Titel: Kaffeetage
Autor: ZoeP
Homepage: www.seshaty.de
Rating: PG
Categories: Hu, R
Inhalt: Kaffeeentzug und Koffeinüberschuss – keine gute Mischung, wenn's ums Lernen geht
Disclaimer:
Spoiler: Nein, nicht mit mir.
Anmerkung: ---

Kaffeetage – Teil 3

Die Zeit, die Lorelai noch bis zu ihrem Kurs blieb, zog an ihr vorbei, als hätte sie es schrecklich eilig. In der ersten Woche musste Rory sie des Öfteren daran erinnern, dass der menschliche Körper Schlaf und Nahrung braucht, um zu existieren. Die Stunden zwischen der Existenzerhaltung waren gefüllt mit den Vorbereitungen für die 'große Reise' - das Haus musste noch einmal durchkontrolliert werden, neue Sachen wurden gebraucht und jede Menge Telefonate standen auf Lorelais Liste.

"Himmel, wie sollen wir das alles schaffen?", murmelte sie, während ein Stapel Wäsche und ein Haufen Papiere im Wohnzimmer darauf warteten, sortiert zu werden. Es war Freitag und bereits halb Sieben - Zeit also, sich für das Essen bei den Gilmores vorzubereiten.

"Zeh dich an, Mom. Die Wäsche läuft dir nicht weg."

"Um die Wäsche mache ich mir auch keine Sorgen. Aber der Papierstapel könnte einen hinterhältigen Angriff planen." Lorelai grinste.

Rory rollte genervt mit den Augen, schnappte sich ihre Mutter am Oberarm und bugsierte sie die Treppe hinauf.

"Rotes Oberteil, das mit den Dreiviertel-Ärmeln, olivgrüne Hose - du hast zehn Minuten. Ich warte unten." Rory gab ihrer Mutter einen kleinen Schubs und kehrte dann ins Wohnzimmer zurück. Nach weniger als fünf Minuten kam Lorelai ebenfalls die Treppe herunter - in einem blauen, ärmellosen Oberteil und einem schwarzen Rock. Rory musste sich ein Grinsen verkneifen und tauschte einen amüsierten Blick mit ihrer Mutter.

"Auf geht's."

"Na dann."

Lorelai griff nach den Autoschlüsseln und sie machten sich auf den Weg.

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Die Tür öffnete sich erst nach dem vierten Klingeln.

"Hi Mum, entschuldige die Verspä..."

"Kommt rein", meinte Emily nur und war auch schon wieder im Wohnzimmer verschwunden, aus dem die eindeutigen Laute der Lautsprechanlage des Telefons drangen.

Lorelai sah ihr etwas irritiert hinterher, trat dann ein und sah Rory an.

"Déjà vu...", murmelte sie, während sie ihren Mantel aufhängte und ihrer Mutter ins Wohnzimmer folgte.

Rory nickte und tat es ihr gleich.

"Und Sie sind sicher, dass Mrs. Wilderson auch da ist?" Emily schritt im Raum auf und ab.

"Aber natürlich", erklang die Stimme aus dem Telefon im Raum. "Wir freuen uns sehr."

"Also dann, wir sehen uns am Freitag um Sieben."

"Auf Wiederhören."

Es klickte.

Lorelai sah ihre Mutter etwas verwirrt an. Nicht nur, dass sie die fünf Minuten Verspätung völlig ignoriert hatte, sie schien auch noch etwas für einen kommenden Freitag Abend geplant zu haben. Das verdiente doch ein wenig Interesse.

"Und... wen seht ihr an welchem Freitag?"

"Oh, hallo Lorelai. Rory." Richard sah von seiner Zeitung auf. Er hatte eben erst bemerkt, dass seine Tochter und Enkelin eingetroffen waren.

"Nun, wir haben eine kleine Feier geplant", meine Emily und setzte sich auf das Sofa.

"Aha."

"Sie findet übernächsten Freitag statt."

"Oh."

"Lorelai, hat dir schon mal jemand beigebracht, dass Sätze aus mehr als einem Wort bestehen?"

