Offenbarungen
Der Junge saß mit umschlungenen Beinen auf seinem Bett und blickte aus dem Fenster. Als er die Glastür hörte, schaute er über die Schulter zurück. House blickte in riesengroße, verängstigte Augen. Er war dreizehn Jahre alt und benahm sich tapfer wie ein Großer, aber er war nur ein allein gelassenes Kind.
Mit ersterbender Stimme brachte er seine ärgste Befürchtung hervor. „Bin ich… krank… da unten?"
„Dein kleiner Anus ist rundum perfekt. Kein Grund zur Sorge." Er setzte sich neben ihn auf das Bett. Unnötige Untersuchungen machten Angst. Selbst kleine Patienten merkten das. „Hat Dr. Cuddy dir erklärt, warum Sie die Untersuchung gemacht hat?"
Der Junge schüttelte verlegen den Kopf. Er war immer noch sichtbar geschockt über den intimen Eingriff in seine Privatsphäre, und House konnte es ihm nicht verdenken. Gerade erst in einem Alter, in dem die eigene Sexualität allmählich in sein Bewusstsein drang, musste ihm die Untersuchung erschreckend roh erschienen sein.
„Sie mag streichelzarte Popos", sagte er lapidar. „Bei deinem konnte sie einfach nicht widerstehen."
Er zog die Brauen zusammen. „Ist das nicht unprofessionell?"
„Kommt dir irgendwas an meinen Lakaien professionell vor?"
Das, so las er in seinem Gesicht, war eine Fangfrage. Robert Chase bedachte ihn mit einer Mischung aus Misstrauen und dem sichtbaren Wunsch, zu vertrauen. Er hatte niemanden sonst, und er, House, wusste immerhin, wie man Pecker über die Runden brachte.
„Als du die Treppe heruntergefallen bist und dir den Arm gebrochen hast, wer ist da dabei gewesen?"
Er starrte auf seinen Gips. „Niemand."
„Auch nicht der heilige Georg?"
„George hat damit nichts zu tun", entfuhr es ihm. Dann biss er sich erschrocken auf die Unterlippe. Sein vorsichtiger Blick lugte an einer nach vorne fallenden Haarsträhne vorbei.
„Du kannst mir die Wahrheit sagen oder nicht. Mir ist das einerlei, weil ich nur eine Diagnose erstellen muss. Alles andere interessiert mich nicht. Ich muss deinem Dad ein Ergebnis präsentieren, und das werde ich aller Wahrscheinlichkeit nach tun. Mit oder ohne deiner Unterstützung."
Er umfasste seine Beine fester, ließ aber nicht den Blick von ihm. „Werden Sie es ihm sagen?"
„Dazu bin ich verpflichtet. Ärzte sind Petzen, wenn Eltern im Spiel sind."
Er schnaufte ein bisschen, bevor er ihn ansah. „George ist ihr neuer Freund. Ich war gemein zu ihm. Ich habe Sekundenkleber in seine Jacke geschüttet. Als er es gemerkt hat, ist er wütend geworden. Ich bin weggelaufen. Zur Treppe. Da bin ich gestolpert. Wenn George mich nicht festgehalten hätte, wäre ich runter gefallen."
„Und dabei hat er dir den Arm gebrochen."
„Er hat es nicht mit Absicht gemacht." Der Junge wischte sich die laufende Nase am Handrücken ab. „Ich hab ihn getreten. Und dann bin ich weggelaufen." Mit plötzlichem Zutrauen sah er zu ihm auf. „Er hat mir Pecker geschenkt. Ich durfte vorher nie ein Haustier haben."
Eine langweilige Schildkröte. Als nächstes kam ein Aquarium. Und dann eine Schreibgarnitur. „Hast du es deiner Mom gesagt?"
„Oh, nein. Ich kann nicht-…" Seine Augen waren vor Entsetzen geweitet, und seine Finger griffen krampfhaft in die Bettdecke. „Sie werden ihr nichts sagen. Bitte sagen Sie ihr nichts davon."
Wieso machte ihm die Vorstellung solche Angst? „Die einzige Telefonnummer, die ich habe, ist die von deinem Dad. Ich kann deiner Mom also nichts sagen."
Das schien ihn vorerst zu beruhigen. Mit einem fast abwesenden Gesichtsausdruck sah er wieder aus dem Fenster. House fragte sich, ob er gerade in eine seiner Absenzen fiel. Es war schwer zu sagen. Der Junge wirkte verträumt und ein bisschen verstört, aber er war nicht krank.
