Kapitel 3
Erik
„S.. Sie sind sicher, dass Sie all diese Dinge brauchen, Monsieur?"
Es war wohl das erste Mal, dass Jules Bernard über meine Liste die Stirn in Falten legte und einen Anflug von Verwirrung nicht zurückhalten konnte.
„Ja", erwiderte ich schlicht. „Und sparen Sie nicht an den aufgeführten Kleidungsstücken. Beauftragen Sie die kleine Schneiderei an der Rue Saint-Honoré. Die Maße und Stoffangaben habe ich beigefügt." Es war kalt. Ich zog den Kragen des Mantels enger zusammen, um das Mindeste gegen den eisigen Novemberwind zu unternehmen, der unerbittlich am Gittertor der Rue Scribe zerrte.
Jules trug wie bei letzen unserer Treffen seinen zerschlissenen grauen Umhang. Seine Frau hatte sich die Verwaltung des Geldes zur Aufgabe gemacht und ich ahnte, dass Jules und seine Kinder nicht immer den Teil erhielten, welche ich ihnen zugedachte. Es sollte nicht meine Sorge sein.
„Kümmern Sie sich auch um frisches Obst und Kaffee...mein charmanter Gast soll nichts entbehren müssen."
„Dann fühlt sich die junge Mademoiselle wohl bei Ihnen, Monsieur?" Ein breites Lächeln hatte sich auf Jules Gesicht gebreitet. Schon in der letzten Woche hatte er sich um erste Besorgungen gekümmert, die Zoe ihren Aufenthalt so angenehm es mir möglich war gestalten sollten.
„Ich gebe mir alle Mühe, damit sie das kann."
Eifrig nickend verstaute mein Gegenüber die Liste mit Aufträgen in der Brusttasche seines Jacketts. Er hielt inne, holte noch etwas hervor und reichte es mir mit einem bedauernden Blick. „Sind Sie sicher, dass Sie das hier haben wollen, obwohl die Mademoiselle bei Ihnen ist, Monsieur."
Wortlos nahm ich das kleine Päckchen entgegen. Meine Finger zitterten bereits. Es war höchste Zeit gewesen, dass ich diese Ration erhielt. „Zerbrechen Sie sich nicht meinen Kopf, Jules." In den letzten tagen hatte ich meine Dosen gesenkt. Zwar wurden die Schmerzen in der Brust und das beschwerliche Ziehen in meinem linken Arm hierdurch nicht gerade besser, doch wenigstens konnte ich Zoes Gesellschaft so ohne das volle Ausmaß eines stumpfen Schleiers von Morphium erfahren.
Mit einem letzten Kopfnicken machte ich mich auf den Rückweg in die Katakomben.
Die Tage der Annäherung waren lang, jedoch nicht so beschwerlich, wie ich erwartet hatte.
Einerseits war zu spüren, dass mein Verhalten Nadir Khan gegenüber und der aggressive Gefühlsausbruch, an den ich mich kaum noch erinnern konnte, sie noch immer ein wenig auf Abstand hielten. Andererseits beschlich mich auch die Ahnung, dass meine Gesellschaft ihr nicht unangenehm war und sie es zeitweise genoss, der Enge ihres elterlichen Haushalts entkommen zu sein.
Bereits am zweiten Abend hatte sie sich zu mir in den Salon gesellt und mit großen Augen und bewegtem Schweigen gelauscht, als ich von Persien erzählte und wie ich ihren Vater kennengelernt hatte. Vieles ließ ich ungesagt, wollte lieber das Funkeln in Zoes Augen erglimmen lassen. So wie es auch einen Tag später erstrahlte, als ich spät am Nachmittag die Geige zurück in ihren Kasten legte, mich umwandte und die junge Frau in der Tür meines Arbeitszimmers stehen sah, von wo aus sie mich heimlich beobachtet hatte.
Doch das schönste, das was mein Herz jede Nacht dazu brachte schneller zu schlagen – und dieses Mal nicht aus den düsteren Gründen, die Zoe und mich bald auseinander reißen würden. – war das kleine Ritual, was sich vor dem Zubettgehen eingespielt hatte:
Meist zogen wir uns noch spät in den Salon zurück um im Schein des Kaminfeuers zu lesen.
„Ich gehe jetzt"; pflegte sie zu sagen, indem sie sich auch schon erhob und auf mich zu kam. Bereits hier begann ich immer die Luft anzuhalten. Ihr Gesicht befand sich dann ganz dicht an dem meinen, wenn sie sich herabbeugte und einen Kuss auf mein Haupt bettete, ganz dicht an den Rand der Maske, so leicht, dass ich die Augen schloss und mir vorstellte er würde ein Echo in mir erzeugen, dass stärker und stärker wurde, wie die wachsenden Kreise eines ins Wasser fallenden Steines.
„Ich wünsche dir die schönsten Träume, meine Liebe." Mit diesen Worten Griff ich nach ihrer Hand und platzierte den Hauch meiner inneren Bewegtheit in einem Kuss ihrer geöffneten Handfläche, die so klein und warm war, dass ich mich jeden Abend an die Nacht unserer ersten Begegnung erinnerte.
Dann lächelte Zoe. Und dann ging sie – ließ mich allein mit meinen Gefühlen im Schein des Feuers zurück.
Diese Geste war so klein, so unbedeutend für die meisten Menschen und ganz sicher auch für Zoe.
Doch jedes einzelne Mal kämpfte ich danach mit den Tränen. Bisher hatte ich nicht einmal gewonnen.
„Jetzt weiß ich!" Ein triumphierendes Lächeln umspielte Zoes Züge und ihre Hand schloss sich fester um das empfindliche Stück.
Beinahe schmerzhaft zog ich die Luft ein. „Nicht so grob, meine Liebe..."
„Ach Erik, stell dich nicht so an. Es ist ja nicht aus Glas."
„Doch, genau das ist es. Ich habe dieses Schachspiel aus Italien – genauer gesagt aus einer kleinen Glasbläserei Venedigs. Was du dort so unbekümmert in der Hand hältst, ist das Produkt eines teuren Handwerks der Murano-Insel. Geh vorsichtig damit um."
Zoe nickte und vollendete den Zug, welcher ihr als Rettung erschien. „Ich werde einfach mit dem König aus der Bedrängnis gehen und so noch ein bisschen Zeit gewinnen."
„Warum nicht, meine Liebe." Mit anerkennendem Nicken nahm ich es hin, lehnte mich zurück und betrachtete die kläglichen Überreste ihrer kleinen Armee, die weit verstreut das weiß schwarze Spielfeld bevölkerten. Zoes Züge waren nicht schlecht gewesen, doch aufgrund ihrer Unerfahrenheit machte sie Fehler, die ihr zum Verhängnis wurden. „Du hast Zeit gewonnen, das ist richtig. Genau einen Zug." Ich setzte meinen Läufer in Position. „Schach und matt."
„Nein!" Mürrisch verschränkte mein Gegenüber die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn. „Kannst du mich nicht wenigstens einmal gewinnen lassen, Erik?"
„Dazu sehe ich keine Veranlassung. Früher oder später wird es dir vielleicht gelingen. Wenn nicht", ich hob gleichgültig die Schultern, „warum sollte ich dich dann in den Glauben einer falschen Stärke hüllen."
„Himmel, Erik!" Energisch erhob Zoe sich und schlenderte zum kleinen Stehtisch vor dem Kamin, wo in einer durchsichtigen Karaffe Rotwein dekantierte. Sie griff nach einem der Kristallgläser. „Manchmal kannst du so charmant sein, umgarnst mich mit Musik und gutem Wein... und dann wieder, trifft mich deine eiskalte Ehrlichkeit mit der Wucht eines Hammerschlages." Ihre Hand umschloss den Hals der Karaffe und Wein ergoss sich mit solchem Schwung in das Glas, dass ich einen Moment um die Unversehrtheit des Teppichs fürchtete.
„Denkst du nicht, dass du für heute Abend genug getrunken hast?"
Der Blick, mit dem sie sich mir zuwandte und mit leicht zittriger Hand das Glas hob, bestätigte diese Annahme, ebenso wie das leicht abwesende Lächeln und hitzig gerötete Wangen. „Nein, nein, nein. Dein wein ist wirklich hervorragend. Der beste, den ich jemals gekostet habe. Möchtest du auch noch ein Gläschen... oje, ist gar nichts mehr drin."
Ich schmunzelte. Die Art, mit der sich Zoes Stirn mürrisch kräuselte und der Schwung ihrer Bewegung, als sie sich daraufhin seufzend direkt auf dem Teppich vorm Kamin niederließ hätten anmutiger nicht sein können.
„Wenn du möchtest lese ich dir noch etwas vor", ich räumte bedächtig Figuren und Brett beiseite und trat dann neben Zoe, die noch immer keiner Antwort gegeben hatte. Gedankenverloren betrachtete sie das Feuer, während ihre Finger mit dem Saum des smaragdgrünen Hauskleides spielten. Ich hatte geahnt, dass diese Farbe meiner Besucherin stehen würde, doch wie sie den goldenen Unterton ihrer Haut, einen kupfernen Schimmer des schwarzen Haares unterstrich, erfüllte mich mit Zufriedenheit.
Ohne darüber nachzudenken, ertappte ich mich plötzlich dabei, mit einer Hand ihre Schulter zu berühren. Schreck durchflutete mich und einen Moment war ich sicher, dass sie mich unzufrieden zurechtweisen würde, doch nichts in ihrer entspannten Haltung veränderte sich.
„Zoe?" Vorsichtig hatte ich begonnen Meine Finger ihren Nacken entlang wandern zu lassen und beobachtete nun staunend, wie die junge Frau sich meiner Berührung entgegenlehnte, sie beinahe katzenhaft zu genießen schien. Ihre Augen waren geschlossen. „Du bist müde, und der Wein beginnt sicher schon deinen Geist zu benebeln. Du solltest ins Bett gehen, chérie."
„Ja", sie seufzte und es klang bedauernd aber einsichtig zugleich. „Ich weiß."
Mein Nicken kam mechanisch. Eigentlich wollte sich nichts in mir wollte schon zu diesem Zeitpunkt von Zoes Gesellschaft trennen. Sie war mir so nah... ich bräuchte nur die Arme um sie zu legen, meinen Kopf an ihrer Schulter bergen und würde mich so erfüllt fühlen, dass der Tod nur noch halb so schmerzhaft seine Schatten vorauswarf.
