III
„Wie heißt du?"
Sie setzte sich vor ihn und nahm seine Rechte in ihre weichen Hände. Er zog die Hand zurück, aber die Bewegung bereitete ihm nur Schmerzen. Er verzog das Gesicht.
„Deine Muskeln sind übersäuert. Beweg dich nicht."
„Keine Chance. Muss weiter."
Sie schloss die Finger mit sanftem Druck um seine Hand.
„Ich habe Hilfe geholt. Von hier an übernehme ich."
Er sah blinzelnd zu ihr auf. Sein Kinn lag auf dem harten Felsen. Trotz ihres schweißnassen Gesichts, den roten Flecken auf Wangen und Hals sah sie nun wieder selbstbewusster aus, als ob sie wüsste, was zu tun war. Nur einen Augenblick lang dachte er, wie schön es wäre, die Verantwortung für sein Leben und das der anderen einfach in ihre Hände abzugeben und zu schlafen.
Sein Blick fiel auf seine Hand, die sie hielt. Sie tupfte die Fingerspitzen mit ihrem Ärmel ab und er sah auch weshalb: Seine Hände bluteten. Er hatte sich beim Aufstieg die Hände aufgeschürft und es nicht mal gespürt.
Dafür brannte es jetzt wie die Hölle.
„Ahhh." Er kniff die Augen zu.
„`Tschuldigung."
Sie lehnte sich zurück, hakte die Finger in einen Schultergurt des Rucksacks und zog ihn heran. Dann zog sie eine Wasserflasche daraus hervor und beträufelte seine Hand damit.
Er starrte die Flasche an.
„Durstig?"
Sie wartete nicht auf seine Antwort, sondern legte behutsam seine Hand auf ihrem Knie ab, kippte etwas Wasser in ihrer zur Schale geformten Handfläche und ließ es über sein Gesicht laufen. Er kam sich vor wie bei der Taufe und wollte das schon sagen, doch sie wiederholte die Prozedur und das kühle Nass tat so gut, dass es ihm die Worte und sogar den Zynismus verschlug.
„Kannst du aufstehen, wenn du es ganz langsam versuchst?"
Er nickte, aber er dachte, dass er lieber liegen bleiben und nicht über Carol und den kleinen Carl und Glenn und seine kleine Freundin und die anderen nachdenken würde. Auch nicht über Rick, dessen Chance, die Beißerattacke zu überleben, von allen am geringsten war.
Was ist los mit dir? Schwächelst du etwa, du Pussy?
„Geh weg, Merle", murmelte er. Er hörte Schritte näher kommen und dachte, dass er die Augen zugemacht hatte, ohne sich bewusst dafür zu entscheiden. Parka wandte sich nach jemandem um.
„Lass sie … sie ist okay …"
Er wollte nicht, dass sein Bruder ihr zu nahe kam. Das war sein letzter Gedanke, bevor der Fels sich auftat und er fiel, fiel, fiel.
Wortfetzen erreichten ihn. Wer hatte auf ihn geschossen?
Andrea, die Mistkuh.
Sie hat es zum Wohl der Gruppe getan. Ich hätt´s auch gemacht.
„Tot."
Parkas Stimme, leise, entfernt.
„Und Darrell?" Eine sonore Stimme, die diese Frage stellte. Tief und angenehm.
„Weiß nicht. Ich glaube … Ich weiß nicht."
„Sprich."
„Ich glaube, er hat es nicht geschafft."
Schritte auf einem Steinfußboden. Stille.
„Was ist mit ihm, Professor? Was sollen wir mit ihm machen?" Eine dritte Stimme. Daryl war so müde.
„Testet sein Blut. Dann das übliche Prozedere."
„Jawohl, Professor."
Daryl spürte Bewegung, vielleicht lag er auf einer Krankenliege. Er wollte sich aufrichten, aber es ging einfach nicht.
Die haben dir was gegeben. Du hast dich einfangen lassen wie´n Karnickel zur Jagdsaison, und jetzt schneiden sie dir die Kehle auf und lassen dich schön langsam ausbluten.
Geh weg, dachte Daryl und da ihm das Toben und Brüllen durch seine Reglosigkeit verwährt wurde, war ihm nach Heulen zumute.
Als er das nächste Mal die Augen öffnete, blendete ihn gleißendes Licht.
„Ich hab ´n scheiß Déjà-vu … oder wie das heißt." Seine Stimme war rau, wie nach einem langen, tiefen Schlaf. Er hob den Arm, um seine Augen vor dem akuten Lichteinfall zu schützen und richtete sich auf.
