Das Öffnen einer Verbindung im Flohnetzwerk verursachte stets ein zischendes Geräusch in den Flammen. Und tatsächlich, als Snape von seinem Schreibtisch in Richtung Kamin blickte, brannte das Feuer bereits grün. Seine Miene verfinsterte sich augenblicklich. Nicht viele Magier besaßen die Frechheit, unangemeldet eine Kaminverbindung in sein Haus zu öffnen.
"Was willst du, Minerva?", blaffte er in Richtung Feuer, ohne Anstalten zu machen, seine Arbeit zu unterbrechen oder gar aufzustehen.
Es verstrichen einige Sekunden, ehe es hallend tönte, "Ich bin nicht Minerva." und sich ein Kopf durch das Feuer schob.
Potter! Nun stand er doch auf.
"Ich hoffe du hast einen guten Grund, dich in meine Privatsphäre zu schleichen, andernfalls trete ich gleich durch diese Flammen und du wirst dein blaues Wunder erleben."
Das Schicksal hatte sie verbunden, Severus hatte sogar begriffen, dass Harry nicht wie James war, aber dennoch war er weit davon entfernt, diese penetrante Nervensäge länger als unbedingt nötig zu ertragen.
Die Flohverbindung war für Notfälle bestimmt, wie das Auffinden eines bis dato untergetauchten Todessers oder einen Anschlag auf die magische Welt, mit denen leider nach wie vor durch Erstgenannte zu rechnen war.
"Es ist wichtig und ich fasse mich kurz. Hermine war vorhin bei mir im Ministerium. Sie hat um deine Adresse gebeten-"
Snape fuhr auf.
"Wage es nicht, mir zu sagen, dass du sie ihr genannt hast!"
Potter zeigte sich davon unbeeindruckt. Eindeutig hatten sie zu viel Zeit gemeinsam verbringen müssen, wenn sich der junge Mann nicht einmal mehr einschüchtern ließ.
"Nein, ich habe sie ihr aufgeschrieben und ich denke, sie wird recht zeitnah bei dir auftauchen."
Severus stöhnte gequält auf, erwiderte aber nichts. So fuhr der jüngere Magier fort, "Es geht ihr nicht gut. Sie sagt, sie will mit dir über den Überfall auf ihre Eltern sprechen."
War das nicht irgendwann zu erwarten gewesen? Mit Sicherheit, dennoch schockierte ihn die Aussicht, die Hexe würde ihn zu damals befragen. Nicht nur für sie, auch für sich selbst, für das, was es in ihm ausgelöst hatte.
"Wirst du mit ihr sprechen?", fragte Potter fast bittend. Er schnaubte verächtlich.
"Sie zu ignorieren, wenn sie klingelt, wird nur dazu führen, dass sie genau das bis in alle Ewigkeit wiederholen wird. Ja, ich werde mit ihr sprechen."
Es vergingen einige Sekunden, ehe der Junge erneut zu einer Frage ansetzte.
"Wirst du es ihr sagen?"
Allein die Suche nach Worten wäre in diesem Fall ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. Was geschehen war, ließ sich kaum beschreiben. Oder doch, natürlich ließ es sich das, aber kaum ihr. Und von ihm. Alles schien demnach für das Schweigen zu sprechen. Aber so absolut wollte er sich nicht festlegen, denn auch Unwissen konnte eine ungeheure Last sein. Gerade für einen Menschen wie sie, die eigentlich alles im Leben hinterfragte, auch jede noch so kleine Kleinigkeit. Wie sollte sie da eine so elementare Lücke in ihren Erinnerungen akzeptieren können?
Abwarten, er würde abwarten und es von ihrer Verfassung und ihren Argumenten abhängig machen.
"Das werde ich nicht jetzt entscheiden."
Er rieb sich mit den Händen in einer müden Geste über das Gesicht.
"Wann wird sie hier sein?"
