Eine Weile vergaß sie Toms Merkwürdigkeit, denn sie musste sich auf die Tanzschritte konzentrieren, was ihr nicht so leicht fiel und außerdem war da immer noch die Seite in ihr, die ziemlich hemmungslos in Tom Riddle verliebt war.
Mit der Zeit leerte sich die Tanzfläche. Torronia sah einige Pärchen Hand in Hand verschwinden, sogar ihre Zimmergenossin Agatha. Nun, davon hatte sie sich sowieso schon verabschiedet, Tom würde nicht mit ihr allein sein wollen. Überhaupt hatte sie sich selten so wohl und gleichzeitig auch so unwohl in ihrer Haut gefühlt. Als die Musik diesmal aufhörte zu spielen, ließ sie einfach seine Hand los und sah ihn an.
„Was ist?", fragte er leise.
„Ich möchte nicht mehr", antwortete sie ehrlich.
Tom sah sie prüfend an.
„Sollte ich mit dir in den Rosengarten gehen? So wie die anderen auch?"
Die Frage schien er nicht einmal ihr selber gestellt zu haben, es klang mehr als spräche er zu sich selber.
„Ich möchte das nicht", sagte sie, mit allem Hochmut, den sie zur Verfügung hatte.
Sie hatte schon verstanden, dass er das nicht wollte, vielen Dank auch. Das beste wäre es, sich jetzt anstandslos zu Trennen und ins Bett zu gehen. Dann konnte niemand darüber lästern, dass ihr Date ein Fiasko gewesen war und Tom hätte ebenfalls das gehabt was er wollte: Eine Partnerin zum tanzen. Und mehr nicht.
„Komm mit", sagte er dann ganz abrupt und zog sie augenblicklich hinter sich her.
„Hast du mir nicht zugehört? Ich muss das nicht haben."
Er lachte als Antwort.
„Aber vielleicht muss ich das."
Torronia schwieg verstockt und ließ sich von ihm durch die Gänge leiten. Sie hatte keine Ahnung, wo er hinwollte, warum folgte sie ihm überhaupt? Er war grob und überhaupt nicht freundlich, wenn auch nicht unfreundlich. Aber ihm fehlte einfach eine Art von Gefühl, die Torronia dennoch hatte. Was es war, konnte sie nicht sagen.
Sie blieb stehen und löste seine Hand sachte von ihrem Arm.
„Ich möchte nirgendwo hin. Ich möchte in mein Bett."
„Möchtest du nicht. Du und deine Mädels, ihr sprecht doch von nichts anderem als dem hier", dabei machte er eine seltsame Geste, die seine Umgebung mit einschloss. „Wie es eben ist, wenn ihr mit einem Jungen alleine seid."
Torronia schluckte. Wer hatte ihm das gesagt? Tatsächlich gab es, seitdem der Ball angekündigt war, kein anderes Thema mehr im Slytherinkerker, doch sie hatte nicht erwartet, dass Tom so genau informiert war, weil er doch sonst immer so merkwürdig abwesend war.
Abrupt ergriff er ihre Hand.
„Tom, du tust mir weh", rief sie erschrocken und versuchte ihre Hand aus seinem eisernen Griff zu befreien, vergebens.
„Du meinst, du willst das wirklich nicht?", fragte er erneut.
Torronia nickte hastig und er löste auch endlich seinen Griff. Verärgert rieb sie sich das Handgelenk.
Tom jedoch lächelte.
„Bravo."
„Was?"
„Ich habe dir Applaus gezollt. Ich mag solche Mädchen nicht."
„Und das musst du mir auf diese Art sagen?", grollte sie.
Nun war Torronia ernstlich böse auf ihn. Wenn er wissen wollte, was für ein Mädchen sie war, warum fragte er nicht, wie jeder normale Mensch auch?
„Das hat wehgetan, Tom", sagte sie leise und strich sich noch einmal über das Handgelenk.
„Unsinn", machte er, doch tatsächlich wich er ihrem Blick nun aus.
Torronia reichte es jedoch vollends.
„Wenn du das nächste mal wissen willst, wie ich bin, dann schau mich gefälligst an, statt mir wehzutun. Mach den Mund auf und frag", tobte sie und stampfte mit dem Fuß auf, eine alberne Angewohnheit, die sie nicht immer unter Kontrolle hatte.
Tom lächelte mit schmalen Lippen.
„Mach dich nicht lächerlich. Gerade eben noch, habe ich gedacht, du wärst vernünftiger, aber das jetzt", er machte ein abfälliges Geräusch, „das klingt wie ein Kind, dass seinen Lutscher nicht bekommen hat."
„Ist es meine Schuld, dass du dich nicht wie jeder andere Junge benehmen kannst?"