„Sich den Arm brechen zu lassen und dann zur Tagesordnung überzugehen, ist eher ungewöhnlich", fuhr er fort, während er das überraschend markante Profil des Jungen betrachtete. „Hast du nichts davon gemerkt?"
„Doch." Er starrte immer noch aus dem Fenster. Außer dem Nachbargebäude gab es nichts Interessantes zu sehen. „Es hat weh getan."
„Und es hat dir nichts ausgemacht. Du hast nichts deiner Mutter gesagt."
Er verneinte. Irgendwie schien er nicht ganz bei sich. Die Motorik lief langsamer ab, als würde er mit offenen Augen träumen. House griff nach dem kleinen Kinn und zwang ihn, den Kopf zu drehen. Die Pupillen reagierten normal. Er war wach und anwesend. Noch.
„Du willst mir nicht weismachen, dass du tagelang mit einem gebrochenen Knochen herumgelaufen bist, ohne etwas davon zu merken."
„Ich habe Mamas Tabletten dagegen genommen, als es zu sehr weh getan hat", gestand er. Er betonte das Wort wie im Italienischen, was sich drollig anhörte. „Ich hatte doch Angst, dass ich Ärger bekommen würde, wenn alles raus käme. Aber es hat nicht viel genützt. George hat sie lieber als mich. Deswegen darf ich nicht mehr zuhause sein. Sie sagt, ich soll in ein Internat nach England. Aber ich will nicht nach England."
„England ist cool. Es würde dir gefallen. Die Leute da sprechen mit genau so komischem Akzent wie du." Er hob sein Kinn an und fixierte es sacht. Der Junge war wie in Trance. „Folg' meinem Finger. Nur mit den Augen."
Er bemühte sich, aber es fiel ihm offensichtlich schwer. „Wann gehst du abends normalerweise ins Bett?"
„Um zehn."
„Wenn deine Mamma darauf achtet. Und sonst?"
Eine Antwort blieb er ihm schuldig, weil er ihm nicht ganz überraschend entgegen kippte. Das Kind notgedrungen im Arm haltend, suchte er nach seinem Pager und rief sein Team. Bevor sie antanzten, bettete er den tief schlafenden Jungen in die Kissen.
„Veranlassen Sie ein Polysomniogramm", sagte er zu Cuddy, als sie das Zimmer als erste erreichte. „Entweder Sie haben ihn mit Ihrer brutalen Zwei-Finger-Methode zu Tode erschreckt, oder er ist narkoleptisch."
„In seiner Akte war von Absenzen und Alpträumen die Rede. Das wäre ein Hinweis auf Narkolepsie."
„Finden Sie's raus."
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Obwohl er es sich zur Regel gemacht hatte, keine persönlichen Kontakte zu seinen Patienten zu unterhalten, wenn sie nicht zwingend erforderlich waren, beschäftigte ihn der Junge länger, als ihm lieb war. Seine Familienverhältnisse schienen nicht die besten, und er litt darunter. Es erinnerte ihn unweigerlich an seine eigene Kindheit, in der er sich unwohl und unerwünscht gefühlt hatte. Sein Vater hasste ihn, weil er nicht sein biologischer Vater war, und seine Mutter schämte sich dafür vor ihm. Sie hatten es ihm nie gesagt, aber mit zwölf oder dreizehn Jahren war er sich sicher gewesen. Die Art, wie John House ihn behandelte; das absolute Fehlen jeglicher äußerlicher Gemeinsamkeiten; die fehlende emotionale Bindung, die er trotz seiner Unerfahrenheit sehnlichst vermisste. Nicht, dass seine Mutter das nicht ausgeglichen hätte, ganz im Gegenteil. Es bewies nur einmal mehr, dass sie ihm gegenüber ein Geheimnis hütete. Und weil es ihr leid tat, überhäufte sie ihn mit Zuneigung, wenn John nicht hinsah. Aber ein Bier mit seinem Vater hätte er mit Freuden ausgetauscht gegen hundert Umarmungen und Küsse seiner Mutter.
