Liebe Leser/-innen!
Hier mein Finale zu "Weissu, Minerva...". Bitte lest unbedingt vorher die überarbeitete Version: "Weissu, Minerva... RELOADED"! Da sind ein paar wichtige Details geändert worden.
Aber seid vorgewarnt: Euch erwartet etwas völlig anderes. Und dennoch, so unterschiedlich die beiden Geschichten auch sein mögen, gehören sie für mich zusammen. Sie sind zwei Seiten einer Medaille. Ich mochte nie den sülzigen, romantischen Snape, wie er in so manchen Fanfics präsentiert wurde - ich mochte den Miesepeter. Ich sah ihn nie in einer schmalzigen Schmonzette. Und trotzdem überkam mich, nachdem ich neulich mal wieder den letzten Film gesehen hatte, das Gefühl: Irgendwie will ich ein positives Ende für ihn. Wozu gibt es Fanfictions...
Ich hoffe so sehr, dass es euch auch so gut gefällt, wie "Weissu, Minerva..." damals...
Hogwarts. Der Mars war viel zu hell für diese Nacht. Viel zu hell für seinen Stand bei 98 Grad Pluto.
Ja, sie wusste, was es hieß, wenn der Mars so strahlte. Aber nun war es vorbei. Sie wusch sich Staub und Dreck aus ihrem müden Gesicht und wünschte sich, auch die schlimmen Erinnerungen aus diesen letzten Wochen, Tagen und Stunden würden wie der Schmutz im Abfluss verschwinden. Dass Kummer und Trauer zusammen mit Trümmern und Geröll fortgeräumt wurden. Aber heute, da der letzte Schutt der Schlacht verschwunden war und Hogwarts wieder so aussah, wie sie es alle kannten, wusste sie, der Schmerz würde bleiben. Die Einsamkeit ob derer, die sie hatten verlassen müssen, würde ihr ständiger Begleiter sein. Sie streifte sich das wollene Nachtkleid über ihren erschöpften Körper. Mit der flackernden Kerze in ihrer Hand schleppte sie sich mühsam in ihr Bett. Wenigstens ihr Bett. Keine weitere Nacht im Krankenflügel.
Gerade, als sie sich auf die Bettkante niedersinken ließ, klopfte es verhalten an der Tür. Sie stellte die Kerze auf dem Nachttischchen ab und griff nach ihrem Zauberstab. Mit einer kurzen Bewegung, die ihr nach den Strapazen des Tages unendlich schwerfiel, öffnete sie das unsichtbare Fenster in der Tür. Davor wartete Horace Slughorn in seinem gestreiften Morgenmantel. Sie hielt einen Moment inne und überlegte, ob ihr überhaupt nach Gesellschaft zu Mute war. Aber sie wusste, dass es keinen Moment in ihrem Leben gab, an dem sie sich einsamer und verlassener gefühlt hatte. Mit einem erneuten Schwung ihres Zauberstabs öffnete sie die Tür.
„Minerva, ich… Sie sind schon auf dem Weg zu Bett. Ich wollte Sie nicht stören."
„Nein, Horace. In diesen Tagen… Wir brauchen offene Türen. Womit kann ich Ihnen helfen?"
„Ich habe mir nur Sorgen um Sie gemacht. Ich wollte sehen, ob Sie wohlbehalten wieder in Ihren Gemächern angekommen sind."
Sie lächelte müde. Es wäre eine freundschaftliche Geste gewesen, wenn sie nicht den Eindruck gehabt hätte, dass Slughorn mehr für sich selbst, denn für sie hier war. Trotzdem bedeutete sie ihm, auf dem großen Lehnstuhl mit den Löwenfüßen Platz zu nehmen.
Fahrig nestelte Slughorn an dem Gürtel seines Morgenmantels.
„Minerva, ich… Ich fühle mich so schuldig", brach er das Schweigen. „Seit Jahren fühle ich mich so schuldig, wie es kein Magier aushalten kann. Kein Zaubertrank hilft mir."
