3. Träume sind Schlumpfwichte

„Hier steht, dass du in einem solchen Traum praktisch fliegen könntest. Ohne Besen und Zauber, wie ein Vogel", sagte Charlotte „Char" Grady und studierte interessiert das Buch, dass sich Hermione für die Pause aus der Ministeriumsbücherei ausgeliehen hatte.

Diese befand sich tief unter der Erde, im 42 U-Stock – und sie verbrachte die Zeit vor und nach der Arbeit oder auch während dieser in den pausen häufig zwischen den verstaubten Bücherreihen.

„Und man kann praktisch auch mit Toten reden", sagte sie und dachte an Lavender zurück.

Charlotte schob das Buch von sich. „Aber standet ihr euch wirklich so nahe?"

Mione schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht. Sie war mal mit Ron zusammen, was sie mich eher nicht als besonders gut leiden ließ. Was natürlich nicht heißt, dass ich ihr den Tod wünschen würde."

„Hast du vielleicht ein schlechtes Gewissen?"

„Nein. Den Gedanken hatte ich aber auch schon – aber", sie stockte, sah ihre beste Freundin lange an.

Charlotte war Journalistin und arbeitete beim Tagespropheten, dessen Redaktion nur wenige Gehminuten vom Ministerium entfernt war. Deshalb verbrachten sie oft die Pausen miteinander, wenn sie es terminlich vereinbaren konnten.

„Den hast du eigentlich nicht?", stellte Char fest.

Mione nickte, spürte, wie sie errötete. „Natürlich tut es mir leid. Aber, ich gebe mir selbst nicht die Schuld oder dergleichen."

„Belastet es", Char schien kurz die richtigen Worte zu suchen, „eure Beziehung? Meinst du Ron vermisst sie oder so etwas?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich denke ihm geht es ähnlich. Es tut ihm leid. Allerdings sagt er, er hatte niemals wirklich Gefühle für sie und das glaube ich ihm."

Charlotte nickte, starrte wieder auf das Buch hinab. „Und wie fühlt es sich an?"

„Nun ja, ich habe es bisher erst zweimal erlebt. Das erste Mal war es mir nicht bewusst und das zweite Mal war einfach nur absurd. Ich war in dieser fremden Wohnung und alles wirkte so absurd und doch real zugleich", sagte sie.

„Kanntest du diese Wohnung?"

„Nein."

„Sicher? Manchmal sehen wir in unseren Träumen Dinge, die wir nur unbewusst wahrgenommen haben. Unbekannte Menschen zum Beispiel. Ich habe mal gelesen, dass jedes Gesicht von dem wir träumen, zu jemandem gehört den wir kennen oder bereits gesehen haben – sei es auch nur flüchtig. Denn das Hirn kann sich keine Gesichter ausdenken", ihre Freundin überlegte, „ich bin aber nicht sicher, ob das für Orte ebenso gilt."

Mione zuckte erneut mit den Schultern und trank ihr Glas Wasser aus. „Ich kann es nicht genau sagen, bin jedoch sicher, dass ich diese Wohnung noch nie zuvor gesehen habe."

„Vielleicht im Fernsehen?"

„Gut möglich. Aber, stellt mein Kopf es dann so perfekt und dreidimensional dar?", fragte sie zurück.

Charlotte runzelte die Stirn. „Stimmt. Das hatte ich nicht bedacht. Wirkte es wirklich so real? Gab es nichts Ungewöhnliches? Etwa Türen, die keine waren? Ein Raum, den du plötzlich von woanders her kanntest?"

Mione überlegte kurz. „Nein. Da waren nur Bilder an der Wand. Von mir und-". Sie stockte, schluckte herunter, was sie fast ausgesprochen hätte.

„Was? Von dir und Ron?"

Sie schüttelte den Kopf.

„Einem anderen Mann", sagte sie und fügte schnell hinzu, „einem Fremden."

Charlotte runzelte die Stirn. Schien eine ganze Weile zu überlegen. Schließlich hustete sie leise. „Was ja eigentlich unmöglich sein dürfte. Bestimmt ist er dir mal über den Weg gelaufen und nicht aufgefallen. Aber, das ist ja eigentlich auch egal." Sie sah sie mit undeutbarer Miene an, „es ist alles o.k. bei dir und Ron, oder?"

„Natürlich. Warum sollte nicht alles in Ordnung sein? Weil ich wirres Zeug träume?", fragte sie lachend.

„Naja, man sagt oft, dass man im Traum Dinge verarbeitet, die einen belasten. Oft sogar vollkommen unterbewusst."

„Du meinst also, ich sehne mich unterbewusst nach einer anderen Wohnung und einem anderen Mann?", fragte sie spöttisch. Ihre innere Stimme flüsterte gehässig lachen: 'Und dann noch ausgerechnet nach Malfoy.' Sie schüttelte den Kopf und fügte fest hinzu: „Das ist es nicht. Ganz ehrlich nicht."

