Kapitel 3 – Das wirst du bereuen
Als Seto Kaiba am nächsten Morgen sein Büro betrat, war er erstaunlich guter Laune.
Er hatte ein erholsame, wenn auch nicht sonderlich lange Nacht hinter und einen, für seine Verhältnisse doch recht entspannten Tag vor sich.
Lediglich eine kurze Besprechung mit einem seiner Vertriebsleiter sowie ein Meeting mit seinem PR-Manager standen auf dem Plan. Danach würde er sich seinen alltäglichen Aufgaben zu wenden und ganz nebenbei sicher noch ein wenig Zeit für einen kleinen Besuch bei diesem Köter von Wheeler finden.
Ein Gedanke, der ein Lächeln über sein Gesicht huschen ließ.
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Währendessen saß Joey schon wieder vor einem Berg Duelldisks.
Nachdem Kaiba gegangen war, hatte er mit Mühe und Not den Rest seiner unfreiwilligen Nachtschicht hinter sich gebracht, nur um jetzt direkt mit seiner ganz normalen Tagesschicht weiter zu machen.
Dabei war ihm die Erschöpfung geradezu ins Gesicht geschrieben. Er sah völlig fertig aus. Sein Shirt klebte an seinem Oberkörper und seine Haare fielen ihm strähnig ins Gesicht.
Und dann waren da noch die tiefen, dunklen Ränder unter seinen Augen. Die Zeit seiner durchzechten Partynächte war schon seit einer Ewigkeit vorbei und er war es nicht mehr gewohnt, so lange auf den Beinen zu sein.
Dennoch versuchte er sich in Gegenwart seiner Kollegen, die am Morgen alle gut erholt zur Arbeit erschienen waren, nicht hängen zu lassen.
Ein kleiner Muntermacher war alles, was ihm fehlte, so sagte er sich und ließ sich einen große Becher Kaffee aus dem Automaten im vorderen Teil der Halle. Die braune, bittere Brühe würde es schon wieder richten.
Und wenn er sich in der Mittagspause ein stilles Plätzchen in den Umkleidkabinen der Arbeiter suchen und ein wenig Schlaf nachholen würde, würde es schon irgendwie gehen.
Ein paar Stunden mehr oder weniger, darauf kam es jetzt nun wirklich nicht mehr an.
Joey versuchte es einfach leicht zu nehmen.
Das war seine Art. Positiv denken und nicht aufgeben!
Jammern hätte ihn nicht weitergebracht. Es war nun einmal, wie es war:
Er brauchte diesen Job.
Und wenn er ihn nur mit Streichhölzern zwischen den Augenliedern machen konnte, würde er das eben tun.
Vielleicht hätte er anders gedacht, wenn er geahnt hätte, was an diesem Tag noch auf ihn zukommen sollte, oder besser wer.
Es war kurz vor der Mittagspause, als sich plötzlich die großen Flügeltüren der Halle öffneten. Und dann folgte etwas, dass die Arbeiter in diesem Teil der Kaiba-Corporation noch nie zu vor erlebt hatten.
Seto Kaiba persönlich gab sich die Ehre.
Ein Großteil der Anwesenden war ihm noch nie zu vor begegnet und demnach durch seinen spontanen Auftritt sehr überrascht. Oder sie waren einfach eingeschüchtert. Ein Gefühl, das Kaiba nur zu gut und zu gern vermittelte.
Der Schichtleiter Shiro war natürlich sofort zu Stelle um den jungen Firmenchef zu begrüßen.
„Oh, Mr. Kaiba. Welche Ehre! Was führt sie …"
Aber Kaiba winkte nur ab.
Hocherhobenen Hauptes schritt er, flankiert von zwei seiner Bodyguards, den Gang zwischen den Fertigungs-Plätzen entlang.
Ein paar Arbeiter fingen sich langsam und erwachten aus ihrer Starre.
Sie verneigten sich leicht vor ihm und grüßten ihn mit einem höflichen aber zaghaften „Guten Tag, Mr. Kaiba!"
Aber auch sie beachtete er kaum. Sein fast schon desinteressierter Blick war stur geradeaus gerichtet. Das änderte sich erst, als er bei Joey ankam. Er hielt inne und blickte auffordernd auf den Blonden herab, der sich mittlerweile wieder an seine Arbeit gemacht hatte.
