7:00 Uhr

Ihre Absätze hallen laut über den eigenartig menschenleeren Gang auf dem Weg zu seinem Büro. Klick, klack, klick, klack. Die harschen Lichter hier geben keinen Hinweis darauf, dass die Welt da draußen gerade erst erwacht. Klick, klack, klick, klack.

Sie sieht von draußen durch die Glastür mit seinem Namen und stellt fest, dass er zwar auf dem Sessel in der Ecke sitzt, aber überraschenderweise nicht schläft, sondern etwas liest. Die Lesebrille ruht auf seiner Nase und auch wenn er sie gleich etwas hastig abnehmen wird, sobald sie hereinkommt, weil es ein unschönes Zeichen des zunehmenden Alters ist, hat sie eine Vorliebe für ihn mit Brille.

Langsam öffnet sie die Tür und tritt in das Büro, das im Gegensatz zum Gang nur gedämpft beleuchtet ist. Kaum hat er sie entdeckt, ist die Brille auch schon von seiner Nase verschwunden.

"Hey."

Er räuspert sich. "Hey."

Sie setzt sich dahin, wo auch seine Füße ruhen, und schiebt ihn ein wenig zur Seite. Es ist passend, denkt sie sich, denn es scheint, als müsse sie immerzu Platz für sich selbst in seinem Leben machen, den er nicht einfach freiwillig für sie preisgibt.

"Und? Kann ich dich demnächst im Gefängnis besuchen?", will er wissen.

Sie lächelt müde. "Würdest du wirklich kommen?"

Seine Schultern zucken und er tut so, als müsse er tatsächlich ein wenig darüber nachdenken. "Ich habe da diese erotische Vorstellung von dir und mir in einer dieser Besucherkabinen."

Sie verpasst ihm einen kleinen Klaps und schüttelt mit dem Kopf. So sehr er Kommentare über ausgefallene Fantasien von sich gibt, sich diesen Fantasien vielleicht in Gedanken auch hingibt, so normal und konventionell ist er doch in Wirklichkeit. "Dann muss es leider bei der Vorstellung bleiben."

"Es sei denn, ich bringe mich zur Abwechslung mal wieder selbst hinter Gitter."

Sie spielen diese Spiele der aberwitzigen Konversationen oft und vielleicht weiß keiner von ihnen warum eigentlich. Doch es fühlt sich normal an und ist trotz stichelnder Untertöne wohl ihre unkonventionelle Art, Zuneigung auszudrücken. Der Gedanke ringt ihr ein kleines Lächeln ab. "Die Polizei ist wieder abgerückt. Ich muss nur noch auf zwei der Angehörigen warten."

Seine Augen versuchen in ihren Kopf hineinzusehen. "Oh, was wäre dieser Platz nur ohne dich." Es ist keineswegs ein Kompliment, so wie es seine Lippen verlässt. Was er wirklich sagt, ist, dass sie sich nicht immer um alles kümmern kann, um alles kümmern sollte. Es ist eine Schelte, wenngleich auch gut gemeint.

In der Vergangenheit ist sie diesen Blicken von ihm oft ausgewichen, aber nicht heute. Es ärgert ihn wahrscheinlich, dass sie ihm standhält und einfach zurückstarrt. Noch mehr ärgert es ihn wohl, dass sie das Thema wechselt, wo das doch eigentlich seine Domäne, sein Spezialgebiet ist. "Was wolltest du vorhin besprechen?", will sie wissen.

Er überlegt. Er tut wieder so, als überlege er. "Hab's vergessen", meint er schließlich. "Kann nicht so wichtig gewesen sein."

"Es klang aber wichtig." Sie weiß, dass er es nicht einfach vergessen hat.

Ein weiteres Schulterzucken soll auch sie zum Vergessen bewegen, doch jetzt kreisen seine Worte von vorhin erst recht in ihrem Kopf. Es könnte alles sein. Alles und nichts.

Wie viele Geheimnisse hat er wirklich? Wie viele hat er, von denen sie wissen sollte, weil es sie zusammen betrifft—Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft? Sie schaut in sein Gesicht und erhält keine Antwort. Seine Augen sehen fragend, neugierig zurück.

"Wie lange noch?", lenkt er dieses Mal ab.

Sie weiß, was er meint, aber die Frage könnte auch so viele andere Sachen betreffen. "Eine halbe Stunde vielleicht."

