~~ Kapitel 4
Es war kein Liebesbrief. Noch nicht mal indirekt. Dann wunderte es mich nicht mal indirekt, dass ausgerechnet er mir Nachhilfe geben sollte. Charlestons Humor war auch grausam. Was sollte ich denn mit dem stillen Jungen? Wenn der Direx das nur tat damit ich auch ihn aufpasste, bitte schön. Was anderes hätte ich eh nicht getan.
Zweite bis Vierte stand ich auf dem Platz. Freistoßschießen. „Die Mauer steht nicht richtig! Wollt ihr es ihm wieder so leicht machen wie beim letzten Mal?", rief der Trainer.
„Versucht 's nur! Den zirkle ich euch oben rechts in die Ecke!" –„Wie willste das denn machen, Alter? Du bist ein Rechtsfuß, Forte!" –„Jaha, kleiner Trick! Ich schieß' das Ding mit Links!" Ich hielt einfach drauf und der Ball drehte sich hoch über der Mauer von links nach rechts rein, traf den rechten Innenpfosten und schlug ins Netz ein. Die Jungs in der Mauer und unser Torwart fluchten.
„Übungsspiel! Sturm gegen Abwehr auf ein Tor! Nach fünf Toren tauscht ihr durch!", rief der Trainer und klatschte in die Hände.
„Macht die Lücken dicht!", brüllte Denbo. Ich grinste. „Hat letzte Woche auch nicht funktioniert. Glaubst du etwas, dass sich seit der letzten Woche was geändert hat?" –„Ich kenne deinen schwachen Punkt, Alter." –„Ich habe keinen schwachen Punkt. Laber' nicht rum. Pass besser auf, dass ich dich nicht gleich überrenne!"
Der Pfiff kam, der Ball war freigegeben. „Chess und Trevor, in dem freien Raum! Salem kommt mit mir!", rief ich vom Anstoßpunkt. „Was brüllst du hier so rum?", gab Denbo zurück. „Wollte dir helfen, Herzchen! Damit du den Ball wenigstens mal siehst bevor ich ihn bei euch unter die Latte haue!", entgegnete ich.
Ich passte den Ball zu Salem, der etliche Meter mit dem Leder gehen konnte bevor sich ihm die Abwehr entgegenstellte. „Mehr Pressing!", brüllte der Trainer.
Nummer sechs und sieben versuchten, ihm den Ball abzunehmen. Ich riss den rechten Arm hoch und stürmte auf Denbo zu. „Kannst es wohl nicht erwarten, ey?" –„Red' nicht soviel, sonst bist du außer Atem bevor ich dich durch die Mangel drehe!", knurrte ich und bekam den Ball. Denbo stocherte danach, mehr aber nicht. Ich drehte mich links um ihn und war durch. Ich gab den Ball an Trevor ab bevor ich mich am Rand vom Elfer wieder meldete. Nummer zwei und drei deckten mich. Ich gab Trevor ein Handzeichen und er schlug eine Flanke auf Chess.
„Um uns auszuschalten braucht ihr mehr als sechs Mann", grinste ich und lief mich frei. „Gib' ab! Denbo pennt schon wieder!", rief ich. Chess spielte einen hohen Ball direkt vors Tor. „Hier! Fang! Den nehm' ich volley!" Ich drosch den Ball ins Tor.
Eins zu Null.
„Verdammter Dreck! Jasira, das war dein Mann!", brüllte Denbo. „Fehlen nur noch vier", sagte ich trocken. Und das ging schneller als sich Denbo das hätte träumen wollen. Das ging schon fast zu einfach. Der Kerl wartete doch auf was. Ständig starrte er zu dem Gang der auf den Platz führte, hinüber als wartete er auf ein Ereignis, dass jeden Moment eintreten konnte.
Wegen einer Baustelle im Flur mussten alle, die zu den Räumen dahinter wollten, am Sportplatz vorbei außen rum gehen.
„Greift ihr Pfeifen uns jetzt an oder muss ich warten bis mir Haare wachsen? Das geht ja auch überhaupt nicht", warf ich dagegen.
Die Räume, die wir abzudecken hatten, waren um einiges größer.
„Warts nur ab", fauchte Denbo und hämmerte den Ball zum Gang hinüber. Ich wetzte von meiner Position dem Ball hinterher. „Vorsicht!", brüllte ich und rammte Denbos Opfer mit der Schulter aus dem Weg. Der Ball traf die Scheibe mit solcher Wucht, dass sie in Tausend Scherben zersplitterte. Jetzt erkannte ich wen ich da umgerissen hatte.
