Severus Snape stand in seinem Laden und sortierte seit geschlagenen zwei Stunden Belege. Zwei Wochen waren seit der Eröffnung des Antiquariats vergangen. Zwei Wochen, in denen Severus Snape wieder und wieder Anläufe unternommen hatte, das Antiquariat zu besuchen. Doch jedes Mal hatte ihn der Mut verlassen. Er hatte es nicht einmal bis in die historische Einkaufsmeile geschafft. Dabei hätte er allen Grund für einen Besuch gehabt. Und sei es nur, um sich dafür zu entschuldigen, dass er ohne ein Wort der Verabschiedung verschwunden war. Doch sein fehlender Mut war nur einer der Gründe gewesen. Trotz diverser, selbstgebrauter Tränke hatte sich sein Gesundheitszustand in den letzten Tagen rapide verschlechtert. Er schaffte es gerade noch, den Tag in seinem Laden irgendwie zu bewältigen, bevor er abends todmüde und völlig geschafft zusammenbrach. Nicht selten hatte er sich dabei ertappt, dass er auf der Couch eingeschlafen war. Und manchmal konnte er sich nicht einmal mehr erinnern, wie er es überhaupt nach Hause geschafft hatte.

So sehr ihm das Antiquariat auch gefallen hatte, eine Tatsache, die er der jungen Besitzerin gegenüber ganz sicher nicht so schnell zugeben würde, so viele Gründe sprachen derzeit gegen einen Besuch. Mochte die Auswahl der Bücher auch exquisit sein, sah man mal von den üblichen Büchern unsäglicher Muggelautoren ab, und die Gesellschaft geistreich, so war es doch besser, sich in seinem jetzigen Zustand von dem Laden und seiner Besitzerin fernzuhalten. Er war nur froh gewesen, dass selbst Lucius' Verhalten auf der Eröffnung des Antiquariates besser gewesen war, als Severus es erwartet hatte. Zumindest bis zu dem Moment, da die Wirkung seines Vielsafttrankes nachgelassen hatte. Es hatte Severus einige Kraft und deutlich mehr Versprechen gekostet, den Magier zum Gehen zu überreden. Mrs Jacobs, die ganz offensichtlich Gefallen an dem Fremden gefunden hatte, war ihm dabei keine sonderlich große Hilfe gewesen. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten Severus und Lucius noch Stunden dort verbracht. Wie die gute Dame auf Lucius' Rückverwandlung reagiert hätte, daran wollte Severus lieber nicht denken. Doch zum Glück war die ganze Sache glimpflich ausgegangen. Sie waren unversehrt und völlig unbeobachtet in Severus' Haus zurückgekehrt und somit auch nicht zum Stadtgespräch für die nächsten Wochen geworden.

Doch trotz seines labilen Gesundheitszustandes, oder vielleicht gerade deswegen, hatte Severus eines längst eingesehen: Viel mehr als die Bücher reizte ihn seine ehemalige Schülerin. Ein Gedanke, den er wieder und wieder verdrängt hatte. Am Ende hatte er sich, unter dem Einfluss diverser Heiltränke, eingestehen müssen, dass kaum noch etwas an die Schülerin erinnerte. Aus dem naseweisen Gör von Hogwarts war eine schlagfertige, gebildete Frau geworden, die ihm durchaus gewachsen war, so ungern er dies auch zugab. Vielleicht konnte er aber auch diese Einsicht einfach auf die Heiltränke schieben, versuchte er sich zum wohl hundertsten Mal zu beruhigen. Er zog eine Phiole aus der Tasche seines dunklen Jacketts. Ein weiterer Schluck konnte ihn nicht umbringen. Und er würde vielleicht den Tag überstehen. Severus entkorkte die kleine Flasche und leerte sie in einem Zug. In diesem Moment wurde die Tür geöffnet. Severus hob den Kopf, verzog die Mundwinkel und ließ die leere Phiole in der Tasche verschwinden. "Ach, du bist es", sagte er eher beiläufig und widmete sich wieder dem Stapel von unsortierten Belegen. "Ich hatte dich nicht erwartet", fügte er noch hinzu. Langsam gewöhnte er sich an die untersetzte Figur mit den kurzen Haaren. Sein Freund schien sichtlich Gefallen an dieser Maskerade gefunden zu haben.