Zu seiner Erleichterung funktionierte es ohne große Schwierigkeiten. Weder hatte man ihn mit Drogen noch mit Lederriemen ans Bett gefesselt. Er ließ den Arm sinken, um zu sehen, wo er sich befand, und in einer Zeitspanne von weniger als zwei Sekunden wurde ihm klar, dass er tiefer in der Scheiße steckte, als er je angenommen hatte.
Sie haben dich in ´nen verfickten Glaskasten gesperrt, du Pussy!
Daryl riss die Beine aus dem Bett, die weißen Laken fielen dabei zu Boden, doch er stolperte achtlos weiter und erreichte auch schon die Wand seines Zimmers, die aus einer einzigen Plexiglasscheibe bestand.
„Was soll das, verflucht noch mal!" Er hämmerte mit den Fäusten gegen das Plexiglas. Die Scheibe erzitterte, doch mehr passierte nicht. Seine Hände waren dick bandagiert und er fing an, sich den Verband von der Rechten zu zerren, um mit seinen Knöcheln bessere Schlagkraft zu erzielen, so, wie er sie auch nutzte, wenn er jemanden verprügelte.
„Hey! Hört ihr mich, ihr verfluchten Wichser?"
Er blickte sich um. Außer dem Krankenbett und einem Tropf stand nichts in dem „Zimmer". Der Boden war ebenfalls aus einer Art Plastik, genauso wie die Decke, in die Neonröhren eingelassen waren, die Licht spendeten. Dann entdeckte Daryl die kleine Kamera in der Ecke des Würfels.
„Lasst mich hier raus!" Er brüllte die Kamera an. Als er sah, dass das Auge sich bewegte, als er wusste, dass man ihn beobachtete, verlor er völlig die Beherrschung.
„Ihr sollt mich rauslassen! Habt ihr nicht gehört! Lasst mich raus!"
Die Kamera war unerreichbar für ihn, selbst wenn er auf das Bett gestiegen wäre, man hatte sie sicher hinter einer Plastikvorrichtung installiert. Sicher vor Zugriffen eines Gefangenen.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als mit den Fäusten gegen die Scheiben zu trommeln. Dahinter erkannte er nur einen großen, leeren Raum, den Steinboden, hohe Decken. Es war schwer, mehr auszumachen, denn die Scheiben spiegelten und er sah vor allem sich selbst, die Augenringe, dicker als sonst, die Augen klein und verkniffen, der Haut so blass als wäre er ein Vampir oder ein Beißer.
„Verdammte Arschlöcher! Aaaaahhh!"
Er nahm Anlauf und donnerte mit der Schulter gegen das Plexiglas. Es federte ein wenig, doch er selbst torkelte zurück, stieß gegen das Bett und verlor das Gleichgewicht.
„Nachdem Sie nun auf dem Hosenboden gelandet sind, darf ich Sie bitten, nicht so einen Radau zu veranstalten? Sie führen sich ja schlimmer auf als so manches unserer Versuchsobjekte."
Schritte, die gemächlich näher kamen, dazu das rhythmische Klacken eines Gehstock.
Daryl hob den Kopf.
„Ich dimme die Beleuchtung ein bisschen, damit Sie mich besser sehen können."
Ein Schemen war vor dem Würfel aufgetaucht. Das Licht wurde schwächer, und statt seiner selbst sah Daryl nun einen alten Mann vor sich, der, schwer auf seinen langen, filigranen Stock gestützt, zu ihm hereinblickte. Die Augen hinter dem zierlichen Brillengestell waren von blauer Farbe und so klar wie der Morgentau, der Rest des Mannes … Nun, Merle hätte gesagt, er sei ein alter Furz.
Die schlohweißen Haare zu einem Zopf zusammengefasst, der Haaransatz war weit nach hinten verschoben und der Bart wirkte ungepflegt. Der Kerl musste mindestens um die achtzig sein. Als er sprach, entblößte er mindestens fünf Goldzähne.
„Besser jetzt?"
„Wer sind Sie?"
„Mein Name ist Professor Charles Rhodes. Ich bin Gründer und Leiter der Einrichtung zur Erforschung des Phänomens der Wandelnden Toten."
Daryl spürte seine Kinnlade sacken und wünschte sich, sich nicht so dämlich und hilflos zu fühlen.
„Wo sind wir hier?"
Professor Rhodes lächelte.
