Kapitel 3: Begegnung
„Hm, I am Mutou Yugi, nice to meat you... nein, meet you!…Oh man, das kann ja was geben morgen…"
Yugi stützte verzweifelt den Kopf in die Hände und starrte aus dem Fenster. „Hm, schon dunkel... wie spät es wohl ist?"
Ein Blick auf die Uhr ließ ihn auffahren.
„Oh, schon wieder halb eins! Ich komme auch nie mal früher ins Bett..."
Was musste die Zeit auch immer gerade dann so schnell vergehen, wenn man die Zeit doch viel lieber zurückdrehen mochte?
Hektisch rannte Yugi ins Bad und sprang unter die Dusche. Das kühle Wasser erfrischte ihn wieder ein wenig, wenn auch nur kurzzeitig, denn schon beim Abtrocknen musste er wieder heftig gähnen.
Müde schlich er zurück in sein Zimmer, warf sich auf sein Bett und dachte noch einmal über das Gespräch mit dem Direktor nach.
Ob er sich wirklich mit dem Neuen anfreunden könnte? Das wäre mal etwas, ein neuer, richtiger Freund, der ihn so gut verstand, wie er sich selbst oder noch besser, noch viel besser, als es selbst, Joey oder sein Großvater taten. Aber war das überhaupt möglich?
‚Komm schon Yugi, hör auf, so was auch nur zu denken. Du hattest einen solchen Freund, er hat sich einen Körper mit dir geteilt, natürlich kannte er dich! Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass es jemals jemandem gelingen wird, dich besser zu kennen, als er, oder?'
Er wischte den Gedanken lieber schnell beiseite, denn immerhin hatte er doch wirklich lange genug daran gearbeitet, den Pharao zu dort zu belassen, wo er war, nämlich bei seinen Ahnen, und weiterzuleben, da würde er sich doch nicht durch irgendwelche Phantome wieder ablenken lassen.
Und dann fiel ihm wieder der dunkelhäutige Inlineskater ein.
‚Er hatte auch so eine exotische, schöne dunkle Hautfarbe..'
Erneut schalt Yugi sich selbst einen Idioten. Was wollte er denn machen? Jedes Mal, wenn er einen dunkelhäutigen Ausländer sah, losheulen und an den Pharao denken? Ganz so wie ein kleiner Junge? Dann wäre er des Sieges gegen ihn nicht würdig gewesen und das war das letzte, was er wollte.
‚Alles Unsinn, Yugi, du bist müde, das ist alles...'
Und trotzdem...sein Blick fiel auf den umgedrehten Fotorahmen auf dem Nachttisch. Yugi wusste genau, was darin war und warum er es umgedreht hatte, doch irgendwie erschien ihm jetzt der passende Moment, den Rahmen wieder richtigzustellen.
„Hallo mein Freund! Vielleicht passt du ja ein bisschen auf, dass ich heute gut schlafe, damit ich mich morgen nicht zu sehr blamiere, ja?" Seine Hand wich zurück und der schwarze Magier wurde sichtbar. „Es ist ja nur heute Nacht..." murmelte er der Karte noch zu, dann schlief er ein, obwohl das Licht seiner Schreibtischlampe noch brannte.
Kaum dass Yugi ins Reich der Träume gewandert war, leuchtete der Bilderrahmen geheimnisvoll auf.
Yugi zwinkerte vorsichtig, schloss aber die Augen sofort wieder, als er die Figur auf seiner Lieblingskarte aus dem Rahmen heraustreten sah. Das konnte nur ein Traum sein... Er driftete wieder ab in die sanften Tiefen des Schlafs, am nächsten Morgen sollte er sich nur noch wie an einen Traum an diese Begebenheit erinnern.
Der schwarze Magier trat an den Schreibtisch und knipste die kleine Lampe aus, dann warf er einen Blick auf den friedlich schlafenden Jungen.
