Entstanden für den Wolfszeit-Kalender des Rudels, der dem Motto 'A place in time' folgt.
Altersfreigabe: ab 12
Spoiler: keine
Inhalt: Harry trauert um seinen Paten und Hermine trifft eine Entscheidung, die die ganze magische Welt von Grund auf verändern wird.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Harry, Hermine, ein Teil des Lehrerkollegiums
Disclaimer: Nichts gehört mir, alles ist Eigentum von J..
Kommentar: Frei nach dem Motto 'A place in time' hier eine etwas andere Art, den Krieg zu beenden.
Beta gelesen hat wie immer Anja. °knutsch°
Warnings: none
Das Leben der Dorothy Gale
Thinking it over,
those were days dark as ebony nights.
The end of October felt like a lifetime.
(Kate Voegele – The Devil in me)
Hermine wusste, dass Harry niemals von sich aus zu ihnen kommen würde, um zu reden. Sie wusste es, weil sie in den letzten Jahren festgestellt hatte, dass sie sich in dieser Beziehung sehr ähnlich waren. Auch sie selbst versteckte ihre eigenen Gedanken gerne hinter den leichtmütigen Gesprächen, die Ron so oft anzettelte. Und da es Harry anscheinend gut tat, ließ sie es auf sich beruhen.
Nun, zumindest hatte sie das bisher getan. Denn wenn sie ihn nun vor dem Kamin im Gemeinschaftsraum sitzen sah, abseits von den anderen und versunken in den Tanz der Flammen, dann konnte sie sich nicht mit gutem Gewissen auf das Schachspiel konzentrieren, zu dem Ron sie regelrecht gezwungen hatte. Der Schmerz über Sirius' Tod stand ihm so deutlich ins Gesicht geschrieben wie die Schatten, die das flackernde Licht warf.
„Ich sage es ja nur ungern..."
Blinzelnd löste Hermine ihren Blick von Harry und kehrte an den Tisch zurück, an dem sie saßen. Ron hatte eine bedauernde Miene aufgesetzt, die seine Freude über die gewonnene Partie nur schwer verbarg.
„Du sagst es sehr gerne, Ron", erinnerte Hermine ihn und streckte die Hand aus, um ihren König umzustoßen (sehr zum Missfallen der kleinen Figur).
„Ja, stimmt", grinste der Rotschopf daraufhin und genoss seinen Triumph ungeniert aus. „Schach matt!"
„Herzlichen Glückwunsch." Sie konnte nicht leugnen, dass ihre Stimme einen leicht entnervten Unterton hatte. Und als sie ihre Blicke wieder an Ron vorbei zum Kamin schweifen ließ, sah sie mit einem leichten Schreck, dass Harry verschwunden war.
Im ersten Moment glaubte sie, er wäre zu Bett gegangen, ohne ihnen Bescheid zu sagen. Doch dann entdeckte sie ihn bei Dean und Seamus und atmete auf. Er nickte zu irgendetwas, das Seamus gesagt hatte, und kam dann zu ihrem Tisch. „Ich gehe schlafen. Bin den Unterricht nicht mehr gewöhnt."
„Wer ist das schon...", murmelte Ron und dann fiel ihm anscheinend ein, dass Hermine mit am Tisch saß. Eine leichte Röte zog über seine Wangen.
Sie entschied, seinen Einwand großzügig zu überhören. „Geht es dir gut?", richtete sie sich stattdessen an Harry.
„Ja, alles okay." Er lächelte, klopfte dabei jedoch mit seinem Finger auf die Tischplatte. „Bin nur müde."
„Na dann..."
Ron sah zwischen ihnen hin und her und gab ihr mit einem Blick zu verstehen, dass sie mal wieder eines dieser Dinge getan hatte, das typisch für Mädchen war. „Schlaf gut, Harry!", sagte er lauter, als es nötig gewesen wäre.
Harry seinerseits nickte, wischte mit der Hand durch die Luft (was wohl als Verabschiedung zu verstehen war) und verschwand auf der Treppe zu den Jungenschlafsälen.
Hermine zog eine Schnute, während sie ihm hinterher sah. Dann beobachtete sie Ron dabei, wie er das Schachspiel zusammenräumte und kam zu dem Schluss, dass man mit ihm nicht vernünftig über dieses Thema reden konnte.
„Ich geh auch schlafen", entschied sie deswegen. Sie musste nachdenken. Und verschwand so schnell, dass der Rotschopf kaum auf ihren Entschluss reagieren konnte.
„Oh, okay... Gute Nacht!", hörte sie gerade noch, dann lief sie die Stufen nach oben und tauchte in die Dunkelheit des Schlafsaales.
- - -
Als Harry am nächsten Morgen erwachte, tastete er auf dem Nachttisch nach seiner Uhr und musste feststellen, dass ihm noch ziemlich genau fünf Minuten blieben, ehe er aufstehen musste. Stöhnend ließ er sich in die Kissen zurücksinken und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Nicht, dass ihn das munterer gemacht hätte, doch er versuchte es immer wieder.
Insgeheim hatte er gehofft, dass die Rückkehr nach Hogwarts ihm helfen würde, Zerstreuung zu finden. Dass er aufhören würde, nach schwarzen Hunden Ausschau zu halten, wenn der Unterricht ihn erstmal zur Konzentration zwang.