„In meinem Anwesen an jenem Highway, den Sie und Ihre Freunde so fleißig bewandert haben. Zu Fuß, wie ich mir habe sagen lassen. Wirklich mutig, dass muss man Ihnen lassen."
Daryl kam auf die Füße.
„Was? Wo sind sie? Sind sie hier?"
Professor Rhodes nickte.
„Ihre Leute befinden sich unter Quarantäne wie Sie, Mr Dixon. Haben Sie keine Sorge, Ihren Freunden geht es gut."
Daryl starrte den alten Mann ungläubig an.
„Aber was ist mit …"
„Mit Rick Grimes, dem Sheriff?" Es klang, als hätte man ihn schon zu oft auf diese Sache angesprochen.
„Wir suchen nach ihm."
Daryl ballte die Hände zu Fäusten. Das hieß, er war tot. Und es war seine eigene Schuld.
Du gibst dir die Schuld für den Tod eines scheiß Bullen? Pussy, wie weit ist es denn mit dir gekommen? Langsam mach ich mir echt Gedanken um dich, wirst noch zu ´nem richtigen Schnuckelchen.
„Lassen Sie mich endlich hier raus."
„Leider kann ich Ihrem Wunsch erst in ein paar Stunden entsprechen. Ich entschuldige mich für die Unannehmlichkeiten, aber es dauert seine Zeit, bis die Tests abgeschlossen sind. Ich möchte für meine Mitarbeiter und mich kein unnötiges Risiko eingehen."
„Risiko? Wovon sprechen Sie eigentlich, alter Mann? Wäre ich ein Beißer, würde ich mich jetzt nicht so angeregt mit Ihnen unterhalten, oder?"
„Ich muss Sie um noch ein wenig Geduld bitten", erwiderte der Professor. Er machte Anstalten zu gehen.
„Wir sehen uns zum Abendessen. Bis dahin bitte ich Sie, Ihre blinde Wut im Zaum zu halten. Sie schaden sich damit nur selbst."
Er ging davon, schwer auf seine Gehhilfe gestützt. Daryl trat an die Scheibe.
„Lassen Sie mich raus! Ich muss den Sheriff finden!"
Professor Rhodes hob die Hand.
„Geduld ist eine lernbare Tugend."
Das Licht ging plötzlich in voller Stärke wieder an. Daryl schmetterte die offene Hand gegen das Plexiglas, ließ den Kopf sinken und fühlte sich so ausgeliefert, wie selten zuvor in seinem Leben.
Am besten, du bläst dem Bullen noch schön einen, wenn du losgegangen bist und ihn gefunden hast. Schwuchtel.
„Halt die Klappe, Merle."
Er ließ den blutigen Abdruck seines Handballens zurück, als er zum Bett hinüberging. Doch statt sich zu setzen, begann er, in seiner kleinen Zelle auf und ab zugehen.
Daryl hatte ein gutes Zeitgefühl. Seine innere Uhr war trainiert vom Jagen, dem Durchstreifen dichter Wälder, die manchmal kein Sonnenlicht durch ihre Baumkronen schimmern ließen. Er hatte noch nie eine Armbanduhr besessen, war immer auf die Zeichen der Natur und seine eigene Intuition angewiesen gewesen, weil sein Vater der Ansicht war, so etwas wie Uhren oder Nintendos oder Modelleisenbahnen seien Schnickschnack, den man im Leben nicht brauchte. Solange der Fernseher lief, was konnte man sich dann noch mehr wünschen?
Es überraschte ihn also nicht, als – es musste so gegen sechs Uhr Abends sein – ein leises Surren ertönte und kurz darauf die Plexiglasscheibe zu seiner Rechten von einer unsichtbaren Mechanik nach oben gezogen wurde.
„Sie dürfen passieren", sagte eine Stimme durch einen rauschenden Lautsprecher.
Daryl erhob sich vom Bett, auf dem er seit ein paar Stunden gelegen und gewartet hatte und beäugte misstrauisch die Dunkelheit, die jenseits seines Glasgefängnisses lag. Als hätten sie geahnt, dass er nicht ins Ungewisse laufen würde, schaltete jemand das Licht an. Flackernd strömte das weiße Licht der Neonbeleuchtung den Raum, der sich als größer entpuppte, als Daryl ihn sich vorgestellt hatte. Der Boden war mit Steinplatten ausgelegt, die Wände in einem hässlichen Grün gestrichen, das ihn an Popel erinnerte, und die Decken bestanden aus einer Art Plastikverkleidung, an der nicht nur die Neonröhren angebracht waren, sondern auch Sprinkler, in regelmäßigen Abständen angeordnet, sodass sie den ganzen Raum abdeckten.