"So?" Lucius Malfoy zog seinen Mantel aus und warf ihn achtlos auf einen der Sessel. "Wen hast du denn erwartet?", wollte er von seinem Freund wissen. Ohne auf eine Einladung zu warten, ließ er sich auf einem weiteren Sessel nieder. Die Ellenbogen auf die Knie gestützt, beobachtete er Severus interessiert. "Du siehst beschissen aus", stellte er schließlich fest. Severus verzog das Gesicht. Warum musste der Trank auch so langsam wirken? 'Weil du keine geriebene Schlangenhaut hinzugefügt hast', beantwortete er in Gedanken die eigene Frage und verfluchte seine panische Angst vor diesen Tieren. Seit seiner beinahe tödlichen Begegnung mit Nagini konnte er kaum das Bild einer Schlange betrachten, ohne zu zittern. Und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Vermutlich würde er damit leben müssen. Nur gut, dass er kein Lehrer mehr war. Ein Tränkemeister, der Angst vor Schlangen hatte. Das wäre ein gefundenes Fressen für seine Schüler. Oder für eine Schlange. Severus spürte, wie seine Hand zu zittern begann.

"Wieso sollte ich jemanden erwarten?" Severus sah auf die Standuhr und versuchte, das Bild einer widerlichen, großen Schlange aus seinem Kopf zu verdrängen. "Um diese Zeit verirrt sich niemand hierher. Das solltest du langsam wissen." Er schob die Papiere schließlich zusammen. "Sinnlos", murmelte er vor sich hin. Seit Tagen fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Auch jetzt schaffte er es nicht, den pochenden Schmerz in seinem Kopf zu verdrängen. Eine weitere Portion des schmerzstillenden Trankes war jedoch auch keine Lösung. Er hatte schon mehr davon genommen, als gut für ihn sein konnte.

"Und?" Lucius griff nach seinem Mantel und holte seinen Zauberstab aus einer der Taschen. Mit einem kurzen Schlenker ließ er eine Tasse Tee auf dem Tisch erscheinen. "Jetzt erzähl schon, oder macht es dir etwa Spaß, mich zu quälen?", fragte er seinen Freund, nachdem er einen Schluck des Tees getrunken hatte.

"Wenn du mich so direkt fragst …" Severus beugte sich über den Verkaufstresen und sah Lucius an. "Ja!", antwortete er schließlich. "Nur leider gibt es Gesetze, die es mir verbieten."

"Als ob dich das früher interessiert hätte", winkte Lucius ab. "Aber jetzt erzähl endlich, ansonsten könnte ich ein paar dieser Gesetze für einen Moment vergessen." Severus zog die Augenbrauen zusammen und sah seinen Freund fragend an.

"Was soll ich dir erzählen. Hier passiert doch nichts." Er rieb sich mit dem Zeigefinger über seinen Nasenrücken. "Lass mich überlegen", sagte er nachdenklich. "Mrs Cursley hat endlich ihr drittes Kind bekommen, Mr Lloyd hat angeblich seine Frau mit der Sekretärin betrogen und der älteste Sohn von Mrs Darwin wurde betrunken von der Polizei aufgesammelt, bevor er in den Fluss fallen konnte." Er ließ seine Hand sinken. "Ich glaube, mehr ist hier nicht passiert. Was davon soll ich dir nun im Detail erzählen?" Lucius schnaubte verächtlich, hob seinen Zauberstab und zielte auf Severus. Doch der Verkäufer ließ sich davon nicht sonderlich beeindrucken und zuckte nur mit den Schultern. "Deine Entscheidung", fügte er hinzu. Vielleicht würde es ja gegen seine Kopfschmerzen helfen.

"Du sollst mir erzählen, ob du sie wiedergesehen hast. Euer Kleinstadttratsch interessiert mich nun wirklich nicht." Der Kopf des Malfoy-Clans ließ den Zauberstab verschwinden und blickte seinen besten Freund auffordernd an.