„Was fällt dir ein mich zu sabotieren?", knurrte Denbo. „Den Bücherwurm hätt's auch ohne dich zerlegt!" –„Er ist ohnmächtig, du blödes Arschloch!" –„Wollte ihn nur ein bisschen erschrecken!"
Ich sah mir das Ausmaß des Zusammenpralls an. Schien bis auf ein paar Abschürfungen und eine Beule nicht weiter verletzt zu sein. „Du hättest ihm mit dem Schuss sämtliche Knochen brechen können!" Denbo zuckte mit den Schultern.
„Immer muss ich deine Verletzten wegräumen, wenn was passiert", grummelte ich und brachte den Ohnmächtigen ins Krankenzimmer. Dort wartete ich bis er wieder aufwachte. ~~
„Chrys, wach auf. Du schnarchst." –„Hm? Was? Oh, entschuldige. Geht die Sonne schon auf?" –„Nee. Ist jetzt Viertel nach fünf. Du hast wieder mit der Brille auf der Nase geschlafen." –„Hatte gedacht, ich könnte mitlesen." –„Dann hab ich also doch nichts falsch gemacht. Hast dich also doch überschätzt." –„Scheint so, nicht?" –„Kann aber auch eine Nachwirkung von den Tropfen sein." –„Das glaubst du doch selbst nicht. Ich war wirklich gut. Sonst stöhnst du nicht so laut." –„Was willst du jetzt von mir hören?" –„Dass ich gut war." –„Du bist ein Sexgott." –„Echt?" –„Zufrieden?" –„Hm … ja. Willste nochmal?" „Jederzeit." –„ Ach so! Du verarschst mich." –„Nö. Wenn die Sonne aufgegangen ist, zeig' ich dir meine göttliche Kraft." –„Oha! Wenn du mich so ansiehst, meinst du 's ernst. Ich geh' mal eben rüber." –„Warum?" –„Heizung andrehen, Bett machen, Handschellen raussuchen …" –„Du spinnst." –„Nee, ich mein 's ernst. Ich steh' drauf dir ausgeliefert zu sein." –„Jetzt verarschst du mich." –„Nee. Das ist echt wahr. Dabei mach' ich keine Witze." –„Stimmt. Ich fahr' den Rechner wieder runter." –„Vergiss nicht zu speichern, sonst war alles für die Katz'." –„Hab ich schon." –„Okay. Dann bis gleich."
*Mittags*
„Hast du die Schokolade versteckt, Chrys?" –„Nein. Vielleicht ist sie aufgebraucht. Iss Brot." –„Bla, bla, bla. Brot. Wie blöd. Ich kann mich kaum rühren und muss noch zum Einkaufen stratzen." –„Yes!" –„Sei du mal still. Du gehst wie 'n alter Mann." –„Noch besser war, als du die Schlüssel für die Handschellen unters Bett geworfen hast, Forte. Mir tut der Bauch jetzt noch vom Lachen weh." –„Das hab ich jetzt überhört. Was soll ich noch mitbringen?" –„Nein, ich brauch' nichts. Spülmittel, vielleicht." –„Nicht irgendwas super Ungewöhnliches? Soll ich noch zur Apotheke fahren?" –„Ich brauch' nichts. Ehrlich. Ich fühle mich vollkommen gesund." –„Ein bisschen was brauchen wir schon." –„Ach so, das meinst du. Ohne zu sein wäre echt ärgerlich." –„Vor allem, wenn du jetzt so aktiv bist." –„Dieses Buch verändert vieles." –„Wenn 's dafür sorgt, dass du so abgehst, hättest du schon früher damit anfangen sollen. Ich fahr' jetzt los. Fang du schon mal zu schreiben an. Bis gleich." –„Bist später."
~~ Als ich aufwachte, drehte sich alles um mich. Ich rätselte noch was für ein Sattelschlepper mich erwischt hatte auf dem Weg in den Kunstunterricht.
„Was soll ich nur mit dir machen, hm?". fragte jemand und seufzte.
Ich tastete nach meiner Brille und fand sie nicht. Mir wurde wieder übel, als ich mich von der Liege hochstemmte.
