IX
Die nächsten drei Wochen waren überragend. Sie trafen sich jede Nacht, lachten und liebten sich, bis sie sich in den Armen liegend einschliefen.
Gegen Ende April wachte sie jedoch eines Morgens mit Übelkeit auf und ging zur Krankenschwester. Ein Test und drei Worte ließen sie taumeln.
Sie vermied ihn, obwohl es sie innerlich zerriss. Er konnte sich ihr weder im Unterricht oder in den Korridoren nähern, noch konnte er sie unentwegt anstarren. Irgendjemand sah immer zu. Sie würde die Wahrheit nicht für ewig vor ihm verborgen halten können, allerdings wollte sie es auch nicht. Sie musste einfach über Vieles nachdenken. In der zweiten Maiwoche hatte sie jedoch mehr Fragen als Antworten und schickte ihm einen Brief, bat ihn um ein Treffen – wie üblich – mitten in der Nacht auf dem Astronomieturm.
Zunächst war er ihr gegenüber abweisend, so wie sie es erwartet hatte. Als sie den schwierigsten Satz, den sie bis dahin jemals gesprochen hatte, aussprach, erblasste er und sank auf seine Knie.
Sie war niedergeschmettert und begann zu weinen, stand ihm auf der anderen Seite des Turms gegenüber. Sie merkte gar nicht, wie schnell er neben ihr war und seine starken, zu dünnen Arme fest um sie schlang. Er murmelte Worte der Zärtlichkeit, des Trostes und der Liebe in ihre Haare und sie wollte sie verzweifelt glauben. Doch seine erste Reaktion hatte ihn verraten.
„Ich hatte das nicht geplant", gestand sie durch ihre Tränen hindurch. „Ich... habe nur einmal den Verhütungszauber vergessen, beim ersten Mal. Ich war so in dem Moment gefesselt..."
„Sh", beruhigte er sie, seine samtene Stimme besänftigte ihre geschundenen Nerven. „Ich bin hier."
Sie schubste ihn von sich und verschränkte ihre Arme vor ihrer Brust, wich einige Schritte zurück. Sie beschuldigte ihn, dass er das Kind nicht wollte, obwohl sie es zunächst selbst nicht einmal gewollt hatte. Doch nun, da es tatsächlich kam, tat sie es. Und sie wollte ihn in ihrem Leben, wenn er sie auch wollen würde – wollte, dass er der Vater war. Er liebte sie schließlich, nicht wahr?
„Natürlich," sagte er mit gepresster Stimme, „ist es nicht so einfach."
„Sicher ist es das", erwiderte sie.
Plötzlich war er wütend. Er griff ihr Handgelenk und zog sie zu sich. Er atmete schwer und sie bemerkte, wie müde und erschöpft er war.
„Mein Leben ist niemals einfach. Sicherlich hast du das mittlerweile erkannt", antwortete er.
„Aber wir sind es", insistierte sie. „Du und ich."
Er ließ sie los und nahm einige Schritte nach hinten. Sein Ausdruck war schmerzerfüllt. „Hier oben auf diesem Turm, ja. Aber es gibt einen Grund, weshalb wir unterhalb dieser Falltür nichts haben. Nicht, weil ich es nicht will, sondern weil es... kompliziert ist."
„Haben wir endlich diese Unterhaltung? Über die Welt da draußen?", fragte sie.
Er seufzte und fuhr sich mit seiner zittrigen Hand durchs Haar. „Wann immer ich versuche... über uns... nachzudenken, in einer Welt da draußen, wird mir einfach nur schlecht. Ich kann nicht... es gibt so viel, was du nicht weißt."
Sie verschränkte wieder ihre Arme, bekämpfte die Tränen. „Über dich, meinst du? Wirst du mir endlich erzählen, was du die ganze Zeit verschweigst?"
Sein Blick und sein Stirnrunzeln blieben hart. „Nein. Das kann ich nicht. Das ist keine Option."
„Draco, bitte..."
„Nein!", schrie er sie an. „Frag nicht nach etwas, das ich dir nicht geben kann. Du hast mein Herz, meine Seele. Ich kann dir aber nicht versprechen, dass mein Leben immer mir gehören wird, damit ich es dir geben kann."
Sämtliche Farbe wich aus ihrem Gesicht. „Wie meinst du das?"
