Kapitel 3
„Oh Gott, Sherlock, das ist ja furchtbar. Mary und das Baby. Der arme John, wie geht es ihm?" Mrs. Hudson saß Sherlock in ihrer Küche gegenüber und starrte ihn entsetzt an.
„Er ist … ich weiß nicht … er spricht nicht … der Schock wahrscheinlich. Ich wollte ihm gerade einen Tee machen, vielleicht …" Sherlock brach hilflos ab. Er hasste es, wenn er nicht wusste, was zu tun war, aber Johns Anblick hatte ihn völlig aus dem Gleichgewicht gebracht.
Mrs. Hudsons Blick wurde weich. „Tee ist eine gute Idee, Sherlock. Ich koche schnell welchen, den kannst du ihm dann bringen."
Während das Wasser heiß wurde studierte sie Sherlocks Gesicht. „Und wie geht es dir, mein Lieber?"
Überrascht blickte Sherlock sie an. „Gut. Mir geht es gut. Warum fragen sie? Ich kannte Mary doch kaum."
„Sei nicht albern, Sherlock, du hast sie auch gern gehabt. Sie hatte etwas an sich, etwas Besonderes."
Ja, dachte Sherlock bei sich, sie war etwas Besonderes gewesen. Und er hatte sie wirklich gemocht, aber sie hatte John so sehr verletzt - mal davon abgesehen, dass sie auf ihn geschossen hatte. Er fragte sich, ob John zu ihr zurückgekehrt wäre, wenn das Kind erst da gewesen wäre. John hatte sich so darauf gefreut Vater zu werden, also war auch die Wahrscheinlichkeit für eine Rückkehr groß gewesen. Schuldbewusst musste Sherlock sich eingestehen, dass er sich freute, dass John nun bei ihm bleiben würde.
Mrs. Hudson unterbrach seinen Gedankengang und stellte das volle Teetablett vor ihm auf dem Tisch ab. „Der Tee ist fertig. Geh' zu ihm, er braucht dich jetzt."
„Was kann ich schon tun? Außer Tee bringen, " grummelte Sherlock, als er das Tablett vom Tisch nahm.
„Sei einfach für ihn da, Sherlock", Mrs. Hudsons warme Hand legte sich auf seinen Arm und drückte ihn sanft, " das ist jetzt das wichtigste. John sollte jetzt nicht alleine sein und du bist sein bester Freund."
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Vor Johns Zimmertür zögerte Sherlock einen Moment und lauschte angestrengt. Es war kein Laut zu hören und er klopfte leise bevor er die Tür öffnete. „John? Mrs. Hudson hat Tee gemacht, sie hat ein paar selbstgebackene Kekse dazu gelegt."
Sherlock stellte das Tablett auf Johns Nachtschrank ab und schloss die Tür wieder, dann goss er für sie beide Tee ein und setzte sich auf die Bettkante. Es dauerte einen Moment bis John reagierte, aber schließlich blinzelte er und sah Sherlock an, als ob er ihn das erste Mal sah.
„Tee … ja, danke … " Verwirrt setzte er sich auf und rieb er sich das Gesicht. „Sherlock, wieso … oh … ja … natürlich." Johns Gesicht fiel in sich zusammen und er schloss kurz die Augen.
„John, es tut mir so leid." Sherlock überlegte, was er noch sagen könnte, aber es klang in seinem Kopf alles hohl und sinnlos, also hielt er den Mund und beobachtete stattdessen Johns Gesicht in der Hoffnung, dort irgendeinen Hinweis zu finden, wie er ihm helfen könnte.
Die dampfenden Teetassen in den Händen saßen sie schweigend zusammen.
„Weißt du, dass es ein Mädchen war?" fragte John leise. „Mary hat mir vor ein paar Tagen ein Ultraschall-Bild geschickt. Sie wusste, wie sehr ich mich auf das Baby freue, auch wenn wir nicht wirklich…." Er brach ab, seine Hände begangen zu zittern und Sherlock nahm ihm die Tasse vorsichtig ab.
Die Verzweiflung und Hilflosigkeit in Johns Gesicht, als er den Kopf hob und ihn anblickte, traf Sherlock unvorbereitet. John war sonst immer beherrscht und ruhig, nur selten ging sein Temperament mit ihm durch, so dass er wirklich laut wurde; und er vermied es, wenn irgendwie möglich, über Gefühle zu reden, zumindest mit Sherlock. Aber das hier war anders.
Ohne weiter darüber nachzudenken nahm er John in seine Arme und streichelte beruhigend seinen Rücken, während John endlich die Tränen und die Trauer herauslassen konnte, die sich aufgestaut hatten. Es war nicht nur der Tod von Mary und seinem ungeborenen Kind. Die ganze Anspannung der letzten Monate, Marys Betrug, Sherlocks Beinahe-Tod, die Erkenntnis von Sherlocks Folter, all das bahnte sich nun einen Weg, als John in Sherlocks Armen zusammenbrach.