Minerva nickte nur. Sie wusste, dass es nicht eines offenen Mundes, sondern eines offenen Ohres bedurfte.
„Verstehen Sie? Ich habe dem Dunklen Lord… Ich habe ihm von diesem unsäglichen, unbegreiflichen Zauber berichtet… Ohne das… Der junge Potter… Wie konnte ich nur!"
Sie streckte die Hand aus und reichte sie ihm. Als er ihre Finger berührte, zuckte sie leicht zurück. Sie waren eiskalt. Aber sie hielt ihn fest.
„Minerva, ich fühle mich so erbärmlich. Ich war so eitel." Er beugte sich vor und flüsterte: „Nicht einmal Felix felicis wirkt bei mir. Ich habe es versucht." Wie unermesslich mochte sein Kummer sein. Minerva konnte und wollte es sich nicht vorstellen.
„Hören Sie, Horace. Es ist vorbei. Es ist alles vorbei. Sie sind Lehrer. Wir teilen mit den Schülern unser Wissen. Was sie daraus machen, es liegt nicht in unserer Hand. Zwischen Recht und Unrecht, Gut und Böse zu unterscheiden, das ist eine Lektion, die uns nur das Leben, nicht aber die Schule lehren kann." Slughorn blickte sie aufmerksam an. „Wenn es so einfach wäre, müssten wir unsere Schüler nur mit einem Spickoskop ausrüsten."
Slughorn lachte kurz auf. Aber es war kein glückliches Lachen.
„Sie sind die beste Nachfolgerin Dumbledores, die man sich nur vorstellen kann. Sie stehen ihm in nichts nach", sagt er leise, aber mit einer tiefen Anerkennung in der Stimme. Minerva blickte verlegen zur Seite und strich über eine kleine Glaskuppel, die auf dem Nachttisch stand. Es war einer dieser Momente, der keiner Worte bedurfte.
„Soll… Soll ich die für Sie hinausbringen?", brach Slughorn das Schweigen.
Minerva runzelte die Stirn.
„Was meine Sie?"
„Die Motten, die Sie da unter dem umgestülpten Glas gefangen haben."
Unter der Glaskuppel flatterten kleine schwarze Motten eifrig gegen das Glas in Richtung der flackernden Kerze. Nur das kaum vernehmbare Flappflapp ihrer Flügel war zu hören.
„Wie? Nein, nein, Horace. Das sind keine gewöhnlichen Motten."
„Nein?"
„Ein kleiner Zauber. Sehen Sie?" Sie nahm die Kerze zur Seite und sofort erstarrten die Motten. Noch bevor sie auf dem Boden der Glaskuppel gelandet waren, hatten sie sich in schwarze Knöpfe verwandelt, die mit einem leisen Klacken landeten. Dann hielt sie die Kerze wieder näher an die Glaskuppel und flapflap drängten sich die Motten zurück in den schmalen Lichtkegel. Slughorn lächelte.
„Ein schönes Geschenk, Minerva. Wirklich entzückend."
In ihrer Kehle gluckste es und nach Tagen der Trauer brach ein Lachen voll ehrlicher Herzlichkeit und Freude aus Minerva heraus. Slughorn blickte sie erstaunt an.
„Entschuldigen Sie, Horace. Aber die Geschichte hinter diesem entzückenden Zauber ist alles andere als entzückend." Unwillkürlich schob sich Minerva das Bild eines Korkenbrösel schnippenden Severus vor Augen. Severus, wie er ein Glas Donnerberger Muskat nach dem nächsten leerte. Severus, der die verknallte Rosmerta ignorierte. Wieder lachte sie, aber dieses Mal blieb ihr das Lachen im Halse stecken. Denn vor die Erinnerungen an glückliche, unbeschwertere Tage schoben sich Bilderwolken an die Zeit des dunklen Krieges. Severus als Voldemorts treuer Diener. Severus, wie sie ihn wutentbrannt aus der Schule vertrieben hatte.