Mehr konnte ich nicht erwarten. Nicht einmal, nachdem wir uns schon einmal so nahe gewesen waren, wie Mann und Frau sich nur sein konnten. Do da waren die Bedingungen anders gewesen. Nur wäre es kein Handel mehr mit einer Fremden. Nun würde ich mich selbst dafür hassen, Zoe gegenüber etwas falsch zu machen. Sie bedeutete mir mehr heute... viel mehr.
Und in dieser Sekunde durchzuckte mich ein Blitz schmerzhafter Erkenntnis! Als hätte ich mich verbrannt, zuckte ich zurück.
Nein!
Nein!
Nicht das! Nicht diese letzte Demütigung, die mir das Schicksal bisher gnädiger Weise verwehrt hatte!
Haltlos tastete ich nach der Lehne des Sessels hinter mir, zog mich daran hoch. stützte schließlich mein maskiertes Gesicht mit beiden Händen.
Und trotz meiner Verzweiflung konnte ich die Tatsachen nicht von der Hand weisen... ich liebte ihre Nähe, ich liebte ihre Gesellschaft, ich liebte die Art, mit der sich mich lächelnd empfing, wenn ich mein Arbeitszimmer in den letzte Tagen nach stundenlangem Komponieren verlassen hatte...
ich liebte...
ich liebte sie.
Ich verzehrte mich nach ihr.
Ich fürchtete mich vor ihr.
Und noch mehr fürchtete ich mich selbst.
Als wäre diese beängstigende Erkenntnis nicht Qual genug, lüftete sie auch erbarmungslos den Schleier der Behaglichkeit, welcher bisher über Zoes und meinem abendlichen Zusammensein geschwebt hatte. Ich versuchte mich ganz auf den körperlichen Schmerz zu konzentrieren, und hoffte stumm, dass er meine Gedanken bald vereinnahmen würde. Morphium... sobald Zoe zu Bett gegangen wäre, würde ich an diesem Abend auf meine früher gewohnte Dosis zurückgreifen.
„Erik?"
Erschrocken hob ich den Kopf, nur um Zoes besorgtes Gesicht direkt vor mir zu sehen. Sie war zu meinen Füßen in die Knie gegangen, hatte ihre Hände angespannt in den Stoff des Rockes gegraben. Die Wangen gerötet, blickte sie mich aus glasigen Augen ernst an.
Mein Gast hatte wohl doch nicht genügend Wein genossen, um über meine innerer Aufgewühltheit hinweg zu sehen.
„Es ist nichts, chérie", bemühte ich mich um einen unbekümmerten Tonfall und lehnte mich tief atmend im Sessel zurück. „Nicht nur du solltest wohl zu Bett gehen, sondern auch ich." Mechanisch rieb ich eine Hand über den linken Arm. Das unheilvolle Kribbeln war beinahe zu einem ständigen Begleiter geworden. Sorgen machte es mir jedoch erst, wenn es in Taubheit umschlug. Dann wusste ich, dass es Zeit war, kürzer zu treten, Zoe zu bitten mich für einige Zeit allein zu lassen, mich hinzulegen und zu hoffen, dass der Krampfanfall mich zwar erschöpfte, jedoch nicht in die Bewusstlosigkeit trieb.
Solche Zwischenfälle waren erst zweimal vorgekommen seit Zoe mein Gast war, doch ich spürte, wie es sie beunruhigte. Ahnte sie, was auch mir klar war – dass meine Zeit sich dem Ende neigte? Es war mir gleich. Wichtig war nur, dass sie bei mir blieb.
„Tut er weh? Hast du Schmerzen?" Schon hatte Zoe sich vorgelehnt, sanft meine Hand vom Arm beiseite genommen und begann nun, ihre Finger mit sanften Druck über den Stoff meines Hemdes kreisen zu lassen.
Wie gebannt verfolgte ich, was sie tat. Wenn doch der störende Stoff nicht gewesen wäre, wenn mein verfluchtest Gesicht mich doch jetzt nicht daran gehindert hätte, die Maske abzulegen...
Zoe war so konzentriert, dass sie nicht zu bemerken schien, dass mein Kopf sich dem ihren mehr und mehr entgegenlehnte. Die lose zusammengesteckten Locken ihres Haares strichen nun sanft über das empfindungslose Leder meiner Maske, die umso empfindlicheren, unverhüllten untere Lippe... so weich, so weich... Ich schloss die Augen.
‚Zoe... Zoe', meine Gedanken flogen wie ein Schwarm orientierungsloser Vögel durcheinander, ‚wenn du wüsstest, dass mein ganzer Körper sich in diesem Moment nach den Berührungen sehnt, die du nur dem einen Arm zu Teil werden lässt.' Trotz des Schmerzes, war ich hochempfänglich für die Spannung, die zwischen mir und der jungen Frau die Luft zu erfüllen schien, sobald wir uns nahe waren.
„Ich danke dir", presste ich hervor, als das Sehnen nahezu unerträglich angewachsen war. Meine rechte Hand fuhr unter Zoes Kinn und hob es leicht an. Einen Augenblick schien sie verwundert, dass ich ihre ‚Krankenpflege' unterbrochen hatte, doch dann lächelte sie offen und herzlich.
„Ach Erik. Mach dir nicht so viele Sorgen. Was dich im Moment schwächt ist die Winterluft, die Kälte hier unten und eine Phase der Schwäche. Du wirst sehen, noch ehe es Frühling wird, geht es dir besser und..."
Ich konnte nicht fassen, was ich nun tat, und als ich nach meinem frevelhaften Unterfangen die Augen wieder öffnete, die Überraschung meines Gegenübers erblickte, fühlte ich mich beschämt, schlecht und wäre dankbar gewesen, wenn mich in diesem Moment ein tödlicher Herzinfarkt erlöst hätte.
„Es... tut mir... verzeih...", ich stammelte, als wäre ich der menschlichen Sprache nicht länger fähig.
Noch immer spürte ich ein Prickeln auf meinen Lippen, genau dort, wo sie ganz sanft, ganz vorsichtig über Zoes Stirn gestrichen waren. Ich hatte sie geküsst... innerlich rissen mich Stolz auf meinen Mut und Angst vor ihrer Rektion beinahe entzwei.
Doch wahrscheinlich hatte ich dem Wein zu verdanken, dass Zoes Überraschung sich in ein leises Lächeln wandelte und sie lediglich leicht den Kopf schüttelte.
„Erik", flüsterte sie und ich bildete mir ein, dass es zärtlich klang.
„Komm, meine Liebe", ehe ich noch mehr Unheil anrichten konnte und diesen Hauch von triumphaler Selbstüberwindung gefährdete, erhob ich mich mit weichen Knien und half ihr auf. „Ich bringe dich besser zu deinem Zimmer."
Zoe folgte ohne Widerstreben, lehnte sich während des kurzen Weges sogar einige Male in meinen dargebotenen Arm und kicherte leise über mir geheime Gedanken, die ihre Weinseeligkeit ihr wohl zu Erinnerung brachte.
Sie verabschiedete sich indem sie unendliche Sekunden lang meine Hand hielt, mir eine ‚Gute Nacht' wünschte und dann mit schelmischem Lächeln die Tür zwischen uns schloss.
Im Flur blieb ich allein mit einer Überflut von Gefühlen zurück.
Es war beschämend, dass mein Körper trotz der räumlichen Trennung, nach dem ihren rief, dass mein Herz trotz aller Unmöglichkeit ihre Liebe erflehte.
Mein innerer Kampf dauerte gewiss mehrere Minuten. Die ganze Zeit schwebte eine Hand über der Klinke. Wie einfach es wäre, all die guten Vorsätze über Bord zu werfen, einzutreten, Zoes Zuneigung zu meiner Quelle der Erfüllung zu wandeln.
Doch statt dessen ließ ich die Hand schließlich sinken, lehnte meine Stirn mit der verfluchten Maske an das schwere Holz dieser Tür, dieser Trennmauer.
„Ich... ich gäbe so viel, könnte ich dafür bei dir sein, liebste Zoe", flüsterte ich und wünschte ihr stumm die schönsten Träume.
Zoe
Mit einem tiefen Seufzen tastete ich nach einem Streichholz und entzündete die kleine Kerze auf dem Nachttisch.
„Eine Stunde", dem kurzen Blick zur Uhr folgte meine leise Feststellung. Eine Stunde lang hatte ich mich ruhelos in den kühlen Laken hin und her gewälzt, versucht ein wenig Schlaf zu erhaschen und meine Gedanken nicht unter Kontrolle bringen können.
Immer wieder waren Bilder vor meinem geistigen Auge aufgetauchte, die mich erhitzt und immer unruhiger werden ließen.
Eine weiße Rose, die zärtlich meine Haut entlang strich...
Jene Nacht, in der ich Eriks Nähe so warm und verheißungsvoll auf mir gespürt hatte...
Ein Blick seiner bernsteinfarbenen Augen, der mich erschauern ließ...
Seine wohlklingende Stimme, in der ein Vulkan zu leben schien - glutvoll brodelnd, warme Lava, weicher Ascheregen...
Eriks schlanke Hände, die über die schwarzen und weißen Tasten seines Pianos tanzten, dem Instrument sehnsuchtsvolle Melodien entlocken konnten, mich weich und rufend einhüllten und meinen Atem langsam zu einem Keuchen wandelten, für das ich mich hätte schämen sollen...
Selbst jetzt, wenn ich mich nur an die Male erinnerte, bei denen ich ihm heimlich gelauscht hatte, reagierte mein Körper darauf.
Genug! Das Karussell meiner Gedanken würde mir ja doch keine Ruhe lassen! Nicht heute Nacht... nicht nachdem ich mir schon nach dem ersten Glas Wein geschworen hatte, noch einmal zu versuchen, einen Schritt näher an Erik heranzutreten...
Erst hatte ich geglaubt es nicht schaffen zu können, zumal er scheinbar wieder Schmerzen gehabt hatte...
Doch nach dieser letzten, zermürbenden Stunde vorgestellter Sehnsüchte, sagte ich mir, dass Erik bereits zuvor gezeigt hatte, dass auch er sich nach Nähe verzehrte – selbst wenn seine höfliche Zurückhaltung in den letzten Tagen überwogen hatte.
Ich würde den Schritt wagen!