Seine Schultern sackten zusammen und es erinnerte sie an die erste Nacht, in der sie sich auf diesem Turm getroffen hatten. „Frag nicht nach, Hermine. Je weniger du weißt, desto besser."
Sie marschierte quer über den Turm zu ihm, legte ihre Hand auf seine Schulter und drehte ihn, sodass er sie ansehen musste. „Spiel nicht mit mir herum, Draco Malfoy. Sag mir sofort was los ist! Bist du in Schwierigkeiten? Was auch immer es ist, wir können das gemeinsam schaffen!"
Er schüttelte seinen Kopf und nahm ihre Hand in seine. „Lass uns jetzt nicht darüber reden. Wir haben genug Zeit." Sein Lächeln war ein gezwungenes.
„Warum hast du so reagiert, als ich es dir erzählte?"
In diesem Moment erkannte er, dass es für sie das Beste wäre, wenn sie ihn hassen würde, sie sich wünschen würde, dass sie ihm niemals eine zweite Chance gegeben hatte. Wenn sein Plan funktionieren würde, dann konnte er auch nicht darauf hoffen, dass er eine dritte Chance bekommen würde. Wenn nicht, na ja, dann wäre er sowieso nicht bei ihr, damit sie ihn abweisen konnte. Er zwang sich dazu, gleichgültig auszusehen.
„Ich will dich nicht mehr sehen."
„Was?", keuchte sie.
Jetzt funkelte er sie zornig an, legte so viel Feindseligkeit und Hass seines alten Ichs in seinen Gesichtsausdruck, wie er nur konnte. „Ich bin durch mit dir. Ich habe das bekommen, was ich wollte und du warst dumm genug, dich schwängern zu lassen. Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben." Die Worte verletzten ihn beinahe so sehr, wie sie sie zu verletzen schienen.
„Das meinst du nicht ernst", sagte sie. Wir konnte er? Nur Momente zuvor hatte er ihr gesagt, dass ihr sein Herz und seine Seele gehörten. „Warum sagst du das?"
„Es war alles eine Lüge. Lass mich allein!"
Sie wich zurück, ihre Gedanken waren ein verwirrtes Durcheinander. „Du liebst mich!", flüsterte sie, eine Hand legte sich unwillkürlich auf ihren Bauch.
Sein Blick folgte ihrer Bewegung und die Zärtlichkeit darin verriet ihn. Doch als er wieder zu ihr sah, waren seine Augen kalt und leer. „Nein."
„Tust du!", schrie sie, war frustriert von seinem Verhalten und so langsam verstand sie, dass er die Sache beenden wollte, egal was er für sie fühlte.
„Wie könnte ich jemals jemanden wie dich lieben?", fragte er, jede Silbe tropfte vor Wut und Hass. Er war ein guter Lügner – zumindest die Gefühle dahinter waren echt. Er hasste sich in diesem Moment dafür, sie so sehr zu verletzen. Letztendlich erkannte er, dass sie ihm nicht glauben würde. Er schenkte ihr ein letztes spöttisches Knurren und ließ sie schließlich auf dem Turm zurück.
The night whose sable breast relieves the stark,
White stars is no less lovely being dark,
And there are buds that cannot bloom at all
In light, but crumple, piteous, and fall;
X
Mit ihr am gleichen Ort zu sein war unerträglich. Mit ihr im gleichen Klassenzimmer zu sein war eine schrecklichere Folter, als die Foltern, die der dunkle Lord bisher auf ihn erlegt hatte. Draco erhielt einen Brief von seiner Mutter, in welchem sie schrieb, dass sein Meister unruhig wurde, desto mehr Zeit verstrich. In dieser Nacht, beraubt von seiner üblichen Gesellschaft, suchte er sich einen Ort zum Nachdenken und zum Lösen des Kampfes, der in seiner Brust tobte, doch die zwei Seiten, die in ihm um den Sieg rangen, schienen unmöglich zu bezwingen zu sein.
In dieser Nacht nutzte er beinahe den Cruciatus an Harry Potter.
XI
Sie hörte von dem, was passiert war, und konnte nicht sprechen. Sie beschuldigte das Buch anstatt Harry, da sie ihm unmöglich erzählen konnte, dass er beinahe den Vater ihres Kindes ermordet hatte. Dann hörte sie, dass Pansy Parkinson ihn im Krankenflügel besuchte und Zweifel schlichen sich in ihr Herz. Für eine Woche weinte sie sich in den Schlaf.