Doch das war nicht geschehen. Stattdessen hatte Dumbledore beschlossen, dass es Zeit war, dem nahenden Krieg entgegen zu blicken. Niemals zuvor hatte Harry sich so sehr gewünscht, seine Augen ganz fest zu schließen.
In diesem Moment setzten die Zauber ein, die sie alle zum richtigen Zeitpunkt aus dem Schlaf rissen. Ohne Klingeln oder sonstigen Lärm. Man wachte einfach auf, ob man wollte oder nicht. Durch die Vorhänge der Himmelbetten konnte er Ron wie jeden Morgen murren hören. Neville quietschte leise, aus welchem Grund auch immer. Und Seamus sprang als erster aus dem Bett, weil er sein Vorrecht auf das Bad sichern wollte.
Harry setzte sich auf und winkelte die Beine an. Wenn das Aufstehen weiterhin jeden Morgen so anstrengend wäre, würde er irgendwann einfach liegen bleiben.
„Scheiße!", lenkte Rons Stimme ihn schließlich von seinen trüben Gedanken ab.
„Was?", fragten Neville und Harry unisono.
„Wir haben heute die Fledermaus in der ersten Stunde."
Neville quietschte erneut. Und Harry stöhnte. „Danke, Ron! Das war genau das, was ich jetzt gebraucht habe."
- - -
Das Aufwachen war allerdings das einzige, das an diesem Morgen normal verlaufen sollte. Denn kaum hatten sie die Vorhänge ihrer Betten beiseite geschoben, fiel allen Jungen auf, was vorher auf die Farbe der Gryffindorvorhänge geschoben worden war: Der Himmel über dem Schloss war rot.
Nicht rot wie beim Sonnenaufgang. Dieser Farbton hatte nichts mit der Sonne zu tun. Es war ein Signalrot wie man es auf Verkehrsschildern fand.
„Was ist das?", fragte Ron und näherte sich dem Fenster im Jungenschlafsaal mit gebotener Vorsicht. Seine Haare standen in alle Richtungen ab und wirkten im einfallenden Licht mehr denn je wie eine ungezügelte Fackel.
Niemand fand eine Antwort auf seine Frage. Und keiner wagte es, das naheliegendste auszusprechen.
In diesem Moment hallte eine magische Durchsage durch den Gryffindorturm: „Alle Schüler werden gebeten, sich unverzüglich in der Großen Halle zu versammeln! Ich wiederhole, alle Schüler..."
Harry wechselte einen Blick mit Ron und schluckte schwer.
- - -
„Wo bleibt sie nur?"
„Keine Ahnung. Vielleicht hat sie sich schon in der Bibliothek vergraben und die Durchsage nicht gehört."
„Die Durchsage war überall zu hören, Ron!" Harry verzog das Gesicht und starrte weiter zur Flügeltür der Großen Halle. Es sah Hermine nicht ähnlich, einer solchen Aufforderung zu trotzen. „Vielleicht ist ihr etwas passiert", überlegte er.
Ron wurde eine Nuance blasser. „Mal den Teufel nicht an die Wand, Harry!"
Er presste die Lippen zusammen und sah sich mit wachsamen Blicken im Gewühl der Schüler um. Keiner schaffte es, länger als ein paar Minuten an den Haustischen sitzen zu bleiben. Und niemand bediente sich bei dem Frühstück, das trotz des roten Himmels zubereitet worden war. Sehr zu Rons Missfallen, denn sein Magen knurrte so laut, dass Harry es selbst in dem Chaos hören konnte.
„Nun iss schon dieses verdammte Würstchen!", platzte Ginny ein paar Minuten später hervor, nachdem Rons Magen ein weiteres Mal seinen Unmut verkündet hatte, und drückte ihrem Bruder eines in die Hand. Dann verließ sie den Gryffindortisch und lief zu Luna hinüber, die das ganze Geschehen mit einer allwissenden Ruhe beobachtete.
„Wir müssen zu Dumbledore", beschloss Harry schließlich und sprang von der Bank auf.
Stolpernde Schritte hinter ihm ließen ihn vermuten, dass Ron ihm folgte. „Warte doch mal!", rief er schließlich, vermutlich nachdem er es geschafft hatte, sein Würstchen zu schlucken. Als er um einen Mitschüler bog, lief er beinahe durch den Fast Kopflosen Nick hindurch, während Harry unruhig an der Tür der Großen Halle wartete.
Im nächsten Moment wurden sie von einer strengen Stimme aufgehalten: „Mr Potter, Mr Weasley!" McGonagall.
Die beiden drehten sich synchron um und während Ron schuldbewusst den Blick senkte, ließ Harry seine Hauslehrerin gar nicht erst zu Wort kommen: „Professor McGonagall, Hermine ist verschwunden!"
McGonagalls Augenbrauen rutschten ein Stück nach oben. „Ich hoffe für Sie, dass Sie nicht gerade beschlossen haben, sie auf eigene Faust zu suchen."
„Nein, Professor. Wir wollten zu Professor Dumbeldore."
„Nun, das trifft sich gut. Das war auch mein Ziel." Sie ging an ihnen vorbei und deutete ihnen mit einer Geste an, ihr zu folgen.
Harry und Ron tauschten einen besorgten Blick, dann liefen sie weiter.
