Kapitel III
Und auf weißem Schwanengefieder,
Weich gebettet, fand ich mich wieder,
Dort, wo die Träumenden glücklich sind.
Joachim Ringelnatz - Wandle träumend jeder für sich
--*--
„Pst! Remus!"
Jemand rüttelte ihn an der Schulter. Remus knurrte unwillig.
„Komm schon, Moony, wach auf!"
Remus kämpfte darum, die Augen zu öffnen. Es war ein zäher Kampf, doch schließlich trug er den Sieg davon.
Im Licht ihrer Zauberstäbe standen James und Peter vor seinem Bett, beide im Schlafanzug und beide mit einem in buntes Papier gehüllten Päckchen unter dem Arm. James grinste, Peter hinter ihm gähnte verstohlen.
„'S schon Zeit?" murmelte Remus schlaftrunken und rieb sich die Augen. James schnaufte.
„Nein, du Pappnase, wir stehen zum Spaß hier rum", wisperte er ungeduldig. „Jetzt komm endlich!"
Umständlich schälte sich Remus aus den Decken. Es war kalt im Schlafsaal, deshalb schlüpfte er in seine Pantoffeln, bevor er aus der unteren Nachttischschublade ein in Geschenkpapier gewickeltes Päckchen nahm. Einen Moment wog er es in der Hand und starrte es nachdenklich an.
„Moony!" zischte James.
Remus fuhr zusammen, sprang schnell auf und folgte seinen beiden Freunden, die bereits auf die andere Seite des Zimmers geschlichen waren.
Die Vorhänge des vierten Bettes im Raum waren nicht geschlossen, doch Sirius hatte sich so tief in seine Decke eingemummelt, daß man praktisch nur ein paar schwarze Haarsträhnen von ihm sah. In James' Augen blitzte der Schalk.
„Bereit?" flüsterte er.
„Warte."
Remus angelte sich Sirius' Zauberstab vom Nachttisch und legte vorsichtshalber einen schalldämpfenden Zauber auf den Raum. Dann nickte er James zu.
„Okay, auf drei. Eins... zwei... drei!"
„ÜBERRASCHUNG!"
Keuchend fuhr Sirius aus dem Schlaf, kämpfte mit seiner Decke, stieß mit dem Kopf heftig gegen das hölzerne Kopfbrett des Bettes, aber schließlich gelang es ihm, sich aufzusetzen. Seine Augen sprühten förmlich Funken, als er seine drei Freunde anstarrte, die sich um sein Bett versammelt hatten.
„Welcher Troll hat euch denn ins Hirn gespuckt, ihr Idioten?!" fuhr er sie an, während er sich mit einer Hand den schmerzenden Hinterkopf rieb. „Was soll der Blödsinn, wie spät ist es?"
„Es ist exakt zwei Uhr fünfundvierzig morgens am achtzehnten November neunzehnhundertsechsundsiebzig", verkündete James feierlich. „Und aus diesem Grunde geben sich die hochwohlgeborenen Herren Moony...", er deutete auf Remus, „Wurmschwanz...", damit zeigte er auf Peter, „und Krone...", er legte mit spöttisch demütiger Geste die Hand auf die eigene Brust, „die Ehre, ihr jüngstes Mitglied Sirius Orion Black, genannt Tatze, hiermit offiziell in den erlauchten Kreis der ‚Sweet Sixteen' aufzunehmen." Mit dem breitesten Grinsen seit Menschengedenken griff er nach Sirius' Hand und schüttelte sie kräftig. „Herzlichen Glückwunsch, Tatze!"
„Ihr könnt mich mal!" fauchte Sirius wütend.
„Das tun wir ja", erwiderte Remus und hatte Mühe, sich das Lachen zu verkneifen. „Wir beglückwünschen und beschenken dich."
„Genau. Hier!" Peter warf Sirius das Päckchen zu, das er die ganze Zeit über festgehalten hatte, doch James fing es ab.
„Nichts da, zuerst wird mal angestoßen. Accio Butterbier!"
Die vier gerufenen Flaschen kamen brav angesurrt und landeten akkurat in je einer ausgestreckten Hand. James hielt seine auffordernd in die Höhe.
„Gentlemen... auf Tatze!"
„Auf Tatze!"
Glas klirrte, als die Flaschen gegeneinander stießen. Nach den ersten drei, vier Schlucken wirkte Sirius schon beinahe versöhnt.
„Ihr seid ein total bescheuerter Haufen", teilt er seinen Freunden mit. James winkte generös ab.
„Keine Dankesreden, bitte. Und jetzt pack aus!"
Peter hatte ein erlesenes Sortiment der besten Süßigkeiten zusammengestellt, die der ‚Honigtopf' zu bieten hatte: Bertie Botts Bohnen in allen Geschmacksrichtungen, Zuckerfedern, Lakritzzauberstäbe, Brausekugeln, Kaugummi und ein halbes Dutzend verschiedener Schokoladensorten - letzteres eher eine medizinische Maßnahme, denn Sirius litt an einer ausgeprägten Schokoladensucht. Es wunderte Remus nicht, daß Tatze das erste Stück schon in der Hand hielt, bevor er überhaupt das Geschenkpapier richtig entfernt hatte.
„Laß den blöden Süßkram", sagte James ungeduldig, Peters beleidigtes Gesicht ignorierend. „Mach lieber das hier auf."
Das Päckchen war in dunkelrotes Papier gewickelt und hatte die Maße eines größeren Schulbuchs. Sirius beäugte es mißtrauisch.
„Ein Buch?" fragte er James ungläubig, doch der lächelte nur geheimnisvoll.
Sirius riß das Papier auf. Unwillkürlich beugte Remus sich vor, um besser sehen zu können, obwohl er längst wußte, was das Päckchen enthielt. Sirius entfernte die letzte Lage Papier.
Es war tatsächlich ein Buch, aber nicht irgendeines. Es war der brandneue Quidditch-Bildband der Falmouth Falcons, Sirius' Lieblingsmannschaft, der erst Anfang des Monats erschienen war. Fassungslos starrte Sirius auf den Einband, auf dem die Mannschaft ein paar gefährlich aussehende Flugmanöver vollführte.
„Wo hast du das her? Ich hab mindestens drei Mal an Flourish&Blotts geschrieben; jedesmal hieß es: Sorry, ausverkauft, warten auf Nachschub."
Remus fand, daß es an der Zeit war, ihren Freund mit der Wahrheit zu konfrontieren. „Weißt du, Tatze, ich bin sicher, sie hätten dir das Buch verkauft", erklärte er behutsam, „wenn sie einen deiner Briefe bekommen hätten."
Sirius war zu sehr Rumtreiber, um nicht zu begreifen, was das bedeuten sollte. Sehr langsam wandte er den Blick von Remus zu James.
„Du hast meine Briefe abgefangen." Es war keine Frage. „Du hast meine Briefe abgefangen und mir dann gefälschte Antworten untergejubelt."
„Jep", erwiderte James gutgelaunt und nahm sich eine Brausekugel. „Und ich muß sagen, Tatze, es war erschreckend einfach, dich damit dranzukriegen."
Sirius ballte die Fäuste, als er scharf die Luft durch die Nase einzog. „Und das findest du komisch, ja?!"
Das Grinsen verschwand aus James' Gesicht. Er hob abwehrend die Hände.