Entschlossen schlug ich die Laken zurück, schwang meine Beine über den Bettrand, schlang einen Schal um die Schultern und eilte im Schein der Kerze zur Tür. In letzter Sekunde besann ich mich, huschte zurück zum Spiegel, löste meinen locker gebundenen Zopf, schüttelte die Haare auf, kniff mich kurz in die Wangen – auch wenn diese kleine Schummelei nicht nötig gewesen wäre, um ihre ohnehin hitzige Röte zu unterstreichen. Wenn ich schon im Begriff war, etwas so unmoralisches zu tun, wie ich beabsichtigte, dann wollte ich auch meinem Bild einer anmutigen Erscheinung entsprechen.
Das Herz schlug mir bis zum Hals, als ich mich endlich vor Eriks Zimmertür wiederfand. Mit einer Hand umklammerte ich die Halterung des kleinen Kerzenträgers, die andere hob ich festen Willens, um zu klopfen.
Hure, schoss es mir durch den Kopf. Dieses Mal kannst du nicht die Entschuldigung anführen, es zu tun, um einer Notlage zu entkommen... dieses Mal zeigt es nur deine verdorbenen Wünsche.
Doch ich achtete nicht auf die Stimme der Moral, folgte nur dem Drängen in meinem Inneren, das mich hierher geführt hatte.
Eriks Augen weiteten sich vor Überraschung, als er schließlich die Tür öffnete und mich erblickte. Etwas in seinem Blick wirkte seltsam abwesend, doch ich schob es auf die Tatsache, dass er sicher bereits geschlafen, sich lediglich bei meinem Klopfen einen Morgenrock übergeworfen hatte.
„Zoe, was...?"
Ich wusste nicht, was ich hätte sagen, wie meine Wünsche, mein Vorhaben in Worte fassen können, also ergriff ich schlicht seine Hand und zog ihn behutsam mit mir. Er hatte stets deutlich gemacht dass er in seinem Schlafzimmer absolute Privatsphäre gewahrt wissen wollte... also blieb mir nur der Weg zurück dorthin, wo auch unsere Nacht statt gefunden hatte – das große Mahagonibett.
Ich wusste nicht, ob er es tat, weil ihn die Situation so unvorbereitet traf, oder weil er ahnte, dass jedes Wort eine Gefahr für den Mut bedeutet hätte, den ich zitternd aufrecht erhielt – doch Erik sprach nicht.
Selbst als ich ihn sanft zum Bett dirigierte, setzte er sich lediglich stumm und betrachtete mich mit großen Augen. Ich versuchte nicht darauf zu achten, wie er vor Anspannung beide Hände auf seine Knie gestützt und die Finger in den Stoff des Morgenrockes gekrallt hatte.
Sogar als ich mich kurz abwandte, meine Kerze auf dem Nachttisch abstellte und den Schal von meinen Schultern nahm, bildete ich mir ein, die fragende Glut Eriks Blickes auf meiner Haut brennen zu spüren.
Vielleicht hätte ich mir gewünscht, dass er in diesem Moment seine Zurückhaltung aufgegeben, mich berührt und geführt hätte bei dem, was ich im Begriff war zu tun – doch noch immer hielt ihn etwas zurück und es war an mir für uns beide mutig zu sein.
Meine Finger kribbelten taub als ich langsam die Knöpfe meines Nachthemdes öffnete, es schließlich wortlos zu Boden gleiten ließ. Noch immer stand ich mit dem Rücken zu ihm. Ich atmete tief durch, gab ihm die Gelegenheit, seine Augen über meinen Körper streifen zu lasen, vernahm ein leises Keuchen der Überraschung.
Schließlich wandte ich mich um, und in dem Moment, als ich Eriks weit aufgerissenen Blick, seinen halb geöffneten Mund sah, verließ mich mein Mut.
Was tat ich? Wie inakzeptabel bot ich mich diesem Mann an? Aus Wollust, aus Sehnsucht riskierte ich jeden Funken von Anstand!
Meine Knie waren plötzlich so weich...
Und auch war auf einmal war Nachtluft selbst hier im Zimmer derart kalt, dass ich schlotternd beide Arme um meinen Oberkörper schlang.
Augenblicklich erhob sich Erik in stummen Protest, trat einen Schritt näher, legte sanft beide Hände auf meine Schultern und leitete mich – wie ich es noch vor wenigen Momenten bei ihm getan hatte – in Richtung Bett.
Mit zaghaftem Lächeln huschte ich unter die aufgebauschten Laken und die warme Wolldecke, sah Erik dabei erwartungsvoll an.
Er schüttelte leicht den Kopf, während seine Hände den Gürtel des Morgenmantels lösten, doch das Funkeln der Augen verriet, dass dieser Tadel vielmehr neckend als ernst gemeint war.
Klopfenden Herzens schloss ich kurz die Augen. Es kribbelte in mir, und ich konnte mich nicht gegen die Reaktion meines Körpers wehren, als ich schließlich aufblickte und gerade noch einen Blick auf Erik erhaschte, ehe er die Decke über seine unbekleidete Gestalt zog.
Vorsichtig schob ich mich näher an ihn heran. Auch er wandte sich so, dass wir schließlich einander auf der Seite gegenüberlagen. Einen kurzen Moment waren es unsere Augen, die allem anderen zuvorkamen, sich suchten und fanden, tief ineinander tauchten und war glühend verschmolzen.
Bei unserer ersten nächtlichen Begegnung war Erik es gewesen, der darum gebeten hatte, mich betrachten, berühren zu dürfen. Nun folgte ich dem immer lauter werdenden Ruf meiner Neugier.
Im diffusen Licht der Kerze sah man all die Narben kaum, welche seinen Körper über und über bedeckten, also hob ich zaghaft eine Hand und fuhr langsam die Linie von Eriks Schultern nach. Ich streichelte ihn, lehnte mich langsam vor und küsste die angenehm nach Sandelholz duftende Haut. Mit Freude vernahm ich das leise, melodiöse Seufzen, welches sich als Dank aus seiner Kehle löste.
Unter den Laken drängte sich sein Körper dem meinen entgegen.
Ich legte den Kopf in den Nacken, als das kühle Leder der Maske über meinen Hals strich, Erik sein Gesicht an meine Brust schmiegte. Er hatte beide Arme um meinen Oberkörper geschlungen und zog mich nun so eng an sich, dass ich das Ausmaß seiner Erregung kühn und verheißungsvoll auf der Haut meiner Oberschenkel spürte.
Es verlangte mich danach, ihn über mich zu ziehen, an mich zu pressen, in mir zu spüren. Doch zuvor zwang ich mich geduldig zu sein - was mir durch das Spiel seiner Hände, die begierig aber sanft über mich strichen, versüßt wurde.
Nicht mehr klar denkend, nur dem Drang folgend, Erik näher und ganz und gar an mir zu spüren, klammerte ich mich an ihn – so fest, so fest, dass nichts mehr für mich zu existieren schien außer diesem Mann, dessen Verlangen ebenso laut nach Erfüllung rief, wie das meine.
Die Hitze in mir brannte heißer und heißer. Lange würde ich die Spannung nicht mehr ertragen können, welche Eriks forschende Finger in meinem Schoß provozierten. Einen Moment schloss ich die Augen, schwebte auf den Wellen, die mich peitschend hin und her wanden.
Als ich sie abermals öffnete, jagte sein Blick mir einen zusätzlichen Schauer über die Haut. Er glühte, fraß sich tief in mich hinein und schrie mir förmlich entgegen, wie sehr diesen Mann es genoss meine Reaktion auf seine Kühnheit beobachten zu dürfen.
Ein wenig schockiert über mich selbst erkannte ich, dass sich auch meine rechte Hand auf eine gewagte Wanderung begeben hatte. Fest schlossen sich ihre Finger um das pulsierende Zentrum seiner Begierde, wanderten die samtene Härte auf und nieder.
Eriks Knurren war animalisch, sein Griff, der meine Schultern nieder in die Kissen drückte, weltvergessen und grob. Es hätte mich ängstigen können, wie seine Beherrschung purer Wollust gewichen war. Doch statt dessen, drängte mein Becken ihm flehentlich entgegen, öffnete sich mein Mund in stummen Schrei, als er meiner Bitte endlich nachkam.
Es tat nicht so weh, wie das erste Mal, doch spannte köstlicher Schmerz meinen Schoß, ließ mich unsanft meine Finger in Eriks Schultern graben.
Ich hatte das Gefühl, ihn nie wieder gehen lassen zu wollen, dass die Verschmelzung unserer Leiber niemals aufgehoben werden könnte. Meine Wangen mussten glühen vor all den Gefühlen, die sich tief in mir zusammenballten und danach riefen endlich zerreißende Erlösung zu erfahren.
Gehetzt trieben seine Hüften mir entgegen, ließen mich einige Male hilflos aufstöhnen, ehe ich einen weiteren mächtigen Stoß fühlte. Keuchend kamen Eriks Bewegungen zum Erliegen. Ich spürte, dass etwas geschehen war, konnte die fremde Wärme in meinem Schoß jedoch nicht sofort deuten. Und ehe ich hierzu auch nur die Gelegenheit erfuhr, hatte Eriks sich vorsichtig zurückgezogen.
Mit klopfendem Herzen lag ich da, spürte eine noch immer den Nachhall des Rufes nach mehr.
Gerade, als ich verwirrt blinzelte, mir nicht erklären konnte, weshalb Tränen sich an die Oberfläche meines Bewusstseins kämpften, spürte ich Eriks Kopf, der sich zärtlich auf meine Brust legte, barg ich meinen Mund in dem dichten schwarzgrauen Haar.
Ich wollte etwas sagen, selbst wenn ich überzeugt war, dass es nur äußerst dumm sein konnte. Doch schon spürte ich eine Hand, die über meinen Bauch strich und erkannte beschämt, dass mein Becken noch immer jenem unsichtbaren Verlangen folgte und sich in aufgereiztem Kreisen wand.
Erik schien um das zu wissen, was ich nicht beim Namen zu nennen vermochte. Denn schließlich waren es seine Hände, die mir nach weiteren, sündhaft quälenden Minuten bebende Erlösung gewährten.
Das wilde Schlagen meines Herzens erfüllte all mein Sein und mit zitternder Ungewissheit ahnte ich, dass diese Nacht eine Grenze meines Wesens überschritten hatte, die mich fortzuschwemmen drohte.
Wie konnte solch ein innerer Frieden nur gleichzeitig soviel Angst mit sich tragen?
Angst, die ich noch nicht einmal deutlich erkennen konnte – Verbundenheit, mit dem Menschen an meiner Seite, die enger zu sein schien, als ich ertragen konnte?
Noch immer sprach keiner von uns.