- - -
Im Büro des Schulleiters angekommen, stellte sich heraus, dass Hermines Verschwinden nicht das einzig Sonderbare an diesem Tag war. Snape befand sich bereits dort und sah sich mit grimmiger Miene zu der sich öffnenden Tür um. Als er McGonagall erkannte, rutschten seine Augenbrauen ein Stück weiter zusammen, doch als er Harry sah, kräuselten sich seine Lippen auf diese bestimmte Art, die nur ein Potter provozieren konnte.
„Das wird ja eine illustre Runde", ätzte er und ging zu einem der Fenster, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Offenbar hatte er beschlossen, dass er nicht an dieser Runde teilzunehmen gedachte.
Dumbledore hingegen überhörte seinen Einwand und sah von einem zum anderen. „Ich fürchte, die Überraschungen des Tages haben gerade erst begonnen..."
McGonagall nickte. „In mein Büro wurde eingebrochen."
Harry und Ron keuchten leise und Snape warf seiner Kollegin einen Blick über die Schulter zu. Dumbledore hingegen machte ein Gesicht, als hätte sie ihm den heutigen Wetterbericht gebracht. Vermutlich gab es nicht viel, das den Himmel über Hogwarts toppen konnte. „Wurde etwas gestohlen?"
„Allerdings. Der Zeitumkehrer, den Miss Granger in ihrem dritten Jahr benutzte."
„Das macht Sinn", murmelte Dumbledore, während Snape anscheinend zu dem Schluss kam, dass diese 'illustre Runde' doch den einen oder anderen interessanten Aspekt zu bieten hatte. „Und ich nehme an, Sie beide", der Schulleiter deutete auf Harry und Ron, „sind hier, weil Sie mir berichten wollen, dass Miss Granger über Nacht verschwunden ist."
„Ähm... ja, Sir."
McGonagall tauschte einen Blick mit ihrem Vorgesetzten und als Harry zu ihr aufsah, konnte er gerade noch sehen, wie sie eine Nuance blasser wurde. „Albus, du denkst doch nicht etwa..."
„Ich fürchte schon", erwiderte Dumbledore.
„Was? Was befürchten Sie?", fragte Harry nun, denn auch wenn er sich eines Verdachts nicht gänzlich entziehen konnte, klang das Ganze doch zu verrückt, als dass es wahr sein konnte.
„Tatsache ist, dass Professor Snape...", setzte Dumbledore an.
Wurde jedoch harsch von Snape unterbrochen: „Ich denke nicht, dass ihn das etwas angeht, Albus."
„Nun, das denke ich schon, Severus. Denn wenn meine Vermutung sich bestätigt, gibt es auch bei Harry eine gravierende Veränderung dieser Art."
„Was für eine Veränderung?" Er kam sich vor, als würde er gewaltig auf der Leitung stehen. Doch die Sorge um Hermine und der aufwallende Hass gegenüber Snape, der mit verzerrter Miene am Fenster stand, machten es ihm auch nicht gerade leicht.
„Ich nehme an, dass Miss Granger sich des Zeitumkehrers bemächtigt hat, um den Dunklen Lord auf ihre Art zu beseitigen. Denn als Professor Snape heute Morgen erwachte, war das Dunkle Mal auf seinem Arm verschwunden."
Und da begann Harry zu verstehen, von welcher Veränderung der Schulleiter bei ihm gesprochen hatte. Harrys Hand zuckte nach oben und noch ehe er sich bewusst wurde, was er da tat, konnte er die Schlussfolgerung Dumbledores bestätigen. Seine Narbe war ebenso verschwunden wie Snapes Mal.
- - -
„Sirius...", hauchte Harry einige Minuten später. „Mom und Dad..."
„Harry...", bat Dumbledore geduldig.
Geduld, die Snape nicht aufgebracht hatte; er hatte das Büro, kurz nachdem Harry seine unversehrte Stirn präsentiert hatte, verlassen, um das Chaos in der Großen Halle zu bändigen. Und McGonagall war ihm gefolgt, um dasselbe zu tun. Ron seinerseits übte sich darin, mit der Wand zu verschmelzen. Er stand bewegungslos da und beobachtete das Gespräch zwischen Harry und dem Schulleiter, als wäre es ein Tennismatch.
„Aber wenn meine Narbe und Snapes Mal verschwunden sind, dann sind meine Eltern vielleicht noch am Leben! Dann sind vielleicht alle noch am Leben!"
„Vielleicht ist das so", räumte der Schulleiter ein. „Doch bevor wir uns darum kümmern können, müssen wir herausfinden, was mit Miss Granger geschehen ist."
Dumbledore sah Harry eindringlich an, woraufhin ihm bewusst wurde, dass er Hermine im Eifer des Gefechts komplett vergessen hatte. Die Möglichkeiten, die sich durch die Änderung der Vergangenheit ergaben, rotierten in seinem Kopf wie ein Karussell. Ihm war schwindelig und ein bisschen übel, seine schweißigen Hände waren zu Fäusten geballt.
Nun allerdings warf er Ron einen beschämten Blick zu und starrte dann zu Boden. „Natürlich."
„Und davon einmal abgesehen, ist es unwahrscheinlich, dass Lily und James noch am Leben sind. So ungern ich dies auch sage, doch das Schicksal findet seinen Weg."
„Aber... Seidenschnabel..."
