3. Kapitel

-

-

„Dieser Mann ist organisiert, aber unvorsichtig!" Spencer Reid hielt ein Schreiben hoch.

„Er hat Fingerabdrücke hinterlassen."

Überrascht schauten die anderen ihn an.

Sie hatten sich im Konferenzraum versammelt um ein weiteres Mal das Profil durchzugehen.

Es war noch früher Morgen, aber angesichts des letzten Briefes wollten sie versuchen endlich ein Stück weiter zu kommen.

„Haben wir einen Namen?" fragte Elle.

„Nein, bisher noch nicht. Das System sucht noch. Garcia wird uns Bescheid sagen, sobald sie etwas hat." Reid setzte sich zu ihnen an den Tisch.

„Was sagt uns der Brief?" Hotch deutete auf die Pinnwand, an der sowohl Brief als auch der Umschlag hingen.

„Unser Täter scheint eindeutig zu denken, dass ihn eine Beziehung mit Derek verbindet," meinte Elle. „Die Frage ist, ob er ihn tatsächlich kennt oder ob er ihn sich nur durch Zufall ausgesucht hat."

„Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er hier im Gebäude arbeitet. Nicht als Agent, aber in einer anderen, einer geringeren Position", meinte Gideon. „Er hat zu viele Informationen."

„Dann müssten seine Abdrücke im System sein und wir haben in Kürze einen Namen", stellte Hotch fest. „Und da er das weiß wird er sicher nicht zu Hause sitzen und auf uns warten."

„Nein, er wird versuchen zu beenden was er angefangen hat!" sagte Reid. „Mit Sicherheit ist er von jemandem abgewiesen worden oder wurde verlassen. Er sucht sich Männer, die ähnlich aussehen und denjenigen ersetzen sollen. Wenn sie nicht darauf eingehen wird er wütend. Und er wird so lange weiter machen bis er jemanden gefunden hat oder ihn jemand aufhält."

„Er ist doch schon wütend!" mischte sich JJ das erste Mal in das Gespräch ein. „Also wie finden wir ihn? Wie verhindern wir, was er vorhat? Dieser Mann hat vier Männer in drei Jahren getötet. Er hat Geduld bewiesen, es kam ihm nicht darauf an möglichst schnell jemand anderen zu finden. Was, wenn er jetzt erstmal untertaucht? Und er dann wieder auftaucht wenn niemand damit rechnet?"

JJ hatte sich in Rage geredet. Es machte sie wütend, dass sie so hilflos waren.

Derek zog sie neben sich und hielt ihre Hand fest. Er sagte nichts.

„Er muss die Männer irgendwo festgehalten haben, JJ" sagte Gideon und sah ihr in die Augen. „Sobald wir seinen Namen haben können wir seine Wohnung untersuchen. Vielleicht finden wir dann einen Hinweis auf sein Versteck."

„Er scheint sich seiner Sache ziemlich sicher zu sein", fügte Elle hinzu. „das heißt, wenn er einen Fehler gemacht hat, macht er wahrscheinlich auch einen weiteren."

-

Eine halbe Stunde später bekam Reid einen Anruf von Garcia.

„Die Fingerabdrücke sind von Simon Miller", informierte Reid das Team. „ Er arbeitet beim Reinigungspersonal."

„Also kann er sich praktisch ungesehen hier bewegen!" stellte Gideon fest.

„Das hier ist ein Bild von ihm." Reid drehte seinen Laptop herum damit alle es sehen konnten. „Und hier habe ich seine Adresse." Er hielt einen Zettel hoch.

„Ich sorge dafür, dass er nicht mehr hier ins Gebäude kommen kann. Falls er auftaucht wird er bei der Sicherheitskontrolle direkt festgenommen." Hotch ging ein Stück weg um zu telefonieren.

„Wir fahren alle zu seiner Wohnung. Ich möchte so viele Blickwinkel wie möglich haben", sagte Gideon.

Sein Blick fiel auf Derek, der an seinem Schreibtisch saß und auf das Bild starrte.