"Wen soll ich wiedergesehen haben?", fragte Severus. Seine Stimme klang gelangweilt und er sah nicht einmal auf, als Lucius ein beinahe knurrendes Geräusch von sich gab.

"Hör auf den Dummen zu spielen!", fuhr Malfoy Senior seinen Freund an. "Das steht dir nicht besonders und ich kenne dich zu gut, um es dir abzukaufen." Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich werde nicht gehen, bevor ich alle Details kenne." Er streckte sein Kinn ein Stück vor. Severus seufzte. "Also?", fordert Lucius seinen Freund erneut auf. Severus schüttelte den Kopf und Lucius hob die rechte Augenbraue ein kleines Stück. "Warum nicht? Ich hatte den Eindruck, ihr beide versteht euch glänzend."

"Ich weiß ja nicht, auf welcher Veranstaltung du gewesen bist, Lucius, ich kann mich auf jeden Fall nur daran erinnern, dass wir uns gestritten haben." Dass er obendrein ohne ein Wort des Abschiedes verschwunden war, und dies sogar zutiefst bereute, verschwieg er lieber.

"Ihr habt diskutiert", korrigierte Lucius seinen Freund, die Stimme ungewöhnlich energisch. "Muss ausgerechnet ich dir etwa den Unterschied erklären?" Severus verzog den Mundwinkel. Wenn es auf diesem Planeten einen Menschen gab, der nicht diskutieren konnte, dann war es sein Freund Lucius Malfoy. Für den Magier bedeutete eine Diskussion lediglich, dass man mit einer eigenen Meinung kam und mit Lucius' Meinung wieder ging. Wenn Worte nicht reichten, dann war der Mann sogar bereit, zu weniger legalen Mitteln zu greifen, um seinen Kontrahenten zu überzeugen. Es war erstaunlich, dass der ehemalige Todesser so lange in Voldemorts Reihen überlebt hatte, ohne sich gegen den bösartigen Magier aufzulehnen. Auf der anderen Seite hatte eben dieses ungewöhnliche Verhalten seines Freundes Severus schon sehr früh erkennen lassen, dass Lucius mit deutlich weniger Überzeugung bei der Sache gewesen war, als manch anderer geglaubt hatte. "Oder hast du etwa Angst, sie könnte dir überlegen sein?", holte Lucius seinen Freund in die Gegenwart zurück. Severus sah ihn an und brauchte einen Moment, um die Frage zu verstehen.

"Ist sie nicht", antwortete er schließlich, in Gedanken noch immer in der unsäglichen Vergangenheit, die ihn viel gekostet aber auch einen Freund beschert hatte, dem er deutlich mehr verdankte, als nur sein Leben.

"Sah aber sehr danach aus", widersprach Lucius ihm und betrachtete dabei das filigrane Muster der weißen Tischdecke, bevor er diese zurechtrückte.

"Nein!" Severus verdrehte die Augen. Lucius würde nicht nachgeben, dessen war er sich bewusst.

"Doch!", bestätigte Lucius die Ahnung seines Freundes. Severus nahm sich vor, zukünftig seinen Zauberstab wieder mitzuführen. Eine andere Möglichkeit, Lucius zum Schweigen zu bringen, schien es ja nicht zu geben. Er holte tief Luft und wollte seinem Freund gerade erklären, dass selbst Hermione Granger nicht den Hauch einer Chance gegen ihn hatte, wenn es um Literatur ging, als die Tür geöffnet wurde. Sie hatte ihm gerade noch gefehlt.

"Mrs Jacobs", begrüßte Severus die Dame und versuchte, das breite Grinsen im Gesicht seines Freundes zu ignorieren.

"Thomas, schön sie mal wieder zu sehen!" Mrs Jacobs durchquerte den Laden und nahm seine Hand in ihre beiden Hände. Eindringlich musterte sie den Mann. "Haben Sie Fieber?", fragte sie besorgt. Severus schüttelte den Kopf.

"Nur eine kleine Erkältung", versuchte er nicht nur Mrs Jacobs zu überzeugen. Noch immer hielt er an dieser Erklärung fest. Er war immerhin einst der Tränkemeister von Hogwarts gewesen. So jemand wurde nicht ernsthaft krank.

