Aus irgendeinem Grund hatte Shacklebolt vergessen ihm zu sagen, dass es sich bei dem lauschigen Essen um ein Bankett handelte. Ein Bankett mit zweihundert Angehörigen der besten englischen Zaubererfamilien. Er würde ihn töten, sobald er ins Ministerium zurückkehren konnte. Er würde sowas von was erleben können.
Harry malte sich in den schillerndsten Farben aus, welchen Fluch er ihm zuerst zu Teil werden lassen würde. Ja, tarantella wäre ein guter Anfang. Sollte Shacklebolt doch ein bisschen tanzen. Am besten noch vor allen Kollegen. Vielleicht würde er sich dann ebenso bloßgestellt fühlen, wie Harry es gerade tat neben dem französischen Minister Defour.
Zum mindestens dreihundertsten Mal seit das Essen begonnen hatte, versuchte der Minister ihn in ein Gespräch über seine „amie" zu verwickeln, die ja so „tres jolie" sei, wie er von den Bildern aus dem Tagespropheten urteilen konnte.
Harry setzte zum dreihundertsten Mal das freundlichste Lächeln auf, zu dem er fähig war und verwies entschuldigend auf den Schal um seinen Hals. Wie gut, dass ihm diese Ausrede eingefallen war. Wenn er auch noch über Ginny reden müsste, statt sich nur seit eineinhalb Stunden Lobeshymnen auf sie anzuhören, würde er sicherlich explodieren.
Während der Minister also wieder den Part des Redens übernahm und Harry den interessierten Zuhörer mimte und immer wieder aufmunternd nickte, ließ er seinen Blick über die anwesenden Gäste schweifen. Shacklebolt war so schlau gewesen, diesen ganzen Heuchlern hier zu entkommen. Er hatte sich kurz nach Beginn und ein paar Happen Lachs entschuldigt, er müsse noch etwas in Hogwarts vorbereiten. Schlau.
Heute waren keine Todesser mehr anwesend, dafür Schleimer, Intriganten und Schwindler. Er konnte sich momentan nicht entscheiden, welche Sorte schlimmer war. Beide griffen aus dem Hinterhalt an, aber gegen Todesser hatte man sich wenigstens mit ein paar Flüchen und Knüppeln verteidigen können. Diese ganzen Ministeriumsschleimer würden eher sterben, als sich einen Fehler nachweisen lassen… oder unlautere Methoden.
Sein Blick blieb kurz an Rita Kommkorn hängen, die wie eh und je wie ein schriller Paradiesvogel zwischen all den gut situierten Gästen wirkte. Ihre Stimme war bis hierher zu hören, obwohl sie fast am anderen Ende der Tafel saß. Harry war froh darum, wenigstens ihre Gesellschaft nicht ertragen zu müssen. Ach, Mister Potter, wie schöööön sie wiederzusehen. Es ist mir immer so eine Freude…. Blablabla. Rita hatte wirklich Nerven. Klar mochte sie seine Gesellschaft, konnte er doch darauf wetten, spätestens am nächsten Tag jedes seiner Worte verdreht in der Zeitung wiederzufinden. So leichte Opfer gab es sicherlich nicht immer für Rita.
Als er weiter über die anwesenden Gäste blickte, erkannte er nicht nur seine Schwiegereltern in spe zu seinem Schreck, sondern auch Lucius Malfoy mit seiner Frau und Draco. Eigentlich waren sie gar nicht zu ÜBERsehen. Fast unanständig blond stachen Lucius Malfoys Haare aus dem Kopfwirrwarr am Tisch heraus, ebenso wie die lichtblonden Haare seiner Frau und seines Sohnes.
Harrys Blick blieb an Draco hängen. Er hatte sich verändert in den letzten Jahren, dass musste man zugeben. Aus überheblich und selbstgefällig, war arrogant und anmaßend geworden. Harry erinnerte sich noch gut an ihr letztes Zusammentreffen im Ministerium. Draco war gerade mit seiner frisch angetrauten Gemahlin Pansy den Gang lang flaniert, aus welchen Gründen auch immer. Natürlich hatte er es sich nicht nehmen lassen, Harry ein paar spöttische Bemerkungen an den Kopf zu werfen. Doch nach all der Zeit und all den Ereignissen hatte es Harry eher amüsiert, ihn so zu sehen. Sie konnten vielleicht beide nicht aus ihrer Haut.
Dann sah er weiter zu Narzissa. Was er dort erblickte, ließ ihn erstarren. Sie schien ihn schon eine ganze Weile beobachtet zu haben und winkte ihm nun auf eine süffisante Art und Weise zu, als sie erkannte, dass sie seine Aufmerksamkeit hatte.
Augenblicklich lief Harry knallrot an und senkte die Augen auf den Teller vor ihm. So konnte er nicht das verdächtig amüsierte Zucken in ihren Mundwinkeln sehen über seine Reaktion.
Plötzlich kam Harry seine Idee noch schlechter vor als gestern Abend. Wie hatte er nur…wie hatte er nur so einen Blödsinn machen können? Klar, es waren trotz allem die Malfoys und nichts, was sie gemeinsam erlebt hatten, würde sie je zu Freunden machen.
Manchmal war er wirklich ein Idiot!
