7 Jahre später

Es war ein wunderschöner Sommertag und der Central-Park in New York blühte in den schönsten Farbtönen. Die Park-Straßen waren voller Spaziergänger oder Jogger, während auf den Wiesen viele Menschen ihr Gesicht der Sonne entgegen streckten. Darunter auch eine blondhaarige schöne junge Frau mit blauen Augen, welche auf einer karierten Picknick-Decke lag. Ihr Gesicht war leicht eingefallen, während sich unter ihren Augen leichte Augenringe zeigten. Ihre blauen Augen funkelten müde, als sie ihre beiden siebenjährigen Töchter beobachtete, die nicht weit von ihr zusammen spielten. Sie lächelte leicht, jedoch wurde dies mit der Zeit traurig und ihr Blick wanderte sehnsuchtsvoll in den Himmel.

Nur wenige Meter von ihrer Mutter entfernt spielten die beiden Schwestern Thalia und Helena Grace Fangen, wobei ihnen durch ihr lautes Gekicher nicht auffiel, dass sie sich immer mehr von ihrer Mutter entfernten.

„Warte auf mich…ich bin nicht so schnell, wie du, Thalia!" schrie ich, wobei Thalia nur lauter zu lachen zu begann. Mein Gesichtsausdruck wurde grimmiger und ich schnaubte empört, ehe ich schließlich ganz stehen blieb und mich umsah. Meine hellen grauen Augen blickten durch den Abschnitt des Parks auf der Suche nach meiner Mutter. Mein grimmiger Gesichtsausdruck änderte sich schnell in Besorgnis und ich hielt Ausschau nach Thalia, die ebenso wie meine Mutter verschwunden war.

"Thalia"

"Mama!"

Immer wieder schrie ich ihre Namen durch den Waldabschnitt, ohne eine Antwort. Meine grauen Augen huschten unruhig durch die Gegend, die mir nun um einiges dunkler zu sein schien.

Ein Knacksen.

Ruckartig drehte ich mich zu dessen Ursprung und trat vorsichtshalber ein paar Schritte zurück. Ein großgewachsener Mann mit einem tief ins Gesicht gezogenen schwarzen Hut trat aus dem Dickicht und unbewusst trat ich nochmals einige Schritte zurück. Meine Haare stellten sich auf und mein kleiner Körper spannte sich unwillkürlich an. Der Mann trat näher und blieb wenige Meter vor mir stehen. Er hob den Kopf und eine Sekunde später schaute ich in ein dunkles fast schwarzes Auge.

Auge?

Meine Augen weiteten sich und ich drehte mich ruckartig um, ehe ich mit schnellen kleinen Schritten aus dem dunklen Bereich des Central-Parks rannte. Meine Atmung wurde mit jedem Meter flacher und ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu laut schreien. Ich erblickte bald die helle Wiese und erhöhte mein Tempo.

Die Menschen auf der Wiese blickten mir mit verwunderten Gesichtsausdrücken hinterher, als ich an ihnen vorbeirannte. Meine Augen huschten durch die Gegend und erblickten bald darauf meine Mutter. Schnaubend und mit brennenden Lungen kam ich vor ihr zum Stehen. Meine Mutter setzte sich schnell auf und ihr Blick ging sorgevoll über mich, ehe sie sich umsah. Ihre blauen Augen wurden im nächsten Moment panisch.

„Helena! Wo ist deine Schwester?" fragte sie mich mit angespannter Stimme und ich blickte zum Waldabschnitt, in dem wir beide verschwunden waren. Meine Mutter setzte sich auf und griff nach meiner Hand, die nun unter ihrer Berührung weniger zu zittern begann. Meine Mutter legte die karierte Decke zusammen und packte sie zu den anderen Sachen in den Korb, ehe sie wieder zu meiner Hand griff und mich in Richtung des Waldes zog. Meine grauen Augen wurden leicht panisch und ich schüttelte den Kopf.

„Da war ein Monster, Mama! Ein Mann mit einem Auge!" sagte ich und meine Mutter blieb ruckartig stehen, sodass ich fast in sie hinein gelaufen wäre. Ich blickte nach oben und erkannte, dass ihre Augen nicht auf mir lagen, sondern geradeaus starrten. Ich folgte ihrem Blick und entdeckte einen ebenso großgewachsenen Mann, welcher mit Thalia an der Hand auf uns zu kam. Das Gesicht meiner Schwester machte mich neugierig, denn es zeigte leichte Demut in Gegenwart des Mannes. Mein Blick wanderte zum Gesicht des Fremden und meine Augen weiteten sich.