„He, Mann, ich hatte keine Wahl!" verteidigte er sich. „Ich hab das Buch für dich besorgt an dem Tag, als es rauskam, weil ich wusste, daß du total aus dem Häuschen sein würdest, aber dann gehst du Idiot hin und willst das verdammte Ding bestellen!" Er spuckte das Wort förmlich aus, als hätte es einen üblen Beigeschmack. „So was macht man nicht, Tatze, man kauft keine neuen Sachen zwei Wochen, bevor man Geburtstag hat. Das ist unethisch!"
„Und wieso hast du nicht einfach was gesagt?" schoß Sirius wütend zurück.
James verdrehte die Augen. „Dann wär's doch keine Überraschung mehr gewesen, Blödmann!"
Sirius atmete tief durch und legte das Buch beiseite. Mit beiden Händen faßte er James an den Schultern und sah ihm fest ins Gesicht. Die Rumtreiber hielten den Atem an.
„James", sagte Sirius sehr ruhig und sehr betont. „Kumpel, ich meine das jetzt ganz ernst: Ich liebe dich. Und ich will ein Baby von dir."
Die Spannung löste sich in prustendem Gelächter. James versetzte seinem Freund einen gutmütigen Schubser, Sirius verteilte eine großzügige Portion Schokolade, und dann wurde erst einmal das Buch genauer in Augenschein genommen und die einzelnen Abbildungen ausführlich diskutiert.
Remus war nicht weniger Quidditch-vernarrt als die meisten Zaubererjungen in ihrem Alter, aber diesmal war er nicht wirklich bei der Sache. Er warf einen flüchtigen Blick auf sein Geschenk, das noch immer neben ihm auf der Bettdecke lag. Angesichts von Sirius' Begeisterung für James' und Peters Geschenke kamen ihm doch Zweifel, ob das, was er sich da ausgedacht hatte, wirklich eine so gute Idee war. Vielleicht sollte er doch
lieber -
„He, Remus, was ist mit deinem Geschenk?" Peter blickte von dem Buch auf, als hätte er seine Gedanken gelesen.
„Ja, Moony", schloß James sich an und hob ebenfalls den Kopf. „Du hast ja ein mächtiges Geheimnis draus gemacht."
Alle drei musterten ihn nun erwartungsvoll. Remus schluckte. Soviel dazu.
„Ähm... ja", erwiderte er schnell und gab sich einen Ruck. „Hier." Er tastete hektisch nach dem Päckchen an seiner Seite und hielt es Sirius hin.
Es war gerade mal so groß wie seine Hand, und Sirius schien ein wenig überrascht angesichts der geringen Größe, doch er nahm es gespannt entgegen. Dabei berührten sich ihre Finger.
Sirius zuckte zurück. Er tarnte es geschickt als spielerischen Ruck, als wolle er sagen: Gib schon her!, aber Remus bemerkte es, so wie er es in den letzten Tagen immer bemerkt hatte, wenn Sirius engerem Kontakt mit ihm auswich. Er vermied jedes freundschaftliche Schulterklopfen, er lieh sich Hemden, Seife und Handtücher nur noch von James oder Peter, wenn er seine eigenen Sachen mal wieder nicht finden konnte, ja, er schaffte es sogar, daß im Unterricht oder bei den Mahlzeiten in der Großen Halle immer mindestens einer ihrer Freunde zwischen ihm und Remus saß. Alles nur Kleinigkeiten, die im Grunde nicht der Rede wert waren, aber sie taten Remus jedesmal ein bißchen mehr weh. Er glaubte zu wissen, was der Grund für Sirius' Distanziertheit war, und der Gedanke erfüllte ihn mit Trauer, Wut, Angst und Selbstekel.
Sirius löste die Schnur, die um das Päckchen gebunden war, und entfernte das Papier. Darunter kam eine Holzschachtel mit einem metallenen Schnappverschluß zum Vorschein. Peter und James lehnten sich neugierig vor, als Sirius behutsam den Deckel öffnete.
Auf einem Stoffpolster lag an einem geflochtenen Lederband ein silberner Anhänger in Form eines Wolfs. Das Tier stand aufrecht und stolz, den Kopf über die Schulter zurückgewandt und die Schnauze zum Himmel gereckt, so daß man fast hören konnte, wie der Leitwolf sein Rudel zu sich rief. Die Ausführung verriet einen geübten Künstler; selbst Krallen und Zähne des Wolfs waren detailgetreu herausgearbeitet.
Die Mienen der hochwohlgeborenen Herren Wurmschwanz, Tatze und Krone spiegelten ein nahezu identisches Maß an Verblüffung wider.
„Was ist das?" fragte Peter verunsichert.
James kicherte. „Na, das ist doch klar, oder?" erwiderte er. „Das ist ein Halsband für unser Hündchen!"
Remus wurde ganz heiß bei diesen Worten. Er warf einen schnellen Blick auf Sirius, der nicht sehr begeistert aussah.
James griff sich die Kette und ließ sie an einem Finger in der Luft baumeln. Der Anhänger blitzte im Licht.
„Toller Gag, Moony", feixte er. „Das mußt du ab jetzt tragen, Tatze, damit man weiß, zu welchem Rudel du gehörst!"
Peter prustete albern. „Ja, Sirius, zeig mal, wie du damit aussiehst!" Er versuchte, Sirius die Kette umzuhängen, doch der wehrte sich entschieden. James und Peter schnappten nach Luft vor Lachen.
Der Wolf in Remus heulte wütend auf bei dem Anblick, und er mußte sich beherrschen, nicht dasselbe zu tun. Dieses Geschenk war kein blöder Geburtstagsgag. Er hatte seinen letzten Knut dafür ausgegeben und viel Zeit darein investiert, das Lederband zu flechten, weil er keine Erfahrung mit solchen Handarbeiten hatte. Was fiel diesen Idioten ein, sich darüber lustig zu machen!
„Gib das her!" Er schnappte Peter die Kette aus der Hand und legte sie in die Schachtel zurück, die er schnell verschloß. „Tut mir leid". Er sprach Sirius an und hörte selbst, wie angespannt und abweisend seine Stimme klang. „Ich dachte, das gefällt dir vielleicht, jetzt, wo du dich verwandeln kannst und alles... aber das war wohl `ne blöde Idee... ich besorge dir was anderes; vergiß es einfach, okay?" Noch während er sprach, fühlte er seine Wangen heiß werden vor Scham und unterdrückter Wut. Er wollte die Schatulle in seine Tasche stecken, aber Sirius war schneller.
„Nein", protestierte er, und bevor Remus reagieren konnte, hatte er ihm die Schachtel aus der Hand genommen. „Geschenkt ist geschenkt. Außerdem hab ich gar nicht gesagt, daß es mir nicht gefällt. Ich frag mich nur... na ja... wie du drauf kommst, mir Schmuck zu schenken."
Es war plötzlich sehr still geworden. Peter und James schauten halb gespannt, halb besorgt von einem zum anderen, aber Remus beachtete sie nicht. Aufmerksam verfolgte er, wie Sirius die Schatulle wieder öffnete und einen zögerlichen Blick hineinwarf.
„Aber es gefällt mir", fuhr er schnell fort und sah wieder auf. „Ehrlich. Danke."
Remus nahm den Dank zur Kenntnis, aber es war mehr als deutlich, daß Sirius keine Ahnung hatte, was er von dieser Gabe halten, geschweige denn damit anfangen sollte.
Ein befangenes Schweigen legte sich auf die kleine Gruppe. Sirius warf James einen hilfesuchenden Blick zu.
„Okay", sagte James entschlossen. „Wer will noch `n Bier?"