Gut, dass sie nicht den Drang verspürt hatte, Char vom Beginn und Ausgangspunkt ihres ersten Traumes zu erzählen. Selbst einige zarte Details, wie sie sie durchaus manchmal teilten, hätten hier sicherlich weiteren Raum für unnötige Spekulationen gelassen.

„Hast du denn eine Ahnung, warum du diese Art von Traum ausgerechnet jetzt hast? Und das praktisch zweimal hintereinander?", fragte Charlotte.

Mione schüttelte den Kopf, errötete jedoch, sodass die andere Frau sie sofort entlarvte.

„Was?", schnappte diese.

Sie rollte mit den Augen. „Ich habe beide Male vor dem Schlafengehen einen kleinen Tropfen Schlaftrank genommen. Das tue ich manchmal. Bei Weitem nicht mehr so oft wie früher. Und ja: Ich weiß, dass es nicht wirklich gut ist. Aber es ist ein Tropfen von Zeit zu Zeit. Und ich hatte vorher noch nie Probleme. Wobei ich das nicht wirklich als Problem sehe. Immerhin renne ich in diesen Träumen nicht um mein Leben und schaffe es nicht mehr aufzuwachen, bevor ich umkomme..."

Mal ganz davon abgesehen, dass vom Sex mit Malfoy zu träumen durchaus ein Problem sein konnte. Und dass sie träumte, in einer beziehungsähnlichen Art mit ihm zusammenzuleben war sicherlich auch nicht viel besser. Aber sie hatte sich, nachdem sie mehr als ausgiebig darüber nachgedacht hatte, dazu entschieden dieser Sache erst einmal nicht mehr Gewicht zuzusprechen als nötig.

Charlotte hatte eine Augenbraue hochgezogen.

Also antwortete Hermione seufzend: „Ich werde das Zeug nicht mehr nehmen." Erst einmal. „Das habe ich Ron auch schon versprochen."

„Weiß er, dass du von anderen Männern träumst?", fragte Charlotte.

„Nein, natürlich nicht", zischte sie, „und es war ein Mann. Keine Mehrzahl."

Charlotte lächelte matt. „Ich kenne Professor Charles Rooney. Vor etwa zwei Jahren habe ich über sein Buch „Das Bewusstsein und die Magie" berichtet. Und in „Träume sind Schlumpfwichte" hat er sich nur mit der Traumwelt beschäftigt und welche Auswirkungen die Magie auf diese haben kann. Ich habe es nicht gelesen und habe auch schon lange nicht mehr mit ihm gesprochen. Aber er war sehr nett und redselig. Er wäre sicher zu einem Gespräch bereit, wenn ich ihn bitten würde – in deinem Namen versteht sich."

Hermione schüttelte den Kopf. „Nein, ich denke wirklich nicht, dass das nötig ist. Aber ich denke ich werde mir seine Bücher ansehen."

Am Abend saß sie mit Rooneys „Träume sind Schlumpfwichte" vor ihrem kleinen magischen Kamin und blätterte schmunzelnd durch die Seiten. Rooneys bekannteres Erstlingswerk, über das Charlotte auch berichtet hatte, war zurzeit leider verliehen. Doch sie mochte seinen Schreibstil und würde sich dieses ganz sicher für die Zukunft vormerken.

Allein wie er Träume mit Schlumpfwichten verglich, hatte etwas erfrischend eigenes. Darüber hinaus traf es auf so vielen Arten und Weisen aber zu.

Schlumpfwichte waren Wesen, die der Gattung der Wichtel angehörten, die die Menschen, denen sie begegneten nachzuahmen neigten. Das gelang ihnen aber meistens eher schlecht als recht. Die Bewegungsabläufe der Wichte wirkten nicht selten absurd und unmenschlich und waren zuweilen auch amüsant grotesk. Ein Kuss wurde bei diesen beispielsweise durch einen Biss ins Gesicht imitiert oder eine Umarmung durch einen Schwitzkasten – um beliebte Beispiele zu nennen.

Aus diesem Grund nannte man Menschen, die sich tollpatschig benahmen oft auch Schlumpfwichte.

Hinzu kam aber auch, dass viele Reaktionen und Handlungen irritierend und verwirrend auf Menschen wirkten. Denn Schlumpfwichte neigten ebenso dazu, bereits veraltete und bekannte Verhaltensweisen nach Jahren wieder an den Tag zu holen.

Dahingehend ähnelten Träume in vielerlei Hinsicht Schlumpfwichten. Denn sie imitierten Dinge, die wir erlebt hatten, damit wir sie unterbewusst verarbeiten können. Dabei werden aber oftmals absurde Handlungsstränge erstellt, die surreal wirken. Und: Träume können manchmal auch Geschehnisse aufarbeiten, die bereits Jahre zurückliegen.

