03 Little Tom, Little Harry
„Mrs. Green?"
„Ja?" Angela drehte sich überrascht um, als sie ihrem Namen hörte. Normaler Weise sprach man sie mit „Dr. Green" an oder intern auch einfach „Angela" aber „Mrs. Green" war ungewöhnlich. Neugierig musterte sie die Fremden vor ihr. Sie waren irgendwie eigenartig und der lange weiße Bart, an dem älteren Mann irritierte sie etwas. Sie musste unweigerlich an Merlin denken. Ein Zauberer aus einem Märchen. Der andere Mann hingegen wirkte irgendwie bedrohend. Alles an ihm war schwarz. Haare, Kleidung, ja selbst die Augen.
„Man hat uns gesagt, wir sollen uns an Sie wenden" sagte der alte Herr mit Bart freundlich.
„Und um was geht es?" fragte Angela.
„Wir suchen diesen Jungen. Hier rechts, der mit den schwarzen Haaren" erklärte Dumbledore und hielt Dr. Green ein Foto hin, wo zwei Jungen und ein Mädchen lachend in die Kamera schauten. Der eine Junge hatte feuerrotes Haar und das Mädchen buschiges braunes Haar. Der Junge rechts hatte schwarzes strubbeliges Haar und ungewöhnlich grüne Augen. Wie hätte Angela diese Augen nicht wieder erkennen können?
„Ja" sagte sie „das ist Little Tom"
„Little Tom?" fragte nun Snape zog eine Augenbraue hoch. Eine Geste, die Angela verunsicherte und dazu verleitete eine weitere Erklärung abzugeben.
„Na ja, wir nennen ihn so. Wir wissen nicht, wie er heißt. Er hatte eine schlimme Gehirnerschütterung, als er hier eingeliefert wurde und sein Gedächtnis ist noch nicht wieder zurück. Wir wissen nicht genau was die Ursache des Gedächtnisverlustes war. Womöglich hatte er nur einen Schock, oder aber…" Angela stockte und musterte die beiden Herren erneut, „Sind Sie verwandt mit ihm?"
„Nein, das nicht. Professor Snape ist ein Lehrer und ich bin Schulleiter von Harrys Schule! Mein Name ist Albus Dumbledore"
„Oh" Angela wunderte sich über die seltsamen Namen. Doch dann fragte sie „Harry? Heißt er so?"
„Ja. Harry Potter!"
„Und wo sind seine Eltern? Ich meine, es kommt mir ungewöhnlich vor, dass sich bei so vielen Aufrufen im Fernsehen und Radio keine Eltern oder andere Erziehungsberechtigte zu den Jungen finden wollen."
„James und Lily Potter verstarben, als Harry ein Jahr alt war."
„Du meine Güte und wer hat sich um den Jungen gekümmert? Oder besser gesagt, nicht gekümmert?" fragte Angela und ihre Stimme wurde vorwurfsvoll, „Er war fast ausgehungert, als er hier eintraf. Er sah nicht so aus, als wenn sich irgendwer um ihn scheren würde."
„Harrys Onkel und Tante haben wohl versagt, den Jungen über die Ferien zu versorgen" erklärte Dumbledore hilfsbereit und immer noch freundlich.
„Was wollten Sie vorhin noch sagen, als Sie von Potters Gedächtnisverlust sprachen?" mischte sich nun wieder Professor Snape ein.
„Sie müssen wissen, der Junge wurde ziemlich übel zugerichtet, aber sein Gehirn hat keine langhältigen Schäden davon getragen. Das Gedächtnis kann also jederzeit zurückkommen, rein theoretisch. Aber es wäre auch möglich, dass sich der Junge nicht erinnern möchte. Es ist ein Art Schutzmechanismus für den Körper, der ausgelöst werden kann, wenn jemanden ein besonders schreckliches Erlebnis hatte. Haben Sie eine Ahnung, was passiert sein könnte?"
Dumbledore und Snape sahen sich an. Harry hatte mehr als ein schreckliches Erlebnis.
„Wie kann man Harrys Gedächtnis wieder zurückholen?" fragte Dumbledore schließlich.
„Am besten er kommt in eine Umgebung, die ihm vertraut ist und in der er sich wohl gefühlt hatte. Positive Impulse können seine Erinnerungen leichter wieder zurückkommen lassen."
„Können wir ihn mitnehmen? Auf unserer Schule haben wir auch eine Krankenstation, falls er ärztliche Betreuung braucht. Und die meiste Zeit hat er sich dort wohl gefühlt."