"Mhm", brummt er und hält sich wieder die Zeitschrift vors Gesicht. Leichte Kost am frühen Samstagmorgen, Celebrity-Gossip statt medizinischer Fachpresse. Ohne Brille kann er nicht viel erkennen, so nah wie das Hochglanzpapier an seinem Gesicht ist, vermutet sie. Doch vielleicht sind es ohnehin nur die Bilder, die ihn interessieren.

"Fahr nach Hause."

"Mhm."

Es ist ein Nein, also wird er hier auf sie warten oder vielleicht schon ungeduldig in der Lobby stehen und mit seinem Stock die Menschen rund um ihn herum nerven, während sie die letzten Dinge erledigt. Warum er wirklich hier ist, weiß sie immer noch nicht und sie spürt, dass sie im Moment wohl auch nicht zum Kern der Sache vordringen wird.

Sie schaut sich in seinem Büro um, das wie er noch nicht so recht wach scheint. Erinnerungen an den Abend vor ein paar Monaten, an dem er sie hier geküsst hatte, kommen zurück.

Die Jalousien ließen keinen Blick durch, doch die beiden Türen waren nicht abgeschlossen und über ihnen schwebte die Gefahr, dass jemand einfach ohne ein Klopfen hineinstürmen könnte. Ihre Wangen röteten sich nur bei dem Gedanken daran.

"Ich habe keine Ahnung, wo die Schlüssel sind", wisperte er in ihr Ohr, während seine Hände andeuteten, dass daraus mehr werden könnte.

"Pech für dich", antwortete sie atemlos.

"Für dich auch."

Sie sieht wieder zu ihm zurück und es ist komisch, dass das alles hier passiert sein soll. Mit ihm, mit ihr, mit ihnen beiden. Es scheint so weit weg. Er schaut erneut fragend zurück und sie wünschte, sie könnte in seinen Kopf hineinsehen, so wie er es bei einigen zu können scheint.


8:00 Uhr

Sie lässt den engen Rock zu Boden fallen und tritt mit einer eleganten Bewegung zur Seite. Ein paar Sekunden lang überlegt sie, ob sie ihn in den Wäschekorb stecken oder wieder zurück auf den Bügel hängen soll. Sie entscheidet sich schließlich für einen Kompromiss, hängt ihn auf, lässt ihn aber am Türgriff des Kleiderschrankes hängen, um ihn zu einem späteren Zeitpunkt zu bügeln. Die Bluse wandert in den Wäschekorb.

Ein kalter Hauch durchfährt ihren Körper. Keiner von ihnen beiden mag es, nachts die Heizung laufen zu lassen. Normalerweise schützt die warme Bettdecke vor der ausgekühlten Luft des Schlafzimmers, doch das Drehbuch des normalen Alltags sieht es nicht vor, dass sie sich jetzt wieder auszieht und um acht Uhr morgens halbnackt im Raum steht.

Sie dreht ihren Kopf etwas nach hinten und sieht ihn auf dem Bett sitzen, die warme Decke schon schützend um seinen Körper gewunden. Er hat ein Buch in den Händen und hält es mit leicht ausgestreckten Armen von sich weg, die Augen zusammengekniffen.

"Es gab Zeiten, da bist du mir an die Gurgel gesprungen, weil ich es gewagt habe, ein Buch aus deinem Rucksack zu nehmen. Meine Nachttischschublade ist also nicht heilig?" Sie ist ihm nicht wirklich böse. Er weiß, was sich dort auch ansonsten noch verbirgt und wahrscheinlich war das Prüfen der Schubladen hier ohnehin das erste, was er getan hat, als sich die Gelegenheit bot.

"Was ist das?", fragt er leicht verwirrt und geht gar nicht erst auf ihre Frage ein.

Wahrscheinlich hat er es geschafft, zielgenau eine intime Szene aufzuschlagen.

"Ich glaube nicht, dass es deinen Geschmack trifft."

Er dreht das Buch um. "Henry und June", liest er den Titel laut vor. Dann betrachtet er das Bild einer nackten Frau auf dem Umschlag.

Sie schlüpft neben ihm ins Bett. Den BH öffnet sie erst unter der Bettdecke und lässt ihn dann auf den Boden fallen. "Es ist ein Tagebuch aus den Dreißigern. Diese Frau, eine Schriftstellerin, trifft Henry und June, ein Ehepaar, und ist absolut fasziniert von den beiden."