Wir lagen lange wach, jeder vom anderen abgewandt, überwältig von der Erfahrung, welche wir gerade geteilt hatten. Nur unsere Finger waren noch immer ineinander verschlungen, vollführten weiterhin einen langsamen Tanz der Innigkeit, konnten nicht voneinander lassen.
Erst als Eriks Bewegungen schließlich nachließen, rollte ich mich langsam, genussvoll auf die Seite und legte meinen Arm um den warmen, schlanken Körper neben mir. Im Schlaf drehte sich auch Erik und kam schließlich mit seinem Rücken an meine Vorderseite gewandt zum Liegen. Haltsuchend, noch immer von einer zufriedenen Erfüllung gesättigt, schmiegte ich mich an ihn, strich meine Wange über die Narben an seinen Schultern, seinem Nacken.
„Erik", murmelte ich und nahm doch vor Müdigkeit meine Worte kaum noch wahr.
Ehe ich einschlief, glaubte ich ein leises Schluchzen zu hören.
Es klang wie mein Name.
Erik
„Es scheint ihr gut zu gehen."
Es kostete mich eine gewisse Mühe, bei diesem nachdenklich gemurmelten Kommentar des Daroga keine weiteren Angaben über die Quelle von Zoes augenscheinlicher Fröhlichkeit zu verlieren.
Seit vier Tagen schlief keiner von uns beiden Nachts allein. Offengesagt war Schlaf vielmehr zu einer überbewerteten Nebensache in der nächtlichen Nähe zwischen Zoe und mir geworden. Doch anstelle mich zu schämen, dass ich als gestandener Mann – dessen Leben so vieles gesehen hatte, um dessen Gesundheit es nie schlechter gestanden hatte – mich aufführte, wie ein junger Bursche, den der Hafer stach, ging etwas in mir vor, nach dem ich mich seit ich denken konnte gesehnt hatte: ich war zufrieden, dankbar und glücklich, dass ich lebte.
Tagsüber komponierte ich wie ein Besessener, während Zoe nebenan jede Zerstreuung genoss, die ich ihr bieten konnte. Und Nachts offenbarten sich mir Wunder der Lust, der Zuneigung, die mein Herz vor Liebe erzittern ließen.
„Und auch Ihr Zustand hat sich scheinbar stabilisiert, Erik", fuhr mein Gegenüber mit kritischem Blick fort. Seine Aufmerksamkeit, die Eigenschaft alles zu analysieren und hinterfragen, was ihn umgab, machten unausweichlich, dass dieser bloßen Feststellung ein Schwarm von weiteren Gedanken folgen würde. „Sind Sie sicher, dass die Anwesenheit meiner Tochter noch länger von Nöten ist?"
Seufzend schlug ich die Beine übereinander und fixierte das Gesicht des Persers voller Ernst. „Ich sehe keinen Sinn darin, Ihnen gegenüber die Dinge zu beschönigen, Nadir." Ein kurzer Blick in Richtung Salontür, die dumpfen Geräusche in der Küche, wo Zoe darauf bestanden hatte zu Backen, versicherten mir, dass wir ungestört waren. „Es ist vermutlich Zoes Hiersein zu verdanken, dass keiner der bisherigen Anfälle mich gnädig vom Angesicht der Erde getilgt hat. Ich genieße ihre Gesellschaft zu sehr, als dass ich dem Schicksal schon jetzt die Genugtuung meines Ablebens gewähren möchte."
„Sie wollen also tatsächlich behaupten, dass Zoes Anwesenheit sie am Leben erhält." Mit misstrauisch gerunzelter Stirn blies er eine kleine Wolke Dampf von der Teetasse , welche er an die Lippen gehoben hatte. „Eine interessante These, Erik. Doch drängt sich mir vielmehr der Eindruck auf, dass Sie nicht so sterbenskrank waren, wie sie vorgegeben haben zu sein."
Eine Herausforderung ohne Gleichen! Empörung kochte in meiner Kehle empor. „Sie bezichtigen mich einer Lüge, Daroga?" Tastete ich mich wachsam an ihn heran. Meine Hände hatten sich unwillkürlich in die Lehne des Sessels gegraben. Auch wenn ich um meine Beherrschung kämpfte, verspürte ich nicht den Wunsch, mich beleidigen zu lassen.
Nadir wich weder meinem Blick noch meiner Frage aus. „Nein, Sie gehören wohl vielmehr zu den Menschen, die sich nie in die Verlegenheit einer Lüge flüchten würden, Erik. Ich denke nur, dass Sie vielleicht mit Hilfe eines Arztes..."
Mein trockenes Lachen unterbrach ihn. „Ein Arzt würde da nicht mehr ausrichten können, als ich selbst, Daroga. Glauben Sie mir. Ich bin selbst überrascht, dass mein Zustand sich als derart stabil erweist. Und dennoch: selbst während wir hier sitzen und so angeregt plaudern, sagt mir ein Ziehen im Arm, ein Druck, der seit Tagen auf meiner Brust lastet, dass es nicht ungewöhnlich wäre, wenn ich den morgigen Tag nicht mehr erlebe."
„Wenn Sie mir das sagen, glaube ich Ihnen, Erik"; erwiderte mein Gegenüber mit aufrichtiger Schlichtheit. „Dieser Umstand lässt mich jedoch darauf bestehen, dass ich mich nun täglich bei Ihnen einfinden sollte... nur um zu gewährleisten, dass ihre Wohnung nicht auch zu Zoes Grab wird."
„Ihre Feinfühligkeit rührt mich, Nadir. Es wird jedoch nicht nötig sein, Sie hier in mein Heim zu bemühen. Verbleiben wir lieber bei einem unverbindlichen Treffen am Ufer des Sees." Ich konnte seinen Worten keinen wirklichen Einwand entgegen bringen. Auch wenn die vergangenen Nächte mich der bitteren Gewissheit meines Todes gedanklich weiter und weiter entfernt hatten, jagte mir die Vorstellung eine Gänsehaut ein, Zoe müsste Stunden oder gar Tage hier unten neben meiner Leiche verbringen. „Zoe ist – wie sie mir versichert hat – dazu im Stande ein Boot zu steuern. An dem Tag, an dem sie Abends sie anstelle von meiner Person erwartet, ist die Pariser Oper von ihrem Geist befreit."
Ein kurzes Nicken signalisierte Nadir Khans Einverständnis. „Ich verstehe. So leid es mir tut, das zu sagen, Erik, und so sehr ich auch wünschte, Zoes Freiheit wäre nicht an Ihren Tod gebunden...", er schluckte – eine kurze Pause nur, doch trotz seiner nach außen getragenen Härte ein Zeichen dafür, dass sein Inneres vielleicht empfindlicher aussah, als er jeden Menschen glauben machen wollte. Er nahm einen Schluck Tee, räusperte sich dann und fuhr fort „Ich werde erst dann wieder beruhigt schlafen können, wenn meine Tochter wohlbehalten zurückgekehrt ist." Eindringlich fasste seine Augen mich und für einen Moment erkannte ich die Sorge ganz deutlich, welche diesen Mann in den letzten Tagen begleitet haben musste. „Zoes Platz ist nicht hier unten, Erik. Sie sollte leben, einen Familie haben, einen Ehemann."
Der Gedanke an Letzteres schnürte mir die Kehle zusammen.
Ich würde sie nie heiraten können... ich hatte mich nur wie ein Geist in ihr Leben gedrängt und würde es bald wieder verlassen. Doch der Gedanke, ein Anderer könnte des Nachts bei ihr liegen, ihr ein Lächeln, sanftes Stöhnen entlocken, mit ihr ein Kind zeugen, jeden Tag, jede Stund an ihrer Seite sein... Nein! Nein! Nein!
Nach Außen hin blieb ich gefasst, auch wenn meine Gedanken rasten, verzweifelt nach einer Lösung suchten, die es doch nie geben würde. „Das klingt, als hätten sie feste Pläne, was Zoes Leben angeht, Nadir."
Er blinzelte irritiert, stellte seine Teetasse mit leisem Geräusch ab und breitete dann die Hände aus. „Natürlich habe ich das, Erik. Ich bin ihr Vater und es ist meine Pflicht für ihr Wohl Sorge zu tagen."
Wir würden sehen, Daroga.
Wir würden sehen...
„Nein!" Entsetzt hob ich die Hände, schlug gegen das gewaltige Unrecht an, das mir widerfahren war. „Nein!"
Ich wollte mich verstecken, wollte nicht, dass sie mein Gesicht sah, und doch zwang Zoe mich, sie anzusehen, ihr Grauen, ihre Angst, ihre Abscheu in aller Deutlichkeit zu erblicken.
Meine Scham verwandelte sich in Wut, glühend und verderblich, kroch sie durch meine Adern.
Ohne Rücksicht packte ich ihre Handgelenke, schüttelte die zierliche Gestalt.
Tränen, in ihren Augen – Tränen, die mich noch mehr verletzten, die mich beinahe in den Wahnsinn trieben.
„Warum?" schrie ich. „Warum musst du alles zerstören?"
„Erik!"
Ja, Zoe hatte Angst, sie zitterte.
„Erik, du tust mir weh!"
„Nein, mon amour! Du bist es, die mir weh tut!"
„Himmel, Erik, ich wollte dich nur..."
Ein
bitteres Lachen bahnte sich den Weg hinauf in meine Kehle. Ich
glaubte beinahe daran ersticken zu müssen. „Du wolltest mich
nur sehen! Du wolltest nur deine unselige Neugier befriedigen!"
Meine
Grobheit ließ Zoes Kopf vor und zurück schlagen, so sehr
riß ich sie an mich. „Und? Bist du nun zufrieden, meine
Liebe?" Die Wärme, welche ihr bloßer Körper
ausstrahlte erinnerte mich schmerzhaft daran, wie wir noch vor kurzem
miteinander verschmolzen waren. Eine ganze Welt konnte also innerhalb
eines Augenschlags einstürzen. Eine ganze Welt, in der ich
endlich glücklich gewesen war.
Ihre schwarzen Haare strichen über die Haut meiner Arme. In der Dunkelheit, die nur von einer kleinen, brennenden Kerze durchbrochen wurde, welche noch immer auf dem Nachttisch brannte funkelten mich ihre Augen trotzig an. „Ja!"
Wagte sie nun auch noch, sich über mich lustig zu machen?
„Wenigstens bist du endlich wach. Was immer du geträumt hast, es muss ziemlich schlimm gewesen sein. Ich habe ja nicht geahnt, dass es dir derart missfällt geweckt zu werden!"
Ihre Worte trafen mich wie Eiswasser.