„Seidenschnabel ist niemals tot gewesen, Harry. Und davon abgesehen war eure Einmischung damals nur eine geringfügige Änderung der frühesten Vergangenheit. Miss Grangers Eingreifen hingegen... Sie muss mindestens zwanzig Jahre zurückgereist sein. Vermutlich länger."
Die Ernüchterung über diese Logik ließ Harry bitter schnauben. Doch ein kleiner Hoffnungsschimmer blieb. Er nährte sich von dem Wunsch, einmal Glück zu haben – und das mit einer Hartnäckigkeit, die sogar ihn selbst überraschte.
- - -
An diesem Tag kehrte Harry nicht mehr in den Unterricht zurück. Er ging mit Dumbledore ins Zaubereiministerium und versuchte herauszufinden, was genau geschehen war, während McGonagall zusammen mit den restlichen Lehrern die Schule unter Kontrolle zu bekommen versuchte.
Zu Harrys Erstaunen lief im Ministerium alles seinen gewohnten Gang. Niemand schien besorgt oder überrascht, geschweige denn verängstigt. „Haben sie nicht gesehen, wie der Himmel aussieht?", fragte er den Schulleiter leise.
„Oh doch, das haben sie. Doch hier in London sieht der Himmel aus wie immer."
Harry blinzelte irritiert.
„Eine so enorme Änderung der Zeit sorgt dafür, dass die Erinnerungen der Menschen verändert werden, Harry. Einzig die Magie, die das Schloss umgibt und es vor Fremdeinflüssen schützt, hat dafür gesorgt, dass wir noch immer in dem Glauben der alten Zeit existieren. Deshalb wirkte der Himmel rot. Es waren die aktivierten Banne."
„Was... bedeutet das?" Harry schüttelte den Kopf, um das hartnäckige Schwirren zu verscheuchen, das ihn um den Verstand zu bringen drohte.
„Das bedeutet, dass alle, die im Schloss waren, als Miss Granger in die Vergangenheit reiste, nicht wissen, was sich geändert hat, während der Rest der Welt nicht weiß, wie es ursprünglich war. Wir müssen lernen, was für sie selbstverständlich ist. Und wir sollten es auf eine unauffällige Art tun."
Harry war zwar immer noch nicht ganz sicher, ob er das Problem nun zur Gänze erfasst hatte, doch vorerst schwieg er. Sie liefen durch die Gänge des Zaubereiministeriums bis zur Abteilung für die Dokumentation für Todesfälle. Es war ein Leichtes für Dumbledore, Zugang zu bekommen. Und nachdem der Ministeriumsangestellte sie alleine gelassen hatte, ging er zuerst zum Schrank mit dem Buchstaben R und suchte die Akte von Tom Vorlost Riddle heraus.
„Was steht da, Sir?", fragte Harry ungeduldig, als der alte Mann auch nach mehreren Minuten noch schwieg.
„Wie es aussieht, hat Voldemort, so wie wir ihn kennen, nie existiert. Tom Vorlost Riddle starb in seinem vorletzten Schuljahr. Er wurde ermordet."
Harry spürte, wie er erbleichte. „Hermine hat... sie hat...", stotterte er.
„So scheint es, ja." Die Falten im Gesicht des Schulleiters hatten in den letzten Momenten arg an Tiefe zugenommen.
Harry schüttelte den Kopf, konnte diese unglaubliche Tatsache jedoch nicht loswerden. „Was geschah mit ihr?", fragte er dann mit heiserer Stimme.
„Ich weiß es nicht. Als Schuldige ist in den Akten Dorothy Gale vermerkt."
Harry runzelte die Stirn und erinnerte sich an ein Gespräch, das Hermine und er geführt hatten, kurz nachdem sie die Aufgaben am Ende ihres ersten Schuljahres gelöst hatten.
„Ich mag Dorothy. Sie ist mutig und weiß, wie sie das Beste aus allen herausholen kann."
„Du bist auch mutig. Und ohne dich wären wir schon bei diesem Grünzeug gescheitert", hatte er geantwortet.
„Teufelsschlinge, Harry. Aber wenn ich Dorothy bin", hatte sie ihre Verlegenheit zu überspielen versucht, „wer bist dann du?"
„Ihr Hund."
„Das ist Hermine", sagte Harry dumpf, nachdem er sich blinzelnd in die Gegenwart zurückgeholt hatte.
Dumbledore sah ihn mit schmalen Augen an. Dann steckte er die Akte von Tom Riddle, dem klugen, jedoch tragischerweise früh verstorbenen Jungen, wieder an ihren Platz zurück und lief die Regalreihen zurück. Beim Buchstaben G stoppte er, suchte zuerst nach Gale, dann nach Granger. „Sie muss noch am Leben sein."
Erleichterung nahm eine große Last von Harrys Schultern und zerrte das Lächeln auf seine Lippen, für das eigentlich Voldemorts Tod schon hätte sorgen sollen. „Dann werden wir sie finden."
- - -
Nachdem Dumbledore gegangen war, um im Strafregister nach Eintragungen über Dorothy Gale zu suchen, hatte Harry sich vorsichtig näher an den Buchstaben P herangeschlichen. So dringend er vorhin hatte erfahren wollen, was mit seinen Eltern geschehen war, so gerne wäre er jetzt umgedreht und gegangen.
