„Kein Schiff sollte ohne seinen Captain untergehen!" James T. Kirk schreckte aus dem Alptraum hoch, als ihn das Licht und der leichte Entmaterialisierungschmerz des Beamens erfasste.

Er stellte fest, dass er aufrecht im Bett saß, schweißgebadet, fröstelnd. Und das alles nur wegen, dieser gnadenlose Stimme, deren eisige Resonanz er niemals vergessen würde. Sie hatte sich tiefer in seinen Geist eingebrannt als ihn lieb war.

„Khan!", murmelte er, benutzte noch immer nur den Namen, des Mannes, den er zuerst aus dessen eigenen Mund erfahren hatte, obwohl er inzwischen mehr wusste.

Der Mann dessen voller Name eigentlich Khan Noonien Singh lautete. Der Opfer und Täter zugleich gewesen war. Ein skrupelloser Mörder, der zahllose Unschuldige in London und San Francisco getötet hatte und auf der anderen Seite dann doch nur ein aus seiner Zeit gerissener Mann, der aus seinem langen Schlaf geweckt worden war, um dann nur wieder benutzt zu werden. Eine lebende Waffe, ein genetisch verändertes Monster und dann doch nur ein Mensch, der verzweifelt um das Leben seiner Crew, seiner Familie und seiner Freunde gekämpft hatte.

Er atmete mehrfach tief ein und aus, um sein heftig schlagendes Herz zu beruhigen, rieb sich dann über das Gesicht. Admiral Marcus Verrat beschäftigte ihn nach diesem ganzen Jahr weniger als der Schatten des Mannes aus der Vergangenheit. Das verstand er nicht. Auch wenn er wusste, dass Khan, nachdem er körperlich wieder hergestellt und das Blut in seinen Adern den Zweck erfüllt hatte, ihm das Leben zu retten, wieder in Tiefschlaf versetzt worden war und zusammen mit den Überlebenden seiner Crew irgendwo auf der Erde in einem streng geheimen Hochsicherheitstrakt gebracht worden war, so fühlte er doch immer noch dessen Nähe.

„Nein ... nein", murmelte er leise und unterdrückte einen Gedanken, dem er als aufgeklärter Mensch des dreiundzwanzigsten Jahrhunderts keinen Glauben schenken sollte. Es war ein Hirngespinst, dass mit dem Blut eines anderen Menschen auch ein Teil der Seele in den Empfangenden überging.

Das war hanebüchener Unsinn, ein Aberglauben, über den er lieber lachen sollte. Zumal Pille ihm versichert hatte, dass die Anpassungen an sein eigenes Blut es notwendig gemacht hatten, den Lebenssaft des Augments mehrfach zu filtern – schließlich war er kein Tribble, der alles vertrug.

Er sah unwillkürlich den Mann, der seinen Mentor und so viele andere umgebracht hatte vor so klar vor sich, als stünde er in Person vor ihm auch wenn er ihn nach seinem Erwachen nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.

Was vielleicht auch besser so war ... oder auch nicht.

Denn vielleicht hätte besser mit Khan abschließen können, wenn er dem Augment noch einmal Auge in Auge gegenüber gestanden hätte, um ihm ins Gesicht zu sagen, dass er ebenso bereit gewesen war, für seine Familie zu kämpfen und zu sterben, dass der Augment am Ende trotz seiner Überlegenheit doch verloren hatte ...

Stattdessen war ihm nur das Dossier geblieben, das Spock für ihn über den Mann aus der Vergangenheit zusammengestellt hatte. Denn schon kurz nach seinem Erwachen war in Jim das Verlangen erwacht, mehr über den Gegner und doch auch Lebensretter zu erfahren, der mit ihm wie einer Marionette gespielt hatte, um nicht noch einmal in seine solche Falle zu raten.

Sowohl der Vulkanier als auch Pille hatten ihn von diesem Wunsch abzubringen versucht, hatten ihn gewarnt, seine psychischen Wunden nicht noch mehr aufzureißen, doch als Jim hart geblieben war, nachgegeben und die Informationen, zusammengestellt, die ihnen zugänglich waren.