"Dann will ich das mal als Entschuldigung gelten lassen, mein lieber Thomas." Sie tätschelte seine Hand. "Ich hatte nämlich eigentlich erwartet, sie im Geschäft meiner Nichte mal anzutreffen." Sie musterte ihn noch immer besorgt. Severus hörte ein leises Husten und schwor sich, noch heute Abend ein paar unauffällige, aber wirkungsvolle Flüche zu üben. Nur für den Fall, dass er über die Jahre ein wenig eingerostet war.

"Mir fehlte es leider an Zeit, Mrs Jacobs. Schließlich war da noch eine vernachlässigte Buchhaltung, die es aufzuarbeiten gab", versuchte Severus die alte Dame zu überzeugen, dass nicht seine Gesundheit für das Versäumnis verantwortlich zu machen war. Er hatte Voldemort überlebt, da würde ihn so eine lächerliche Erkältung nicht schwächen. Während er sprach, entzog er der Dame sanft, aber bestimmend, seine Hand. Stattdessen holte er den Papierstapel heran und deutete darauf. "Wie Sie sehen, bin ich noch immer damit beschäftigt."

"Papperlapapp", winkte Mrs Jacobs ab. "Das ist doch nur eine Ausrede." Sie warf einen Blick auf die Unterlagen. "Wenn Sie möchten, dann schicke ich Ihnen Mr Michaels vorbei. Er ist der beste Steuerberater am Ort. Sebastian erledigt das im Handumdrehen." Severus schüttelte den Kopf.

"Ich denke, das wird nicht notwendig sein, Mrs Jacobs", versuchte er, die Dame von dieser Idee abzubringen. Severus kannte Sebastian Michaels gut genug, um zu wissen, dass dieser sich ganz sicher verplappern würde. Und wie sollte er dann Mrs Jacobs erklären, dass es eigentlich gar keine Buchhaltung gab, um die er sich zu kümmern hatte. Schließlich hatte er es schon vor Jahren aufgegeben, die Steuergesetze dieses Landes verstehen zu wollen, und seine Buchhaltung in die Hände von Mr Michaels gegeben. Seine eigene Aufgabe bestand lediglich noch in der Vorsortierung der Belege. Eine Arbeit, die er nutzte, um das ein oder andere verschwinden zu lassen, wollte er nicht seinem Steuerberater erklären müssen, was die 'Magische Apotheke' oder '1111 Zaubertrankzutaten' für Geschäfte waren. Belege für Einkäufe, die Lucius in letzter Zeit immer öfter für ihn erledigen musste.

"Wie laufen denn die Geschäfte ihrer Nichte?", fragte er nach einer Weile beiläufig. Vielleicht konnte er Mrs Jacobs ja so von der Idee mit dem Steuerberater abbringen.

"Es scheint gut anzulaufen, wenngleich Hermione wenig des Lobes für ihre Kunden ist. Sie meint, die meisten Kunden würden ihre Bücher nur kaufen, um damit anzugeben." Mrs Jacobs hob die Hände. "Es ist wohl neuerdings sehr schick, sich alte Bücher ins Regal zu stellen. Nicht gerade die Kundschaft, die meine Nichte bevorzugt." Sie lehnte sich ein Stück über den Tresen und senkte ihre Stimme. "Sie hingegen, mein lieber Thomas …" Sie war wohl nicht leise genug gewesen, deutete Severus den erneuten, gespielten Huster seines Freundes richtig. Über die Schulter seiner Besucherin hinweg warf Severus dem Mann auf dem Sessel einen drohenden Blick zu.

"Ich habe mich an diesem Abend nur kurz mit ihrer Nichte unterhalten", widmete er sich dann wieder seiner langjährigen, treuen Kundin und versuchte, das Zusammentreffen mit seiner ehemaligen Schülerin herunterzuspielen.