„Sie müssten Ihre Personalien im Büro abgeben und die Entlassungspapiere von einem Arzt unterschreiben lassen. Dr. Franklins Büro ist einen Stock tiefer, den ersten Gang entlang, dritte Tür rechts. Ich bin noch auf Visite, aber in einer halben Stunde können wir uns in Toms – ähm, Harrys Zimmer treffen. Es ist gleich hier drüben, erste Tür links."
„Vielen Dank!" sagte Dumbledore und begab sich mit Severus wieder zum Stiegenaufgang.
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„Tom? Was hat den Bengel geritten, ausgerechnet diesen Namen zu nehmen?" brummte Severus übellaunig.
„Ich kann nur vermuten, dass Harry sich irgendwie doch an etwas erinnert, aber es nicht richtig zuordnen kann"
„Gedächtnisverlust – Das hat uns gerade noch gefehlt" zischte Severus weiter.
„Ich gebe zu, dass es mich auch nicht sehr begeistert. Aber vielleicht erinnert sich Harry wieder, wenn er in Hogwarts ist."
„Er wird sich erinnern!" sagte Severus nun bestimmt, „Und wenn ich jede Erinnerung einzeln aus ihm herausziehen muss!"
„Severus. Ich glaube kaum, dass Legilimentik in so einem Fall hilft. Du könntest mehr zerstören, als reparieren!"
„hmpf!"
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Nach dem nervigen Papierkram, standen Severus und Dumbledore vor Harrys Zimmer. Keiner der beiden wusste, was sie gleich erwarten würde.
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Ich sitze über einem Zahlenrätsel, das sie Sudoku nennen. Ich habe ganz sicher noch nie so was in der Hand gehabt. Es ist ein ziemlich heimtückisches Rätsel. Zuerst denkst du, es ist leicht und fängst damit an und dann wird es schwieriger und schwieriger, aber du kannst nicht mehr aufhören damit.
Ich rätsle sicher schon eine gute viertel Stunde, ob die Zwei im ersten Block oben rechts, oder im siebten Block ganz unten stehen sollte. Egal wie ich es mache, es spießt sich mit den anderen Zahlen. Wahrscheinlich hab ich schon viel früher einen Fehler eingebaut.
Durch einen plötzlichen Windhauch sehe ich auf. Jemand hat mein Zimmer betreten. Zwei ganz komische Gestalten. Ich frage mich, was sie wollen.
„Hallo Harry!" sagt der Typ, der einen derart langen weißen Bart hat, dass ich davon überzeugt bin, dass er nicht echt war. Jetzt mal ehrlich, wer hat schon so einen langen Bart? Vielleicht kommt er von einem Kostümfest und hat vergessen den Bart abzunehmen. Ich gestehe, es juckt mich in den Fingern an diesem Bart zu ziehen.
Aber Moment mal, er hat ‚Harry' gesagt und nicht ‚Tom'. Der Typ weiß also was!
„Heiße ich so?" Nur mal so, um auf Nummer sicher zu gehen.
„Ja. Dein Name ist Harry Potter!" antwortet der Weißbart, „Ich bin Albus Dumbledore, dein Schulleiter von Hogwarts und das ist Professor Severus Snape, dein Lehrer in Zaubertränke!"
Kostümfest, ganz sicher! Habt ihr das auch gehört? Zaubertränke? Soll das etwa ein Schulfach sein? Aber eines war in diesem Satz beruhigend. Wenn ich Potter heiße und der Typ in schwarz Snape… „Dann ist der also nicht mein Vater?"
Schwarze steinerne Augen durchlöchern mich. Ich glaube, ich mag den Mann nicht sonderlich. Ich weiß nicht, ob ich ihn früher mal gemocht habe, aber seine Art, wie er mich anschaut mag ich ganz sicher nicht!
„Nein!" sagt Dumbledore mit freundlichem Lächeln.
„Habe ich Eltern?" Die Frage brennt nun schon eine Weile in mir. Denn ich kann echt nicht verstehen, warum mich keiner besucht. Okay, jetzt habe ich Besuch, aber warum von Lehren, wo sind denn meine Eltern?
„Deine Eltern sind gestorben, als du noch sehr klein warst!" erklärt Dumbledore.
„Oh!" Du denkst das sind traurige Nachrichten? Ich weiß es nicht, ich kenne meine Eltern nicht und offensichtlich hab ich sie früher auch nicht gekannt. Und ich bin irgendwie froh, dass ich keinen Besuch von ihnen hatte, weil sie schon tot sind, denn anderen Falls hätte es bedeutet, sie wollten mich nicht mehr.
„Und ihr seid hier, weil…?" Warum besuchen mich meine Lehrer? Ich finde das irgendwie schräg. Oder… Vielleicht ist das gar keine Schule, sondern ein Waisenhaus. Die Vorstellung gefällt mir nicht. Das Wort Waisenhaus hinterlässt einen unangenehmen Geschmack. Vor allem wenn man bedenkt, dass ich halb verhungert war. Ich meine ich kann jetzt wieder normal essen, aber… Oh bitte, kein Waisenhaus.
