Disclaimer: Severus Snape, Albus Dumbledore, Hogwarts und alles andere aus dem Harry-Potter-Universum gehört natürlich J. K. Rowling. Mir gehört nur Kimeira, und auch sie gehört eigentlich sich selbst.
Öh- natürlich verdiene ich auch kein Geld damit!
Einleitung: Eigentlich sind es drei Kurzgeschichten, die aber nur miteinander einen Sinn ergeben – deshalb sind es vielleicht doch drei Kapitel…egal, auf jeden Fall gehören sie in der richtigen Reihenfolge gelesen.
Ähm, ja – es kommt zwar eine Frau vor, trotzdem ist es KEINE Romanze…nicht im eigentlichen Sinn.
Gelöste Fesseln: Eine junge Frau sucht in Hogwarts Hilfe. Severus Snape hat seine Einwände. Spielt vor HP1.
Revanche: Severus Snape soll der Prozess gemacht werden. Lucius Malfoy hat etwas dagegen. Kimeira hat etwas gegen Lucius Malfoy. Spielt nach HP6
Lass es enden…: Snape, nach Jahren der Selbstvorwürfe zermürbt, sucht Kimeiras Hilfe. Warnung: möglicher Charaktertod. Spielt in sehr ferner Zukunft.
Lass es enden…
Es war schon lange nach Mitternacht, als die kleine Bar in der Seitengasse schloss. Die Barkeeperin hatte begonnen, die Sessel auf die Tische zu stellen. Diesen Hinweis hatten die letzten Gäste - ein verliebtes Pärchen - schließlich nicht mehr ignorieren können. Sie standen auf und gingen zur Tür, wo sie stehen blieben, um noch ein wenig zu kichern und sich zu küssen.
Die Barkeeperin, eine magere braunhaarige Frau in ihren Dreißigern, löschte die letzten Lichter und ging dann ebenfalls zum Ausgang. Mit einem anzüglichen Grinsen musterte sie die zwei Verliebten: „Stellt mir nichts unanständiges an, ihr Beiden!"
Ausgelassenes Kichern belohnte ihre Worte, dann traten sie nacheinander durch die Tür. Die Frau blieb draußen stehen, um abzuschließen, das Pärchen hakte einander unter und die beiden gingen aneinander gelehnt die dunkle Straße hinab. Nach ein paar Metern drehte der junge Mann den Kopf und rief ein „Gute Nacht, Sarah!" über die Schulter. Die Frau nickte in seine Richtung, dann wandte sie sich um und steckte den Schlüssel ins Schloss.
Sie wusste, dass der Mann im Schatten des Mauervorsprungs an der gegenüberliegenden Wand stand, noch bevor er sich bemerkbar machte. Für das menschliche Auge war er unsichtbar und von der Dunkelheit verschluckt, für ihren Instinkt war seine Seele so deutlich wie ein Leuchtfeuer.
„Sarah?" hörte sie eine dunkle, raue Stimme sage. Der ironische Unterton war unüberhörbar.
„Ein Name ist so gut wie jeder andere.", sagte sie ruhig und drehte mit einer energischen Bewegung den Schlüssel um. Dann blieb sie einfach so stehen und blickte durch die Glastüre in die halbdunkle Bar, die mit den auf die Tische gestellten Sesseln sehr leer und sehr verlassen wirkte.
„Du warst nicht leicht zu finden, Kimeira!"
„Das war auch Absicht!" Sie holte tief Luft, dann wandte sie sich um. „Man hat mir gestattet zu gehen. Da habe ich es vorgezogen, spurlos zu verschwinden. Aus den Augen, aus dem Sinn, sagt man."
Einen Moment lang starrte sie in die Dunkelheit, dann trat er aus dem Schatten ins Dämmerlicht der nächtlichen Straße. Seine Robe war noch so nachtschwarz wie damals, das schwarze Haar allerdings war von grauen Strähnen durchzogen. Die Jahre waren nicht freundlich mit ihm gewesen. Er wirkte so unglaublich müde, seine Augen waren wie dunkle Löcher.
