heute Abend, und er war sich durchaus im Klaren, dass er diesen Ausdruck niemals verwenden oder auch nur denken sollte, aber er passte zu gut um ihn zu verwerfen- heute Abend sah sie heißer aus als die verdammte Sonne. Und all das, obwohl er noch gar nicht ihre engen Hosen aus Leder gesehen hatte, die sie mit Sicherheit trug wenn sie mit dem Motorrad hier war.
Er nickte ihr ein höfliches Hallo zu und wandte sich sofort wieder ab. In dieser Sekunde beschloss er zwei Sachen.
Nummer eins: der Drink in seiner Hand war der letzte für heute Abend und Nummer zwei: die derzeitige Distanz zwischen ihm und Carter würde für den restlichen Abend so bleiben.
Komme was wolle.
Jack sah wieder zu Daniel und sagte schnell „Naja, ich bin nur für einen Drink hier, ich muss noch wohin. Also vielleicht schuldet sie dir nur 5 Dollar."
Er brachte Peterson das Bier und plauderte ein wenig mit ihm. Als Frobie neben ihnen auftauchte, beglückwünschte er auch sie und sprach noch ein paar Worte mit anderen Kollegen. Stets achtete er darauf, dass er nicht zu nahe an die andere Seite der Bar kam und er unter keinen Umständen in ihre Richtung schaute.
Er wusste, sollte er ihren Blick noch einmal fangen, würde er zu ihr gehen. Er würde mit ihr reden, er würde alles daran versuchen sie zum Lachen zu bringen, sie würde Lachen und vielleicht eine Hand auf seinen Arm legen und dann wäre er verloren.
Also trank er sein Bier und machte sich wieder zu Daniel und Teal'c. „Was, du gehst schon? Du bist gerade erst gekommen!" Daniels Stimme erhob sich unglücklich über den Lärm.
„Ich hab dir gesagt, ich muss noch wohin." Jack log nicht wirklich.
Er musste wirklich noch wohin. Nach Hause.
Daniel hob eine Braue. „Ich denke nicht, dass ich jemals zwei Menschen getroffen habe, die sich so sehr etwas vorlügen wie du und Sam."
Jacks Herz blieb kurz stehen und er verschluckte sich an dem letzten Schluck seines Bieres. Es brauchte all seine Selbstbeherrschung um nicht die Bar nach ihrem blonden Haar abzusuchen. „Wie bitte?"
Daniel schüttelte langsam seinen Kopf.
„Sie ist ebenfalls gegangen. Sie sagte, sie müsse noch etwas arbeiten."
„Tja, vielleicht muss sie das auch. Immerhin hat sie einige Proben von SG 16 bekommen, vielleicht ist sie nicht zufrieden damit."
Daniel nickte und nahm einen Schluck von seinem Bier.
„Ja genau. Das wird es sein, Jack."
Jack entschied sich, den Ton von seinem Freund zu ignorieren und verabschiedete sich hier und da von seinen Kollegen.
Technisch gesehen, ist Carter nun weg und er hatte keinen Grund mehr die Feier zu verlassen. Doch eigentlich war sie auch der Grund warum er überhaupt hier war, also war es sinnlos noch hier zu bleiben.
Die Luft draußen war kalt und frisch, scheinbar kam der Winter früher als erwartet und Jack war froh über seine dickere Jacke. Er blieb kurz stehen und fuhr sich mit der Hand durch sein Haar.
Er seufzte und setzte seinen Weg fort, ehe er abrupt stehen blieb.
Carter saß bereits auf ihrem Motorrad, bewegungslos. Ihre langen Beine waren ausgestreckt und hielten mühelos die Balance. Auf sie schien das Licht der Neonröhren, immer wieder flackerte es und ließ so das Mondlicht auf sie scheinen. In ihren Händen hielt sie ihren Helm aber sie machte keine Anstalten diesen aufzusetzen. Im Gegenteil, ihr Kopf war zurück gelehnt und sie starrte in den Himmel.
Sie biss sich auf ihre Unterlippe, wie sie es immer tat wenn sie versuchte sich zu beherrschen. Er war sich nicht sicher, aber er hätte schwören können, dass das Make Up um ihre Augen noch verwischter war. Es brauchte ein paar Herzschläge als er erkannte, dass es scheinbar Tränen waren die sich ihren Weg hinunter bahnten.