Für ihn war Kaiba keine Attraktion. Er kannte ihn lange genug und hatte nicht gerade das Bedürfnis, sich bei ihm einzuschleimen, so wie Shiro es tat, der wie ein Schoßhund hinter Kaiba und seinen Männern her trottete.
„Was ist Köter? Willst du deinen Arbeitgeber nicht angemessen begrüßen?"
Joey blickte auf und warf Kaiba einen gelangweilten Blick zu.
„Wie denn?", fragte er trocken, „Mit einem Tritt?"
„Das war nicht ganz, was ich meinte!"
Kaibas Stimme war eisig wie immer, während seine blauen Augen Joey fixierten.
Dieser verstand nicht ganz, was der Brünette mit dieser Aktion bezweckte. Zwar kannte er die herablassende Art seines Gegenübers nur zu gut, dennoch war es ihm ein Rätsel, warum Kaiba ihn nun vor versammelter Mannschaft so provozierte. Ihm musste doch klar sein, dass Joey so etwas normalerweise nicht auf sich sitzen ließ. Aber wenn er es so sehr auf ein Wortgefecht anlegte, sollte er auch eine passende Antwort bekommen:
„Was meintest du denn dann, kleiner Prinz? Sei doch so gütig und drück dich etwas einfacher aus, du weißt schon, so, dass es auch das Volk versteht"
„Du meinst wohl Leute, wie du, deren Verstand gerade soweit ausgebildet ist, dass sie selbstständig atmen können. Aber ich will mal nicht so sein, Wheeler. Also, ganz speziell für dich: Ich meinte, mit Respekt"
„Respekt?", höhnte Joey. Ein Grinsen zog sich auf sein Gesicht. Er war aufgestanden und sah Kaiba nun direkt an. Einen momentlang musterte er ihn von Oben bis Unten. "Vor dir? Das ich nicht lache? Warum sollte ich vor dir Respekt haben, reicher Knabe?"
„Hmm, lass mich überlegen", entgegnet Kaiba betont ruhig, „Vielleicht weil ich dein verdammter Boss bin!" Wie immer verzog er keine Miene. Lediglich eine Augenbraue erhob sich leicht.
Joey hingegen lachte nur vor sich hin.
„Jetzt bleib mal locker! Du musst hier nicht den Obermaker spielen. Im Grunde bist du hier doch genauso zufällig reingerutscht wie ich, Kumpel. Der Unterschied ist nur, dass ich mir diesen Drecksjob erarbeiten musste, du hast dich einfach adoptieren lassen. Also mach mal Halblang, Goldjunge!"
Setos Augen verengten sich in Sekundenbruchteilen.
Dies war der Moment in dem Joey Wheeler definitiv zu weit gegangen war.
Wenn Kaiba etwas noch wütender machte als eine öffentliche Demütigung, dann war es die Herabwürdigung seiner Leistung als Präsident der Kaiba-Corp.
Doch eine Kombination aus Beidem, glich beinahe schon einer Aufforderung zum Mord, der er in diesem Augenblick nur zu gerne nachgekommen wäre.
Aber in seiner Position konnte er sich einen solchen Affront nicht erlauben.
Er musste sein Gesicht wahren.
Er zwang seine Finger auseinander, die sich im Affekt zu Fäusten verkrampft hatten und atmete hörbar ein. Dann, noch immer um Fassung ringend, trat er an Joey heran. Es kostete ihn all die Selbstbeherrschung, die er aufzubringen vermochte, seine kühle Maske zu diesem Zeitpunkt aufrecht zu halten.
Seine Bewegungen schienen ungewöhnlich kantig, als er sich hinunter beugte und sein Gesicht dicht neben dem von Joey platzierte.
Als er sprach war kaum mehr als ein gefährliches Flüstern zu hören:
„Das wirst du bereuen, Wheeler! Darauf gebe ich dir mein Wort!"
Joey spürte Kaibas Atem an seinem Hals, der ihm einen Schauer über den Rücken jagte und wich, wie vom Donner geführt, zurück.
„Hey Kaiba, was wird das?", schrie er. Seine Augen waren vor Schreck geweitet.
Diese Nähe! Seit wann kam ihm Kaiba so bedrohlich nahe?