Doch er würde nicht drum herum kommen, der Wahrheit irgendwann ins Gesicht zu blicken. Hermine hatte für ihn und für alle anderen eine neue Welt erschaffen; er war es ihr schuldig, sie kennen zu lernen.
Ernüchterung wog schwer, wie er feststellte, als er die beiden Akten zwischen all den anderen hervorzog. Und der Schritt zur Resignation war ein kleiner; einzig seine zitternden Finger verrieten ihm, dass er ihn noch nicht getan hatte, während er die vergilbten Pergamente durchblätterte.
Seine Eltern waren nach wie vor in jener Halloween-Nacht gestorben. Allerdings nicht durch die Hand Voldemorts, sondern durch die eines Freundes. Peter Pettigrew. Harry schnaubte. „Das ist absurd!"
„Das ist Schicksal", erwiderte die Stimme Dumbledores hinter ihm, so dass Harry erschrocken zusammenfuhr und die Akten fallen ließ. Der Schulleiter zückte seinen Zauberstab und dirigierte beide Akten wieder an ihren Platz zurück. „Möchtest du auch die Akte von Sirius Black einsehen?"
Harrys Kiefer verspannten sich, ehe er den Kopf schüttelte. Dumbledore nickte. Dann deutete er auf die Pergamente, die er in der Hand hielt. „Dorothy Gale wurde verurteilt. Lebenslange Haftstrafe in Askaban aufgrund eines besonders grausamen Mordmotivs."
Harry schluckte und glaubte, der Boden unter seinen Füßen würde sich drehen. „Welches Motiv?", fragte er mit heiserer Stimme.
„Gar keines."
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Hermine nach diesen Informationen in Askaban ausfindig zu machen, war eine Sache von Minuten. Harry hätte später nicht mehr sagen können, was Dumbledore dem Angestellten in dieser Abteilung erzählt hatte und das obwohl er direkt daneben gestanden hatte. Er versuchte noch immer mit der Tatsache zurecht zu kommen, dass Hermine ihr Leben für seines geopfert hatte.
Wobei ein viel größerer Teil seines Verstandes versuchte, eine Alternative zu finden. Die brauchbarste war immer noch, dass er sich selbst einen Zeitumkehrer besorgte und zum vergangenen Abend reiste, um Hermine von ihrem Plan abzuhalten.
Und wie so oft schienen sich seine Gedanken auch in seinem Gesicht widerzuspiegeln: „Was immer dir jetzt durch den Kopf geht, Harry, ich rate dir, nicht weiter darüber nachzudenken." Selten zuvor hatte Dumbledore so eindringlich geklungen. „Miss Granger hat ein großes Chaos in der Zeitlinie verursacht. Es ist nicht abzusehen, was das für die Zukunft, oder für die Vergangenheit, bedeutet."
„Sie hat das nicht gewusst", fuhr Harry harsch dazwischen.
„Oh, ich denke, sie wusste es ziemlich genau. Doch sie wusste auch, dass es Dinge gibt, die man hinnehmen muss, um andere Dinge zu erreichen."
Harry war überzeugt, dass der Schulleiter nichts mit dieser Aussage andeuten wollte. Und dennoch fühlte er sich, als ob er versagt hätte. Weil er es nicht geschafft hatte, gewisse Dinge hinzunehmen. „Ich denke über gar nichts nach", erwiderte er schließlich dumpf.
Danach hatte Dumbledore darauf verzichtet, Harry in ein Gespräch zu verwickeln. Sie hatten sich eine Kopie von Hermines Führungsakte besorgt und waren wieder gegangen.
- - -
Harry brauchte fast zwei Wochen, ehe er mutig genug war, sich in Askaban blicken zu lassen. Genauso lange wie die Banne gebraucht hatten, um wieder in ihren normalen Zustand zurückzukehren. Die Scham, die er seiner besten Freundin gegenüber empfand, ließ sein Gesicht brennen, auch wenn er ausnahmsweise einmal nicht an das dachte, was sie getan hatte.
Darüber hinaus hatte er Streit mit Ron, weil... nun, eigentlich wusste Harry gar nicht so genau warum. Er hatte selbst minutenlang vollkommen perplex im Gemeinschaftsraum gesessen, nachdem Ron gegangen war. Doch klarer wurde die ganze Sache dadurch nicht.
„Du musst zu Hermine", war es schließlich Ginny, die aussprach, was vermutlich alle dachten. Alle die wussten, was wirklich passiert war (denn Hermine Granger war mittlerweile für tot erklärt worden. Offiziell hatte sie einen tragischen Unfall gehabt; und genauso hatten auch alle ausgesehen, die zur Bestattung des leeren Sarges erschienen waren).
„Was hat Hermine damit zu tun?", fragte er scharf. Er reagierte immer so, wenn jemand auf sie zu sprechen kam. Und seine Wangen wurden heiß.
„Sie ist der Dreh- und Angelpunkt. Du wirst es verstehen, wenn du mit ihr gesprochen hast." Dann ging sie. Ob nun, weil sie es nicht länger in seiner Gegenwart aushielt, oder weil sie ihm nicht die Gelegenheit geben wollte, noch einen Streit vom Zaun zu brechen, wusste Harry nicht.