"Das kann ich sehen", sagt er und liest zusammenhangslose Sätze auf ein paar Seiten.

"Es geht nicht nur um Sex. Es ist ein emotionaler Tumult für alle von ihnen." Es ist ein Buch voller Gefühle, Verlangen, Zweifel, Träume, Befreiung. Sie glaubt nicht, dass es Sinn macht, weiter mit ihm darüber zu reden, auch wenn er vielleicht das ein oder andere über ihr eigenes Befinden lernen könnte.

"Feministischer Schweinekram." Er legt das Buch weg und rutscht nach unten, weiter unter die wärmende Decke.

"Was auch immer." Sie wird keine Diskussion mit ihm darüber anfangen.

Sie schließt die Augen und spürt seine Wärme neben sich, auch wenn sie sich nicht einmal berühren. Doch so leicht kann sie nicht einfach wieder da weitermachen, wo sie aufgehört hat, und zurück in den Schlaf gleiten. Dieses Talent liegt wohl eher bei ihm.

Nach ein paar Minuten jedoch wird klar, dass es auch bei ihm nicht so einfach klappt. "Ich fühle mich furchtbar wegen dem, was diese Nacht passiert ist." Seine Stimme ist rau und scheint so noch viel mehr, von ganz tief drinnen zu kommen. Er rührt sich nicht.

"Ist okay, ist nur ein blauer Fleck", sagt sie und realisiert, dass zumindest der physische Schmerz inzwischen gewichen ist. Ihre Finger fahren unter der Bettdecke kurz über die verletzte Haut.

"Es ist nicht nur das." Ein Weilchen hält er inne und verharrt weiterhin starr unter der Decke. "Das waren nicht wir", sagt er verhalten und mit einem Bedauern in der Stimme, das sie so noch nie bei ihm gehört hat.

"In der Heftigkeit des Aufpralls irgendwie schon."

"Ich will nicht, dass wir das sind."

Die Worte versetzen ihr einen kleinen Stich und am liebsten würde sie unter der Bettdecke ganz und gar verschwinden, erst wieder aufwachen, wenn alles ein bisschen sonniger scheint. Sie will immer, dass er ehrlich ist, aber sie muss auch immer wieder feststellen, dass die ehrlichsten seiner Aussagen manchmal verdammt weh tun.

"Ich weiß nicht, ob wir so einfach ändern können, wer wir sind", erwidert sie.

Er seufzt und dreht sich ein Stück zu ihr. Sie tut das gleiche, bis sich ihre Blicke treffen und kurz diese kribbelnde Energie austauschen, die es trotz allem eben nur zwischen ihnen zu geben scheint.

"Kannst du mir das Buch geben?", fragt sie ihn.

"Warum?"

"Sage ich dir gleich."

Er nimmt es von seinem Nachttisch und reicht es ihr. Ein paar Sekunden lang blättert sie darin, schnappt hier und da einzelne Sätze auf und versucht sich zu erinnern, wo genau die Stelle war. Irgendwann findet sie die richtige Seite.

"Die Autorin beschreibt die Beziehung, die ihr Mann und sie haben. Sie können nicht ohneeinander sein, können keine Auseinandersetzungen, keine Entfremdung ertragen. Sie ergeben sich dem anderen, auch wenn sie den Individualismus schätzen und zu viel Intimität hassen. Sie haben ihre egozentrischen Ichs in ihrer Liebe zueinander aufgesaugt."

"Furchtbar romantisch", bemerkt er trocken.

Sie lächelt kurz und beginnt dann einen Absatz vorzulesen: "Ich denke nicht, Henry und June haben das erreicht, weil ihre beiden Individualitäten zu stark sind. Also befinden sie sich im Krieg; Liebe ist ein Konflikt; sie müssen einander belügen, einander misstrauen."

Er sieht ihr in die Augen und lächelt mit ihr. "Ist die Lösung für dieses Problem im Buch eine Vierecksbeziehung?"

"Ach, in diesem Falle wäre es doch kein feministischer Mist?", fragt sie neckisch. "Krieg hin oder her, ich glaube nicht, dass du mich mit jemandem teilen würdest."

