3. You're Not Home
(The Boys Of Summer – Don Henley)
Fred rüttelte George wach, als dessen Zauberstab immer lauter summte, ohne dass sein Bruder sich gerührt hätte. Endlich tastete Georges Hand nach dem Stab und brachte ihn zum Schweigen. Stöhnend und Flüche vor sich hin murmelnd kämpfte sich George aus dem Bett. Fred verstand ihn nur allzu gut. Auch ihm tat der Rücken weh, und seine Waden und Oberschenkel schmerzten auf eine Weise, die ihn für morgen einen gewaltigen Muskelkater befürchten ließ. Dabei hatten sie dieses Mal den Trank vorsichtshalber nur an sich selbst ausprobiert und nicht an Ginny, Ron oder Percy. Aber ihrer Mum hatte der Vorwand gereicht. Und Fred musste zugeben, dass der Hühnerstall es wirklich mal wieder nötig gehabt hatte. Die Kotschichten waren an manchen Stellen zentimeterdick gewesen.
Sie zogen sich so leise wie möglich an und schlichen dann aus ihrem Zimmer. Ihre eigene Tür war gut geölt, doch die knarrenden Dielenbretter im Flur und die knarzenden Treppenstufen erforderten eine wohldurchdachte Schrittfolge, die sie jedoch schon seit Jahren wie im Schlaf beherrschten. Ihre Bewegungen verursachten kaum mehr Knarren und Knacksen, als es das arbeitende Holz ohnehin gelegentlich von sich gab. Trotzdem entspannte sich Fred erst, als sie unangefochten die Küche erreicht hatten. Um die Standuhr im Wohnzimmer machte er sich zwar etwas Sorgen, doch George war der Meinung gewesen, dass es nicht nötig wäre, sie heute Nacht zu manipulieren. Es war auch unwahrscheinlich, dass jemand noch nach Mitternacht ins Wohnzimmer ging, um einen Blick darauf zu werfen. Es sei denn, man würde bemerken, dass ihre Betten leer waren, und dann steckten sie sowieso in der Klemme, egal was die Uhr anzeigte.
Er wollte schon nach dem Flohpulver greifen, als George ihn am Ärmel seiner Robe packte.
»Fred«, flüsterte er vorsichtig. »Wie wär's, wenn du dich diesmal ein bisschen zurückhältst?«
»Häh?« Fred erinnerte sich erst im letzten Augenblick daran, dass ihre Eltern und Ginny nur einen Stock über ihnen schliefen. »Wie soll ich das verstehen?«, zischte er leise zurück.
»Ich mein' ja nur, du sollst nicht mehr Ärger machen als unbedingt nötig«, murmelte George.
»Ärger machen? Ich?!«, fragte Fred ungläubig und wurde langsam, aber sicher ziemlich sauer. George musste den Verstand verloren haben.
»Schhh…! Sei leise! Du weckst noch jemanden auf«, versuchte George ihn zu beruhigen. »Ich wollt' dich doch bloß dran erinnern, dass wir gleich nicht mehr im Fuchsbau sind, sondern in der popligen ›Sommerresidenz‹ von 'ner blöden ›Reinblutfamilie‹. Denk einfach dran, dass die Verrückte uns jederzeit rausschmeißen kann, und versuch wenigstens, dich zusammenzureißen und nicht alle fünf Minuten jemanden zu beleidigen.«
Fred schnaubte nur und ging gar nicht weiter auf diese lächerliche Anschuldigung ein. Als wüsste er nicht, wie man sich zu benehmen hatte. Und wenn er sich manchmal nicht daran hielt, dann war das eine bewusste Entscheidung und ganz allein seine Sache. Abgesehen davon, George hatte sich bei ihrem letzten Besuch auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert, als es darum ging, was mit dem Stein passieren sollte, nachdem sie ihn erst einmal aus dem Fluss gefischt hatten. Er hatte sich sogar dazu hinreißen lassen, seinen Zauberstab zu ziehen und war wieder von einem Lähmzauber erfasst worden, der wahrscheinlich zu den Schutzzaubern des Turms gehörte, denn er war aus dem Nichts gekommen. Eigentlich hatte das George überhaupt nicht ähnlich gesehen. Aber Fred war selbst mehr als einmal in Versuchung gewesen, ihr einen Fluch auf den Hals zu hetzen. Mordred, diese Verrückte konnte nicht viel älter als Ginny sein. Wie konnte ein kleines Mädchen solche Anspielungen und Witze machen? Auch wenn sie nicht mehr alle Zacken in der Krone hatte, es gab doch Grenzen! Sogar Grey, der widerliche Schleicher, hatte dauernd mit hochrotem Kopf Löcher in den Boden gestarrt. Hoffentlich war sie heute im Bett geblieben, wie es sich für kleine Mädchen gehörte.
