Ein neuer Morgen

Er fand sich am ganzen Leib zitternd auf dem Boden der Höhle wieder. Das Feuer war heruntergebrannt, die Glut strahlte nur noch geringe Wärme ab. Draußen dämmerte es, der Regen fiel immer noch unablässig. Vor ihm lag sein Dolch am Boden, die Klinge von Blut und Ruß bizarr bemalt. Mit steifen Fingern schob er ihn zurück in die reich verzierte Scheide. Eine Klinge, die eines Edelmannes würdig war. Bitter war das Lächeln, das über seine schmalen Lippen huschte, wie der Schatten einer Gewitterwolke. Unter starken Schmerzen richtete er sich auf. Die zahlreichen Schnitte, die er sich in der vergangenen Nacht beigebracht hatte, brannten bei jeder Bewegung, als hätte jemand geschmolzenen Stahl hineingegossen. Sein gesamter linker Arm war von der Handfläche bis zur Schulter hinauf überzogen mit einem hässlichen Muster aus Schnitten, Brandwunden, getrocknetem Blut und alten Narben, seine beiden Oberschenkel sahen nicht besser aus und quer über den Bauch verliefen weitere, allerdings weniger tiefe Schnitte. Mit wenigen, einfachen Zaubern heilte er die ärgsten Wunden und machte sich daran, seine zerfetzte Kleidung wieder zu flicken.

Plötzlich erstarrte er mitten in der Bewegung. Irgendetwas versuchte, in seinen Geist einzudringen. Der Druck auf seinen mentalen Schild wurde immer stärker. Er konzentrierte sich ganz auf diese fremde Präsenz, suchte ihren Ursprung. Langsam, aber stetig kam er dem fremden Geist näher, stieß nun ebenfalls an einen Schild, tastete, sammelte Informationen. Die Barriere des Anderen war unglaublich stark. Kein Magier dieser Welt konnte einen solchen Schutzwall um seine Gedanken errichten, wenn er seinem Körper nicht sämtliche Lebensenergie entziehen wollte. Die Angriffe auf seinen eigenen Schild wurden brutaler. Wie Hammerschläge und in sich rasend steigerndem Tempo dröhnten die Attacken in seinen Gedanken. Es würde nicht mehr lange dauern und der Fremde würde in seinen Geist eingedrungen sein. Durza verstärkte seine Verteidigung, versuchte, den Anderen zurückzuwerfen. Zwecklos. Mit einem einzigen, finalen Schlag durchbrach die fremde Präsenz seinen Schild, wühlte sich durch seinen Geist. Durza schrie, die Schmerzen drohten ihn zu zerreißen. Kurz bevor er die Besinnung verlor, brach der Andere den Angriff ab, distanzierte sich ein Stück von ihm, ließ ihm Zeit zur Regeneration. Schwer atmend, vor Erschöpfung nicht mehr im Stande, sich zu bewegen, errichtete der Schatten sein geradezu lächerliches Bollwerk um sein Bewusstsein neu. Er war sich darüber im Klaren, dass das reine Energieverschwendung war, denn einer neuerlichen Attacke würde es keinen Wimpernschlag lang standhalten können. Mit großer Wahrscheinlichkeit wusste der Fremde das auch. Trotzdem versuchte er den Schein zu wahren und seine Schwäche nicht noch offensichtlicher zu machen.

„Ich biete dir einen Handel an, Schatten." Die Stimme des fremden Bewusstseins war überraschend warm. Wie Wind in jungen Birkenblättern rauschte sie durch seinen Geist. „Und ich rate dir, dich darauf einzulassen. Andernfalls wirst du sterben."

„Nenn mir deinen Namen, Fremder, und ich werde zustimmen."

Ein leises, spöttisches Lachen. „Du bist wahrlich nicht in der Position, mir Forderungen zu stellen. Aber ich bin erstaunt zu hören, dass dir mein Name noch nicht bekannt ist. Nachdem du meinen Geist vor einigen Stunden so vergewaltigt hast, ging ich in der Annahme, du hättest alle Informationen, die du brauchtest. Dennoch tut mein Name nichts zur Sache."

Durza brauchte einige Augenblicke, ehe er begriff. Nein, das war unmöglich. Das durfte einfach nicht möglich sein. Wie hatte sie das geschafft? Niemand, der wie die Elfe eher tot als lebendig war, das Bewusstsein in Trümmern, den Leib gelähmt, der sollte niemals zu einem solchen Angriff fähig sein. Geschweige denn, dass er jemand anderem einen Handel anbieten konnte. Nein, in diesem Zustand dürfte sie normalerweise bestenfalls verschwommene Erinnerungsfetzen dann und wann aus einem ewigwährenden Nebel auftauchen sehen.