Sie hatte immer gedacht, dass sie ihn hasste. Die ewigen Querelen zwischen den Häusern Slytherin und Gryffindor. Seine unfaire Art ihren Schülern gegenüber. Heute wusste sie, dass dies nur harmloses Geplänkel war, fast schon so etwas wie ein Ritual. Wortgefechte von Gleich zu Gleich, von dem sie beide wohl amüsiert und vielleicht auch angetan waren, wenn auch niemand von ihnen dies jemals zugegeben hätte. Aber erst als er sein Todessergesicht aufgesetzt hatte, seine Todessermaske, wie sie jetzt wusste, hatte sie verstanden, was es wirklich hieß, Severus Snape zu hassen. Abgrundtief zu hassen. Mehr noch als den Dunklen Lord selber, denn in ihm war nichts Gutes, an das man glauben konnte. An Snape hatte sie geglaubt. Und sie hatte gedacht, er hatte diesen Glauben verraten. So hatte sie sich geirrt! Der größte Irrtum ihres Lebens. Denn genau in dieser Zeit war es das Falscheste, was sie hätte tun können. Mehr als je zuvor hätte sie Severus in dieser Zeit vertrauen müssen.
Sie spürte, wie Slughorn ihre Hand drückte. Er musste ihren betrübten Blick gesehen haben. Sie lächelte ihn traurig an.
„Sehen Sie, Horace. Es ist ein Geschenk von Severus. Er hat es mir nach einem zugegebenermaßen etwas unrühmlichen, aber bedenkenswerten Abend im 3 Besen geschenkt. Natürlich hat er es mir nicht direkt geschenkt. Sie kennen… Sie kannten Severus." Horace nickte. „Es stand am nächsten Morgen auf meinem Platz im Lehrerzimmer. Erst wusste ich nichts damit anzufangen, eine Glaskuppel, unter der Knöpfe lagen. Aber Charity…" Als sie den Namen ihrer verstorbenen Kollegin erwähnte, musste sie schlucken. So viele Freunde waren von ihr gegangen. Wie sollte sie sich jemals wieder geborgen, nicht mehr einsam und allein fühlen? „…überlegte, ob es eine Art… Schneekugel ist der Begriff, ein Spielzeug der Muggel. Als wir es hochhoben, um es zu schütteln, fanden wir eine kleine Gravur. Sehen Sie, hier." Sie deutete auf den Rand des Glases.
Slughorn musste sich vorbeugen.
„Wie Motten in das Licht", las er vor. „Das verstehe ich nicht."
Wieder lächelte Minerva betrübt.
„Das müssen Sie auch gar nicht, Horace. Ich denke nur, diese Zeiten… Wir haben alle Fehler gemacht. Bei den falschen und richtigen Freunden. Wir müssen nun einfach Geduld haben, bis alle Wunden verheilt sind."
„Die sichtbaren und die unsichtbaren…", murmelte Slughorn nachdenklich.
„So ist es."
„Ich danke Ihnen für Ihr offenes Ohr, werte Kollegin." Slughorn räusperte sich. Minerva nickte nur. Er stand auf und trat zu Tür. Dort drehte er sich noch einmal um.
„Ein wirklich schönes Geschenk, das Sie da haben. Minerva, eine schöne Erinnerung. In zweierlei Hinsicht. Wissen Sie, ich habe einmal ein ähnliches Geschenk bekommen. Freuen Sie sich, dass Ihr Zauber noch wirkt."
Minerva blickte ihn aufmerksam an.
„Wie meinen Sie das?"
„In meiner früheren Zeit als Lehrer in Hogwarts habe ich auch einmal ein Glas geschenkt bekommen. Gefüllt mit Wasser. An der Oberfläche schwamm ein Rosenblatt, das sich in einen Fisch verwandelt hat. Der Fisch hat mich viele Jahre begleitet. Als die Schülerin verstarb, verschwand auch der Fisch. Der Zauber hatte sich aufgelöst. Freuen Sie sich, dass Ihr Zauber noch anhält."
