Kapitel 2: Schul(all)tag
Seit exakt fünf Tagen wechseln Michael Corner und ich kein Wort mehr miteinander. Auf den Fluren gehen wir beide aneinander vorbei mit erhobenen Köpfen und sturen Blicken, aber wir wissen beide, dass wir den Luftzug, der entsteht, wenn wir schnurgerade in entgegengesetzte Richtungen stiefeln, überdeutlich wahrnehmen,.
Seit fünf Tagen sitze nicht nur jeden zweiten, sondern absolut jeden Morgen neben Marietta am Ravenclaw-Tisch und sehe zu, wie sie schmatzend ihren Kürbissaft schlürft, um wach zu werden. Ich lasse mich von ihrem Wortstrom einlullen, der sämtliche Mädchenumhänge von Hogwarts und den Stil seiner Trägerinnen bewertet und die neusten Gerüchte verbreitet, zum Beispiel, dass Lavender Brown angeblich unglaublich in Fred Weasley verschossen ist, den Bruder ihres letzten Freundes.
Seit fünf Tagen fällt es mir täglich schwerer, meine vom Schlaf noch warme Decke zurückzuschlagen und aus dem Bett zu klettern. Stattdessen bleibe ich nach dem Weckerklingeln noch eine ganze Weile liegen und mein Blick hängt an den samtenen Vorhängen des Himmelbettes oder an dem mit feinen Linien durchsetzen Holz des Bettrahmens. Dann treibt mein Innerstes noch weiter in mich hinein, kugelt sich irgendwo ein, wo ich es nicht erreichen kann. Der anstehende Tag liegt vor mir und hat die Form einer pechgrauen, bauchigen Gewitterwolke.
Es geht mir schlecht. Ja, es geht mir schlecht.
Michael, obwohl er mindestens einmal die Woche betrunken ist, fehlt mir und meine allerbeste Freundin Marietta geht mir auf die Nerven, weil sie über oberflächliches Zeug quatscht und nicht durch meine Oberfläche dringt, um tiefer zu sehen. Wie durch eine Ganzkörperklammer gelähmt liege ich im Bett, während mir all dies durch den Kopf geht. Am Montagmorgen, am Dienstagmorgen, am Mittwochmorgen, am Donnerstagmorgen und auch heute, freitagmorgens.
„Cho? Cho Chang, ich denke, es wird Zeit aufzustehen!", sagt Marietta und setzt den Vorhang des Himmelbettes entschlossen in Bewegung.
Ich habe ihr nicht erzählt, was mit Michael passiert ist und sie hat ebenfalls nicht nachgefragt, als wolle sie mich zu nichts drängen. Oder ist es ihr am Ende nicht einmal aufgefallen?
„Ich komme", sage ich mit schleppender Stimme. „Ich komme ja schon."
Meine Beine prickeln, als ich sie über den Rand schwinge und einige Schritte gehe. Obwohl mein Körper sich schlapp anfühlt, bin ich froh, dass ich es wenigstens geschafft habe, aufzustehen.
Auf meinem Weg zum Waschraum komme ich an dem Fenster vorbei, das in die Schlossmauern eingelassen ist. Hinter dem schmutzigen Glas begrüßt mich Tag fünf: Ein neuer Morgen.
Marietta sitzt in ihrem weiten rosa Nachthemd auf ihrem Bett. Vor ihr steht wackelig ein Spiegel, dem sie ihr Gesicht zuwendet. Ihre Finger umklammern ihren Zauberstab, der über die Narben in ihrem Gesicht streift, während sie magische Worte wispert. Ich weiß nicht, der wievielte Zauber es ist, den sie da probiert, um die eingebrannten Worte auf ihrer Stirn verschwinden zu lassen, aber die vorherigen haben nicht funktioniert.
Sie schluckt schwer. „Scheint wieder nicht zu klappen", murmelt sie enttäuscht und ihre Pupillen gehen an mir vorbei und gucken aus dem Fenster. „Dabei ist der Spruch aus einem Buch der Bibliothek und nicht irgendein Hausrezept von irgendeiner Mutter."