"Nein, es tut mir Leid, in der Stunde muss ich gefehlt haben." Lorelai setzte ein süffisantes Grinsen auf. Dann fing sie sich wieder. "Bedeutet das, wir müssen an diesem Freitag nicht kommen?"

Emily sah ihre Tochter einen kurzen Augenblick lang an, als hätte diese etwas Unvorstellbares gesagt. Dann begann sie, zu lachen, als wäre es ein Scherz gewesen.

Lorelai verzog ihre Mundwinkel und sah Rory fragend an. Diese zuckte mit den Schultern und machte ein ebenso fragendes Gesicht.

Als Emily sich ein wenig beruhigt hatte, strich sie ihr Kostüm glatt und räusperte sich.

"Lorelai", begann sie, als würde sie mit einem kleinen Kind reden. "Wir haben diese Feier für dich arrangiert. Es wird eine Abschiedsfeier werden. Viele deiner Verwandten werden da sein."

"Wow." Lorelai presste ihre Lippen aufeinander und holte dann tief Luft.

"Mum – das hast du nicht wirklich getan?"

"Oh doch, mein Kind."

"Nenn mich nicht 'mein Kind'. Aber... wieso... wieso machst du das?"

"Ich dachte, du fändest es ganz schön, dich von allen verabschieden zu können."

"Aber... ich sehe sie sonst auch nur einmal im Jahr. Wenn überhaupt. Sie würden doch gar nicht bemerken, dass ich weg bin."

"Lorelai, diese Auszeichnung ist etwas ganz Besonderes. Das muss gefeiert werden."

"Natürlich, wie konnte ich nur fragen!"

Rory sah ihre Mutter von der Seite an. Sie konnte verstehen, dass sie alles andere als begeistert war. Familienfeste waren für sie... schrecklich. Der reinste Horror würde es auch treffen. Und dennoch war sie danach immerhin sechs Monate lang von den wöchentlichen Abendessen bei ihren Eltern erlöst.

"Mom, es ist doch nur für einen Abend."

Lorelai ließ ihren Blick vorsichtig zu Rory wandern. Ihre Tochter sah sie mit einem eindringlichen Ausdruck an, der ihr zu verstehen gab, dass sie jetzt bitte keinen Aufstand machen sollte. Lorelai seufzte.

"Also schön. Party in zwei Wochen."

"Und dann kommt ihr bitte nicht fünf Minuten zu spät", meinte Emily Gilmore, erhob sich und ging ins Esszimmer.

Wenn Blicke töten könnten, wäre Lorelai wahrscheinlich wenige Minuten später verhaftet worden.

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Der verhasste Freitag Abend rückte schnell näher, und mit ihm der Tag des Abfluges. Bereits seit Mittwoch war Lorelai dabei, ihre Koffer zu packen und alle zwei Minuten aufzustöhnen, weil ihr noch etwas Lebenswichtiges eingefallen war.

Während Rory ihre Sachen nach weniger als drei Stunden verstaut hatte, war Lorelai auch Freitag Mittag noch damit beschäftigt.

"Hast du irgendwo mein Haarshampoo gesehen?", rief sie durch das Haus, kaum dass Rory zur Tür rein war.

"Versuch's mal im Küchenschrank ganz unten", meinte Rory und ließ ihren Rucksack in die Ecke fallen.

"Was macht mein Shampoo im Küchenschrank?"

Rory zuckte mit den Schultern. "Wahrscheinlich hat es sich nach einem neuen Job umgesehen und fand den Klarspüler am interessantesten."

Lorelai joggte mit einer Flasche durch das Wohnzimmer vorbei an Rory und schmiss sie auf einen Haufen neben ihrem Koffer.

"Wie ich sehe, hast du dein Packritual nach unten verlegt."

Lorelai nickte. "Die Sachen sind alle verstaut. Mir fehlen jetzt noch die Ökopantoffeln, das Snoopykissen und der grüne Fön."

Rory warf ihrer Mutter einen skeptischen Blick zu.

"Wenn du die Latschen und das Kissen hier lässt, geb' ich dir 'nen heißen Tipp für den Fön."

Lorelai blieb stehen und runzelte die Stirn. "Das ist nicht fair."