"Keine Ahnung. Aber so wie ich Hermine kenne, wird sie nicht allzu lange auf sich warten lassen."
Das hatte er schon einmal gedacht.
Vor mittlerweile fast drei Jahren hatte er fest damit gerechnet, dass sie ihn aufsuchen würde, nachdem sie vergessen hatte. Er hatte damit gerechnet, dass sie die Entscheidung in Frage stellen und ein ein Rückgängigmachen fordern würde.
Aber nichts dergleichen war geschehen. Im Gegenteil, ganz offensichtlich hatte sie ihn gemieden. Gelauert hatte er dennoch die ganze Zeit. Nun war es also so weit.
Sie würde hier her kommen.
"In Ordnung Potter, dann verschwinde jetzt."
Der Junge zog den Kopf zurück.
"Und danke für die Warnung.", rief er ihm noch nach. Zurück kam ein "Nicht dafür.", dann wurde die Verbindung unterbrochen.
Sie würde hier her kommen.
Lächerlich, er wurde tatsächlich nervös. Er ging in sein Wohnzimmer und sah sich prüfend um. Gab es etwas, was besser nicht für ihre Augen bestimmt war? Nein, eigentlich nicht. Sein Leben war unverfänglich geworden.
Kaum eineinhalb Stunden nach dem Potter ihn unterrichtet hatte, klopfte es an seiner Tür. Bewusst straffte er die Schultern, dann öffnete er die Tür mit einem Ruck. Der Wind blies laut an diesem Tag und so rief er eher, als das er sprach, "Miss Granger. Ich werde nun nicht vorgeben, überrascht zu sein und fragen, was Sie hier wollen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das einmal sagen muss, aber Potter besitzt offensichtlich mehr Anstand als Sie."
Anstand. Eine fatale Wortwahl in Hinblick auf seinen eigenen. Die Erinnerungen waren lebhaft in ihm, dabei hatte es ihn sehr viel Mühe gekostet, sie zu verdrängen. Monate.
Wenn er ehrlich war, war es ihm nie wirklich gelungen, zumindest annähernd aber erst nach Grangers Abschluss. Besagte wirkte überrascht. Offensichtlich überforderte sie die Situation durch und durch.
"Guten Tag, Professor Snape", stammelte sie fast zu leise für die Wetterbedingungen. Unsicher wirkte sie.
Der starke Wind riss an ihren Haaren, legte den knielangen Rock eng um ihr rechtes Bein, während er auf der linken Seite flatterte wie ein blaues Fähnchen. Als sie sichtbar ihr Gewicht verlagerte, sich gegen die Böen stemmte, trat er beiseite und gab damit die Tür frei. Sie zögerte einzutreten. Gerade als er sie darauf ansprechen wollte, um unverfänglichen Spott bemüht, setzte sie den ersten Schritt in den Flur hinein. Und sprach sogar.
"Ein Leuchtturm, Sir?"
Er verdrehte die Augen. Das war momentan ihr größtes Problem?
"Ja, ein Leuchtturm. Potter hat mir gesagt, er hätte Ihnen meine Adresse genannt. Da muss das Wort mit absoluter Sicherheit erwähnt worden sein."
Sie nickte und sagte unsicher, "Ja, aber ich dachte, es wäre eher eine dieser merkwürdigen Adressbezeichnungen. Irgendwas kryptisches."
"Nein, Miss Granger, es ist einfach was es ist. Der von Muggeln verlassene Leuchtturm auf der Shetlandinsel Muckle Flugga. Einsam, so weit entlegen wie möglich und dennoch an die Versorgungssysteme der Muggel angeschlossen. Ich schätzte elektrisches Licht und auch fließend Wasser, ohne dafür ein jedes Mal den Zauberstab zu schwingen."
