Zwiespalt
Severus Snape dachte angestrengt nach. Apparieren war im Moment einfach zu gefährlich, zu zweit ohnehin. Zudem konnte man nicht ins Hauptquartier des Ordens apparieren und am Tag mitten auf dem Grimmauldplatz mit einer blutenden Frau auf den Armen aufzutauchen, war einfach zu auffällig. Dasselbe galt auch für Hogsmeade. Ehe er mit ihr zum Schloss gelaufen wäre, wäre sie wahrscheinlich verblutet und er konnte es sich auch nicht leisten, so von Voldemorts Spionen gesehen zu werden.
Das war das nächste Problem. Voldemort. Er brauchte eine verdammt gute Geschichte, um sein plötzliches Verschwinden und diesen grandios fehlgeschlagenen Auftrag zu erklären. Er konnte natürlich mit diesem Mädchen hier und jetzt vor dem Lord auftauchen, ihm erklären das Granger aufgrund der Inkompetenz seiner beiden Begleiter entkommen war, ihre Schwester aber gut als Druckmittel zu gebrauchen wäre, um sie in die Falle zu locken.
Doch es
war zu riskant.
Er würde dem Lord zu sehr in die Hände
spielen und keine weitere Chance bekommen, sie zu befreien. Wenn er
dieses Mädchen bei Voldemort abliefern würde, wäre ihr
Tod beschlossene Sache.
Allerdings hätte es den Vorteil,
seine Loyalität unter Beweis zu stellen und ihn so aus dieser
äußerst gefährlichen Lage zu befreien. Verdammt,
schließlich war Krieg und im Krieg starben nun einmal Menschen.
Jeden verfluchten Tag brachten Voldemort und seine Anhänger
Muggel um. An seinen eigenen Händen klebte bereits genug Blut,
es würde keinen Unterschied mehr machen. Wenn der Kampf gegen
Voldemort erfolgreich sein sollte, so mussten nun einmal Opfer
gebracht werden. Das Mädchen neben ihm würde es nicht
einmal mehr mitkriegen. Sie hatte durch den Blutverlust bereits vor
Minuten das Bewusstsein verloren.
Zu viele Severus, raunte eine Stimme in seinem Kopf. Zu viele Leben hast du bereits zerstört, soviel Blut an deinen Händen.
Dann sollte eines mehr oder weniger auch keine Rolle mehr spielen. Aber leider spielte es eine Rolle. Er war noch immer ein Todesser und doch war etwas ganz entscheidend anders.
Er traf in diesem Moment eine Entscheidung, von der er inständig hoffte, dass er sie nicht bereuen würde. Dann kramte er aus den Tiefen der Couch ein Kleidungsstück hervor, wie es sich anfühlte eine Socke, richtete seinen Zauberstab darauf und flüsterte Portus.
Es war sicherer, gleich aus der jetzigen Position heraus zu verschwinden.Vielleicht wurde das Zimmer noch immer überwacht. Er legte seinen Arm um die junge Frau, die nur noch sehr flach atmete, berührte mit der Socke ihre Hand und das vertraute Reißen hinter seinem Nabel katapultierte ihn in Lupins Wohnzimmer.
Die Hütte lag weit abgelegen von jeder menschlichen Behausung in einer bewaldeten Talsenke und bot für kurze Zeit ein ideales Versteck. Das Ministerium würde nicht lange brauchen, um auf den ungenehmigten Portschlüssel aufmerksam zu werden. Doch ein bis zwei Stunden würde er sicher haben.
Kaum in der Hütte angekommen, begann er sich um
die Blutung zu kümmern. Hoffentlich hatte der Werwolf eine
umfangreiche Hausapotheke, denn ohne einen blutbildenden Trank wäre
die Sache aussichtslos.
Mit einem Wink seines Zauberstabes und ein
paar leise gemurmelten Worten verschwand der Splitter aus Nenyas
Bein, ebenso wie die blutdurchtränkte Jeans. Trotz der ernsten
Lage gelang es Severus nicht, bei dem sich bietenden Anblick ein
Schmunzeln zu unterdrücken. Das Mädchen trug Boxershorts.
Der Tag steckte wahrlich voller Überraschungen.
Mit routinierten Bewegungen legte er den Druckverband an und machte sich auf die Suche nach Lupins Tränkeschrank. Seine Sorgen waren unbegründet gewesen. Das Arsenal an Phiolen und Salben hätte mit Hogwarts Krankenstation konkurrieren können.
Er nahm sich den gesuchten Trank, kehrte zurück ins Wohnzimmer und flößte ihn der jungen Frau mit geübtem Griff ein. Dann wickelte er sie in eine Decke und lagerte ihre Beine hoch. Nun hieß es warten. In etwa dreißig Minuten konnte er es dann wagen, sie mit Flohpulver zu transportieren.
Im
Hauptquartier des Phönixordens saßen Nymphadora Tonks,
Remus Lupin und Alastor Moody um den Küchentisch und übten
sich in Geduld. Ein Unterfangen bei dem sie kläglich
versagten.
Gerade als Remus zum wiederholten Male aufsprang, um
eine seiner rastlosen Runden durch die Küche zu drehen,
verfärbten sich die Flammen des Kamins grün und Minerva
McGonagall trat heraus.