„Sie haben mich nicht vergessen, Professor Snape." Kimeira zögerte kurz. „Was führt sie zu mir?"
Er blickte zu Boden, sah dann wieder auf. „Ich bin schon lange nicht mehr Professor. Es…da gab es nichts mehr für mich, nach allem."
Snape verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe eine Bitte.", sagte er, „ Etwas wo nur du mir helfen kannst. Komm…gehen wir ein Stück."
Langsam, fast unsicher begann er die Gasse hinunterzugehen. Schweigend folgte sie ihm. Lange gingen sie nebeneinander her, ohne Worte und ohne einen Blick zu wechseln.
Die kahlen Bäume eines kleinen Parks verdeckten nicht die Sicht auf dunkle, abweisende Häuserfronten, kalter Wind trieb raschelndes Laub über den Boden.
Erst hier blieb Snape stehen und wandte sich der Frau zu, die ihn abwartend musterte.
„Und?", fragte sie leise, „Wie kann ich ihnen wohl helfen?"
Er drehte sich von ihr weg und starrte auf die zerklüftete Rinde eines nahen Baumes. „Ich will, " sagte er, „den Kuss des Demetors."
Scharf sog sie die Luft ein. „Für wen, Snape?" Ihre Stimme war ein wütendes Zischen. „Wem wollen sie DAS antun?"
Er wandte ihr weiterhin den Rücken zu, sagte schließlich: „Mir, Kimeira! Ich will den Kuss für mich."
Einen Moment herrschte Stille, nur das Herbstlaub raschelte leise im Wind. Dann bewegte sich die Frau, ging um Snape herum, stellte sich dicht vor ihn und versuchte in seinen Auge zu lesen.
„Warum in aller Welt, bei allem, was ihnen heilig ist, wollen sie, dass ich ihnen das antue?"
Er sah auf sie herab. „Weil ich will, dass alles aus ist. Ich will Vergessen und Frieden und keine Erinnerung mehr. Mich nicht länger fragen, ob…"
„Sie Narr", fauchte sie, „wenn sie ein Ende wollen – es sollte doch wohl leicht für sie sein, sich umzubringen! Ich weiß nicht, nehmen sie irgendein Gift, springen sie von einem Turm – es gibt hunderte Möglichkeiten ihr Leben zu beenden, ohne dass ich ihren Geist zerstöre. Es ist das Grausamste, Snape! Sie wissen das!"
„Ich weiß das!", sagte er unwirsch, dann fuhr er eindringlich fort: „Aber das ist es, was ich will. Ich will nicht nur den Tod, ich will das absolute, seelenlose Ende."
Er trat auf sie zu und legte seine Hände auf ihre Schultern, krallte die Finger in den Stoff ihrer Jacke und machte ihr ein Entkommen unmöglich.
„Ich will ein Ende all dieser Fragen, die ich mir selbst stelle. Ein Ende der Reue wegen der Dinge die ich getan und die ich nicht getan habe. Da…da ist nur noch Dunkelheit, nie mehr Licht."
Er schüttelte sie, damit sie endlich verstand, in seiner Stimme lag ein Würgen.
„Jede Nacht kommt er, jede Nacht sehe ich Dumbledore zusammenbrechen! Und die anderen, sie sind immer da. Ich musste es tun, aber die Erinnerung daran, sie bringt mich um."
Er stockte, lachte dann bitter auf.
„Nein, sie bringt mich eben nicht um. Ich lebe weiter, mit all diesem Gewicht auf mir. Aber das will ich nicht mehr.
Ich will dass es endet.
Ich will dass all diese Gedanken aus mir heraus gesogen werden.
Ich will das absolute Ende, die Auslöschung meines Geistes, meiner Seele.