Vielleicht war der Dad einfach zu alt, um sich mit einem lebhaften Bub auseinanderzusetzen. Saß lieber auf seiner Yacht herum und nippte an einem Cocktail, während Bikinischönheiten um ihn herumhüpften. Rowan Chase hatte in seiner Vorstellung etwas von einem Playboy, obwohl es nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür gab. Aber wer superreich und berühmt war und es sich leisten konnte, eine Frau mit einem kleinen Kind sitzen zu lassen, musste Flecken auf seiner weißen Weste haben.
Was immer dem Jungen fehlte, es hatte mit seiner derzeitigen Situation zu tun. Von der Mutter fühlte er sich offenbar vernachlässigt (der Liebhaber war wichtiger geworden als er), und der Vater schickte ihn über den Pazifik mit einer staubtrockenen humorlosen Gouvernante, was eher einer Bestrafung als einer Unterstützung gleich kam. Außerdem musste beiden klar sein, welche Angst sie dem Kind zumuteten. Lieblos, dachte House. Oder gedankenlos. Was oftmals auf dasselbe herauskam.
„Das Ergebnis der Schlafanalyse." Wilson schob ihm die Akte über den Tisch. „Der arme Kerl ist nicht eingeschlafen. Er ist ohnmächtig geworden."
Cuddy bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick. „So viel zu Ihrer Zwei-Finger-Theorie. Mit was haben Sie den Jungen zu Tode erschreckt?"
„Wir hatten Ohnmachtsanfälle in der Anamnese", gab Wilson zu bedenken, ehe er etwas erwidern konnte. „Es könnte ein Kreislaufproblem sein."
Cuddy schüttelte die schwarzen Locken. „Sein Blutdruck ist normal."
„Eine Herzinsuffizienz wäre-…"
„Sie wurde ausgeschlossen." Den Stift gegen die Tischplatte klopfend, blätterte Cuddy in der Akte. „Es gibt praktisch nichts, auf das er nicht getestet wurde. Bis auf eine Allergie gegen Nüsse sollte er kerngesund sein."
„Was wissen wir eigentlich über ihn?"
Zwei fragende Augenpaare sahen ihn an. Schließlich hob Cuddy die Akte leicht an. „Wenn Sie ab und zu da reinschauen würden, bräuchten Sie Wilson und mich nicht mit rhetorischen Fragen aufhalten."
„Wann geht er zu Bett? Was sind seine Lieblingsfrühstücksflocken? Wo kauft seine Mom ihm die furchterregenden Klamotten ein? Da drin stehen Daten und Testergebisse, aber nichts über den Jungen selber."
„Du schlägst nicht etwa vor, dass wir uns um seine Vorlieben bezüglich Cornflakes und Sportvereinen kümmern sollten", mutmaßte Wilson.
„Jemand soll sich mit ihm beschäftigen. Der Junge ist ein verschlossenes Buch. Man muss es nur aufschlagen. Wenn wir mehr über ihn herauskriegen, können wir ihn diagnostizieren."
„Hm. Das klingt, als würdest du nach einem Babysitter für ihn suchen."
„Diese Bainbridge macht jedenfalls keinen besonders guten Job."
Als sich die Blicke beider Männer auf sie richteten, zuckte Cuddy sichtbar zusammen. „Dazu bin ich leider völlig ungeeignet. Er mag mich nicht."
„Geben Sie ihm eine zweite Chance. Wenn Sie ihm ein Eis kaufen, vergisst er die Rektaluntersuchung im Handumdrehen."
„Ich bin nicht gut mit Kindern." Sie senkte den Kopf, um ihm zu verstehen zu geben, dass sie das Thema nicht zu vertiefen wünschte. „Was, wenn er die Symptome nur produziert, um an Aufmerksamkeit zu gelangen? So eine Art Münchhausensyndrom?"
„Er tut es nicht bewusst", gab Wilson zu bedenken. „Er hat Angst vor den Untersuchungen, und er hasst die Tests. Glauben Sie mir, er wäre lieber gesund, als sich am anderen Ende der Welt von uns quälen zu lassen."
„Weil wir nicht seine Mutter sind", warf House ein.
„Du meinst, er würde sich von seiner Mutter quälen lassen?" fragte Wilson konsterniert.
„Er glaubt, sie will ihn zu Georges Gunsten nach England abschieben. Sozusagen die umgekehrte Route."
„Ich gebe auf." Wilson lehnte sich zurück. „Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich weiß, wer George ist. Du bist uns weit voraus, House. Warum beschäftigst du dich nicht mit dem Jungen?"
„Weil ich Kinder nicht ausstehen kann."