„Ich muss zugeben, dass ich dich unterschätzt habe, Elfenweib."

Ihre Antwort war messerscharf und eiskalt: „Und ich muss zugeben, dass ich dich für mehr gehalten habe, als du bist. Spar dir deine Überheblichkeit und antworte! Stimmst du meinem Vorschlag zu?"

Seine Antwort: Ein knappes Nicken.

„Ich biete dir folgendes an: Ich werde das, was ich in deinen Gedanken über die Pläne des Imperators gefunden habe, für mich behalten, wenn du mir hilfst, meinen Körper wiederherzustellen und mir die Freiheit wiedergibst. Solltest du dich weigern und mich dem König ausliefern, wird er erfahren, welche Absicht du ihm gegenüber hegst. Außerdem werde ich alles, was ich über dich, den König und die Pläne des Imperiums in Erfahrung gebracht habe, an die Varden weiterleiten, und glaub mir, ich habe meine Mittel."

Des Dilemmas zweiter Teil. Die Konsequenz war in jedem Fall sein Tod. Falls er sie ziehen ließ, würde sie wahrscheinlich damit rechnen, dass er ihr folgte und mit großer Sicherheit nicht in die Hauptstadt der Elfen zurückkehren oder gar bei den Varden Zuflucht suchen. Auch wenn er sie in Gil'ead der Folter unterzog, sie würde höchstwahrscheinlich eher sterben, als ihr Geheimnis preiszugeben. Vielleicht könnte der König ihr die nötigen Informationen abpressen, vorausgesetzt, sie erreichte ihn lebend. Außerdem war er zu geschwächt, um sie in Schach halten zu können.

„Wie lautet deine Antwort, Schatten?" Ihre Stimme klang eindeutig ungeduldig.

Sollte er es riskieren und ihr helfen. Wenn er ihr die Freiheit wiedergab, konnte er nicht mehr nach Uru'baen zurückkehren, es wäre der reinste Selbstmord. Vielleicht war dieses Angebot für ihn ein offenes Tor zu einem neuen Leben. Vielleicht konnte er sich so von Galbatorix' Joch befreien. Freiheit oder Tod. Was wog das Risiko, als Vogelfreier von jedem Lebewesen dieser Welt gejagt zu werden gegen die Gefahr, seines Versagens wegen das Leben zu verlieren? In jenem Moment eindeutig weniger.

„Antworte mir!"

„Ich nehme deinen Handel an und ich bin bereit, die von dir gestellten Bedingungen zu akzeptieren, sofern du dich bereit erklärst, deine Wahrhaftigkeit, was deinen Teil der Abmachung betrifft, zu beschwören."

„So sei es denn." Ihr Geist näherte sich dem seinen wieder, doch auf eine ungleich sanftere Art als zuvor. Mit leiser, beinahe zärtlicher Stimme leistete sie ihren Schwur in der Alten Sprache, die ihr jede Lüge unmöglich machte. Ehe sie sich zurückzog, schenkte sie ihm ein letztes, trauriges Flüstern: „Ich wünschte, es wäre leichter, dir zu verzeihen."

Die Kälte, die ihr Rückzug in ihm hinterließ, raubte ihm den Atem. Es war, als legte sich Eis über seine Gedanken. Einige Augenblicke lang blieb er bewegungslos liegen, versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Es wollte ihm nicht gelingen. Ihre letzten Worte hatten eine Kettenreaktion ausgelöst, seine gesamte Existenz, alles, was er bisher zu sein geglaubt hatte, zerfloss nun vor seinen Augen zu einem gewaltigen Strudel, der sich unablässig drehte und ihn schwindlig machte. Wie um dieses merkwürdige Bild zu vertreiben, schüttelte er den Kopf und erhob sich. Die Elfe lag noch immer unverändert auf dem trockenen Laub, auf das er sie in der vergangenen Nacht gebettet hatte. Sie war bleich wie der Tod, ein dünner Film aus Schweiß überzog ihre Haut. Anscheinend hatte es sie ihre gesamte Kraft gekostet, ihn derart herauszufordern. Eine unangenehme Ahnung beschlich ihn. War er auf einen Schwindel hereingefallen, hatte sie nur geblufft, um sein Einverständnis zu erpressen? Vielleicht sollte er sie zwingen, ihm die Informationen, die sie ihm angeblich abgenommen hatte, preiszugeben. Vielleicht konnte er auch versuchen, ihr Vertrauen zu gewinnen, um sie dann nach Gil'ead zu bringen. Somit würde er zumindest dem Tod entrinnen und sie dem Verhör durch den König. Seine Überlegungen führten ihn schließlich an einen Punkt, an dem sie sich so vielfältig verzweigten, dass er ihnen nicht mehr folgen konnte. Im Versuch, sich von ihnen abzulenken, ließ er seinen Blick über die bewusstlose Elfe wandern.