Ich will, dass nichts, aber auch gar nichts von mir übrig bleibt bis auf eine leere Hülle, die dann meinetwegen verrotten soll!"
Heftig stieß er die Frau zurück. Einen Augenblick blieb er nach vorne gebeugt stehen, keuchend. Dann straffte er sich, suchte ihren Blick und erwartete ihr Urteil.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Kimeira ihn an. „Snape, ich…NEIN!"
Sie wankte ein, zwei Schritte nach hinten, schüttelte den Kopf. „Snape, sie wollen zuviel von mir. Ich werde es nicht tun, es ist zu schrecklich! Das haben sie nicht verdient. Niemand hat das verdient! Sie haben sich nichts vorzuwerfen, zumindest…" Sie verstummte.
Seine Stimme war jetzt wieder beherrscht, fast ruhig.
„Dass ich gute Gründe hatte, löscht nicht die Erinnerung aus. Du weißt das, Kimeira." Er war grausam und er wusste es.
„Du weißt, wie es ist, sich an das zu erinnern, was man unter Zwang getan hat. Von allen Lebewesen auf dieser Welt solltest du es am Besten wissen!"
Sie starrte in an. Zuerst ungläubig. Sie weigerte sich zu verstehen, was er meinte.
Dann zerbrach ihr Widerstand, Tränen traten in ihre Augen.
„Sie wollen es wirklich, Snape." Eine Feststellung, keine Frage. Sie hatte kapituliert, sie verstand nun.
„Morgen Nacht.", sagte er. „Ich hole dich."
Einen Moment blickte er noch auf sie herunter, bemerkte die Spur einer einzelnen Träne auf ihrer Wange.
Dann wandte er sich ab und verschwand in der Dunkelheit.
Es schien Jahrhunderte zu dauern, bis sie ihre kleine Wohnung erreichte, ihren Schutz, ihre Höhle.
Sie verriegelte die Tür hinter sich und floh ins Badezimmer, kauerte sich in einer Ecke des kleinen, fensterlosen Raumes zusammen und ließ den Tränen freien Lauf.
Erinnern.
…was man unter Zwang getan hat…
Ihre Gedanken trugen sie zurück an einen anderen Ort, vor langer Zeit.
…eine Halle in einem alten Haus, der Geruch nach Moder und Verfall und Angst. Lodernde Fackeln an den Wänden beleuchteten eine Versammlung. In der Mitte des Raumes zwei Stühle auf denen ein Mann und eine Frau festgebunden waren. An den Wänden standen die Gefolgsleute des dunklen Lords.
An der Stirnseite gegenüber der Fenster ein mächtiger, dunkler, abgewetzter Ledersessel, in dem ER sich räkelte.
„…und deshalb haben die zwei den Tod verdient! Nicht nur den Tod, sonder die denkbar grausamste Bestrafung, die ich über sie verhängen kann. Das wird dem Orden zu denken geben, nicht wahr, meine Kinder?"
Zustimmendes und erwartungsvolles Gemurmel, stellenweise auch Gelächter.
Voldemorts Stimme war voll perverser Fröhlichkeit. „Bringt mir das Mädchen. Wir wollen den Kettenhund auf unsere Gäste loslassen.
Wenige Minuten später öffnete sich die Tür. Zwei Todesser schleppten ein sich sträubendes Mädchen herein, nur wenig mehr als ein Kind und warfen sie vor die Füße des Herrn.
Ein dunkles sackartiges Gewand bedeckte sie vom Hals bis zu den Knöcheln, zerrauftes braunes Haar über angstvollen braunen Augen. Ein breites Lederhalsband mit silberner Schnalle lag eng um ihren Hals.
Das Mädchen stütze sich auf ihre Unterarme, ein schneller Blick in die Runde zeigte ihr dass es keinen Fluchtweg gab. Sie vermied es, zu dem Mann aufzublicken der über ihr thronte, lag dann einfach nur still und bewegungslos da.