George hatte sich inzwischen eine Prise Flohpulver genommen und wollte sie eben in den Kamin werfen, als sie ein leises Knarren aus dem Flur hörten. Sie erstarrten beide. Als sich aber nichts weiter rührte, schlich Fred zur Küchentür und warf einen Blick in den Flur und die Treppe hinauf. Sorgen, dass jemand sein Licht sehen könnte, brauchte er sich nicht zu machen, da er und George mittlerweile gewohnheitsmäßig ein Diebeslicht benutzten, wenn sie des nächtens unterwegs waren. Das einzig Gute, das ihnen ihre Bekanntschaft mit diesen nervigen Ravenclaws bisher eingebracht hatte, wie Fred fand.
Der Flur und die Treppe waren leer. Er wartete trotzdem noch einen Moment, um ganz sicher zu gehen, dass niemand auf der Suche nach einem Mitternachtsimbiss durchs Haus streifte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ihr Dad sich spät nachts aufmachte, um den Kühlschrank zu plündern. Er ging bis zum Fuß der Treppe und warf noch einen Blick nach oben, aber es war nichts zu sehen. Hinter ihm knarrte erneut der Boden, aber als er herumfuhr, war es nur George, der in der Küchentür stand. Fred sah in seine Richtung und zuckte die Achseln. Es gab oft komische Geräusche im Fuchsbau, und nicht alle waren auf den Ghul unterm Dach zurückzuführen. Schließlich war das Haus eine einzige überdimensionierte, windschiefe Holzhütte, die zwar auf einem gemauerten Erdgeschoss ruhte, deren gewagte, vielstöckige und verschachtelte Konstruktion jedoch zum größten Teil nur von Magie stabilisiert und von Hoffnung zusammengehalten wurde.
Die gingen wieder zurück in die Küche, und George betrat als Erster den Kamin. Fred folgte ihm nur eine Sekunde später, nannte dem Flohnetz den Zielort und betrat den Schwarzen Turm. Kein Empfangskomitee erwartete sie. Außer seinem Bruder war anscheinend niemand im Erdgeschoss, allerdings war von oben gedämpftes Stimmengemurmel zu hören. Fred sah sich unbehaglich um.
Schon beim ersten Mal hatte er sich hier drinnen nicht sonderlich wohl gefühlt. Die schwarzen Wände mit ihrem schimmernden Glanz, die bunte Küche, und dass alles so gebogen und rund war, hatte ihn beunruhigt, ohne dass er genau hätte sagen können, warum. Dazu kam jetzt, dass durch sein Diebeslicht alles mit dem vielfarbigen Wabern von Schutz- und Bannzaubern bedeckt schien, die sich sogar die Wände hochzogen und die großen schwarzen Steine noch unheimlicher wirken ließen. Er beendete seinen Lichtzauber, doch das ließ nur die bunten Lachen verschwinden und half nicht viel. Vor allem, als er bemerkte, dass große schwarze Steinblöcke die Stellen einnahmen, wo bei ihrem letzten Besuch noch Fenster und das Eingangtor gewesen waren. Wie konnte man nur so einen Turm als Sommerresidenz benutzen? Vielleicht war es kein Wunder, dass die kleine Lovegood so durch den Wind war.
George steuerte mittlerweile geradewegs auf die Wendeltreppe in der Mitte des Raums zu, und Fred beeilte sich, ihn einzuholen. Die Stimmen waren nun deutlicher zu verstehen. Anscheinend diskutierten sie gerade ziemlich lebhaft, wie lange sie noch warten sollten. Eine Stimme, die diesem Goldstein gehören musste, meinte lautstark, wenn die »Wieselbrut« nicht bald käme, würden sie eben einfach ohne sie anfangen. Normalerweise wäre Fred ein wenig ungehalten über die »Wieselbrut« gewesen. So durften höchstens die Familie oder gute Freunde über sie reden. Da er sich aber an Georges völlig ungerechtfertigten Vorwurf erinnerte, er würde dauernd nur Ärger machen und wüsste sich nicht zu benehmen, riss er sich zusammen und stapfte hinter seinem Bruder die Wendeltreppe hoch. Sobald sein Kopf den Boden des ersten Stocks durchstieß, sah er sich durch die eisernen Stäbe des Geländers um. Der Verlauf der Wendeltreppe gestattete einen vollen Rundblick, bevor sie den großen Raum betreten konnten, der zur einen Hälfte ein Labor und zur anderen ein Arbeitszimmer zu sein schien. Die Ravenclawbande hatte sich im Laborbereich um einen Arbeitstisch herum versammelt. Und dieses Mal waren sie alle da.