„Ich kenne den Kerl nicht", murmelte er. „Ich muss ihn schon mal gesehen haben, aber er kommt mir nicht bekannt vor."

Hotch kam wieder zu ihnen.

„Morgan, ich möchte dass du hier…"

„Nein!" unterbrach Derek ihn. „Ich werde nicht hier sitzen und darauf warten, dass ihr etwas findet."

Hotch wollte etwas erwidern, doch Gideon legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Bei uns ist er doch sicher!"

Hotch zögerte, ergab sich aber schließlich. „In Ordnung. Dann lasst uns fahren."

-

Simon Miller wohnte nur eine Viertelstunde vom Büro entfernt.

Wie vermutet war die Wohnung leer. Es sah jedoch so aus, als wäre noch vor kurzem jemand hier gewesen.

Reid und Elle blieben im Wohnzimmer vor einer Wand mit Bildern stehen. Alle waren von einem Mann um die 30. Er hatte eine dunkle Hautfarbe und ernste Augen. Er sah nicht besonders fröhlich aus.

Ansonsten war in dem Zimmer nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Sie untersuchten die Regale und den Inhalt der Schränke, klopften die Wände ab – nichts.

Derek und Gideon fingen in Flur, Bad und Küche an zu suchen.

JJ und Hotch gingen ins Schlafzimmer. Auf den ersten Blick war es ein ganz normales Schlafzimmer. Als JJ die erste Schranktür aufmachte entfuhr ihr ein überraschter Laut.

„Was ist los?" fragte Hotch und kam zu ihr.

Die Tür war von innen über und über mit Bildern beklebt.

Sie waren von den ersten beiden Opfern, Sam Granger und Jack Cole. Bilder von ihnen vor und in ihren Häusern, auf der Arbeit und die meisten waren von dem Ort, an dem sie gefangen gehalten worden waren. Anscheinend hatte Simon Miller sie in allen Stadien ihrer Gefangenschaft fotografiert, erst noch unversehrt, dann mit schweren Verletzungen und schließlich tot.

Ohne ein Wort zu sagen öffnete Hotch die zweite Schranktür, während JJ noch wie gebannt auf die Bilder sah.

Auch hier waren massenhaft Fotos zu sehen, diesmal von Eric Swanson und dem letzten Opfer, Peter Norton.

Als Hotch hinter die dritte Tür sah, schloss er einen Moment die Augen.

Nun waren die letzten Zweifel ausgeschlossen- Simon Miller hatte sich sein nächstes Opfer bereits ausgesucht. Jetzt mussten sie ihn nur noch finden, bevor er eine Möglichkeit fand an Morgan ranzukommen.

JJ kam zu ihm. Bevor er die Tür wieder zu machen konnte drängte sie sich zwischen ihn. Reglos sah sie sich die Aufnahmen von Derek an, die an der Tür hingen. An einige Momente konnte sie sich noch erinnern, da war sie dabei gewesen. Aber Miller hatte die Bilder zerschnitten, so dass nur noch Derek zu sehen war.

„Hotch?"

„Ja, JJ?"

„Bitte passt auf ihn auf, ja?!"

Er sah sie an. „Was glaubst du denn?"

„Dass ein Verrückter es auf meinen Verlobten abgesehen hat – und auf den Vater meines Kindes…", ihre Stimme wurde immer leiser.

„Was?" Überrascht sah Hotch auf JJ's Bauch. „Du bist schwanger?"

„ Ich habe gestern erst einen Test gemacht. Es ist noch ganz früh." Sie sah wieder auf die Fotos. „Ich habe es Derek noch nicht gesagt."

„JJ…"

„Ich werde es ihm sagen. Aber ich will nicht, dass er sich noch mehr Sorgen macht. Seit diesem Brief gestern hat er kaum ein Wort mit mir gesprochen."

„Vielleicht solltest du es ihm grade deshalb sofort sagen."

„Ich warte den richtigen Zeitpunkt ab. Lass mich das bitte alleine entscheiden, ja?"
„Warum hast du denn überhaupt etwas gesagt?"
„Ich dachte einfach, jemand sollte es wissen."