„Ich habe Beute für dich, mein kleines Schmuckstück!", dröhnte Voldemorts Stimme thriumphierend durch den Raum. „Bedank dich bei deinem Herrn."
Ohne eine Reaktion zu zeigen, starrte das Mädchen auf den Boden vor sich.
Er beugte sich vor und hob die Hand. Eine kleine, befehlende Geste. Plötzlich kam Bewegung sich das Häufchen Elend vor seinen Füßen. Das Halsband schien ihren Kopf herum zu zwingen, schließlich kroch sie über den Boden. Sie schien gegen die eigenen Bewegungen anzukämpfen, aber mit wenig Erfolg. Als sie seinen Stuhl erreichte, streckte Voldemort einen Fuß nach vorne.
„Küß meinen Stiefel!" sagte er. Zum ersten Mal blickte sie ihn an, sah von Boden zu ihm auf mit einem Blick, der zugleich grenzenloses Grauen und grenzenlosen Hass zeigte.
Eine spielerische Bewegung eines Fingers. Ihr Kopf wurde hinunter und nach vorne gerissen, dann pressten sich ihre Lippen auf das Leder seines Stiefels. Der dunkle Lord beugte sich nach vorne und beobachtete ihr gesenktes Haupt. Einen langen Moment schien er seine Macht zu genießen.
„Genug!" Ein Tritt seines Fußes schleuderte sie nach hinten. „Jetzt sollst du dich um deine Kundschaft kümmern."
Zum ersten Mal wandte sie den Kopf, blickte auf das hilflose Paar auf den Stühlen in der Mitte des Raumes.
„Nein.", flüsterte sie verzweifelt, sah dann Hilfe suchend in die Menge der sie umgebenden Todesser. Manche hatten ihre Kapuzen abgenommen, aber in den Gesichtern las sie nur Schaulust und leises Grausen, kein Mitleid. Ihr Blick huschte weiter, streifte kurz den eines angewiedert blickenden schwarzhaarigen Mannes, fing sich in den vor Vorfreude und Begeisterung strahlenden Augen eines blonden Todessers.
Eine elegante Handbewegung des Lords zwang sie in die Höhe. Taumelnd bekam sie die Beine unter das Gewicht ihres Oberkörper, die Nackenmuskeln gespannt gegen die würgende Macht des Halsbandes.
„Caradoc Dearborn, Antigone Barnes!" Voldemorts Stimme schallte durch den Raum wie die eines Jahrmarktsausrufers, "Macht euch bereit, eurem Schicksal zu begegnen!"
Wankend, sich nutzlos sträubend, bewegte sich das Mädchen auf ihre Opfer zu. Das leise Gemurmel der Todesser verstummte und die Augen der Delinquenten füllten sich mit Grauen, als sich die zarte Gestalt vor ihren Augen verwandelte.
Die menschliche Form umgab sich mit Schatten, Schwärze ballte sich zu dunklen Schleiern, die ihr nachfolgten. Eine Kapuze schien ein schreckliches Gesicht zu verbergen, blasse Finger wurden zu verwesenden Krallenhänden.
In seinem Stuhl nach vorne gelehnt, den Blick unverwandt auf seinen Kettenhund gerichtet, dirigierte der dunkle Lord das Geschehen.
Es war keiner in diesem Raum, der nicht das Ziehen in seiner Seele fühlte, als sich der Dementor über Caradoc Dearborn beugte. Daneben, vergeblich an ihre Fesseln zerrend, begann Antigone Barnes zu schreien.
Für das Mädchen, den hilflosen, menschlichen Teil im Bewusstsein des Demetors war es fast eine Erleichterung als ihre dunkle äußere Hülle sich vom erschlafften Körper des Mannes abwandte und die panischen Schreie der Frau unter ihrem Kuss verstummten.