»Siehst du«, hörte er die verrückte Lovegood in einer Art überlautem Flüstern sagen, während seine Sicht noch von Georges Rücken verdeckt wurde. »Ich hab' doch gesagt, dass sie kommen. Du hättest dir wirklich keine Sorgen um die beiden machen müssen.«
Inzwischen konnte er alle vier sehen. Die kleine Lovegood lächelte mit gespielter Unschuld Grey an, der im Moment gar nicht so überheblich gelassen wie sonst wirkte und ihr mörderische Blicke zuwarf. Goldstein und Boot, der einzige, der in Muggelklamotten herumstand, wussten mit dieser Bemerkung wohl nichts anzufangen und sahen zuerst sich und dann das Mädchen fragend an.
»Jawoll«, sagte Fred und stieß George vom Treppenabsatz in den Raum hinein. Sicherheitsabstand. Sein Bruder würde sich noch wundern, wie höflich und zurückhaltend er sein konnte. »Georgielein hier hat mich mit seinem Seufzen die ganze Nacht lang wachgehalten. Hat sich dauernd nur im Bett rumgewälzt. Konnte vor Aufregung gar nicht schlafen, der Arme, so sehr hat er sich auf das Wiedersehen gefreut.«
Lovegood brach erwartungsgemäß in ein albernes Kichern aus, Grey wand sich geradezu vor Verlegenheit – wie der Wurm, der er auch war –, und wenn Georges Blicke hätten töten können, Fred wäre wohl leblos auf dem Treppenabsatz zusammengebrochen. Es machte wirklich Spaß, zur Abwechslung mal nett zu sein und »keinen Ärger zu machen«.
»Ich hab' euch natürlich auch vermisst, aber nicht halb so sehr und niemanden im Speziellen wie unser lieber George hier«, hieb er weiter in dieselbe Kerbe und zwinkerte anzüglich in Greys Richtung. Die kleine Lovegood bekam fast einen Lachkrampf, und Greys Gesichtsfarbe wechselte von Schweinchenrosa zu einem Tomatenrot.
Leider hatte sich George wieder gefangen und versetzte ihm einen Rippenstoß, der bestimmt einen blauen Fleck hinterlassen würde und Fred aufjauchzen ließ. Aber das war die Sache allemal wert gewesen. George würde es sich in Zukunft dreimal überlegen, bevor er sich noch mal über sein Benehmen beschwerte.
»Wir haben deine Eule erhalten, Goldstein«, übernahm jetzt George das Reden und ignorierte dessen und Boots verwirrte Blicke. »Worum geht's?«
Anscheinend beschloss Goldstein, sich doch auf das Geschäftliche zu konzentrieren und nicht auf ihren Schlagabtausch einzugehen. »Wir glauben, wir haben eine Möglichkeit gefunden, wie wir die Echtheit des Steins verifizieren können«, teilte er ihnen begeistert mit.
Fred machte kein Hehl aus seiner Enttäuschung. Er hatte auf ein bisschen mehr gehofft. Außerdem gab es für ihn kaum noch einen Zweifel, was die Echtheit des Steins betraf. Das Ding musste einfach echt sein, nach der ganzen Arbeit, die sie sich gemacht hatten. Aber wenn sie weiterhin in diesem Schneckentempo vorankamen, würden es Jahre dauern, bis sie endlich Gold herstellen konnten. Schließlich hatten sie nur die Ferien zur Verfügung, um an diesem Projekt zu arbeiten.
Auch George war offensichtlich unzufrieden. »Ist das alles?«, fragte er enttäuscht. »Wenn wir so weitermachen, dauert's ja noch Jahre, bis wir was von dem Stein haben.«
Und angesichts der hochnäsigen Blicke, die die anderen austauschten, war Fred wirklich froh, dass er heute seinen höflichen Tag hatte. Wenigstens hatte er den Mund gehalten und war jetzt nicht das Ziel des mitleidigen Kopfschüttelns von Goldstein.