Vielleicht hätte er dies nicht tun sollen, denn die Informationen hatten ihm nicht geholfen, einen Schlussstrich zu ziehen und zu vergessen, sondern ihn noch mehr zum Nachdenken gebracht.

Denn Khan Noonien Singh hatte nicht gelogen, als er von seiner Vergangenheit als Instrument um den Kampf um die Vorherrschaft auf der Erde und zur Bewahrung oder Schaffung eines dauerhaften Frieden sprach.

Er war in einer Zeit erschaffen worden, in der zwei politische Weltanschauungen und die daraus resultierenden Machtblöcke um die Vorherrschaft auf der Erde gerungen hatten und dabei über Jahrzehnte misstrauisch belauerten.

Jim verstand bis heute nicht, warum die Menschen nach zwei kurz aufeinanderfolgenden Weltkriegen, den grausamen Taten mehrerer menschenverachtenden Diktaturen, den Millionen von Toten unter den Soldaten und vor allem der Zivilbevölkerung, nicht aus ihren Fehlern und Schwächen gelernt hatten, sondern sehenden Auges auf ihre vollständige Vernichtung zugesteuert waren.

Geist und Verstand hatten gerade in dieser Zeit den technischen Fortschritt vorangetrieben, das Atom gemeistert, doch wozu? Nur um wieder und wieder Leid und Tod zu bringen!

Zwar hatte es immer wieder Männer und Frauen gegeben, die sich mit dem Preis ihres Lebens für Frieden, Toleranz und gleichberechtigtes Miteinander und globales Verständnis der Weltanschauungen, Rassen und Völker eingesetzt hatten, vorausschauende Politiker, die alles dafür getan hatten, den schwelenden Konflikt nicht in eine offene Konfrontation ausarten zu lassen, doch es waren viel zu wenige gewesen und ihre Stimmen waren oft genug unterdrückt oder gar zum Verstummen gebracht worden.

Und da waren schließlich die Wissenschaftler gewesen, die durch neu entwickelte Techniken im Bereich der Humanmedizin auf die wahnwitzige Idee gekommen waren, der Welt eine neue Elite zu schenken, die den normalen Menschen überlegen waren und sie in eine bessere Zukunft führen konnten. Ein hehrer Gedanke ... mit üblen Folgen.

Das „Chrysalis-Projekt" der indischen Wissenschaftlerin Sarina Kaur war zu einem Fluch für die Erde geworden, nachdem sich gleich mehrere Regierungen ihrer in den unterirdischen Genlaboren gezüchteten Kindern bemächtigt und die geheime Basis selbst durch einen Atomschlag zerstört hatten, um sie zu Werkzeugen ihres Willens zu machen.

Aufgewachsen in einer Welt ohne Familie, ohne die Liebe von Eltern und Geschwistern, war Khan einzig und allein dazu erzogen worden, seinen Zweck als gehorsamer Soldat zu erfüllen und denen zu dienen, die sich als seine unumschränkten Herren betrachteten.

Den Normalsterblichen in jedem Bereich körperlich und geistig überlegen, wurden er und seine Gefährten von diesen doch niemals als menschliche Wesen anerkannt, sondern nur als seelenloses Ding oder Kreatur betrachtet die man jederzeit zur Schlachtbank führen und mit denen man herumexperimentieren konnte wie mit Tieren.

Jim hatte sich bei den lückenhaften Berichten mehr, als einmal der Magen herumgedreht. Allein schon die nüchternen und sachlichen Anmerkungen über Vivisektionen an „Subjekten", die physische „Defekte" aufgewiesen hatten, die systematische Vergiftung und Infizierung der genetisch aufgewerteten Kinder, um zu sehen, ob sie das überleben konnten, die grausamen Strafen, die an denen vollstreckt wurden, die sich einer „wiederholten Insubordination schuldig gemacht hatten", sprachen für sich.

Musste er sich dann noch darüber wundern, warum sich Khan so und nicht anders gehandelt hatte? Dass er nicht gezögert hatte, kaltblütig unschuldige Menschen umzubringen und sich nicht darum zu kümmern, was andere dadurch verloren, wenn er selbst niemals Menschlichkeit erlebt hatte?