„Na, endlich. Dann verpasse ich die Klausurbesprechung in Mathe doch nicht", stöhnte der Jemand, stand auf und gab mir meine Brille zurück. Meine linke Schulter schmerzte nach dem Aufprall entsetzlich. Wieder sah ich in diese blauen Augen und wollte weg, aber ich konnte nicht aufstehen.
„Hey, keine Panik, Chrys. So heißt du doch, nicht wahr?"
Die Übelkeit wich dem Gefühl, dass mein Gesicht glühte.
„Ich tu' dir nichts. Wollte mich entschuldigen, dass ich dich um gerempelt hab. Aber sonst würdest du jetzt mit diversen Brüchen im Krankenhaus liegen. Denbo hat ziemlich hart geschossen." –„Danke", entgegnete ich kleinlaut. „Ich mach' dir ein Angebot. Du sorgst dafür, dass ich nicht durch die Englischprüfung falle und ich halte dir diese aggressiven Spinner vom Hals. Ist doch 'n Deal, oder?" –„Dafür müssen Sie aber versprechen, dass Sie wirklich hart mit mir … Ähm … dem Text arbeiten." –„Wenn das deine Bedingung ist … Gut. Abgemacht. Treffpunkt wie vereinbart." Forte verließ das Krankenzimmer.
„Hier steckst du also!", rief die dralle Cerissa aus meinem Kunstkurs.
Ich zuckte zusammen. Aber nicht vor Schmerzen, sondern, weil ich fürchtete ihre riesigen Brüste würden aus ihrem BH springen und mich anfallen.
„Herr Alton sucht dich schon überall. Siehst schlimm aus. Haste dich geprügelt?" –„Nein. Nicht direkt." –„Ach, Jungs … Dass ihr euch auch immer beulen müsst." Dann stemmte sie ihre Hände in die Hüften und grinste. „Gefällt dir was du siehst?" Ich sah an mir runter und legte augenblicklich die Hände in den Schoß. „Das? Das ist nicht deinetwegen", murmelte ich und tat so als wäre die Schulter doch schlimmer verletzt.
Meine Gedanken waren bei jemand anderem. Dann dachte ich an Eiswürfel und war erleichtert, dass ich gegen meine Fantasie gewonnen hatte.
„Du bist ein komischer Kerl", seufzte Cerissa. „Weiß ich selber", gab ich zurück und ließ meine Beine von der Liege baumeln bevor ich aufstand.
„Herr Alton wollte bekannt geben wer den Rivar Corp. Wettbewerb gewonnen hat. Bestimmt wieder so ein schnepfiges Cheerleader. Die sind doch alle nur scharf auf den Boss." –„Boss?" –„Du lebst echt am Arsch der Welt. Forte ist der Boss, klar? Das Team hat dreimal die Meisterschaft geholt seit er dabei ist." –„Bist du auch scharf auf den Boss?" –„Nö. Der ist mir zu abgeklärt." –„Wie bitte?" –„Ich steh' auf unschuldige Jungs wie dich."
Ich hatte erwartet, dass ich wieder zu glühen begann, aber nichts geschah. Trotzdem war es mir mehr als unangenehm, als sie immer näher kam und ihre Brüste wieder drohten mich anzuspringen.
„Ich möchte damit noch warten", war meine platte Antwort. „Sparst dich für die Richtige auf, was? Mit mir kannst du aber schon mal Erfahrung sammeln." Wieder stemmte sie die Hände in die Hüften und grinste.
Wie war ich da wieder hineingeraten? Ich wollte nichts von ihr.
Sie kam immer näher und ich wich zurück bis ich gegen die Wand stieß. „Ich muss los! Bin so nervös wegen dem Wettbewerb! Ich sehe dich dann in der Klasse!", rief ich im Weglaufen.
Die Schulter tat noch immer sehr weh, obwohl die kleineren Wunden und die Beule, die ich mir zugezogen hatte, bereits wieder verheilten. Der Tag konnte kaum schlimmer sein als der gestrige.
Ich quetschte mich an den Aufbauten der vorbei und an dem noch immer vorhandenen Wasserschaden und stand Minuten später vor der Klassenraumtür. Ich öffnete die Tür so leise es ging und huschte hinein. Herr Alton war nicht im Raum und so nahm mich keiner wahr, als ich mich auf meinen Platz setzte. Zu meiner Verwunderung waren meine Sachen auch da und darunter war auch ein Umschlag mit dem Rivar Corp. Logo. Ich ließ den Umschlag in meiner Tasche verschwinden. Den wollte ich lesen, wenn ich alleine für mich war, obwohl ich es kaum aushalten konnte vor Neugier.