»Selbstverständlich kann es noch Jahre dauern«, ließ sie der arrogante Bastard von oben herab wissen. So langsam und deutlich, als hätte er es mit zwei Minderbemittelten zu tun. »Ihr habt doch nicht etwa geglaubt, wir könnten sofort in die Goldproduktion einsteigen, oder doch? Obwohl eure Familie ein paar Galleonen bitter nötig hätte, nach allem, was man so hört.«
Fred war wirklich froh, dass er sich heute zusammennehmen musste. Georges wütende Grimasse und sein Vorschlag, was Goldstein seinetwegen mit dem ganzen Reichtum seiner Altvorderen anstellen könne, waren viel unterhaltsamer, wenn man selbst die Ruhe und Gelassenheit in Person war und nicht versuchte, alle fünf Minuten jemanden zu beleidigen.
Luna spielte gelangweilt mit ihrem Armband und stieß ein herzhaftes Gähnen aus. Terry versuchte immer noch, den Stein zu verwandeln. Und jeder erfolglose Durchgang wurde von Simon und Anthony mit zunehmender Begeisterung aufgenommen. Und das war nur die erste von drei Testreihen, wenn sie Simon richtig verstanden hatte. Anthony war ziemlich unleidlich geworden, als Simon ihm erzählt hatte, dass sie sich die ganze Mühe mit dem Verstecken im Fluss hätten sparen können, falls der Stein echt war. Angeblich war der Stein der Weisen von Natur aus so magisch, dass er schon wieder immun gegen die meiste Magie war. Jedenfalls wenn sie direkt auf ihn wirken sollte. Luna war sich nicht sicher, ob sie das alles richtig verstanden hatte, aber es interessiert sie auch nicht besonders.
Die anderen waren alle zu sehr auf Terry und den Stein fixiert, um die kleine Bewegung zu bemerken, die auch Luna nur aus den Augenwinkeln wahrnahm. Sie drehte unauffällig den Kopf und sah zur Wendeltreppe. Ein Augenpaar spähte auf Höhe des Fußbodens in den ersten Stock und beobachtete sie und die Jungs. Luna war überrascht, dass sie der Turm nicht vor diesem Eindringling gewarnt hatte. Bis sie die roten Haare des nur halb sichtbaren Kopfes bemerkte und sich einen Reim auf die Sache machen konnte. Sie blinzelte dem Augenpaar zu, das daraufhin sofort zurückzuckte und unter dem Fußboden verschwand. Sie stand auf, sagte zu den anderen, dass sie mal nachschauen würde, ob sie nicht einen kleinen Mitternachtssnack auftreiben könne, was diese kaum beachteten, und ging zur Treppe. Sie war leer. Luna war bereits auf halbem Weg hinunter in die Küche, als sie eine Gestalt zum Kamin huschen sah. Sie fingerte nach dem Glas mit Flohpulver, als Luna sich über das Geländer beugte und leise »Hi, Ginny!« sagte.
Das kleine Mädchen erstarrte und drehte sich langsam um. In ihrem rosafarbenen Nachthemd sah sie mit ihren roten Haaren wirklich komisch aus. Luna schritt die restlichen Stufen hinab und ging auf sie zu.
»Woher kennst du …?«, begann Ginny und hob drohend einen Zauberstab, den Luna sofort erkannte. Ihr alter Übungsstab. Sie hatte sich schon oft gefragt, warum sie das Gefühl gehabt hatte, sie sollte ihn in der Winkelgasse liegenlassen. Allerdings hatte sie nie genau gewusst, was mit ihm geschehen würde.
»Luna …?«, fragte Ginny unsicher und ließ den Stab, der ihr sowieso nichts nützen würde, wieder sinken. Sie klang, als ob sie sich nicht wirklich sicher wäre. Was vielleicht sogar stimmte. Sie war fast ein Jahr jünger als Luna und konnte höchstens fünf oder sechs gewesen sein, als sie und ihre Mum zum letzen Mal im Schwarzen Turm zu Besuch gewesen waren.
»Hi, Ginny!«, sagte Luna noch einmal, fast flüsternd, weil sie nicht wollte, dass die Jungs etwas merkten. Das gäbe bloß wieder unnötiges Geschrei. »Wie geht's?«
Ginnys starrte sie mit großen Augen an und schien nicht zu wissen, was sie sagen sollte.
