Kapitel 3: Rückkehr mit Schrecken

Peter lief, so schnell ihn seine Beine trugen. Bisher hatte er sich stets für einen guten Läufer gehalten. Jetzt zweifelte er an diesem Glauben, denn es fiel ihm schwer, mit Eliphias und Aletheia Schritt zu halten. Der kleineren, leichteren und damit beweglicheren Person von Aletheia hätte er das vielleicht noch zugetraut. Zwar wirkte sie weder sonderlich kräftig noch trainiert, doch eine gute Ausdauer sah man einem Menschen selten allzu deutlich an. Wirklich erstaunt war er über die Geschwindigkeit, mit der ihm der stämmig Kapitän davon lief. Der Mann musste sicher ein Drittel mehr wiegen als Peter selbst und schien eher für Kraft als für Geschwindigkeit geschaffen zu sein.
In all dieser Eile verblassten die Schönheit und Eleganz der kunstvoll geschmückten Wände, sorgsam geschnitzten Türen und filigran dekorierten Fenstergläser, sodass sie in einem einzigen Gewirr der Eindrücke, für deren einzelne Wahrnehmung keine Zeit blieb, untergingen. Ähnlich erging es den Bewohnern des Schlosses, an denen sie vorbei kamen. Wer auch immer sich hier aufhielt hatte kaum eine Chance, in diesem Moment von den aufgeregten Menschen wahrgenommen zu werden. Beinahe wäre Peter mit etwas zusammengestoßen, das auf zwei Beinen ging und von oben bis unten pelzig zu sein schien. Was für ein Wesen auch immer es war – denn für einen klärenden Blick wollte und konnte sich Peter keine Zeit nehmen – es hatte ausgezeichnete Reflexe.
Sie hatte wohl etwa den halben Weg durch das Schloss zurückgelegt, als Lucy zu Peter aufschloss. Sie riskiert es, an ihm vorbei aus dem Fenster auf das Meer zu sehen. Ein unerklärlicher Ausdruck lag auf ihrem Gesicht, der Peter ein wenig an die Leute erinnerten, die in Kriegszeiten hatten erfahren müssen, dass ein geliebter Mensch oder enger Freund verwundet vom Schlachtfeld zurückkehrte.

Fast stießen Peter und Lucy mit Aletheia zusammen, die unvermittelt Halt machte und einen nachdenklichen Blick in einen Gag warf, der links von ihnen abging. Dort stand eine junge Frau, vielleicht fünf Jahre jünger als die Königin oder auch ein wenig mehr, und war offenbar gerade im Begriff, einen Raum zu betreten. Als sie bemerkte, dass sie beobachtet wurde, nahm sie die Hand von der Tür und wandte den Kopf um, sodass ihre langen, dunklen, lockigen Haare schwungvoll über ihre rechter Schulter fielen. Große, grüne Augen starrten die vermeintliche Störung aus einem schmalen Gesicht an. Der Anblick wirkte ein wenig beunruhigend, doch Peter war sich sicher, dass man keine bekanntermaßen zwielichtigen Gestalten in Cair Paravel dulden würde.
„Rubin", sprach Aletheia die junge Frau an und befahl sie mit einem Wink zu sich.
Rubin antwortete nicht, reagierte aber sofort und kam eilig den Gang entlang geschritten. Am Ende angekommen warf sie einen kurzen Blick aus dem Fenster. Ihr Gesichtsausdruck wurde angespannt und nachdenklich.
„Ich werde Räumlichkeiten vorbereiten, ein paar Leute zum Strand schicken und die Heiler herbeirufen", erklärte sie, als wiederholte sie nur eine Anweisung, die ihr soeben gegeben wurde.
„Sie sollen Decken und Tragen mitbringen", ergänzte Aletheia. „Und stellt frisches Wasser und etwas warmes Essen bereit."
Rubin nickte, drehte sich um und verschwand in dem Gang, aus dem sie gekommen war. Peter erlaubte sich einen Blick aus dem Fenster. Das Schiff war näher gekommen und hatte offenbar Halt gemacht. Nun lag es ruhig und leicht nach rechts geneigt in der Bucht. Die Beiboote waren zu Wasser gelassen worden und bewegten sich unangenehm schleppend auf den Strand zu. Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen, sodass auch das Wasser dunkler wurde und fast bedrohliche Züge annahm.
„Weiter", sagte Aletheia nur und lief wieder los. Lucy folgte ihr sofort und auch Edmund rannte nun an Peter vorbei. Dessen Blick verweilte noch kurz bei dem angeschlagenen Schiff. Natürlich war ihm anzusehen, dass es Schaden genommen hatte. Doch nichts schien auf einen Überfall oder eine Naturgewalt hinzudeuten, die so verheerend gewesen war, dass das zweite Schiff nicht zurückgekehrt war. Vom Herumstehen würde sich diese Frage aber nicht beantworten. Also setzte er sich wieder in Bewegung, gerade in dem Moment, in dem Eustace zu ihm aufgeschlossen hatte.