Mit langsamen Schritten durchquerte er den Raum, nicht ohne sich nach allen Seiten umzusehen. Keine Menschenseele war in Sicht.
„Begeben Sie sich zum Ausgang." Wieder die Stimme aus dem Lautsprecher. Daryl würde dem Kerl den Hals umdrehen, wenn er ihm je persönlich gegenüber stand. Er fühlte sich wie eine Maus im Käfig, eine Laborratte, die unter Beobachtung stand.
„Er liegt direkt vor Ihnen."
Es stimmte. Eine große, graue Metalltür war in eine der Wände eingelassen, soweit er sagen konnte, war es der einzige Ausgang. Als er sich ihr näherte, schwang sie leise quietschend nach innen auf.
„Guten Abend, Mr Dixon."
Auf der anderen Seite der Tür stand der Professor, die Hände über dem Knauf seines Stockes gefaltet, und betrachtete ihn aufmerksam.
„Ihre Tür braucht ´ne Portion Öl in den Scharnieren."
Professor Rhodes ignorierte das.
„Sie haben sich hoffentlich gut erholt? Die Strapazen waren nicht zu groß, hoffe ich?"
„Strapazen nennen Sie das? Sie haben mich wie ´n Versuchskaninchen in ´nem beschissenen Glaskasten eingesperrt!"
„Ich habe Ihnen bereits erklärt, warum dies nötig war", erwiderte Rhodes. „Ich bedauere Ihren Ärger wirklich zutiefst."
„Lassen Sie das Gequatsche und sagen sie mir, wo hier der Ausgang ist. Ich hab noch was zu erledigen."
Das entlockte Rhodes ein kleines Lächeln.
„Seien Sie so gut und folgen mir. Sie sind der letzte. Ihre Freunde warten bereits auf Sie."
Daryl beschlich das Gefühl, dass er nach wie vor keine große Entscheidungsfreiheit besaß. Er folgte dem kleinen Mann, der vor ihm herhinkte, einen langen, schmalen Gang entlang zu einer weiteren Metalltür.
„Was ist das hier?"
„Das ist unser Hochsicherheitsareal. Normalerweise beherbergt es sonst die Versuchsobjekte, darum die hohen Sicherheitsstandards."
Er blieb vor einem kleinen Display stehen, der Daryl an die ganze Technik im Zentrum für Seuchenkontrolle erinnerte, und gar einen Code ein. Die Erinnerung sorgte nicht dafür, dass Daryl sich wohler fühlte.
„Meinen Sie mit Versuchsobjekten die Beißer?"
Die Tür öffnete sich, wieder nach innen, und sie traten hinaus in den Eingangsbereich eines Hauses, eines ziemlich großen und teueren noch dazu. Rechts lag die Haustür, Daryl prägte es sich ein, die Muskeln in seinen Beinen zuckten bereits, doch er musste warten, denn er dachte an die Gruppe, die sich hier irgendwo aufhielt.
Zu ihrer Linken lag eine breite Steintreppe, wie Daryl sie nur aus dem Fernsehen kannte. Sie war mit einem roten Teppich belegt. Das Geländer war aus Mahagoni und auf Hochglanz poliert. An den Wänden hingen Gemälde von Landschaften. Soweit Daryl erkennen konnte, handelte es sich um die Wälder und Landschaftsstriche von Georgia.
„Dass Sie und ihre Leute sie Beißer nennen, ist mir bereits aufgefallen. Eine interessante Bezeichnung. Treffend, natürlich. Folgen Sie mir bitte hier entlang."
Sie durchschritten die Eingangshalle. Das Klacken des Stockes hallte an den Steinwänden wieder.
„Hin und wieder fangen meine Leute einen der … Beißer ein und bringen ihn hierher. Es stellt ein Risiko dar, aber uns bleibt keine große Wahl."
„Was machen Sie mit ihnen?"
„Wir beobachten sie. Versuchen, ihre Verhaltensmuster zu durchschauen."
„Ist das nicht ein bisschen dämlich, wenn Sie ihre Verhaltensmuster untersuchen, außerhalb ihrer natürlichen Umgebung?", fragte Daryl. Er wusste nichts von solchem Wissenschaftskram, aber er besaß gesunden Menschenverstand.
Der Professor reagierte nicht verärgert, sondern amüsiert.
„Sie haben nicht ganz Unrecht. Wir betreiben natürlich auch Feldstudien, so gut es geht, aber diese Missionen gestalten sich als recht anspruchsvoll und schwierig."
