„Harry, was – tust – du – da?"
„Wonach sieht's denn aus?"
„In die Bratensoße kommt keine Sahne. Hörst du mir eigentlich manchmal zu?"
„Jetzt reg dich nicht auf!"
Mit einem empörten Aufschrei schnappte Ginny den Braten. Harry würde schon sehen, was er davon hatte. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie mit Genugtuung den entsetzten Blick, als sie den Braten in sein Aquarium schmiss.
„Bist du verrückt, du vergiftest doch die Fische."
„Und du vergiftest mich."
„Ach, Ginny-Mini. Du bist immer so theatralisch. Kannst du mir sagen, was wir jetzt unseren Gästen vorsetzen sollen?"
„Sag doch den Hauselfen, sie sollen etwas zaubern. Glaubt uns doch eh keiner, dass wir noch selber kochen."
Ginny hatte sich auf die Stufe zu ihrem weiß gefliesten Wohnzimmer gesetzt. Sie war in den letzten Jahren fast magersüchtig dünn geworden, trug enge Jeans und eine hellgrüne, kurzärmelige Bluse. Ihre roten Haare hatte sie mit Papiloten am Hinterkopf festgesteckt. In einer halben Stunde, würde sie die Haare aufmachen, nur um die roten Locken zu einem strengen Zopf zu binden. Harry musterte seine Frau nachdenklich, setzte die eckige Designerbrille mit dem schwarzen Rand ab, um sich über das Nasenbein zu reiben.
„Was ist los mit dir?"
Ein leises Schluchzen. Sie hatte den Kopf auf die Hände gestützt.
„Du siehst mich nicht mehr."
„Natürlich sehe ich dich. Du sitzt ja vor mir. – Und du siehst wunderschön aus."
„Das meine ich nicht. Ach, vergiss es. Du verstehst mich sowieso nicht."
Ginny sprang auf und stürzte ins Schlafzimmer, zu ihrem begehbaren Kleiderschrank. Vor dem Spiegel hielt sie inne, beseitigte die verlaufenen Mascara-Spuren. Jetzt musste sie auch noch in Abendgarderobe rumlaufen. Und alles wegen Hermine. Früher hatten Jeans und T-Shirt völlig ausgereicht. Heute spielten sie alle ein Spiel. Vielleicht hatten sie selbst vergessen, wer sie waren. Hatten es vielleicht niemals gewusst. Sie waren sich fremd. Und das schlimmste daran war, dass Ginny sich selbst fremd zu sein schien. Sie griff nach dem erstbesten Kleid. Dunkelgrüne Seide, mit einer schwarzen Schärpe und hellgrünen Pailletten. Zu extravagant, aber wen störte es schon. Sie war zum neureich sein verdammt. Ob sie es wollte oder nicht.
„Geld macht eben doch nicht glücklich", murmelte Ginny und erntete einen fragenden Blick von Harry, der ihr ins Schlafzimmer gefolgt war.
„Du siehst toll aus."
„Lass gut sein, Harry."
„Ich wollte doch nur..."
„Ich weiß."
„Ich bin gespannt, was aus Hermine geworden ist. Immerhin habe wir uns ein halbes Jahr nicht gesehen."
„Hermine, ja?"
„Wieso nicht? Sie ist immer noch meine beste Freundin. Das war sie schon immer."
„Ich sage ja gar nichts."
Ginny schob sich an ihrem Freund vorbei zu der kleinen Kommode aus Elfenbeinholz. Sie brauchte passende Ohrringe zu dem Kleid.
„Ich bin gespannt, wie Snape aussieht."
„Wieso Snape?"
Harrys Kopf schnellte wachsam herum. Er hatte Snape nach dem Krieg die Hand gegeben, er hatte ihm verziehen, doch er mochte ihn nicht und Snape mochte ihn nicht. Und nun würde sie zusammen Abendessen, sich über belanglose Dinge unterhalten und tun, als wäre nie etwas gewesen. Was für eine Farce!
„Wieso Snape. Wieso Hermine? Sie sind doch unsere Freunde, nicht wahr, mein Schatz. Und wir interessieren uns doch so sehr für unsere Freunde, wir sorgen uns um ihr Wohl..."
„Herrgott, ich kann ja auch nichts daran ändern. Du hast sie eingeladen, also mach mir keine Vorwürfe."
Harry rauschte aus dem Zimmer, gab den Hauselfen mit einem Wink zu verstehen, dass sie sich um das Abendessen kümmern sollten. Begeistert wuselten die kleinen Wesen durch die Wohnung, deckten den Tisch und kümmerten sich um die Speisen.
„Ginny-Mini hast du die Urkunde für meine Quidditch-Wohltätigkeitsveranstaltung gesehen?"
„Nein, Ginny-Mini hat sie nicht gesehen."
Mit diesen Worten knallte die Badezimmertür zu und die nächste halben Stunde tauchte Ginnys Rotschopf nicht mehr auf.