Sie waren alle außer Atem, als sie den Strand erreichten. Eliphias stand bereits dort, nur ein paar Schritte vom Wasser entfernt, und starrte angespannt auf die Beiboote, die ihr Ziel nun fast erreicht hatten. Peter fragte sich, ob es wohl sein Schiff war, das dort in der Bucht lag. Der Blick des Kapitäns wanderte fachmännisch über den nicht sichtbar beschädigten Rumpf, den Stumpf des gebrochenen Masts und die zerfetzten Segel. Auch die Galionsfigur, einstmals wohl ein Drachenkopf, war nicht mit heiler Haut davon gekommen. Es musste ein prachtvolles Schiff gewesen sein und im Grunde wäre es das wohl immer noch gewesen, wenn es in seinem Zustand nicht so zerbrechlich gewirkt hätte.
Einige Sekunden lang herrschte absolute Stille unter den Menschen, die angespannt wartend im Sonnenuntergang standen. Dann gewann Lucy ihre Fassung wieder und wagte ein paar Schritte, bis sie neben Aletheia stand. Ihr Blick wanderte einige Male zwischen der Königin und dem Schiff hin und her, bis sie schließlich genug Mut gefasst hatte.
„Ist das die Morgenröte?", fragte sie unsicher.
Sie presste die Lippen zusammen und sah wieder aufs Meer hinaus. Peter erinnerte sich, dass sie von diesem Schiff gesprochen hatte. Ihr letztes Abenteuer in Narnia hatte sich größtenteils dort abgespielt. Es fiel schwer zu glauben, dass dies dort draußen das selbe Schiff sein sollte, von dem seine Schwester so überschwänglich erzählt hatte.
„Ja", antwortete Aletheia beherrscht. „Oder das, was die Umstände davon übrig gelassen haben."
Ihr Gesichtsausdruck war dermaßen stoisch und nichtssagend, dass er ebenso einer Statue hätte gehören können. Eliphias verlagerte unbehaglich das Gewicht von einem Bein auf das andere. Wieder war es still geworden und das Rauschen der Wellen klang fast wie höhnisches Lachen.

Während die Menschen angespannt warteten, füllte sich der Strand zusehends. Verschiedene Kreaturen waren erschienen: darunter weitere Menschen, Minotauren, eine Gruppe Bären, sogar zwei Riesen und eine Meute grimmig dreinschauender Wölfe. Einer von ihnen, seiner Haltung und Stellung in der Gruppe nach wohl ihr Anführer, trat vor.
„Nun ist geschehen, was geschehen musste."
Aletheia wandte sich zu ihm um und warf ihm einen wütenden Blick zu, der ihn leise jaulen und mit eingeklemmtem Schwanz einen Schritt zurücktreten ließ.
„Das ist ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt um darauf zu bestehen, recht gehabt zu haben, Cato", ermahnte sie ihn.
Der Wolf senkte den Kopf und antwortete nicht. Einige der anderen Umstehenden schienen seiner Meinung zu sein. Die meisten von ihnen wirkten jedoch weniger vorwurfsvoll als er. Besorgnis und Unsicherheit prägte ihr Erscheinen und der Eine oder Andere schien sich bereits konzentriert auf das einzustellen, was kommen würde.
„Aber er hat recht", stimmte Eliphias dem Wolf zu.
Auch seine Worten klangen vorwurfsvoll doch scheinbar weniger gegen andere als gegen sich selbst. Peter schloss daraus, dass er wohl der Kapitän der Morgenröte war und ihn der Gedanke belastet, nicht da gewesen zu sein, als sein Schiff in Not geraten war.
„Lasst uns doch erst einmal abwarten, was geschehen ist", ertönte eine zarte Stimme.
Suchend sah sich Peter um, konnte aber im ersten Moment niemanden erkennen, zu dem sie gepasst hätte. Die meisten der anwesenden Menschen und Kreaturen war von großer, stämmige Statur. Auf den zweiten Blick offenbarte sich jedoch eine Maus, die den Rücken des Wolfs erklommen hatte. Ihre Stimme hatte weiblich geklungen.
„Was gibt es da abzuwarten?", entgegnete Cato grimmig. „Sieh doch hin!"
„Du kannst nichts als Schwarzsehen und dich beklagen", wies ihn die Mäusedame entschlossen zurecht. Sie hatte sich zu ihrer vollen Größe aufgerichtet und wog nervös im Takt der Wellen hin und her.
„Du hast völlig recht", brummte Cato mit unüberhörbarem Sarkasmus. „Wir sollten dankbar sein, dass überhaupt auch nur ein Planke zurückgekehrt ist."
„Nun gib doch Ruhe", wies ihn die Maus sanft zurecht. „Wir haben jetzt größere Sorgen."