"Lange genug, um einen ziemlichen Eindruck zu hinterlassen", sagte Mrs Jacobs. "Sie fragt regelmäßig nach Ihnen. Ich glaube fast, sie ist ein wenig enttäuscht, dass Sie sich so schnell verabschiedet haben." Severus richtete sich auf und strich sein Jackett glatt. Die wenig subtilen Andeutungen machten ihn nervös. Ob Hermione Granger sich bewusst war, was ihre Tante so trieb? Severus bezweifelte es stark. Möglicherweise war es schlauer, die junge Frau aufzuklären. Wer konnte schon wissen, was Mrs Jacobs seiner ehemaligen Schülerin so über ihn berichtete. Er wollte auf keinen Fall, dass Miss Granger einen falschen Eindruck von ihm bekam. Erstaunt über sich selbst, hatte es ihn doch in der Vergangenheit kaum interessiert, was andere Menschen über ihn dachten, wandte er sich wieder Mrs Jacobs zu.

"Vielleicht schaue ich in den nächsten Tagen noch einmal vorbei", dachte er laut und beinahe tat ihm die alte Dame leid. Mrs Jacobs konnte ja nicht ahnen, dass ihre Versuche zum Scheitern verurteilt waren. Er verdrängte das sonderbare Gefühl, dass dieser Gedanke verursachte. Bedauern? Wohl kaum. "Kann ich in der Zwischenzeit etwas für Sie tun? Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?", lenkte er ab, drehte sich um und ließ seinen Blick über die zahllosen Teedosen wandern. "Ich habe doch erst vor zwei Tagen etwas bekommen, was Sie unbedingt probieren müssen", erklärte er. "Ha!" Er nahm eine Dose aus dem Regal, öffnete sie und ließ Mrs Jacobs das Aroma genießen. "Ein wahrlich himmlischer Duft, nicht wahr?" Mrs Jacobs ließ das kräftige Aroma des Tees einen Moment lang auf sich wirken und nickte schließlich.

"Wenn der Tee nur annähernd hält, was sein Duft verspricht, hat sich mein kurzer Besuch bereits gelohnt", stimmte die alte Dame zu. Während sie es sich bei Lucius gemütlich machte, verschwand Severus, um den Tee zuzubereiten. Kurze Zeit später saßen sie gemeinsam in der gemütlichen Ecke und tranken Tee.

"Mir wäre übrigens nie aufgefallen, dass Ihre Nichte aus Inverness kommt", begann Severus nach einigen Minuten des genussvollen Schweigens. "Der Dialekt lässt doch eher auf Birmingham schließen. Oder zumindest auf die dazugehörige Umgebung." Erst als Severus das süffisante Lächeln im Gesicht der alten Dame bemerkte, wurde ihm klar, was er getan hatte. Völlig unbewusst hatte er das Gespräch wieder auf seine ehemalige Schülerin gebracht. Lucius' zuckende Mundwinkel ließen ihn ahnen, dass er sich später noch einiges von seinem Freund würde anhören dürfen.

"Hermione ist nicht wirklich meine Nichte", setze Mrs Jacobs zu einer Erklärung an. "Tatsächlich ist sie die Enkelin meiner verstorbenen Schwester. Jane hat früh geheiratet und ist mit ihrem Mann in die Stadt gezogen. Ihre Tochter, also Hermiones Mutter, ist noch nie in Inverness gewesen. Ich kenne sie kaum." Mrs Jacobs klang nicht, als würde sie diese Tatsache wirklich bedauern, und Severus fragte sich, was wohl in dieser Familie vorgefallen sein könnte. "Sie und ihr Mann sind richtige Stadtmenschen." Daher wehte also der Wind. Die meisten Menschen in Inverness hielten nur wenig von der Großstadt. Und noch weniger von deren Bewohnern, die im Sommer wie die Fliegen über Inverness herfielen und sich benahmen, als gehöre der kleine Ort ihnen. "Sie sind Ärzte. Hermione ist völlig anders. Sie ist schon als Kind gerne nach Inverness gekommen und hat sich für die Menschen und ihre Geschichte interessiert." Mrs Jacobs lächelte zufrieden und schien stolz auf die junge Verwandte zu sein. "Ich glaube, sie hat sich in der großen Stadt nie so wirklich zu Hause gefühlt. Doch seit diesem sonderbaren Internat, auf das ihre Eltern sie geschickt haben …" Severus wurde hellhörig.

