September


Hermine schlug die Augen auf und streckte sich ausgiebig. Auch wenn es genug Nachteile hatte, sich einen Schlafsaal mit vier anderen zu teilen, von denen dann auch noch zwei die größten Tratschtanten der gesamten Schule waren, etwas Gutes hatte dieser Raum für sich und das war ganz definitiv das weiche gemütliche Bett. Nichtsdestotrotz, sie musste aufstehen. Sie spürte einen inneren Tatendrang wie schon lange nicht mehr. Sie erhob sich nicht, um gegen irgendwelche bösen Mächte zu kämpfen, sie tat es, um endlich das zu sein, was sie sein sollte: eine ganz normale Schülerin in ihrem Abschlussjahr. Wie wohl ihr Stundenplan aussehen würde?

Sie setzte sich auf und entdeckte Franklin, der neben ihrem Kopfkissen lag und seelenruhig weiter schlief. Einfach nur herzallerliebst, wie sich da so hingefriemelt hatte. Hermine betrachtete ihr Haustier. Erstaunlich, wie gelenkig diese Frettchen doch waren. Auf dem Rücken liegend hatte es sich eingerollt, quasi einmal um sich selbst gewickelt. Völlig verdreht, aber einfach nur goldig.

„Franklin", flüsterte sie und stupste ihn an. Er reagierte nicht, sondern schlummerte einfach weiter.

„Hey, Kleiner." Hermine rüttelte ihn ein wenig. Nichts. Nun, dann eben nicht.

Sie zog die Vorhänge an Seite und schwang sich aus dem Bett.


Was für ein grauenhafter Morgen! Diese Gryffindorweiber waren doch nicht zum aushalten, allen voran Brown und Patil. Draco fragte sich ernsthaft, ob er Pansy nicht Unrecht getan hatte. Im Gegensatz zu den beiden war ihr Geschnatter ja harmlos und er hatte ganz gut gewusst, wie er sie zum Schweigen bringen konnte.

„Hermine, dein Stinktier grinst komisch", schmatzte Ron.

Oh Merlin. Vielleicht versteckte er sich doch lieber wieder unter dem Kopfkissen von Granger, um sich so vor dem ohrenbetäubenden Gequassel zu schützen, als mit dem Wiesel und dem restlichen Anhang am Frühstückstisch zu sitzen. Nun ja, er stand eher auf der Bank, aber egal. Wenn er sich so ansah, wie die Karottenbirne ihren Speck verschlang, konnte einem ja richtig schlecht werden. Draco schnupperte und steckte seine Nase in die kleine Schüssel mit Müsli, die Miss Oberschlau ihm hingestellt hatte. Das Essen hier am Gryffindortisch war doch wirklich immer wieder ein Trauerspiel der guten Manieren und das war erst die zweite Mahlzeit, die er hier einnahm.

„Hör endlich auf ihn so zu nennen", schimpfte die Dunkelhaarige und das Frettchen warf ihm einen selbstgefälligen Blick zu.

„Granger!"

„Slytherin-Alarm", murmelte Harry und verdrehte gespielt theatralisch die Augen. Ginny verkniff sich ihr Grinsen nur schwer und Dean, der neben ihnen saß, prustete in seinen Kürbissaft.

Wie stillos! Die ganze Bande! Draco schüttelte den Kopf und beobachtete, wie Blaise auf sie zukam.

„Zabini", begrüßte ihn Hermine.

„Was willst du hier?", hakte Ron augenblicklich nach, wurde von dem hochgewachsenen dunkelhäutigen Jungen mit den ebenmäßigen Gesichtszügen allerdings vollkommen ignoriert.

Der Blonde grinste innerlich. Manche Dinge würden sich wohl nie ändern und bevor Blaise Zabini einem Weasley und vor all diesem Exemplar, Beachtung schenken würde, würde die Hölle zufrieren.

„Wir müssen uns mal zusammensetzen."

„Das ist mir bewusst. Schwebt dir schon was vor?", erkundigte sie sich und versuchte dabei betont freundlich zu bleiben. Dass diese Slytherins immer so eine Welle machen mussten.

„Nächste Woche Dienstag nach Zaubertränke."

Hermine nahm ihren Stundenplan, für den sie bis jetzt noch keine Zeit gehabt hatte, ihn anzuschauen und nickte.
„Ja, das geht."

„Gut, dann bis nächste Woche", und mit diesen Worten rauschte Blaise ab.