Demzufolge half ihr Rooneys Buch natürlich nicht weiter. Denn nichts von dem, was sie träumte, ließ sich auf irgendetwas beziehen, was sie bereits erlebt hatte. Und es ging auch nicht um luzides Träumen, also um sogenannte Klarträume, bei denen sich der Träumende über die Tatsache bewusst war, dass er träumte.

Allerdings musste sie auch gestehen, dass sie nicht einschätzen wie ausgeprägt diese Träume bei ihr wohl gewesen wären. Denn bei den einen handelte es sich um einen bewussten Traum, bei dem man dennoch ferngesteuert wurde. Andere konnten alle Entscheidungen frei treffen – beispielsweise auch die mal eben nach Paris zu reisen, zu fliegen oder sich in jemand anderen zu verwandeln.

Inwieweit sie in der Lage gewesen wäre, ihre Träume zu beeinflussen, hatte sie aber nicht erforscht. Vielleicht hätte sie dafür sorgen können, dass Malfoy zu Ron wurde. Oder dass sie durch die Wohnzimmertür in ihr Wohnzimmer schritt. Aber da sie es nicht ausprobiert hatte, blieb diese Frage jedoch offensichtlich

Eine weitere Frage der zahlreichen Fragen, die sie sich nach wie vor stellte, war die, ob es wirklich der Tranktropfen gewesen war, der diese Träume auslöste. Bisher schien festzustehen, dass der Tropfen es scheinbar zu beeinflussen vermochte. Denn alle Träume, die sie in den vergangenen Tagen ohne Wirken des Trankes gehabt hatte, waren gewöhnliche Träume gewesen.

In einem der Bücher stand, dass nur wenige Menschen es beherrschen, gezielt klar zu träumen. Zudem passierte es nur manchen Menschen und vielen davon selten und willkürlich oder gar nur einmal im Leben.

Welche natürlichen Auslöser es geben könnte, fernab des Trankes, war mehr oder weniger unklar. Man tippte jedoch darauf, dass auch der psychische Zustand der betroffenen Personen eine Rolle spielte. Jedoch schien es eher der Fall zu sein, dass diese eher klar träumten, wenn sie entspannt und ausgeglichen waren.

Mione hätte es daher nachvollziehbarer gefunden, wenn es am Stress liegen könnte. Dieser wurde aber eher als Gegenpol bezeichnet.

Sie seufzte und legte das Buch beiseite. Eine Sekunde wanderte ihr erster Gedanke zum Trank, den sie nun im Bad aufbewahrte – um sich selbst nicht in Versuchung zu bringen.

Doch diese war ebenso stark wie die Neugierde, die sie zu plagen schien. Denn natürlich war es für eine Magierin sicherlich nichts binnen Sekunden durch und durch ungewöhnliche Orte zu bereisen oder absurd-reale Dinge zu erleben. Doch sie konnte sich diese eigentlich so simple Sache nicht erklären. Und das machte sie rasend.

Denn sie war immerhin Hermione Granger. Und Hermione Granger ließ für gewöhnlich nichts auf sich beruhen, was sie sich nicht erklären konnte.

An diesem Abend ging sie ziemlich früh ins Bett. Eigentlich fast schon ungewöhnlich früh. Sie war zwar keinesfalls das, was man als eine waschechte Nachteule bezeichnen würde. Auch gerade wenn sie etwas las, dass sie amüsierte, faszinierte und fesselte, vergaß sie schnell die Zeit. In dieser Nacht ging sie also früh zu Bett. Sie schlief sogar überraschend schnell ein. Allerdings schlief sie traumlos.


Und da sind wir wieder. Ich wollte eigentlich postingtechnisch schon viel weiter sein, denn wir sind noch lange nicht da, wo es wirklich losgeht. Lol Immerhin muss Mione noch rausfinden, womit sie es zu tun hat. Es warten noch eine Menge Überraschungen auf sie und natürlich darf auch der echte Malfoy nicht fehlen... ihr seht also, wir befinden uns gerade erst am ganz zaghaften Anfang vom Anfang.

Leider macht mir mein Gesundheitszustand gerade einen richtig fetten Strich durch die Rechnung. Meine Erkältung hat sich zu einer 1A Sommergrippe gemausert, die mich (so fürchte ich) gerade dahinrafft. Tragisches lol Da ist an Schreiben und Posten leider nur schwer zu denken. Hier geht es gerade auch nur so zügig weiter, da ich schon vor meiner Erkrankung einen schönen Staffel angesammelt habe und die Chaps kurz genug sind, sodass ich sie wenigstens halbwegs überarbeiten kann. Ich bitte euch trotzdem um Nachsicht, da ich sicher einiges übersehen habe. Und bei Dark muss ich euch leider erstmal vertrösten, da die Kapitel einfach zu lang und komplex für meinen angeschlagenen Zustand sind.

Danke an alle, die hier lesen und liken... und an Schokoexperte für die Review (schön dich zu lesen! Eine längere Reviewantwort folgt! :))

Über Feedback würde ich mich wie immer freuen. Ran an die Tasten! So schwer ist das doch nicht. Man, man...