‚Offensichtlich brauchst du doch noch etwas Schutz, kleiner Yugi. Ich passe schon auf dich auf, das schwöre ich dir!' Und so hatte Mahad seinen Schwur, den er einst seinem Pharao geleistet hatte, auf dessen Seelenbruder übertragen.
PIEP PIEP PIEP PIEP PIEP PIEP PIEP
Ein neuer Morgen war angebrochen, doch anstatt den Wecker zu verfluchen, wie er es noch am Morgen zuvor getan hatte, sprang Yugi nun leichtfüßig aus dem Bett und ins Bad, war diesmal zehn Minuten eher fertig als sonst und überraschte seinen Großvater ganz außergewöhnlich.
„So früh schon auf?" fragte er verwundert, Yugi war eher unten, als er den Frühstückstisch gedeckt hatte.
„Aber sicher doch, Großvater. Ich muss doch heute etwas früher da sein, um den Neuen herumzuführen." Yugi grinste fröhlich. Er hatte einfach wunderbar geschlafen und der ganze Trübsal vom Abend zuvor war verschwunden.
„Wenn er nett ist, kannst du ihn ja mal mit in den Laden bringen. Vielleicht interessiert ihn ja dort etwas." Yugi nickte und schmierte sich sein Brötchen.
„Klar, ich werde ihn fragen... Hoffentlich ist er nett und nicht irgendein Snob, Mamas Lieblingssohn, der alles hinterhergetragen bekommt."
„Mit anderen Worten, Hauptsache, er heißt nicht Kaiba!"
Yugi kicherte. „Lass ihn das nicht hören, Großvater, da ist er sehr empfindlich."
Soguroku zwinkerte ihm bloß verschwörerisch zu.
Etwas später fuhr Yugi mit Highspeed zur Schule, dass der Asphalt unter seinem Rad nicht entflammte, wunderte ihn selbst.
Er musste es aber einfach pünktlich schaffen! Wie sah das denn aus, wenn er den Neuen warten ließ?
Er sah noch aus dem Augenwinkel, wie etwas auf ihn zuraste, also bremste er abrupt.
„Hey, was soll denn das? Pass gefälligst auf, wohin du fährst! Idiot!" schrie er dem Jungen hinterher, der ihn beinahe umgerannt hatte- mal wieder, denn in ihm erkannte Yugi den Inliner vom Vortag.
„Du schon wieder! Entschuldige dich gefälligst!"
„Sorry kid!"
Und schon war der verrückte Skater verschwunden.
Schimpfend trat Yugi wieder in die Pedale.
Jetzt würde er ganz bestimmt zu spät kommen!
Fünf Minuten später schloss er hastig sein Rad ab und sprintete Richtung Sekretariat. Inzwischen füllte sich der Schulhof langsam mit Schülern.
„Verdammt, er wartet sicher schon. Oh Gott, was muss ich auch immer für ein Pech haben!"
Er war so in seine Gedanken vertieft, dass er die Gestalt, die da am Nebentrakt lehnte, erst nicht erkannte.
„Ah..." war dann der einzige sparsame Kommentar, der ihm einfiel.
Lässig an die Wand gelehnt und mit Sonnenbrille in die Sonne starrend, stand der Skater mit der Cappie und der dunklen Haut.
„DU! VERDAMMT, WAS MUSST DU MIR AUCH IMMER IN DEN WEG KOMMEN, AUSGERECHNET HEUTE; WO ICH DEN NEUEN SCHÜLER TREFFEN SOLL! UND DANN ENTSCHULDIGST DU DICH NICHT EINMAL!"
Yugi war es entgültig leid. Zwei Begegnungen pro Tag mit diesem Typen waren mehr als genug!
Da wandte der Junge sich ihm zu, allerdings ohne die Sonnenbrille abzunehmen.