Minerva nickte.
„Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Horace."
„Ihnen auch." Damit schloss er die Tür.
Minerva betrachtete das kleine Glas neben ihrem Bett. Ein Knopf lag auf dem Boden. Aus ihm heraus wuchs ein Flügel, der emsig zuckte. Sie stellte die Kerze etwas näher an die Kuppel und der Knopf verwandelte sich vollständig in eine Motte. Jahre waren seit diesem Abend ins Land gezogen. Und mittlerweile wusste sie, dass das einzige Licht, das Severus jemals angezogen hatte, Lily Potter gewesen war. Wie einsam er sich all die Jahre gefühlt haben musste. Ob das die Ursache für sein Verhalten gegenüber Frauen war, so wie er es ihr in der Nacht im 3 Besen erzählt hatte? Aus verschmähter Liebe wird Gefühlskälte? Absurd, ist doch gerade die Fähigkeit zu lieben das Gefühl schlechthin. Nein, etwas in Severus Snape war nun einmal ein kleines Bisschen bösartig und gehässig.
‚Vielleicht auch ein größeres Bisschen', dachte Minerva und musste unwillkürlich lächeln. Aber genau das machte ihn eben zu diesem besonderen Menschen. Die Fähigkeit zwischen den Seiten hin- und herzuspringen und mit Gut und Böse zu jonglieren. Die Fähigkeit wusste er gut zu verbergen, zu verschließen hinter einer beachtlichen Anzahl an Knöpfen. Knöpfe und Motten. Wollte Severus ihr damit etwas sagen? Hinter jedem Knopf steckt eine Motte, die sich nach Licht sehnt?
‚Wie haben wir uns alle nach Licht gesehnt in diesen düsteren Zeiten', erinnerte sich Minerva.
Während der dunklen Zeit hatte Severus' kleiner Zauber neben ihrem Bett gestanden. Sie hatte ihn nicht weggeräumt, obwohl sie Severus so sehr verabscheut hatte. Warum nicht? Hatte sie schon damals in einer Art, die nichts mit magischer Vorsehung (an die sie sowieso nur bedingt glaubte) zu tun hatte, gewusst, dass er unschuldig war? Hatte etwas in ihr ihn damals doch nicht endgültig abgeschrieben? Hatte sie ihm instinktiv vertraut, ohne sich dessen bewusst zu sein?
Wie sehr sie sich jetzt wünschte, ihm noch einmal sagen zu können, wie sie ihn für sein Handeln, für seinen Mut bewunderte. Aber die letzte Erinnerung, die er an sie haben musste, war, wie sie ihn hasserfüllt aus der Schule geflucht hatte. Diese Erinnerung war mit ihm gestorben. Aber sie konnte ihn anders erinnern.
Minerva blickte auf die kleine Glaskuppel. In der Tat war es ungewöhnlich, dass so ein persönlicher Zauber über den Tod eines Magiers hinweg anhielt. Aber neben seiner zugeknöpften, miesepetrigen Art, der Hakennase, die er etwas zu weit über dem Erdboden trug, seinen strähnigen Haaren, die etwas mehr von „Seans schaumiges Supershampoo" benötigt hätte, und seiner Begabung für Zaubertränke, war Severus eben auch großartiger Zauberer.
Und ein unendlich mutiger Mann.
Sie legte sich in die weichen Daunen ihres Bettes und betete, dass die grausamen Bilder der Schlacht um Hogwarts aus ihren Träumen fortbleiben würden.
Am nächsten Morgen fühlte sie sich frischer und ausgeruhter, als sie hätte zu hoffen gewagt. Zum ersten Mal nach den Ereignissen zog sie sich ihre geliebte smaragdgrüne Robe wieder an und drehte ihr graues Haar in die gewohnte Frisur.