Mhhhh, überlegte Draco, vielleicht schaffte er es ja irgendwie mit zu dem Treffen zu kommen? Eventuell konnte er seinem Freund ja begreiflich machen, dass er genau vor seiner Nase saß. Einen Versuch wäre es wert, aber erst mal würde er probieren, ob er Granger irgendwie dazu brachte, zu verstehen, was hier los war.

Er kletterte auf Hermines Schoß, um den Plan, den sie in den Händen hielt auch sehen zu können und der Montag gefiel ihm gar nicht. Die Woche konnte nicht gut werden, wenn sie mit den Flaschen aus Hufflepuff in Kräuterkunde begann und direkt danach Alte Runen. Na wunderbar, immerhin war der Nachmittag nicht ganz so dramatisch. Eine Doppelstunde Zauberkunst mit den Ravenclaws sollte auszuhalten sein. Er studierte das Pergament weiter und registrierte erfreut, dass an allen anderen Tagen die Slytherins für mindestens zwei Stunden mit dabei waren. Er würde Pansy zumindest schon mal ins Bein beißen, wenn sich ihm die Gelegenheit dazu bieten sollte.

In diesem Moment kamen die Posteulen in die Große Halle geflogen. Der komische hyperaktive Federball, der ihn schon gestern im Zug genervt hatte, schwirrte aufgeregt um Rons Kopf, obwohl er überhaupt nichts dabei hatte. Währenddessen landete Gizmo elegant und fast lautlos auf Harrys Schulter und übergab dem Schwarzhaarigen die neuste Ausgabe des Tagespropheten. Zur Belohnung bekam der Uhu eine Brotkrumme und flatterte zufrieden davon.

„Verdammt, Pig!", rief der Rotschopf aus und bekam die kleine Eule endlich zu fassen. „Junge, du musst mal ruhiger werden. Immer dieser Aufstand am Morgen."

„Malfoy ist immer noch nicht aufgetaucht", verkündete Harry hinter der aufgeschlagenen Zeitung. „Keine Spur. Niemand weiß, wo er abgeblieben sein könnte."

„Zeig mal her." Hermine legte den Stundenplan weg und streckte die Hand aus. Ihr Freund gab ihr die Zeitung.

Sie strich sie glatt und überflog den Artikel auf der Titelseite. Ein Bild des Blonden war darüber zu sehen. Obwohl das Foto magisch war, rührte sich die Miene des Jungen so gut wie gar nicht und blieb ausdruckslos. Hätte er nicht ab und an mal geblinzelt, hätte man es fast für eine Muggelfotografie halten können. Eine gut antrainierte Maske.

„Ah! Franklin, was soll denn das werden?"
Das Frettchen auf ihrem Schoß hatte sich auf die Hinterbeine aufgerichtet und schlug wie wild mit den freien Pfoten immer und immer wieder auf das Titelbild ein.

„Hör auf damit. Du machst die Zeitung kaputt!"

‚Du blöde Kuh!', fauchte Draco, aber natürlich verstand ihn niemand. ‚Ich dachte, du bist so intelligent! Als würde ich einfach die Zeitung auseinandernehmen wolle. Ich hab ja nichts Besseres zu tun. Das da bin ich! ICH! Hier, genau vor dir!'

„Vielleicht doch gut, dass du ihn nicht Malfoy genannt hast. Den scheint er ja ziemlich blöd zu finden", lachte Ron auf und fing sich dafür einen bitterbösen Blick seitens des Tieres ein.


Das Schicksal schien es wirklich nicht gut mit ihm zu meinen, stellte Draco später am Tag fest. Kräuterkunde war nicht wirklich der Renner gewesen. Es hatte ihn nur erstaunt, dass Lahmarsch Longbottom so viel gewusst hatte. Er hatte ganz schön Punkte abgeräumt und die Hufflepuffs ziemlich alt aussehen lassen. Offenbar hatte die Trantüte doch was auf dem Kasten, wenn man ihn nicht schikanierte. Oh Merlin, waren das alles wirklich seine Gedanken? War es irgendwie ansteckend mit den Gryffindors rumzuhängen?