Wenige Minuten vergingen noch in Stille, dann hatten die Boote den Strand erreicht. Offensichtlich völlig erschöpfte Seeleute betraten den sicheren Boden. Die Erleichterung stand ihnen ins Gesicht geschrieben, ebenso wie die Strapazen der Reise, die sie gerade hinter sich gebracht hatten. Ihre Haltung wirkte kraftlos, die Lebendigkeit in ihren Augen fehlte gänzlich. Innerhalb von Augenblicken wurden sie von den anwesenden Helfern in Empfang genommen, mit Decken versorgt und in Richtung des Schlosses davon geführt oder gar getragen. Einer von ihnen, ein Mann mittleren Alters von schmaler aber doch muskulöser Statur, löste sich aus dem entstehenden Tumult und humpelte auf Aletheia und Eliphias zu. Einige Schritte vor ihnen blieb er stehen und deutete eine ungeschickte Verbeugung an. Sein Gesicht war mit Prellungen und Schnittwunden übersät, eine davon lag so dicht unter seinem linken Augen, dass er wohl froh sein konnte, es noch zu haben. Die Haut wirkte fahl und eingefallen. Um seine Kleidung stand es nicht viel besser. Sie war zerrissen, schmutzig und roch unangenehm.
„Majestät, Kapitän", brachte er angestrengt hervor. Den Versuch, eine würdevolle Haltung einzunehmen, gab er schnell auf. Ihm fehlte einfach die Kraft und seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen auch der Grund dafür. Eliphias reagierte nicht auf die Begrüßung, als hätte man ihn gar nicht angesprochen.
„Arr, was ist passiert?", wollte Aletheia wissen.
„Ich bin mir inzwischen nicht mehr sicher", antwortete der gebeutelte Mann. „Es schien alles wie geplant vor sich gehen zu wollen. Die Hinreise verlief ohne Zwischenfälle. Wir luden die Fracht aus und blieben einige Tage um die Opfer der Überfälle zu befragen. Dann traten wir schließlich die Rückreise an. Es muss etwa auf halber Strecke gewesen sein. Sie kamen mitten in der tiefsten, sternlosen Nacht. Schnell, lautlos. Wir hatten kaum begriffen, was vor sich ging, da hatten sie bereits das halbe Schiff auseinander genommen. Sie haben alles mitgenommen, was wir noch an Vorräten, Werkzeugen und Waffen hatten und einige unserer besten Männer. Dann verschwanden sie einfach wieder. Es gab kaum Kämpfe, denn wir bekamen unsere Gegner im Grunde nicht zu sehen."
Verwunderte Blicke wurden ausgetauscht und Peter zerbrach sich den Kopf darüber, ob es irgendeine Macht oder ein Volk in Narnia gab, das solch einen Angriff zustande gebracht hätte. Allerdings waren die Informationen bisher eher spärlich. Es ließen sich also keine handfesten Schlüsse ziehen.
„Wer sind Sie?"
Arr zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Sie kamen mitten in der Nacht und es zog Nebel auf." Er unterbrach seine Rede, um einen Moment nachzudenken. Ihm war anzusehen, dass ihm ein Aspekt aufgefallen war, über den er bisher nicht nachgedacht hatte. „Seltsame Sache. Das Wetter stand nicht günstig dafür. Ich könnte nicht mal sagen, ob sie mit einem Schiff kamen, mit zwei oder mehr. Ich habe nur eins gesehen, denke ich. Fast so schwarz wie die Nacht selbst. Wie ein Geisterschiff. Wüsste ich es nicht besser, hätte ich gesagt, die Toten haben uns heimgesucht. Doch sie waren nicht tot. Wenn man sie zu fassen bekommen hat, haben sie geblutet wie die Lebenden. Sie gingen aufrecht auf zwei Beinen und trugen Waffen bei sich. Mehr kann ich nicht sagen und mehr habe ich von niemandem gehört."
Diese Antwort hatte Peter in seinen Überlegungen nicht weiter gebracht. Ihm wollte kein Volk einfallen, schon gar kein seefahrendes, das sich solcher einer Taktik bediente. Andererseits waren die Zeiten, in denen er über fast alles, was in Narnia vor sich ging, im Bilde war, längst vorbei.
„Was ist mit der Helen?", meldete sich nun endlich Eliphias zu Wort.
Arr öffnete den Mund um zu antworten, schloss ihn gleich darauf aber wieder. Erneut zuckte er mit den Schultern. Die Schuldgefühle standen ihm ins Gesicht geschrieben. „Der Nebel lichtete sich erst am nächsten Morgen. Von der Helenwar keine Spur mehr zu finden. Aber wir konnten uns nicht auf die Suche machen. Wäre Io nicht gewesen, wäre wir wohl nicht zurückgekehrt."