Jedenfalls stand er nun mit geballten Fäusten und nervösem Magen in einem der Gänge in Askaban und wartete darauf, dass der Wärter, der anscheinend die Ruhe für sich gepachtet hatte, den richtigen Schlüssel in seinem klappernden Bund fand. Er wäre vermutlich wesentlich ruhiger, wenn er nicht vorher schon eine Stunde gewartet hätte, bis man 'Dorothy Gale' aus ihrer Zelle in den Besucherraum gebracht hatte.
Nach einer Zeitspanne, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, sprang die Tür endlich auf – und Harry wünschte sich prompt, er säße noch immer im Wartezimmer.
Der Wärter trat zur Seite und bedeutete ihm einzutreten. Es dauerte einige Sekunden, bis Harry es schaffte, seine Füße vom Boden zu lösen. Und der Türspalt schien in Zeitlupe zu wachsen, bis er den gesamten Raum einsehen konnte.
Hermine saß so am Tisch, dass sie der Tür den Rücken zuwandte. Dennoch erkannte er sie sofort an der Flut wilder Locken, die sich über ihren Rücken ergoss. Das einzige, was sie von vor zwei Wochen unterschied, waren die grauen Strähnen, die zwischen dem Braun lagen.
Harry schluckte hart und trat über die Schwelle. Das hohe Quietschen der Tür, als sie geschlossen wurde, ließ ihn kurz zusammenzucken. Dann umrundete er den Tisch auf dieselbe Art, wie er damals auf das Podest des Sprechenden Huts gestolpert war. Und genau wie damals war er heilfroh, als er sich setzen durfte.
Hermine hielt die Augen geschlossen, ihr Gesicht war vollkommen entspannt. Die Züge der jungen Frau, die er verinnerlicht hatte, lagen noch immer unter der Maske, die die Jahre ihr auferlegt hatte. Strenge Falten standen zwischen ihren Augenbrauen und liefen von der Nase bis zu ihren Mundwinkeln. Doch eines fand er in ihrem Gesicht nicht. Etwas, das bisher alle ihm bekannten gealterten Gesichter geprägt hatte: Lachfalten.
„Hermine?", fragte er vorsichtig mit brechender Stimme.
Ihre Mundwinkel zuckten kurz, so als ob sie lächeln wollte. „So hat mich schon lange niemand mehr genannt", sagte sie dann und ihre Stimme öffnete in Harry einen Abgrund, von dem er nicht wusste, was er bereit halten würde. „Sonst bin ich Dorothy. Immer Dorothy. Merlin, wie ich dieses Balg hasse!"
Im ersten Moment war Harry schockiert, dann blinzelte Hermine und lächelte wirklich. „Genau so hatte ich dich die ganze Zeit in Erinnerung, Harry." Sie zog ihre Hände unter der Tischplatte hervor und legte sie vor ihm ab. Altersflecken und Falten säumten die früher... letztens... ehemals weiße, glatte Haut. Und die Finger, die eine Feder kraftvoll und sicher zu führen pflegten, zitterten nun leicht. „Wobei ich nicht gedacht habe, dass ich dich jemals wiedersehen würde. Es waren die Banne des Schlosses, nicht wahr? Sie haben verhindert, dass ihr vergesst."
Er nickte.
„Dummer Fehler. Aber ich hätte die Banne kaum aufheben können, ohne Dumbledores Aufmerksamkeit zu erregen." Sie rümpfte die Nase. „Es tut mir leid, dass du dich noch erinnerst. Und die anderen..."
Ein Impuls wollte, dass er mit „Das muss es nicht" antwortete. Doch dann fiel ihm auf, dass er eigentlich gerne vergessen würde. „Na ja, es ging eben nicht anders", murmelte er deswegen. Er senkte den Blick, als Hermine schluckte.
„Ich weiß. Aber solange ihr lebt, ist es okay."
Er verzog das Gesicht und biss sich auf die Lippen. Doch er konnte nicht schweigen: „Nein, das ist es nicht. Es war mein Kampf."
„Das war es", stimmte sie zu. Dann wurde ihr Blick glasig und als Harry verstand, dass sie sich erinnerte (an was auch immer), fügte sie hinzu: „Es schien mir allerdings nicht so, als ob du Besitzansprüche daran geltend machen wolltest." Ihre Stimme klang schärfer als vorher und als Harry mit brennenden Wangen zu ihr aufsah, lag eine ausgeprägte Verbitterung in ihrem Gesicht. Mühsam schaffte sie es, diese wieder niederzukämpfen. „Nimm es einfach hin, Harry. Es ist ohnehin zu spät, etwas daran zu ändern."
„Jaah", murrte er. „Dafür hast du ja gesorgt."
„Bitte?", hakte sie spitz nach.
„Du hättest mich fragen können! Du hättest deinen Plan mit Ron und mir absprechen können!"
„Ihr hättet mich davon abgehalten."
„Natürlich hätten wir das!" Harry sprang auf, wobei sein Stuhl laut über den Boden schrammte. Aufgebracht ging er in dem kleinen Raum auf und ab. „Es war Irrsinn, diesen Plan durchzuziehen."
„Es hat die Welt von einem kranken Bastard befreit."
Harry schnaubte. „Und das hat ja auch so viel verändert..."
„Es hat alles verändert."
„Jaah, stimmt. Wir haben jetzt ein neues Schulfach. 'Wie die Welt wirklich ist'!"