„Ich glaube, du machst dir zu viele Gedanken", versichere ich ihr abwesend. Meine Augen folgen den ihren über die Ländereien von Hogwarts, die im orangen Licht der Morgensonne wie frisch gewaschen aussehen. „Man kann die Narben doch kaum mehr erkennen."
„Du hast leicht reden", murrt sie, als sie mir in den Waschraum folgt.
Gemeinsam stehen wir vor den Waschbecken und Spiegeln, zusammen mit den anderen Mädchen, aber es fühlt sich an, als wären nur wir beide da. Ich schaue Marietta an und Marietta mustert mein Spiegelbild mit feindselig zusammengekniffenen Augen.
„Wie meinst du das?", frage ich die Marietta im Spiegel.
Meine Freundin beginnt auf einmal eifrig in dem Beutel mit ihrer Zahnbürste und dem Gesichtswasser zu kramen. „Du hast alles. Du bist" –sie knallt ihre Haarbürste auf das Porzellan- „wunderschön. Sogar der berühmte Harry Potter wollte mit dir ausgehen." Sie zerrt ihre Zahnbürste aus dem Beutel und legt sie unsanft auf den Waschbeckenrand. „Du hast einen tollen Freund, auch, wenn ihr gerade Streit habt. Du bist besser als ich in der Schule. Über dich lacht keiner. Dich schaut keiner schief an." Sie hebt den Kopf und sieht mir direkt in die Augen. Vorwurfsvoll, als ob ich etwas für ihr vermeintliches Unglück könnte.
„Vielleicht ist das nicht alles? Vielleicht geht es mir deshalb auch nicht besser?" Irgendwo in meinem Hals, an meinen Stimmenbändern, entsteht ein leichtes Zittern.
Die Blicke der anderen Mädchen streifen uns, aber sie halten nicht inne, um uns anzuschauen. Ihr Getuschel liegt wie das Summen eines Bienenschwarmes in der Luft und füllt den großen gekachelten Raum aus.
„Was willst du denn noch?" Meine Freundin wendet sich ab und fängt an, an der Zahnpastatube herumzufummeln.
Ihre Frage trifft mich. Meine Lippen öffnen sich erstaunt einen Spalt breit. Sie hat recht. Was will ich noch? Eigentlich müsste ich glücklich sein.
Nachdem wir uns fertig gemacht haben, gehen wir schweigend die breiten Treppen zur Großen Halle hinunter und schaufeln dort geschäftig mit den anderen Ravenclaws das Frühstück in unsere Münder. Marietta schüttet sich ihren obligatorischen Becher Kürbissaft in den Rachen. Ich versuche krampfhaft Michael zu ignorieren, der genau drei Plätze von mir entfernt sitzt und laut einen Witz erzählt.
„Vergiss ihn für heute, Cho", sagt meine Freundin leise neben mir ohne mich anzusehen. „Oder noch besser: Vertrag dich mit ihm. Er ist toll."
„Er ist ständig betrunken", rutscht es mir heraus.
Marietta seufzt. „Nicht mehr oder weniger als die andern Jungs auch."
„Doch", widerspreche ich. „Viel mehr."
Darauf entgegnet meine Freundin nichts mehr, aber sie scheint ein wenig zu schrumpfen, als wollte sie von dem Platz neben Cho Chang verschwinden. Als wäre meine Anwesenheit ihr unangenehm.
Ich sage nichts weiter. Im Grunde genommen habe ich bereits zu viel gesagt. Das ging nur mich und Michael etwas an. Bei Marietta kann man sich nämlich nie sicher sein, dass sie den Mund hält. Mit gemischten Gefühlen studiere ich die dünne, faserige Haut an ihrer Stirn: Petze.
Eine eisige Stille hat sich endgültig zwischen uns ausgebreitet, als wir in Zaubereigeschichte nebeneinander sitzen und jemand Marietta zu ihrem neuen, hübschen Umhang gratuliert, der mir nicht einmal aufgefallen ist. Mit roten Wangen bedankt meine Freundin sich für das Kompliment und streicht, wie um es sich selbst noch einmal zu bestätigen, über den fließenden glänzenden Stoff.