Ein leises Knurren unterbrach die angespannte Stille der Zuhörer. Peter zuckte leicht zusammen, hatte sich aber schnell wieder unter Kontrolle. Cato näherte sich, nachdem er geholfen hatte, die Beiboote an Land zu ziehen und fest zu vertäuen. Seine Beine waren fast bis zum Ansatz mit nassem Sand verklebt und die Haare standen ihm zu Berge.
„Die sehen wir nie wieder", stellte er fest. Diesmal klang seine Stimme aber nicht vorwurfsvoll sondern resignierend.

Seine kleine Begleiterin saß auf seinem Kopf und bemühte sich, trotzig auszusehen. „Wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben. Womöglich haben sie sich im Nebel nur verirrt."
„Sag nur, du glaubst diesen Unsinn, den du da redest, Li", schnaubte Cato. „Verirrt! Hätten sie diesen Überfall überlebt, hätten sie sich bis zum Sonnenaufgang genauso wenig vom Fleck bewegen können wie die Morgenröte."
Die Mäusedame antwortete nicht, ließ sich aber ihre Frustration ansehen. Aus ihrer Sicht musste es wohl noch eine andere Möglichkeit geben, auch wenn sie nur Einbildung war.
„Wir wollten uns auf die Suche begeben", meldete sich Arr schuldbewusst zu Wort. „Aber der Rumpf hatte einen Riss unter der Wasserlinie und wir hatten keine Möglichkeit, ihn dauerhaft zu reparieren."
„Nein", widersprach ihm Aletheia entschlossen. „Ihr habt Euch richtig verhalten. Es wäre unvernünftig gewesen, Euer Schiff auch noch zu gefährden. Geht jetzt ins Schloss, lasst Eure Wunden versorgen und erholt Euch. Morgen sehen wir weiter."
Arr nickte resignierend. Unbeholfen deutete er erneut eine Verbeugung an und schlich dann wie ein getretener Hund davon. Cato folgte ihm mürrisch, während Li mit einem erstaunlichen Satz auf Arr zusprang, der sie ungeschickt auffing, und begann, dem bedrückten Seemann gut zuzureden.
Eliphias sah den Dreien noch lange hinterher, dann wandte er sich wieder zu seinem Schiff um.
„Ich kenne diesen Blick", sprach Aletheia ihn an. „Du hättest nichts anderes tun können, wärst du dabei gewesen. Arr ist ein kluger, erfahrener und besonnener Mann. Er hat die richtigen Entscheidungen getroffen. Der Fehler lag nicht auf dem Schiff." Eliphias machte keine Anstalten, zu widersprechen, auch wenn er sichtlich anderer Meinung war. Allerdings argwöhnte Peter, dass nur sein Gefühl ihm etwas Gegenteiliges einzureden versuchte. Verstand und Erfahrung ließen ihn zum gleichen Schluss kommen. „Geh mit und kümmere dich um deine Leute. Womöglich hat doch jemand mehr gesehen oder gehört."
Auch der Kapitän machte sich wortlos auf den Weg zurück zum Schloss, sodass die Pevensie-Geschwister, Eustace und Jill allein mit Aletheia am Strand zurückblieben.
„Da muss man doch was unternehmen können", protestierte Eustace gegen das Gesagte. „Man sollte das vermisste Schiff suchen."
„Das wäre unvernünftig", widersprach Peter ihm. Sein Gefühl sagte ihm im Grunde das Gleiche. Man musst etwas tun, konnte die Leute auf der Helen nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Aber vielleicht war ihr Schicksal längst besiegelt. „Wo sollte man die Suche anfangen? Wahrscheinlich ist das Schiff tatsächlich gesunken. Vielleicht haben die Räuber, Piraten, oder was auch immer sie sind, es mitgenommen."
„Aber man sollte es wenigstens versuchen.", beharrte Eustace. „Die Besatzung verlässt sich vielleicht darauf, dass sie jemand rettet."
„Nein", entschied Aletheia. „Wir werden niemanden mehr so einer ungewissen Situation aussetzen, solange wir nicht mehr wissen."
„Und wenn wir nicht mehr erfahren, außer es begibt sich jemand auf die Suche?", gab Susan zu bedenken.
„Das finden wir heute nicht mehr heraus."
Ein leichtes Nicken von Susan beendete die Diskussion. Der Tag gab keine Entscheidung über das weitere Vorgehen mehr her.

