3.

Wütend hackte Meliane auf die Sternwurzeln ein.

Normalerweise war dies eine Arbeit, die niemand gerne tat, aber jetzt war es genau das Richtige, um die in ihr angestauten Aggressionen rauszulassen... sie dachte dabei an Draco.

Sie war alleine im Kerker, wo sie für die in diesem Schuljahr anstehenden ZAG-Prüfungen zur Zeit alle möglichen Zaubetränke übte, denn gerade in diesem Fach wollte sie ganz sicher nicht versagen.

Das war zwar wirklich mehr als unwahrscheinlich, da sie seit Jahren so etwas wie Professor Snapes Aushängeschild war, aber es konnte nie schaden.

Außerdem hatte sie ja nicht nur vor, so viele ZAGs wie möglich zu bekommen, es war für sie auch keine Frage, daß sie unbedingt zu Professor Snapes UTZ-Kurs zugelassen werden wollte.

Und ein "Erwartungen übertroffen" war hierfür eben nicht genug.

Nicht bei ihm.

Snape akzeptierte ausschließlich die Elite, und wer kein Slytherin war, hatte es zusätzlich schwer.

Sie hatte im Laufe der Jahre schon so einige Zaubetränke selbst kreiert - teilweise hart an der Grenze zur Legalität, teilweise sogar jenseits davon, und sie hatte immer wieder das Gefühl gehabt, daß ihr Professor in solchen Fällen beide Augen fest zugedrückt hatte - denn entgangen sein konnte es ihm unmöglich... diesem Mann entging niemals etwas.

Meliane vermutete, daß er froh war, überhaupt eine so hochmotivierte und zweifellos talentierte Schülerin zu haben, trotz seiner offenkundigen Abneigung gegen Streber und Anbiederer und seiner unbestreitbaren Tendenz, Slytherin-Schüler zu bevorzugen.

Im ständigen Streit zwischen Slytherin und Gryffindor bildeten Ravenclaw und Hufflepuff so etwas wie eine neutrale Zone, und dies war Meliane mehr als recht.

All diese lächerliche Gehabe der Slytherins, was "reines" Zaubererblut betraf und ihr elitäres Selbstempfinden widerten sie an- und niemand war diesbezüglich schlimmer als Draco Malfoy, dessen gesamte Familie und Vorfahren ausnahmslos in Slytherin gewesen waren.

Sollte in dieser Familie jemals ein Squib geboren werden, würde dieser ohne Frage augenblicklich verstoßen werden... mit viel Glück.

Und als sei es nicht schon genug gewesen, daß sie dazu verdammt war, diesen Mistkerl zum Ball zu begleiten, hatte er sie gestern angesprochen und ihr in seiner selbstgefälligen Art mitgeteilt, daß sein Vater sie kennenlernen wollte.

Draco erwartete allen Ernstes, daß sie mit ihm einen Ausflug zu Malfoy Seniors Landsitz in Wiltshire machte, damit sich dieser ein Bild von ihr machen konnte ( - sie begutachten, wie sie annahm - wenn schon keine Slytherin, so mußte sie doch sicher andere Vorzüge zu bieten haben... so in etwa stellte sich Meliane die Gedankengänge eines Mannes vor, der solch einen menschenverachtenden, überheblichen Sohn erzogen und offenbar stark geprägt hatte).

Immerhin war Dracos Gesichtsausdruck, als sie ihm in freundlichem Ton gesagt hatte, wo ihr sein Vater vorbeiging und was er sie sehr gerne mal könne, unbezahlbar gewesen.

Sie hatte ihn anschließend einfach stehen lassen, und er war anscheinend zu schockiert gewesen, um ihr zu folgen.

Meliane wäre zu gerne dabei gewesen, wenn Draco seinem, wie man so hörte, überaus strengen Vater ihre Antwort auf seine "Einladung" mitteilte.

Sie bezweifelte jedoch stark, daß er sie wortwörtlich wiedergeben würde... dazu fehlte es ihm eindeutig an Mut.

Als sie an den Ausdruck in Chos sonst so sanften dunklen Augen dachte, als sie ihr schließlich widerwillig und zähneknirschend erzählt hatte, mit wem sie zum Ball verabredet war, verdüsterte sich ihre Miene wieder.

