Der Rand des Waldes erstreckte sich über den ganzen Horizont und als Thorin sich ihm näherte wuchs die schwarze Bedrohlichkeit des Gestrüpps und der Sträucher, die den Anfang des Dickicht säumten, mit jedem Schritt. Es war helllichter Tag, aber die Bäume schienen eine Aura des Unbehagens auszustrahlen, die man sonst nur in der schwarzen Dunkelheit einer tiefen Nacht verspürte.

Was dort wohl auf mich wartet?, ging es ihm durch den Kopf. Natürlich hatte er keine Angst, denn Zwerge kennen dieses Gefühl von Natur aus nicht (zumindest versuchten sie, es so nach Außen wirken zu lassen), und so ritt Thorin auf seinem Pony Meter für Meter langsam dem Ziel dieser Reise entgegen.

In einigem Abstand zum Waldrand stieg er von seinem Pony ab und band es an einem knorrigen Strauch fest, der vereinzelt auf dem Feld stand, das er durchquerte.

„Ich weiß nicht, ob ich wiederkomme, doch ich hoffe bald und mit Antwort.", flüsterte er dem kleinen Braunen ins Ohr und tätschelte ihn noch einmal am Hals, bevor er sich abwandte und sich aufmachte das Dickicht zu betreten, das vor ihm lag.

Sein Weg war bis hier stets von lustigem Vogelgezwitscher begleitet gewesen, dem Gluckern von fröhlich sprudelnden Quellen und dem Rauschen des sommerlichen Windes, doch kaum, dass er einen Fuß auf den schwarzen Untergrund des Waldes Fangorn setzte, verstummte jedes Geräusch um ihn herum. Und nur ein paar Schritte weiter fand er sich schließlich auch noch gänzlich umhüllt von Dunkelheit. Kaum ein Strahl der wunderbaren Sonne drang durch die dichten Baumkronen, die schwer über ihm hingen. Das bunte Treiben der Welt, das sich um diesen schaurigen Ort befand, schien Meilen entfernt zu sein, wenn sogar gar nicht mehr existent und Thorin konnte auf einmal wahrlich verstehen, weshalb schlaue Wesen diesen Wald mieden. Er hätte nun einiges dafür gegeben, dass Gandalf ihn bis hierher begleitet hätte und nicht nur bis Bree, denn zu zweit würde das schwarze Unheil, welches über diesem Flecken Erde zu hängen schien, nur halb so Angst einflößend wirken.

Da man diesen Umstand aber nun einmal nicht ändern konnte, zurrte Thorin den Ledergurt, an dem sein Schwert in der Scheide steckte, noch ein wenig fester, als hätte er Bedenken es zu verlieren und ging entschlossenen Schrittes weiter voran. Er konnte durch die Dunkelheit maximal drei Meter weit blicken, aber meist sogar sehr viel kürzer, da seine Sicht von tief hängenden Ästen oder großen Büschen gestört wurde. Und selbst darauf bedacht nicht an den verworrenen Wurzeln, die sich über den Boden erstreckten, hängen zu bleiben, stolperte Thorin nicht nur einmal und landete recht unsanft auf der Nase, was ihn natürlich zusätzlich zu all den anderen Umständen etwas verunsicherte. Auch kam es ihm so vor als ob er von irgendwem – oder irgendetwas – beobachtet wurde.

Etwas verloren, denn Thorin wusste ja eigentlich auch überhaupt nicht, wonach er genau suchte, kämpfte er sich so Stunden um Stunden durch das Dickicht. Bis sich schließlich die Nacht über die Welt legte und ihm eigentlich nichts anderes übrig blieb, als sich unter einer übergroßen Wurzel, die eine Art Überdachung bildete, auf den Boden zu setzen und sich für den nächsten Tag auszuruhen. Ein Feuer zu entzünden wagte er nicht. Schon die ganze Zeit fühlte er sich beobachtet und im Moment hatte er keine große Lust noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sollte sich dieses Gefühl bewahrheiten. Die Wächter galten als äußerst grausam, wenn jemand ihr Reich betrat. Nicht ohne Grund war Fangorn einer der letzten Urwälder der Vorzeit und hatte es geschafft zu überleben.

Anfangs döste Thorin mehr vor sich hin, als dass er schlief, zu viele Gedanken kreisten in seinem Kopf, die er die ganze Reise über vermieden hatte. Was wohl auf ihn wartete? Was war das Ziel, das Ende dieser Reise? Musste er wirklich ein Licht in dieser Dunkelheit suchen?

Diese Fragen im Kopf, die Verse in Gedanken rezitierend, mit denen Gandalf ihn an Geschichten aus seiner Jugend erinnert hatte, wurde er aber dennoch schläfrig und bald konnte er seine Augen nicht mal mehr einen Spalt breit offen halten. Er sank in einen äußerst unruhigen, aber dennoch tiefen Schlaf und schließlich umhüllte ihn die Dunkelheit.

„Der kleine Mann schläft.", eine tiefe Stimme murmelte leise in einer uralten Sprache in die Stille. Die Wurzeln am Boden bewegten sich langsam knackend und all die dunklen Bäume ringsumher raschelten als wären sie aufgeregt.