--*--
Erst zwei Flaschen Butterbier später, als sie bereits die Hälfte des Süßigkeitenvorrats vertilgt und Sirius und Peter sich in eine hitzige Diskussion über die Quidditch-Regeln verstrickt hatten, entsann sich Remus seiner Pflichten als Vertrauensschüler und löste die kleine Party auf.
„Warum?" fragte Peter enttäuscht. „Wir haben morgen als erstes Zaubereigeschichte, da können wir doch ausschlafen."
„Oder wir lassen die Schule ganz ausfallen und machen `ne richtige Sause." Sirius' Augen glänzten bei dieser Vorstellung.
„Das kommt nicht in Frage", erwiderte Remus und gab sich Mühe, möglichst streng und autoritär zu klingen, aber er merkte selbst, daß es ihm nicht gelang. Nach drei Flaschen Butterbier erschien auch ihm der Gedanke an einen freien Tag gar nicht so abwegig.
„Er hat Recht, Tatze", sagte James spöttisch, während er unter seine Decke kroch. „Du kannst doch an deinem Geburtstag unseren verehrten Mitschülern nicht deine Anwesenheit vorenthalten. Außerdem, wenn du nicht brav in deinen Muggelkunde-Kurs gehst, hab ich keine Zeit, die große Party im Gemeinschaftsraum vorzubereiten."
Das war nicht ganz die Begründung, die Remus im Sinn gehabt hatte, aber er beschloß, das Thema nicht weiter zu verfolgen, als seine beiden Freunde sich verschwörerisch angrinsten.
Er schlüpfte als letzter unter seine Decken und wollte gerade das Licht löschen, als er Sirius' Blick auffing, der ihn aus seinen dunklen Augen nachdenklich beobachtete.
Es blieb Remus erspart, sich eine Reaktion darauf überlegen zu müssen, denn als ihre Blicke sich kreuzten, schloß Sirius schnell die Augen. Remus fühlte einen Stich in der Brust.
Er löschte das Licht seines Zauberstabs mit einem geflüsterten ‚Nox', dann zog er die Vorhänge zu und sich selbst die Decke über den Kopf, vergrub das Gesicht in den Kissen und kämpfte gegen die Tränen an. Soviel also zu seinen genialen Ideen.
Oh, er wußte sehr gut, warum Sirius seit neuestem so zurückhaltend ihm gegenüber war. Es war noch keine zwei Wochen her, seit der Wolf das Rudel verstoßen und dem schwarzen Hund eine ernsthafte Bißverletzung zugefügt hatte. Zwar hatte Sirius nicht mehr als eine Narbe von dieser Wunde zurückbehalten, zwar beteuerte er immer wieder, daß er weder Remus noch Moony die Schuld gebe, doch Remus fühlte deutlich die Beklommenheit in jedem Wort und Blick, die sein Freund an ihn richtete.
Er machte Sirius nicht den geringsten Vorwurf. An seiner Stelle hätte er genauso reagiert. Und doch war dies genau die Situation, die Remus so lange gefürchtet hatte: Sirius hatte die Bestie erkannt, die in ihm steckte, und war dabei, sich von ihm zurückzuziehen. Wenn er mit Remus brach, würde James zu seinem besten Freund halten, und für Peter war alles, was James und Sirius taten, so gut wie Gesetz.
Der kühle Stoff unter seinen Wangen nahm lautlos die Tränen auf, während er sich bemühte, kein Geräusch zu machen, das ihn verraten könnte.
Er würde sie verlieren. Er würde seine besten Freunde verlieren. Er würde Sirius verlieren, und mit ihm den schwarzen Hund.
Nicht, daß Moony sich dem Rest seines Rudels nicht verbunden fühlte, so wie es ein Leitwolf tun sollte. Aber Tatze war der Gefährte, nach dem der Wolf gesucht hatte; einer, der dieselbe Sprache sprach und die gleichen Gedanken teilte. Seit Tatze da war, war Moony nicht mehr das wilde Raubtier, das Remus kannte. Der schwarze Hund hatte in wenigen Nächten geschafft, was ihm in all den Jahren nicht gelungen war: Er hatte den stolzen Wolf schon beinahe gezähmt.
Remus bezweifelte, daß jemand, der nicht in seiner Situation war, nachfühlen konnte, was das für ihn bedeutete. Und doch, er wollte so sehr, daß Sirius verstand, daß er begriff...
Er tastete im Dunkeln nach einem Zipfel der Bettdecke und trocknete sich damit die Augen. Nun, er war ja selber schuld an diesem Reinfall. Er konnte nicht erwarten, daß Sirius seine Gedanken las. Für ihn war das alles ein Spiel, ein weiterer Punkt auf seiner und James' endloser Liste verrückter Abenteuer. Und vielleicht war es besser so.
Es war bereits nach sechs Uhr als Remus endlich mit verstopfter Nase und schmerzendem Kopf in einen leichten Schlaf voller bizarrer Träume fiel.
--*--
Sirius schlitterte ungebremst um eine Kurve und hetzte mit großen Schritten die Treppe zum Gryffindor-Turm hinauf. So sehr er Muggelkunde mochte - was nur zum Teil damit zusammenhing, daß seine Wahl dieses Fachs seine Eltern zur Weißglut trieb - warum mußte Professor Aiselynn ausgerechnet heute den Unterricht um fast fünfzehn Minuten überziehen? Er kam noch zu spät zu seiner eigenen Geburtstagsparty!
Er keuchte der Fetten Dame das Paßwort zu, stolperte in den Gemeinschaftsraum und stieß beinahe mit James zusammen, der ihn sofort abfing.
„Mensch, Tatze, wo steckst du denn, wir wollten schon ohne dich anfangen." Er deutete mit dem Daumen über die Schulter.
Gut dreißig Leute waren im Raum versammelt, auch viele jüngere Schüler, die Sirius nur vom Sehen her kannte. Er konnte lediglich vermuten, daß sich irgendwo in diesem Wust auch Peter und Remus befinden mußten.
„Na endlich!" Ashton Johnson, der Kapitän der Gryffindor-Quidditchmannschaft, fing übertrieben an zu klatschen; sofort fiel der Rest der Versammlung ein, es gab Gelächter und Rufe. Sirius deutete eine spöttische Verbeugung an.
„Danke, danke, danke, Autogramme gibt's später, Leute!" Er deutete auf den Tisch, auf dem mindestens zwei Dutzend verschiedene Getränke und Snacks bereitstanden. „ Macht schon mal `n paar Flaschen auf, ich bin gleich bei euch."
Er sprintete die Stufen zu seinem Schlafsaal hoch, warf dort seine Schultasche in eine Ecke und zerrte ungeduldig an seiner Krawatte. Blöde Schuluniform.
Er riß wahllos eine Muggeljeans und ein T-Shirt mit dem Schriftzug ‚I am your worst nightmare' aus dem Schrank, streifte beides schnell über und war schon fast wieder zur Tür hinaus, als sein Blick auf seinen Nachttisch fiel.
Dort hatte er vergangene Nacht die Geschenke seiner Freunde deponiert; die Süßigkeiten von Peter, James' Quidditchbuch - und die kleine Holzschatulle mit Remus' Geschenk.
Behutsam nahm er das Kästchen in die Hand, öffnete es und nahm den Anhänger heraus. Er war sich immer noch nicht sicher, was er von diesem Geschenk halten sollte. James' und Peters Bemerkungen über ein Halsband klangen ihm noch in den Ohren, doch er wischte den Gedanken achtlos beiseite. Ein solcher Scherz paßte zu James, aber nicht zu Remus.