Auf, ab, auf, ab. Es hat sich nichts geändert.


9:00 Uhr

Die Härchen auf seiner Haut sind gen Himmel gerichtet, als sie aufwacht und seinen Arm betrachtet, der passend zu ihrem letzten Gesprächsthema besitzergreifend über ihrem Körper drapiert ist. Sie sieht nichts anderes von ihm, doch sein regelmäßiger Atem streift sanft die Härchen auf ihrem Nacken.

Nach ein paar Minuten der Gedankenlosigkeit dreht sie sich um und mustert sein im Schlaf so friedliches Gesicht. Ihre Hand wandert unter der Bettdecke zu seinem Körper. Sie legt die Finger auf die kleine Narbe an seinem Bauch, die sie daran erinnert, dass all das hier auch nicht sein könnte.

Seine Augen öffnen sich, kurz nachdem sie die Verbindung hergestellt hat. "Suchst du nach Wegen, um mich zu beseitigen?", fragt er. "Das mit dem Erschießen hat schon mal jemand versucht. Hat nicht geklappt."

"Was schlägst du vor?"

"Tod beim Liebesspiel. Danach Motorsäge und Tiefkühltruhe."

"Was schreibe ich dann in den Nachruf?"

"Ich liebte jeden einzelnen Teil von ihm."

Sie grinsen beide und er zieht sie ein Stück mehr zu sich heran, um ihr einen einfachen Kuss auf die Lippen zu drücken. Der zweite Versuch eines Samstag-Morgens, der viel mehr nach ihrem Geschmack ist, auch wenn die Turbulenzen immer noch nachhallen.

"Wann willst du fahren?", will er wissen.

"Gegen elf. Es sind etwa sechs Stunden Fahrt bis Fairmont. Ich wollte eigentlich früher los, wäre der Notfall nicht gewesen."

Sie dreht sich auf den Rücken, um sich langsam auf die anstehende Trennung von der Wärme des Bettes vorzubereiten. Sie denkt an Rachel und was sie gerade macht, ob sie schon seit Stunden auf den Beinen ist und ihre Mutter auf Trab hält oder immer noch wie der kleine Engel schläft, der sie die meiste Zeit der Woche war. Es ist die längste Zeit, die sie je von ihr getrennt war und es ist einerseits schwer und andererseits gut, da es ihr endlich mal Freiraum gibt, um ihre Gefühle zu sortieren und sich über einiges klar zu werden.

Dann überlegt sie, ob sie die Interstate 68 oder besser die 95 nehmen soll.

"Du willst, dass ich mitkomme, oder?", unterbricht er ihre Abwägungen von Verkehrsaufkommen und Fahrkomfort und interpretiert damit anscheinend ihr Schweigen.

"Nein", sagt sie verdutzt und revidiert dann gleich. "Ich meine, du kannst gerne mitkommen, wenn du möchtest, aber ich erwarte es nicht."

"Diese ganze 'Meine Familie denkt, ich bin ein beziehungsunfähiger Workaholic'-Rede von vorhin…Ich hatte den Eindruck, sie sollte mir ein Zeichen geben."

"Sollte sie nicht. Es hat keinen Sinn, dich zu zwingen, weil es nur in einem furchtbaren Desaster enden wird."

"Stimmt", bestätigt er und dreht sich ebenfalls auf den Rücken.

"Vielleicht irgendwann", sagt sie in der Hoffnung, dass es Irgendwann für sie beide noch geben wird, sie es schaffen werden, aus diesem Loch, das sie sich selbst gegraben haben, wieder hinauszuklettern.

"Ja, ich bin mir sicher, du wirst mich irgendwann zwingen."

"So war das nicht gemeint."

"Ich weiß", sagt er sanft und strampelt so lange mit den Beinen, bis er es schafft, die Bettdecke etwas zur Seite zu schieben und seine Haut in der kühlen Luft zu entblößen.

Sie überlegt, ob sie noch etwas hat, das sich zu einem befriedigenden Frühstück zusammenstellen lässt, und steht dann auf. Sie fühlt sich müde, erschöpft, aber zumindest nicht mehr so leer, wie noch vor ein paar Stunden. Es war gut, noch einmal ins warme Bett zu schlüpfen und ihn trotz allem neben sich zu wissen.

"Ich hab noch ein paar Brötchen zum Aufbacken."