Rory zuckte erneut mit den Schultern und griff nach der Popcornschüssel auf dem Couchtisch. "Ich brauch ihn ja auch nicht. Grandma hat einen da."

"Das ist gemein. Okay, ich schwöre, die Pantoffeln und das Kissen bleiben hier. Jetzt sag schon."

"Ich Bad, gleich neben den Lockenwicklern."

Lorelai blieb der Mund offen stehen. "Das ist..."

"Keine Pantoffeln."

Das nächste Geräusch war irgendwo zwischen wütendem Grunzen und ärgerlichen Zischen angesiedelt. Rory war sich nicht sicher.

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"Wie spät ist es?"

"Zwei Minuten vor Sieben." Rory stand neben ihrer Mutter und starrte auf die Haustür.

Lorelai sagte nichts weiter.

"Mum, das ist albern."

"Hey, zwei Minuten sind lebenswichtig."

"Jetzt ist es nur noch eine."

Lorelai sah weiterhin stur auf ihre Schuhe.

Dann holte sie tief Luft, seufzte und nickte.

"Also schön."

"Endlich", meinte Rory und drückte auf die Klingel.

Wenige Sekunden später öffnete Emily Gilmore die Tür und strahlte die zwei an.

"Kommt rein."

Ein wenig zögernd betrat Lorelai ihr Elternhaus. Überall standen oder saßen Grüppchen von Leuten, die sie noch nie zuvor, oder schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte.

"Also, wann genau geht morgen dein Flug?"

Lorelai legte ein gequältes Lächeln auf und säuselte: "Halb zehn, Mum."

Rory konnte sich beim Ton ihrer Mutter ein Grinsen nicht verkneifen. Lorelai schenkte ihr einen genervten Blick und murmelte: "Als ob sie das nicht gewusst hätte."

"Diese Hochsteckfrisur steht dir übrigens sehr gut", wechselte Emily das Thema. "Ebenso wie das Kleid. Und du hast schon gepackt, ja?"

Lorelai tat, als wäre sie furchtbar erschrocken. "Ich wusste doch, da war noch was, was ich tun musste."

Emily sah ihre Tochter geringschätzig an. "Kommt jetzt, ich möchte Rory einigen Leuten vorstellen. Und du könntest in der Zeit deine Gäste begrüßen."

"Meine Gäste...", murmelte Lorelai und seufzte, als Rory mit Emily in Richtung Wohnzimmer verschwand.

Sie strich ihr knielanges, rotes Trägerkleid glatt und bahnte sich dann einen Weg durch die Leute. Hin und wieder schüttelte sie eine Hand, führte zwei Sekunden Smalltalk und kämpfte sich dann weiter vor.

Als sie schließlich ihre Mutter wiedergefunden hatte, die gerade dabei war, Rory einem wichtig aussehenden älteren Herrn vorzustellen, war sie irgendwie erleichtert.

"Hey Schatz", meinte sie leise und wandte sich dann an Emily.

"Lorelai, gut dass du kommst", meinte ihre Mutter und wies auf besagten älteren Herrn.

"Natürlich. Gut dass ich komme." Sie lächelte und reichte dem Mann die Hand.

"Ich bin Lorelai. Emilys Tochter."

"Ah, Lorelai. Du bist groß geworden." Die Stimme des Mannes hätte Bäume fällen können, so laut und durchdringend war sie.

"Ja, die viele Sonne und ab und zu etwas Regen..."

Der Mann überhörte ihren Scherz. "Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, warst du etwa drei Jahre alt und hast nackt in meinem Garten gespielt."

"Oh... Ja, ähm..." Lorelai warf ihrer Mutter einen kritisierenden Blick zu und wandte sich dann wieder an den Mann. "Sie sind nicht zufällig mit Helen Fielding befreundet?"

"Nein, nicht dass ich wüsste. Ah, da hinten ist Herbert. Herbert!" Und schon war der Koloss in der Menge verschwunden.

"Helen Fielding?" Emily sah Lorelai fragend an.

"Brigdet Jones, Schokolade zum Frühstück. Klasse Film. Noch nie gesehen?"

