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Winterliebe

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Kapitel 3

Meine Taube – Moj galabe I

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Meine Taube – Moj galabe

(altes mazedonisches Volkslied)

X

Als ich in das fremde Land kam,

Dich zu suchen,

Mein Herz,

Dich zu suchen,

Stand ich vor deiner Türe lange,

Meine Taube,

Meine Taube,

Und verströmte Tränen.

X

Sagst du dich los,

Mein Herz,

Sagst du dich los,

Von unserer Treue,

Unserer Liebe,

Erinnere dich an unsere Versprechen

Meine Taube,

Meine Taube,

Komm zu mir zurück.

...

(zitiert nach Dea Loher: Manhatten Medea)

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Severus lief nervös durch den Park von Malfoy Manor, bahnte sich mit Händen und Zauberstab einen Weg in Gehölze hinein, leuchtete hinter Felsen und Sträucher. Hraban hatte in seiner Vision nichts gesehen als Bäume und Schnee. Der direkt um das Manor liegende Besitz der Malfoys umfasste mehrere hundert Hektar Land, und Miguel konnte praktisch überall sein.

Hraban war als Erstes in Miguels Zimmer gerannt und hatte versucht, mit Hilfe diverser Bücher, Kleidungsstücke und anderer Dinge einen Personenortungszauber durchzuführen, doch seine Bemühungen waren nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Es bedurfte hierfür eines persönlichen Gegenstandes des Vermissten, und offenbar befand sich in Miguels Zimmer nichts, das dieser als sein Eigen empfand. Bei dieser Erkenntnis war es Severus ganz merkwürdig zu Mute geworden.

Letztlich war ihnen nichts anderes übrig geblieben, als sich zu trennen. Severus suchte das Gelände in unmittelbarer Nähe des Manors ab, Hraban hatte sich auf einen Besen geschwungen und war in Richtung der Wälder geflogen.

Bewusst hatten sie darauf verzichtet, Aemilius oder einen der Bediensteten, gleich ob menschlicher oder elfischer Herkunft, über Miguels Verschwinden zu informieren. Sowohl Severus als auch Hraban war klar, in welch prekärer Lage sich Miguel in Aemilius' Obhut befand. Wenn es irgend möglich war, dann war es sicher besser, alles, was den Eindruck erwecken könnte, der Muggel sei eine Last, ein Ärgernis, vom Hausherrn fernzuhalten.

Während Severus durch den verharschten Schnee stapfte und dabei immer hektischer und mutloser wurde, hatte er ausgiebig Gelegenheit, über sein Verhalten gegenüber Miguel nachzudenken. Die Resultate, zu denen er dabei kam, ließen ihn noch missmutiger werden.

Natürlich war es nicht fair gewesen, wie er den Muggel behandelt hatte. Zumindest hätte er mit ihm sprechen, ihn über das Ende ihrer eigenartigen Form von Beziehung und seine neue Liaison mit Hraban informieren sollen. Er hatte ja gewusst, wie abhängig Miguel von ihm war, wie ausgeliefert er sich fühlte. Doch Severus hatte es einfach nicht über sich bringen können, hatte die notwendige Aussprache immer wieder vor sich hergeschoben, bis die sichtbare Entwicklung der Dinge eine Erklärung überflüssig gemacht hatte. Und nun war es genau zu der Katastrophe gekommen, an die er nicht einmal hatte denken wollen.

Miguel hatte früher schon mit dem Gedanken an den Tod und, bevor er in ihre Hände gefallen war, auch mit dem Tod selbst gespielt. Er war kein Kämpfer, er war weich und nachgiebig und brauchte die Zuneigung der Menschen um ihn herum wie andere die Luft zum Atmen. Unter den Bedingungen, in die Aemilius und Severus ihn geworfen hatten, musste er vertrocknen wie eine Pflanze, die jemand auf die Fensterbank in die glühende Sonne gestellt hatte, ohne sie jemals zu gießen. Und Severus hatte sich verhalten wie einer, der sehr wohl weiß, dass Pflanzen für ihr Wohlergehen auf Wasser angewiesen sind, einer, der jeden Tag an dem armen Ding vorbeikommt, sieht, wie es immer welker und grauer wird und nichts dagegen tut, obwohl er die gefüllte Gießkanne in der Hand hält.

Ich bin so ein egoistisches Arschloch!, dachte Severus, zornig auf sich selbst. Wenn Miguel tot ist, dann ist das allein meine Schuld!

Warum nur kam er einfach nicht zu Rande mit seinen Gefühlen, mit seinen Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen? Warum musste immer alles so verdammt kompliziert sein?

Ein hohes, sirrendes Pfeifen ließ ihn zusammenfahren. Hastig wandte er den Kopf zu dem Geräusch. Blaue Funken! Das hieß, dass Hraban Miguel gefunden hatte – und dass dieser am Leben war.

Sofort rief Severus seinen Besen herbei, schwang sich mit vor Aufregung zitternden Knien auf den dünnen Holzstab und flog in Richtung des Waldes davon, dorthin, von wo aus Hrabans Zeichen gekommen war.