Kimeira keuchte schwer. Unter ihren Händen, ihrem Körper fühlte sie die glatte, harte Wirklichkeit kalter Kacheln. Schwerfällig stand sie auf und wandte sich dem Spiegel an der Wand zu. Grelles weißes Licht zeichnete tiefe Schatten unter ihre Augen. Trotzdem war das schmale Gesicht, das ihr entgegensah unbezweifelbar menschlich. Kein schwarzes Lederband mit silberner Schnalle lag mehr um ihre Hals.
Sie schloss die Augen, beugte sich nach vorne und lehnte die Stirne gegen das kühle Glas.
Erinnerungen sind komplexer, als man denken möchte. Die Guten genauso wie die Schlechten. Sie formen die Persönlichkeit eines Menschen, können ihn stärken oder ihn brechen. Der gewaltsame Raub von Erinnerungen zieht fast unweigerlich die Zerstörung des betroffenen Bewußtseins nach sich.
Kimeira riss die Lieder auf und starrte sich selbst aus kürzester Entfernung in die Augen. Hektisch arbeitete ihr Gehirn und verfolgte die Spur eines Gedankens den sie viel zu kurz klar gesehen hatte.
Die Bäume auf der Hügelkuppe hatten fast alle Blätter verloren, streng hing der Geruch nach feuchtem Laub in der Luft. Der Vollmond stand hoch am Himmel und tauchte die Szenerie in kaltes, fast unirdisches Licht.
Snape drehte ihr den Rücken zu und starrte in die Ferne, wo eine wuchtige dunkle Form mit einigen erleuchteten Fenstern die Position von Hogwarts angab.
Die Frau hörte ihn leise seufzen, dann wandte er sich um und suchte ihren Blick.
„Bringen wir es hinter uns.", sagte er leise.
„Sie sind sich noch immer sicher?" Leise Hoffnung schwang in Kimeiras Frage mit.
„Ja. Du kannst mich noch so oft fragen, die Antwort wird sich nicht ändern."
Sie fühlte die Endgültigkeit seines Entschlusses in der Festigkeit seiner Stimme.
„Nun, Snape…", flüsterte sie, immer noch auf einen Ausweg hoffend. Er wollte ein Ende für sich und trotzdem fühlte sie sich selbst wie eine Verurteilte.
„Nun, Kimeira!", sagte er und hörte sich fast aufmuntern an, „Leb wohl!"
Einen Moment schien er ihr zuzulächeln, aber das konnte auch am trügerischen Mondlicht liegen. Dann schloss er die Augen und stand still da.
„Leben sie wohl, Snape!". Ihre Stimme zitterte. Worte drängten darauf, gesagt zu werden, trotzdem…sie schwieg.
Unsicher ging sie auf ihn zu bis sie ganz nahe vor ihm stand, sah hoch und las die Erwartung in seinem Gesicht. Sie streckte sich und schließlich berührten ihre menschlichen Lippen zum ersten Mal die eines Mannes.
Kurz verharrte sie, dann glitt sie in die Verwandlung.
Als es vorbei war, blickte sie auf seinen bewegungslosen Körper hinab. Es war sein Wunsch gewesen, dass sie seinen Körper einfach liegen ließ. Er meinte, er würde von selbst aufhören zu atmen und sterben und dann wäre Frieden.
Im Fallen hatte sich der Umhang um seine Beine gewickelt. Sie bückte sich und bewegte die schweren Falten, bis der dicke Stoff Snape vom Hals bis zu den Füßen bedeckte.
Dann streckte sie die Hand aus und schob eine graue Haarsträhne aus seinem Gesicht. Fast sah er aus, als würde er schlafen.
„Auf Wiedersehen, Snape."
Die Tür ihrer Wohnung fiel ins Schloß. Wieder suchte sie die kühle Realität des Badezimmers, kauerte sich erschöpft auf die harten Kacheln. Kimeira schloss die Augen und suchte den Weg in ihr Selbst, bis sie das fand, was sie Snape genommen hatte.