Emily schüttelte den Kopf. "Du hättest dir den Kommentar trotzdem sparen können. Alfred Winstor ist ein einflussreicher Mann."

"Oh, hätte ich gewusst, dass das Alfred Winstor war! Tut mir schrecklich Leid."

"Dein Sarkasmus wird dir noch mal auf die Füße fallen, Lorelai."

"Sicher. Aber sag mir nicht, dass ich ihm jetzt ein Rentierpulli schenken muss und blaue Suppe mit ihm koche?"

"Wie bitte?"

"Das war auch aus dem Film, Grandma." Rory verschränkte ihre Arme und grinste leicht.

"Oh."

"Sag mal", begann Lorelai, als sich die nächste Traube von Gästen ihnen näherte. "Mum, ich kann unmöglich allen Leuten hier die Hand schütteln. Bis dahin ist die Geisterstunde rum."

"Dann halte doch eine Ansprache", meinte Emily mit einem Unterton der Gleichgültigkeit in der Stimme.

"Eine... Ansprache. Also schön, wenn du es sagst." Lorelai sah sich kurz im Raum um, nahm sich dann ein Glas und eine Muschelgabel, die auf einem der Snackteller lag, und schlug sie kurz gegen das Glas.

Nach wenigen Sekunden wurde es still im Raum und einige Gäste, die in der Eingangshalle gestanden hatten, kamen jetzt auch ins Wohnzimmer.

"Ähm... Also... Ich danke Ihnen, dass Sie alle zu meiner kleinen Abschiedsfeier gekommen sind." Bei dem Wort meiner warf sie ihrer Mutter einen lächelnden Seitenblick zu. "Ich bin übrigens Lorelai Gilmore, für alle, die mich das letzte Mal gesehen haben, als ich sieben war. Also, amüsieren Sie sich gut und... vielen Dank."

Sie stellte das Glas wieder beiseite und wandte sich Rory zu.

Nach einem Moment des Wartens fingen plötzlich die ersten an, zu klatschen, doch der Applaus war eindeutig nur aus Höflichkeit und ebbte schnell wieder ab.

"Lorelai!" Emily ging zu ihrer Tochter. "Das war doch keine Ansprache."

"Nein, das war es nicht. Aber ich habe in zwanzig Sekunden sämtliche Hände geschüttelt und brauche nun niemanden mehr zu begrüßen."

"Auch nicht mich?", ertönte hinter ihr eine Stimme. Lorelai drehte sich um.

"Christopher!" Sie lächelte. "Was machst du denn hier?"

"Deine Mutter war so nett, mich einzuladen."

"Das war ausnahmsweise wirklich mal... nett."

Rory hatte ihren Vater inzwischen auch entdeckt und umarmte ihn. "Hey Dad, schön, dass du da bist."

"Na, ich lasse mir doch die Gelegenheit, die Gilmore Girls zu besuchen, nicht entgehen." Christopher grinste.

"Und, aufgeregt?"

Lorelai sah ihn kurz ein wenig irritiert an, begriff dann und nickte. "Oh, ja, ein bisschen schon. Ich meine, Rory war noch nie so lange alleine..."

"Schon klar." Sein Grinsen wurde breiter.

"Weißt du was?"

"Was?"

"Lass uns zum Büffet gehen. Ich sterbe vor Hunger." Sie hakte sich bei ihm unter.

"Na schön. Bevor du hier umfällst..."

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Lorelai schlenderte, in der einen Hand einen Teller mit Süßspeisen, in der anderen ein Glas Sekt, durch das Wohnzimmer. Es war bereits nach halb zehn und sie fragte sich ernsthaft, wie sie es bis hierher überlebt hatte.

Vorsichtig ihren Teller balancierend ging sie die Treppe nach oben. Aus Rorys Zimmer drang dumpf etwas Licht auf den sonst dunklen Flur. Lorelai öffnete die Tür und ihre Vermutung bestätigte sich.

"Na, war es dir auch zu viel?" Lorelai trat ein und setzte sich auf Rorys Bett.