Jeder Tropfen fing das Licht des Mondes und leuchtete ihn an wie ein Scheinwerfer der ihn in der Seele brannte. Sie ist wunderschön, sie ist alleine und er hat keine Zweifel daran, dass sie aus demselben Grund wie er die Feier verließ. Und es gab nichts was er dagegen tun konnte. Es gab nichts was sagen konnte um es besser zu machen. Nichts. Er kann ihr nicht einmal sagen, dass er es wusste.
Also stand er dort. Bewegungslos und überlegte was er nun tun sollte. Eine Sekunde später wurde er seiner Entscheidung beraubt, denn sie warf ihren Kopf herum und sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Es herrschte kurz Stille, als sie sie als erste durchbrach.
"Colonel." hastig wischte sie über ihr Gesicht
"Major."
Sie nickte einmal scharf, sah hinunter auf ihren Helm und biss sich erneut auf ihre Unterlippe. Erneut breitete sich die Stille aus und er konnte sich nicht bewegen. Er wusste, sobald er einen Schritt machte, würden ihn seine Beine unweigerlich zu ihr tragen und es wäre vorbei.
Erneut wischte sie sich über ihr Gesicht und sprach so leise, dass Jack Probleme haben sollte sie überhaupt zu verstehen, doch es war als ob sie direkt neben ihm stand.
"Gott, das ist so dumm. Ich bin glücklich für die beiden. Wirklich."
"Wir alle sind das."
"Es ist nur.."
Sie unterbrach sich und er wusste, er sollte den Satz unvollendet lassen, doch er hörte sich auf einmal sagen "Es ist nur was, Sam?"
Sie machte ein Geräusch, was nicht weit entfernt von jenem ist, welches sie gemacht hatte als er sie küsste. Den Kuss an den sie sich niemals erinnern würde und es ist beinahe genug für ihn, um alles in den Wind zu schießen.
"Ist das alles was nötig ist?" Ihre Stimme ist erneut leise, wie ein Windhauch der über den leeren Parkplatz zu ihm getragen wird. "Verschiedene Teams?"
Er wusste genau was sie meinte und sein Herz klopfte wild in seiner Brust. Petersen und Frobie lernten sich in SG 15 kennen, doch als heraussen war, dass die beiden Gefühlte für einander entwickelt hatten, wurden beide in andere Teams gesteckt. Jack wusste das so genau, da Hammond ihn damals um seinen Rat gefragt hat. Ein seltsames Gespräch, vor allem da Hammond genau wusste was bei dem Za'tarc Vorfall passiert war.
Er versuchte eine Antwort darauf zu finden, aber er schaffte es nicht. Sie waren nicht Petersen und Frobie, welche beide Captains waren und SG1 war nicht SG 15. Also sagte er das.
"Ich weiß nur eines, Carter. Sie sind unersetzbar in SG1."
Sie warf ihm einen Blick zu, der zugleich voller Schmerz als auch Feuer war.
"Ich wünschte ich hätte auch einen Special Ops Kniff um das alles abzudrehen und zu ignorieren. Einfach so."
Sie starrten sich an und er war kanpp davor ihr zu zeigen, wie sehr er das nicht abdrehen konnte Wie schlecht er es ignorierte. Er würde die 20 Schritte zu ihr stapfen, seine Hände an ihren Schenkeln legen, das Leder spüren, sie aufheben und gegen die nächste Wand pressen. Er würde ihren Hals küssen und weiter wandern, bis er jeden Centimeter ihres Körpers gekostet hatte. Vermutlich hätte er genau das getan, wäre nicht in diesem Moment die Eingangstür der Bar aufgegangen.
Sofort setzte sie sich ihren Helm auf und trat ihr Motorrad an. Es geschah so schnell, dass Jack erst später realierte was passiert war. Sie war weg.
Er überlegte ihr nach zu fahren, aber er wusste sofort, dass er es nicht tun würde. Er wusste jetzt schon, dass sie morgen all das was an diesem Abend passiert war, schnellst möglich vergessen wollte und Gott weiß, es wäre besser wenn sie beide es vergessen würden.
Ausserdem war es sicherer für sie beide, wenn sie dachte, dass die steinernde Fassade bis in den Kern reichte. Jack war beinahe erleichtert, dass er es trotz allem schaffte sie beizubehalten, er dachte immer, dass seine Fassade aus Glas wäre- für jedermann, der sich die Zeit nahm näher hinzusehen, alles sichtbar.
Er rieb sich mit der Hand über sein Gesicht und wandte sich wieder zu seinem Truck um.
Ich muss damit aufhören. Ich kann sie nicht lieben. Ich kann nicht.
Natürlich belügt er sich selbst, denn wenn er den Gedanken auch nur zuließ, würde er feststellen, dass es bereits zu spät war.