Die Wissenschaftler und Militärs hatten dann jedoch die Intelligenz und den Freiheitswillen ihrer genetisch veränderten Sklaven unterschätzt. Sie waren von ihnen eines Tages unangenehm überrascht und schließlich überrannt worden. Innerhalb weniger Wochen hatte sich entschieden, wie kontrollierbar die einzelnen Übermenschen wirklich waren und was sie an Fähigkeiten entfesseln konnten, wenn man sie nicht mehr beherrschte. Halb Asien und Afrika, sogar Teile von Europa und Südamerika waren ihnen in die Hände gefallen. All die Krisenherde, in denen die Regierungen schwach und korrupt waren, und letztendlich nur das Recht des Stärkeren regierte.

In dieser Zeit, die man heute die „Eugenischen Kriege" nannte, hatte sich ausgerechnet Khan Noonien Singh, das strategische und taktische Mastermind hinter dem Aufstand, als der menschlichste der Augments erwiesen, als der Mann, der Ordnung in das Chaos einer seit Jahrzehnten kriegsgeschüttelten Region in Mittelasiens gebracht hatte, der trotz aller Machtgier und Härte, doch so etwas wie Sorge und Loyalität gegenüber seinen Schutzbefohlenen gezeigt und sie fast bis zum Ende beschützt hatte.

Anders als viele seiner Artgenossen war er aber auch klug genug gewesen, die führenden Köpfe unter den Normalsterblichen nicht zu unterschätzen und sich selbst eine solide Basis an Anhängern zu schaffen.

Auch hier zeichneten einige Berichte trotz der unverhohlenen negativen Propaganda gegen den Augment ein ambivalentes Bild von „Diktator Singh und seinem überraschend stabilen und lebensfähigen Regime" und sprachen immer wieder von seinen „fanatischen, schrecklich fehlgeleiteten menschlichen Gefolgsleuten", die am Ende wohl seine Flucht von der Erde erst möglich gemacht hatten.

Und gerade letzteres sagte viel aus!

Wer bereit gewesen war, freiwillig Schutzschild zu spielen und dabei sein Leben zu opfern, hatte dies vermutlich nicht unbedingt aus Angst oder Furcht, sondern eher aus einer tiefen Überzeugung heraus getan.

Sicher gab es auch schon Beispiele aus dem gleichen Jahrhundert, in denen ganze Völker durch gezielte Indoktrination beeinflusst worden war – aber ob die wenigen Jahre ihrer Herrschaft für die Augments wirklich ausgereicht hatte, um sich so treue Diener heranzuziehen?

Obwohl Jim ihm den Tod seines Mentors und Freundes Christopher Pike niemals würde verzeihen konnte, fühlte er sich dem nun wieder auf Eis gelegten Mann aus der Vergangenheit erschreckend verbunden.

Er hatte sich schon mehrfach dabei ertappt, ihn als sein eigenes Spiegelbild zu sehen, als seinen dunklen Bruder ... oder besser noch: seinem persönlichen „Kobayashi Maru"-Test, seiner Reifeprüfung als Captain.

Khan Noonien Singh hatte ihm mehr als schmerzhaft seine persönlichen Schwächen und Fehler aufgezeigt, seine großen Unzulänglichkeiten. Er hatte in bis an die Grenzen seiner Kraft getrieben, und erkennen lassen, auf was es wirklich ankam, wenn man die Verantwortung über ein Sternenschiff übernahm.

Gerade in seiner dunkelsten Stunde war Jim bewusst geworden, wo seine Stärken lagen und das hatten nicht die aufmunternden Worte Christopher Pikes, bei ihrem letzten Gespräch bewirkt, sondern ausgerechnet sein Feind.

Dafür musste er dem Augment fast schon dankbar sein, dennoch hoffte er aus tiefstem Herzen, Khan nie mehr wiederzusehen und damit endlich auch seinen düsteren Schatten loszuwerden, der ihn immer wieder in seinen Träumen heimsuchte. Die Fünf-Jahres-Mission war die beste Chance dazu, den nötigen Abstand zu gewinnen.