Hermine ignorierte seinen Einwand. „Du bist nur zu jung, um das zu verstehen!"
Harry wirbelte herum und starrte sie mit großen Augen an. Hermine war immer älter gewesen als er und Ron. Doch einen Unterschied hatte das nie gemacht.
Sie atmete schwer und schloss kurz die Augen. „Setz dich wieder hin, Harry", bat sie dann mit ruhiger Stimme. Widerwillig kam er dem nach. Hermine griff nach seinen Händen und hielt sie fest. Mit genau dem Druck, den er von ihr gewohnt war. Für einen kurzen Moment sah er wieder das junge Mädchen in ihrem Gesicht.
„Ich hätte ein wundervolles Leben haben können, wenn ich damals nicht gegangen wäre. Ich hätte die Schule abgeschlossen, studiert, geheiratet, 2,4 Kinder bekommen... Vielleicht. Aber vielleicht wäre ich auch im Kampf gefallen. Vielleicht wären du und Ron gefallen. Vielleicht andere, die mir etwas bedeuteten. Die Entscheidung, die ich traf, traf ich nicht nur wegen dir, Harry. Es hat lange gedauert, bis ich selbst es verstanden habe. Und bei jedem Todesfall, von dem ich hörte, aber vor allem bei deinen Eltern, habe ich gezweifelt, ob es sich gelohnt hat. Aber wenn dafür jetzt niemand mehr durch Voldemorts Hand einen sinnlosen Tod stirbt, dann habe ich das Richtige getan."
Harrys Kiefer mahlten. Er versuchte ihr seine Hände zu entziehen, schaffte es jedoch nicht. „Und jetzt erwartest du von mir, dass ich mein Leben lebe, hm?"
Hermine zog eine Schulter hoch und lächelte unbestimmt.
„Das kann ich nicht, Mine. Nicht wenn ich weiß, dass du hier bist. Dass du dein Leben geopfert hast."
Da ließ sie ihn los. „Mir ist es gleich, was du aus deinem Leben machst. Mir ging es nur darum, dich selbst entscheiden zu lassen, so wie ich entschieden habe."
In ihren Worten schwang etwas so Abschließendes mit, dass Harry schluckte und wieder aufstand. Ohne die vorherige Energie (eigentlich vielmehr vollkommen erschöpft) ging er um den Tisch herum und blieb neben Hermine stehen. Sie sah zu ihm auf, überzeugt von sich und ihren Taten und doch glänzten ihre Augen feucht. Er konnte nicht anders, als sie dafür zu respektieren.
„Was du getan hast, war dumm und überstürzt und ich bin mir sicher, dass du es mehr als einmal bereut hast." Sie holte Luft und wollte ihm offensichtlich widersprechen. „Aber", fuhr er deswegen rasch fort, „es war auch die Tat einer Gryffindor. Und ich weiß, wann ich mich zu bedanken habe." Harry hob seine Hand und legte sie an ihre faltige Wange. Dann beugte er sich hinunter und küsste seine beste Freundin auf die Stirn. „Danke, Mine. Und vergiss niemals, wer du bist."
Sie lächelte. „Nicht Dorothy Gale."
„Nein. Du bist besser."
- - -
Hermine hatte gewusst, dass Harry irgendwann doch zu ihr kommen würde, um zu reden. Sie wusste es, weil sie alleine in einer fremden Welt gestrandet war und es nicht riskieren konnte, mit irgendwem zu reden. Denn man verzichtete nur solange auf das Angebot eines Freundes, wie man jederzeit darauf zurückkommen konnte.
Sie hatte so ein Angebot lange entbehren müssen und deswegen nicht lange gezögert, Harry das zu sagen, was sie sich seit zweiundfünfzig Jahren zurechtgelegt hatte. Und auch als die anderen gekommen waren – die Professoren Dumbledore und McGonagall, Ron und Ginny, Luna und Neville – hatte sie nicht hinterm Berg gehalten. Nicht ein einziges Mal in den zwanzig Jahren, die seit Harrys erstem Besuch vergangen waren.
Sie hatte einundsiebzig Jahre ihres Lebens in Askaban verbracht. Denn für die magische Welt bedeutete lebenslänglich genau dies. Das einzig Gnädige daran war, dass das Leben in Askaban von alleine kürzer wurde.
Ihr Körper war verbraucht und erschöpft; es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand sie abholen würde. Jemand von oben. Und als ob sie diesen Moment herbeischauen könnte, starrte Hermine an die Decke der Krankenstation und wartete.
Nur wenn die Türen sich öffneten, wandte sie den Blick vom schmutzigen Weiß ab. In ihren Gedanken gab es eine Liste mit Freunden, mit deren Besuch sie noch rechnete. Und als die Tür sich heute öffnete, hatte sie ihre Liste eigentlich schon abgearbeitet.
Vielleicht war das der Grund dafür, dass etwas Kraft in ihre Muskeln zurückkehrte, die es ihr erlaubte, sich ein kleines bisschen aufzurichten. Vielleicht war es auch nur die unerwartete Anwesenheit ihres ehemaligen Lehrers. Jedenfalls kam mit der Kraft auch ein kleines Lächeln, denn sie hatte viel Zeit zum Nachdenken gehabt und Dinge erkannt, die ihr damals, als sie ihn noch direkt vor der Nase gehabt hatte, gänzlich entgangen waren.