"Sonderbares Internat?", fasste er nach. Jetzt wurde die Geschichte langsam interessant. Es stand wohl außer Frage, dass mit diesem Internat nur Hogwarts gemeint sein könnte. Wusste die alte Dame doch mehr, als er bisher vermutet hatte? Ein zögerndes Nicken von Mrs Jacobs war für einen kurzen Moment die einzige Antwort, die er bekam. Die alte Dame zog ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und tupfte sich damit die Nase ab. Severus hatte den Eindruck, als wolle Mrs Jacobs Zeit gewinnen.

"Anfänglich schien es Hermione dort gut zu gefallen", begann Mrs Jacobs nachdenklich und betont langsam. "Doch in ihrem letzten Schuljahr muss etwas passiert sein. Danach war das Mädchen völlig verschlossen und sie hat England beinahe fluchtartig verlassen." Mrs Jacobs ließ die Hand mit dem Taschentuch in den Schoß sinken und sah Severus an. Bildete er es sich nur ein, oder glänzten die Augen der alten Dame tatsächlich? "Es war gar nicht so einfach gewesen, sie zur Rückkehr zu überzeugen. Mit dem Antiquariat konnte ich sie schließlich nach Inverness locken. Allerdings meidet sie die Menschen noch immer. Und sie will mir auch nicht erzählen, was passiert ist." Sie hob die Hand und tupfte dieses Mal ihr Auge ab. Severus sah zu Lucius. Doch sein Freund hatte den Blick abgewandt und schien die leere Straße zu beobachten. Er wandte sich wieder Mrs Jacobs zu. Die Dame wirkte mit einem Mal alt und gebrechlich. Kein Zweifel: Sie machte sich ernsthaft Sorgen um Hermione Granger. Und er war nicht in der Lage, ihr diese Sorge zu nehmen. Natürlich könnte er ihr erzählen, was passiert war. Zumindest teilweise. Doch er durfte es nicht tun. Und erst jetzt wurde ihm bewusst, was seine Schüler durchgemacht hatten. In den letzten Jahren hatte er sich hier verkrochen, seine Wunden geleckt und über die Ungerechtigkeit der Welt nachgedacht. Voldemort hatte tiefe Spuren hinterlassen. Nicht die Narben auf seinem Körper. Voldemort hatte viel mehr zerstört. Und scheinbar nicht nur bei ihm. Hermione Granger und ihre Freunde waren viel zu früh mit der dunklen Seite der Magie konfrontiert worden. Jeder von ihnen hatte mehr Leid erlebt, mehr Tote gesehen, als ein junger Mensch im ganzen Leben sehen sollte. Und wie konnte Hermione Granger mit dieser alten Dame über das Erlebte reden? Mrs Jacobs schien ja nicht einmal zu ahnen, dass die junge Frau mehr war, als nur ein ganz normaler Mensch.

"Vielleicht sollten Sie ihr einfach die Zeit geben, die sie braucht", schlug Severus vor, wohl wissend, dass Hermione Granger sich niemals ihrer Tante anvertrauen würde. Sie durfte es nicht. Das traurige Nicken der alten Dame und der hoffnungslose Blick machten ihm schnell klar, dass auch Mrs Jacobs nicht wirklich daran glaubte. "Sie wird irgendwann von sich aus den ersten Schritt tun", fügte er hinzu. Nur leider hatte er keine Ahnung, was dieser Schritt sein würde.

"Sicher haben Sie recht. Es ist schon ungewohnt, dass sie überhaupt Interesse an einem Mitmenschen zeigt. Was immer Sie ihr gesagt haben, es hat sie sichtlich beeindruckt. Sie würden mir wirklich einen großen Gefallen tun, wenn Sie sie besuchen würden." Die alte Dame beugte sich vor und legte ihre dünne Hand auf seine. "Keine Sorge, ich werde mich auch mit meinen Bemerkungen zurückhalten." Sie lächelte. Auch wenn es noch ein wenig gezwungen wirkte, so war es doch wenigstens wieder ein Lächeln. "Ich hatte wirklich ein wenig zu viel Wein getrunken. Auch wenn ich immer noch der Ansicht bin, dass Sie eine gute Wahl …" Severus riss die Augen auf. Hatte er sich gerade mit dem Gedanken angefreundet, Hermione Granger als guter Freund zur Seite stehen zu dürfen, schienen Mrs Jacobs Gedanken längst wieder in eine ganz andere, völlig falsche Richtung zu wandern.