Was sollte das? War das etwas seine neue und verbesserte Art Leuten Angst einzujagen? Wenn ja, war sie durchaus erfolgreich. Jedenfalls für einen kurzen Augenblick. Doch das würde Seto Kaiba nie erfahren, denn Joey war keineswegs willens, vor seinem erklärten Todfeind auch nur die geringste Schwäche zu zeigen.
Also überspielte seine Unsicherheit kurzerhand mit einem Lächeln und setzte innerhalb weniger Sekunden zum Gegenschlag an.
Ohne überhaupt großartig darüber nachzudenken, schleuderte er Kaiba den ersten Spruch entgegen, der ihm einfiel:
„Willst du mich anmachen, oder warum flüsterst du mir jetzt schon kleine Schweinereien ins Ohr?"
„WHEELER!"
Die Menge der Arbeiter zuckte zusammen.
Ken Shiro hatte einen Aufschrei nicht unterdrücken können.
Seine Augen waren weit aufgerissen und starrten ungläubig auf Joey.
„Wie können sie es wagen?", schrie er, „Entschuldigen sie sich sofort für diese Unver…."
Doch Kaiba hob die Hand und unterbrach den aufgebrachten Schichtleiter abermals.
Shiro verstummte und augenblicklich war es in der Halle totenstill.
Alle Blicke waren auf Joey und Kaiba gerichtet.
Für Außenstehende mochte Seto Kaiba noch immer ungerührt aussehen. Seine Miene war steinern. Er vermittelte fast schon den Eindruck, der einzige Mensch innerhalb dieser Halle zu sein, der Joeys Unverschämtheit überhört hatte. Doch wer genauer hinsah, erkannte, dass seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammen gepresste waren und seine Hände leicht bebten.
Kaum merkbar atmete er tief durch. Dann drehte er sich um und wand sich, zur Überraschung aller, an seine Angestellten. Dabei hatte seine Stimme ihren gewohnt kühlen und festen Klang. Nichts deutete darauf hin, dass er in seinem Inneren vor Wut schäumte, als er sprach:
„Herrschaften, sie leisten hervorragende Arbeit.
Und das ist etwas, dass in meinem Unternehmen durchaus honoriert wird. Als kleine Annerkennung für ihren Fleiß werde ich ihnen allen den Rest des Tages freigeben. Sie dürfen gehen"
Ein Raunen ging durch die Menge. Die Männer und Frauen waren über die Reaktion und das Handeln ihres Chefs sehr verwundert.
Nur wenige von ihnen, folgten der Aufforderung sofort.
Erst als Kaiba seinen Leibwächtern ein Zeichen gab, worauf hin diese die völlig irritierten Arbeiter vor sich her zum Eingang trieben, leerte sich die Halle langsam
Der Ältere der beiden, welcher eine dunkle Sonnenbrille trug, packte im Vorbeigehen Shiro am Arm und zog ihn unsanft hinter sich her.
Die Eingangstore wurden geschlossen. Wieder war es still.
Joey hatte sich bis dato nicht vom Fleck gerührt. Ebenso verwirrt wie der Rest seiner Kollegen hatte er Kaiba angestarrt, der ihm beharrlich den Rücken zudrehte.
Allerdings entsprach es nicht seinem Naturell sich all zu lange Gedanken über etwas zu machen. Schon gar nicht wenn es sich dabei um Kaiba handelte.
Den würde er eh nie verstehen.
Außerdem hatte er langsam genug davon hier schweigsam herumzustehen.
Er stemmte die Hände in die Seite und seufzte theatralisch.
„Willst du mit mir allein sein, oder was wird das hier?"
Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als Kaiba sich plötzlich umdrehte.
In seinen Augen stand purer Hass geschrieben.
Joey musste hart schlucken.
Da wurde er auch schon am Kragen seines Shirts gepackt. Die Bewegung war so schnell und unerwartet gewesen, dass Joey nicht mehr reagieren konnte.
Er wurde herumgeschleudert und prallte mit der Hüfte gegen die Kante seines Arbeitstisches.
Ein Schrei entkam seinen Lippen. Teils vor Schmerz – das würde sicher einen riesengroßen blauen Fleck geben – Teils vor Überraschung.
„Was… Was soll das Kaiba?", stammelte er und versuchte sich aus dem eisernen Griff zu winden. Vergeblich. Setos Finger gruben sich hart in Joeys Oberteil und drückten diesen brutal gegen die Tischkante.
„Du hast die Grenze mehr als einmal überschritten, Wheeler"