Aber Kräuterkunde war ja harmlos gewesen gegen Alte Runen. Es sollte ihn nicht wundern, aber Luna Lovegood hatte dieses Fach natürlich auch belegt. Er hatte das schön vermieden. Sein Vater hatte ihm zwar Arithmantik aufgezwungen, weil er der Meinung gewesen war Wahrsagen und Pflege magischer Geschöpfe sei völliger Blödsinn, aber lieber Zahlenkombinationen knacken als irgendwas zu übersetzen, was vermutlich so alt war, dass es eh niemand mehr brauchen konnte. Nichtsdestotrotz, als Mensch sollte er sich jetzt vermutlich in Trelawneys Turmzimmer befinden, wollte er um jeden Preis in Grangers Nähe bleiben. Wer wusste schon, wann sich die Gelegenheit bot, ihr einen Hinweis zu geben und dafür nahm er sogar Loony Lovegood in Kauf.
Professor Babbling war noch nicht da und während sich die beiden Mädchen unterhielten, studierte Draco das aufgeschlagene Wörterbuch. Nein, das brauchte definitiv kein Mensch.

„Dein Frettchen benimmt sich seltsam", bemerkte die blonde Ravenclaw. „Es liest."

Hermine warf ihrem Tier einen kurzen Blick zu. „Ich weiß, Franklin hat auch meinen Stundenplan heute Morgen beim Frühstück studiert und er versteht ganz genau, was man sagt. Er hat Ron schon gebissen, weil er ihn als Stinktier bezeichnet hat."

„Bist du sicher, dass er ein Frettchen ist? Mein Vater hat mir von den Nieselspringern erzählt. Sie sehen genauso aus und lassen sich nur sehr schwer vom gewöhnlichen Frettchen unterscheiden, aber sie verhalten sich anders. Wenn es ein Nieselspringer ist, dann sollte Ron vielleicht zu Madam Pomfrey in die Krankenstation. Ihr Speichel kann die seltsamsten Erkrankungen hervorrufen. Eine Hexe in Herefordshire hat das nicht ernst genommen und nach zwei Wochen hat sie deshalb einen Dauerschluckauf bekommen, der für den Rest ihres Lebens nicht mehr verschwand."

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass er ein Frettchen ist", wehrte Hermine ab.

Franklin, der zugehört hatte, warf Luna einen ungläubigen Blick zu. Nein, er war kein verdammtes Frettchen, er war Draco Malfoy, aber ganz bestimmt nicht war er eines dieser komischen Wesen, die dem verdrehten Gehirn dieser Irren entsprangen.

Immerhin war Zauberkunst ganz in Ordnung, aber er blieb bei seiner Meinung vom Frühstück, der Montag würde auf keinen Fall zu seinem Lieblingstag werden.


Sehr viel mehr freute er sich dagegen am Dienstag auf Zaubertränke. Sein Lieblingsfach, sein Lieblingslehrer, da konnte ja nicht viel schief gehen.
Wie sehr er sich doch täuschen sollte.

„Bei Merlins stinkenden Socken, Hermine." Ron ließ seine Tasche geräuschvoll auf das Pult fallen und setzte sich neben seine Freundin. „Dass du dieses Vieh wirklich in jeden Unterricht mitschleppst."

„Ich hab heute Morgen versucht ihn im Turm zu lassen, aber er hat sich in meine Tasche geschlichen und jetzt sei nicht so. Anscheinend ist er lernbegieriger als du."

„Würdet ihr beiden vielleicht einmal aufhören euch wegen dem weißen Fellknäul zu streiten?", ging Harry dazwischen und holte sein Zaubertrankbuch hervor. „Er stört doch nun wirklich niemanden und ich bin immer noch der Überzeugung, wenn du nicht immer so gemein zu dem kleinen Kerl wärst, dann würde er dich gar nicht so angehen. Also ehrlich mal Ron, du streitest dich mit einem Frettchen."

„Es könnte nach Luna auch ein Nieselspringer sein, vergiss das nicht und dann könnte ich an einem Dauerschluckauf sterben."

Theatralisch schlug er sich den Handrücken gegen die Stirn und tat so, als würde er ohnmächtig werden. Harry und Hermine konnte nicht anders, als loszulachen. Währenddessen steckte Franklin den Kopf aus der Schultasche der jungen Hexe und schnupperte.

Schlagartig verstummte das Lachen der drei Freunde und auch das Tier zuckte kurz zusammen, als die Kerkertür laut zufiel und Severus Snape, augenscheinlich noch übellauniger als sonst mit wehendem schwarzen Umhang herein gerauscht kam und nach vorne zur Tafel schritt.