Pille hatte mit seiner Äußerung leider voll ins Schwarze und ihn damit bis ins Mark getroffen, gestand er sich ein. Körperlich mochten vielleicht keine Narben oder anderen Schädigungen zurückgeblieben sein, aber seine Seele würde noch lange mit den bitteren Erfahrungen hadern, die er in diesen wenigen Tagen gemacht hatte.

Andererseits hatte er genug über diese Dinge gebrütet!

So stieß Jim zischend die Luft aus und versuchte stattdessen an etwas schöneres zu denken ... an den orientalischen Abend und die hübschen Tänzerinnen.

Er hatte gar nicht gewusst, dass noch mehr nette, gut gebaute und vor allem lebenslustige Damen in seiner Mannschaft waren, als die paar, die er schon auf der Brücke und in der Messe kennen gelernt hatte.

Zwar war es ihm letztendlich nicht gelungen, Oa, die junge Orionerin aus den biologischen Laboren der Enterprise zu einem kleinen unverfänglichen One-Night-Stand zu überreden, weil Spock auf seine direkte Art wieder einmal dienstliche Instanz gespielt und es nicht hatte lassen können, die Vorschriften zu zitieren.

Trotz aller Freundschaft musste der Vulkanier leider auch in der Freizeit sein erster Offizier bleiben und hatte ihm jeden Spaß genommen ... aber er war noch nicht bereit aufzugeben. Es ergab sich bestimmt noch einmal eine andere Gelegenheit, mit dem hübschen Fähnrich oder einer anderen Schönheit in Kontakt zu kommen.

Auf jeden Fall hatte es gut getan, sich zu entspannen, zu flirten und die Rangunterschiede wenigstens in diesen paar Stunden zu vergessen. Er sah es als Vorteil, seine Mannschaft auch einmal von einer anderen Seite kennen zu lernen, schließlich wusste man nie, wozu das eines Tages einmal gut sein würde ...

Er musste unwillkürlich grinsen. Selbst der sonst eher spröde und nüchterne Spock hatte der Aufführung mehr Aufmerksamkeit geschenkt als für ihn normalerweise üblich war. Gerade bei der letzten Tänzerin hatte der Halbvulkanier kaum die Augen von der Schwarzhaarigen lassen können.

Jim hatte sie eher gelangweilt – weil sie nicht unbedingt die Art von Darbietung gebracht, die er sich allgemein unter Bauchtanz vorstellte – und deshalb den ein oder anderen Seitenblick auf seinen ersten Offizier riskiert. Sonst wäre ihm Spocks erstaunliches Verhalten auch nicht aufgefallen. Schon interessant, das in dem kalten logischen Herzen auch so etwas wie Kunstverstand steckte ...

Er ließ sich wieder auf den Rücken fallen und atmete tief ein und aus. ... na ja, er musste Spock im Grunde nicht verstehen.

Das war letztendlich Nyota Uhuras Sache, wenn sie sich schon unbedingt mit diesem kalten grünblütigen Fisch hatte einlassen wollen. Andererseits traute er ihr durchaus zu, dass sie ihrem Freund die spitzen Ohren lang ziehen würde, wenn er auf Abwegen wandelte.

Denn so sehr er es für sich selbst in Bezug auf die hübsche Kommunikationsoffizierin bedauerte, dass sie sich ausgerechnet für Spock interessierte und nie auf ihn geflogen war, so zufrieden war er darüber, dass die dunkelhäutige Schönheit seinen ersten Offizier zusätzlich daran erinnerte, dass er auch zur Hälfte ein Mensch war. Das machte ihn seither ein wenig umgänglicher...

Jim gähnte ausgiebig. Wenigstens verschwanden mit der aufkommenden Müdigkeit endlich die letzten Fetzen seines unangenehmen Traums und machten den viel schöneren Bildern des orientalischen Abends Platz.

Merkwürdig nur, dass eine vollbekleidete Frau genau so voller sinnlicher Leidenschaft sein konnte, wie eine Orionerin, der die Erotik schon in die Wiege gelegt worden war. Er sollte vielleicht herausfinden, wie sie das anstellte ...