Ich spürte noch immer das Leder der Maske auf meinem Gesicht. Zoes Hände, wie mich dieser letzten Schutzmauer beraubten. Ihr Ekel vor dem, was sie erblickte – es war nichts als ein Trugbild meiner Träume gewesen.
„Danke", seufzte Zoe, als plötzlich alle Kraft aus meinen Händen wich und ich von ihr ließ. Die Erleichterung in ihrer Stimme traf mich bitter. Ich hatte Verwirrung über sie gebracht. Und als Zoe sich langsam wieder hinlegte, nach der Decke griff und unter bis zum Kinn unter ihr verschwand, konnte ich erkennen, wie sie erschauerte.
Sicher hatten sich bereits schwache Abdrücke auf der Haut ihrer Arme gebildet - dort, wo noch eben meine Finger gelegen hatte.
Ich fand keine Worte dafür, wie erschrocken ich über mich selbst war. Fahrig blickte ich mich um. Unter der Maske spürte ich nun kalten Schweiß. Nicht auszudenken, wie heiß mich eben noch mein Gefühl in seinem Bann gehalten hatte... nicht auszudenken, was hätte passieren können.
Es gab keine Entschuldigung... ich hatte Zoe in meiner Wut weh getan.
„Zoe...", sanft schickte ich meine Stimme zu ihr. Taste mich so vorsichtig wie möglich an sie heran. „Verzeih..."
„Was war das nur für ein Traum, Erik? Du warst böse auf mich! Auf mich!" Es arbeitete unübersehbar hinter ihrer Stirn. „Was könnte ich denn tun, um dich so gegen mich aufzubringen." Beinahe erleichtert nahm mich eine Spur Zorn in ihren letzten Worten wahr. Einen Augenblick hatte ich gefürchtet, mit meiner unbedachten Reaktion das Feuer, welches ich so an ihr schätzte, erstickt zu haben.
Ich schluckte die Wahrheit hinunter. Ich wollte sie nicht aussprechen, mich selbst nicht sagen hören, dass meine Hässlichkeit niemals verdient hätte bei ihr zu liegen – Zoe könnte einsehen, dass meine Worte wahr sind. Sie könnte aus dem Traum erwachen, in dem ich sie gefangen zu halten hoffte.
Statt Worte zu suchen, die ich nicht finden würde, wagte ich ein wenig näher an sie Heranzurücken, nahm erleichtert wahr, dass sie nicht zurückwich, sondern sich unter der Decke mit ihrem weichen Körper näher an mich schmiegte.
Schließlich seufzte sie, als wäre es ein Zeichen, dieses Thema und den Schrecken vorerst ruhen zu lassen. „Alpträume können sehr wirklich erscheinen, also mach dir keine Gedanken. Ich bin nicht aufgebracht gegen dich, es war nur ein großer Schreck, dich so zu erleben." In einer geschmeidigen Bewegung hatte sie sich auf den Bauch gerollt, beide Arme unter dem Kinn verschränkt und sah mich unter dem Schleier ihrer rabenschwarzen Haare an. Dann huschte ein kleines Lächeln über ihre Züge. „Mon dieu, Erik. Einen Moment dachte ich wirklich du hättest mich umbringen wollen."
„Nein", murmelte ich. Selbst wenn es kein Traum gewesen wäre, so weit hätte ich nicht gehen können. Niemals... niemals.
Innerlich breitete sich eine finstere Dunkelheit in mir aus. Was wenn die Wut wirklich einmal überhand nehmen würde... was wenn ich einmal in Raserei, die mich schon früher beinahe blind hatte werden lassen, vergaß dass es Zoe war, die ich vor mir hatte – meine geliebte Zoe. Ich konnte nur hoffen, dass mein Leben mir tatsächlich den Dienst versagen würde, ehe es soweit kommen konnte. Lieber würde ich sterben.
Zoes Anblick, wie sie an meiner Seite lag, mich entspannt ansah, ohne seit sie hier war die Frage gestellt zu haben, weshalb ich mich derart zurück gezogen hatte – mit einem Mal schien all das mir unwirklich, als sei dies die Traumwelt...
„Warum bist du hier, mon coeur?" Sanft strich meine Hand ihre Wange entlang und ich sah mit Zufriedenheit, dass angesichts dieser Bewegung ein sehnsuchtsvoller Wunsch nach mehr in den geliebten Augen erglomm.
„Ich weiß nicht", murmelte sie und ließ ein kleines Lachen vernehmen, das mich kitzelte, ganz benommen vor Glück machte. „Mag sein, weil du mich dazu gezwungen hast?", neckisch funkelte sie mich an.
„Biest", knurrte ich amüsiert und ohne darüber nachzudenken, was ich tat, legte ich alle verbliebene Scheu beiseite und war innerhalb eines Sekundenbruchteils über ihr, hielt sie bäuchlings unter mir gefangen. Der Duft ihres Haares verleitete mich, das Gesicht an sie zu schmiegen.
„Erik", der wenig überzeugende Protest klang heiser und indem sie unter mir einige entgegenkommende Windungen vollzog, spürte ich auch schon das Ziehen meiner Gier. Während ich sanft meine Lippen über die weiche Haut ihres Nackens strich, taste ich mich behutsam weiter vor.
Ein Stöhnen, das Kreisen ihrer Hüften angesichts meiner Erregung, die sich hart an die Rückseite ihrer Schenkel rieb, versicherten mir, dass auch Zoe der Sinn nach mehr stand.
Vielleicht konnte ich einen Teil des nächtlichen Schreckens wieder gut machen, in dem ich ihrem und meinem Wunsch nachkam, die zärtlichen Liebkosungen fortsetzte.
Mein Atem zauberte eine Gänsehaut auf den weichen Rücken, als ich ihre Taille umschlang, mich sanft voranschob und schließlich zwischen ihren Beinen zum Liegen kam.
In meinem Kopf wandelte sich alles zu Musik.
Das Duett unserer Vereinigung, gefolgt von einem Chor der Ekstase...
Ich schloss die Augen schwebte durch Wellen lustvoller Klänge, erlag dem Auf und Nieder unser verschmelzenden Stimmen, dem pulsierenden Stakkato meiner Begierde.
Vorsichtig glitten meine Hände Zoes Unterleib hinab, fanden den Zugang zu jenem Vibrato, welches sie unter mir erschauern ließ.
Mein ganzes Leben war ich auf der Suche nach vollkommener Musik gewesen... nun war ich ihr so nahe, spürte sie, berührte sie.
Wie hätte ich Zoe nicht lieben können?
In einem letzten atemlosen Akt wurde ihr Keuchen in meinen Ohren zu einem furiosen Crescendo, während sich ihre Finger hilflos zitternd in die Laken gruben. Ein Schauer durchlief Zoes erhitzten Leib. Ich schien in ihrem warmen Schoß zu verglühen.
Dann war es still, und nur mein Lächeln zollte ihr Anbetung.
Zoe
Die Wochen vergingen wie im Flug. Eriks Gesundheit stabilisierte sich, auch wenn er noch immer auf Medikamente angewiesen war. Es schmerzte mich, die malträtierten Arme zu sehen. Es musste ihn große Überwindung kosten, Abend für Abend einen neuen, wunden, blutunterlaufenen Punkt auf dieser Landkarte von Geschundenheit zu setzen. Ich hatte großen Respekt davor, wie tapfer er sich diese medizinische Maßnahme abverlangte.
An dem Abend, als der Pariser Himmel sich verdunkelt haben musste, und Erik nach einem geschäftlichen Brief an das Direktionsbüro zurück in seine Wohnung gekehrt war, bat er mich Mantel, Handschuhe und Schal anzulegen. Er trug ebenfalls noch immer Hut und Umhang, bot eine eindrucksvolle Erscheinung, wie er im Halbdunkel des Kaminfeuers vor mir aufragte.
Einen Moment erschrak ich über das Herzklopfen, welches mir angesichts der Aussicht, die Katakomben zu verlassen, Nervosität von Kopf bis Fuß durch den Körper schickte. Es machte mir beinahe Angst. Hatte ich die Geborgenheit hier unten mittlerweile so lieb gewonnen, dass es mich ängstigte, sie zu verlassen? Zuhause... ich wollte es mir selbst nicht eingesehen... aber was ich fühlte war nicht zu leugnen. Eriks Nähe und dieser Ort, waren zu dem geworden, wonach ich mich wohl lange gesehnt hatte.
„Was ist, mon coeur?", durchwebte seine wohlklingende Stimme plötzlich meine Gedanken. Vorsichtig war er hinter mich getreten, legte mir nun mit behutsamer Hand einen schweren, burgunderroten Wollmantel um die Schultern. „Du bist blass. Fühlst du dich nicht wohlauf?"
Als ich ein Lächeln auf mein Gesicht zwang, mich zu ihm umwandte, fragte ich mich bereits ob diese wissenden Augen von dem leichten Schwindelgefühl ahnten, das in den letzten Tagen zu meinem ständigen Begleiter geworden war. „Ich überlegte nur, ob du nun den Entschluss gefasst hast, ohne mich besser arbeiten zu können und ich mich in wenigen Minuten wieder auf dem Weg zu Nadir Khan befinden werde..."
Eine dieser schlanken Hände, die mittlerweile in schwarze Lederhandschuhe gehüllt waren, fuhr unter mein Kinn und hoben dieses Eriks Blick entgegen. Mein scherzhafter Tonfall musste ihm entgangen sein, denn der Ausdruck um die blassen Lippen war verhärtet und ernst.
„Vielleicht habe ich dich in der letzten Woche zu oft allein gelassen, meine Liebe, doch sei dir gewisse, es lag daran, dass einige Schwierigkeiten bei der Organisation meines Hauses aufgetreten sind, die mich fernhielten."
Ich tat einen Schritt näher an ihn heran. „Heißt dass, dass ich darauf hoffen darf, die nächsten Nächte nicht nur in den Genuss deiner Musik aus dem Arbeitszimmer, sondern deiner höchstpersönlichen Gesellschaft kommen werde, verehrter Operngeist?"
Mit höflichster Distanz, doch einem anzüglichen Funkeln in den Augen ergriff mein Gegenüber meine linke Hand um sie an die Lippen zu heben.
Soviel Näher wir des Nachts auch teilten, noch immer schienen die Momente, in denen er wagte, mich mit seinem Mund zu berühren ihm unendlich kostbar und zerbrechlich. Stets hatte er meine Frage nach einem wirklichen Kuss, der Verschmelzung unserer Münder – selbst wenn die hinderliche Maske sie erschwerte, wurde sie nicht unmöglich durch dieses Stück Leder – mit kühlem Abstand verworfen.