"Hey Mom. Eigentlich nicht, ich wollte nur..." Sie hob das Shirt an, welches sie gerade zu den anderen Sachen in die Kommode räumen wollte. Dann ließ sie es wieder sinken, seufzte und setzte sich zu ihrer Mutter.

"Nein, du hast Recht. Dort unten sind über hundert Leute, von denen ich vielleicht sieben kenne. Ich dachte, es wäre eine ganz gute Ausrede, schon mal meine Sachen auszupacken."

"Cleveres Kind", stimmte Lorelai ihr zu.

"Du wirst mir fehlen, Mum", meinte Rory plötzlich unvermittelt.

Lorelai sah ihre Tochter an und erkannte in deren Blick, wie ernst sie es meinte.

"Komm her", meinte sie und nahm Rory in den Arm. "Du wirst mir auch fehlen. Ich weiß, diesen Satz habe ich in letzter Zeit ziemlich oft gebraucht, aber sechs Monate können ganz schön schnell rum sein."

Rory nickte. "Und wir telefonieren."

"Jeden Abend."

"Oder jeden zweiten." Rory grinste.

Lorelai erwiderte das Grinsen. "Vielleicht auch einmal die Woche."

"Auf jeden Fall oft genug."

"Und du musst mir alles erzählen, was hier passiert."

"Wenn Taylor wieder einen Wutanfall bekommt, weil er das Gesetz für Leinenzwang bei Hunden nicht durchsetzen kann."

"Oder wenn Kirk sich ein neues Haustier holt."

"Oder Luke eine neue Freundin findet."

Lorelai wollte gerade etwas erwidern, als sie Rorys Worte vollständig begriff. Sie lächelte, doch das Lächeln erreichte ihre Augen nicht.

"Ja, genau", meinte sie etwas weniger euphorisch als zuvor. "Oder wenn Miss Patty ihre neue Show fertig hat."

Rory runzelte die Stirn.

Lorelai stand vom Bett auf. "Du solltest weiter auspacken. Ich bin unten."

"Ist gut", meinte Rory, die Stirn noch immer in Falten gelegt und leicht verwundert über den plötzlichen Tonwechsel ihrer Mutter.

Lorelai kam die Treppe herunter, noch immer ein wenig irritiert. Wieso störte sie der Gedanke so, dass Luke eine neue Freundin haben könnte? Er hatte Rachel gehabt, und mit der war sie sogar befreundet gewesen. Na ja. Zumindest ein bisschen. Aber wirklich traurig war sie nicht gewesen, als Rachel gegangen war...

"Nun ja, man kann ja nie wissen. Immerhin ist Rory unsere Enkelin." Emilys Worte rissen Lorelai aus ihren Gedanken. Sie blieb auf der untersten Stufe stehen und fragte sich, mit wem ihre Mutter wohl gerade redete. Vorsichtig ließ sie ihren Kopf ein wenig um die Ecke wandern. Es war Alfred Winstor, wie sie auch gleich darauf an seiner Stimme erkannte.

"Ich glaube allerdings, dass Lorelai eine selbstbewusste Frau ist, die ihre Tochter nicht hier wohnen lassen würde, wenn sie aufs College geht."

Lorelai dachte, sich verhört zu haben. Sie kam die letzte Stufe herunter und blieb hinter den beiden stehen.

Emily nippte an ihren Glas und wiegelte den Kopf hin und her. "Aber Lorelai schuldet uns einiges. Nicht nur, dass wir ihr das Schulgeld für ihre Tochter bezahlen. Ohne uns hätte sie es doch nie geschafft, diesen Abendkurs mit solch großem Erfolg zu absolvieren. Es wäre doch nur natürlich, wenn Rory nach Yale geht und an den Wochenenden hier wohnt."

Lorelai blieb der Mund offen stehen.

"Mom!"

Es wurde still im Raum. Emily drehte sich zu ihrer Tochter um und in ihren Blick zeigte sich eine Spur von Überraschung.

"Lorelai."

"Mom, wie... Wie kommst du dazu, so etwas zu sagen?"

Von dem Lärm, angelockt, kam jetzt auch Rory die Treppe herunter.

