Kapitel 3
‚Ooooooooooh…'
‚Ich weiß.'
‚Oooooooooooooh…'
‚Du wiederholst dich. Trink das Wasser aus, das ich dir habe bringen lassen und lass mich arbeiten.'
‚Mir ist so schlecht… wenn ich das trinke, dann…'
‚Ja-ha, ich hoffe, du hast etwas bei der ganzen Sache gelernt.'
‚Allerdings – dass du unglaublich gemein sein kannst!'
‚Deine eigene Schuld. Blueface, ich muss den Hive auf den Wachwechsel vorbereiten und komme später bei dir vorbei. Bis dahin trink das Wasser und bleib im Bett', meinte Bonewhite, dessen Geduld allmählich ausgereizt war.
Der Blade war ein Perfektionist und nichts weniger als Perfektion würde ihn vor neuerlichen Angriffen seiner Ablösung Lightning bewahren. Da Bonewhite mit ihrem Commander Guide befreundet war und dieser sich seit Ewigkeiten mit dem heutigen Hivemaster Lightning in den Haaren hatte, gab es nur wenige Möglichkeiten, nicht selbst in die Schusslinie zu geraten. Eine davon war, schlicht und ergreifend keine Angriffspunkte zu bieten. Als Taktikoffizier erkannte er genau die Schwachstellen jeder Wache und arbeitete gezielt gegen diese an.
Die Logbücher hatte er präzis führen lassen, die Nahrungskapseln waren ausreichend aufgefüllt. Die Technik des Hives war bis ins Letzte gewartet und auch die Drohnen im Heckbereich schliefen wieder friedlich, nachdem ihnen ihre Droge verabreicht worden war. Nun musste sich nur noch Blueface bis zur Übergabe wieder erholen. Der Cleverman litt schon seit drei Tagen unter anhaltender Übelkeit, Kopfschmerzen und Fieberschüben – wie jeder, der sich dem Effra-Rausch ausgesetzt hatte. Auch für den Körper eines Wraith gab es Grenzen, Gifte zu kompensieren.
Bonewhite seufzte innerlich und machte sich von der Brücke aus auf den Weg, den Darthangar zu inspizieren. Dem ranghöchsten Piloten seiner Wache brachte er inzwischen freundschaftliche Gefühle entgegen, denn obwohl Deeper von Zeit zu Zeit recht ruppig sein konnte, war er doch ebenso perfektionistisch veranlagt wie Bonewhite.
„Nein, du hast diese Schramme zu verantworten, also wirst auch du sie reparieren – und nicht einer von den Clevermen, die genug zu tun haben!"; fuhr Deeper gerade einen jungen Piloten an, der beim letzten Ernteflug ein Siedlungsgebäude mit seinem Fluggerät gestreift hatte. Seine dicken Haarkordeln flogen herum, als Bonewhite neben ihn trat und er knurrte: „Bitte um Erlaubnis, in unserer nächsten Wache für diesen Jungspund einen anderen Piloten wecken zu dürfen, Sir!"
Bonewhite warf dem jungen Flieger einen abschätzenden Blick zu – der mentale Beigeschmack der Überheblichkeit und das kurze Aufflackern von Trotz in dessen Augen waren ausschlaggebend für sein Urteil. „Erlaubnis erteilt", antwortete er knapp, woraufhin der junge Pilot kurz die Zähne bleckte, bevor er sich wieder zusammenriss.
„Mach, dass du an die Arbeit kommst", fauchte Deeper und folgte Bonewhite in die Kontrollzentrale des Hangars.
„Status?", fragte Bonewhite und überflog einige der Anzeigen.
„Bis auf diesen aufsässigen Bengel immer noch das gleiche Problem mit der Beleuchtung der Einflugschneise. Ich glaube, Blueface muss sich selbst daran setzen, seine Techniker bekommen dieses Flackern nicht in den Griff", entgegnete der Pilot und runzelte die Stirn, bevor er fortfuhr: „Ich weiß, es ist ein Ausgang und zudem nahe am Sternenring, aber mit den dementsprechenden Wachen…"
„Blueface wird schon nicht mehr flüchten wollen, aber er hat anderes zu tun", entgegnete Bonewhite tonlos.
‚Eingesperrt in seinem Quartier? Mit einer Drohnenwache vor der Tür? Das sieht mir aber ganz nach etwas anderem aus', meinte Deeper mental, der sich wie alle anderen an Bord mittlerweile fragte, warum der Cleverman seit Tagen nicht mehr seine Unterkunft verlassen hatte.