Das gedämpfte Licht des anbrechenden Tages ließ ihre fahle Haut schimmern. Sie lag auf den dürren Blättern wie auf dem Sterbebett, ihr Haar strömte wie dunkles Wasser von ihrem Schädel auf ihr Lager herab, teilte sich in unzählige Bäche und versickerte schließlich im unregelmäßigen Braun des Laubes. Der Blick seiner gelblichen Augen tastete sich ihre grazilen Arme hinab, spielte mit ihren feingliedrigen, so gar nicht zum Führen eines Schwertes geschaffenen Fingern, tanzte über die Falten ihres Gewandes und kehrte schließlich zurück zu ihrem Gesicht, das noch immer zur Hälfte unter dem Stoff der Augenbinde verborgen war. Zum zweiten Mal nun nahm er sie ihr ab. Zum Vorschein kamen markant geschwungene, schmale Brauen über einer geraden Nase und einem Augenpaar, das sich unter geschlossenen, von dichten, dunklen Wimpern bekränzten Lidern verbarg. Sie war das, was die Edelmänner am Hof des Imperators eine Erscheinung nannten, eine überaus schöne Frau. Hinter ihrer makellosen Schönheit ließ sich ihr wahres Alter nicht erraten. Durza hatte Gerüchte gehört, dass ihr Volk ein unermessliches Alter erreichen konnte, ja, dass die Elfen gar seit Anbeginn der Zeit auf Alagaësia weilten. Er fragte sich, wie alt sie wohl tatsächlich war, wie viel Leid sie wohl erlebt hatte. Auch jetzt, in einem Zustand der absoluten Wehrlosigkeit, behielt diese unzweifelhaft gnadenlose Kriegerin ihre Aura der Stärke.

Vorsichtig berührte er ihre Schulter, beobachtete wie gebannt, wie sich ihre Augenlider flatternd hoben. Dunkelgrüne Augen suchten seinen Blick. Ihr Blick war glasig, wahrscheinlich hatte sie Fieber. Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, legte er seine Hand auf ihre Stirn. Tatsächlich hatte sie höheres Fieber, als er erwartet hatte. Für einen Menschen wäre diese Körpertemperatur gefährlich gewesen. Als sie die vernarbte Haut seiner Handfläche spürte, überlief sie ein Schaudern, sie verlangte danach, seine Hand zu sehen. Sie musterte die Narben eindringlich, ehe sie ihm wieder in die Augen sah. Der Vorwurf darin war nicht zu übersehen. „Warum?" Ihre Stimme war dunkel vor Schmerz und heiser. Sie wandte den Kopf ab, starrte einige Augenblicke lang an die Höhlendecke. Dann hob sie ihre gefesselten Hände und ergriff die seine.

Waísse heill!" Smaragdenes Licht umhüllte ihrer beider Hände. So langsam, wie das Eis des Winters unter den ersten warmen Sonnenstrahlen dahinschmilzt, glättete sich seine Haut, Narben und Wunden verheilten und im selben Maße, in dem die Heilung voranschritt, wuchs seine Verwirrung. Als sie versuchte, die zerstörte Haut an seinem Handgelenk wiederherzustellen, verließen sie ihre Kräfte. Müde sah sie ihn an. „Du schuldest mir nichts, Schatten", hauchte sie matt und versank im Schlaf der Erschöpfung.

A/N: Prinzipiell habe ich nichts gegen die Idee einer Romanze zwischen den beiden. Nur ähnelt die Beziehung zwischen diesen so unterschiedlichen Figuren hier eher einem Kampf als einer romantischen Beziehung. Der Hintergrund dafür ist einfach zu traurig...

Wie auch immer, zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Kapitel hatte ich extrem mit verstopften Nebenhöhlen zu kämpfen, mein Sinn für halbwegslogisches hat sich bis dato in Taschentüchern aufgelöst... Man (oder Frau) möge es mir nachsehen.

Im Übrigen stecke ich bereits mitten im vierten Kapitel.

::::::: -- Man denke sich an diese Stelle das übliche Gebettel um Kommentare.