Sie erreichten eine breite Tür aus Mahagoni, deren Klinke vergoldet war. Daryl fragte sich, wie man so viel Geld für so unnötigen Scheiß ausgeben konnte. Jetzt war die Welt am Untergehen, und was hatte man da noch von hübschen Türknäufen und teuren Bildern?
Professor Rhodes öffnete die Tür und sie traten ein.
„Daryl!"
Der Raum war kleiner als die Vorhalle, sogar wesentlich, sodass es kurz den Eindruck erweckte, als betrete man eine überdimensionale Besenkammer. Er war ausgelegt mit abgetretenen Perserteppichen, die Wände waren vertäfelt.
Gut ein dutzend Sitzgelegenheiten standen hier, Diwans, Sofas, Ohrensessel vor einem unbefeuerten Kamin. Darauf verstreut saßen die Mitglieder der Gruppe, die ihm jetzt ihre Gesichter zuwandte, auf denen zu seinem Erstaunen Erleichterung stand.
Carol kam auf ihn zu.
„Gott sei Dank geht es dir gut!"
Sie ergriff seine Hand.
„Oh Gott, was ist denn mit deiner Hand passiert?"
Er zog sie hastig zurück.
„Alle hier in Ordnung?", fragte er in die Runde, um Carol nicht direkt ansehen und ihre Besorgnis ertragen zu müssen.
Lori saß mit Carl auf einem der mit rotem Samt bezogenen Diwane. Sie rutschte an den Rand vor, ihr Gesicht war abgespannt.
„Wir sind okay", sagte Hershel. Er stand am Kamin. „Dank des Professors."
In der Hand hielt er ein Glas Wasser, mit dem er Rhodes zuprostete.
„Es ist der Umsichtigkeit meines Mitarbeiters zu verdanken, dass Sie alle gesund und munter sind", erwiderte Rhodes.
„Was ist mit Rick?", wollte Daryl wissen. Sein Blick traf Carls, dessen Augen verheult aussahen und um dessen Nase Rotzkruste klebte.
Er war wirklich noch ein Kind.
„Sie suchen nach ihm", sagte Hershel.
„Meine Männer tun alles, was in ihrer Macht steht."
Lori drehte sich von ihnen weg und legte sich die Hand auf den Mund.
„Mom." Sie reagierte nicht auf das Zupfen an ihrem Ärmel.
Daryl sah sich noch mal im Raum um.
„Wo ist der Chinamann?"
Maggie trat vor, dessen kleine Freundin, und wie immer sah sie ihn mit dieser Mischung aus Trotz und Wut an, der Ausdruck ihres Überlebenswillens, fand Daryl.
„Glenn wurde verletzt", sagte sie. „Am Kopf. Er hat …"
„Er hat das Bewusstsein verloren. Es ging alles so schnell. Wir sind nur knapp entkommen", sagte Hershel. Er legte seiner Tochter einen Arm um die Schulter. Sie machte sich los.
„Es wäre nicht passiert, wenn ihr auf uns gehört hättet!"
„Maggie …"
„Wir hätten die Deckung verlassen sollen, dann hätte man uns eher gefunden und wir wären den Beißern nicht begegnet!" Sie ließ ihre hilflose Wut an ihrem Vater aus.
„Rick hat gesagt …", begann Hershel, doch Maggie schnitt ihm das Wort ab.
„Was Rick gesagt hat, weiß ich! Aber es war ein Fehler, oder etwa nicht?"
„Ohne Rick wären du und Glenn jetzt tot."
Das kam von Lori. Ihre Stimme war leise, gefährlich ruhig. Maggie fuhr zu ihr herum und starrte sie aufgebracht an. Lori erwiderte ihren Blick eisern.
„Ohne ihn wärt ihr mit dem Auto vorgefahren. Die Beißer hätten euch bei der Tankstelle überrascht, so wie sie Rhodes´ Erkundungstrupp überrascht haben. Wir wären Darrell nie begegnet, sondern vermutlich auf die Suche nach euch gegangen und selbst …"
„Das bringt doch nichts!", rief Carl. Er sprang auf die Beine und starrte seine Mutter und Maggie wutentbrannt an. „Dad ist weg und wir streiten! Ich will ihn suchen gehen!"
Der Streit drohte zu eskalieren, da schlug Rhodes mit dem Stock heftig gegen das Gitter des Kamins. Der Widerhall ließ sie alle verstummen.