"Ich meine, nicht nur, dass du hier allen erzählst, wie abhängig wir von dir sind... Nein. Du musst auch gleich überall noch behaupten, ich wäre ohne dich verloren. Ja, du zahlst das Schulgeld meiner Tochter. Und dafür danke ich dir, das weißt du. Aber sonst hast du doch nie etwas für mich getan. Du hast dich früher nie für Rory interessiert. Du warst nie bereit, mir meine Schwangerschaft zu verzeihen und du hast bis heute nicht akzeptiert, dass ich auch ohne deine Hilfe ein eigenständiges Leben führe. Ein Leben, indem ich nicht auf solche Partys muss, ein Leben, in dem ich mich wohlfühle und das nur durch gezwungene Freitagabende wie diesen hier unterbrochen wird. Und jetzt sage mir nicht, dass ich ohne dich niemand wäre oder wie Rory ihr Leben zu führen hat. Rory kann selbst wählen, auf welche Universität sie gehen wird und wo sie wohnen möchte. Wir kommen auch sehr gut ohne dich klar!" Lorelais Gesicht hatte sich im Verlauf ihrer Rede von zartrosa ins Dunkelrote verfärbt. Sie war unglaublich wütend. Erst jetzt bemerkte sie, dass alle Blicke auf sie gerichtet waren.

"Mum..."

"Rory?" Lorelai drehte sich um. Rory stand auf der Treppe, verwirrt und zugleich ein wenig hilflos. "Schatz, ich wollte nicht... es tut mir Leid. Hör zu. Ich fahre jetzt nach Hause, ich... halte das hier nicht länger aus. Ich komme morgen früh noch mal wieder, um mich zu verabschieden. Mach's gut."

Rory nickte betroffen. "Bis morgen."

Lorelai gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn, nahm sich ihren Mantel und ging dann. Als sie im Auto saß, holte sie tief Luft und gab Gas.

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Als sie in Stars Hollow ankam, war es bereits ruhig geworden. Taylors Laden lag im Dunkeln, ebenso die anderen Geschäfte und Läden. Nur in Luke's Diner brannte noch Licht. Lorelai parkte das Auto auf der gegenüberliegenden Straßenseite und strich sich ein paar Strähnen hinter die Ohren, die sich aus der Frisur gelöst hatten. Dann stieg sie aus, überquerte die Straße und betrat das Diner.

"Wir haben geschlossen", meinte Luke, ohne aufzusehen, und wischte weiter mit einem Lappen über die Theke.

"Dann solltest du das Schild auch so hängen, dass man das erkennt."

"Lorelai!" Luke schien überrascht zu sein.

Er ließ seinen Blick über ihr Outfit wandern.

"Wow, ich meine..." Er blinzelte ein paar Mal und sah wieder auf den Tresen. "Ähem, ich wusste nicht, dass du... wo ist Rory?"

Lorelai setzte sich auf einen der Hocker und zog sich eine Tasse heran. "Das ist eine lange Geschichte. Hast du noch Kaffee da?"

"Nur kalten. Aber ich kann welchen aufsetzen", fügte er hinzu. Er griff nach der Kanne, leerte sie und füllte dann die Kaffeemaschine mit neuem Wasser. Nachdem er sie angeschaltet hatte, drehte er sich zu Lorelai um, nicht ohne sie erneut zu mustern. Als sein Blick bei ihrer Frisur hängen blieb, musste Lorelai grinsen.

"Was...", setzte Luke erneut an, beendete seine Frage jedoch nicht sondern machte eine Geste zu ihren Haaren.

"Oh, das..." Lorelai winkte ab. "Meine Mutter hat ein kleines Fest gegeben."

"Ach so, ja. Du hattest davon erzählt. Und warum bist du dann nicht mehr dort. Es ist erst..." Er sah auf seine Uhr. "Kurz nach zehn."

Lorelai nickte. "Wir hatten einen kleinen... Streit. Ich will nicht darüber reden."

"Oh. Schon klar." Er lehnte sich gegen die Arbeitsplatte hinter sich und betrachtete die Frau, die dort vor ihm saß. Sie wirkte erschöpft und enttäuscht. Und trotzdem sah sie unheimlich schön aus.