»Ich bin froh, dass du meinen alten Stab gekriegt hast«, sagte Luna wahrheitsgemäß. »Du behandelst ihn doch gut, oder?«
»Ja?«, sagte Ginny, aber es klang wie eine Frage. »Du bist doch Luna Lovegood, oder?« Und als Luna nach einem kurzen Moment des Nachdenkens nickte, fuhr sie fort: »Mum hat gesagt, du wärst verflucht worden oder so?«
Das war vielleicht eine Erklärung, warum Ginny und ihre Mum sie nicht mehr besucht hatten. Es konnte hinkommen. In dem Alter hatten sich Lunas Visionen stärker bemerkbar gemacht, und immer öfter war der silberne Schimmer in ihrem Blick aufgetaucht. Und es gab viele Hexen und Zauberer, die ziemlich abergläubisch waren, hatte ihre eigene Mum sie schon damals gewarnt.
»Mir geht's jetzt besser«, sagte Luna leichthin. Es war schließlich auch wahr. Es ging ihr besser. »Aber du solltest jetzt lieber verschwinden, bevor dich die Jungs erwischen. Du könntest mich ja mal tagsüber besuchen. Ich schick' dir 'ne Eule.«
Ginny starrte sie nur an, aber sie sagte wenigstens nicht Nein. Es wäre wirklich eine nette Abwechslung, sich mal mit jemand anderem zu unterhalten als mit den manchmal etwas aufwendigen Jungs, fand Luna. Aber Ginny sollte jetzt allmählich wieder verschwinden, bevor noch einer der anderen misstrauisch wurde.
»Jetzt warte mal!«, protestierte Ginny leise, als Luna sie wieder in Richtung Kamin schieben wollte. »Was ist hier eigentlich los? Und was machen Fred und George da oben?«
»Jungssachen«, antwortete Luna, als wäre damit alles gesagt und musste grinsen. »Ich versteh's selber nicht ganz.« Wenn das so weiterging, kam sie heute ohne eine einzige Lüge durch den Tag.
»Und was hast du vorhin mit ›mein alter Stab‹ gemeint?«, fragte Ginny und stemmte sich Luna entgegen. »Fred und George haben mir den Stab letztes Jahr zum Geburtstag …« Luna fand es faszinierend, wie eine Erkenntnis sich langsam ihren Weg über Ginnys Gesicht bahnte. »Und … sie haben … sie haben auch noch dafür gesammelt! Sogar bei Mum und Dad!« Bei den letzten Worten verwandelte sich ihr Flüstern in ein gefährliches Zischen.
Endlich hatte Luna es geschafft, Ginny vor den Kamin zu schieben und bot ihr das Glas mit Flohpulver an.
»Na wartet!«, sagte Ginny und warf einen drohenden Blick zur Decke. »Das wird noch ein lustiger Sommer für euch!« Sie griff geistesabwesend nach dem Glas und nahm eine Prise heraus. »Ich erwarte deine Eule!«, sagte sie grimmig zu Luna, bevor sie das Flohpulver in den Kamin warf und »Fuchsbau!« sagte.
Luna sah noch einen Moment lang auf die leere Feuerstelle. Mädchen waren manchmal doch die besseren Jungs. Sie überlegte kurz, fand jedoch an dem Gedanken nichts auszusetzen. Dann ging sie zum Kühlschrank, um nachzusehen, ob Bitzer ihn wohl aufgefüllte hatte. Schließlich hatte sie zu den anderen gesagt, sie würde mal schauen, ob etwas zu essen da wäre. Zum Glück ploppte Bitzer hinter ihr auf, sobald sie die Kühlschranktür geöffnet hatte. Er murrte zwar, erklärte sich dann aber doch bereit, ein paar Sandwiches für die Jungs zu machen und nach oben zu bringen.
Als sie wieder in den ersten Stock kam, standen die anderen alle um Simon herum, der gerade damit beschäftigt war, mit seinem Zauberstab ein Schutzdreieck für den abschließenden Testlauf auf den Boden zu zeichnen.
»Guten Morgen, Miss Grey«, sagte Terry höflich zu Simons Mutter, als er die Küche betrat.
