Sommer 1659, London

Wenn es eines gab, dass Carlisle mit seinen achtzehn Jahren wusste, dann dass es sehr viel mehr gab, als er je zu träumen gewagt hatte. Die Welt war wesentlich größer, als sein Vater ihn glauben lassen wollte. Es gab wesentlich mehr zu entdecken und erfahren, als sein Vater es ihm zugestehen wollte.

Bücher. Sie trugen Geschichten aus aller Welt zu ihm. Sie erzählten von den unglaublichsten Dingen, berichteten von Weltansichten, die Carlisle ohne sie niemals kennengelernt hatte.

Und über die er nicht sprechen durfte.

William Cullen würde ohne Zweifel alles tun, um den Teufel aus seinem Sohn auszutreiben, der sich ohne jede Frage in ihm festgesetzt haben musste, denn nur so würde William es erklären können, weshalb sein Sohn diese verbotenen Bücher las.

Längst hatte Carlisle genug von den Büchern, die ihm sein Vater wieder und wieder unter die Nase hielt, die er schon so unzählige male hatte studieren müssen. Bücher von Menschen wie John Stearne, die ebenso wie Carlisles Vater überall Hexen und Dämonen sahen, wo es in Wahrheit keine gab.

Nur zu deutlich erinnerte sich Carlisle an die Hexenjagd vor fünf Jahren. Die Jagd, bei der ihm bewusst geworden war, dass der Mob die Falsche jagte. Ihr Fehler war es gewesen neugierig zu sein, wissbegierig. Eigenschaften, die nicht zu einer Frau gehörten. Eigenschaften, die ihr den Tod brachten. Sie wusste zu viel. Ihr Wissen über Kräuter und deren heilsame Wirkung führten letztlich dazu, dass sie als Hexe verschrien wurde. Nur Hexen konnten solche Zaubertränke brühen, die scheinbar Todgeweihte wieder lebendig machten. Solange es ihr gelang die Menschen mit ihren Tränken zu retten, wurde sie geduldet. Bis der kleine Sohn des Bäckers nach der Gabe ihrer Mixtur starb. Unter Tränen erzählte die Mutter des Kindes, dass die Hexe ihren Sohn vergiftet hätte, und mehr noch, dass die Hexe zudem auch noch das frisch gebackene Brot ungewöhnlich rasch verderben ließ.

Carlisle hatte das verschimmelte Brot gesehen. Und das undichte Dach, aus dem das Regenwasser unablässig in die Backstube tropfte. Feuchtigkeit dampfte durch die Hitze des Ofens vom Boden herauf und sammelte sich in kleinen Tropfen überall an den Wänden.

„Nicht ich war es, die das Brot verderben ließ!", hatte die junge Frau geschrien. „Es war die Feuchtigkeit!" Konnte das sein? Konnte Wasser solch eine Wirkung haben?

Carlisle hielt es inzwischen durchaus für möglich. So wie die Frau hatte auch er in zahlreichen Büchern gelesen, Dinge erfahren, die sein Vater als Hexerei bezeichnete und die von anderen Menschen anscheinend als neue wissenschaftliche Erkenntnisse bezeichnet wurden. Keine Hexerei. Sondern nur Gesetze der Natur.

Doch es war gefährlich darüber zu sprechen. Die junge Frau wurde vom aufgebrachten Mob, angeleitet von William Cullen, gejagt und schließlich getötet. Carlisle war unter ihnen gewesen. Er hatte gesehen, wie das Blut der jungen Frau über die Straße floss, hellrote schmale Bäche, die im Morast versickerten.

Carlisle zweifelte nicht daran, dass es das Böse in dieser Welt gab. Doch sie hatte nicht dazu gehört. Sie war das erste Opfer seines Vaters, bei dem ihm bewusst wurde, dass sie in Wahrheit unschuldig war. Der Ausdruck in ihren Augen war etwas, was er niemals vergessen würde. William Cullen mochte ihr das Leben nehmen können, aber er hatte sie nicht brechen können. Bis zum Schluss glitzerte ihr ungebrochener Lebenswille und die Neugier in ihren Augen.

Jahrhunderte später würde er sich erneut an diese Augen erinnern und sie würden ihn auf immer und ewig in genau dem Augenblick, in dem er sich an sie erinnerte, verändern.

Damals hatte er nichts tun können, um die junge Frau zu retten, doch inzwischen sah er, dass sich das langsam änderte.

Sein Vater wurde alt. Immer häufiger schickte er Carlisle los, um vermeintliche Hexen und Dämonen aufzudecken und zu richten, trotz der Tatsache, dass sein Sohn nicht ein einziges mal erfolgreich zurück kam.

Immer häufiger gab es hitzige Diskussionen in dem kleinen Pfarrhaus zwischen William und seinem Sohn, der sich längst nicht mehr jedesmal vor dem Willen seines Vaters beugte, sondern lieber die Prügel ertrug.

Hätte er noch die Kraft dazu, wäre William Cullen selbst noch häufiger mit dem Mob auf die Jagd gegangen. Doch sein Körper bereitete ihm mehr und mehr Schwierigkeiten. Seine Augen wurden trüb, seine Beine lahm und eine Verletzung, die er sich am rechten Unterschenkel zugezogen hatte, mochte selbst nach Monaten nicht heilen. Er musste seinen Sohn los schicken, auch wenn dieser scheinbar recht unfähig war und zu seinem Ärgernis selbst die offensichtlichsten Anzeichen für Hexerei und Teufelswerk nicht erkannte. Und das wo gerade jetzt der Schutz vor den Dämonen wichtiger denn je war, jetzt nach Oliver Cromwells Tod und dem Scheitern seines Sohnes Richard. Es waren unruhige und unsichere Zeiten, die so leicht von bösen Mächten ausgenutzt werden konnten! Und die neue Regierung mochte das nicht sehen!

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