Cuddy seufzte und blickte von einem zum anderen. „Was sagen wir dem Vater? Er hat heute angerufen und um ein Update gebeten. Der Fall hat oberste Priorität."
„Fragen Sie ihn, ob einer seiner Tutoren ihn sexuell belästigt. Und ob er ihn gern verprügelt hat. Irgendwas, das ihn glauben lässt, dass wir nichts unversucht lassen."
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Er blieb länger als notwendig im Büro; manchmal war es ihm lieber als die einsame Zwei-Zimmer-Wohnung, die nach drei Jahren immer noch nicht vollständig eingerichtet war. Vielleicht wäre es leichter gewesen, wenn er zu jemandem heimkommen würde, aber ihm schien, als sei er für Beziehungen ungeeignet. Einzelgänger von klein auf, fiel es ihm schwer, sich jemandem mitzuteilen, seine Gedanken für eine zweite Person zu artikulieren. Was ihm dann gern als Verschlossenheit ausgelegt wurde und der Unfähigkeit, zu kommunizieren. Der Tod jeder Beziehung.
Nicht, dass er nicht gern allein war. Aber es gab Tage, an denen ihm die vertraute Betriebsamkeit der Klinik lieber war als die nervtötende Stille in seinem Apartment.
Er stellte die Stereoanlage an und ließ Purple Rain in der Endlosschleife laufen, als plötzlich die Tür aufgezogen wurde. Verwundert sah er von seinen längst fälligen Berichten auf.
Chase jr. stand mit Tränen in den Augen da und bemühte sich angestrengt, nicht zu schluchzen.
Langsam ließ House den Stift sinken. Das Elend, in dem der Junge vor ihm stand, fand er tragisch faszinierend. Er trug nur seinen Schlafanzug (weiß mit grünen schmalen Streifen und winzigen Blümchen dazwischen) und war barfuss. Offenbar war keine Zeit gewesen, Flipflops und Morgenmantel überzuziehen.
„Was?" fragte er. „Hast du ins Bett gemacht? Keine Bange, das kommt immer mal vor in Krankenhäusern. Die Nachtschwester wird sich darum kümmern."
„Pecker ist tot."
Er sagte es in einem so tieftraurigen, überzeugten Ton, dass er für einen Moment das Bedürfnis verspürte, zum Terrarium zu stürzen und den Kadaver in der Mikrowelle zu verbergen. „Unsinn", knurrte er. „Deine Schildkröte wird uns alle überleben."
Der Kleine stakste ins Büro und sah sich unsicher um. House beobachtete ihn aufmerksam. Schlafwandelte er? Als er den Glaskasten im angrenzenden Konferenzraum entdeckte, wandte er sich fast schlotternd zu ihm um. „Ist er-…"
„Dein Haustier ist nicht tot." Er stand auf und fragte sich, ob er es vielleicht nicht bemerkt hatte und der Junge übersinnliche Fähigkeiten besaß und telepathisch mit seiner Schildkröte verbunden war. Er wirkte so verzweifelt, als würde Pecker bereits von allen unbemerkt unter dem Sand verrotten. House konnte die Aufregung und Anspannung in dem kleinen Körper förmlich spüren, als er fahrig nach seiner Hand griff und ihn zielstrebig nach nebenan führte. Seine Hand war feucht und heiß.
Er schnaufte, als er die Nase gegen das Glas presste. Gleich würde er einen Schluckauf bekommen. House sah kein Lebenszeichen an Pecker – konnte man es anhand eines leblosen Panzers überhaupt feststellen, ob er noch atmete? -, aber der Junge beruhigte sich ein wenig.
„Wie hast du die Bestie durch den Zoll bekommen?"
„Er ist allein gegangen", sagte er. „Ich habe ihn aus dem Rucksack genommen, bevor er durchleuchtet wurde, und Pecker ist unter einer Absperrung durch gekrabbelt. Drüben habe ich ihn dann wieder eingesteckt."
Sehr clever. Das Tier war kaum größer als sein Handteller und würde niemandem auffallen. Robert Chase begann schneller zu atmen, während er seine Schildkröte beobachtete. Seine Finger liefen über das Glas, und fast erwartete er ein Klopfen. Für ihn sah das Tier nicht wirklich lebendig aus. „Ist alles in Ordnung?" fragte er, unsicher, ob er die Schildkröte oder den Jungen meinte.