Zugegeben, sein Patenonkel hatte wirklich etwas von einer Fledermaus, stellte Draco fest, kletterte vollends aus der Tasche und plumpste in Hermines Schoß.
In genau diesem Moment drehte sich der Lehrer um und musterte die Klasse über seine Hackennase hinweg.

„So, Sie sind also zurückgekommen, um Ihre UTZs in Zaubertränke abzuschließen. Ich habe hohe Erwartungen an Sie und auch an diejenigen, die dank Professor Slughorn lediglich mit einem Erwartungen übertroffen in diesen Kurs gekommen sind. Ich verlange konzentriertes Arbeiten von jedem von Ihnen und werde keine Schlampereien dulden, da diese bei den Tränken, die ich Sie lehren werde, tödliche Folgen haben können. Ich bin nicht hier, um Sie nur im Giftmischen zu unterrichten, noch dazu wenn es kein Gift werden soll. Seite hundertdreiundzwanzig!", bellte er.

Ein Rascheln erfüllte den Raum, als die Schüler ihre Bücher aufschlugen. Franklin warf einen Blick auf die offenliegende Seite. Der Trank für künstliches Koma. Schwieriges Gebräu. Etwa gleichzusetzen mit dem Trank der lebenden Toten.

„Wer kann mir die Wirkungsweise dieses Tranks erklären?", fragte Snape und Hermines Hand schoss in die Höhe. Draco rollte mit den Augen. War ja klar gewesen. Genauso klar war allerdings auch, dass Snape sie ignorierte.

„Potter!", schnappte der Lehrer. „Sie haben doch bei Professor Slughorn so ausgezeichnete Ergebnisse erzielt. Welche Wirkung hat der Trank?"
Ein hämisches Lächeln kräuselte seine Lippen, als Harry ziemlich verloren dreinblickte und die aufgeschlagene Zutatenliste absuchte. Ohne die Tipps des Halbblutprinzen schien das Talent verschwunden zu sein.

„Nun Mr. Potter, wie ich bereits in Ihrer ersten Stunde bei mir anmerkte, Ruhm ist nicht alles. Zehn Punkte Abzug für Gryffindor."

Die Slytherins kicherten. Draco blickte an Hermine vorbei. Natürlich, Pansy und Daphne. Blaise verzog keine Miene und Nott hob lediglich gelangweilt die Augenbraue.

„Mr. Zabini, vielleicht können Sie uns die Antwort geben?"

Die dunkelhaarige Gryffindor ließ den Arm wieder sinken, als Blaise sachlich erklärte: „Der Trank für künstliches Koma ist in der Heilung unentbehrlich. Heiler setzten ihn ein, um Patienten ruhigzustellen, die komplizierten und durchaus schmerzvollen Prozessen zur Genesung unterzogen werden müssen. Eine Überdosierung oder ein Fehler bei der Zubereitung kann leicht zum Tod führen."

„Sehr richtig. Zehn Punkte für Slytherin."

„Immer dasselbe hier", brummelte Ron leise.

„Sie haben eine Dreiviertelstunde. Beginnen Sie jetzt!", wies der Professor an und ein leichter Geräuschpegel schwoll an, als Feuer entzündet, Geräte sortiert und Zutaten verarbeitet wurden.

Hermine arbeitete konzentriert. Sie wollte die Punkte wieder rausholen, die Harry verloren hatte und als sie einen Blick in Rons Kessel warf, ahnte sie nichts Gutes. Der Trank sollte in diesem Stadium hellgelb leuchten, das Gebräu ihres Freundes war eher bräunlich und auch Harrys Trank war nicht ganz so, wie er sein sollte. Aber der leichte Grünstich sah nicht so schlimm aus, wie das Braun, das jetzt auch noch anfing zu blubbern.

Bei Salazar, was stellte das Wiesel denn da an? Der Wurmwurz gehörte zerrieben und nicht zerschnitten! Ah, wie konnte man nur so wenig Ahnung haben und nicht mal einer simplen Anleitung folgen? Draco blutete schon fast das Herz. Dieser Trank war nicht mehr zu retten. Da half es auch nichts, dass Granger ihm zuzischte, dass er gegen den Uhrzeigersinn rühren musste und nicht mit.

„Was ist hier los?"

Erschrocken fuhren das Trio und das Frettchen zusammen. Snape stand hinter ihnen und seine Mundwinkel verzogen sich gar nicht erfreut nach unten, als er in die Kessel blickte.