"Du hast da..." Er griff nach einer Strähne, die ihr ins Gesicht hing, und wollte sie weg streichen, doch Lorelai wich ein Stück zurück. "Schon gut."

Sie begann, ein paar der Haarspangen zu lösen. "Du hast doch nichts dagegen, wenn..."

"Nein, mach ruhig."

Lorelai lächelte müde. "Das Zeug ist unheimlich schwer. Fühlt sich wie früher an, als ich mit einem Buch auf dem Kopf durch mein Zimmer laufen musste."

Luke musste grinsen. Lorelai legte die Spangen eine nach der anderen vor sich auf den Tresen und schüttelte dann ihre Haare, sodass sie ihr wieder locker über die Schulter fielen.

"Schon besser", seufzte sie und sah nach der Kaffeemaschine. "Hmm..."

"Was?"

"Mir ist nur gerade durch den Kopf gegangen, dass ich mir ja dann in London ein Stammcafé suchen muss, in dem es akzeptablen Kaffee gibt." Sie lächelte.

Luke nahm sich den Lappen und hob die Ketchupflasche an, um auch darunter wischen zu können.

"Dann wünsch ich dir viel Glück."

"Werd ich brauchen."

Eine Weile herrschte Stille im Raum, Lorelai tippte ab und zu rhythmisch mit dem Finger gegen ihre Tasse und Luke betrachtete sie ab und zu dabei.

"Und Rory... wohnt bei deinen Eltern?", brach er schließlich das Schweigen.

Lorelai nickte. "Ja. Armes Mädchen. Aber sie schafft das schon." Dem Nicken folgte ein Grinsen. "Schließlich habe ich das fast siebzehn Jahre ausgehalten."

Luke erwiderte ihr Grinsen.

"Und wann genau geht dein Flieger?"

"Morgen früh halb zehn."

"Schon so früh?"

"Ja... hab ich dir das nicht gesagt?"

"Nein... Du hattest in letzter Zeit aber auch wenige Gelegenheit, mir irgendwas zu sagen."

Lorelai biss sich auf die Unterlippe, denn ihr war der seltsame Unterton in seiner Stimme nicht entgangen.

"Tut mir Leid. Ich hatte soviel zu tun mit den ganzen Vorbereitungen. Da blieb einfach kaum Zeit für einen Kaffee zwischendurch."

"Ja. Schon klar. Immerhin gibt es so einiges zu tun, wenn..." Er machte eine ausschweifende Handbewegung. Lorelai nickte.

"Ja. Einiges..."

Es entstand erneut eine peinliche Stille, also warf sie einen Blick auf die Kaffeemaschine und war erleichtert, dass sie gerade die letzten Tropfen Kaffee abgab.

"Ähm... Kaffee."

"Hm?"

"Der Kaffe ist fertig."

"Oh. Ja... klar." Luke griff nach der Kanne und schenkte ihr ein. Lorelai nahm gierig einen Schluck und seufzte. "Woah, das wird mir fehlen."

Luke musste bei ihrem Anblick lächeln. "Ja, mir auch."

"Du trinkst doch gar keinen Kaffee."

"Das... hatte ich auch nicht gemeint."

Sie sah ihn einen Moment lang überrascht und an begriff dann. "Oh..."

Sie nahm einen weiteren Schluck, stellte dann die Tasse ab und sah vorsichtig in Lukes Richtung, erleichtert, dass er gerade mit den Gläsern beschäftigt war. Lorelai rieb sich die Arme. Sie fröstelte kurz.

"Ist dir... kalt?"

"Hm?"

"Du hast gerade ausgesehen, als ob du frieren würdest."

"Nein, nicht wirklich. Na ja, vielleicht ein bisschen."

Luke ging um den Tresen herum, griff nach seiner Jacke und hängte sie Lorelai um die Schultern.

"Danke. Ich dachte schon, jetzt kommt wieder dein Supermankostüm zum Einsatz." Sie drehte sich ein Stück um und grinste.

"Nein, heute nicht." Er erwiderte ihr Grinsen. Seine Hände lagen noch immer auf ihren Schultern und Lorelai bekam eine Gänsehaut, als sie seine Finger für einen kurzen Augenblick auf ihrer Haut spürte.