„Er ist…", begann er. Dann fiel er um. House schaffte es gerade noch, ihn in den Armen aufzufangen, ehe er zu Boden stürzte. Noch bevor er zurück im Büro war, schlang der Junge die Arme um ihn und klammerte sich mit einer Kraft an ihm fest, die er ihm nicht zugetraut hätte. Er fühlte sich erschreckend zart an. Wie ein kleines Vögelchen. Und er war heiß. Vermutlich hatte er Fieber. Vom Tod seiner Schildkröte geträumt und den Traum in seinem überreizten Zustand für real gehalten.
Zurücktragen würde er ihn nicht. Er war alt genug, um selbst zu gehen.
Weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte, setzte er sich mit ihm auf den alten, von seinem Vorgänger stammenden Zweisitzer, der an der Wand vor dem Schreibtisch stand, und ließ ihn in Ruhe. Das blonde, verblüffend weiche Haar kitzelte an seinem Gesicht und duftete nach Wind und Sonne. Seltsam, aber er fühlte sich nicht unangenehm an, und er roch gut. Nicht nach warmer Milch, Babypuder und Griesbrei, sondern fast erwachsen. Ein bisschen nach gemähtem Gras oder in der Sonne getrocknetem Heu und nach sauberem, salzigen Bubenschweiß.
Wie lange brauchte ein Dreizehnjähriger, um sich nach einem Alptraum zu beruhigen? Zwar war er kein Spezialist und erst recht kein Pädiater, aber er kam ihm sehr kindlich vor für sein Alter. Irgendwann stellte er fest, dass er eingeschlafen war. House löste ihn bedacht von sich und legte ihn der Länge nach auf das Sofa, ehe er seinen Mantel vom Garderobenständer holte und ihn damit zudeckte.
Erst, als es auf Mitternacht zuging und er einen unwiderstehlichen Drang zu seinem eigenen Bett spürte, hob er ihn auf und trug ihn zurück in sein Zimmer. Er war leicht und schmiegsam und wachte auch nicht auf, als er ihn zudeckte. Ein befremdendes Gefühl stieg in ihm auf, als der Junge im Schlaf nach ihm griff und ihn festzuhalten versuchte. Seine Finger streifen seinen Handrücken, bevor er sich mit einem Schnaufen zusammenrollte und die Decke fester um sich zog.
Nach kurzem Überlegen holte er Rezeptblock und Kugelschreiber aus seiner Hemdtasche und bemühte sich um eine gut lesbare Schrift. Pecker lebt. Alles gut. Er legte den Zettel neben ihn auf das Kissen und ging, bevor er es sich anders überlegen konnte und den Fetzen in den Müll werfen würde.
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James Wilson traute seinen Augen kaum, als er in das Konferenzzimmer trat. Nicht nur, dass House ihn schon wieder in Sachen Pünktlichkeit geschlagen hatte – obendrein saß er mit dem Jungen am Tisch und goss ihm gerade eine Tasse Kaffee ein, um sie dann großzügig mit Milch aufzufüllen. Robert umfasste die Tasse mit beiden Händen und nahm einen langen Zug. Vor ihm stand ein Teller mit einem Muffin und einem angebissenen Stück Toast, das mit Sirup bestrichen war. Er trug seinen Morgenmantel, und sein Haar war ein bisschen verzaust, als hätte er sich heute noch nicht gekämmt.
„Wow. - Ich meine, guten Morgen", sagte Wilson.
House sah ihn über den Rand seiner Kaffeetasse an. „Verflucht eintönig, das amerikanische Frühstück. Ich wusste nicht, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, an gebackene Bohnen und Vegemite-Sandwiches zu kommen. Von Rice Krispies und frischem Obst ganz zu schweigen. Ich habe ein paar Verbesserungsvorschläge an die Küche weitergeben lassen."
Der Junge sah zu ihm auf, und Wilson brauchte einen Moment, ehe er begriff, was heute anders war: er sah fast glücklich aus. Sein Mund verzog sich zu einem vorsichtigen Lächeln. Wilson stellte sich die beiden unten in der Kantine vor, der kleine Bub im Morgenmantel neben dem hochgewachsenen Mann, die sich an der Theke vorbei schoben und ein Frühstück zusammen auf das Tablett stellten. Er wünschte, er wäre dabei gewesen.