„Ich verstehe, dass Sie alle am Rand Ihrer Kräfte stehen und sich um Ihren Freund Rick sorgen. Doch ich muss Sie bitten, Ruhe zu bewahren."
Daryl trat an Carol vorbei.
„Er hat Recht", sagte er. Er blickte einem nach dem anderen ins Gesicht. Hershel nickte.
„Ihr hört jetzt mit dieser scheiß Streiterei auf, das geht einem ja auf die Nerven."
T-Dog stieß einen leisen Laut aus.
„Was?", fragte Daryl.
„Und das ausgerechnet aus deinem Mund, Mann."
„Hör auf, T-Dog", sagte Hershel ruhig.
Daryl hätte dem Schwarzen gern eine verpasst, aber er ließ es bleiben.
Professor Rhodes humpelte zu einer weiteren Tür hinüber.
„Ich versichere Ihnen noch einmal: Meine Männer tun alles, um Mr Grimes zu finden. Es sind ausgebildete Soldaten, sie wissen, was sie tun."
Lori schluchzte, doch Rhodes ging darüber hinweg, offensichtlich müde der Diskussion.
„Darf ich Sie nun bitten, sich im Speisesaal einzufinden. Wir nehmen das Abendessen immer pünktlich um sieben Uhr zu uns, auch heute möchte ich keine Ausnahme machen."
Ob es der Hunger war, der sie wie eine Herde verschreckter Lämmer dem Professor hinterher trieb, oder die schlichte Resignation, keiner von ihnen widersprach noch länger. Auch Daryl folgte der Gruppe in den daneben liegenden Raum, der einen großen Tisch beherbergte, an dem mindestens zwölf Leute Platz fanden.
„Wow", hörte er Beth murmeln. Das stille blonde Mädchen sah sich mit den großen Augen eines Kindes um.
Daryl stellte fest, dass die hohen Fenster nicht vernagelt waren, obwohl sie sich im Erdgeschoss befanden. Die schweren Brokatvorhänge waren geöffnet, draußen dämmerte es bereits.
„Das Grundstück ist gesichert?", fragte er Rhodes im Vorbeigehen.
„Oh ja. Es ist umgeben von einem drei Meter hohen Zaun, durch den Strom fließt. Wachposten patrouillieren in kleinen Abständen auf dem Gelände. Dazu kommt die neueste Sicherheitstechnik, die uns erlaubt, vom Hauptkontrollraum aus alles über Kameras zu überwachen."
Daryl sah den Professor an.
„Wer sind Sie noch gleich?"
Rhodes zwinkerte ihm flüchtig zu und setzte sich, offenbar zufrieden mit der Wirkung, die diese Neuigkeiten auf Daryl hatten, an das Kopfende des Tisches.
Daryl wollte sich einen Platz abseits suchen, doch der Professor sagte:
„Sie sind einer der Anführer, also setzen Sie sich zu meiner Linken, wie es sich gehört."
„Ich bin nicht …" Daryl spürte Verlegenheit in sich aufwallen. Lori warf ihm einen Blick zu und er wäre gerne im Boden versunken. Rick hatte er an der Tankstelle zurückgelassen, und jetzt wurde er als Anführer der Gruppe bezeichnet?
Doch sie nickte ihm zu, so als ob sie sein Unbehagen gespürt hatte. Er dachte, dass sie die Hoffnung aufgegeben haben musste, Rick lebend zu finden.
„Ich bin nicht der Anführer", sagte Daryl und entfernte sich vom Tisch.
„Hershel hier kann meinetwegen die Rolle übernehmen, wenn ihr so dringend jemanden braucht, der euch führt die die Lämmchen zur Schlachtbank. Ich werd´s nicht tun."
„Daryl", fuhr Carol dazwischen.
„Nein."
Er drehte sich um und verließ den Speisesaal, der ihm plötzlich stickig vorkam mit diesen erwartungsvollen Augen, die auf ihn gerichtet waren. Jetzt verstand er, wie Rick sich tagein, tagaus fühlen musste. Schritte hinter ihm ließen ihn sich umdrehen. Es war Carol.
„Daryl. Niemand hat gesagt, dass du das tun musst. Der Professor …"
„Ich seh doch eure Gesichter! Denkt ihr, ich bin blöd?" Er machte einen Schritt auf sie zu. Sie wich vor der unmittelbaren Wut zurück, die seine Mimik beherrschte, seine Gestik aggressiv und ihn gefährlich machte.
Er wusste, sie hatte Angst davor, geschlagen zu werden. Es machte seine Wut noch hilfloser, noch roher.