„Weasley, was ist das, was Sie da zusammenbrauen? Eine absolute Verschwendung von Zutaten! Mit diesem Gift könnten Sie halb Hogwarts töten und Potter, sehen Sie zu, dass dieser Grünstich verschwindet! Zehn Punkte Abzug für jeden von Ihnen für dieses völlige Versagen und Miss Granger" Er nickte kurz, an ihrem Trank gab es nichts auszusetzen, doch dann bemerkte er das Tier, dass auf ihren Beinen hockte und ihn mit sturmgrauen Knopfaugen musterte.

„WAS IST DAS?", donnerte der Professor los. „Keine Tiere in meinem Klassenzimmer! Auf der Stelle raus damit!"

„Aber Professor, er ist einfach in meine Tasche…", versuchte die Hexe zu erklären.

„Ich sagte raus mit dem Vieh oder ich ziehe Ihnen Punkte ab, dass Ihnen die Ohren klingeln! Tiere haben hier nichts, absolut gar nichts verloren!"

Das war doch zum verrückt werden! Sein eigener Patenonkel erkannte ihn nicht. Draco hüpfte aufgeregt hin und her und quietschte.
‚Onkel Sev! Onkel Sev, ich bin es doch! Draco! Ich bin es!'

„Raus! SOFORT! Dieses Chaos werde ich hier nicht dulden! Raus oder es gibt heute Abend Frettchenragout!"

Oh verdammt! Draco kannte die Abneigung von Snape gegen jegliche Art von Tieren, Eulen einmal ausgenommen. Aber er war doch sein Pate, er musste ihn doch erkennen! Aber er tat es nicht. Stattdessen war er schon drauf und dran den Zauberstab auf ihn zu richten. Das war der Moment, in dem der verwandelte Slytherin beschloss, dass es wohl besser war die Flucht zu ergreifen. Ein Frettchen zu sein war schon nicht lustig, als Ragout zu enden erschien ihm noch unerstrebenswerter.

Kaum flitzte er aus der Tür, als der Inhalt von Rons Kessel über den Rand quoll und anfing zu rauchen.


Es war doch zum Verzweifeln. Er wusste nicht, wie er Granger klar machen sollte, wer er war und Severus erkannte ihn auch nicht.
Draco huschte durch die Gänge. Irgendetwas musste er tun, nur was?

Er blieb stehen. Er war vor der Bibliothek angelangt. Ob es vielleicht einen Weg gab, wie Verwandelte sich selbst irgendwie helfen konnten? Wenn ja, würde er die Antwort wohl irgendwo in den Regalen finden und so wuselte er also hinein und machte sich auf in die Abteilung, wo die Verwandlungsbücher standen.
Nach einer schier ewig andauernden Suche war Draco schließlich der Meinung ein Buch entdeckt zu haben, dass ihm vielleicht nützlich sein konnte. Menschliche Verwandlung und ihre Charakteristika - Vom Animagus bis zum Zufall. Aber wie dort herankommen, wenn man nur fünfzig Zentimeter groß war und davon ein ganzer Teil auf einen buschigen Schwanz entfiel?

Er kletterte über einen Stuhl auf einen nahestehenden Tisch. So kam er zumindest schon mal an das Regalbrett, aber wie das Buch herausbekommen? Erfolglos versuchte er es mit den Vorderpfoten zu packen, aber das funktionierte nicht. Es war doch echt blöd, wenn man keine Daumen hatte. Trotzdem zog und zerrte er so gut es ging an dem Buchrücken, mit dem einzigen Ergebnis, dass der Ledereinband ein paar Kratzer erhielt.

Er fiel fast vom Tisch, als ein wütender, spitzer Schrei ausgestoßen wurde. Aufgeregt wirbelte er herum und sah sich der höchst unerfreuten Madam Pince gegenüber.

„Meine Bücher! Du beschädigst meine Bücher! Raus aus der Bibliothek! Tiere haben hier nichts verloren! Raus!"

Und zum zweiten Mal an diesem Tag ergriff Draco die Flucht. Vermutlich hatte die garstige alte Bibliothekarin die Bücher mit einem Alarmzauber belegt, der sich meldete, wenn jemand nicht pfleglich mit ihnen umging.

Schlitternd rutschte er auf den Flur, bekam noch einen äußerst bösen Blick von Pince zugeworfen und dann knallte sie die Tür zur Bücherei zu.