Ich öffnete ihn trotzdem und wurde blass. Zwischen den zwei Seiten Brief fand sich ein Scheck ausgestellt auf meinen Namen. Beim Betrag musste ich zweimal hinsehen: fünftausend Zenie!
Ich rieb das Papier zwischen Daumen und Zeigefinger, las den Namen der Bank. Der Scheck war gedeckt. „ … übergeben wir Ihnen mit Stolz 5000 Zenie zu Ihrer freien Verfügung", formte ich mit den Lippen. Mit dem Geld konnte Vater seinen Oldtimer zurückkaufen. Mein Herz machte einen Freudensprung.
Ich schob den Brief zurück in den Umschlag und verwahrte ihn sicher. Dann öffnete sich die Tür und Herr Alton kam herein gefolgt von der Fußballmannschaft. Alton ging an die Tafel, nahm vier Magneten und hängte damit ein Bild auf.
Ich warf Denbo einen wütenden Blick zu.
„Im Namen unseres Hauptsponsors – der Rivar Corp. – bedanken wir uns für eure Teilnahme", sagten die elf Jungs wie aus einem Mund. Forte, der neben dem Lehrer stand, grinste mich an. Ich hielt dem Blick nicht stand, dachte an einen Laster, einen Baum, einem Laternenmast … Schlecht, ganz schlecht. Mühsam konnte ich das Übel klein halten.
Alton ging einen großen Schritt nach links damit alle die Zeichnung sehen konnten. Raunen ging durch die Klasse. Da hing meine Zeitung mit dem faustgroßen „Bewilligt"-Stempel der Rivar Corp.
„Chrys, kommen Sie bitte nach vorne", bat der Lehrer. Die Spieler sahen Denbo vorwurfsvoll an, als ich so zerfleddert wie ich nach dem Zusammenstoß noch war, nach vorne zum Lehrer ging. Dieser schüttelte mir anerkennend, ja, merklich stolz die Hand. Forte grinste noch breiter und gab mir eines der neuen Trikots. Natürlich war es die Nummer 10. Ich faltete es auf und zeigte es der Klasse, weil es so Tradition war. Dann rollte ich es zusammen und hielt es vor meinen Schritt. Fortes Händedruck war wie erwartet fest, die Hand trocken und warm. In dem Moment war ich glücklich und noch glücklicher, dass sich das Trikot als Schutz gut machte.
Aber in Fortes Gesicht veränderte sich was. Wurde der etwa lila?
Ich zog vor mich wieder zu setzen ehe mir das Shirt noch aus der Hand fiel oder etwas ähnlich dämliches passierte. Ob er etwas mitbekommen hatte? Oder hatte es andere Gründe? ~~
„Hey! Ich bin wieder da! Der Stau da unten ist mörderisch. Ich hab Folgendes mitgebracht: Schokolade, Spülmittel, Batterien, Gummis, Pflaster … Oh, noch mehr Schokolade …" –„Du musst nicht alles runterbeten." –„Ja, hast Recht. Ich hab eine Zeitschrift gefunden, die dich interessieren wird. Außerdem ist hier meine Ausbeute aus der Apotheke." –„Drei Tuben? Drehst du jetzt völlig ab?" –„Wollte 'nen Vorrat anlegen." –„Ist das so?" –„Heute möchte ich ja auch mal aussetzen. Muskeln entspannen sich nicht mehr ganz so schnell, weißt du?" –„Red' nicht als wärst du alt." –„Fünfzig Jahre sind 'ne lange Zeit." –„Weißt du wie lange wir leben können? Vier-, fünfmal so lange wie bis jetzt." –„Noch zweihundert Jahre mit dir, Chrys? Nichts lieber als das." –„Lieb von dir. Küss mich, sonst fang' ich an zu weinen." –„Komm. Darum musst du doch nicht bitten." –„Danke." –„Bist wohl erschöpft?" –„Nur körperlich." –„Versteh' ich. Lies mal die Zeitschrift. Ich übernehme."
~~ Kapitel 5
Ich schnupperte in die Luft. Da war ein Geruch, den ich nicht kannte. Wo zum Geier kam der her? Mein Team und ich hatten dach dem Training geduscht. Die rochen bloß frisch gewaschen, manche nach nassem Fell. Der Lehrer war 's auch nicht. Der benutzte ein ziemlich starkes Duftwasser.