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„Bring mir noch eine Decke! Schnell!"

Hraban hatte Miguel in sein eigenes Zimmer gebracht und auf dem dicken Wollteppich vor dem Kamin ablegt, dort, wo Severus und er sich vor nur wenigen Stunden geliebt hatten. Jetzt kauerte Hraban vor dem Feuer, Miguel halb im Arm, der nackt und bleich und bläulich angelaufen war, und den es vor Kälte schüttelte.

Severus hastete zum Bett und zog eine schwere blaue Kaschmirdecke herunter, zerrte sie über den Fußboden zum Feuer und breitete sie behutsam über den mageren, zitternden Körper zu seinen Füßen.

Miguel hatte sich im Wald die Kleider vom Leib gerissen und sie fortgeworfen, und sie hatten sie in der Eile nicht wiederfinden können.

Als Severus Hraban nach dessen Hilfesignal erreicht hatte, da hatte dieser neben Miguel im Schnee gekniet, seinen schwarzen Umhang über den halb bewusstlosen jungen Mann gebreitet, mit dem Stab Diagnosesprüche und vorsichtige Wärme- und Kreislaufzauber wirkend.

Normalerweise waren die Winter in England nicht kalt, und gerade Schnee schützte recht zuverlässig vor dem Erfrieren. Doch die letzten Tage waren eisig gewesen, die kalte Pracht harsch überfroren, und in dieser fatalen Nacht waren die Temperaturen auf minus sechs Grad Celsius gefallen. Miguel hatte so still ausgesehen, dass Severus erst das Schlimmste befürchtet hatte, doch Hraban hatte ihn rasch beruhigt. Sie waren rechtzeitig gekommen. Gerade noch.

Nun lag Miguel zitternd vor dem Feuer. Im Wald hatte Hraban lediglich seinen Kreislauf stabilisiert. Nun überprüfte er Miguels Körper auf Erfrierungen und wärmte ihn behutsam und allmählich auf, damit er weder kollabierte, noch Schäden durch ein zu plötzliches „Auftauen" erlitt.

Severus stand hilflos daneben und kam sich schrecklich überflüssig vor.

„Warum machst du nur so'n Scheiß ...?", flüsterte er unglücklich.

„Warum könnt ihr mich nicht einfach mal in Ruhe lassen?", kam es leise und müde zurück. „Ihr wollt mich doch eh nicht ... Warum darf ich nicht wenigstens sterben, wie ich will?" Miguel hielt die Augen geschlossen. Um seinen Mund lag ein bitterer Zug.

Aber immerhin hat er ein bisschen Farbe bekommen und zittert nicht mehr so – und er reagiert wieder, wenn man mit ihm spricht!, dachte Severus erleichtert, ehe der Inhalt des Gesagten in sein Bewusstsein drang und ihn frieren ließ.

„Der Tod kommt schon von selbst", kommentierte Hraban trocken, zog Miguel ein Stück vom Boden hoch und wickelte ihn fester in die Decke ein. „Dem brauchst du nicht entgegen zu rennen."

„Es ist aber ein Unterschied, wer den Zeitpunkt bestimmt", beharrte Miguel, der inzwischen die Augen geöffnet hatte und Severus auf eine Weise ansah, dass diesem ganz anders wurde. „Wenn man sonst nichts mehr bestimmen kann, dann wenigstens das ..."

Hraban rückte ein Stück von Miguel ab und sah ihm prüfend ins Gesicht. Severus hatte den Eindruck, dass in diesem Moment etwas Entscheidendes zwischen den beiden geschah. Ein gegenseitiges Erkennen vielleicht.

„Nichts ist dein Eigen ... nicht einmal dein Leben", sagte Hraban schließlich.

Miguel deutete ein Nicken an.

„Aber ... niemand ist frei", fuhr Hraban fort. Er klang nachdenklich. „Glaubst du, wir sind frei? Glaubst du, wir kennen den Tag und die Stunde?"

„Das ist was anderes ... was ganz anderes, ob du komplett von anderen Leuten abhängig bist, oder ob du zumindest ab und an mal selbst was entscheiden kannst", erwiderte Miguel bitter. „Speziell die wirklich wichtigen Sachen in deinem Leben. Nicht, ob du heute die blaue Hose anziehst, die dir nicht gehört, oder die schwarze, die auch nicht deine ist. Und dann verbring' mal jeden Tag vor dem tollen Hintergrund, dass alle um dich rum dich im Grunde für wertlos und überflüssig und dumm halten, und lass dir die Krümel ihrer Gnade vor die Füße fallen ... Heute mal ein Ausritt, oder morgen mal ein neues Hemd, oder vielleicht eins von deinen Büchern, Hraban ..."

Hraban wirkte ehrlich getroffen. Die Bücher, die er Miguel regelmäßig mitgebracht hatte, waren sicher gut gemeint gewesen, aber, nun ja, irgendwie hatte Miguel recht ... Es waren großzügige Gunstbeweise von einer hohen Warte aus. Es war Herablassung, wie alles, was sie im Umgang mit Miguel sagten oder taten. Sie stiegen zu ihm herab, wie man sich zu einem Kind oder einem Hund hinunterbeugt, eine einfache Sprache wählt, damit diese einem folgen können, sorgfältig abgemessene Streicheleinheiten verteilt ...