Hotch sah sie eindringlich an. Aber er sagte nichts mehr. Sie hatten Arbeit zu erledigen, alles andere musste jetzt eben warten.

-

Bis auf die Fotos fanden sie bei der Durchsuchung keine weiteren Hinweise. Sie trafen sich wieder im Büro um die Fotos genauer zu untersuchen.

„Wir teilen die Bilder unter uns auf", sagte Hotch, als sie sich alle versammelt hatten. „Achtet auf alle Details. Garcia hat die Bilder bereits eingescannt und arbeitet an detaillierten Vergrößerungen. Der Ort, an dem er die Männer gefangen gehalten hat muss irgendwo Außerhalb liegen! Er hat sich nicht die Mühe gemacht die Fenster abzudunkeln. Vielleicht entdecken wir so einen Hinweis auf den Ort."

JJ verteilte die Bilder. Es waren fast 500 Stück.

Eine Weile arbeiteten sie schweigend, jeder vertieft in die Bilder. Sie durften nichts übersehen. Aber es war schwer sich auf Kleinigkeiten zu konzentrieren, wenn der Blick automatisch wieder auf die Opfer fiel.

Alle paar Minuten lehnte sich einer von ihnen zurück, schloss die Augen oder sah aus dem Fenster.

Auf einmal sprang Derek auf. „Entschuldigt!" murmelte er leise und hechtete aus dem Raum.

JJ wollte aufspringen und ihm hinterher gehen, doch Reid hielt sie zurück.

„Ich mache das!" sagte er und stand auf.

-

Reid brauchte ein paar Minuten bevor er Derek fand.

Er stand in einem abgelegenen Flur, in dem die Büroräume zurzeit renoviert wurden. Im Moment arbeitete niemand und so waren sie allein. Derek stand an einem der Fenster und schaute hinaus. Seine Hände hatte er in die Taschen gesteckt, sein Körper war starr vor Anspannung.

„Ich brauche keinen Babysitter, er kann hier nicht mehr rein, erinnerst du dich? Du erinnerst dich doch sonst an alles!"

Reid stellte sich neben ihn, lehnte sich mit dem Rücken an die Fensterbank, so dass er Morgan ansehen konnte.

„Wir sind Freunde, erinnerst DU dich?" fragte er.

Nun sah Derek Reid doch an.

„Das alles ist so… ich weiß auch nicht…" Er fand einfach nicht die richtigen Worte um auszudrücken was er empfand.

„Beängstigend?!"

„Ja, das auch", gab Derek zu. „Weißt du, ich frage mich wirklich, warum dieser Kerl mich ausgesucht hat!? Oder Buford… warum ich? Ist das Zufall, einfach Pech? Habe ich irgendetwas an mir…?"

„Und wenn du die Antwort darauf wüsstest, würde dich das weiter bringen?" Reid sah ihn aufmerksam an.

Derek zuckte mit den Schultern.

„Wenn ich nach Hause komme, möchte ich einfach nur ein normales Leben. Mit JJ zusammen sein. Keine Angst, keine Alpträume, keine Gedanken an Mörder und Psychopathen . Und ich frage mich, warum wir diesen Job machen. Aber der Gedanken aufzuhören gibt mir das Gefühl die Menschen da draußen im Stich zu lassen."

„Ich glaube, das geht uns allen so, Derek! Aber das ist doch jetzt grade nicht das, was dich belastet, oder?"

„Nein."

„In einer Situation wie dieser Angst zu haben ist doch ganz normal. Wenn ich du wäre, hätte ich es grade nicht eine Minute geschafft diese Bilder anzusehen. Du solltest gar nicht mitarbeiten an diesem Fall!"

„Und was soll ich stattdessen tun?"

-

„Mit mir mitkommen!" sagte eine Stimme.

Sie drehten sich beide um und starrten Simon Miller an, der mit einer Waffe in der Hand drei Meter von ihnen entfernt in einer der Büroräume stand.