Sie geht barfuß in die Küche und beginnt damit, die Kaffeemaschine zu befüllen. Bereits nach ein paar Sekunden hört sie seine schlürfenden Schritte näher kommen und dann steht er auch schon neben ihr.

"Was machst du unterdessen am Wochenende?", fragt sie ihn. "Mit Wilson auf der Couch abhängen, ihm die Schnürsenkel zusammenbinden? Ich weiß nicht, wie er es immer noch freiwillig mit dir aushält."

"Ich kann mitkommen", bietet er unerwartet an und lässt die Luft in seinem Mund von einer Seite zur anderen wandern.

"Du musst wirklich nicht mitkommen."

"Ich kann aber", bestätigt er ein weiteres Mal. "Es sei denn natürlich, du willst lieber nicht, dass ich mitkomme."

"Nein, warum sollte ich das nicht wollen?"

Vorsichtig wagt er sich vor, tastet mit jedem Wort nach der Wahrheit, wie er es so oft tut. "Vielleicht willst du mich ja lieber gar nicht präsentieren."

"Nein", beschwichtigt sie. "Es gibt keinen Grund, dich zu verstecken oder zu verleugnen."

Er verengt die Augen und wiegt seinen Kopf hin und her.

"Okay, ein paar vielleicht."

Er setzt die Bewegung seines Kopfes fort.

"Viele."

"Wenigstens bin ich Arzt und kein Knacki, den du in einem 'Ich bereue den brutalen Mord an meiner schwangeren Ex-Freundin total'-Internetforum kennen und lieben gelernt hast und der an diesem Wochenende mal Ausgang hat."

"Wenigstens das."


10:00 Uhr

Sie beobachtet, wie er den Schlüssel ins Schloss steckt und langsam umdreht. Vielleicht hat er ja schon erste Zweifel, doch im Moment gibt es noch mehrere Wege zurück für ihn. Sie könnte es verstehen, wenn er einen davon jetzt gleich einschlägt. Vielleicht will sie sogar, dass er einen davon wählt. Die Tür öffnet sich und sie folgt ihm in die großzügige Wohnung.

Während er in sein Zimmer geht, die knarrende Tür seines Kleiderschranks öffnet und sich mit ein paar frischen Sachen eindeckt, bleibt sie im Eingangsbereich stehen und betrachtet das Heim, das sich Wilson und er hier geschaffen haben. Sie war nicht oft hier und überlegt, ob es an ihr und Rachel oder vielleicht doch an ihm liegt.

"Lisa?", sagt eine sanfte Stimme hinter ihr und sie dreht sich rasch um. Ein wenig überrascht sieht Wilson sie an.

"Hey! House wollte nur ein paar Sachen holen", erklärt sie und lächelt.

"Oh okay. Ich habe euch nicht kommen hören." Er sieht selbst reichlich verschlafen aus und hat wahrscheinlich auch eine Nachtschicht hinter sich. "Bin gespannt, was er findet. Die meisten seiner Sachen sind in der Wäsche."

"Da werden sie wahrscheinlich auch bleiben, bis er dich erfolgreich dazu genötigt hat, sie für ihn zu waschen."

"Klingt, als sprichst du da aus Erfahrung."

"Jede Menge Erfahrung."

"Wie hat er das nur vorher ganz ohne uns gemacht?", fragt Wilson sich.

"Auslüften ist das Geheimnis", ruft es lautstark aus einem der Schlafzimmer heraus. "Wenn man es nur lange genug hängen lässt, ist es irgendwann wie frisch gewaschen. Nur Flecken verschwinden leider nicht einfach."

Kopfschüttelnd sieht sie Wilson an und er grinst zurück. Es würde sie wohl beide nicht überraschen, wenn er diese Theorie in der Vergangenheit auch in die Praxis umgesetzt hat.

"Habt ihr was vor?", will Wilson wissen und wird dabei von einem kurzen Gähnen jäh unterbrochen, das er nicht unterdrücken kann, obwohl er sich sichtlich darum bemüht. Es bringt sie zum Lächeln und tatsächlich tut er das oft, seitdem sie im letzten Jahr noch ein bisschen enger zusammengerückt sind, weil sie sich eine Konstante im Leben teilen.

"Wir fahren zu meinen Eltern. Rachel hat die letzte Woche dort verbracht und ich hole sie wieder ab."