Nachdenklich ließ er das Lederband durch seine Finger gleiten. Das Flechtwerk war unregelmäßig, verriet eine ungeübte Hand; ob Remus sich selbst daran versucht hatte? Und auf der Rückseite des Anhängers befand sich eine winzige Prägung, die das Metal als echtes Silber auswies. Nichts, das man mal eben für ein paar Knuts bekam.
Sirius kam sich plötzlich sehr schlecht vor. Er dachte an die tiefen, dunklen Ringe, die Remus heute früh unter den Augen gehabt hatte, und das lag ganz sicher nicht am Butterbier. Tatsache war, daß er sich Moony gegenüber schon seit Tagen wie ein komplettes Arschloch benahm.
Er kaute betreten an seiner Unterlippe, als er daran dachte. Erst vor zwei Tagen, als sie zu viert über einem Aufsatz brüteten, war er Remus ziemlich scharf angegangen, nur weil sein Freund sich zu ihm hinüberlehnte, um einen Blick auf Sirius' Pergament zu werfen. Nicht gerade sehr freundschaftlich, zugegeben. Er war sich auch völlig im Klaren darüber, daß Remus sein ablehnendes Verhalten auf die Ereignisse der letzten Vollmondnacht beziehen mußte. Aber verdammt, was sollte er denn machen, wenn er jedesmal, wenn der Junge nur neben ihm stand, Herzklopfen bekam, als sei er gerade zehnmal um das Schloß gerannt?
Er hegte ja immer noch die Hoffnung, daß dies nur ein vorübergehender Zustand war; so etwas wie eine Sommergrippe, die man einfach aussitzen konnte, lästig und unangenehm, aber harmlos. Wieso zur Hölle konnte Remus ihn nicht einfach in Frieden lassen, bis er diese Sache in den Griff gekriegt hatte?!
Nein, das war nicht fair. Remus war kein Legilimentor; er konnte nicht Sirius' Gedanken lesen - Merlin sei Dank. Dafür glaubte Sirius recht gut zu wissen, wie Remus dachte, als er den Anhänger in seiner Hand hin und her drehte. Es würde zu der stillen und manchmal etwas verqueren Art des jungen Werwolfs passen, auf diese Weise zu fragen: He, Kumpel, was ist? Sind wir noch Freunde?
Sirius schnaufte entnervt bei dieser Vorstellung, und dann, bevor er noch richtig darüber nachdenken konnte, streifte er sich das Lederband über den Kopf und schüttelte seine Haare aus der Umschlingung frei. Der Anhänger klirrte leise, als er auf seine Brust fiel, und da blieb er liegen, matt schimmernd im Licht, so als sei er schon immer dort gewesen.
Unwillkürlich wandte Sirius sich zum Fenster, in dem er sein Spiegelbild sehen konnte, weil dahinter nur tiefe Schwärze war. Das Leder um seinen Hals fühlte sich ungewohnt und kühl an, wurde aber auf seiner Haut schnell warm. Gedankenverloren hob er die Hand, um das Flechtwerk zu berühren. Remus hatte dieses Band in den Händen gehalten, seine Finger hatten die drei dünnen Schnüre ineinander verschlungen, hatten den Anhänger darauf gezogen und die Enden verknotet... Und nun lag dasselbe Band um Sirius' Hals, berührte seine bloße Haut, nahm die Wärme seines Körpers in sich auf...
Er kniff sich energisch in den Unterarm, so fest, daß ihm die Tränen kamen.
Verdammt, Black! Reiß sich zusammen!
Von unten war Gelächter zu hören und das Klirren von Gläsern, die aneinander stießen. Sirius zögerte einen Moment, dann wandte er sich entschlossen um und verließ den Raum.
--*--
Remus nippte an einem Glas Kürbissaft und ließ den Blick durch den Raum schweifen, ohne wirklich etwas zu sehen. Obwohl er mitten in der Menge stand, fühlte er sich merkwürdig losgelöst von dem Gelächter und den Gesprächen um ihn herum; vielleicht, weil ihm nicht nach Feiern zumute war. Er hatte den Tag damit zugebracht, eine Ungezwungenheit vorzutäuschen, die er ganz und gar nicht empfand, und wenn die prüfenden Blicke, die er Sirius ihm immer wieder hatte zuwerfen sehen, etwas bedeuteten, dann war er damit jämmerlich gescheitert. In Anbetracht dieser Tatsache wollte er nichts weiter als in sein Bett zu fallen, die Augen zu schließen und nichts mehr sehen und hören zu müssen. Er plante, sich so bald wie möglich still und unauffällig in den Schlafsaal zurückzuziehen. Wenn die Party erst einmal richtig in Schwung gekommen war, würde ihn vermutlich ohnehin niemand vermissen...
Auf der anderen Seite des Raumes wurde es laut. Remus wandte den Kopf gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Sirius, aus dem Schlafsaal zurückgekehrt, elegant das Treppengeländer hinunterrutschte und leichtfüßig auf der untersten Stufe landete. Sofort wurde er von einer Gruppe kichernder Viertkläßlerinnen umringt; einige der nahebeistehenden Jungs kommentierten das Geschehen mit Gelächter und Beifallsrufen. Sirius stand inmitten der Mädchen wie ein junger Prinz, der geruht, Audienz zu halten, und Remus konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen.
Plötzlich wurden seine Augen von etwas Blinkendem angezogen, das auf Sirius' Brust lag. Er blinzelte, schaute genauer hin.
„He, Black!" rief Ashton über die Köpfe der Mädchen hinweg. „Hübsche Kette!" Ein paar der Mädchen glucksten, die Jungs feixten, und Sirius zeigte Ashton ungeniert den Mittelfinger.
Es war tatsächlich die Kette mit dem Wolfsanhänger, die da um Tatzes Hals lag. Die Erkenntnis brauchte einen Moment, bis sie vollständig in Remus' Bewußtsein eingesickert war, doch dann fühlte er eine Wärme in sich hochsteigen, als sei in seiner Brust gerade eine kleine Sonne aufgegangen.
Okay, reiß dich am Riemen, versuchte er sich zu zügeln. Bestimmt will er bloß nett sein...
Aber er konnte nicht anders. Dem Gefühl nach zu urteilen war ihm gerade ein Stein von der Größe des Schlosses vom Herzen gefallen.
Mit einer entschlossenen Bewegung hob er sein Glas an die Lippen und leerte es in einem Zug, bevor er sich von dem Tisch, neben dem er stand, eine Flasche Butterbier nahm. Irgendwie war ihm plötzlich doch nach Feiern zumute.
--*--
Vor dem großen Kamin des Gemeinschaftsraums verfolgte James derweil eigene Ziele. In einem hohen Ohrenbackensessel, betont mit dem Rücken zur Party, saß Lily Evans mit einem Buch auf dem Schoß. James trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Kaminsims.
„Jetzt komm schon, Evans, sei kein Spielverderber. Du kannst wenigstens mit uns anstoßen."
Lily blickte stirnrunzelnd von ihrer Lektüre auf und musterte ihn mit offensichtlichem Widerwillen.
„Worauf?" fragte sie spitz. „Auf die Geburt eines weiteren Tunichtguts, wie du einer bist?" Sie machte sich nicht die Mühe, ihre Stimme zu senken, und ein paar der umstehenden Schüler lachten. Lily ignorierte sie.
„Vergiß es, Potter, ich kann mit meiner Zeit was Besseres anfangen." Damit wandte sie sich wieder ihrem Buch zu und tat so, als sei James nicht länger vorhanden. Er ballte die Fäuste.