Sie hieb mit erneut aufwallender Wut auf die inzwischen sehr kleingehackten Sternwurzeln ein, als hinter ihr eine Stimme erklang, die sie herumfahren ließ.

"Na, na... was haben Ihnen die armen Wurzeln denn getan?"

Vor ihr stand ein Mann, schätzungsweise um die 35-40 Jahre alt, mit milde amüsiertem Blick; ganz in Schwarz, silbrigblondes, langes Haar, attraktive, markante Gesichtszüge, stechende, hellblaue Augen - sehr blaue Augen - und einer kühlen Ausstrahlung.

Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah sie ihn an und sagte recht unwirsch:

"Wer sind Sie denn?

Professor Snape ist nicht da, falls sie ihn suchen."

Der Mann lächelte knapp.

"Oh, das tue ich nicht.

Ich habe ihn gerade gesprochen."

Seine Stimme war ebenso kühl wie seine ganze Erscheinung, er hatten einen lässigen, leicht gedehnten Tonfall.

Jetzt wanderten seine Blicke über ihren Arbeitsplatz, ihre Trankzutaten, die Werkzeuge, ihre Hand mit dem Messer darin, dann herauf über ihren Arm, ihre Schulter, bis er ihr wieder in die Augen sah.

Ruhig, aufmerksam, schweigend.

Dann ging er langsam auf sie zu, an ihr vorbei, sah sich, scheinbar höchst interessiert, um.

"So... Sie sind das also.

Severus´... "Wunderschülerin"."

Er wandte sich wieder zu ihr um.

"Schön, Sie endlich mal in... Fleisch und Blut zu erleben, Miss Lilly."

Seine Augen funkelten.

"Ach... ich bin also ein Berühmtheit... wie nett...", eriwderte Meliane nach außen hin kühl, innerlich irritiert.

"Da Sie mich zu kennen scheinen, haben Sie nun auch sicher die Freundlichkeit, mir zu sagen, wer Sie sind und was Sie wollen.

Wie Sie sehen können, habe ich zu tun."

Er deutete ein Lächeln an und sah kurz in ihren Kessel.

"Ah, ja, ich verstehe... Zaubertränke.. sind wahrhaftig ihr Spezialgebiet, nicht?

Und ist das, was Sie da gerade brauen...", er kam etwas näher, "... womöglich ein Trank von der Sorte, die meinem Sohn den Kopf verdreht hat, Miss Lilly?"

Er sah wider auf.

Mit wachsender Unruhe fragte sie erneut:

"Wer sind Sie?"

Er durchbohrte sie mit seinen Augen, antwortete jedoch nicht... und dann hielt sie die Luft an, als es plötzlich bei ihr "Klick" machte.. laut und deutlich, und eindeutig zu spät.

Natürlich... wie hatte sie diese Ähnlichkeit in jeglicher Hinsicht übersehen können?

Das Haar, die edle Kleidung, diese arrogante Ausstrahlung... die in gewisser Weise attraktiv war...

Langsam sagte sie:

"Sie sind Dracos Vater."

Ein Aufblitzen in seinen Augen... und ganz sanft sagte er:

"Lucius Malfoy.

Es ist mir ein außerordentliches Vergnügen, Miss Lilly."

Er ergriff ihre Hand, drückte sie kurz; sie atmete aus, als er sie losließ.

Sie betrachtete ihn.

"Ihr Ruf eilt Ihnen voraus, ."

Wieder ein Lächeln.

"Nun, dasselbe kann ich von Ihnen behaupten, Miss Lilly... oder darf ich Sie Meliane nennen?

Ein interessanter Name, nebenbei bemerkt... wie seine Trägerin."

Ärger stieg in ihr auf, und seine unverschämte Frage ignorierte sie.

Er betrachtete sie eingehend, von oben bis unten, unverhohlen.

"Nun ja, Meliane... ich gebe zu, ich war etwas... überrascht, daß Draco sich eine Begleitung aus einem anderen Haus ausgesucht hat... aber ich nehme an, das hat seine Gründe... natürliche Gründe, hoffe ich doch..."

Er sah kurz zu ihrem Kessel, dann wieder zu ihr.

Meliane schnaubte leicht verächtlich und sagte:

"Sie können es sich vielleicht nicht vorstellen, aber falls Sie glauben, ich hätte einen Liebestrank verwendet, um Draco zu verzaubern... Sie scheinen nicht die geringste Ahnung zu haben, wie absurd diese Idee ist.