„Es ist gut, wenn du dich stärkst", zwinkerte Wilson ihm zu. „Heute werden wir beide uns ein bisschen in den Labors herumtreiben. Unser Neurologe möchte dich kennen lernen."
Robert blickte zu House. Der Ausdruck in seinen Augen war furchtsam und bettelnd zugleich. „Ich möchte lieber hier bleiben."
„Dr. House kann dich begleiten", schlug Wilson vor und amüsierte sich heimlich über House' empörte Miene. „Wäre das ein Kompromiss?"
„Ich will nicht an Apparate angeschlossen werden", murmelte er bedrückt. Der Junge kannte sich aus. Es war sinnlos, ihm das Labor als ein Riesenabenteuerspielplatz zu verkaufen. „Bitte lassen Sie mich hier bleiben."
„Es gefällt dir bei uns, wie?" Wilson setzte sich den beiden gegenüber und beschloss, das Thema vorerst fallen zu lassen. Seltsam, dass es ausgerechnet House sein musste, der sein Zutrauen gewann. „Schau mal. Ich habe deinen Scan mitgebracht."
Er legte die Aufnahme auf den Tisch. House griff danach, ehe der Junge einen Blick darauf werfen konnte, und hielt sie gegen das Licht. Den Blick, den er mit seinem Kollegen tauschte, sagte ihm, dass er die Frakturen genau so erkannte wie er. Zwei davon waren alt, kaum mehr zu erkennen.
„Kann man Pecker auch durchleuchten?" fragte Robert, dankbar für das Ablenkungsmanöver. Für den Augenblick war er sicher. Ein Schnurrbart aus Milchkaffee zeichnete sich über seiner Oberlippe ab.
„Wir müssen mit der Mutter sprechen", sagte House anstelle einer Antwort. „Frag' das Kindermädchen, wie wir sie erreichen können."
„Nein!" Robert sprang auf. Die Tasse fiel um, und der Inhalt ergoss sich über die Tischplatte und tropfte auf den Boden. Der Junge riss die Augen auf und presste erschrocken beide Hände über den Mund, als er die braune Flüssigkeit auf dem Teppich sah. Bevor er aus dem Raum fliehen konnte, bekam Wilson ihn an der Schulter zu fassen und hielt ihn fest.
„Es ist nichts passiert. Es ist alles gut. Es ist nur Kaffee."
Aber er war nicht zu beruhigen. Zu Wilsons völliger Verblüffung riss er eine Serviette unter dem Teller hervor, ließ sich auf die Knie fallen und begann wie wild, den Fleck tiefer in den Flor zu schrubben. Er wusste nicht, wie er ihn davon abhalten sollte, und sah hilfesuchend zu House, der aufmerksam zusah.
„Es ist nur ein Teppich." Wilson zog ihn hoch. „Wir alle hassen ihn. Keiner wird böse sein, versprochen. Der Teppich hat es schon lange mal verdient."
Sein verzweifelter Blick richtete sich auf sein Gesicht, und Wilson fühlte sich, als müsse er ihn in die Arme schließen, um ihn zu beschützen. Gott, er sah so verstört aus, nachdem er gerade eben noch beinahe ein unbeschwertes Kind gewesen war. Sein kleiner Scherz tröstete ihn kein bisschen.
„Es ist meine Schuld. Ich bin dumm und ungeschickt. Ich mache es wieder sauber. Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid."
Er klang so jämmerlich, dass er sich nicht mehr länger zurückhalten konnte. Ein wenig unbeholfen drückte Wilson ihn an sich und spürte, wie sich der kleine Körper vor Schreck versteifte. Offenbar war er es ihm unangenehm, umarmt zu werden. Er ließ ihn wieder los. „Keine Sorge. Es ist wirklich nichts passiert."
House' Stimme durchschnitt die atemlose Stille. „Wer sagt, dass du dumm und ungeschickt bist?"
Er war so aufgeregt, dass er ohne Zögern und Überlegen antwortete. „Mum und Dad. Ich… ich will das sauber machen."
House' Stimme klang ungewohnt sanft, als er sprach. „Lass den Teppich. Das Labor ist für dich reserviert, also geh mit Dr. Wilson da hin und tu, was man dir sagt. Es dauert den halben Tag, aber die meiste Zeit wirst du nur herumsitzen und warten müssen und dich dabei zu Tode langweilen. Nimm die Schildkröte mit. Sag den Schnarchnasen, ich hätte es erlaubt."