Zum ersten Mal würde sie heute wieder in der Mitte des Tisches sitzen. Als Schulleiterin. Dumbledores Nachfolgerin. Severus Nachfolgerin. Sie wurde von gähnender Leere, da alle Schüler den Sieg Über-Du-weiß-schon-wen zuhause feierten, und dem Duft nach frischem Kaffee begrüßt. Nichts erinnerte an die Schlacht. Sie freute sich, ihr Kollegium (was davon noch übrig war) in vertraute Gespräche zu sehen. Ein leises Gemurmel, das so etwas wie Normalität ausstrahlte, auch wenn der Inhalt dieser Gespräche es gewiss nicht war. Sie blickte sich lächelnd um. Ja, sie fühlte sich zuversichtlich.
Zuversichtlich, dass nun eine Zeit ohne Furcht folgen würde. Nicht ohne Kummer, aber ohne Angst. Plötzlich überkam sie Lust, spazieren zu gehen. In Hogwarts herumzugehen, es sich wieder zu Eigen zu machen. Sich zu vergewissern, dass dies der Ort war, an den sie gehörte, um den (und um noch so vieles mehr) es sich gelohnt hatte zu kämpfen. Zu sterben. Zu leiden. Und wieder zu leben. Ja, Hogwarts lebte wieder. In ihm lebten diejenigen, die den Schrecken überlebt hatten. Sie alle hatten Du-weißt-schon-wen überlebt.
Sie spazierte durch die endlosen Gänge, erinnerte sich an Szenen mit Schülern. Potter und Weasley. Die beiden Schlingel. Die beiden Helden. Betrachtete die Portraits, auf denen die meisten Figuren schliefen oder unterwegs waren, die frohe Botschaft zu verkündigen. Betrat ihr Unterrichtszimmer (ja, das war ihr Zimmer), das Lehrerzimmer, in dem nur der Geist von Professor Binns schlief (zumindest sah es so aus). Es war, als würde sie gleichzeitig von Hogwarts Abschied nehmen und es willkommen heißen. Die Dunkelheit verabschieden und das Licht hereinlassen. Sie wanderte durch das Pokalzimmer, besuchte die Eulen in der Eulerei, stieg in den höchsten Turm, blickte über die Zinnen über den See bis zum Verbotenen Wald und landete schließlich tief unten im Kerker. Vorbei an dem Eingang zum Haus der Slytherins, bis sie schließlich vor dem Zaubertränkekeller stand.
Zaghaft öffnete sie die Tür und trat hinein. Auch wenn Severus hier die letzten zwei Jahre nicht mehr unterrichtet hatte, es erinnerte alles an ihn. Die dunklen Bänke, das hohe Pult. Sie durchquerte den Kerker und stellte sich dahinter. Ja, von hier hatte Severus auf seiner Schüler herabgeblickt. Er hatte wirklich herabgeblickt. Warum nur war er so versessen auf den Posten des Lehrers für Verteidigung gegen die dunklen Künste gewesen? Er war ein so begabter Zaubertränkemeister.
‚Aber sein Leben gab er für die Verteidigung gegen den dunklen Lord.'
Ja, dafür lebte er. Und er musste es verbergen, keiner durfte es wissen. Wie anstrengend es gewesen sein musste, es nur mit Dumbledore teilen zu können. Dumbledore hätte wissen müssen, wie sehr Severus die Situation belastet hatte. Aber er hatte ihn damit allein gelassen, im Gegenteil hatte ihm noch diese Last aufgebürdet… Damals am Astronomieturm. Severus hatte es alleine tragen müssen. Es verbergen, verschlossen halten hinter vielen, vielen schwarzen Knöpfen. Ja, vielleicht hatte er sich nach diesem Posten gesehnt, damit er wenigstens einen Teil seiner selbst offen zeigen konnte und nicht immer und immer wieder alles akkurat zuknöpfen musste.