„Selbstverständlich, Mademoiselle. Auch wenn ich mich schämen sollte, Euch nun vollends vom Pfad der Tugend fortgelockt zu haben:"
„Bilde dir bloß nicht ein, dass das nötig gewesen wäre, ma bien ami. Ich gehe wohin ich will und mit wem ich will."
„Oh, Zoe", es klang als müsste er um seine Beherrschung kämpfen, seine Stimme war rau. „Wohin willst du denn gerade jetzt gehen? Vielleicht sollte ich dir den Mantel wieder abnehmen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, dich auf einen kurzen Spaziergang durch die Nacht zu entführen. Draußen hat es zu schneien begonnen..."
Sofort spürte ich, wie Blut in meine Wangen schoss. „Schnee", entfuhr es mir flüsternd und ein warmes Gefühl von kindlicher Freude umspürte mein Herz. „Wirklich, Erik? Oh, Mon dieu... es muss bereits Mitte Dezember sein..." Auch wenn ich wusste, wie unreif meine Aufregung auf ihn wirken musste, konnte ich sie doch nicht zurückhalten, knöpfte hastig den Wollstoff zu und schlüpfte in Schal und Handschuhe.
In Gedanken stellte ich mir bereits die Frage, was für eine kleine Aufmerksamkeit ich Erik am Weihnachtsabend schenken würde. Das Haus konnte ich allein nicht verlassen... vielleicht würde Nadir etwas in meinem Auftrag besorgen. Ich könnte Erik einen Brief an ihn mitgeben, wenn er den Daroga wie an jedem Abend am See traf. Doch auch dazu bräuchte ich vorerst eine gute Eingebung, was die Geschenkauswahl anbelangte.
„Ich bin fertig", verkündete ich einige Sekunden später.
Eriks Schmunzeln erfüllte mich bis in jeden Winkel meines Daseins. „Das sehe ich, chérie."
Ich war dankbar, wie gutmütig Erik all die kleinen Veränderungen erduldete, die ich am Vormittag des 24. Dezembers im Salon seiner Wohnung vorgenommen hatte.
Der schwache Duft von Tannenzweigen lag in der Luft und vermengte sich mit dem Aroma von Zimt und Mandeln, das von der Küche aus einen verführerischen Schleier durch die Wohnung zog.
„Ich verstehe nicht, weshalb du soviel Mühe in das Begehen einer derartigen Festlichkeit verwendest", begann Erik, der meine Geschäftigkeit an den Türrahmen gelehnt distanziert betrachtete, „obwohl ich dich niemals als praktizierende Katholikin erlebt habe, chérie."
Ich war gerade dabei, mit einem Tuch störende Fingerabdrücke auf dem Kristall der letzten Schmuckkugel für den Baum zu beseitigen, als ich mich zu Erik umwandte und ihn ein verschmitztes Lächeln zuwarf.
„Vielleicht bin ich das nicht in jeder gutkatholischen Hinsicht, mein Lieber - wie dir ganz sicher nicht entgangen sein sollte. Doch selbst Rohrstock und strengste Maßregelungen haben es im Internat nicht geschafft, mir den Grundgedanken auszutreiben, der hinter Religion und diesem Fest steht: stets ein Licht in dunklen Stunden zu haben."
„Ein hochgestecktes Ziel", murmelte Erik in geradezu bitterem Tonfall. „Vielleicht sind einige Stunden einfach ein bisschen zu finster..."
Ich blinzelte verwirrt. Natürlich war mir nicht entgangen, dass Erik zu jenen Menschen gehörte, die kleine Heilversprechung im Glauben gefunden hatte. Nüchtern betrachtet, war er vor jeder weltlichen Instanz geflohen – warum also nicht auch vor ihren Traditionen, ihrem Gott... Er führte hier in seinem Reich ein Leben, dass streng auf seinen eigenen Regeln und Moralvorstellungen fußte.
Ganz sicher war ich mit meinem Verhalten, meinem Widerspruchsgeist, meiner Verbohrtheit und vielen meiner moralischen Ansichten, kein geeignetes Beispiel einer tugendhaften jungen Frau, der es keine weiteren Probleme bereiten würde, eines Tages rein und ohne Furcht vor das letzte Gericht zu treten. Doch konnte ich mich nicht als gottlos bezeichnen, hatte meine eigene Wahrheit aus den stundenlangen Monologen des Priesters im Internat gezogen und den protzigen Messen, welche wir Mädchen mit züchtig gesenktem Blick als eine ganze Horde kleiner, weißer, grauer und schwarzer Schäfchen besucht hatten.
Doch lief mir ein frostiger Schauer über die Haut, bei dem Gedanken, ein Mensch könnte sich niemandem mehr zur Rechenschaft verpflichtet fühlen, als sich selbst.
„Sei nicht so nachdenklich, ma petite." Erik war neben mich getreten, wand mit geschickten Fingern das Band der Kugel aus meiner Hand und ließ es über einen Zweig des Baumes gleiten, der bisher ungeschmückt geblieben war, weil ich nicht heranreichen konnte. „Lass dich von einem bitteren alten Mann nicht in dieser Freude stören, die deine Augen seit Tagen zum Glänzen bringt. Mit dem Begehen dieses Festes bereicherst du mein Leben abermals um eine Erfahrung."
Im ersten Moment fragte ich mich, was diese Erfahrungen sein mochten, von denen er sprach. Doch meine naseweise Neugier zu befriedigen erschien mir kein angemessener Preis dafür, die Erleichterung zu riskieren, dass das Risiko einer Diskussion um Glauben und Gott am heutigen Abend gebannt war
Auch Erik schien der Sinn nicht nach aufwendigen Gesprächen zu stehen. Noch immer dicht bei mir stehend, hatte er kurz in Stille verharrt. Die Abwesenheit seines Blickes, seine Atmung, die nun ein wenig tiefer geworden war, so als würde er etwas Essentielles aus der Luft in sich hineinsaugen, verrieten mir bereits die Frage, welche gleich gestellt werden würde.
So plötzlich sein Geist fortgedriftet war, kehrte er auch schon wieder. Eriks Augen suchten die meinen. Eine Spur von Tatendrang lag in seiner Stimme und ich wusste genau, wohin ihn das nun führen würde.
„Du entschuldigst mich, meine liebe Zoe?"
Er wartete nicht wirklich auf eine Antwort, lächelte nur kurz und eilte mit kraftvoll bemessenen Schritten in Richtung Tür.
„Du wirst dein Arbeitszimmer doch aber pünktlich zum Abendessen verlassen, nicht wahr Erik?" rief ich ihm in einem Anflug von sorge nach. Dieser Blick vermochte ihn stundenlang an Instrumente und Notenblätter zu fesseln.
Fahrig wandte sich der Angesprochene noch einmal um. „Natürlich, chérie. Ich bin gespannt, was du dort seit Tagen zurecht zauberst." Dann war er auch schon verschwunden.
‚Lügner', dachte ich mit grimmigem Lächeln. Ich konnte mich nicht erinnern, dass Erik je ein Wort über die Beschaffenheit einer Mahlzeit verloren hätte. Essen war für ihn mehr eine lästige Nebensache, die er oft genug zu vergessen schien.
Seufzend bückte ich mich nach dem kleinen Holzschemel neben mir, entnahm das letzte Schmuckstück aus seiner Hülle und stellte die leere Pappschachtel dann beiseite. Mit zusammengebissenen Zähnen ignorierte ich meine lästig wackeligen Knie und stieg auf den Hocker.
‚Nur noch die Spitze', konzentrierte ich mich und streckte beide Arme meinem Ziel entgegen. Ich bog das Tannengrün zu mir heran und ließ das gläserne Prunkstück darüber gleiten. Vorsichtig nahm ich nun Abstand und betrachtete zufrieden mein Werk. Wenn die Kerzen erst entzündet wären, würde der Baum einen wunderbaren Anblick bieten...
Die Pastete! Ein undamenhafter Sprung vom Hocker und schon trugen mich die Beine so schnell sie konnten in Richtung Küche. Hoffentlich war der Maronen Füllung nichts passiert!
Indem ich die Tür zum Kochraum aufriss, musste ich auch schon nach dem Rahmen greifen.
Allem Anschein nach war nichts geschehen, weder Rauch noch sonst etwas ließen darauf schließen, dass dem empfindlichen Backwerk etwas passiert sein könnte.
Doch die vielen Gerüche, welche mir entgegenschlugen nahmen mir beinahe die Luft zum Atmen. Mein Kopf sagte mir, dass es feine Köstlichkeiten waren, doch mein Bauch beharrte darauf, es handle sich um unerträglichen Gestank.
Kalter schweiß trat mir auf die Stirn und ich spürte die erste Welle von Übelkeit.
„Nein", seufzte ich. Ich hatte so gehofft, dass mein Magen wenigstens diesen Morgen über friedlich sein würde.
Erik
Es war vollbracht!
Langsam entglitt der Federkiel meinen zitternden Finger. In mir war es still, ruhig, taub – als hätte ein jahrelang tosender Sturm sich gelegt.
Konnte das sein? Konnte es wirklich sein, dass jenes Projekt, in dem ich nichts anderes als das Streben eines ganzen Lebens sehen konnte, beendet war?
Tatsächlich! Wenn ich die Notenblätter vor mir betrachtete, sah ich die letzten Akkorde, eine perfekt abgeschlossene Komposition deutlich vor mir.
‚Wie ist das nur passiert?', schoss es durch meinen Kopf.
Zwanzig Jahre, beinahe zwanzig Jahre, hatte ich jede Tonfolge, jeden Ausdruck aufs Gewissenhafteste geprüft - überarbeitet, revidiert, besessen stundenlang Für und Wider einer jeder Passage abgewogen. Dann wieder hatte ich den Anblick meines eigenen Werkes für Monate lang nicht ertragen können.
Wie oft ich geglaubt hatte, es nicht fertig stellen zu können, vermochte ich wahrhaftig nicht mehr festzumachen.
Nun schlummerte in mir die Ahnung, dass es nur Zoes Anwesenheit möglich gemacht hatte, dass mir die letzte Essenz offenbart wurde, ohne die ‚Don Juans Triumph' nichts als eine vollkommen scheinenden Hülle gewesen wäre.
Den letzten Akt hatte ich nun nicht mehr nur geschrieben, ich hatte ihn gefühlt.