„Wie oft denn noch: Sorry, kid!" sagte er in schönstem Japanisch. „Und jetzt hau wieder ab, ich warte hier auf jemandem..." Die Stimme, die gerade noch so gereizt geklungen hatte, wurde plötzlich unsicher und sanft und Yugi rann ein unangenehmer Schauer über den Rücken. Diese Stimme hatte etwas von IHM.
Langsam begann es dem Fremden zu dämmern, was Yugi zuvor gesagt hatte. Er rieb sich verlegen das Kinn.
„Hm, okay, vielleicht habe ich ja auf dich gewartet..."
Yugi nickte. Die Knie wurden ihm weich und er zitterte innerlich.
Was war nur los mit ihm? Wieso war er plötzlich so unsicher? Lag es daran, dass der Junge hier nicht nur die gleiche Hautfarbe hatte, wie der Pharao, sondern auch eine ziemlich ähnliche Stimme?
Yugi holte Luft und versuchte, sich zu beruhigen. ‚Ich sehe Gespenster, das ist es. Ich habe gestern einfach zuviel an Atem gedacht...'
Also verbeugte er sich vor dem Jungen und stellte sich vor, fühlte sich dabei so seltsam von dem Fremden gemustert.
„Hey kid, du bist ein interessantes Empfangskomitee. Aber du hättest dir nicht unbedingt so eine Frisur zulegen müssen."
Yugi sah auf. „Hm? Wie meinst du das? Für meine Frisur kann ich nichts..."
Yugi konnte es nicht sehen, aber hinter der Sonnenbrille riss der Junge die Augen weit auf.
„Dann bist du in der Tat interessant, kid."
Der Junge griff zu seiner Cappie und Yugi fiel vor Überraschung die Kinnlade hinunter.
„DU! Mein Gott, wie...warum...wieso?"
Yugi war total überrascht. Der Junge hatte die gleiche Frisur wie er und er hätte wetten können, dass hinter seiner Sonnenbrille diese tiefen, samtweichen Augen lagen, die er so gut kannte.
Doch der Junge vor ihm zeigte kein einziges Anzeichen, dass er Yugi erkannte.
„Hey, Kid, mach mal halblang. Kennen wir uns etwa?"
„Kennen? Na hör mal..." Doch Yugi hielt mitten im Satz inne. Es konnte doch nicht sein, dass der Pharao plötzlich wieder auftauchte, nachdem er in die Nachwelt eingegangen war, wie er es sich nach 5000 Jahren ja auch verdient hatte.
Der dunkelhäutige Junge seufzte einfach nur und griff lässig nach der Sonnenbrille.
„Also Kleiner, ich will ja mal nicht so sein und mich vorstellen. Ich bin Atem Kingsley. Und schau mich nicht so an, ich bin Ägypter, aber mein Adoptivvater ist Engländer, daher Kingsley, kapiert?"
Yugi starrte ihn einfach nur aus teichgroßen Augen an.
Kingsley? Adoptivvater? Atem?
Moment mal- Atem? 'Also doch…' Dann lächelte er einfach und verbeugte sich. „Yugi Mutou, Volljapaner. Sehr erfreut." Nach einem kurzen Blick zu dem Jungen, der immer noch kein Zeichen des Erkennens zeigte, fügte er noch hinzu: „Und ja, ich bin dein Empfangskommmitte. Entschuldige mein Verhalten, du siehst nur jemandem sehr ähnlich, den ich mal kannte."
„Ach so, na dann... Zeigst du mir jetzt also die Schule?" fragte Atem gelangweilt. Yugi nickte.
„Ja gut, gehen wir."
‚Na super Yugi! Kaum hast du den Pharao halb vergessen, kommt so ein möchtegern cooler Doppelgänger daher und du musst ihn auch noch rumführen…'
Yugi verfluchte sich selbst für sein Glück und hoffte inständig, dass die Schulglocke ihn möglichst bald erlösen würde.
tbc...
so, ab jetzt kanns losgehen, gelle?
Gruß, Nics