"Mrs Jacobs, ich bitte Sie, Miss Granger könnte meine Tochter sein", erklärte er, was er sich selbst mehr als einmal versucht hatte einzureden. Und zum ersten Mal bemerkte er, dass ihn dieser Gedanke weit weniger störte, als es sich gehörte.

"Papperlapapp!", tat Mrs Jacobs seine Bedenken ab und unterstrich ihren Einwand mit einer ungewohnt hektischen Handbewegung. "Meine Hermione könnte mit so einem jungen Kerl doch gar nichts anfangen. Mal ganz ehrlich, Thomas, Jugend mag ja ihre Vorteile in gewissen Situationen haben, aber es geht doch nichts über Erfahrung." Lucius Malfoys Schmerzgrenze war offensichtlich erreicht. Er prustete los und Severus spürte, wie er rot wurde. Diese Frau schaffte ihn. Gerade eben noch zu Tode betrübt über das verschlossene Wesen ihrer sogenannten Nichte, schien die alte Dame jetzt nichts Besseres zu tun zu haben, als eben jene Nichte verkuppeln zu wollen. Ausgerechnet mit ihm. Dem ehemaligen Lehrer von Hermione Granger. Doch auch das konnte er Mrs Jacobs leider nicht erklären. Allerdings würde er es, wenn die alte Dame ihren Plan weiterverfolgte, wohl Miss Granger erklären müssen.

"Mrs Jacobs, ich muss zugeben, Sie gefallen mir immer mehr. Miss Granger kann sich glücklich schätzen, eine Tante wie Sie zu haben. Und ich bin mir ganz sicher, dass mein Freund hier Ihrer Bitte gerne nachkommt", mischte sich zu allem Überfluss jetzt auch noch Lucius ein. "Du wirst Miss Granger doch aufsuchen, habe ich recht?", richtete der ehemalige Todesser das Wort jetzt sogar noch direkt an ihn. Severus war kurz davor, auf magische Waffen zu verzichten und Lucius mit seinen bloßen Händen zu erwürgen. "Wenn du möchtest, begleite ich dich gerne. Meine Frau hat mir ohnehin aufgetragen, noch einige von diesen Jane Austen Romanen zu besorgen." Er lächelte und Severus begann zu begreifen, dass sich da zwei Menschen tatsächlich gegen ihn verschworen hatten. Mit einem leisen Seufzer gab er nach und schwor sich, bei allernächster Gelegenheit ein ehrliches Gespräch mit seiner ehemaligen Schülerin zu führen.

"Natürlich werde ich", stimmte er zu. "Schließlich ist es die Aufgabe der Erfahrenen, unserer Jugend zu helfen, wo es nur geht." Etwas, dass er schon viel früher hätte tun sollen. Sehr viel früher. Severus hatte sich nie für einen guten Lehrer gehalten. Sicherlich verstand kaum jemand mehr von Zaubertränken als er. Zweifelsohne hatte er vieles von seinem Wissen weitergegeben, doch ein guter Lehrer war er nie gewesen. Nicht, dass die Situation ihm je die Möglichkeit gegeben hatte, wäre seine Tarnung doch dahin gewesen, aber vielleicht hätte er etwas bewirken können, wäre er geblieben, statt sich hier vor dem Rest der Welt zu verstecken. War er zu egoistisch gewesen? War es an der Zeit, einige seiner Fehler wieder gutzumachen?

Gleich morgen würde er Hermione Granger besuchen, oder übermorgen, spätestens nächste Woche. Er ahnte nicht, dass ihm diese Entscheidung abgenommen werden würde. So wenig wie er ahnte, dass sein Leben kurz davor war, völlig aus den Fugen zu geraten.