Es war so schwer gewesen, den Dementor zurückzuhalten und die Aufgabe zu erfüllen, die sie sich selbst gestellt hatte. Sie hatte ihr anderes ich in Fesseln gelegt und ihm nur gestattet zu nehmen, was sie auswählte.
Vor ihrem geistigen Auge drehte und wendete sie ihren Raub. Wie von Blitzen beleuchtet zuckten Bilder durch ihren Kopf.
Da…Voldemort…Snape selbst in der Kleidung der Todesser, vor dem dunklen Lord kniend…Malfoy…Dumbledores Körper an der Brüstung…NEIN!
Sie riss sich aus Snapes Erinnerungen, versuchte Fassung zu bewahren, atmete schwer.
Wenn sie alles richtig gemacht hatte – und sie hoffte es so sehr – hatte sie ihm nur das Schlechte, all die bösen Erinnerungen genommen. Zumindest, was sie gewagt hatte. An anderen Stellen hatte sie versucht, den Stachel des Versagens zu nehmen, das Quälende welches Geschehenes im Bewusstsein immer präsent sein lässt.
Wenn sie einen Fehler gemacht hatte…
Aber wenn nicht, würde er es vielleicht für wert befinden, weiterzuleben. Sie hatte nicht gewollt, dass er starb. Er war das einzige lebende Wesen, das verstehen konnte, was ihr Wesen und was ihr geschehen war.
Wenn er aus der Bewusstlosigkeit erwachte würde er hoffentlich feststellen, dass er verloren hatte, was ihn quälte.
Der mögliche Erfolg war das Risiko wert gewesen. Und den Preis, den sie bezahlen musste.
Sie schauderte leise, als sie Snapes Erinnerungen an sich rafft und die Falltüre im hintersten Winkel ihres Bewusstseins suchte.
Dort unten lagen sie.
Die, welche man sie gezwungen hatte zu nehmen.
Die, welche sie aus freiem Willen, aus Rache genommen hatte.
Die manchmal, in dunklen Nächten, ihren Weg heraus fanden und sie quälten. Die geraubten Erinnerungen anderer, Gute und Schlechte.
Die, wenn sie den Weg aus ihrem Kerker fanden, in Kimeiras Bewusstsein zu Dämonen wurden.
In diese Gruft sperrte sie die Erinnerungen, die sie dem Tränkemeister genommen hatte. In den hintersten Winkel ihres Selbst.
Sie wusste, dass sich die Falltüre in einem unbewachten Moment öffnen würde – und dann würde sie wieder büßen, wie sie schon so lange für alles büßte. Für das, als was ihr Schöpfer sie geschaffen hatte, zu was der dunkle Lord sie gezwungen hatte und für ihre eigene, wohlverdiente Rache.
Aber diesmal war es – vielleicht – den Preis wert gewesen.
Ende
Schlussbemerkung: Ja, ich weiß – das Wesen Kimeira ist eine sehr gewagte Idee, aber wenigstens kann mir niemand vorwerfen, eine Mary-Sue geschaffen zu haben.
Die Geschichten wurden in der bestehenden Reihenfolge geschrieben, trotzdem stand das Geschehen von „Lass es enden…" als allererstes fest. Ich hoffe, die traurige Trostlosigkeit, die ich haben wollte, ist auch wirklich rübergekommen.
Die leise Zärtlichkeit Kimeiras für Snape im dritten Teil ist unbeabsichtigt während des Schreibens entstanden. Ich wollte definitiv keine Liebesgeschichte. Pfui!
Es hat mir sehr viel Freude gemacht, Lucius Malfoy in „Revanche" zu töten (na ja – er ist ja eigentlich nicht wirklich tot grins). Er ist zwar unwiderstehlich scharf, aber leider doch ein Kotzbrocken. Aber einer mit Stil!