Der Blick, den er House zuwarf, nachdem er sein Haustier geholt hatte, schnitt Wilson ins Herz. Als ob er im nächsten Moment zu weinen anfangen würde. Bevor Wilson mit ihm den Raum verließ, drehte er sich um. „Ich bin Ihr Patient, oder?"
„Du bist nicht krank und deswegen auch kein Fall für mich."
„Ich will bei Ihnen bleiben."
Erstaunt und nur für House sichtbar hob Wilson die Brauen.
„Geh schon", grummelte House. Aber Wilson sah, dass es ihn getroffen hatte.
Jetzt konnte es ihm gar nicht schnell genug gehen. Im Labor angekommen und von Dr. Matayasi in Empfang genommen, benahm er sich wieder wie ein Profi. „Werden Sie mich abholen, wenn ich fertig bin?"
„Dr. Matayasi wird uns Bescheid sagen. Einer von uns steht immer für dich auf Abruf bereit."
Bevor er gehen konnte, fasste Robert sich ein Herz. „Gehört der Teppich Dr. House?"
„Er hasst den Teppich. Wirklich. Unter dem Regal hat er mal mit einem Bunsenbrenner ein Loch hinein gebrannt."
Er lächelte herzzerreissend. Wilson vergaß, dass er mit dreizehn fast erwachsen war, und wuschelte in seinem Haar. „Du bist nicht dumm."
„Nein." Aber er sah nicht überzeugt aus.
oOo
Er war erschöpft und erschlagen nach dem Tag im Labor; die Tests verlangten hohe Konzentration, aber er schlug sich tapfer. Robert Chase schnitt mit einem Durchschnittswert von 89 Prozent ab, und das war mehr als genug. Der WISC, ein ziemlich anspruchsvoller Test, da er viel Zeit erforderte, fiel sogar noch höher aus. Kein Genie, aber auch keineswegs mittelmäßig. Er war sensibel, klug und intelligent und hielt sich selbst für einen Dummkopf.
Als er mit den Papieren in sein Zimmer trat, saß er wieder auf dem Bett und blickte zum Fenster hinaus. Als wäre er eingesperrt und sehnte sich nach den Wellen am Strand von Oz.
„Willst du deine Testergebnisse wissen?"
Er fuhr herum, ertappt und verschämt eine Träne wegwischend. Große Jungen weinten nicht. Auch nicht, wenn sie allen Grund dazu hatten.
House wedelte mit der Akte. „Du bist gut. Widerlegst deine eigene Theorie vom Dummsein gründlich."
„Mein Dad sagt, ich bin zu langsam."
„Dein Dad ist ein Idiot."
Mit offenem Mund starrte er zu ihm hoch.
„Ich wette, er kam im Böhmerwald mit allen Weihen der Doktorwürde auf die Welt und hat sich niemals um das kleine Latinum bemühen müssen, weil eine gute Fee es ihm ins Gehirn gepflanzt hat. Dafür ist er vollkommen unfähig, ein paar Sätze mit dir zu reden, denn sonst hätte er sich das Reisegeld für dich und Mary Poppins sparen können. Du bist der einzige Mann im Haus, hab ich recht?"
Er sah ertappt aus, brachte aber noch die Energie auf, die Maske aufrecht zu erhalten. „Ich bin kein Mann. Ich bin erst dreizehn."
„Oh, lassen wir die Haarspaltereien." Er setzte sich auf das Bett. „George hat längst die Flucht ergriffen, oder nicht? Er wäre ein Schwachkopf, wenn er noch da wäre. Er ist abgehauen, und du glaubst, es wäre deine Schuld."
Tränen schossen in seine Augen. „Es war meine Schuld. Und es tut mir nicht leid. Er ist genau so gegangen wie Dad. Er kam einfach nicht mehr wieder. Und Mum ist wütend auf mich deswegen. Weil ich ihn nicht mochte. Deswegen schickt sie mich weg. Damit George wiederkommen kann. Ich weiß es genau. Er hat mir die blöde Schildkröte geschenkt. Damit ich etwas von ihm habe, wenn er etwas von mir wegnimmt. Aber ich will es nicht. Ich will nichts von ihm haben."
„Reden wir von deiner Mom?" vergewisserte er sich.
Robert ballte die Fäuste und schluckte schwer. Seine Stimme sprang ein bisschen in die Höhe, als er sagte: „Ich muss doch auf sie aufpassen. Sie ist meine Mum. Jemand muss auf sie aufpassen."