Der Mann besaß blonde schulterlange Haare und blaue Augen, jedoch erregte etwas anderes meine Aufmerksamkeit. Er hatte einen stolzen Gesichtsausdruck, während sein Gang aufrecht und majestätisch zu sein schien. Und auch seine Ausstrahlung wirkte unnatürlich und auf mich fast schon bedrohlich, sodass ich mich an dem Blumenkleid meiner Mutter festkrallte und den Blick auf meine Schwester richtete. Sie schien zu merken, dass ich mich unwohl in der Gegenwart des Mannes fühlte, denn sie lächelte mir beruhigend zu. Der Mann kam vor uns zum Stehen und ließ die Hand von Thalia los, die sofort an meiner Seite war.

Ich spürte die bohrenden Blicke des Mannes, jedoch wollte ich nicht aufblicken. Stattdessen schien nun meine Mutter aus ihrer Starre erwacht zu sein, denn sie begann leicht zu stottern.

„Zeus…" hauchte sie leise und ich hob augenblicklich den Kopf in Richtung der beiden Erwachsenen.

Dieser Mann war unser Vater?

„Es ist schön, dich wiederzusehen, Beryl!" sagte mein Vater und meine Mutter fing daraufhin an leicht zu zittern, ebenso wie ihre Stimme. Ich ließ sie augenblicklich los und trat einen Schritt von ihnen weg. Mein Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig und anstelle der Neugierde trat Fassungslosigkeit und meine Lippen verzogen sich zu einem grimmigen Ausdruck.

Ich konnte nicht fassen, dass er hier war. Hier bei uns.

Über uns zogen leichte Wolken auf und Thalia griff reflexartig zu meiner Hand. Meine Zwillingsschwester und ich verstanden uns auch ohne Worte und sie wusste immer, wann sie eingreifen musste, um mich zurückzuhalten oder zu beruhigen. Auch, wenn ich ihre jüngere Schwester war, so hatte ich mitunter das Temperament unseres Vaters und reagierte auf manche Situationen sehr impulsiv, vor allem wenn es um Konfrontationen mit meiner Mutter ging. Thalia und ich verstanden nie, warum eine Person so viel Aufmerksamkeit benötigte, jedoch steigerte sich dies in den letzten Jahren fast zu einem Wahnsinn. Wir vermuteten, dass unser Vater an dieser Situation nicht ganz unbeteiligt war, vor allem nachdem er sie verlassen hatte.

„filiæ meæ." erklang plötzlich die strenge Stimme meines Vaters in meinen Ohren und ich blickte zu ihm herauf, wobei ich mich dabei reflexartig anspannte. Mein Vater kniete sich zu uns herunter, sodass wir fast auf derselben Augenhohe waren und blickte uns nacheinander an.

„Thalia, mein großes Mädchen." sagte er und strich meiner Schwester leicht über die Wange, die ihn jedoch nur mit ihren großen blauen Augen anstarrte, als könne sie noch immer nicht glauben, dass unser Vater in Fleisch und Blut vor uns stand. Er ließ die Hand sinken und seine blauen Augen fuhren zu mir. Seine Augen wurden mit einem Mal sanfter und seine Mundwinkel zogen sich zu einem kleinen Lächeln, als er mich betrachtete. Ihm schien anscheint die Ähnlichkeit zwischen uns aufzufallen, denn außer der Tatsache, dass wir verschiedene Geschlechter hatten, unterschieden wir uns nicht in viel mehr.

„Helena…meine Jüngste." hauchte er und ich fühlte, wie meine innere Blockade gegenüber meinem Vater zu bröckeln begann. Thalia und ich waren, nachdem uns unsere Mutter über seine Identität aufgeklärt hatte ziemlich geschockt und anschließend wütend geworden. Sieben Jahre lang habe ich eine Mauer vor meinen Gefühlen, die meinen Vater betrafen errichtete und nun, wo er vor mir stand, schaffte ich es nicht sie vor ihm zu verbergen. Ich zwang mich schließlich dazu, ihm in die Augen zu sehen.

„Warum bist du hier?" fragte ich und meine Stimme zitterte leicht. Ich hörte meine Schwester und meine Mutter scharf die Luft einziehen, jedoch ignorierte ich sie beide und starrte weiterhin meinen Vater an, dessen Maske sich ebenso wenig wie meine rührte.

„Sei nicht so unhöflich gegenüber deinem Vater, Helena!" sagte meine Mutter und vor meinem inneren Auge konnte ich ihren strengen Gesichtsausdruck sehen, wenn Thalia oder ich sie mit irgendetwas verärgert hatten.