Noch bevor es ihr bewusst war, spürte sie eine Träne ihre Wange herunterlaufen. Sie spürte diese Einsamkeit, das Verlassen-Sein erst seit wenigen Tagen, aber Severus… Warum fühlte sie sich ihm nach seinem Tod nur so viel näher? Sie wischte sich die Tränen aus den Wimpern. Weil erst sein Tod sein ganzes Leben offenbarte.
Sie stütze sich auf das Pult auf und ließ ihren Blick wieder durch den Kerker wandern. Kessel und Bücher. Regale und Bänke.
Plötzlich hörte sie ein Geräusch aus dem Nebenzimmer. Dem Lehrerraum. Unwillkürlich griff sie nach ihrem Zauberstab. Die stete Bereitschaft sich verteidigen zu müssen, hatte sich in ihr eingenistet. Leise und in höchster Anspannung schlich sie zur Tür des Nebenraumes. Den Zauberstab in Gefechtshaltung öffnete sie die Tür und blickte in ihr wohlbekannte abgrundtief schwarze Augen.
„Das ist nicht möglich", flüsterte sie. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. „Du bist gestorben."
Eine halbe Stunde später saß sie wieder bei Atem auf dem unbequemen Holzstuhl vor dem Schreibtisch im Lehrerraum. Vor ihr an den Rand des Schreibtisches gelehnt stand Severus Snape und blickt sie so nachdrücklich an, wie nur Severus Snape es konnte.
Severus lebte. Er lebte und er war offensichtlich auf der Flucht oder sonst irgendetwas. Mitten im Raum stand eine große schwarze, weit geöffnete Ledertasche.
„Ich wollte ein paar persönliche Dinge abholen", murmelte Severus.
Die letzten Stunden hatte sie so intensiv wie nie über Severus nachgedacht, hatte sich Vorwürfe gemacht, um ihn getrauert. Und er stand einfach so in seinem Kerker, übrigens auferstanden von den Toten, und wollte ein paar persönliche Dinge abholen?! Das war zu viel für Minerva.
„Was willst du?", schrillte es aus ihr heraus. „Wieso lebst du überhaupt?" Das klang natürlich böser, als es gemeint war. „Ich meine… Was bei Merlins Bart…"
„Ich bin nicht gestorben. Ich habe es…"
„Vorgetäuscht?" Natürlich. Im Vortäuschen war er ja Meister. Aber das Mitleid, das sie vorhin noch für ihn empfunden hatte, war Wut und Zorn gewichen. Es war ihr völlig gleichgültig, wie er alle hatte glauben lassen können, dass er gestorben war. Was würde das ändern? Vielmehr war sie enttäuscht darüber, dass er sie schon wieder hinters Licht geführt hatte. Nein, dass sie sich schon wieder hatte hinters Licht führen lassen. Dabei hätte sie es wissen müssen: Severus Licht war nicht verloschen, die Motten flogen noch immer. Slughorn hatte ihr unbeabsichtigt einen Wink gegeben, aber sie hatte die falschen Schlüsse gezogen. Nicht die falschen, einfach gar keine Schlüsse. Aber hätte sie das tun sollen? War es eine Aufforderung? Als Severus ihr das Glas geschenkt hatte, wusste er noch nicht, was ihm bevorstand…
„Warum?", fragte sie also nur.
„Es erschien mir sinnvoller", war seine nüchterne Antwort.
Sie sah ihn an. Er sah blasser aus als sonst. Der aufgesetzte Stolz der Reinblüter war aus seinem Gesicht verschwunden. Severus Snape sah müde aus. Erschöpft. Nach all den Jahren… Keine Kraft mehr. Ausgelaugt.