„So bald wird er seine Augen auch nicht mehr öffnen.", erwiderte eine zweite, etwas quäkendere, wenn auch nicht hellere Stimme als die erste.

Und langsam begann der Wald um Thorin Eichenschild zum Leben zu erwachen.

Zwei übergroße knorrige Finger reckten sich, mit langen Fingernägeln und teils mit Blättern bedeckt, von oben aus den Baumkronen zu ihm hinunter.

Unser armer Freund Thorin aber merkte von all dem einfach nichts, denn die Wesen, die sich um ihn scharten, hatten ihn durch Pilzsporen, die sie in der Luft verteilt hatten, müde werden lassen und damit dafür gesorgt, dass er nur erwachen würde, wenn sie es denn für richtig hielten.

Ein schwaches Licht leuchtete an den Fingerkuppen des Ents, der sich nun bückte und unseren Zwerg in Augenschein nahm. Sein Gesicht war alt und hölzern, gezeichnet durch tiefe Furchen. Keine Gefühlsregung war darauf zu erkennen.

„Ein Zwerg.", murmelte er, seine Stimme klang wie das rumorende Geräusch eines aufziehenden Gewitters. Tief und bedrohlich.

„Doch er ist so groß! Sag, ist es der Zwerg?", ein weiteres Gesicht senkte sich von oben herab und begutachtete Thorin neugierig, der nichts ahnend schlief und träumte.

Der Zwerg.", wiederholte der erste die Worte seines Begleiters leicht spöttisch, „Der Zwerg, kam nie und, ich denke, er wird auch nie kommen." Er schüttelte leicht den Kopf.

Jahrhunderte warteten sie seit dem Befehl bereits auf den Einen, der kommen sollte. Baumbarth, der älteste der Wächter hatte seine Hoffnung schon vor langem aufgegeben.

„Nur törichte Wesen finden ihren Weg zu uns.", fügte er noch leicht herablassend hinzu, auch wenn er, ehrlich gesagt, recht neugierig war. Nicht allzu oft verirrten sich Wesen von außerhalb des Waldes hierher. Und erst recht hatten sie nicht solchen Mut, wie dieser Zwerg, bewiesen und waren durch die stumme Dunkelheit tapfer vorangeschritten.

Die Ents hatten sich über Tag sogar einige Späße mit ihm erlaubt, indem sie ihm mit ihren Wurzeln ein Bein stellten. Doch selbst da hatte er keine Angst gezeigt und war nicht umgekehrt. Auch schien er kein wahres Ziel zu haben. Er wanderte einfach und blickte in die Finsternis, harrend der Dinge, die da vielleicht kommen mögen. Die Ents entschlossen also ihn bei Nacht näher zu betrachten, denn sie fanden allesamt, dass er ein wahrlich komischer Kauz war – so anders, als alle anderen, die sich bisher hierher gewagt hatten.

„Wir müssen ihn trotzdem testen.", sprach ein dritter Ent, der sich auch aus der Dunkelheit zu Thorin herunterbeugte und ihn in Augenschein nahm, „Wenn er es nicht ist, lassen wir ihn einfach schlafen und nicht mehr erwachen. Dann wird sein Körper den jungen Bäumen beim wachsen helfen."

Baumbarth seufzte (aber für einen Menschen hätte es mehr wie das Ächzen eines alten und morschen Stück Holzes geklungen).

Natürlich würde er ihn testen, doch er war sich auch sicher wieder enttäuscht zu werden.

Seine knorrigen Finger senkten sich langsam zu Thorin hinab und Baumbarth legte die leuchtenden Spitzen sorgsam und darauf bedacht ihn nicht zu verletzen, auf seine Stirn.

Dies war die Art und Weise der Ents in den Lebewesen, die sich ihnen näherten zu lesen. Und so tat Baumbarth es nun auch mit Thorin.

Und er verlor beinahe seine Fassung, soweit das für einen Ent möglich war, während das Schicksal des Zwerges und seines Volkes vor seinem inneren Auge noch einmal vorbeizog.

Der Angriff Smaugs, die vielen Tränen, die Verluste, die Traurigen Lieder, die das sonst fröhliche Volk sang. Die große Flucht nach Ered Luin. Der Tod von Thrór, die Gefangenschaft von Thráin. Und schließlich erklang das Lied, das Thorin Eichenschild dazu bewogen hatte den Weg nach Fangorn zu beschreiten und hallte in seinen hölzernen Tiefen wider:

Tief sitzt der Schmerz, die Heimat weit,

ganz schwer das Herz, zu schnell die Zeit,

Nur das Orakel weist den Weg,

ehe das Reich zu Ende geht.

Im tiefen Walde, schwarz und dunkel,

du findest deinen Rat im Licht.

Und scheint die Heimat dir zu weit,

Dann sag' ich dir, verzage nicht.

Du kommst allein und gehst zu zweit."

Könnten Ents vor Freude weinen, so hätte es dieser wohl in diesem Augenblick getan. Doch Baumbarth brummte nur tief und zufrieden und hob Thorin sanft vom Boden auf, um ihn auf seine Hand gebettet zu ihr zu bringen.