„Ihr fürchtet euch, weil Rick weg ist, auch wenn auch nicht passt, was er tut! Weil Hershel ein alter Sack ist und der Schwarze unfähig, ein Anführer zu sein, wollt ihr jetzt mich dazu zwingen! Wie könnt ihr Rick einfach so abschreiben, den Mann, der euch ich weiß nicht wie oft das Leben gerettet hat?"
Sie sah ihn mit dieser Entschlossenheit an, alles auszuhalten, was er ihr an den Kopf warf. Er war versucht, die Gelegenheit zu nutzen, unbeherrscht die ganze Hilflosigkeit an ihr auszulassen.
Aber er beherrschte sich doch.
„Niemand verlangt etwas von dir, was du nicht tun willst."
„Das sehe ich aber anders", erwiderte Daryl. „Lass mich endlich in Ruhe!"
Sie runzelte die Stirn und er ergriff die Flucht, weil er der Konfrontation nicht länger ertragen konnte.
„Daryl", hörte sie ihn rufen, und dann Lori, die sagte: „Lass mich, ich mach das."
„Was willst du, du Schlampe?" Er fuhr in der Eingangshalle zu ihr herum. Die hässlichen Worte hallten an den Wänden.
„Dich zurückholen. Wir wollen gemeinsam essen."
„Ach, plötzlich bin ich euch gut genug. Weißt du, ist schon komisch. Als Rick und Shane noch am Leben waren, wart ihr gar nicht froh genug, wenn ich mich verpisst habe."
„Das ist doch gar nicht wahr!" Lori trat auf ihn zu. Offenbar hatte sie keine Angst, er könne ihr gegenüber die Beherrschung verlieren. Er hatte noch nie eine Frau geschlagen, aber das konnte sie nicht wissen.
„Du warst es, der sich immer zurückgezogen hat! Ich weiß, dass Carol versucht hat, dich in die Gruppe zu integrieren, aber du wolltest dich lieber fernhalten. Du! Nicht wir waren es, die dich weggestoßen haben!"
„Du hältst deinen Mann für tot, darum glaubst du, braucht die Gruppe einen neuen Anführer."
„Ich halte Rick nicht für tot!"
Sie standen sich gegenüber, sahen sich schwer atmend in die Augen. Loris Worte hatten Daryl jeden Ärger geraubt, ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.
„Du … was?"
„Ich halte meinen Mann nicht für tot", sagte sie leiser. „Rick ist stark. Er kämpft. Für Carl, für mich und …" Sie legte sich die Hände schützend auf den Bauch. Daryls Magen verkrampfte sich bei dieser liebevollen, so mütterlichen Geste. „ … und das Baby."
Sie hob den Blick.
„Wir brauchen dich, weil du genauso auf uns aufpasst, wie er es tut. Und weil ich weiß, dass du ihn suchen willst. Weil du glaubst, dass er noch lebt."
Kommt dir das irgendwie bekannt vor, Bruder? So-phi-a, sag ich da nur. Das Herzchen lässt dich ihre Drecksarbeit erledigen.
Aber war er nicht genau dafür da?
Daryl ließ den Kopf fallen und blickte auf den Fußboden. Er konnte diese stechenden Augen nicht ertragen, sie sprühten vor ungebrochenem Willen.
„Also tust du mir den Gefallen und kommst wieder mit? Wir wollen jetzt nämlich essen."
Er dachte, dass, wenn er eine Mutter gehabt hätte, sie ihm auf die gleiche Weise die Leviten gelesen hätte, um ihn dann in den Kreis der Familie zurückzuholen.
Lori durchquerte die Halle und drehte sich an der Tür wartend zu ihm um, eine Hand nach wie vor auf dem Bauch, der noch kein Anzeichen von Schwangerschaft erkennen ließ.
Daryl stieß den Atem aus und folgte ihr.
Er ging an Carol vorbei, ohne ihr einen Blick zuzuwerfen. Wie immer schämte er sich, wenn er ihr gegenüber ausfallend geworden war. Aber was starrte sie ihn auch immer an mit diesem Blick, der ständig darum zu bitten schien, auf sie aufzupassen, ihr die Geborgenheit zu geben, die ihr eigener Mann ihr Zeit seines Lebens versagt hatte.
Als sie zu dritt in den Speisesaal zurückkehrten, blickte niemand auf. Das Essen wurde von einem älteren Mann mit Schürze serviert, der mit einem kleinen Servierwagen um den Tisch fuhr und Platten mit Wurst, Käse, Gemüse, Salat und gegrilltem Fisch auftat.