Minerva blickte an ihm herunter. Seine Körperhaltung war immer noch akkurat oder steif wie ein Zauberstab. Gerader Rücken, voller Anspannung. Aber es kostete ihn Mühe. Ja, so sah kein Held aus. Severus hatte gehen wollen. Still und heimlich. Ohne große Aufregung, den Ruhm wollte er anderen überlassen. Ruhm ist eben nicht alles. Er bedeutete Severus nichts. Er war nicht Typ dafür, gefeiert und geliebt, mehr der Typ, gemieden und gehasst zu werden. Ja, er hatte schon immer alles dafür getan, dass man ihn alleine ließ. Weil er allein sein wollte? Oder weil die Einzige, mit der er zusammen sein wollte, nicht mit ihm zusammen war?
Aber er war zurückgekehrt, zwar still und heimlich, aber offensichtlich hatte er hier doch Dinge gefunden, die ihm lieb und teuer waren, die er nicht zurücklassen wollte.
Minerva wagte es, ihre Hand um seine zu schließen, als wollte sie ihn festhalten, damit er nicht wieder ging.
„Willst du wirklich gehen, Severus?"
Severus blickte auf den Boden. Er sagte nichts, aber er war noch nicht gegangen. Dies sagte alles.
„Bleib", sagte sie. „Du hast uns alle beschützt. Wir kriegen das schon irgendwie hin, dass kein großes Aufheben um die Sache gemacht wird. Wie ich gehört habe, hat Gilderoy Lockhart sein Gedächtnis wiedergefunden und will mit Rita Kimmkorn ein Enthüllungsbuch über sich selber schreiben. ‚Ich und Gilderoy – Magische Momente einer gespaltenen Seele' oder so ähnlich."
Severus blickte stur durch die kleine Kerkerluke, als könnte er irgendetwas Spannendes im Verbotenen Wald entdecken. Er sagte nichts, aber er war noch nicht gegangen. Dies sagte alles.
„Es ist vorbei", sagte Minerva ruhig. ‚Du musst nicht allein sein', fügte sie in Gedanken hinzu. Vielleicht würde Severus es verstehen, ohne „legilimens" zu sagen.
Und er nickte.
Ja, die Dunkelheit war aus Hogwarts verschwunden.
‚Genug Licht für alle Motten', dachte Minerva.
Es könnte funktionieren. Severus wieder hier in Hogwarts, wo er hingehörte, wo sie hingehörte. Keine Seitensprünge mehr. Eine einseitige Beziehung mit der Schule. Mit ihr hatte das natürlich gar nichts zu tun. Nein, sie wartete nicht etwa auf ein „Willsu, Minerva". Sie wären einfach gute Kollegen. Vielleicht könnte man den Abend im 3 Besen ab und zu wiederholen. Vielleicht würde sie sich herablassen, ihm den einen oder anderen Knopf wieder anzunähen. Auf Handarbeitszauber verstand er sich wahrscheinlich nicht. Sie würde respektieren, dass er seine Knöpfe brauchte. Sie würden sich um ihre Häuser kümmern. Er würde alt werden. Sie würde älter werden. Er würde ihre Schüler ungerecht behandeln, er würde die Hauselfen triezen, sie würde sich dafür mit ihm streiten, sie würde für Gerechtigkeit sorgen. Sie könnten sich für den Rest ihrer Tage gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Es wäre, wie es immer gewesen war. Das kleine Glück. Das, was sie all die Jahre nicht zu schätzen gewusst hatte. Es wäre der Himmel auf Erden.
Hogwarts. Die Sonne stand hoch am Himmel und tauchte das Schloss in gleißendes Licht.
Zwei Gestalten verließen den Zaubertränkekerker.
„Wer hat eigentlich ganzen Fackeln hier aufgehängt?", raunzte die Größere und schnipste eine nach der anderen aus, bis der Gang in ein behagliches Zwielicht gehüllt war (wenn es nicht ein Kerkergang gewesen wäre), in dem man nur erahnen konnte, dass sich der Abstand zwischen der großen und der kleinen Gestalt immer weiter verringerte.
Schluß! (denke ich mal)