‚Er bereitet etwas für Guide vor, den wir nach dem Wachwechsel an Lightning auf eine Mission begleiten werden', entgegnete Bonewhite still – er hatte Blueface wirklich aufgetragen, noch einmal die Datenbankeinträge auf konkrete Ortsangaben durchzusehen, insofern log er mit dieser Aussage nicht. Auch wenn der kleine Cleverman im Moment nicht einmal dazu in der Lage war, sich auch nur zwei Minuten zu konzentrieren.
Deeper nickte und beließ es dabei. Ihr Commander war schon immer ein Geheimniskrämer gewesen und er wollte gar nicht wissen, was die Führungsoffiziere jetzt wieder untersuchen wollten. Er hatte gelernt, dass es nicht unbedingt der eigenen Gesundheit zuträglich war, mit Guide auf eine Mission zu gehen – auf der letzten war Blueface beinahe von einem Teppra-Saurier gefressen worden. Auch wenn der Pilot dem Cleverman immer noch nicht verziehen hatte, dass dieser sich damals während seines Dienstes durch den Sternenring vom Hive hatte schleichen können, so mochte er ihn doch auch – irgendwie. Zumindest war der Cleverman fleißig, begabt und ehrlich. Außerdem gab es so gut wie keine Reparatur, die er nicht ausführen konnte.
Am Ende der Tagzeit betrat Bonewhite das Quartier seines leidenden Freundes, der seither allerdings schon erheblich besser aussah als am ersten Morgen nach seinem Rausch. „Ich habe dir etwas mitgebracht", meinte der Blade und präsentierte eine frisch geerntete Purasbirne.
„Oooooooooh, du willst mich umbringen", sagte der Cleverman und unterdrückte ein Würgen.
Bonewhite grinste und setzte sich auf den Stuhl am Tisch, auf dem er eigentlich immer saß, wenn er seinen Freund besuchte. „Wenn ich das wirklich wollte, hätte ich mir schon eine Menge Arbeit und Ärger ersparen können!"
Blueface schälte sich aus den Zudecken und setzte sich an den Rand seiner Schlafnische. „Hört das auch noch einmal wieder auf?", fragte er matt und wischte sich über das schweißnasse Gesicht.
„Ich kenne keinen, der länger als vier Tage gelitten hat", antwortete Bonewhite, „allerdings kenne ich auch niemanden, der sich gleich eine Handvoll dieser Beeren in den Mund geschoben hat."
„Ich sagte doch, es waren nicht mehr als fünf oder sechs. Vielleicht sieben, aber keinesfalls mehr", murrte Blueface, dem sein sonst so ordentlich zurechtgemachtes Haar strähnig und ungekämmt vom Kopf abstand. „Ich möchte baden. Darf ich?"
„Morgen vielleicht. Im Moment riechst du noch zu sehr nach den Beeren, dann wüsste innerhalb kürzester Zeit jeder, was dir geschehen ist", entgegnete der Blade, „darum bleibst du vorläufig besser hier."
„Warum weiß eigentlich jeder hier an Bord über diese Beeren Bescheid, nur ich nicht?", schmollte Blueface und zog sich eine Decke über die Schultern, da er nun doch wieder fror.
„Weil du nicht hier aufgewachsen bist", sagte Bonewhite und rümpfte die Nase. Seit Urzeiten machten sich die Anwärter der Blades einen Spaß daraus, jüngere Wraith mit Effra-Beeren abzufüttern – wer nicht selbst Opfer wurde, kannte immer den einen oder anderen, der den Witzbolden auf den Leim gegangen war.
„Da bin ich aber nicht der Einzige", knurrte Blueface, rieb sich die schmerzende Stirn und jaulte innerlich. Er hatte schon Vieles durchlitten, aber so krank und schwach hatte er sich nur selten gefühlt.
Nein, das nicht, dachte Bonewhite, aber einer der Wenigen, die von solchen Späßen nichts mitbekommen, weil sie zu angestrengt auf ihre Arbeit fixiert sind. „Brauchst du noch etwas?", fragte er laut.
„Einen neuen Körper…", maulte Blueface und ließ sich wieder in seine Kissen sinken.