Oh Merlin, was für ein Tag! Schlimmer konnte es ja wohl nicht mehr kommen, aber auch da irrte sich Draco und diesen Fehler erkannte er, kaum dass er sich umgewandt hatte, um zu verschwinden. Da war sie ja, das Miststück vom Dienst. Pansy! Sie lehnte an der Fensterbank nicht weit von ihm und blätterte in einem Buch. Wut kochte ihn ihm hoch. Gestern hatte er sich geschworen, er würde ihr ins Bein beißen, sollte sich die Gelegenheit dazu ergeben und die war genau jetzt gekommen. Er stieß ein knurrendes Geräusch aus und lief auf die schwarzhaarige Slytherin zu. Fauchend sprang er an ihren Unterschenkel und fügte ihr einige Kratzer mit seinen Krallen zu. Pansy jaulte auf.

„Mistvieh!", schimpfte sie und trat nach ihm. Draco wich ihrem Fuß aus und fauchte sie erneut hasserfüllt an. Sie wusste ganz genau, wer er war und sagte kein Wort! Sie würde ihm das alles hier so was von büßen! Das würde er ihr heimzahlen!

„Hau endlich ab!", keifte Pansy und holte mit ihrer Schultasche aus.

„Parkinson!", rief jemand und Draco, der seine Ex immer noch nicht aus den Augen ließ, hörte schnelle Schritte auf sich zukommen.

„Parkinson, lass das Tier in Ruhe!"

„Es hat mich angegriffen!", verteidigte sie sich.

„Ach ja? Für mich sieht das eher aus, als würdest du es mit deiner Tasche erschlagen wollen. Los, geh in die Bibliothek oder in den Gemeinschaftsraum oder von mir aus auch in die Große Halle, sonst zieh ich dir Punkte ab!"

Noch einen kurzen Moment zögerte sie, packte dann aber ihre Sachen und verschwand. Draco blickte ihr nach, bis sie um eine Ecke verschwunden war, erst dann wandte er sich seiner unverhofften Unterstützung zu.

Das Mädchen mit dem Vertrauensschülerabzeichen war den Farben nach zu urteilen ebenfalls eine Slytherin. Sie war in die Hocke gegangen und streckte lächeln die Hand nach ihm aus. Sie hatte große hellbraune Augen und lange, glatte, dunkelbraune Haare, die sie momentan zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Astoria Greengrass.

„Du bist doch das Haustier von Hermine Granger", stellte sie fest. „Was streunerst du denn hier rum? Wo ist dein Frauchen?"

War doch egal, wo Granger war. Draco schnupperte und wollte ein paar Schritte auf Astoria zu machen, stolperte dabei aber über seine eigenen Pfoten und fiel seitlich um. Das Mädchen lachte leise auf, beugte sich noch ein wenig vor und streichelte ihn. Der Blonde rollte sich auf den Rücken und ließ sich den Bauch kraulen. Das war so ziemlich das Beste, was ihm je passiert war. Das war super, stellte er fest.

Astoria schmunzelte. Ein seltsames Tier und es am Bauch zu kraulen schien einen ähnlichen Effekt zu haben, wie die Ganzkörperklammer. Vollkommen regungslos lag das Frettchen vor ihr und ließ sich streicheln. Vorsichtig hob sie es schließlich hoch und nahm es auf den Arm. Es ließ ein wohliges Brummen hören.

„So, wo finde ich jetzt Granger? Wenn du abgehauen bist, dann vermisst sie dich bestimmt schon."

Nein. Nein, war nicht nötig, dass sie ihn zurückbrachte. Er hatte jetzt schon die Nase voll von dem Gryffindorpack. Er wollte genau hier bleiben, bei ihr. Oh Merlin, dass es ihn jemals so erwischen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Malfoys verliebten sich nämlich normalerweise nicht, aber die Greengrasses waren in den Ferien ein paar Mal auf dem Manor zum Essen geladen gewesen. Geschäftliche Abwicklungen zwischen ihren Vätern. Draco hatte die Augen verdreht, aber Mr. Greengrass war nach dem Krieg einer der Wenigen, der bereit war mit Lucius zu arbeiten.