„Das erledigen jetzt Ärzte."
Im nächsten Moment tat es ihm leid, so roh gesprochen zu haben. Jegliche Farbe wich aus dem kleinen spitzen Gesicht, und seine Augen weiteten sich vor Schreck.
„Ist sie-…"
„Es geht ihr gut. Sie ist seit gestern in einem Krankenhaus. Ich weiß, was ihr fehlt. Ich habe mit ein paar Leuten telefoniert, nachdem deine Mom nicht mit mir sprechen konnte."
„Oh, nein." Qual trat in seine grün schimmernden Augen, und er umschlang seine Beine fester. „Oh, nein…"
„Nichts Neues für dich." Nach dem, was er erfahren hatte, war Mrs. Chase nicht zum ersten Mal mit einer Alkoholvergiftung in eine Klinik eingeliefert worden; dass ihn die Nachricht derart schockierte, hatte er nicht erwartet. Aber es war ihm von Anfang an suspekt erscheinen, dass sie sich nicht meldete. Eine Mutter, die bei Sinnen war, würde permanent anrufen. „Sie wird es wieder mal überstehen. Seit wann trinkt deine Mutter?"
Er heulte jetzt. Fast lautlos. House konnte sehen, dass er lieber gestorben oder mit Parkinson diagnostiziert worden wäre, als zuzugeben, dass seine Mutter eine Säuferin war.
„Hey." Nach kurzem Überlegen legte er vorsichtig die Hand auf den bebenden Rücken. „Es ist kein Grund, die Mädchen-Nummer abzuziehen."
„Alle wissen es", stieß er hervor. „Sie hassen mich."
„Wer hasst dich?"
„Alle. Oder sie bemitleiden mich." Er war kaum zu verstehen. „Sie… sie schütten mir Bier in meine Bücher. Randy Tomlin mag nicht mehr neben mir sitzen, und manchmal lauern sie mir nach der Schule auf und… und…" Er schluchzte herzzerreißend. „Mrs. Travistock lädt mich immer zum Essen ein, weil ich zuhause nichts Anständiges kriege, sagt sie. Aber ich kann kochen. Ich kann Spaghetti und Kartoffel mit Spiegelei und Pilzen und Nudel. Ich bin doch kein Baby mehr!"
Sein qualvolles Schluchzen nahm ihn wider Erwarten mit. Der exotische Akzent brach so heftig durch, dass er sich anstrengen musste, jedes Wort mitzubekommen. Er berührte aus einem Impuls heraus seine Schulter, und Chase jr. ließ sich in seinen Arm fallen, wo er hemmungslos anfing zu weinen. Nur mit Mühe bekam er heraus, dass er sich Vorwürfe machte. Glaubte, dass niemand auf sie aufgepasst und sie sich deswegen ins Delirium getrunken hatte – nachdem er sich selbst vorzuwerfen hatte, dass sie ihn weggeschickt hatte. Plötzlich wünschte er sich, den Vater anzurufen und ihm deutlich die Meinung zu geigen. Es war verantwortungslos, den Jungen bei der Mutter zu lassen. Wenn er krank geworden war, dann nur, weil ihn die Situation zuhause überforderte. Der kleine Körper schlotterte vor Aufregung. Vermutlich war es das erste Mal, dass er sich jemandem anvertrauen konnte. Vieles, was aus ihm heraus brach, verstand er nicht, aber er fragte nicht nach. Es war nicht notwendig. Die Tatsachen lagen offen auf dem Tisch.
Es dauerte lange, bis er zu weinen aufhörte, aber er zitterte immer noch. House entschloss sich, ihm ein leichtes Beruhigungsmittel zu spritzen. Es war kein Wunder, dass er seiner ahnungslosen Umgebung krank vorkam. Alle seine Symptome deuteten auf eine psychische Belastung ihn. Seine verquere Logik, in der alle Schuld bei ihm hängen bleiben musste, war raffiniert durchdacht und nicht ohne Weiteres zu widerlegen. Der Junge brauchte einen Therapeuten, keinen Arzt.
„Gehen Sie nicht weg."
„Okay."
„Bitte gehen Sie nicht weg."
„Ich gehe nicht weg."
Er wartete, bis das Sedativ wirkte. Dann verließ er in nachdenklicher Stimmung das Zimmer.