Bonewhite lächelte schmal. „Damit kann ich dir leider nicht dienen. Aber du könntest dich mal wieder kämmen", sagte er und suchte in den Wandverschlägen nach einem Kamm.
„Und das ausgerechnet von dir", knurrte Blueface. Es war kein Geheimnis, dass Bonewhite ein höchst gespaltenes Verhältnis zu Kämmen und Bürsten hatte. Die Kammerjungen, die den Führungsoffizieren – und ganz besonders den Lords der Zenana – zustanden, berichteten sich die schauerlichsten Dinge über Guide und Bonewhite, die beide immer recht zottelig aussahen. Auch weigerte Bonewhite sich, seinen derzeitigen Assistenten Dazzle zu seinen Wachen aus der Schlafkapsel zu holen – er machte sich morgens lieber allein zurecht.
Der Blade fauchte daraufhin kurz und warf seinem Freund den Kamm zu, den er gefunden hatte. „Ich schaue morgen wieder nach dir", meinte er nicht unfreundlich und machte sich auf den Weg zur Zenana.
Vor seiner eigenen Unterkunft hielt er kurz inne und ging dann doch daran vorbei, um zuerst zu seiner Königin zu gehen. Snow schlief seit über zwanzig Jahren fest in ihrer Kapsel. Jeden Tag besuchte Bonewhite sie, tastete nach ihrem kühlen und klaren Geist, der ihm so gut tat. Schon vor Jahren hatte sich der Blade eingestehen müssen, dass er seiner Herrscherin mehr als nur Respekt und Hochachtung entgegenbrachte. Ihm graute vor dem Tag, an dem er seine Selbstbeherrschung verlieren könnte und er sie offen anbettelte, ihn wirklich in ihren Privatgemächern zu empfangen.
Zitternd zog er seine Hände von der Membran der königlichen Schlafwabe zurück. Er gehörte nicht hierher. Nicht in dieses Gemach und nicht in die Zenana. Sein ganzer Status als Pallax und Lord des Hives war eine Farce – von Guide vor Jahrtausenden ersonnen, um den Blade vor der Rache einer rivalisierenden Königin zu schützen. Die daraufhin seinen Bruder Fever einforderte – diese Königin war Stormeye gewesen, die später Blueface das Leben geschenkt hatte. Der vielleicht ein Nachfahre von Fever sein konnte… dem Blade schwirrte der Kopf und er biss sich schmerzhaft auf die Lippen.
Snow würde sich niemals dazu herablassen, sich mit ihm zu paaren. Er war nur ein Nachkomme von Wind – nicht unbegabt, vielleicht ein guter Kämpfer und Taktiker, aber eben nichts Besonderes. Er war ihr und ihrem Vater Guide treu ergeben – andere Lords, die nach dem Machtwechsel nicht ganz so viel Loyalität an den Tag gelegt hatten, hatte sie aus strategischen Gründen zu sich rufen lassen. Nur Ease und Glow empfing sie regelmäßig… selbst Lightning sollte sie schon gerufen haben.
Wütend bleckte Bonewhite die Zähne. Bis Guide ihm Blueface an die Hand gegeben hatte, hatte er seine Gefühle immer und jederzeit unter Kontrolle gehabt. Es hatte ihm nie etwas ausgemacht, wenn andere grinsend aus Snows Gemächern gekommen waren. Aber seit er sich um den chaotischen – und unglaublich anhänglichen – Cleverman kümmerte, sich mit ihm angefreundet hatte, seitdem sah er sich immer mehr seinem unterdrückten Gefühlsleben ausgesetzt, das an die Oberfläche zu brechen drohte. Seiner immer noch nicht verarbeiteten Trauer um Fever. Seiner verzweifelten Zuneigung zu ihrer Königin. Seiner nicht nur gelegentlich aufkeimenden Wut auf Guide, der von Beginn an mit ihm gespielt hatte – ob Freund oder nicht. Und natürlich dem verwirrenden Zustand, den Blueface in ihm hervor rief. Einerseits wollte Bonewhite ihn mit aller Macht beschützen, andererseits war er teils so von dem Cleverman gereizt, dass er ihn hätte erwürgen können.
Alter Mann, ich weiß, du willst, dass ich ihn meinen Bruder nenne, aber das wird nicht geschehen, dachte er und ballte die Fäuste. Nein, dieses Mal würde er sich nicht auf das perfide Spiel seines „Freundes" einlassen. Zumindest nicht weiter, als er es bisher schon getan hatte.