»Morgen, Terry!«, grüßte sie fröhlich zurück, während sie schon am Herd hantierte. »Gut geschlafen? Was möchtest du zum Frühstück?« Aber bevor er etwas antworten konnte, fuhr sie lächelnd fort: »Es gibt Eier mit Speck. Du hast eigentlich nur die Wahl, wie du deine Eier haben willst.«
»Normale Spiegeleier, bitte«, antwortete Terry. »Nicht gewendet, wenn's Ihnen nichts ausmacht.« Seine eigene Mutter weigerte sich standhaft, ihm ungewendete Spiegeleier zu servieren. Sie fand den Dotter glibberig und eklig und wollte einfach nicht verstehen, dass Terry ihn genau so am liebsten mochte. Seiner Meinung nach war der flüssige Dotter das Beste am ganzen Ei.
»Kann ich was helfen?«, fragte er sicherheitshalber, aber wie schon die vergangenen Tage winkte Miss Grey nur ab und forderte ihn auf, sich hinzusetzen. Dann stellte sie, wie jeden Morgen bisher, das Radio an, wieder ertönte derselben Oldiesender, und sie begann mit der Zubereitung des Frühstücks für sich und Terry.
Terry konnte immer noch nicht fassen, dass Simon nicht einmal zu Hause frühstückte. Und das seine Mutter ihm das durchgehen ließ. Es ging bei den Greys ganz anders zu, als er es sich vorgestellt hatte. Schon am ersten Tag war er wie heute in die Küche gekommen, war von Miss Grey fröhlich begrüßt worden und hatte eine Ladung Pfannkuchen zum Frühstück bekommen. Und weit und breit war kein Simon in Sicht gewesen. Er war die ganze Zeit über allein mit Simons Mutter in der Küche gesessen und hatte sich reichlich unwohl dabei gefühlt. Nicht dass Miss Grey nicht nett gewesen wäre. Sie hatte lauter Lachfältchen um die Augen, zwinkerte Terry immerfort zu und hatte einen scheinbar unerschöpflichen Vorrat an peinliche Geschichten über Simon auf Lager. Trotzdem war es Terry unangenehm gewesen, allein mit dieser fremden Frau zu frühstücken. Und Simon hatte sich immer noch nicht blicken lassen, als sie fertig waren. Er hatte Miss Grey vorsichtig gefragt, wann Simon wohl nach unten käme, woraufhin sie gelacht hatte. Vor zehn habe sie es noch nie geschafft, ihn in den Ferien aus den Federn zu zerren, hatte sie ihm dann gesagt. Aber er könne es ja gern selbst einmal versuchen. Und Terry hatte die Gelegenheit zu verschwinden nur zu gern ergriffen. Er war wieder in den ersten Stock hoch, hatte Simons Zimmer gestürmt, dem faulen Sack das Kopfkissen weggezogen und ihn damit aus dem Bett geprügelt. Es war ein sehr einseitiger Kampf gewesen, da sich Simon kaum gewehrt hatte, aber eine halbe Stunde später war er wieder aus dem Bad gekommen und mit Terry nach unten gegangen. Und Terry meinte danach, eine Art Respekt in den Augen von Miss Grey gesehen zu haben, der vorher noch nicht dagewesen war. Seitdem war seine erste Tat nach dem Aufstehen jeden Morgen, Simon aus dem Bett zu werfen, damit dieser wenigstens rechtzeitig zum Ende des Frühstücks nach unten kam. Es war fast wie in Hogwarts. Aber auch nur fast, dachte Terry, als er ein schlurfendes Tapsen hinter sich hörte und sich umdrehte.
Simon wäre niemals so in der Großen Halle zum Frühstück erschienen. Er sah aus wie ein schlafwandelndes Elend. Barfuß, in Shorts und völlig zerknittertem T-Shirt ließ er sich wortlos auf den Stuhl neben Terry sinken, verschränkte seine Arme auf der Tischplatte, legte seinen Kopf darauf, vergrub die Nase in der Armbeuge und schloss die ohnehin nur halb geöffneten Augen wieder. Nur das wirre Nest seiner fahlen, hellbraunen Haare war noch zu sehen. Ein Nest, in das kein Vogel mit auch nur einem Hauch Selbstachtung seine Eier gelegt hätte.
»Simon Grey!« Simon zuckte nicht einmal, als seine Mutter ihn anpflaumte. »Das ist doch die Höhe! Wir haben einen Gast!«
Kurz öffneten sich Simons Augen zu schmalen Schlitzen, bevor sie wieder zuklappten. »'s nur Terry«, widersprach er mit verschlafenem Murmeln und schien sofort wieder wegzudösen.