Daphnes hohles Gelaber kannte er schon zu genüge. Er wusste, warum sie und Pansy sich so gut verstanden. Astoria hatte er in der Schule keine Beachtung geschenkt. Er hatte befürchtet, sie sei genauso ein gackerndes Huhn, aber er hatte sich geirrt. Sehr sogar. Bei diesen Treffen hatte er sich stundenlang angeregt mit ihr unterhalten können. Als er danach wieder Pansys Stumpfsinn ausgeliefert gewesen war... Er hatte es einfach nicht mehr ertragen.
Die Frau mochte ja die besten Blowjobs der ganzen Schule geben und er musste es wohl wissen, aber für viel mehr war ihr Mundwerk auch nicht zu gebrauchen. Astoria war so ganz anders. Hübsch und intelligent noch dazu. Sie war perfekt.

Glückseelig wie er war, achtete er gar nicht darauf, dass die Dunkelhaarige mit ihm runter in die Große Halle ging. Die Abendessenzeit hatte begonnen.

„Ihm wird schon nichts passiert sein", redete Ginny auf Hermine ein.

„Snape hat ihm angedroht Ragout aus ihm zu machen. Ich wäre an Franklins Stelle auch weggelaufen, aber das Schloss ist so groß. Wer weiß, wo er abgeblieben ist?", sorgte sie sich.

„Da ist er doch", meinte Harry und deutete auf ein Mädchen aus Slytherin, das zielstrebig auf sie zukam und etwas weißes, flauschiges im Arm hatte.

„Dein Haustier, Granger. Du solltest besser auf den Kleinen aufpassen", sagte sie und reichte Hermine das Frettchen, das etwas widerwillig schien.

„Danke", strahlte die Gryffindor. Die Andere zuckte lediglich mit den Schultern und drehte sich ohne ein weiteres Wort um.

„Wer war das?", wollte Ron wissen, während er sich Rührei in den Mund schob.

„Astoria Greengrass. Daphnes kleine Schwester", erklärte Ginny.

Hermine hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie war viel zu froh, dass Franklin wieder aufgetaucht war und unversehrt schien. Allerdings fand sie, dass er sich ein wenig seltsam benahm, so als wäre er mit seinen Gedanken ganz wo anders.


Später am Abend im Gemeinschaftsraum im Gryffindorturm.
Ginny versuchte vergeblich Hermine zum hundertsten Mal Zauberschach beizubringen. Franklin saß wieder auf ihrem Schoß und schlug die Pfoten über dem Kopf zusammen. Wie konnte man so intelligent sein und kein Schach spielen können?

Ron hatte sich auf dem Sofa breit gemacht und gähnte genüsslich.
„Ach ja", gab der Rothaarige von sich und streckte die Beine aus. „Dieses Jahr wird doch eine ziemlich entspannte Sache."

„Entspannt?" Harrys Augenbraun rutschten in Richtung Haaransatz, als er aus seinen Büchern auftauchte. „Was hast du geraucht? Das hätte ich auch gerne. Snapes Aufsatz macht mich fertig. Wie kannst du das entspannt nennen?"

„Die Fledermaus mein ich doch gar nicht. Aber sein Schlangennest dürfte ruhig sein. Ich mein, Zabini sonnt sich im Glanze seines neuen Amtes, die Gorillas sind ohne Malfoy plötzlich ziemlich still und Malfoy selbst? Leute, der Typ ist nicht hier um uns das Leben schwer zu machen. Von mir aus braucht er nicht mehr auftauchen."

„Ronald, also ehrlich!", ging Hermine ihn an, während Franklin seine Augen zu Schlitzen verengte und ihn missfallend fixierte.

„Was ist denn? Vermisst du es etwa, wie er dich als Schlammblut bezeichnet?"

„Natürlich nicht, aber wer weiß, was da passiert ist? Wenn die Gerüchte doch einen Funken Wahrheit enthalten? Stell dir das doch nur mal vor."

„Ach Quatsch! Malfoy von durchgeknallten Immernoch-Todessern entführt. Ich bitte dich, der hat sich abgesetzt und sitzt jetzt in Miami am Strand oder so."

„Ich kann Malfoy auch nicht sonderlich gut leiden und das schon seit unserer ersten Begegnung. Aber ich glaube nicht, dass er ohne irgendwas zu sagen einfach so abhauen würde. Er würde seiner Mutter so etwas nicht antun. Malfoy hin oder her, aber ich denke, dass es da durchaus einen gewissen Familienzusammenhalt gibt", kam es nachdenklich von Harry und Ginny nickte zustimmend.

„Was habt ihr eigentlich alle? Warum macht sich jeder Sorgen um den Kerl? Ja okay, dass seine Eltern das nicht lustig finden ist klar, aber was schert das uns?"