Wieso passierte das gerade jetzt? Wir hatten das Trikot übergeben und die Formalitäten erledigt. Aber es war dieser Geruch, der mich hier im Raum hielt. Wir hätten schon längst weg sein sollen. Vielleicht lag es auch an Chrys. Dabei fiel mir ein, dass ich noch mehr Pflichten eingehen musste. Mit den Mädchen war das alles ganz einfach. Man ging mit ihnen Essen, hörte sich den letzten Klatsch an und brachte sie hinterher nach Hause.
Aber jetzt? Wie sah das denn aus? Hatte Denbo am Ende Recht? Was, wenn der schüchterne Junge, dessen Hand ich den geschüttelt hatte …? Außerdem schien mein Körper darauf zu reagieren. Ich kämpfte gegen ein merkwürdiges Verlangen an.
Dann ließ ich die Jungs abtreten, denn es war die Pause vor der Englischstunde. Hatte abends vorher versucht die ersten drei Kapitel zu verstehen. Aber wie sollte ich ein Buch verstehen, wenn ich jedes dritte Wort nicht kannte?
„Hey, Forte, geht's dir gut? Du siehst komisch im Gesicht aus", fragte Chess. „Wie komisch sieht er denn aus?", fragte Denbo dagegen. „Anders, halt. Nicht zum Lachen komisch. Verstehst du mich?" –„Nee, kein Stück. Sieht doch aus wie immer." Ich seufzte und rollte mit den Augen. „Seid ihr fertig damit über mein Gesicht zu reden? Ich hab so keinen Bock auf Englisch." Ich war froh das Thema zu wechseln. „Das Buch ist doch voll blöd. Wer will denn schon so was lesen, wenn er's selber machen kann?", spottete Chess. „Lass das mal die Fowler hören. Die lacht sich doch kaputt", witzelte ich. „Hab gehört, dass es besser als das Kamasutra sein soll, wenn man zwischen den Zeilen lesen kann", eiferte Trevor. „Du klingst schon wie unser Bücherwurm", spottete Denbo. „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du ihn in Ruhe lassen sollst? Lauf mir heute nochmal über den Weg und du beziehst die Prügel deines Lebens!", fauchte ich. „Calm down, Alter. War doch bloß 'n Witz." –„Deine Witze hab ich satt. Und nun verschwinde."
Denbo schlurfte wie ein paar andere zum anderen Grundkurs davon. „Mann, Forte, du hast vielleicht 'ne scheiß Laune. Geh 'n wir nachher noch zu Terry 's einen trinken?", fragte Chess. „Nee. Keine Zeit. Muss Englisch für die Klausur lernen. Habs meinem Nachhilfelehrer versprochen. –"Was ist 'n das für 'n Typ?" –„Scheint okay zu sein. Weiß nicht. Ist heute der erste Tag." Chess zuckte mit den Schultern.
Im Unterricht war ich weniger unterbelichtet als ich dachte. Vielleicht steckte doch etwas hinter Trevors Geschichte. Aber dann kam Kapitel vier und ich kapierte gar nichts mehr. Frau Fowler gab uns die Kapitel vier und fünf auf und verabschiedete sich ins Wochenende.
Lehrer! Blah! Als ob man als Schüler nicht noch ein Privatleben haben wollte.
Ich tat was ich immer tat, wenn ich genervt von der Schule nach Hause fuhr. Ich hörte auf den Sound des Motors.
Sehen Sie, das Motorengeräusch gab mir ein Gefühl der Sicherheit. Nicht, dass ich vor irgendetwas Angst hatte, damit wir uns richtig verstehen. Es war eine Möglichkeit Stress abzubauen.
Ich war frustriert. Hatte zu seinem Glück auf dem Parkplatz nicht mehr auf Denbo treffen müssen. Hätte mir lieber mit den Jungs im Terry 's die Kante gegeben, stattdessen würde ich den Rest des Tages und den Abend damit verbringen Englisch zu pauken. Chrys machte ich dabei keinen Vorwurf. Für die Nachhilfe musste ich mich bei meiner Mutter bedanken.
Ihre manipulierende Art ging mir tierisch auf den Sack. Mein Vater lief ihr hinterher wie ein notgeiler Köter. Das ganze Gestöhne hielt doch der stärkste Kerl nicht aus. Deswegen wohnte ich im Poolhaus.
Will ja nicht abstreiten, dass ich nicht der Leiseste war. Das bin ich bis heute nicht. Aber ich weiß, wo ich hinlangen muss damit andere noch lauter sind als ich.