Daryl lief das Wasser allein beim Anblick im Mund zusammen. Er verspeiste eine Forelle, die mit Thymian und Knoblauch gefüllt und mit einer wohlschmeckenden Kräuterkruste ummantelt war, nahm sich von der Wurst, von allem offensichtlich reichlich vorhanden, genoss die säuerlich-süßen Tomaten und hatte kaum Zeit, auf die anderen zu achten, die sich ebenso gütlich taten wie er.
Erst jetzt merkte er, wie ausgehungert er eigentlich war.
„Gibt es nichts zu trinken?", fragte er an Rhodes gewandt. Der ignorierte die Unhöflichkeit und deutete auf den Wasserkrug.
„Wasser und Tee. Alkohol ist in diesem Haus streng verboten."
Daryl griff nach seinem Glas und spülte das Essen mit Wasser hinunter.
„Schade eigentlich. So ´n Besäufnis wäre jetzt nicht das schlechteste gewesen."
„Ich dachte, sie wollten sich auf die Suche nach ihrem Freund machen?", fragte Rhodes und traf damit einen wunden Punkt.
„Mit einem Kater geht das schlecht."
Er beäugte den Professor argwöhnisch.
„Soll das heißen, Sie lassen mich hier raus?"
„Sie sind keine Gefangenen, sondern Gäste in meinem Haus. Ich dachte, das wüssten Sie."
„Tut mir leid, aber so, wie sie mich vorhin behandelt haben, hatte ich einen anderen Eindruck."
Der Professor legte sein Besteck an den Rand seines Tellers, auf dem nur eine kleine Portion Fisch und etwas Gemüse lag.
„Ich biete Ihnen Schutz vor den Untoten. Das ist alles. Sie müssen weder meine Hilfe annehmen, noch meine Gastfreundschaft strapazieren, wenn Sie das nicht möchten."
Daryl runzelte die Stirn. Ihm gefiel nicht, wie der Professor mit ihm sprach.
„Wir sind Ihnen wirklich sehr dankbar", sagte Hershel. Seine klugen Augen ruhten auf Rhodes. „Wir wissen, dass wir ohne Sie keine Chance gehabt hätten."
Der Professor nickte.
Daryl wandte den Blick ab, weil er das selbstzufriedene Gesicht nicht länger ertragen konnte. Leute, die immerzu auf Bestätigung aus waren, hatte er noch nie ausstehen können. Dann fiel ihm plötzlich etwas ein.
„Was ist mit der Kleinen… das Mädchen, das mit ihren Soldaten bei der Tankstelle war?"
„Sie meinen Avery?"
„Ist das ihr Name? Sie trug einen Parka und hat …"
„Avery hätte nicht dort sein sollen. Sie hat mir erzählt, dass Sie ihr das Leben gerettet haben, und ich möchte mich dafür bedanken. Das wollte ich ohnehin noch tun, aber der Abend ist nicht ganz so verlaufen, wie ich es mir vorgestellt habe."
Wie kam es, dass, während Rhodes ihm dankte, Vorwurf in seiner Stimme mitschwang?
„Wo ist sie?"
„Wer ist Avery?", erkundigte sich Maggie.
„Von einem Mädchen hat uns niemand etwas erzählt", sagte T-Dog.
„Avery ist die Tochter eines langjährigen Mitarbeiters, der kürzlich verstorben ist. Ich kümmere mich um sie. Sie hat nichts mit dieser Sache hier zu tun, mit Ihnen und Ihrer Gruppe. Darum bitte ich Sie, halten Sie sich fern von ihr."
In Daryl kam etwas auf, dass sich am besten als ein falscher Ton in einer sonst perfekten Melodie beschreiben ließ. Sein Nacken prickelte plötzlich.
„Ich verstehe, dass Sie uns gegenüber misstrauisch sind", sagte Hershel. „Mir erging es vor wenigen Wochen nicht anders. Sie sind unser Gastgeber. Wir halten uns an Ihre Regeln."
Die anderen nickten ihre Zustimmung. Warum auch nicht? Keiner kannte Avery, und es war doch nur allzu verständlich, dass er das Mädchen beschützen wollte. Jeder von ihnen hätte es nicht anders gemacht.
Doch warum, fragte Daryl sich, als er in seinem Salat herumstocherte, warum war sie überhaupt den Soldaten nachgelaufen und hatte ihr Leben da draußen riskiert?