Abgesehen davon, daß ich weit Besseres zu tun habe, ist die Vorstellung eines Draco Malfoy, der verliebt vor sich hinstarrt und Herzchen auf sein Pergament kritzelt, mehr als beängstigend."

Lucius Malfoy sah sie abschätzend an; dann fragte er unvermittelt:

"Was hat er gegen Sie in der Hand, Meliane?"

Sie zuckte zusammen und starrte ihn an.

Er fuhr fort.

"Mir scheint, daß Sie alles andere als glücklich darüber sind, die Ballpartnerin meines Sohnes zu sein, auch wenn mir das ein Rätsel ist.

Aber andernfalls hätten Sie spätestens, nachdem ich Ihnen meinen Namen genannt habe, ein ganz anderes Verhalten an den Tag gelegt.

Und selbstverständlich wären Sie mit Freuden meiner Einladung gefolgt... was Sie ja nicht sind.

Zu meiner allergrößten Enttäuschung im Übrigen."

Melianes Herz hatte begonnen, etwas schneller zu schlagen.

So wenig sympathisch dieser Mann auch war - er schien definitiv nicht auf den Kopf gefallen zu sein, sein Verstand war offenbar genauso scharf und analytisch wie seine Röntgenaugen.

Für einen kurzen Moment spürte sie ganz deutlich, wieso sich niemand mit Lucius Malfoy anlegen mochte, wieso er diesen Ruf hatte... etwas an ihm wirkte gefährlich.

Womöglich wäre es eine sehr schlechte Idee, sein Interesse zu wecken.

Sie riß sich zusammen und sagte sehr ruhig:

"Und da haben Sie sich extra die Mühe gemacht, herzukommen und mich... kennenzulernen.

Ich bin beeindruckt, ."

Er kam ein Stück näher und sagte kühl:

"Nun, mein Sohn liegt mir am Herzen."

Er machte eine Pause und fuhr sachlich fort:

"Draco sagte mir, Sie hätten zuwenig Zeit, um so kurzfristig zu mir zu kommen... die anstehenden Prüfungen... und so weiter."

Meliane konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.

"So, das hat er Ihnen also gesagt...hmm", sagte sie mit funkelnden Augen.

Hatte sie es doch gewußt.

"Allerdings, das hat er. Ist das etwa nicht richtig?"

Sie zögerte kurz, antwortete dann, ihn offen ansehend, charmant:

"Nun ja... es ist schon richtig... nur ist es nicht ganz das, was ich gesagt habe.

Der genaue Wortlaut war... daß Sie mir am Arsch vorbeigehen und mich sehr gerne mal muscheln können."

Sie lächelte knapp.

Seine Augen blitzten auf, und er kam plötzlich noch näher... eindeutig zu nah.

"Tatsächlich... das ist ja interessant", flüsterte er.

Sie wich nicht zurück, wollte keine Schwäche zeigen und sagte zart:

"Oh, bitte, werfen Sie es Ihrem Sohn nicht vor... ich bin sicher, er wollte nur nicht Ihre... Gefühle verletzen, ."

Er nickte irgendwie nachdenklich und langsam, und sie konnte sehen, wie in seinen eisigen Augen ein Interesse zu erwachen begann, das nicht gut war... und das genau das war, was sie hatte vermeiden wollen.

Aber dummerweise hatte sie mal wieder ihre Klappe nicht halten können, es fiel ihr grundsätzlich immer schwer, sich nicht mit Leuten anzulegen, wenn diese geradezu danach schrien... wie dieser Mann hier.

Es war zu reizvoll gewesen, um ihn nicht zu provozieren... und jetzt bereute sie es schon.

Er beugte sich auf einmal zu ihr herab, obwohl er ohnehin schon so nah war, und ihre Haut begann auf eine unerklärliche Art zu kribbeln.

Ihr Puls beschleunigte sich, als ihr, sehr zu ihrem Ärger, bewußt wurde, daß er aus so direkter Nähe wirklich attraktiv war.. sehr sogar.

Vor allem diese eisblauen Augen waren faszinierend.

Und jetzt konnte sie außerdem einen leichten, rätselhaften, dunklen und sehr männlichen Duft an ihm wahrnehmen... anziehend... und sexy.