Mein Held hatte nicht wie in der Legende die gerechte Strafe für seine Frevel erlitten, nein, ihm waren durch Liebe die Augen geöffnet worden...
Das Klopfen an der Tür vernahm ich erst, als Zoe förmlich mit ihren Fäusten dagegen zu hämmern schien.
Langsam, begleitet von einem tiefen Seufzen, erhob ich mich.
Der Verspanntheit meiner Nackenmuskulatur nach zu urteilen, waren Stunden vergangen, seit ich meinen Gast allein den Festtagsvorbereitungen überlassen hatte. Welch frevelhafte Nachlässigkeit! All diese Mühe investierte sie, um uns beiden einen angenehmen Abend zu bereiten und ich würde den Teufel tun, ihr meine Dankbarkeit nun noch länger vorzuenthalten.
Bis zur Tür konnte es nur noch ein Schritt gewesen sein, doch als meine Hand sich auf den kühlen Knauf legte, spürte ich, dass jenes bedrohliche Ziehen in der Brust über die vergangenen Momente hin alarmierend zugenommen hatte.
„Erik? Noch länger kann ich das Essen beim besten Willen nicht mehr hinhalten!", tönte auch schon gedämpft Zoes Stimme von jenseits der Tür.
„Ich komme. Geh schon in den Salon, chérie." Mit einer Hand tastete ich nach dem Halt der Wand.
Bevor ich diesen Raum verlassen würde, musste ich die Schwärze vor meinen Augen und den Schmerz aus diesem vergänglichen Körper vertreiben.
Als die Nadel fein und verheißungsvoll durch meine Haut drang, konnte ich ein leises, erleichtertes Stöhnen nicht zurückhalten. Ruhe, Leichtigkeit musste sich in mir ausbreiten... nur so konnte ich Zoe entgegentreten.
Es musste eine Mischung aus vielem sein – der endgültige Triumph des Don Juan vor mir, die Gewissheit, von Zoes strahlenden Augen erwartet zu werden, Angst – überwältigende Angst vor all dem, was mein Herz bewegte – das mir jeden Boden unter den Füßen fortriss und dazu drängte, entgegen jeder Vernunft, ein weiteres Mal die Spritze aufzuziehen.
Zoe
Nachdenklich schüttelte ich den Kopf, beschleunigte meine Schritte, als ich in den Salon bog. Irgendetwas beunruhigte mich, auch wenn ich es noch nicht direkt zu benennen vermochte...
„Ayesha, nein!" Zeit näher über Erik oder die schon wieder aufsteigende Übelkeit in meiner Magengegend nachzudenken hatte ich nicht.
„Komm sofort da weg, werte Madame!" Ich hastete in Richtung des kleinen Tannenbaumes, wo die Katzendame damit beschäftigt war, sich hingebungsvoll über meine Dekoration herzumachen. Gerade noch angelte sie nach einer der teuren Kristallkugeln, als ich sie auch schon vom Ast gleiten sah und das endgültige Klirren zerberstenden Glases zu hören war.
Ayeshas kleiner Kopf fuhr zu mir herum, gerade so, als ob ich mit meinem Rufen diese kleine Katastrophe heraufbeschworen hätte.
„So, nun hast du deinen Spaß gehabt, und nun komm her", bemühte ich mich, ruhig zu bleiben und schlich langsam auf sie zu. Als würde sie mit mir spielen wollen, blitzten ihre Augen mich an. Mich nicht aus ihrem Blick entlassend, hob sie eine Tatze in Richtung der nächsten Kugel.
„Ayesha", die Stimme hinter mir klang leise, warnend. Und sie verfehlte ihre Wirkung nicht.
Mit dem warmen Gefühl eines kleinen Triumphes stemmte ich die eine Hand in die Hüfte und sah der kleinen Katzendame nach, wie sie sich mit stolz erhobenem Schwanz entfernte.
Von hinter mir, legten sich Eriks Hände auf meine Schultern. Ich tastete nach den Fingern und drückte sie herzlich. „Endlich bist du da. Dann können wir ja beginnen."
„Ja."
Seufzend und mit einem Lächeln auf den Lippen, wandte ich mich um.
Im ersten Moment spürte ich nichts, als die Freude über Eriks Nähe, seine vertraute Aura von Festigkeit und Größe. Da war nichts, was mich hätte misstrauisch werden lassen, dass sich etwas Grundlegendes verschoben hatte.
Und dann fühlte ich, wie jedes Empfinden in mir plötzlich erstarrte. Wie sehr ich auch gegen die eisige Kälte ankämpfte, die bei der sanften Umarmung Eriks über meine Haut kroch, ich vermochte das Gefühl von blanker Angst nicht zu unterdrücken.
Seufzend hatte er meine Schultern umschlungen, schmiegte den Kopf in mein Haar, an meine Wange – und ich war unfähig diese liebevolle Vertrautheit zu erwidern.
Die Enge meine Korsetts, das Gefühl, nicht atmen zu können, waren es was mich langsam wieder zur Vernunft kommen ließ.
„Erik?" Scham musste mein Gesicht färben, in Anbetracht der Heiserkeit meiner eigenen Stimme. „Vielleicht sollten wir uns zum Essen setzen. Mir ist ein wenig schwindelig."
Ich vermied zu ihm aufzublicken, konzentrierte mich ganz darauf meine Hände anzuschauen, die sich wie in Abwehr zwischen mich und ihn auf seine Brust gelegt hatten.
„Chérie..." Er stützte mich und leitete mich zu meinem Platz. Ich war dankbar, seine Hand zu fühlen, ohne sie, die mich stützte, wäre ich ganz sicher in das tiefe schwarze Loch geglitten, das sich vor meinen Füßen aufgetan zu haben schien. Sobald ich die Sicherheit des Stuhles unter mir spürte, schloss ich die Augen.
‚Nur mein Herzschlag klingt hektisch in der Brust...
Nur der Duft des Essens erweckt diese Übelkeit in mir...
Nur die plötzliche Überraschung jagt mir solche Furcht ein...'
.. all das sagte ich mir in Gedanken wieder und wieder.
Ich liebte Eriks Nähe, sehnte mich noch immer nach seinen zärtlichen Berührungen, wollte noch immer nur bei ihm sein! Dieser Anblick, konnte das alles doch nicht einfach ausgelöscht haben! Das durfte nicht sein! Erik! Erik!
„Du solltest etwas trinken, Zoe", seine Worte klangen besorgt, und kamen mir doch langsamer als gewöhnlich vor.
„Ja." Ich war erstaunt, dass ich den Atem aufbrachte, um zu antworten.
‚Nur ein kurzes Sammeln noch', nahm ich mir selbst vor, während ich lauschte, wie Erik ein Glas Wasser eingoss, ‚dann werde ich meine alberne Zimperlichkeit aufgeben und mich zusammennehmen.'
Wie selbstverständlich ich die Maske als einen Teil von ihm angenommen hatte... nun verstand ich. Doch warum - warum hatte er sie gerade heute Abend abgelegt?
Langsam öffnete ich die Augenlider. Und nahm das Glas Wasser mit einem kleinen Lächeln entgegen, das mich mehr Mühe kostete als ich mir jemals selbst eingestanden hätte.
Erik
„So, ist es richtig. Trink langsam, mon coeur, dann geht es gleich wieder."
In dem Nebel, der meine Gedanken umwölkt hatte, merkte ich deutlich und voller Unbehagen, dass es Zoe nicht gut ging. Ihr Gesicht, zierlich umrahmt von kunstvoll aus der Frisur fließenden Haarsträhnen, war blass. Die wunderschönen Augen schienen größer und glänzender als gewöhnlich.
„Danke, Erik", ihr Lächeln schmerzte mich. Es schien nicht aufrichtig.
Hatte ich durch mein langes Fortbleiben eine solch bedrückte Stimmung hervorgerufen?
Ich würde mir Mühe geben, es wieder gut zu machen.
„Es tut mir Leid, dass ich dich so lange warten ließ." Mein Blick glitt durch den Raum und ein warmes, anheimelndes Gefühl mischte sich zu dem gewohnt ruhigen Balsam, der nach der Morphiumdosis zäh und dick durch meine Adern floss. „Wie wunderschön das Kerzenlicht des Baumes mit dem Schein des Kaminfeuers in einem Kanon verschmilzt", hörte ich mich selbst murmeln.
Ganz behutsam spürte ich meine Hand nach der Tischkante tasten, denn das weiche Licht bereitete mir leichten Schwindel.
Mein Mund war trocken.
Zoe stand auf, bewegte sich langsam, ganz langsam auf mich zu.
„Mein Engel", ich spürte das Lächeln auf meinen Lippen. Mir war warm, sie war bei mir, ich konnte – so wie jetzt – die Hand nach ihr ausstrecken und sanft über Zoes Wange streichen lassen. „Danke, chérie. Alles ist so wunderschön geworden, seit du da bist."
„Erik..."
„Was ist das?" Verwunderst zog ich die Hand zurück, betrachtete den feuchten Schimmer auf meiner Fingerkuppe. „Du weinst?"
Meine Arme reagierten nur schleppend, als würde es auf einmal Mühe kosten, Zoe zu umschließen, als sie sich gepresst aufschluchzend an meine Brust schmiegte.
„Sch...", tröstete ich, wiegte den geliebten kleinen Körper sanft. „Was macht dich nur so traurig, mon coeur..."
„Nichts, Erik." Ihr Kopf hob sich und ich fragte mich, was in ihm vorging.
Was konnte es nur sein, das sie plötzlich dazu bewog, ihre kleinen Hände in meinen Nacken zu legen, mich hilflos zu ihrem Gesicht herunterzuziehen...?
Wie war es möglich, dass ich plötzlich etwas so Weiches, so Vorsichtiges auf meinen Lippen fühlte?
Wie war es möglich, dass sie meinen Mund küsste, meine Wangen, meine Haut?
Das war unmöglich!
Meine Maske!
Hitze ergoss sich über mir. Ich musste im Rausch meine Maske abgenommen haben, bevor ich das Arbeitszimmer verließ. Und nun würde ich sterben.
Voller Entsetzen riss ich mich los, schleuderte Zoe mit aller Gewalt fort - fort von mir, fort von der Qual, die ich uns beiden aufgebürdet hatte.
Ich war ein Sturm, der entfesselt worden war, eine Urgewalt der Zerstörung und Angst. Ich wollte die Welt um mich herum in Trümmern wissen, mich unter ihnen verstecken, begraben und in Scham vergehen.