Während Mr Binns uns in den Schlaf schwadroniert, spüre ich das vertraute Brennen an meinem Körper, das mich irgendwie ruhiger werden lässt. Ich denke an die Saite. Den grässlichen Ton und den Druck, den ich dabei verspüre, als würde mein Kopf gleich platzen und mein Gehirn an die Seitenwände um mich herum schleudern.
Ich kann mich noch erinnern, wann es begonnen hat zur Regelmäßigkeit auszuarten. Das war, als Cedric gestorben ist.
Auf einmal bin ich hellwach.
Cedric.
Manchmal, wenn ich nachts nicht schlafen kann, versuche ich an ihn zu denken und das Gefühl von Stetigkeit und Vertrautheit zurückzurufen, das ich in seinem Beisein verspürt habe. Auf Cedric konnte man sich verlassen. Immer. In jeder Lebenslage. Er war mein erster Freund. Der erste, dessen raue Lippen die meinen verschlossen haben, der erste, der meine Schultasche für mich getragen hat, als ich Rückenschmerzehn hatte, der erste, dessen gestammeltes „Ich liebe dich" in mein Ohr geweht ist, kaum hörbar, wie ein Geheimnis, das nur zwischen uns existierte. Gott. Manchmal fühle ich mich schuldig, weil ich immer mehr vergesse, wie er tatsächlich ausgeschaut hat.
An den Sommer nach seinem Tod habe ich nur wenige Erinnerungen. Ich weiß, dass ich tagelang aus dem Fenster gestarrt und die Straße beobachtet habe, als würde er gleich vorbeikommen, ich weiß, dass meine Eltern besorgte Blicke ausgetauscht haben, wenn sie dachten, ich würde es nicht sehen, ich weiß, dass ich mich nicht dazu überwinden konnte, sein Grab alleine zu besuchen und ich erinnere mich noch an den Alptraum, den ich Nacht für Nacht gehabt habe: Cedric, auf einem weißen Laken liegend – und überall um ihn herum Blut, Blut, Blut. Nacht für Nacht bin ich atemlos erwacht und ins Badezimmer geschlichen, um mich von den Bildern zu befreien...
„Cho Chang? Ich habe Sie, denke ich, etwas gefragt. Sind Sie bei uns?" Mr Binns räuspert sich.
Ich fahre zusammen. „Wie bitte, Sir?"
Marietta verdreht die Augen, doch sie kommt mir nicht zur Hilfe.
„Miss Chang – wenn das so weitergeht, bin ich nicht sicher, ob ich Ihnen für dieses Jahr überhaupt ein A geben kann. Ich appelliere inständigst an Sie, sich anzustrengen. Sie sind schon immer einer von den klugen Köpfen gewesen. Ist etwas passiert, dass Ihre Leistungen in dem Maße abgefallen sind?", fragt Mr Binns mich nach der Stunde, als die anderen bereits aus dem Klassenzimmer strömen.
Cedric ist tot, hätte ich, in Gedanken versunken, am liebsten gesagt. Aber Cedric ist bereits seit über einem Jahr tot. Ich bin nicht sicher, ob mich jemand verstehen würde.
„Nein, alles in Ordnung." Ich versuche zu lächeln. „Tut mir Leid, Mr Binns."
Mein Körper fühlt sich heiß an. Und während ich in das faltige Gesichts unseres tödlich langweiligen Lehrers blicke, wird mir klar, dass alles kein Spiel mehr ist. Ich kann der Macht, die die bebende Saite über mich hat, nicht entfliehen. Nicht, wenn ich nicht laut schluchzen kann, dass Cedric verdammt noch mal gestorben ist, ohne es verdient zu haben Nicht, wenn Michael immer weiter säuft und sich im jedem Glas Butterbier ein Quäntchen mehr auflöst. Nicht, wenn ich angeblich alles besitze und deshalb nicht aussprechen darf, dass es mir nicht gut geht.
Vor mir tut sich ein Abgrund auf, denke ich mit angstgeweiteten Augen, als ich vor Mr Binns in das Schülergetümmel flüchte.
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