„Ich will es wissen. Warum bist du hier?" fragte ich noch einmal und noch immer regte sich Nichts im Gesicht meines Vaters, wobei dies mich nicht wunderte. Auch wenn meine Maske das ein oder andere Mal zu wackeln schien, so konnte ich ebenso durchdringend sein, wie mein Vater. Seine Nasenlöcher blähten sich für einen kurzen Moment auf und seine Stirn legte sich in Falten.

„Darf ein Vater nicht seine Kinder besuchen kommen?" fragte er mich und ich hob zweifelnd eine Augenbraue, ehe ich einen kurzen Blick mit meiner Schwester austauschte. Ich wusste, dass mein Vater einer der mächtigsten griechischen Götter der Mythologie war und ich in seiner Gegenwart Vorsicht walten lassen musste, jedoch viel es mir in dieser Hinsicht schwer, ihm nicht sämtliche Schimpfwörter an den Kopf zu werfen.

„Dafür, dass dieser Vater sich die letzten sieben Jahre nicht einmal hat blicken lassen…" begann ich, wurde jedoch durch das wütende Schnauben meiner Mutter unterbrochen und beendete meinen Satz frühzeitig. Sie stand hinter meinem Vater und hatte die Arme in die Seite gestemmt, wobei ihre blauen Augen dunkel in meine Richtung funkelten. Ich musste mich zwingen ihr keinen genervten Blick meinerseits zu geben und wandte mich wieder meinem Vater zu, der mich die ganze Zeit nicht einmal aus den Augen gelassen hatte.

„Ich will jetzt nach Hause, Mutter!" erklang neben mir meine Schwester Thalia und riss mich an der Hand mit sich. Das Gesicht meiner Mutter änderte sich schlagartig und sie nickte, wobei ihr an zu merken war, dass ihr Thalias Einwurf sehr entgegen kam, um unseren Vater bald darauf in ein Gespräch zu verwickeln. Zusammen gingen wir die Straßen zu unserer großen Wohnung entlang, wobei ich so gut es mir möglich war, den Augenkontakt zu meinem Vater vermied.

Unsere Wohnung reichte über zwei Etagen und war hell eingerichtet, ebenso wie unsere Zimmer. Thalias Zimmer und meines waren durch eine Verbindungstür mit einander verbunden, da es uns als Zwillinge schwer fiel voneinander getrennt zu sein. Sie befanden sich ebenso wie das Schlafzimmer unserer Mutter in der zweiten Etage.

Ich stieß meine Zimmertür hinter mir zu und warf mich auf mein Himmelbett.

Ein Klopfen hinter mir ließ mich aufhorchen und ich brauchte nicht aufzusehen, um zu ahnen, dass es meine Schwester war. Ich hörte ihre Schritte und mein Bett senkte sich, ehe sich eine Hand auf meinen Kopf legte und begann mir sanft durch die Haare zu streichen. Genießerisch schloss ich die Augen und meine Anspannung fiel von mir ab.

„Warum glaubst du…ist er hier?" fragte meine Schwester mich und ich setzte mich auf.

„Ich weiß es nicht…aber ich will ihn nicht hier haben." sagte ich leise und die Augen meiner Schwester weiteten sich für einen kurzen Moment.

„Helena…er ist unser Vater." konterte meine Schwester und mein Blick ging zu dem Buch der griechischen und römischen Mythologie. Ich nahm es an mich und öffnete schweigend das Buch, ehe ich die Seiten des Buches langsam durchblätterte.

„Er ist der Vater von vielen Göttern und Halbgöttern, wie Herkules oder Perseus. Wir sind nur einer seiner vielen Kinder, die irgendwann vergessen wird." flüsterte ich und meine Augen wanderten über ein Bild, welches von dem Sturz der Titanen handelte.


Es war Abend geworden und meine Familie nahm im ersten Stock ihr Abendessen ein, während ich es vorgezogen hatte in meinem Zimmer zu bleiben. Ich konnte meinem Vater im Moment nicht gegenüber treten. Ich hasste ihn nicht. Selbst als Tochter konnte man seinen eigenen Vater nicht hassen, jedoch wurde ich in seiner Gegenwart zunehmend unruhig und wütend. Ich wusste, dass er als ein Gott nicht immer Zeit hatte für seine Kinder…aber sich sieben Jahre lang nicht blicken zu lassen gingen meines Erachtens ein wenig zu weit.


Meine müden Augen öffneten sich und blickten verschlafen auf die Zahlen meines Weckers.