„Weil wir dich mit nehmen wollen. Du hast die letzten fünf Jahre eine Schule besucht, Hogwarts. Schule für Zaubererei und Hexerei."
Zugegen der Witz funktioniert. Meine Mundwinkel schieben sich nach oben. Zauberer und Hexen. Was für eine Schule soll das bitte sein?
„Ich weiß, du glaubst mir nicht, aber du bist ein Zauberer, Harry."
Also, ich gestehe tief in meiner Magengrube, da regt sich was. Ich glaube, das, oder so was ähnliches, hab ich schon mal gehört. Aber das kann doch nicht echt sein. Es gibt keine Zauberer, das weiß jedes Kind. Ich glaube, die beiden sind der psychiatrischen Abteilung entkommen. Zum Glück kommt Angela bald und bis dahin, sollte ich vielleicht besser mitspielen. Wer weiß wozu die noch fähig sind?
„Ein Zauberer" wiederhole ich also.
„Ja" bestätigt Dumbledore.
„Was hab ich denn so drauf?" Würde mich echt interessieren.
„Einiges, mein Junge! Aber hier ist ein denkbar ungünstiger Ort, um darüber zu sprechen"
Na klar sagt er das. Was soll er denn sonst sagen, wenn er seine Geschichte wahr halten will?
„Natürlich!" ich hab ja gesagt, ich gehe aufs Spiel ein.
„Wir sollten dann aufbrechen, Albus. Du weißt, dass jede Minute, in denen Potter ungeschützt ist, gefährlich ist!"
Hab ich schon erwähnt, dass ich den Typ nicht mag? Ich verstehe nicht, warum er glaubt, dass ich in Gefahr wäre. Und… ich gehe ganz sicher nirgendwo hin. Wo bleibt Angela?
„Wir müssen auf Dr. Green warten!"
Ich gebe zu, dieser Satz verwundert mich. Warum warten sie auf Angela, wenn sie abgehauen sind?
Ah, wenn man von der Sonne spricht… Angela!
„Hi Little Tom!" Ich mag ihre warme Stimme. Ich mag ihre braunen gewellten Haare und ihre braunen Augen. Ich kann sie mir gut als Mutter vorstellen! Aber im Moment bin ich verwirrt. Angela macht nicht den Eindruck, als wenn hier etwas falsch wäre. Sie sieht die Fremden mit einem Lächeln an.
„Und? Haben Sie schon gesagt, was Sie vorhaben?" Sie fragt mich das.
„Ich will nicht weg!" Das soll hier allen klar sein! Ich mag Angela. Und die beiden Fremden machen mir Angst.
„Tom, ich meine… Harry. Ich weiß, du hast Angst. Aber es ist jetzt wichtig, dass du dich wieder erinnerst. Und das kannst du am besten, wenn du dort hingehst, wo du auch früher warst!"
Sie sagt auch Harry. Also heiße ich jetzt wirklich so? Tom gefällt mir besser. Vor allem Little Tom. Little Harry klingt doof!
„Sind die denn echt?" Ich hoffe die Frage wirft genug Zweifel auf, um die beiden Typen bloß zu stellen. Denn irgendwas stimmt da ganz und gar nicht.
„Dein Direktor und dein Lehrer. Du gehst auf ein Internat, soweit ich informiert bin!" Also Angela kennt die Geschichte auch. Ich meine, ich hab viel vergessen, aber die Existenz von Zauberer und Hexen kommt mir immer noch unglaubwürdig vor.
„Ich muss gehen, oder?" Ich werde das Gefühl nicht los, dass alles schon in die Wege geleitet wurde.
„Wenn du dich wieder erinnerst, wirst du das hier schnell vergessen haben!" versichert Angela.
Ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, dass ich Angela je vergessen werde. Und ich muss verrückt sein, wenn ich mit diesen beiden Männern losziehe.
„Lebe ich in dieser Schule? Habe ich sonst niemanden? Keine Verwandte?" Ein letzter Versuch.
„Du hast bei deiner Tante und bei deinem Onkel gelebt. Aber ich glaube kaum, dass du dahin zurück möchtest!" erklärt Dumbledore.
Ich habe also Verwandte. Dann haben die wahrscheinlich die Schuld, dass ich halb verhungert war? Die können mich nicht sonderlich mögen, wenn sie so was tun. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum sie mich in ein Internat abgeschoben haben und warum sie mich nie besucht haben. Vielleicht ist es wirklich besser mit den Lehrern mit zugehen.
