Hunger war ein unschönes Gefühl. Dunkel konnte sich Graf von Krolock daran erinnern, wie es war, als Mensch hungrig zu sein. Ein nagendes Gefühl im Magen, später dann leichte Schwachheitsgefühle. Eine unleidliche Angelegenheit. Doch dafür gab es Abhilfe: Ein Kanten Brot, ein Apfel, ein Teller Suppe und schon war man zufrieden. Es war geradezu lächerlich einfach. Wenn gerade keine Nahrung zur Verfügung stand, konnte man seinen Körper auf später vertrösten, was zwar unangenehm aber auszuhalten war.
Was würde er dafür geben, jemals wieder Hunger dieser Art erleben zu können.
Jetzt sah die Situation deutlich anders aus. Das Wort Hunger war eigentlich viel zu schwach um zu beschreiben, was in seinem Inneren vorging.
Es war mehr ein Zustand denn ein Gefühl. Es war als ob eine Stimme in ihm war. Eine Stimme, die ganz leise immer existent war und nie zu verstummen schien. Eine Stimme, die je nach Intensität des Hungers lauter und lauter wurde, bis sie schließlich alles übertönte.
Manchmal flüsterte sie nur. Tagelang, wochenlang. Man konnte sich einreden, sie wäre nicht da. Dann aber kehrte sie mit einer Vehemenz zurück, die schier furchteinflößend war. Je länger man versuchte sie zu ignorieren, desto erschreckender war die Gewalt, mit der sie einen später überfiel. Ganz plötzlich, ohne Vorwarnung.
Derzeit war die Stimme in ihm wieder zur vollen Stärke erwacht. Sie war natürlich schon die vergangenen Tage dagewesen, doch leiser. Hatte ihm aber dann immer lauter zugeflüstert, ihn versucht zu verführen. Er hatte sie größtenteils in den Hintergrund gedrängt, hatte sich selbst belogen, so wie er es immer tat. Doch dann war sie wieder unerträglich laut geworden… Heute war es kaum mehr auszuhalten.
Mit zunehmender Lautstärke der Stimme schienen auch seine Sinne schärfer und einfühlsamer zu werden.
Er vernahm die Geräusche des Waldes viel deutlicher als er es gestern noch getan hatte. Er konnte die einzelnen Tiere riechen, sie erschmecken.
Längst hatte er aufgegeben, gegen diese Stimme ankämpfen zu wollen, wenn der Hunger seinen Höhepunkt erreicht hatte. Er lenkte ihn, er befahl ihm und er war sein Sklave. Er, der Graf von Krolock, war der Sklave eines Hungers, dem er nicht entrinnen konnte. Diese abstruse Ironie...
Er schloss die Augen und lehnte sich gegen einen Baumstamm. Einen kurzen Moment hielt er inne, dann machte er sich in eine bestimmte Himmelsrichtung auf, in die er vor Minuten noch gar nicht hatte gehen wollen.
Warum die Frau alleine in der Nacht unterwegs gewesen war, wusste er nicht. Vielleicht hatte sie eine Freundin besucht, vielleicht war sie eine Hure, die auf der Suche nach Freiern war, vielleicht hatte sie sich auch einfach nur verlaufen, solange es noch hell war und hatte dann den Weg nach Hause nicht rechtzeitig vor Einbruch der Nacht gefunden. Es war eigentlich auch egal.
Jetzt lag sie auf dem Boden. Die beiden kleinen Löcher an ihrem Hals waren kaum zu sehen.
Mit ihrem Blut war auch das Leben aus ihrem Körper gewichen. Vorerst.
Der Graf starrte sie an. Emotionslos wischte er sich ein Rinnsaal Blut aus dem Mundwinkel.
Vielleicht würden sich ihre Wege wieder kreuzen, wer wusste das schon. Manche der „Neuen" schafften es tatsächlich zu überleben, indem sie sich eigene Opfer suchten und sich vor Tagesanbruch an einen geschützten Ort begaben. Für einen überwiegenden Teil jedoch bedeuteten die Sonnenstrahlen des nahenden Tages den Tod. Den zweiten Tod innerhalb von weniger als 12 Stunden.
Asche zu Asche…
Sollte es bei ihr so sein, würde man sie niemals finden. Sie wäre eine der vielen, die in diesen Wäldern verschollen waren, ohne Anhaltspunkt, ohne Erinnerung…
„Die Wölfe…" würden ihre Angehörigen furchtsam murmeln
Fast war er versucht, die Frau dafür zu beneiden. Ein klarer Schlussstrich, das Ende. Ein einfacheres Entkommen konnte es doch kaum geben!
Aber es tat nicht gut, sich zu sehr auf das Schicksal der Opfer zu fixieren. Es war so geschehen wie es sein musste. Er hatte Hunger gehabt, sie war dagewesen. Ende der Geschichte.
Emotionen konnte man sich nicht leisten, sie fraßen an einem. Sie machten einem die Ewigkeit noch unerträglicher als sie ohnehin schon war.
Ohne noch einen Blick auf den Körper der Frau zu werfen, drehte sich der Graf um und ging davon.
Die Stimme war beinahe verstummt. Vorläufig.
Sarah fuhr aus ihren Träumen. Sie hatte etwas gehört, etwas, dass ihr Angst machte, etwas Schreckliches. Sie lauschte in die Nacht. Es war totenstill.
Die Angst in ihr verstummte langsam und machte einem Gefühl Platz, das sie kannte aber nicht zuordnen konnte.
Frustriert wälzte sie sich in ihrem Bett auf die andere Seite und versuchte wieder einzuschlafen. Unruhige Träume würden sie die ganze Nacht über quälen, da war sie sich sicher.
+++.