Dagegen konnte sich ihr Unterbewußtsein nicht versperren.

Aber die Dunkelheit, die er ausstrahlte, war beinahe greifbar... und wenn sein Haar noch so hell schimmerte und seine Augen noch so blau funkelten - die Aura, die ihn umgab, war tiefschwarz.

Jetzt flüsterte er sanft:

"Ich muß sagen, du hast ein verdammt freches Mundwerk, kleine Meliane."

Ihr Herz stolperte leicht, als er sie duzte und ihren Namen fast andächtig hauchte, mit rauher Samtstimme, und sie dabei aus seinen Augen anblitzte.

Und dennoch, irgendwie, schaffte sie es, ruhig zu bleiben, und erwiderte ebenso leise:

"Ich passe mein Mundwerk allerdings immer der jeweiligen Situation an... Mr. Malfoy, Sir."

Ein plötzliches, rätselhaftes und irritierendes Lächeln huschte über sein markant-schönes Gesicht.

Er zog sich etwas zurück, betrachtete sie, offensichtlich leicht fasziniert.

Dann griff er in seine Manteltasche, zog eine kleine Karte hervor und hielt sie ihr wortlos hin.

Sie ergriff sie zögernd und blickte darauf.

Lucius Malfoy sagte, jetzt in normaler Lautstärke und ganz sachlich:

"Ich möchte, daß Sie dorthin gehen, um sich ein Kleid schneidern zu lassen.

Sie als Schülerin können unmöglich über ausreichende Mittel verfügen, um sich so angemessen kleiden zu können, wie ich es mir für die Partnerin meines Sohnes vorstelle.

Deshalb werde ich das übernehmen."

Es war die Visitenkarte einer Schneiderin... nein... es war die Visitenkarte DER Schneiderin!

Meliane konnte sich gerade noch so beherrschen, um nicht nach Luft zu schnappen.

Sie hatte bisher noch nie jemanden persönlich gekannt, der sich bei Valerie Waterfields auch nur einen Quadratzentimeter Stoff hätte leisten können... geschweige denn ein ganzes Kleidungsstück.

Sie blickte auf, Lucius Malfoy lächelte, ihm war klar, was in ihrem Kopf vorging.

Dann fragte er:

"Kann ich davon ausgehen, daß Sie wenigstens diese Einladung annehmen, Miss Lilly?"

Möglichst unbeeindruckt erwiderte sie:

"Meinetwegen."

Sein Lächeln wurde breiter, erreicht für den Bruchteil einer Sekunde sogar seine Augen.

"Wie schön!

Dann werde ich Sie nicht länger stören."

Er blickte kurz zu ihrem Arbeitsplatz.

Dann sah er sie wieder an, streckte seine Hand aus, die sie gezwungenermaßen ergriff.

Ansatt sie zu schütteln, hob er sie an seine Lippen und hauchte einen sehr leichten Kuß darauf.

Damit hatte sie nicht gerechnet, es schien nicht wirklich zu diesem kalten Mann zu passen.

Und sie wußte nicht so recht, wie sie sich verhalten sollte.

Er ließ ihre Hand los und sagte mit leiser, zu ihrem Schrecken durchaus angenehmer Stimme:

"Es hat mich sehr gefreut, daß wir uns doch noch kennenlernen konnten, Miss Lilly... und ich kann wirklich nicht sagen, daß ich meinen Sohn nicht verstehe."

Er durchdrang sie für einen kurzen, doch scheinbar endlosen Moment mit diesen irgendwie grausamen und doch schönen Augen, diesen funkelnden aquamarinblauen Eiskristallen... dann wandte er sich um und ging zur Tür.

Sie konnte ihre Augen nicht von ihm lösen, obwohl sie es versuchte, und das schien er zu spüren, denn in der Tür drehte er sich noch einmal um.

Er sah sie schweigend auf eine beunruhigende Weise an, dann sagte er sanft:

"Ich habe nicht vergessen, daß Sie meine Frage von vorhin übergangen haben.

Aber bitte, seien Sie absolut versichert - ich finde heraus, wie mein Sohn Sie dazu gebracht hat, ihm Ihre Begleitung zuzusagen... glauben Sie mir."

Lucius Malfoy lächelte, mit funkelnden Augen.

"Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend, Meliane... und eine schöne Nacht."

* * *