"Minerva, gibt es etwas neues von Hermione?" Tonks war ebenfalls aufgesprungen.
"Ja, man hat sie gefunden und sie ist unverletzt. Die Auroren haben sie heute Nachmittag nach einem fehlgeschlagenen Todesserüberfall ins Ministerium gebracht, um ihre Aussage aufzunehmen. Albus ist unterwegs, um sie abzuholen."
"Was ist mit Severus?" Remus Lupin gelang es nicht vollständig, die Nervosität aus seiner Stimme zu verbannen.
"Bis jetzt wissen wir noch nicht genau was passiert ist und ob er mit der Sache überhaupt etwas zu tun hat. Es wäre mehr als ungewöhnlich. Seit Voldemort seinen Spion in Hogwarts hat...", ihre Lippen kräuselten sich spöttisch, "...versucht er ihn so gut es geht aus der Schusslinie herauszuhalten damit er nicht auffliegt. Er nutzt stattdessen lieber Severus strategisches Talent. Wenn er an dieser Aktion beteiligt war, dann muss es etwas sein, das für Voldemort sehr wichtig ist. Ein Todesserüberfall am Tage, selbst in einer so abgelegenen Gegend, ist außergewöhnlich und beunruhigend."
In diesem Moment verfärbten sich die Flammen erneut und Snape trat aus dem Kamin. In den Armen hielt er eine Wolldecke, aus der ein Paar Beine ragten.
"Severus!" Minerva stürzte auf ihn zu, warf dann einen fragenden Blick auf seine ungewöhnliche Last und fragte: "Wer ist das? Severus, geht es Dir gut, bist Du verletzt? Und kannst Du uns sagen, was passiert ist?"
Die anderen waren ebenfalls herangetreten. Snape erlaubte sich, ob ihres Fragensturmes, ein kleines Lächeln.
"Mir geht es gut Minerva, mach Dir keine Sorgen." Zumindest jetzt noch, doch das sprach er nicht aus.
"Das ist Miss Grangers Halbschwester. Sie wurde bei dem Überfall verletzt, ist aber außer Gefahr. Sie braucht nur ein paar Stunden Schlaf." Mit diesen Worten packte er sie in Lupins Arme. "Am besten bringst Du sie rauf in eines der Gästezimmer, aber schließ bitte ab. Das Mädchen ist eine Muggel und je weniger sie vom Hauptquartier zu sehen bekommt, umso besser."
Lupin verschwand in Richtung zweiten Stock. Snape ließ sich erschöpft auf einen Stuhl sinken und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Sein Kopf schmerzte höllisch. Daran hatte leider auch der Trank, den er in Lupins Wohnung genommen hatte, nichts ändern können.
Die anderen setzten sich zu ihm an den Tisch.
"Ist Miss Granger inzwischen auch wieder aufgetaucht", verlangte Snape zu wissen.
"Ja, im Ministerium. Albus holt sie gerade ab. Wir wissen leider noch nichts genaues, aber Kingsley ist unterwegs, um mit Miss Grangers Eltern Kontakt aufzunehmen. Bis dahin bleibt sie erst einmal hier."
"Was ist mit Potter?"
"Arabella sagt, es sei alles ruhig."
"Die Weasleys?"
"Sind in Rumänien, bei Charlie."
"Mhmm", brummte Snape, während er sich die schmerzende Schläfe rieb.
"Severus, was ist mit Voldemort? Was wirst Du ihm sagen?" Moody, der bis dahin schweigend zugehört hatte, fixierte den dunklen Zauberer mit seinem magischen Auge.
Snape stöhnte auf und Verzweiflung stahl sich in seine Stimme. "Wenn ich das wüsste... Ich brauche eine verdammt gute Geschichte, oder ich verliere schneller meinen Kopf, als Albus Zitronenbrausebonbon sagen kann."
"Wir lassen uns was Gutes einfallen, Severus. Sobald Albus mit Hermione zurück ist und sie uns erzählen kann, was sie im Ministerium ausgesagt hat. Mach Dir keine Sorgen." Der Werwolf war, von den andern unbemerkt, wieder in die Küche getreten und musterte den Tränkemeister besorgt, wobei er versuchte, soviel Zuversicht wie möglich in seine Stimme zu legen. Nach Sirius Tod war ganz allmählich ein Band der Freundschaft zwischen den beiden entstanden. Dünn und leicht zerreißbar zu Anfang, doch in den folgenden Monaten war es immer stärker geworden. Es verband zwei Außenseiter, die außerhalb der Gesellschaft standen und aufgrund dessen, was sie waren, auch immer stehen würden. Beiden schien es Stabilität und Halt zu geben, auch wenn sie vor anderen ihre alten Kämpfe und Sticheleien gerne weiterführten. Ob nun aus alter Gewohnheit, oder um nach außen den Schein zu wahren, war nicht so ganz ersichtlich.
Snape nickte dankbar. "Warten wir auf Albus und Kingsley. Wir haben viel zu bereden."
AN: (Ich freue wirklich mich über jeden, der die Geschichte liest, sie wird am Tag über 50 mal geklickt. Da ist es doch nur fair, auch ein kleines Review da zu lassen, wenigstens, ein einfaches „Ich war hier". Meint ihr nicht?)