Ein wenig ungläubig blickt Wilson zurück und erhebt seinen Zeigefinger, mit dem er in Richtung House zeigt, der den Geräuschen nach zu urteilen, immer noch nach annehmbaren Sachen sucht. "Ihr fahrt zusammen?"

"Er hat es angeboten", gibt sie entschuldigend zurück und zuckt mit den Schultern. "Nicht meine Idee."

"Wow, ein Fortschritt. Ich dachte schon, er hätte seit ein paar Wochen fast nur noch Rückschritte gemacht."

Da ging es nicht nur ihm so, denkt sie sich und versucht in seinem Gesicht zu ergründen, was Wilson überhaupt weiß. Über sie und ihn, ihre Beziehung, die Probleme. Sie wäre zu gern Mäuschen bei einer ihrer Unterhaltungen, aber es würde sie auch nicht überraschen, wenn House gar nicht mit ihm darüber redet und es lieber mit sich selbst ausmacht.

"Hattest du Nachtschicht?", fragt sie ihn, als ihn ein weiteres Gähnen übermannt und er sich wieder nicht dagegen wehren kann.

Er nickt und blinzelt ein wenig. "Hab gehört, für dich gab's auch noch was zu tun."

"Ja, leider", seufzt sie und denkt zurück an die Tränen der Angehörigen, an in den Fäusten zerknüllte Papiertaschentücher, die ihn auch nicht wieder lebendig machen.

"Wilson! Wo ist mein linker Converse-Schuh?", schallt es laut aus dem Schlafzimmer und Wilson setzt sich mit einem Augenrollen bereits in Bewegung.

"Küche", ruft er zurück und angelt den Schuh aus irgendeiner Ecke. "Frag mich nicht, wie er da hin kommt", meint er zu ihr und geht auf sie zu, um ihr das Ding in die Hand zu drücken. Auf dem Weg bleibt er kurz an einer Teppichkante hängen und kommt ins Stolpern. Er kann sich auf den Beinen halten, doch der Schuh landet auf dem Holzfußboden.

Er beugt sich nach unten, doch sie ist schneller und hat den Schuh schon in der Hand, als sie beide fast mit den Köpfen zusammenstoßen. Ihr Ärmel rutscht bei der Bewegung etwas nach oben und es ist ihr Handgelenk, an dem Wilsons Blick hängenbleibt. Sie richten sich beide wieder auf, doch sein Blick bleibt dort, wo sie versucht zu kaschieren, was er nun ohnehin schon gesehen hat.

"Alles klar bei dir?", fragt er leise und schwenkt wieder zurück zu ihren Augen.

Sie nickt. Es hat wenig Sinn, irgendwelche Ausreden zu erfinden, weil sie beide viel zu gut wissen, wie solche Dinge aussehen. "Es war ein Versehen", erklärt sie.

"Sicher?"

"Ja." Seine besorgten, braunen Augen brennen auf ihrer Haut und sie weiß nicht, wie sie ihm zu verstehen geben soll, dass sie das geklärt haben und es sicher nicht wieder passieren wird.

"Wenn er Ärger macht, sich nicht benimmt oder sonst irgendetwas ist, dann ruf mich an, okay", sagt er eindringlich.

"Mach ich", antwortet sie und versucht ein Lächeln hervorzuzaubern, das zaghaft ihre Lippen umspielt. "Danke, Wilson."

In jenem Moment kommt House mit seinem Rucksack aus dem Schlafzimmer und sieht misstrauisch zwischen den beiden hin und her. "Was heckt ihr hier aus?"

"Nichts", beruhigt sie ihn und reicht ihm den Schuh.

Wilson schenkt ihr einen weiteren dieser besorgten Blicke, umarmt sie kurz und wünscht ihr eine gute Fahrt. Dann wendet er sich an ihn, betrachtet ihn ein Weilchen, bis es House sichtlich unangenehm wird und Wilson so sein Ziel erreicht hat. "Und wenn du nicht auf sie aufpasst, dann bekommst du es mit mir zu tun", gibt er ihm mit auf den Weg.

Normalerweise hätte er jetzt eine spitze Bemerkung zurückgegeben, doch heute nickt er einfach nur und folgt mit seinen Augen Wilsons Blick, der erneut auf ihrem Handgelenk landet.