Miss Grey setzte Terry einen Teller mit drei perfekten Spiegeleiern – genau, wie er sie mochte, mit unbeschädigten, glänzenden Dottern – und einem Haufen gebratenen Speck vor, nahm sich selbst eine Portion und holte die Brötchen aus dem Backofen. Am ersten Morgen hatte er sich noch gewundert, woher Miss Grey frische, noch warme Brötchen herhatte. Dieses winzige Kaff schien ihm so weit im Nirgendwo zu liegen, dass er kaum glauben wollte, dass unter den paar verstreuten Häusern von Middlesmoor tatsächlich ein Bäcker sein Auskommen finden konnte. Aber wie sich herausstellte, waren die Brötchen nur kurz aufgebacken und kamen direkt aus der Gefriertruhe in der Vorratskammer. Nur eine kleine Vorratskammer, die aber bis obenhin mit Konserven und Einmachgläsern, Mehl und Zucker, Fruchtsäften und haltbarer Milch, Zwiebel- und Kartoffelsäcken, Essig und Öl, Kartons mit Frühstücks- und Haferflocken, Reis, Gries, Kakao, Pudding- und Getränkepulver und allem möglichen anderen Zeug vollgestopft war, als stünde ihnen ein Krieg oder eine Hungersnot bevor. Natürlich fehlten auch Süßigkeiten, Knabbereien und ein paar Flaschen Wein nicht. Auch wenn der nächste Supermarkt meilenweit weg war, Terry kam das etwas übertrieben vor. Simon und seine Mutter lebten hier schließlich allein.
Terry bestrich ein Brötchen mit Butter, die sofort schmolz und aufgesaugt wurde, während ihm Miss Grey ein Glas Orangensaft hinstellte und sich selbst und Simon eine Tasse Tee einschenkte. Als sie alle saßen, gab sie Simon einen nicht sonderlich liebevollen Klaps auf den Hinterkopf, was diesen veranlasste, grunzend zu blinzeln und nach der Teetasse zu tasten. Erst als er sie gefunden hatte, machte er die Augen richtig auf – oder schien es zumindest zu versuchen.
Diese oder eine ähnliche Szene spielte sich seit drei Tagen jeden Morgen ab. Terry war sich nicht sicher, ob Simon und seine Mutter dieses Schauspiel nur für ihn aufführten oder sich tatsächlich dauernd so benahmen, aber er genoss es trotzdem. Grinsend machte er sich über seine Eier und den Speck her, während auch Miss Grey zu essen begann und nebenbei im ihrem Daily Prophet blätterte. Simon würdigte seine eigene Ausgabe keines Blickes und zwang nicht einmal Terry, sie zu lesen. Er starrte nur mit leerem Blick auf den Frühstückstisch und nippte gelegentlich an seinem Tee. Er schien tatsächlich noch müder als sonst. Dabei hatte der nächtliche Ausflug gestern auch nicht länger gedauert als so manch eine ihrer Expeditionen in Hogwarts. Aber Simon und Anthony hatten sich gestern in eine solche Aufregung hineingesteigert, als sich herausgestellt hatte, dass der Stein der Weisen nach menschlichem Ermessen echt war, dass es kein Wunder gewesen wäre, wenn die beiden kein Auge zugetan hätten. Terry hingegen hatte geschlafen wie ein Stein. Nicht einmal das helle Licht des Vollmonds hatte ihn gestört. Und heute Morgen hatte ihn die zum Fenster hereinscheinende Sonne geweckt.
In der ersten Nacht war er ziemlich lange wachgelegen und hatte dem Sommergewitter gelauscht, während er an seine Eltern und daheim dachte. Und an Simons Großmutter. Er war immer noch stinksauer, dass Simon ihm verraten hatte, dass das Zimmer, in dem er schlief, seiner toten Großmutter gehört hatte. Er hatte sich gefragt, ob es wohl auch Muggelgeister gab, als etwas auf das Fußende seines Bettes gesprungen war und ihm vor Schreck beinahe das Herz stehengeblieben wäre. Aber es war bloß die Katze gewesen. Ein bösartiges Vieh, das ihm einen blutigen Kratzer verpasste hatte, als er es hatte streichen wollen, und keinerlei Anstalten gemacht hatte, ihn mit einem beruhigenden Schnurren zu trösten.
Als Terry gerade die letzten Tropfen Eigelb von seinem Teller kratzte, stellte Miss Grey auch schon die gefürchtete Frage. »Und was wollen wir heute unternehmen?« Terry hätte am liebsten aufgestöhnt, aber Gott sei Dank übernahm das Simon.