Der fast nördlichste Punkt Großbritanniens, weiter hätte er sich von der magischen Gesellschaft nicht entfernen können, ohne das Land zu verlassen. Es war so fern, dass auch die Fanpost merklich reduziert worden war. Eulen flogen nicht so gern über den offenen und hier oft stürmischen Atlantik.
"Wollen Sie über die Wahl meines Wohnortes lamentieren, oder hat Ihr Besuch vielleicht doch einen anderen Hintergrund?"
Sie biss sich auf die Unterlippe, zögerte, ehe sie zu sprechen begann.
"Sir, es geht um meine Erinnerungen. Die, die ich nicht mehr besitze."
Einen Versuch des Appellierens wollte er unternehmen, bevor er sie in das Wohnzimmer bitten würde. Die Wahrheit würde sie aus der Bahn werfen. Er verstand, dass sie es wissen wollte, wusste aber gleichzeitig, dass er ihr die Erinnerungen in Absprache mit Dumbledore aus sehr guten Gründen genommen hatte.
"Ich weiß, nichts ist so verhasst wie ein ungebetener Ratschlag, aber Sie sollten es belassen, wie es ist."
Einen Moment schien sie tatsächlich darüber nachzudenken, doch dann schüttelte sie den Kopf. Es überraschte ihn nicht. Also ein Gespräch, dessen Ende nun offen war. Er würde sich noch immer klar für das Vergessen entscheiden, aber vermutlich galt es nun abzuwägen, wie groß ihr Leidensdruck war. Mit Sicherheit enorm, denn sie hatte sich einer Situation gestellt, die ihr offensichtlich alles andere als angenehm war.
"Dann kommen Sie mit.", sagte er resigniert.
Der Leuchtturm und seine angebaute Wärterunterkunft boten Dank Snapes magischer Fähigkeiten ein behagliches Heim. Wohn- und Schlafzimmer lagen in Richtung Meer und boten durch die große Glasfront einen Ausblick, der unendlich weit erschien. Kamine spendeten behagliche Wärme in allen Räumen. Nichts erinnerte mehr daran, dass sein Haus eigentlich am Fuß des Leuchtturms lag, dass Licht schirmte ein Zauber ab. Kingsley hatte einmal gespottet, dass Severus sich überall ein Anwesen hätte wünschen können, als Entschädigung für seinen Einsatz wäre kaum etwas zu teuer gewesen, aber das hatte er nicht gewollt. Zufrieden war er schon mit Ruhe und einem gut ausgestattetem Labor.
"Setzen Sie sich.", sagte er auf den Sessel nahe beim Kamin deutend. Doch Granger schien es gar nicht wahr zu nehmen, gebannt ging ihr Blick in Richtung Meer, auf dem weiße Schaumkronen tanzten. Ganz still stand sie da und er kam nicht umhin zu befinden, dass sie eine hübsche Frau war. Mit 18 war sie noch eher ein Mädchen gewesen, was für ihn alles noch in einem viel schlimmeren Licht hatte erscheinen lassen.
"Was ist bei dem Überfall passiert? Was ist so schlimm, dass ich es vergessen musste?", fragte sie mit einem Mal völlig unvermittelt. Er setzte sich.
"Ich werde es Ihnen nur erzählen, wenn ich das Gefühl habe, es lässt sich nicht vermeiden. Reine Neugierde ist kein ausreichender Grund.", legte er die Karten offen auf den Tisch.
Hermine drehte sich zu ihm um.
"Es sind meine Erinnerungen, Sie haben nicht das Recht, Sie mir vorzuenthalten."
Ihre Stimme war kühl. Fast verächtlich, was ihn veranlasste, sich nur um so mehr um Ausgeglichenheit zu bemühen. Zumindest nach Außen.
"Woher wollen Sie das wissen?"
"Was?", fauchte sie bebend.
Da wurde ihm eines völlig klar, Granger war nicht nur überfordert. Sie war auch wütend. Und diese Wut richtete sich gegen ihn. Er wagte einen Schuss ins Blaue. Wut wurde schließlich für andere empfunden, wenn man ihnen etwas zur Last legte.