Es war ekelhaft. Severus fühlte sich mit einem Mal richtig scheußlich.

„Du bist einsam," sagte Hraban zu Miguel. „Ich kann mir vorstellen, dass" –

„Ich hab' einen Hund und ein Pony", unterbrach Miguel ihn in trockenem Tonfall. „Wie könnte ich da einsam sein?"

Endlich brachte Severus es über sich, einen Schritt auf Miguel zuzugehen. „He ...", brachte er mit rauer Stimme hervor. „Es tut mir leid ... Ich ..."

Miguel schüttelte nur den Kopf und schloss die Augen wieder. Severus sah, dass es zwischen seinen Wimpern zu glitzern begann.

Dann spürte Severus Hrabans Blick. Er sah auf und seinem Freund direkt in die tintenblauen Augen. Auch zwischen ihnen geschah in diesem Moment etwas.

Mit einem Mal war Severus sich wieder voll der Verantwortung bewusst, die er damals mit Miguels Rettung übernommen hatte. Er schämte sich. Gleichzeitig wusste er, dass Hraban sich ebenfalls schämte, wenn auch aus anderen Gründen.

Was sollten sie tun? Severus wollte Hraban, er wollte ihn ganz und gar. Noch nie hatte ein Mensch so an seiner Seite gestanden, mit solcher Zuneigung und Bewunderung. Aemilius hatte ihm viel gegeben, auch seine anderen Lehrer, aber das war etwas völlig anderes als dieses Gefühl.

Dieses Gefühl der ... ja, der Liebe.

Er wollte nicht auf Hraban verzichten, nie wieder. Aber sie konnten es auch nicht zulassen, dass Miguel zwischen ihnen oder abseits von ihnen verwelkte und verging – oder? Es war ... nun, es war sicher irgendwie unmoralisch, wenn man es denn mit diesen Kategorien bewerten wollte, aber Miguel im Stich zu lassen, das wäre noch viel unmoralischer gewesen. Sicher nicht nach Todesser-Kategorien, aber in diesem Fall ...

Hraban hatte ihm die ganze Zeit über fest in die Augen gesehen. Jetzt nickte er langsam, richtete sich auf und hob Miguel – der inzwischen richtig weinte, still und ohne großes Aufheben darum zu machen –, ganz vom Boden hoch.

„Hilf mir mal, Severus", sagte Hraban mit einem Kopfnicken in Richtung Bett.

Severus legte sich Miguels linken Arm über die Schulter und half, ihn durchs Zimmer zu führen und schließlich auf der Matratze niedersinken zu lassen.

„Und hopp!", sagte Hraban und hob Miguels Beine ins Bett. Sorgfältig klopfte er das Kissen zurecht, schob es Miguel unter den Kopf und packte ihn in die dicken Winterdecken aus Kamelhaar ein.

Dann begann Hraban, wie selbstverständlich seine eigenen Kleider abzulegen. Er schlief immer nackt, im Gegensatz zu Severus, der jetzt etwas überfordert im Raum stand und nicht recht wusste, was er tun oder sagen sollte. Hraban war derweil bereits zu Miguel unter die Decken geschlüpft, der das Ganze kommentarlos, aber mit wachem Blick beobachtete.

„Severus?", fragte Hraban behutsam. „Kommst du auch ins Bett?"

Eine Sekunde lang schwankte er noch. Doch schließlich zog auch Severus sich aus und ging langsam zum Bett hinüber. Einen Moment zögerte er, dann ging er einmal um das wuchtige Möbelstück herum und legte sich auf Miguels andere Seite.

Kurz darauf fühlte er, wie Hrabans Hand über Miguel hinweg nach ihm tastete, ihn schließlich an der Schulter ergriff und behutsam näher an die beiden jungen Männer heranzog.

Miguel drehte sich zu Severus und sah ihn intensiv an. Vorsichtig hob Severus die Hand und strich ihm mit den Fingerspitzen über das verheulte Gesicht.

Miguel lächelte dünn.

Dann tauchte hinter ihm Hraban auf, der unerwartet ernst wirkte. Er legte einen Arm um Miguel und seinen Mund an dessen Ohr.

„Wir werden uns in Zukunft um dich kümmern, Miquele", flüsterte er. „Das versprechen wir dir."

Severus nickte und besiegelte das Versprechen, indem er Miguel einen ungewohnt keuschen Kuss auf die Stirn gab.

Hraban zog Miguel dicht an sich heran, und Severus schmiegte sich seinerseits in Miguels Arme, die dieser ihm schweigend und mit einem kleinen, irgendwie traurigen Lächeln darbot. Und obwohl ihm so viele Dinge durch den Kopf gingen, war Severus nach den Aufregungen des Tages dermaßen erschöpft, dass er fast augenblicklich einschlief, die ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge Miguels im Ohr und Hrabans Hand in seinem Haar.

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