„Schön", fuhr er sie wütend an. „Dann laß es eben!" Ohne ihre Reaktion abzuwarten, machte er auf dem Absatz kehrt, stürmte davon und warf sich mit trotzig verschränkten Armen auf die nächstbeste Couch.
Er blickte erst wieder auf, als Sirius hinübergeschlendert kam und sich neben ihm niederließ. James fuhr sich mit allen zehn Fingern verdrossen durch die Haare.
„Was zur Hölle ist los mit ihr?!" sagte er ungeduldig. „Ich meine, ich hab doch nun wirklich höflich gefragt!"
Sirius legte den Arm um seine Schultern.
„Ach, Jamie, wieso vergißt du die Rote Zora nicht einfach?" Er warf einen gehässigen Blick in Lilys Richtung. „Es schwimmen doch noch genug andere Fische im Meer. Ich weiß aus sicherer Quelle, daß Mary Adler ziemlich scharf auf dich ist." Er grinste anzüglich. „Außerdem hab ich gedacht, wir wollten feiern?"
James starrte gedankenverloren die Rückseite von Lilys Sessel an.
„Du hast recht", sagte er plötzlich und drehte sich zu Sirius um. „Weißt du was, du hast recht. Soll sie doch als alte Jungfer sterben, ist mir doch egal!"
Bevor Sirius antworten konnte, war er aufgesprungen und schnappte sich eine Flasche Feuerwhiskey vom Tisch.
„Jetzt bringen wir mal ein bißchen Schwung in diese Party. He, Leute!" Er hielt die Flasche triumphierend in die Höhe. Zwei Dutzend Gesichter wandten sich ihm erwartungsvoll zu.
James' Lächeln hatte etwas Raubtierhaftes. „Wer hat Lust auf ein kleines Spielchen? Der Verlierer muß trinken!"
--*--
„He, Peter!" James beugte sich über die Lehne seines Sessels, um besser sehen zu können. „He, Kumpel, alles klar?"
Remus fand es nicht besonders fair, Peter so etwas zu fragen, während er sich im Badezimmer übergab. Eigentlich war es sogar ziemlich albern - und Sirius schien das auch zu finden, denn er fing an zu lachen und konnte offenbar gar nicht mehr aufhören.
Sie waren die letzten im Gemeinschaftsraum. Die recht feucht-fröhliche Party hatte etwa gegen Mitternacht begonnen, sich aufzulösen; inzwischen war es fast zwei Uhr früh, und nur noch das Kaminfeuer und ein paar Kerzen beleuchteten die Überreste des ausgelassenen Festes.
James schwenkte eine fast leere Flasche Feuerwhiskey mit großer Geste in die Runde. „Der letzte Schluck, Männer", verkündete er feierlich. „Wer will?"
Sirius, der bäuchlings auf dem Teppich vor dem Kamin lag, streckte die Hand aus. „Her damit", kommandierte er, und James reichte ihm die Flasche hinunter.
Remus legte den Kopf auf die Arme über der Couchlehne und blinzelte müde, aber zufrieden ins Kaminfeuer. Er hatte bei James' kleinem Trinkspiel mehr getrunken, als er eigentlich wollte, doch der Feuerwhiskey hatte ihn angenehm gewärmt und sein Denken in eine wohlige Trägheit getaucht. Lächelnd schaute er zu, wie James winzige, bunte Funken aus der Spitze seines Zauberstabs puffen ließ, die langsam zu Boden schwebten und dort verglimmten. Das Gefunkel verschwamm vor seinen Augen zu feurigen Schlieren, während er langsam in einen leichten Halbschlaf hinüberglitt.
Ein Klirren ließ ihn hochschrecken, als Sirius sich mit ausgebreiteten Armen auf den Rücken fallen ließ und die leere Whiskeyflasche aus seiner Hand glitt. Der letzte Schluck war wohl doch ein bißchen zu viel gewesen.
Aus dem Badezimmer kam ein Würgen und unmittelbar darauf ein verzweifeltes Stöhnen. James verzog mitleidig das Gesicht.
„Ich geh lieber mal nachsehen", murmelte er und verschlurte die Worte dabei zu einer einzigen langen Buchstabenkette, während er aufstand und unsicheren Schrittes ins Badezimmer wankte.
Der Fußboden des Gemeinschaftsraums war heute tatsächlich gefährlich wackelig, fand Remus, als er von der Couch aufstand. Bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen und kniete vor dem Kamin neben Sirius nieder.
„He, Tatze, wach auf..." Er packte den Freund bei den Schultern und rüttelte ihn. Sirius stöhnte, rührte sich aber nicht.
Eben kam James aus dem Badezimmer zurück. Er hatte sich Peters einen Arm um die Schultern gelegt und seinen eigenen um Peters Taille geschlungen, um ihn zu stützen. Ihr Freund war kreidebleich und sah erschöpft und verängstigt aus.
„Ich glaub, ich bring Wurmschwanz hier besser ins Bett", murmelte James mit schwerer Zunge. „Kommt ihr klar?"
Remus nickte. „Ja, wir kommen gleich nach." Er warf Peter einen mitfühlenden Blick zu. „Das wird schon wieder, Wurmschwanz", versuchte er ihn aufzumuntern und gab sich redlich Mühe, überzeugend zu klingen. Peter nickte mechanisch, wurde durch die Bewegung noch eine Spur blasser und ließ sich widerstandslos von James die Treppe zu ihrem Schlafsaal hochführen.
Remus faßte Sirius erneut bei den Schultern. „Na komm schon, Tatze, wach auf... Zeit fürs Bett..." Das war albern, und er mußte über sich selbst lachen. Sirius' Lider flatterten.
„...Bett...?" wiederholte er fragend, während er blicklos zur Decke starrte.
„Ja." Remus zog ihn an den Händen hoch und packte ihn dann schnell am Kragen, damit er nicht wieder rückwärts umkippte. „Zeit zum Schlafengehen, komm schon..."
Sirius stöhnte und preßte beide Hände vors Gesicht. „Oh ja, schlafen", murmelte er träge, „schlafen ist gut..." Dann ließ er plötzlich die Hände sinken und starrte Remus an, als hätte er ihn noch nie zuvor gesehen. Seine schwarzen Augen waren geweitet und hatten einen trunkenen Glanz, was sie noch dunkler und tiefer wirken ließ als sonst. Ein Grinsen ging über sein Gesicht.
„Hey, Moony!" jauchzte er, als hätten sie sich seit einer Ewigkeit nicht gesehen, und im nächsten Moment fiel er dem Freund um den Hals.
„Woah!" Der Aufprall warf Remus nach hinten; mit einer Hand hielt er sich instinktiv an Sirius fest, während er mit der anderen den Sturz abfing. Nach fast zwei Wochen, in denen Tatze jede Berührung mit ihm tunlichst gemieden hatte, kam ihm die Situation noch alberner vor, als sie ohnehin schon war, und er fing an zu kichern.
„Hallo, Tatze", antwortete er atemlos, teils vor Lachen, teils, weil Sirius ihn so fest drückte, daß ihm die Luft wegblieb. „Du, ich wollte gerade schlafen gehen, kommst du mit?"
Sirius ließ ihn los und lächelte selig, bevor er eifrig nickte.
„Na, dann los."
Mit einiger Anstrengung kam Remus auf die Füße, was nur zum Teil daran lag, daß Sirius stur seine Handgelenke umklammert hielt. Er nutzte diesen Umstand, packte seinerseits den Freund bei den Armen und zog ihn hoch, was ebenfalls einige Mühe erforderte.