"Was werfen Sie mir vor, Miss Granger?", fragte er nach wie vor sachlich.
"Ich habe Ihnen zuerst eine Frage gestellt!"
Er atmete tief durch.
"Und ich wiederhole nochmals, ich werde Sie nicht leichtfertig belasten. Warum sind Sie hier?Warum wollen Sie es jetzt wissen? Nennen Sie mir einen Grund."
Er konnte erkennen, dass ihr Tränen in die Augen schossen, dann schüttelte sie den Kopf. Severus schwieg einfach. Er würde nicht von seinem Standpunkt abweichen. Nach einer Zeitspanne, die ihm wie Minuten vorkamen, schien sie das zu erkennen.
"Ich träume.", flüsterte sie.
"Sie haben Albträume?"
Einen Moment fürchtete er, nicht gründlich genug gearbeitet zu haben, so dass Erinnerungsfragmente erhalten geblieben waren, die sie nun im Schlaf quälten. Dann wurde ihm bewusst, dass ihr Nicken mit einiger Verzögerung eingesetzt hatte.
"Haben meine Eltern sehr gelitten?", fragte sie in diese Erkenntnis hinein.
Er schüttelte den Kopf.
"Ich war noch nicht da, als es passierte, aber ich denke nicht, nein. Es war niemand dabei, der das Quälen von Muggeln als Lohn für diesen Überfall empfand. Wahrscheinlich ging es sehr schnell."
Sie hatten in der Küche gelegen und ihre Körper hatten keine sichtbaren Verletzungen aufgewiesen. Wäre Belastrix dabei gewesen, hätte es anders aussehen können, aber den beteiligten Todessern war etwas anderes lohnend erschienen.
"Was ist dann mit mir passiert?", fragte sie nun schrill.
"Muss ich mich wiederholen?"
Er konnte erkennen, dass sie zitterte. Und dann griff sie ihn von einer anderen Seite an.
"Welches Interesse haben Sie daran, dass ich mich nicht erinnern kann?"
Er hob überrascht die Augenbrauen, was sie nur noch viel fordernder sagen ließ, "Es ist schon auffallend, dass Sie sich Gedanken darum machen, was andere Menschen ertragen können, sobald Sie in das Ereignis verwickelt sind."
Daher wehte also der Wind.
"Verstehe ich das gerade richtig, Miss Granger? Sie denken, ich hätte mich Ihnen gegenüber in einer Art Verhalten, die es erfordert hat, es Sie vergessen zu lassen?"
Sie schluckte, aber er zollte ihr Respekt dafür, dass sie tatsächlich mit einem Kopfnicken reagierte. Viele hatten nicht den Mut zu ihren Anschuldigungen zu stehen.
Eine Folter vergessen zu lassen wäre Unsinn, im Nachhinein hätte sie sie als Notwendigkeit erkannt. Das wusste sie mit Sicherheit selbst. Was blieb also, was sie ihm wohl möglich vorwerfen konnte? Seine Augen verengten sich.
"Sie trauen mir zu, ich hätte Sie erst lustvoll missbraucht, dann gerettet und Ihnen die Erinnerung genommen, damit Sie mich für den Spaß nicht anklagend ansehen? Sie denken, Dumbledore hätte derartiges mitgetragen?"
Die Erkenntnis traf ihn. Sie traf ihn sehr. Diesmal reagierte sie nicht, doch da sie es auch nicht verneinte, gab sie seinen Schlüssen wohl Recht.
Wut flammte in ihm auf, die alte bekannte Wut, die ihn abfällig sprechen ließ.
"Wäre ich dieser Mensch, dann hätte ich Sie kaum gerettet. Und bitte nehmen Sie eines zur Kenntnis, Sie wurden nicht hinterrücks von Ihren Erinnerungen befreit. Sie haben darum gebeten."