Mehrere Minuten lang war nur Johns leises Schluchzen zu hören. Sherlock hielt ihn so fest er konnte und versuchte ihm so viel Trost und Halt zu geben, wie es ihm möglich war, auch wenn er insgeheim bezweifelte, dass er in dieser Hinsicht viel zu bieten hatte. Seine Wange ruhte auf Johns Kopf; Sherlock konnte Johns Haare fühlen und riechen und schloss die Augen, um möglichst alles aufzunehmen und zu speichern. Er wollte diesen Moment festhalten, John war ihm so nah, und auch wenn er ihn nie wieder so in den Armen halten würde, dieser Augenblick gehörte ihm.
„Es tut mir Leid … ich weiß, wie du solche Gefühlsausbrüche hasst … entschuldige, es geht schon wieder…" John hatte sich etwas beruhigt und löste sich mit gesenktem Kopf von Sherlock, der ein Taschentuch aus seiner Hosentasche zog und ihm hinhielt.
„John, wenn irgendjemand Grund dafür hat, dann sicherlich du. Mach dir deswegen keine Gedanken."
Überrascht von Sherlocks Worten und seinem vorsichtigem, etwas zögerlichem Tonfall hob John den Kopf und erhaschte einen kurzen Blick auf Sherlocks Gesicht, bevor der seinen Schutzwall wieder hochfahren konnte. John nahm Sherlock das Taschentuch aus der Hand, und nachdem er es benutzt und auf die andere Seite des Bettes geworfen hatte, lehnte er sich erschöpft gegen das Kopfteil des Bettes. „Danke."
„Schon gut", wehrte Sherlock lässig, fast gleichgültig ab. Aber John hatte vorhin sein Gesicht gesehen, sein wahres Gesicht, ohne Maske.
„Nein, ich meine es ernst. Danke, Sherlock."
Fragend hob Sherlock eine Augenbraue.
„Ach komm, du weißt schon …"
"Was weiß ich?"
Einen Moment lang sahen sie sich schweigend an und John versuchte in Sherlocks Mimik zu lesen, aber die Maske war wieder perfekt, und alles was er sah war milde Neugierde.
„Schon gut." John fehlte die Energie, um mit Sherlock zu diskutieren. Wenn es dem Meisterdetektiv unangenehm war, über seine Gefühle zu sprechen, würde er ihn nicht bedrängen.
„Ist der Tee noch warm?" fragte er stattdessen.
Sherlock fasste die Kanne an. „Lauwarm, höchstens. Ich mache frischen." Damit stand er auf und nahm das Tablett mit hinaus, bevor John noch etwas sagen konnte.
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Das war knapp, dachte Sherlock, als er in der Küche darauf wartete, dass das Wasser kochte. John brauchte ihn jetzt als Freund. Seine unangebrachten Gefühle, Sherlock schüttelte sich innerlich, waren sicherlich das Letzte, was er wollte. Ärgerlich runzelte er die Augenbrauen. Er hatte sich hinreißen lassen, die Kontrolle verloren, das war nicht akzeptabel, wenn er John als Freund behalten wollte.
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John hatte seinen Pyjama angezogen und sich wieder hingelegt. Er war so müde und kaputt, dass er die Augen kaum offen halten konnte. Sherlock hatte ihn überrascht, positiv überrascht. Nie hätte er so viel Einfühlungsvermögen von ihm erwartet, und schon gar nicht so viel Geduld. Für einen kurzen Augenblick hatte er geglaubt, noch etwas anderes in Sherlocks Gesicht zu sehen, aber es war so schnell wieder verschwunden - er war einfach groggy, es war sicher nur Einbildung gewesen.
Einer der Gründe, warum es ihm so schwer gefallen war zu entscheiden, wie es mit ihm und Mary hatte weitergehen sollen, war sein Leben mit Sherlock gewesen. Oder besser gesagt, seine Angst davor, es wieder aufzugeben. Wäre es nur um Mary gegangen, er hätte sich schon lange scheiden lassen. Nur der Gedanke an sein Kind, seine Tochter, hatte ihn davon abgehalten.
Die Entscheidung war ihm jetzt abgenommen worden. Er hasste die Ironie der Situation. Oh ja, er hatte sein Leben mit Sherlock zurück, konnte in der Baker Street bleiben. John lachte bitter auf. Alles hätte er dafür gegeben, seine Tochter nur einmal in den Armen halten zu können. Er bemerkte seine Tränen nicht mal, als er blicklos aus dem Fenster starrte.