3:54 Uhr

Unruhig versuchte ich wieder einzuschlafen und wälzte mich in meinem Himmelbett herum, bis ich schlussendlich aufgab und aufstand. Ich huschte zur Verbindungstür meiner Schwester und öffnete sie vorsichtig. Ich lächelte leicht, als ich meine Schwester schlafend in ihrem Bett sah und schloss vorsichtig und leise die Tür. Auf Zehenspitzen huschte ich durch den dunklen Flur vorbei an dem Schlafzimmer meiner Mutter und die Treppe hinunter in das Wohnzimmer und in den Essbereich. Unsere erste Etage hatte viele offene Panoramafenster, durch welche man die komplette Stadt übersehen konnte und die einen großen Teil unseres Wohnzimmers einnahmen. Thalia blieb diesen Fenstern meist fern, da sie als Einzige Höhenangst hatte, jedoch zu stur war, um es unserer Mutter zu erzählen.

Neben den Panoramafenstern stand in der Ecke des Wohnzimmers ein großer schwarzer Flügel, auf dem ich seit Jahren spielte. Ich hatte meine Mutter schlussendlich dazu überreden können, mir neben dem Flügel auch privaten Musikunterricht geben zu lassen. Antonio war ein geduldiger Lehrer und jedes Mal war ich von seinen Musikstücken fasziniert, sodass das Lernen viel Spaß machte und ich meiner Schwester bereits nach einem Jahr Stücke vorspielte. Mein langes weißes Nachthemd schliff hinter mir auf dem Boden, während ich auf den schwarzen Flügel zuging. Meine Finger flatterten über die Tasten, ehe ich mich schließlich auf den großen Hocker setzte.

In der Luft erklang Musik, während meine Finger über die Tasten fuhren und liebliche Klänge von sich gaben. Meinen Augen waren auf die Noten gerichtet, sodass ich nicht mitbekam wie mein Vater in der Tür stehen blieb und meinem Spiel zuhörte.

„Mit deinem Spiel könntest du gewiss mit deinem Bruder mithalten." sagte eine Stimme hinter mir und ich drehte mich hektisch zu meinem Vater um, der sich anscheint unbemerkt hinter mich getreten war. Seine blauen Augen funkelten elektrisch, ebenso wie es Thalias Augen taten. Ich gab ein gequältes Lächeln von mir und wandte mich wieder meinen Noten zu.

„Ich mag es nicht besonders, wenn ich ignoriert werde, auch nicht von meinen Kindern, Helena." erklang die strenge Stimme meines Vaters hinter mir und ich biss die Zähne fest aufeinander, ehe ich mich schließlich zu ihm umdrehte. Sein Gesicht war ebenso wie meines angestrengt und seine blauen Augen wirkten in meiner Gegenwart streng.

„Denkst du etwa, es gefällt einem Kind von seinem Vater sieben Jahre lang ignoriert zu werden. Ohne auch nur ein Wort von ihm zuhören…ohne ihn je gesehen zu haben." konterte ich und blickte wütend zur Seite.

„Helena…" flüsterte mein Vater und die Luft um mich herum knisterte leicht. Ich hörte die schweren Schritte meines Vaters auf dem Boden und wenige Sekunden später blickten mich strahlend blaue Augen an. Mein Vater hatte sich zu mir heruntergebeugt und blickte mich nun an.

„Meine Tochter…denke nicht, dass ich dich oder deine Schwester ignoriert habe, denn es ist nicht wahr. Seit ihr beiden geboren wurdet, habe ich euch beobachtet und eure Fortschritte voller Stolz beobachtet. Aber ein Gott zu sein bringt auch seine Nachteile mit sich, mitunter auch, dass niemand von uns die Erlaubnis hat sich direkt in das Leben seiner Kinder einzumischen." sagte er und ich blickte ihn verwirrt an.

„Und was ist mit uns Halbgöttern?" fragte ich ihn und er blickte hinter mich auf die Stadt, ehe er schließlich den Kopf schüttelte.

„Unsere Nachkommen müssen sich ihren eigenen Wegen und Aufgaben stellen, ohne dass sie von uns Göttern wesentlich beeinflusst werden. Unsere Aufgabe ist es euch zu beobachten und nur in den extremsten Fällen einzugreifen." erklärte er mir und ich nickte schweigend.

„Heißt das, dass du auch Thalia und mich auf unserem Weg beobachten wirst?" fragte ich ihn und er nickte.

„Ich bin euer Vater, Helena. Jederzeit!" sagte er und ich konnte mir ein Lächeln meinerseits nicht verkneifen.

filiæ meæ - Meine Töchter