Kapitel 3
Watson spürte, wie Ihm etwas die Kehle zuschnürte.
Konnte dieser Tag noch schlimmer werden?
„Mycroft."
„Was?"
„Mein werter Herr Bruder hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich Ihn auf einer gewissen Dienstreise nach China begleiten werde. Scheinbar ist dort irgendetwas im Gange, das die Sicherheit Europas beeinträchtigen könnte. Einer seiner Korrespondenten des Secret Service erwähnte die Bezeichnung „M.""
„Und sie denken-"
„Verstehen sie, es ist eine Chance. Ich könnte ihn endlich fassen!"
„Und ihr Bruder würde Ihnen wieder einmal mit dem Ritterschlag drohen."
Ein wissendes Grinsen machte sich auf Watsons Gesicht breit.
„Aber wo liegt denn das Problem, Sherlock? Wann geht's los?" Watson konnte bereits den ersten Anflug eines Adrenalinrauschs in seinen Adern spüren. Endlich wieder etwas Spannung.
„Ich gehe allein. Es ist zu gefährlich für sie. Moriarty kennt meine Schwachpunkte. Ich kann nicht riskieren, dass-"
„Es reicht, HOLMES!" Watson schrie Ihn förmlich an.
„Moriarty hier, Moriarty da. Gibt es denn für sie wirklich nichts anderes als Ihre Arbeit?"
Damit brach die Schimpftirade jäh ab. Du benimmst dich wie eine betrogene Freundin, dachte sich Watson. Genau das wollte er doch vermeiden!
„Ich verstehe." Betreten blickte Watson zu Boden. Seine Stimme klang bitter.
Ausnahmsweise wusste Sherlock nicht, was er sagen sollte. In Ermangelung einer besseren Idee schlug er vor:
„Lassen sie uns einen trinken gehen Watson. Ich kenne da einen ausgezeichneten Pub in der Innenstadt."
Watson überlegte. Lieber so etwas Zeit mit Sherlock verbringen, als gar nicht. Er stimmte zu.
Konnte er sich wenigsten von seinen Problemen etwas ablenken. Wobei.. Wie war das mit der Silvesterfeier gewesen? Er sollte wirklich mehr aus seinen Fehlern lernen.
Doch noch bevor sie die Wohnung verlassen hatten, klingelte Sherlocks Handy.
Nummer unterdrückt?
Er hob ab.
„Hallo?"
„Mr. Holmes, wenn Ihnen Ihr Ruf und Ihr Bruder etwas bedeuten, treffen Sie mich morgen 8 Uhr am Trafalgar Square."
„Was soll das?" Sherlocks Stimme klang erregt. „ Was wollen Sie damit sagen? Wer sind Sie?"
„Sherlock…" Eine schwache Stimme am anderen Ende der Leitung. Dann der Klang dumpfer Schläge, Schmerzenslaute. „Halt die Klappe!"
Wieder Aufruhr.
„Morgen 8 Uhr, Trafalgar Square. Seien Sie pünktlich!"
Damit brach das Gespräch ab.
Langsam ließ Sherlock das Handy sinken. Er stand wie zur Salzsäule erstarrt. Seine Hände begannen zu zittern. Schweiß stand ihm auf der Stirn.
„Was ist, Sherlock?", fragte Watson verwirrt.
Mit einem lauten Klirren ließ Sherlock sein Telefon fallen. Dann gaben seine Beine nach.
Watson sprang auf, konnte den Sturz seines Freundes aber nicht mehr verhindern.
Dieser kollidierte im Fallen mit der Tischkante, riss das Möbel um- sehr zum Leidwesen von Mrs. Hudson's Teeservice, welches den Aufprall mit dem Fußboden nicht überstand. Zum Glück war eben diese gerade bei einer Verwandten in Sussex. Andernfalls hätte die fürsorgliche Vermieterin – nicht Haushälterin! - wohlmöglich einen beinahe Herzinfarkt erlitten.
Augenblicklich kniete Watson neben seinem Mitbewohner, rüttelte an dessen Schulter.
„Sherlock? Sherlock!" Er klang beinahe verzweifelt.
„Wachen Sie auf!" Er verpasste dem Bewusstlosen einige Ohrfeigen.
Sherlock erwachte mit einem Ruck.
„Um Himmels Willen, was tun Sie denn da?" Er umfasste Watsons Handgelenke, starrte ihm tief in die Augen.
„Wer sind Sie? Und was tun Sie hier?", dann um einiges verwirrter: „Was tue ich hier?" Er berührte seinen Hinterkopf, an dem sich bereits eine beträchtliche Beule zu bilden begann. Ein wenig Blut klebte an der Stelle, welche zuvor Bekanntschaft mit der Tischplatte gemacht hatte.
Watson beschlich ein ungutes Gefühl.
„An was können sie sich erinnern?"
„Ich… Was…"
Watson ergriff sanft Sherlock's Schulter, wollte ihn beruhigen. Dieser bäumte sich jedoch gegen die Berührung auf.
„Lassen Sie mich los!"
Watson wich zurück.
„Was wollen Sie von mir? Was soll das hier alles?"
John sah ihn nachdenklich an. Etwas an seiner Haltung schien den Detektiv zu beruhigen. Langsam half er ihm auf und legte sein verwirrtes Gegenüber auf die Couch. Danach ging er zum Schrank und holte seinen Arztkoffer hervor. Behutsam begann er, die Wunde an Sherlocks Kopf zu untersuchen.
„Au! Was soll das werden?" Mit gereizter Mine wandte er sich Watson zu.
„Ruhe! Sie sind gefallen und haben dabei die halbe Einrichtung demoliert.", entgegnete der Arzt trocken.
„Und? Das erklärt noch immer nicht, wie ich überhaupt hier herkomme. Und warum sollte ICH denn einfach so umfallen? Lächerlich!"
Watson verdrehte die Augen. Da hatte der Kerl zwar sein Gedächtnis, aber nicht seine schlechten Umgangsformen verloren. Typisch!
Er hörte ein geflüstertes: „Was tue ich jetzt?"
Watson hielt in seiner Tätigkeit inne.
Dann entgegnete er: „ Also gut, um es kurz zu machen: Ihr Name ist Sherlock Holmes, seines Zeichens beratender Detektiv. Der einzige, denn sie erfanden den Beruf. Der Aufprall scheint bei Ihnen eine Amnesie ausgelöst zu haben."
Sherlocks Miene blieb unbewegt.
„Und wer bitte sind Sie?"
„Dr. John Watson, ehemaliger Militärarzt und derzeit Ihr Chronist."
Schweigend nahm Holmes diese Informationen zur Kenntnis.
Einige Minuten verharrten sie in Schweigen.
„Und nun?" fragte Watson schließlich.
„Woher sollte ich das wissen. Sie scheinen doch auf diesem Gebiet der Spezialist zu sein. Es muss doch eine Therapie geben!"
Er sah Watson an. Sein Blick wirkte beinahe hilfesuchend.
„Vielleicht sollten Sie den Fall lösen. Vielleicht hilft die Arbeit Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge!"
Watson schien von seiner Idee geradezu begeistert.