Aus Sirius' Gesicht wich plötzlich jegliche Farbe. Remus ahnte nichts Gutes.
„Alles in Ordnung?"
Sirius keuchte nach Atem.
„...schwindelig...", murmelte er noch, dann fiel er einfach um.
Remus' Körper reagierte schneller als sein umnebeltes Gehirn. Er packte Sirius entschlossen um die Mitte und schwang ihn energisch herum, in Richtung des nächstbesten Sofas. Daß er dabei selbst das Gleichgewicht verlor, nahm er billigend in Kauf, Hauptsache, sie landeten weich...
Er blinzelte irritiert. Es war so schnell gegangen, daß er ein paar Augenblicke brauchte um zu begreifen, wie er in diese unbequeme Position geraten war: halb auf dem Rücken liegend und Sirius bewußtlos über ihm.
„Großartig", murmelte er gepreßt. „Entschuldige, Tatze."
Er versetzte dem Freund ein paar Klapse auf die Wangen, nicht sehr fest, aber es genügte, damit Sirius wimmernd wieder zu sich kam. Remus stemmte die Hände gegen seine Schultern. „Na komm schon, Tatze, steh auf..." Aber Sirius weigerte sich beharrlich, auch nur einen Finger zu rühren.
„Nein", sagte er plötzlich erstaunlich klar und deutlich, „ich kann nicht. Wenn ich mich bewege, dreht sich alles. Ich bleibe genau hier liegen."
Remus warf einen sehnsüchtigen Blick auf seinen Zauberstab, der auf einem Tisch ein paar Schritte entfernt lag. Hätte er ihn zur Hand gehabt, hätte er einen einfachen Schwebezauber ausführen können. Doch von seiner jetzigen Position aus war der Tisch absolut unerreichbar. Warum nur hatte er den dummen Zauberstab auch dorthin gelegt?
Angestrengt versuchte er, um den feinen Nebel in seinem Kopf herumzudenken, aber der Nebel war hartnäckig, und die Couch war einladend weich.
„Ach was soll's", murmelte er schließlich.
Irgendwie schaffte er es, sich so weit unter Sirius hervorzuschlängeln, daß er sich bequem hinlegen konnte. Sirius knurrte und murmelte unwillig vor sich hin, aber dann überraschte er Remus, indem er auf Hände und Knie hochkam und ihm nachkroch. Er kuschelte sich in die Mulde zwischen Remus' Körper und der Couchlehne, schlang die Arme fest um seine Taille und schmiegte das Gesicht an seine Mitte. Remus stöhnte.
„Tatze!" zischte er, aber es war völlig sinnlos, Sirius wegschieben zu wollen. Er war bereits fest eingeschlafen und schnarchte leise vor sich hin.
Remus streckte die Waffen. Seine Lider waren einfach zu schwer, um sie noch länger offenzuhalten. Zögerlich legte er die Arme um Sirius' Schultern, halb damit rechnend, daß sein Freund aufspringen und ihm an die Gurgel gehen würde. Aber Sirius reckte sich nur ein wenig und gab ein leises, fiependes Geräusch von sich, das Remus an den schwarzen Hund erinnerte. Mit einem Lächeln schloß er die Augen.
Es war herrlich still im Gemeinschaftsraum. Nur hin und wieder knackte ein Holzscheit im Kamin; ein vertrautes Geräusch, das Remus kaum wahrnahm. Schnell glitt er in einen angenehmen Dämmerzustand hinüber, schreckte dann jedoch wieder auf, weil Sirius sich in seinen Armen regte und einen tiefen Atemzug tat.
„... Moony...?" murmelte er schläfrig.
„Ja", erwiderte Remus leise, ohne die Augen zu öffnen. „Alles okay, Tatze, schlaf weiter."
Sirius hielt sich mit beiden Händen an seinem Hemd fest, als hätte er Angst, von der Couch zu fallen.
„Ich hab dich lieb", murmelte er undeutlich in den Stoff hinein.
Remus öffnete die Augen, aber bevor er antworten konnte, war sein Freund schon wieder ins Land der Träume hinübergeglitten.
Eine Weile starrte Remus reglos auf ihn hinunter. Unwillkürlich ließ er die Fingerspitzen über Sirius' Nacken gleiten, fand dort das Lederband, folgte seiner Linie und umfaßte schließlich den Anhänger daran. Die kleine Figur war angenehm warm in seiner Hand.
Mit einem Mal fühlte er sich so heiter und unbeschwert, daß er sich beherrschen mußte, um nicht albern loszukichern. Na gut, Tatze war sturzbesoffen, aber daß er die Kette trug, zeigte ja wohl, daß Remus ihm noch nicht völlig gleichgültig war. Und außerdem, hieß es nicht in vinos verita...? Nein, Sekunde, so hieß das nicht, es hieß in venus vareta... oder in vera vinitos?... ach, zu Hölle damit!
Er ließ den Anhänger los, strich mit den Fingern spielerisch durch Sirius' dunkle Haare, während er das Lachen unterdrückte, damit sein Freund nicht aufwachte. Verdammter Alkohol.
„Kein Feuerwhiskey mehr für uns, Tatze", murmelte er vergnügt. „Nie wieder."
Endlich kam die Schläfrigkeit zurück, und er ließ den Kopf gegen die Couchlehne sinken. Sirius lag schwer in seinen Armen, aber er empfand das Gewicht nicht als unangenehm. Ihm blieb gerade noch Zeit für einen tiefen Atemzug, bevor der Schlaf kam.
--*--
Warme, vollkommene Dunkelheit umgab ihn.
Es war einer jener Träume, in denen man genau weiß, daß man träumt, sich aber nicht dazu bringen kann, aufzuwachen. Doch Sirius hegte auch keine großen Ambitionen, was das anging, denn die Dunkelheit war erfüllt von einem wunderbaren Duft, der noch viel wunderbarere Gefühle in ihm wachrief. Er fragte sich, warum ihm dieser Geruch so bekannt vorkam, gab das Vorhaben aber schnell wieder auf. Mit jedem Atemzug lief eine Welle des Wohlgefühls durch seinen Körper, rieselte ein lustvoller Schauer über seine Haut. Er ließ sich in die Empfindung hineinsinken, badete darin, genoß sie in vollen Zügen.
Doch dann machte sich allmählich noch ein anderes, weniger angenehmes Gefühl bemerkbar, das bewirkte, daß Sirius langsam aus seiner Traumwelt emportauchte: In seinem Kopf saß ein gemeiner, pochender Schmerz.
Er stöhnte leise, als er sich Stück für Stück des Rests seines Körpers bewußt wurde, der sich anfühlte wie aus Blei. Dann bemerkte er, daß er lag, und zwar auf etwas Weichem und Warmem, das sich sanft bewegte. He, das war lustig, denn Kissen – zumindest nahm er an, daß es ein Kissen war - konnten sich nicht bewegen. Vielleicht war er gar nicht wirklich wach. Vielleicht träumte er immer noch. Und wenn dies ein Traum war, dann waren vermutlich auch die Kopfschmerzen gar nicht echt.
Die Überlegung erschien ihm völlig logisch, also faßte er sich ein Herz und öffnete langsam und vorsichtig die Augen. Na bitte, ging doch tadellos!
Das erste, was er feststellte, war, daß die Kopfschmerzen echt waren.
Er mußte im Gemeinschaftsraum sein, denn sein Blick fiel genau auf den Kamin, vor dem noch die leere Whiskeyflasche lag. Obwohl die Kohlen nur schwach glommen, schmerzte der Schein in seinen Augen. Er wandte den Kopf ab und preßte das Gesicht in das Kissen unter ihm, das keines war. Und da war er wieder, dieser warme Duft, der ihn so angenehm schaudern ließ. Es war tatsächlich ein vertrauter Geruch, stellte er fest, es roch nach... nach...