Snape durchquerte den Raum mit denselben großen Schritten, mit denen er schon durch Hogwarts gewandelt war. Dass er so viel jünger war als sie, war ein Abstraktum, das ihr bei Harry und den anderen nicht so sehr aufgefallen war. Sie beobachtete, wie er sich einen Stuhl nahm und sich zu ihr setzte. Einige Minuten sagte keiner von ihnen ein Wort; Hermine hatte es nicht mehr nötig und er musste anscheinend erst seine Gedanken sortieren. Nach zwanzig Jahren noch immer.
„Sie sind ein dummes Mädchen, Miss Granger."
Hermine blinzelte zweimal, dann schnaubte sie, soweit ihr Zustand es ihr erlaubte. „Haben Sie allen Ernstes zwanzig Jahre gewartet, um mir diesen Satz noch ein letztes Mal um die Ohren zu hauen, Sir?" Obwohl sie jetzt die Ältere war, obwohl sie ihm ein Leben ermöglicht hatte, von dem er vermutlich nicht einmal zu träumen gewagt hatte, galt die alte Rollenverteilung noch immer.
„Ich habe nicht gewartet. Ich wäre auch jetzt nicht hier, wenn Albus mich nicht dazu gezwungen hätte."
„Das ist es, was ich von einem Slytherin erwartet habe." Ihre Stimme verlor etwas an Kraft, als sie sich falsch bewegte und heißer Schmerz durch ihren Rücken jagte.
„Dito", erwiderte er, absolut unbeeindruckt von ihrem körperlichen Zustand.
Hermine feixte (etwas, das sie erst hier in Askaban gelernt hatte, das allerdings relativ schnell). „Abgesehen davon, dass ich eine Gryffindor bin, gehe ich jede Wette ein, dass Sie auch mehr als einmal darüber nachgedacht haben, Ihre Probleme auf diese Art zu lösen."
„Sie sind genauso wenig eine Gryffindor, wie Salazar Slytherin einer war. Und Sie wetten mit einem Slytherin?"
„Warum nicht? Ich habe nichts mehr zu verlieren. Meine Stunden sind gezählt." Sie schaffte es, diese Tatsache ohne den Anflug von Bedauern auszusprechen.
„Ich denke, Sie werden es verstehen, wenn ich Ihnen sage, dass ich weder mit ehemaligen Schülerinnen, noch mit Todgeweihten Wetten abschließe."
„Dann werden Sie es wohl auch verstehen, wenn ich Sie für einen Feigling halte."
„Das ist Ihr gutes Recht", erwiderte er nonchalant.
Hermine kniff ihre Augen zusammen. „Was wollen Sie hier, Professor Snape?"
Er holte einmal tief Luft und ließ sie ungenutzt wieder aus seinen Lungen entweichen. Dann jedoch straffte er seine Haltung und sprach, deutlich und ohne zögern, so wie sie es von ihm kannte: „Ich möchte Sie daran erinnern, dass ich in Ihrer Schuld stehe. Falls es etwas geben sollte, dass ich für Sie tun kann, werde ich es tun."
Im ersten Moment wollte Hermine lachen. Im zweiten wollte sie ihm einen Vogel zeigen (was die ihr verbliebenen Stunden sicherlich drastisch verkürzt hätte). Im dritten dachte sie ernsthaft über sein Angebot nach.
„Es gibt etwas", entschied sie sich schließlich, dass der dritte Moment der beste gewesen war, um nach ihm zu handeln. Snape gab ihr mit einem Nicken zu verstehen, dass er hörte. „Ich gehe davon aus, dass meine Eltern seit zwanzig Jahren denken, ich wäre tot."
„Allerdings." Seine Miene wurde einen Hauch verbissener. Anscheinend ahnte er, dass ihm ihre Bitte nicht gefallen würde.
„Erzählen Sie ihnen, was wirklich geschehen ist, wenn es vorbei ist."
„Halten Sie das für klug?"
Hermine zischte leise. „Nein. Klug bin ich neunundachtzig Jahre meines Lebens gewesen, auch wenn Sie diese Meinung nicht teilen werden. Erlauben Sie mir einen Moment der Dummheit."
Snape schürzte seine Lippen. „Es ist mindestens der zweite." Und dann dachte über ihre Worte nach und nickte. „Ich werde es tun. Aber ich werde mir das Recht vorbehalten, Ihren Eltern die Erinnerung zu nehmen, sollten sie unpassend oder auf problematische Art reagieren."
„Das klingt fair", räumte Hermine ein. „Und nun gehen Sie."
Snape zog eine Augenbraue in die Stirn. „Sie schmeißen mich raus?" Er klang dabei, als hätte er sie höchstpersönlich an seinem privaten Vorratsschrank erwischt.
„Bei Merlin, ja!" Hermine lachte leise, geriet darüber ins Husten und sah Sterne, ehe sie wieder zur Ruhe kam.
„Also gut", fügte der jüngere Mann sich und stand auf. Er stellte den Stuhl an seinen Platz zurück, blieb jedoch noch einmal stehen, als er auf dem Weg zur Tür an ihrem Bett vorbeikam. „Nur eines noch, Miss Granger... Ich habe Sie nie für dumm gehalten."
Hermine lächelte. „Ich weiß."
ENDE