Ich fuhr also zu meiner Wohnung, brachte meine Bücher in meine Bude und trank die Wasserflasche aus, die auf dem Couchtisch stand. Ich wunderte mich was mit mir los war. Dann schnupperte ich an meinem rechten Ärmel. „Das bilde ich mir nur ein", sagte ich zu meinem Spiegelbild an der gegenüberliegenden Wand.
Ich griff meine Englischunterlagen und das Buch und ging wieder. War ein komischer Tag, aber bestimmt nicht nur für mich. Da gab's noch eine Person, der es jetzt ähnlich gehen musste. Der Junge hatte einfach kein Glück. Hm, Talent hatte er, musste ich zugeben. Die 5000 von Vaters Firma waren kein hinaus geworfenes Geld. War nach dem Zusammenstoß sicher ein nettes Trostpflaster nach dem Zusammenstoß. Der wäre der Letzte, der Tags drauf mit 'ner goldenen Uhr in die Schule käme. Vor allem nicht so lange es diese Schwachköpfe auf ihn abgesehen hatten.
Das „Terry 's Diner" lag an der Ecke Main und Everton. War nicht der geilste Schuppen in der Stadt, aber die Preise stimmten.
Ich fuhr noch dreimal um den Block, während ich darauf wartete, dass der Viertel-Vor-Sieben-Bus an der Haltestelle gegenüber hielt. Erst als der Bus anhielt, stellte ich meinen Wagen auf dem Parkplatz hinter dem Diner ab. Ich wollte ihn abpassen, um zu zeigen, dass ich auch pünktlich erscheinen konnte, da ich wegen Besprechungen mit dem Trainer immer zu spät zum Unterricht kam.
Ich lugte um die Ecke um zu sehen, dass er sich einen direkten Weg über die Straße suchte. Um die Uhrzeit standen viele Wagen Stoßstange an Stoßstange. Auf der Everton gab es im Berufsverkehr grundsätzlich Stau. Die Fahrer hupten und pöbelten. „Ist doch ganz mutig", dachte ich, als er auf dieser Straßenseite ankam. Dann hielt er sich mit dem linken Arm an der Bank fest, die vor ihm stand und hustete zweimal bevor er einige Tropfen nahm. Schweißtropfen glitzerten auf seiner Stirn und seine Wangen hatten sich vor Anstrengung lila gefärbt. Ich schaute auf meine Armbanduhr. Fünf vor sieben. Sah so aus als hätte er mit dem Anfall gerechnet.
Ich wartete noch bis er das Diner betreten hatte und ging dann selbst zum Eingang. ~~
„Was summst du da, Forte? Kommt mir irgendwie bekannt vor." –„Ach nichts. Kam mir bloß gerade unter. Und? Artikel gut?" –„Das Interview ist ein bisschen zu kurz. Aber ein besseres Foto von uns hättest du nicht nehmen können." –„Nö. Du siehst scharf aus im Anzug." –„Das hast du mir auch gezeigt, als wir vom Roten Teppich runter waren." –„In dem Job muss man zeigen was man hat. Hält mir auch die Teenie-Schwärme vom Hals. Für den Scheiß bin ich echt zu alt." –„Ey, ich bin doch nicht dein Anhängsel!" –„Natürlich nicht. Reg dich nicht auf." –„Ich will das jetzt aber geklärt haben!" –„Bleib ruhig. Deine Kehle pfeift schon wieder. Du als mein Manager bist doch kein Anhängsel. Das was ich mit dir hab, ist viel besser." –„Versteh' ich doch. Und ich verstehe auch die Beule in deiner Hose." –„Ups!" –„Nichts da! Nichts ‚ups'." –„Was grinst du so?" –„Wie war das noch gleich mit deinen Muskeln? Da geht wohl noch was." –„Sagt wer?" –„Na, ich sag' das." –„Und was ist das da? Lass mal sehen." –„Mmh … Die Realität gefällt mir noch besser als die Fotos." –„Können wir das auf später verschieben?" –„Wieso?" –„Weil ich gerade beschlossen habe, dass du jetzt weiter schreibst, Chrys. Wollte noch duschen. –"Also gut. Wird auf nachher vertagt. Nimm noch die Tuben mit." –„Wieso? Fühlst du dich unter Druck gesetzt?" –„So ungefähr." –„Du bist putzig. Ungefähr so wie die Stelle an der du jetzt einsteigst."