Als es auf seinem Teller nichts mehr hin und herzuschieben gab und es wirklich Zeit wurde den Blick wieder zu heben, um nicht unhöflich zu sein, spürte er sie immer noch in seine Richtung schauen. Das konnte ja heiter werden. Er versuchte gekonnt, sich mit der anderen Seite des Tischs zu beschäftigen. Xenophilius Lovegood hatte dort seinen Platz und deplazierter als dieser Mann an diesem Tisch war wohl selten etwas gewesen. Er trug einen lavendelfarbenen Umhang und darunter ein zitronengelbes… Kleid. Harry glaubte zu erkennen, dass es Rüschen hatte. Wer weiß, vielleicht hält es Nagel fern…
Nach einer weiteren Stunde dösigen Rumsitzens war es endlich geschafft. Wesentlich länger hätte Harry diesen Zustand quälenden Zuhörens ohne Möglichkeit dem Minister den Mund zu verbieten auch nicht mehr ausgehalten. Er hatte das Gefühl schreien zu müssen, wenn er noch einmal Ginnys Namen hören würde. Der Minister hatte das Maß des Ertragbaren wirklich ausgereizt.
Da jedoch in wenigen Minuten die Limousinen vorfahren würden, um sie nach Kings Cross zu bringen, war er einstweilen vor den Redeschwällen des Ministers sicher. Freundlich reichte er dem Minister seine Hand, um den älteren Herren aufzuhelfen und ihn nach draußen zu geleiten. Natürlich wurden sie auf diesem Weg des Öfteren zu einem letzten "Shake-hands" aufgehalten, doch Harry hatte das eingeplant.
Was er nicht eingeplant hatte, war die Tatsache, dass plötzlich Narzissa Malfoy vor ihm stand und seine Hand schüttelte.
„Mister Potter, wir hatten heute noch gar nicht das Vergnügen." Sie lächelte ihn zuckersüß an. „Ich freue mich, Sie hier zu sehen."
„Hallo… Misses Malfoy." Grks. Toll, sie hält dich jetzt bestimmt für einen sprachlichen Überflieger. Harry fehlte es selten an Eloquenz, aber seit gestern wollte einfach alles schief laufen.
"Es trifft sich ausgezeichnet, dass ich noch die Möglichkeit erhalte, Sie zu sprechen. Ich möchte mich für Ihre netten Zeilen bedanken. Das Sie sich nun doch entschieden haben, unsere Einladung anzunehmen, hat mich sehr glücklich gemacht." Beim letzten Wort senkte sie ihren Blick für einen Moment, so dass Harry ihre langen Wimpern sehen konnte.
"Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie vielleicht schon heute Abend Zeit hätten. Mein Gemahl und Draco haben geschäftliche Aufträge über die nächsten Tage und etwas Gesellschaft wäre sehr schön. Aber natürlich werden Sie schon anderweitige Verpflichtungen haben. Wann könnten wir denn mit Ihrem Besuch rechnen...?" Als sie nun ihren Blick wieder hob, erreichte ihre Wangen eine leichte Röte... Narzissa Malfoy war doch nicht etwa aufgeregt...?!
"Äh... naja, eigentlich ist heute Abend prima." Dümmlich grinste Harry zurück. Das alles war so surreal. In Wirklichkeit passiert das gar nicht. Ich in Malfoy Manor, das ist so wie Ron in der Bücherei. Passt nicht.
"Dann würde ich mich freuen, Sie gegen sieben in Malfoy Manor begrüßen zu dürfen." Harrys Grinsen würde breiter. Gerade in diesem Moment erregte der Minister wieder seine Aufmerksamkeit. Er hatte ihn beinah vergessen. Ja, richtig, irgendwie, sollte er doch irgendwo... richtig Kings Cross. Narzissa brachte seine ganzen Gedanken durcheinander.
"Ich sehe, Sie sind in Eile, Mister Potter. Hier ist ein Portschlüssel. Ich hatte auf Ihre Zusage gehofft, deswegen hatte ich schon etwas vorbereitet. Er wird Punkt sieben aktiviert. Ich freue mich, bis heute Abend!" Sie nickte ihm ein letztes Mal lächelnd zu und drehte sich dann in Richtung ihres Ehemannes und Sohnes und dann war sie auch schon wehenden Umhanges verschwunden. Nur noch ein leichter Hauch ihres Parfums hang in der Luft. Maiglöckchen
Harry versuchte sich zusammenzureißen und wenigstens die Fahrt zum Bahnhof reibungslos über die Bühne zu bringen. Hoffentlich hatte der Minister nichts von der wundervollen Heilung seiner Stimme mitbekommen, sonst gab es noch unangenehme Fragen. Anscheinend war dieser aber so von "Bewunderern" umzingelt, dass er eher an einem schnellen Abgang als an allem anderen interessiert zu sein schien. Harry würde ihm diesen Wunsch nur zu gerne gewähren.
Immerhin musste er noch den tropfenden Kessel absichern und... etwas passendes zum Anziehen finden, was sicherlich auch einige Zeit in Anspruch nehmen würde. Und brachte man eigentlich nicht etwas mit... wenn man eingeladen war?
Ohje, anscheinend wollte es nie besser werden mit seiner Pechsträhne.