Sirius' Kopf schoß nach oben. Ein grausamer Schmerz explodierte hinter seiner Stirn, doch er schaffte es, die Augen offenzuhalten.
Der schwache Schein aus dem Kamin beleuchtete Remus' Züge gerade genug, um sie zu erkennen. Er lag auf dem Rücken, den Kopf gegen die Couchlehne gelegt, mit leicht geöffnetem Mund und ruhig und gleichmäßig atmend. Und Sirius lag halb auf ihm, so eng an seinen Körper geschmiegt, daß nicht einmal mehr ein Lufthauch zwischen sie gepaßt hätte, mit einem ausgewachsenen Kater und einer stattlichen Erektion.
Er prallte zurück als hätte ihn etwas gestochen. Die plötzliche Bewegung kostete ihn das Gleichgewicht, er rutschte ab und plumpste von der Couch auf den Boden. Sofort wurde ihm schwindelig und übel, so sehr, daß er fürchtete, jeden Moment in Ohnmacht zu fallen. Zitternd kam er auf Hände und Knie hoch und kroch in Richtung Badezimmer, gerade noch rechtzeitig, denn dort mußte er sich erst einmal herzhaft übergeben.
Ob dies nun ein Traum war oder nicht, Sirius hegte keine Zweifel daran, daß seine letzte Stunde geschlagen hatte. So elend hatte er sich in seinem ganzen Leben noch nicht gefühlt wie in diesen wenigen Minuten, in denen er die halbe Flasche Feuerwhiskey, die er intus hatte, würgend wieder ausspuckte.
Er fühlte eine Bewegung neben sich und zuckte unwillkürlich davon weg, doch der Neuankömmling legte einen Arm um seine Schultern, während er mit der anderen Hand behutsam Sirius' Haare zurückhielt.
Endlich, nach einer halben Ewigkeit, ließ das krampfhafte Würgen nach. Remus reichte ihm etwas Wasser in einem Zahnputzbecher, damit er sich den Mund ausspülen konnte, dann sank Sirius zitternd und erschöpft gegen die gekachelte Wand. Remus kauerte vor ihm auf den Knien.
„Alles okay?" fragte er.
Sirius blinzelte schwach, während er versuchte, gleichmäßig zu atmen. Ein Gutes hatte die unappetitliche Angelegenheit immerhin mit sich gebracht, wie ihm ein verstohlener Blick an sich hinunter bestätigte: Jegliche Erregung war aus seinem Körper gewichen. Er atmete erleichtert auf.
„Nicht wirklich", murmelte er heiser.
Remus lächelte, aber es war ein mitfühlendes, verständnisvolles Lächeln. Er benetzte ein Handtuch mit Wasser und wischte damit sanft den kalten Schweiß von Sirius' Stirn. Die feuchte Kühle war sehr angenehm, und Sirius fand nicht die Kraft, seine Hand beiseite zu schieben.
„Steht dir gut", sagte Remus plötzlich.
„Hm?" machte Sirius verwirrt. Remus deutete mit einem Kopfnicken auf seine Brust. Erst als er der Bewegung mit den Augen folgte, begriff Sirius, was sein Freund meinte.
„Oh..." Unwillkürlich schloß er die Finger um den Anhänger. „Ja, finde ich auch... danke noch mal..." Er versuchte ein vorsichtiges Lächeln, und es wurde bereitwillig erwidert.
Verstehen konnte Sirius das nicht. Remus hatte allen Grund, wütend auf ihn zu sein, und trotzdem saß er hier und spielte für ihn die Krankenschwester.
„Du... Moony... ich weiß, ich hab mich ziemlich scheiße benommen in letzter Zeit..." Er stützte sich mit beiden Händen auf dem Boden ab, um sich aufzusetzen, aber ein hinterhältiger Schmerz durchzuckte seinen Kopf bei dem Versuch; er stöhnte und schloß schnell die Augen.
„Sorry", flüsterte er hastig, nach Atem ringend.
Es blieb lange still, so lange, daß Sirius sich zu fragen begann, ob sein Freund einfach aufgestanden und gegangen war. Doch als er die Augen öffnete, saß Remus ihm noch immer gegenüber, sehr still und mit einem Blick, der ernst und fragend zugleich war.
„Dann... sind wir okay?"
Sirius starrte ihn fassungslos an.
„Merlin, ja!" Er fühlte ein überspanntes Kichern in sich aufsteigen, das er nur mit Mühe unterdrückte. „Ich bin ein Idiot, Remus, das weißt du doch. Klar sind wir okay. Wenn... du mit mir okay bist", fügte er dann etwas unsicher hinzu.
Und Remus lächelte, ein wirkliches Lächeln, das seine bernsteinfarbenen Augen strahlen ließ. Er stand auf und streckte dem Freund die Hand entgegen. „Na komm schon. Ab ins Bett mit dir."
Sirius ergriff die dargebotene Hand und ließ sich hochziehen. Sofort wurde ihm wieder schwindelig, er schwankte und seine Knie zitterten so sehr, daß er sich vorkam wie ein junges Hündchen bei seinen ersten Gehversuchen. Aber Remus schlang den Arm fest um seine Taille und hielt ihn entschlossen aufrecht.
Es kam Sirius merkwürdig vor, doch es schien fast so, als hätten mit dem Feuerwhiskey auch all die verwirrenden, beschämenden Empfindungen, die ihn in den letzten Wochen beschäftigt hatten, seinen Körper verlassen. Er konnte sich an seinen Freund lehnen und nichts anderes empfinden als Erleichterung darüber, daß das Gefühl des anderen Körpers, der sich gegen seinen drückte, ihm dabei half, die Orientierung zu behalten.
Der Weg durch den Gemeinschaftsraum war vergleichsweise harmlos. Das eigentliche Problem stellte die Treppe zu ihrem Schlafsaal dar. Insgeheim staunte Sirius über die sanfte Geduld, die Remus dabei an den Tag legte.
„Merlin sei Dank, daß Krone nicht hier ist", murmelte er verdrossen, als sie auf halbem Weg eine Pause einlegten. Remus grinste.
Endlich ließen sie die Treppe hinter sich. Der Schlafsaal war dunkel, aber durch die Vorhänge fielen kleine Spalten Mondlicht, und Sirius dankte seinem Glücksstern für Remus' Wolfsaugen, die verhinderten, daß sie Licht machen und so die anderen wecken mußten. Widerspruchslos ließ er sich zu seinem Bett führen, und dabei graute ihm vor dem Moment, in dem er den Freund loslassen mußte. In dieser sich ständig drehenden Welt war die Wärme von Remus' Körper der einzige Fixpunkt, den er hatte.
Ehe er sich's versah, saß er schwankend auf der Bettkante. Remus richtete den Zauberstab auf ihn und murmelte etwas Unverständliches.
Ein angenehm warmer Wind schien Sirius zu umfließen, und als die Wärme nachließ, bemerkte er, daß seine Kleider verschwunden waren und er nur noch Shorts trug.
Ihm blieb keine Zeit, sich darüber zu wundern. Remus schlug die Decken zurück und drückte ihn sanft in die Kissen.
Eine bleierne Erschöpfung senkte sich auf Sirius herab, kaum daß sein Kopf das Kissen berührt hatte. Er wollte nichts weiter als die Augen schließen und für den Rest seines Lebens tief und traumlos schlafen.