„Es schert uns etwas, weil sich das Menschlichkeit nennt, Ronald", tadelte ihn seine Freundin.

„Oh ja, ich vergaß. Es war ja auch so menschlich von ihm uns zu beschimpfen und zu drangsalieren. Aua! Verdammt, halt dein Killervieh gefälligst zurück! Was hat das denn immer?"

Das Frettchen war von Hermines Knien gesprungen und hatte dem Rotschopf wütend in die Wade gezwickt.

„In diesem Fall hat Franklin vollkommen Recht. Du bist manchmal wirklich so ein Arsch. Ja, Malfoy hat uns geärgert und fertig gemacht. Aber er hat uns auch das Leben gerettet im Manor, verdammte Hippogreifenkacke. Aber du bist echt sowas von verbohrt, das nicht zu sehen."

„Und wie oft haben wir seinen verdammten Arsch gerettet?"

„Willst du jetzt wirklich anfangen eine Liste zuführen, wer wem wie oft das Leben gerettet hat? Ronald das ist peinlich. Sogar für dich."

„Hermine, komm schon. Jetzt lass uns nicht wegen dem Vollidioten streiten."

„Wir streiten nicht wegen Malfoy. Sondern weil du total unsensibel bist."

„Ach, bin ich das? Dann hat sich deine Meinung darüber seit den Ferien aber schnell geändert."

Ginny schlug die Hand vor den Mund, Harry tauchte wieder ab zwischen die Zaubertrankbücher und sogar das weiße Tierchen, das vor dem Sofa hockte blickte ungläubig. Granger und Weasley hatten… Bei allen explodierenden Kesseln, diese Vorstellung war ja abartig!

Wenige Herzschläge lang starrte die Hexe mit den dunklen Locken ihren Freund nur fassungslos an, dann stand sie auf, nahm ihr Haustier und dampfte, ohne ein weiteres Wort zu verlieren ab in Richtung Mädchenschlafsäle.

„Also Bruderherz, bei aller Liebe, aber der Spruch war ja jetzt so unnötig", bemerkte Ginny schließlich, was ihr allerdings nur ein beleidigtes Grummeln von Ron einbrachte.


Hermine ließ sich auf ihr Bett fallen, zog die Vorhänge zu, belegte wie schon am letzten Abend die Umgebung mit dem Stillezauber und vergrub das Gesicht im Kissen.

Draco saß hilflos daneben. Dass Weaslebee kein Benehmen hatte, wusste er ja schon, aber dass er sich seiner eigenen Freundin, die er doch angeblich liebte, so etwas an den Kopf warf, nein, das war unmöglich! Allein die Vorstellung Astoria so etwas entgegenzuwerfen war einfach absurd, dabei war er nicht mal mit ihr zusammen.

Ein Schluchzen schlich sich aus dem Kissen und vorsichtig näherte sich das Tier dem Kopfende des Bettes, schnupperte unsicher. Als die junge Hexe ihm das Gesicht zuwandte und sich ein paar widerspenstige Locken hinter das Ohr strich, sah er, dass ihr immer noch ein paar Tränen über die Wangen liefen.
Granger hin oder her, aber das hatte sie nicht verdient! Wenn das Wiesel auf ihm rumhackte, bitte schön, aber Draco wusste, dass er bisher kaum einem selbstloseren Menschen begegnet war als dieser nervtötenden Besserwisserin. Das musste er sich eingestehen.
Vorsichtig kam er noch ein Stückchen näher und ließ sich von ihr streicheln.

„Warum sind Männer manchmal solche Vollidioten?", murmelte sie.

Nun, vermutlich lag das nicht an den Männern, sondern an der Natur des Menschen. Jeder war wohl irgendwie irgendwann in seinem Leben mal ein Arschloch, aber es tat ihm so leid, sie so traurig zu sehen. Wenn er wieder ein Mensch war, würde er Weasley gehörig was erzählen. So ein respektloses Verhalten!


So, so, so... Ich hoffe, die Enttäuschung, dass ich hier nicht vor habe, Draco und Hermine als Paar enden zu lassen ist nicht zu groß. Ich muss gestehen, anfangs habe ich kurzzeitig mit der Idee gespielt, aber mal ehrlich? Wer verknallt sich in ein Frettchen? Bei aller Liebe, und ich liebe Dramione, das ist vielleicht doch etwas weit hergeholt.