Am Rande meines Bewusstseins hörte ich Glas zersplittern, Holz brechen, spürte irgendwann Feuer an meinen Händen, ohne mich an diesem Schmerz zu stören.
Zoe!
Sie hatte mich gesehen!
Sie wusste dass ich ein Monster war!
Sie hatte mich geküsst...
Es dauerte lange, ehe ich allmählich wieder zur Besinnung kam
Die Sicht vor meinen Augen wurde nach und nach klarer – wie eine beschlagenen Scheibe, deren Milchigkeit sich zögernd löste. Ein unerträglicher Schmerz pochte hinter meinen Schläfen, von dem ich nicht einmal sagen konnte, ob er körperlich oder durch die Wucht meiner rasenden Gedanken hervorgerufen wurde.
Mit einem leisen Ächzen, zwang ich mich selbst auf die Beine. Weder konnte ich sagen, wie lange meine Wut, noch wie lange die auf sie folgende Lethargie angedauert hatte. Doch all meine Benommenheit, machte es nicht einfacher.
Mir wurde eng um die Brust, während das Ausmaß meiner Scham in mein Bewusstsein sickerte.
Erstaunlicher Weise arbeitete mein Verstand zu erst an den bedauerlichen Schäden, die ich Mobiliar, Geschirr und all den Aufmerksamkeiten für einen feierlichgedachten Abend angetan hatte. Doch wenngleich dieser Anblick mich bereits schuldbewusst ein Brennen meiner Augen fortblinzeln ließ, war er nichtssagend im Vergleich zu der Pein, die ich selbst für mich bereit gehalten hatte.
Inmitten dieses Trümmerfeldes lag sie – das Gesicht zum Boden, die Arme bewegungslos angewinkelt. Vielleicht hatte sie noch versucht, den Sturz abzufangen, als ich sie von mir gestoßen hatte.
Ein Krampf durchfuhr meinen Magen, und während ich haltlos auf Zoe zutaumelte, musste ich kämpfen... kämpfen einen Fuß vor den anderen zu setzen, kämpfen mich dem zu stellen, was ich getan hatte.
Als ich ein Schluchzen hörte, wollte ich beinahe erleichtert auflachen – sie lebte! sie war verletzt, doch sie lebte! – aber es war das heisere Geräusch meines eigenen Schmerzes, das mir Tränen in die Augen trieb.
„Mon amour..." Jede Liebesbeteuerung meinerseits, musste so grotesk sein, wie die Lippen über welche sie kamen.
Lippen...
Ein Kuss...
Hatte ich nicht alles selbst verschuldet? Hatte ich nicht ihre liebevolle Selbstlosigkeit, so unverständlich sie mir auch war, zutiefst geschändet?
Meine Hände gehorchten kaum, als ich zitternd die schmalen Schultern ergriff und Zoe behutsam herumdrehte.
„Vorsicht", vernahm ich das eigene Flüstern. „Du darfst sie nicht zerbrechen..."
Während ich mit einem Arm ihren Oberkörper stützte, tasteten die Finger meiner linken Hand nach dem Puls. Doch schon bevor ich die Haut berührte, erfasste Erleichterung von mir Besitz. Durch den zarten blassen Schimmer ihrer Haut, hob sich mir in wildem Protest das überaus lebendige Pulsieren der Hauptschlagader entgegen.
„Nur eine Platzwunde, mon coeur", Aufatmen mischte sich mit der tonnenschweren Gewissheit, dass dieser Umstand keinen Deut von meiner Unfähigkeit wiedergutmachte.
Ich war zu weit gegangen...
Ich war in allem zu weit gegangen.
Wir waren am Ende angelangt.
Dies war das Finale – der letzte Akt meiner selbstgeschaffenen Tragödie.
Es gab nichts mehr, über was ich zu entscheiden hatte.
Ich war lange genug allein gewesen. Wahrscheinlich hatte ich es immer verdient.
Zärtlich fuhr meine Hand über Zoes Wange – nur einmal noch.
„Leb wohl, chérie."
Beinahe hätte ich mich niedergebeugt – wie sehr verzehrte ich mich danach, ihre Haut zu kosten. Lippen auf Lippen, Seele in Seele – alles, wonach es den Menschen eigentlich verlangt.
Ich konnte es ihr nicht antun. Sie hätte nicht einmal die Möglichkeit abzulehnen.
„Adieu."
Ich musste aufstehen, mich an jeden Halt stützen, den ich finden konnte.
Es wäre keine Wiedergutmachung für das, was ich ihr angetan hatte – mit meiner Nähe, mit meiner Wut, mit meiner Liebe. Es war nur der einzige klägliche Versuch ihr etwas zu schenken – die Befreiung dessen, was ich ihr aufgebürgt hatte.
‚Ins Arbeitszimmer', sagte ich mir selbst und trieb mich voran.
Da lag sie...
Klein und unscheinbar. Für sich allein genommen nichts weiter als ein lebloses Ding – für mich betrachtet eine höhnische Erinnerung, wie unmöglich all das war, was ich angestrebt und nun zerstört hatte.
Nicht ‚Don Juans Triumph' war mein Ziel gewesen... sondern der Kuss, die Liebe, welche ich heute mit eigenen Händen und einem Herzen, in dem nur Dunkelheit sein Heim kannte, zerschlagen hatte.
„Ich liebe dich..." Ein Schluchzen bahnte sich seinen Weg tief unten aus meinem Bauch hinauf in die Kehle. Ich glaubte an diesem einen Namen ersticken zu müssen. Jedes Recht, ihn laut zu sagen, war verwirkt. „Zoe..."
Schluss!
„Erbärmlicher Narr!" Indem ich mir ein letztes Mal gestattet mich selbst zu verfluchen, legte ich sie an.
Meine Schultern strafften sich, mein Blick gewann an Kühle – Gefühllosigkeit, die nur ein Trugbild sein konnte angesichts von Schuld und Liebe.
Ein abermaliger Verrat...
Ein letzter Verrat.
Zaghaft, behutsam, berührten meine Fingerspitzen ein letztes Mal ihre geschlossenen Augenlider.
„Schlafe, chérie", schickte ich leise Worte zu Zoe herüber. „ich verdanke dir soviel."
Doch eben weil ich so tief in ihrer Schuld stand, sollte sie nun von mir gehen. Für immer.
Es fiel mir schwer, zu schlucken. Alles hatte ich innerhalb eines Wimpernschlags zerstört –so sah ich das eigene Versagen deutlich vor mir.
Was hatten die Gefühle zu ihr, die nun reglos vor mir lag, nur in solch kurzer Zeit aus mir machen können? Wie waren die sorgfältig errichteten Mauer, welche mich von aller Welt, jedem einzelnen Menschen trennen sollten, nur durch diese wärmende Zuneigung in mir zusammengebrochen?
„Mon étoile..." Einmal noch, nahm ich ihren Anblick tief in mich auf. So friedlich...
Dieses Bild würde fortan die einzige Kostbarkeit sein, welche mir blieb. Ihr seidenweiches Haar, die zarten Gesichtszüge, jeder Millimeter dieses vertrauten fremden Körpers, an den ich mich mit einem Schauer auf der Haut erinnerte.
Ihre Augen...
Es war Zeit zu gehen. Um nichts in der Welt, wollte ich in meiner stillen Trauer gezwungen sein, einer Menschenseele zu begegnen.
Die kleine Wunde an Zoes Stirn hatte ich versorgt, danach das Narkotikum verabreicht. Der Schmerz, den ich ihr abermals antat – sie zurückzubringen, hierher in das Haus ihres Vaters – würde der größte sein.
Als ich mich langsam aufrichtete tanzten abermals flirrende Lichtpunkte vor meinen Augen. Dieses mal war ich dankbar, dass ein Ziehen in der Brust ihnen folgte.
Ich gestattete mir, Zoes Finger haltsuchend zu umschließen.
Erschöpfung würde beenden, was ich törichter Narr schon viel zu lange hinausgezögert hatte. Nach meinem Geist, machte sich nun auch der Körper zum Sterben bereit. Es war mir schwer gefallen, Zoe aus der Oper an die Oberfläche zu bringen.
Selbst jetzt zitterte ich. Die Beine gehorchten mir nicht richtig, der Kopf schien nur eine unförmige Masse rauschenden Schmerzes zu sein! Erbärmlich!
Vorsichtig löste ich meine Hand von Zoes, die ich die letzten Minuten gehalten hatte – ein stummes Zeichen dieses Abschieds. Sorgfältig strich ich die warme Decke glatt, legte das vorbereitete Briefkuvert auf den Nachttisch rechts vom Bett.
Dann verließ ich das Zimmer. Mit jedem Schritt, den es mich die Treppe hinab trug, fühlte ich mein Herz unregelmäßiger aufbegehren. Scheinbar wusste es, dass die Trennung von Zoe sein endgültiges Schweigen besiegeln würde.
Es waren Stimmen aus dem Salon, die mich schlagartig stehen bleiben ließen. Ein schwacher Lichtstrahl fiel in den Flur. Als ich Zoe die Treppe hinaufgetragen hatte, war er mir nicht bewusst geworden.
Ich konnte also von Glück sagen, einer Begegnung mit dem Hausherrn entgangen zu sein.
Leise trat ich zur Küchentür, von wo aus ich unbemerkt nach draußen gelangen konnte.
„Nein, ich zweifle nicht an meiner Entscheidung!" Der wütende Aufruf des Persers hielt mich zurück. Mit wem mochte er in diesem Tonfall und in seiner Muttersprache derart leidenschaftlich disputieren?
Die Erwiderung seines Gegners wurde zu bedacht vorgetragen, als dass ich ihn hätte vernehmen können. Doch Nadir Khans Antwort traf mich laut und gewaltsam.
„Keine weiteren Einwände, Darius! Wenn ich auch nur einen Funken ihrer Ehre retten will, dann muss es geschehen! Ich habe ihm meine Zusage gegeben! Sobald meine Tochter zurückkehrt, wird sie diesen jungen Mann heiraten!"
Nein!
Keuchen!
Nicht...
Meine Hand fuhr herauf zur Brust, krallte sich in das Fleisch, versuchte das verräterische Organ an ein Leben zu halten, das mir eben noch so wertlos erschienen war.
Krämpfe schüttelten mich, zwangen mich in die Knie.
Mein Verrat an Zoe war größer gewesen, als ich hätte ahnen können.
Als der Boden hart meine Wange traf, nahm ich es kaum noch war.
Peinigende Angst.
Luft... Luft...
Zoe!
Es wird so dunkel...