„Danke", murmelte er noch, als er, schon halb weggedämmert, noch mitbekam, daß sein Freund ihn zudeckte, dann wußte er nichts mehr.
--*--
Langsam und bedächtig legte Remus im Halbdunkel seine Kleider ab und kroch endlich in sein eigenes Bett. Mit einem Seufzer fiel er in die Kissen und schlang sich die Decke fest um die Schultern, auf der Suche nach Wärme. Der Raum war von dreistimmigem, leisem Schnarchen erfüllt. Remus lächelte still in sich hinein.
Armer Tatze. Zum Glück war Sirius hart im Nehmen und würde nach ein paar Stunden Schlaf und einem kräftigen Frühstück wohl wieder obenauf sein.
Das weiche Halblicht, das den Raum erfüllte, empfand er als angenehm, deshalb ließ er die Vorhänge des Bettes offen. Während die Müdigkeit zurückkam und er langsam in den Schlaf hinüberglitt, zogen die Ereignisse des Abends in vereinzelten Bildern an seinem inneren Auge vorbei: kleine, bunte Lichter aus James' Zauberstab, Gelächter und Wortfetzen, das Brennen und dann die angenehme Wärme des Feuerwhiskeys in seiner Kehle, Sirius' dunkle Augen glänzend im Feuerschein...
Das letzte, woran er dachte, bevor er endgültig einschlief, war die beglückende Erkenntnis, daß sein Leben verdammt gut war.
--*--
Das erste, was in sein Bewußtsein drang, war das Geräusch des Regens, der gegen die Fenster prasselte.
Blinzelnd wie eine Eule hob Sirius das Gesicht aus den Kissen und sah sich schlaftrunken um.
Diesiges, schmutzig-graues Licht fiel durch die Vorhänge herein. Er war in seinem Bett, in seinem Schlafsaal, und die Uhr auf dem Nachttisch zeigte einige Minuten vor acht.
Einen Moment fragte er sich mürrisch, warum seine Freunde in ihren jeweiligen Betten den Schlaf der Gerechten schliefen und warum der dumme Wecker nicht geläutet hatte, doch dann fiel es ihm ein: Heute war Samstag. Und das war auch gut so, denn sein Schädel brummte wie ein Bienenstock.
Stöhnend wälzte er sich auf den Rücken und starrte aus verquollenen Augen die Decke an. Wie war er überhaupt hierher gekommen? Ach ja, richtig, Remus hatte ihn hochgebracht...
Unwillkürlich wandte er den Kopf nach rechts, wo sein Freund im Bett neben seinem friedlich schlummerte.
Bei dem Anblick kam langsam die Erinnerung zurück – und zwar in sämtlichen beschämenden Einzelheiten. Er stöhnte erneut, als er das Gesicht in den Händen barg.
Okay, das war's. Es hatte keinen Sinn, sich noch länger etwas vormachen zu wollen.
Sirius Orion Black, Erbe des gar fürnehmen Hauses Black und ungekrönter Prinz der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, war schwer verknallt in seinen Kumpel Remus John Lupin.
Es erstaunte ihn, wie leicht ihm dieses Eingeständnis fiel. Die erwartete Panikattacke blieb aus, ebenso wie das Bedürfnis, etwas in die Luft zu sprengen oder sich vom Astronomieturm zu stürzen. Sein ganzes Denken war fast beängstigend ruhig und klar.
Oberste Priorität mußte natürlich nach wie vor sein, daß niemand, absolut niemand das jemals herausfand. Er hatte einen Ruf zu verlieren, ganz zu schweigen von seiner körperlichen Unversehrtheit, sollten seine Eltern davon erfahren. Und was am schlimmsten war, er hatte Freunde zu verlieren.
Sirius stützte sich auf die Ellbogen und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Er war immer überzeugt gewesen, James, Peter und Remus zu kennen, aber nun stellte er fest, daß er nicht die leiseste Ahnung hatte, wie sie wohl reagieren würden, wenn sie das über ihn herausfanden. Von Peter konnte er sich am ehesten noch ein albernes Kichern vorstellen. James war es zuzutrauen, daß er zu Professor McGonagall marschierte und ohne Umschweife verlangte, in einen anderen Schlafsaal umquartiert zu werden.
James... Ihn schauderte bei der plötzlichen Erinnerung daran, wie nahe sein Freund der Wahrheit schon gekommen war bei ihrer kurzen Auseinandersetzung neulich. 'Ich glaube, mein bester Kumpel ist schwer verknallt'... Krone, dieser Idiot, hatte doch keine Ahnung!
Aber vielleicht war James gar kein Idiot... Er hatte noch etwas anderes gesagt an diesem Nachmittag, so etwas wie 'Such dir endlich eine Freundin'...
Sirius grübelte über den ohne Zweifel achtlos hingeworfenen Satz nach, während er sich in die Kissen zurücksinken ließ. Er hatte sich bisher nie viel für Mädchen interessiert. Oh sicher, er hatte seine Erfahrungen gemacht, in Form von harmlosen Flirts und der ein oder anderen Knutscherei. Aber sehr viel unterhaltsamer, als irgendein Mädchen beeindrucken zu wollen, fand er es, sich mit seinen Freunden Gedanken darüber zu machen, was man als nächstes anstellen könnte, um mal wieder ein bißchen Schwung in den Laden zu bringen...
Ob das der Fehler war, der dem ganzen Problem zugrunde lag? Verbrachte er womöglich einfach zuviel Zeit mit anderen Jungs? Vielleicht hatte Krone recht und es war an der Zeit für eine Freundin. Immerhin war er jetzt sechzehn, also fast erwachsen. Und es war ja nicht so, daß er keine Mädchen mochte. Wenn er sich erst an den Gedanken einer festen Beziehung gewöhnt hatte würde alles andere schon von selbst kommen, und diese unselige Verschossenheit in Remus würde ein Ende finden.
Das trübe Tageslicht schien plötzlich sehr viel heller und freundlicher zu sein. Selbst die Kopfschmerzen sanken auf ein erträgliches Maß herab, als ihm klar wurde, daß er das Problem gerade gelöst hatte. Gleich heute nachmittag würde er auf die Suche nach einem passenden Mädchen gehen, nach einer, die würdig war, Sirius Blacks erste feste Freundin zu werden. Das sollte nicht allzu schwer sein; immerhin – er dachte es nicht ohne Stolz – stand ihm eine gewisse Auswahl zur Verfügung.
Mit einem erleichterten Seufzer rollte er sich auf die Seite und kuschelte sich wieder in seine Decke, um noch ein paar Stunden Schlaf zu kriegen, als sich unvermittelt etwas Spitzes in seine Brust bohrte. Er zuckte wieder hoch und tastete mit einer Hand nach dem Übeltäter.
Seine Finger fanden die Kette mit dem Wolfsanhänger.
Eine Weile betrachtete er die kleine Figur nachdenklich, dann sah er hinüber zu Remus, der noch immer tief und fest schlief – und traf eine Entscheidung.
„Sorry, Kumpel", murmelte er, dann streifte er sich das Lederband über den Kopf und legte die Kette sanft, aber entschlossen in ihre Holzschachtel, die auf dem Nachttisch stand.
Das Klicken des metallenen Schnappverschlusses hatte etwas Endgültiges, und Sirius wußte nicht, ob er darüber Schrecken oder Erleichterung empfinden sollte.
Disclaimer: Das Harry-Potter-Universum gehört Mrs. Rowling. Ich borge nur, und verdiene auch kein Geld damit.