Schweren Schrittes trat Aletheia ans Wasser heran, bis ihre Fußspitzen von den letzten Ausläufern der Wellen berührt wurden.
„Io", rief sie. Einen Moment lang folgte nur ungerührte Stille. Dann erhob sich eine Welle, das Wasser verdrehte sich in sich selbst und formte eine fast völlig durchsichtige, menschenähnliche Gestalt, die so gelungen war, dass man ihr sogar die Mimik ansehen konnte. „Ich danke euch, dass ihr sie uns zurückgebracht habt."
Die Wassergestalt legte den Kopf ein wenig schief und sah nicht weniger bedrückt aus als die heimgekehrten Seefahrer und ihre besorgten Helfer.
„Natürlich", antwortete Io und es klang nicht, als wollte sagen, dass sie den Dank als Selbstverständlichkeit empfand. Eher wollte sie wohl ausdrücken, dass sie nichts anderes hätte tun können und wollen als helfen.
„Habt ihr etwas gesehen?", wollte Aletheia wissen. „Wisst ihr etwas über diese Seeräuber?"
Io wackelte leicht mit dem Kopf und sah noch betrübter aus.
„Nein, wir haben nichts zu berichten. Wir haben die schwarzen Schiffe schon manches Mal gesehen, doch wir wagen uns nicht in ihre Nähe. Das Böse lauert in ihren Bäuchen." Ihr Blick wanderte einen Moment zurück zur Morgenröte, die immer noch unverändert in der Bucht lag. „Wir werden euer Schiff behüten, bis ihr kommt, um seine Wunden zu heilen."
„Danke", meinte Aletheia noch einmal. Dann zerfloss die Wassergestalt wieder bis der letzte Tropfen in einer seichten Welle verschwunden war. „Wir sollten auch ins Schloss zurückkehren. Es gibt hier im Moment nichts für uns zu tun."
Sie setzte sich in Bewegung und die vier Geschwister sowie Eustace und Jill schlossen sich ihr an.
„Ich könnte helfen, die Verletzten zu versorgen", bot Lucy an. „Wenn vielleicht mein Fläschchen mit der magischen Essenz noch existiert."
„Das wäre sehr freundlich", entgegnete Aletheia. „Fragt Rubin danach. Sie wird es Euch heranschaffen."
Lucy nickte eifrig. Sie hatte ihre Beschäftigung für den Rest dieses merkwürdigen Tages gefunden und würde sich vermutlich um die Heimkehrer kümmern so lange sie die Augen offen halten konnte. Peter würde dagegen wohl nicht viel mehr übrig bleiben, als darüber nachzudenken, was geschehen und wer dafür verantwortlich war.


Der Charakter „Rubin" ist eine freundliche und äußerst nützliche Leihgabe von Poetisa (unter diesem Namen zu finden auf ).