Luke zog seine Hände zurück und räusperte sich.

Lorelai zog die Jacke enger um sich und senkte ihren Blick.

"Lorelai?"

"Hm?" Sie drehte sich nicht zu ihm um, versuchte, sich auf die Kaffeetasse zu konzentrieren.

"Ich wollte dich fragen... ob wir vielleicht... mal etwas zusammen unternehmen könnten. Wenn du wieder da bist, meine ich."

Jetzt musste sie sich doch zu ihm umdrehen. "Du meinst ein Date?"

Luke zog seine Stirn in Falten und sah dann auf seine Schuhe. "Na ja, nicht direkt..."

"Luke, hör mal..." Sie wartete, bis er sie ansah. "Ich habe deine Freundschaft immer sehr geschätzt. Das ist... etwas ganz Besonderes. Sich darauf verlassen zu können, dass da jemand ist, der auch zu den unmöglichsten Zeiten für einen da ist und... zuhört. Weißt du, wir sollten ..."

"Oh." Er richtete seinen Blick wieder auf seine Schuhe. "Ist... schon okay."

"Nein, Luke, so hab ich das nicht gemeint. Hör zu..."

"Nein, das ist wirklich in Ordnung. Weißt du, ich denke auch, dass es so besser wäre."

"Luke!" Lorelai stand auf. "Ich wollte damit doch nicht sagen, dass wir nicht mal ins Kino gehen könnten oder so, aber ich bin jetzt eine Weile nicht da und ich will nicht..."

"Natürlich. Das ist okay. Ich meine... schließlich kann es ja passieren, dass du in Europa jemanden kennen lernst, mit dem du auch mal ausgehen willst." Er scharrte mit dem Fuß über den Boden.

Lorelai wusste nicht, was sie sagen sollte. Was war denn bloß in ihn gefahren? War er immer noch sauer, dass sie in den letzten drei Wochen so gut wie nie vorbeigeschaut hatte?

"Luke, jetzt lass mich doch mal ausreden!" Sie seufzte, doch er stand weiterhin nur da und betrachtete den Fußboden. Schließlich hob er seinen Blick.

"Es ist wirklich okay, wenn du dort Dates hast. Ich meine, wir sind schließlich nur Freunde. Wirklich. Du solltest Dates haben."

Lorelai blieb der Mund offen stehen.

"Na schön. Eigentlich hatte ich sagen wollen, dass wir das erst ausmachen sollten, wenn ich wieder da bin. Aber gut, du hast Recht. Ich sollte in Europa mit anderen Männern ausgehen." Sie war wütend. Wütend darüber, dass ihre Mutter sich so benommen hatte, wütend darüber, dass Luke sich grundlos so aufführte und vor allem wütend auf sich selbst, dass sie nicht einfach sagen konnte, dass sie wütend war.

Lorelai streifte sich die Jacke von den Schultern, ging an Luke vorbei und verließ das Diner. Als sie draußen war, kam ihr ein Schwall kalter Spätherbstluft entgegen. Ihre Augen brannten, und wenn sie eben noch gedacht hatte, dass der Wind der Grund dafür war, belehrte sie die erste Träne, die ihre Wange herunterlief, eines Besseren.

Gott, wie sie Streit hasste.

Als sie die Straße schon halb überquert hatte, hörte sie, wie die Tür zu Lukes Diner aufging.

"Hey", rief er ihr hinterher.

Sie wollte sich nicht umdrehen, sie wollte wirklich einfach weitergehen. Und doch trieb sie die Hoffnung, sie könnten das Missverständnis aufklären, zurück.

Er hielt ihr ihre Handtasche hin und sah sie nicht an.

"Hast du vergessen", meinte er nur.

Lorelai blieb einen kurzen Moment lang stehen, griff dann nach ihrer Tasche und machte einen Schritt rückwärts. Als Luke aufsah, konnte er sehen, dass sie weinte. Doch bevor er reagieren konnte, hatte sie sich umgedreht, war in ihr Auto eingestiegen und losgefahren.

Verdammter, verhasster Freitag.

Ende Teil 3