„Wirklich, ich glaube ich verschwende meine Zeit. Dann Frag das nächste mal auch einen anderen Jungen."
„Ich gehe ins Bett", schnaubte sie.
Augenblicklich wandte sich Tom zum gehen, jedoch nicht ohne ein süffisantes Lächeln.
„Gute Nacht, Liebste."
..::~::..
Als Torronia am nächsten Morgen erwachte, hätte sie sich am liebsten geohrfeigt. Wieso hatte sie sich nur so dämlich benommen? Sie hatte über seine Freunde geschimpft, einen Kuss verschmäht und ihn angeschrien. Ja, jetzt musste Tom Riddle wahrhaftig in sie verliebt sein. Was war nur in sie gefahren? Ein bisschen küssen war überhaupt nichts schlimmes, warum hatte sie sich dann gewehrt? Warum, warum warum? Tom konnte unsagbar gemein sein, wenn er wollte, das hatte er eindrucksvoll demonstriert. Doch ihr Herz klopfte immer noch wie verrückt, wenn sie an ihn dachte. Wie konnte das sein? Für jeden anderen Kerl wäre es das letzte Date mit ihr gewesen, so viel war sicher. Doch nein, Tom Riddle durfte sie so behandeln, egal was ihr Verstand ihr diktierte. Sie ärgerte sich. Über sich selbst.
Am liebsten hätte sie sich das Kissen über den Kopf gezogen und wäre den ganzen Tag nicht mehr hervor gekommen, doch natürlich waren ihre Zimmergenossinnen bereits wach und begierig darauf, alles über ihr Date zu erfahren.
Agatha kroch schon seit zehn Minuten um ihr Himmelbett herum, in der Hoffnung, dass Torronia endlich aufstand.
„Ich werde dir gar nichts sagen, also hau ab", brummte Torronia unter ihrem Kissen hervor.
„Du warst mit ihm allein, Tamara hat dich gesehen", fuhr Agatha fort, als habe sie nicht zugehört.
„Ja, habe ich", rief Tamara aus der hintersten Ecke.
„Und?", erwiderte Torronia und presste sich das Kissen aufs Gesicht.
So konnte niemand sehen, ob sie rot wurde.
„Das wollen wir doch von dir wissen", schimpfte Agatha.
„Da gibt es gar nichts zu wissen, es ist das selbe passiert, wie bei anderen auch."
Nun, das war nicht gelogen, sicherlich war auch bei anderen Pärchen rein gar nichts geschehen. Nur, um nicht weiter auf Gedeih und Verderb Agathas Fragen ausgeliefert zu sein, zog sich Torronia schließlich missmutig an und verschwand aus dem Schlafsaal.
Im Kerker war es angenehm kühl und niemand schien da zu sein. Na ja, fast niemand. In einem der grünen Ledersessel saß Tom Riddle, er hatte die Beine übereinander gelegt und starrte sie regelrecht an.
„Guten Morgen", sagte sie zaghaft.
„Guten Morgen", erwiderte er.
Dann schwiegen beide.
Torronia wusste gar nicht recht, wo sie auch nur hinsehen sollte, so starrte sie krampfhaft den Teppich unter ihren Füßen an und hoffte, sie würde einfach vom Erdboden verschluckt. Den Gefallen tat ihr jedoch niemand. Als sie den Blick wieder hob lächelte er jedoch. War das ein echtes Lächeln?
„Das braucht dir nicht unangenehm sein",
„Ist es mir aber", antwortete sie ehrlich.
Tom stand auf.
„Braucht es nicht. Ich habe dir doch gesagt, dass ich froh bin, dass du nicht so bist. Was du zuletzt gesagt hast, habe ich gar nicht gehört. In Ordnung?"
Torronia nickte, dennoch machte er sie wütend. Sie hatte sich falsch verhalten? Er war grob geworden, aber wie nobel, er hatte ihr verziehen. Und wenn sie ihm sein Benehmen nicht verzieh? Das waren wohl Sachen, mit denen er sich nicht beschäftigen konnte... oder wollte.
„Wenn du möchtest, kannst du mich zum Frühstück begleiten."
Ein jüngeres Slytherinmädchen drängte sich an Torronia vorbei, die immer noch am Treppenabsatz stand, so antwortete sie nicht gleich. Erst als das Mädchen weg war, nickte sie ganz leicht.
Tom erhob sich und ging gemächlichen Schrittes hinüber zur Kerkertür.
„Was ist? Kommst du?"
„Ja", antwortete sie schnell. Als sie jedoch auf dem Flur waren, fügte sie hinzu. „Aber Tom, wirklich. Wenn du das nächste mal wissen willst, wie ich über etwas denke, dann frag mich."
Sein Lächeln wirkte mit einem Mal eine Nuance kühler.
„Ich werde es in Erinnerung behalten."