»Lesen!«, verkündete dieser dann in bestimmtem Ton. »Jedenfalls ich. Ihr könnt ja machen, was ihr wollt.«
»Simon!« Miss Grey klang gar nicht amüsiert. »Du bist wirklich unmöglich. Du hast einen Gast!«
»Na und?« Simon schien von dem Argument nicht beeindruckt. »Ich geh' in den Garten und les', und Terry kann ja mitkommen und ein bisschen im Dreck wühlen. Juckt ihn sowieso schon in den Fingern, möcht' ich wetten.«
Die Wette hätte Simon zwar verloren, aber andererseits hatte Terry auch nichts gegen ein bisschen Gartenarbeit. Vor allem wenn sie ihm ersparte, ein weiteres Ausflugsprogramm von Simons Mutter mitzumachen zu müssen.
»Das geht schon in Ordnung, Miss Grey«, beeilte er sich deshalb zu ihr zu sagen, während sie ihren Sohn mit bösen Blicken eindeckte. »Ich würd' mir wirklich gern den Garten anschauen und mich ein bisschen nützlich machen.« Miss Grey sah ihn zweifelnd an. »Wirklich! Das würde mir Spaß machen! Kräuterkunde ist mein Lieblingsfach in der Schule«, versicherte ihr Terry ernsthaft, wenn es auch gelogen war. Es war nur sein zweitliebstes Fach nach Verwandlung. Aber er war wohl ziemlich überzeugend gewesen, denn sie lenkte schließlich ein.
»Na gut«, sagte sie, warf ihrem Sohn aber immer noch wütende Blicke zu. »Wir können ja später immer noch etwas unternehmen.«
»Lasst euch von mir bloß nicht aufhalten«, sagte Simon, leerte seinen Tee und stand vom Küchentisch auf.
»Ich sollte mich vielleicht auch umziehen«, murmelte Terry und folgte ihm schnell nach oben. Aber Simon war schon im Bad verschwunden, als er im ersten Stock ankam, und Terry ging in sein Zimmer, um sich tatsächlich etwas anderes anzuziehen. Schließlich wühlte er die kurze Hose und das T-Shirt wieder aus seinem Koffer, die er schon bei ihrem gestrigen Ausflug mit anschließendem Picknick getragen hatte. Dank Simons Mutter würde er einen volleren Koffer nach Hause bringen, als der, mit dem er aufgebrochen war. Es war ihm sowieso peinlich, dass sie sich standhaft weigerte, ihn für irgendetwas selbst bezahlen zu lassen.
Der erste Tag war noch erträglich gewesen. Das Essen in dem einzigen Gasthaus des Kaffs und der Eintritt für die Höhle, die sie und eine kleine Handvoll Touristen besucht hatten, waren nicht allzu teuer gewesen. Aber am zweiten Tag hatte es geregnet, und da das Wetter in London ausnahmsweise besser war als hier, hatten Simon und seine Mutter beschlossen, der Winkelgasse einen Besuch abzustatten. Dummerweise hatte er sich von Simon provozieren lassen und eine Bemerkung darüber gemacht, wie lächerlich dieser in seiner komischen hellgrauen Robe aussah, die er für die Winkelgasse wieder angezogen hatte. Und bei nächster Gelegenheit hatte Simon dann zu seiner Mutter gesagt, wie schade es doch sei, dass Terry außer seinen Schulroben überhaupt keine vernünftige Zaubererkleidung habe. Das Nächste, woran sich Terry erinnerte, war Simons hämisches Grinsen, während Madam Malkin an ihm Maß für ein Paar neuer »leichter, seidener Sommerroben« nahm. Er hatte natürlich versucht sich mit Händen und Füßen dagegen zu wehren, aber Simon hatte mit dem bösartigen Hinweis »Er ist nur schüchtern, Mum! Ich hab dir doch erzählt, was für ein bescheidenes, kleines Kerlchen Terry ist!« all seine Bemühungen zunichtegemacht. Währenddessen hatten sich Miss Grey und Madam Malkin schon über die Farbauswahl unterhalten. Anschließend hatte eine Menge Galleonen die Besitzerin gewechselt; Terry wollte gar nicht wissen, wie viele es genau gewesen waren. Die neuen Roben waren gestern Morgen geliefert worden. Wenigstens waren sie nicht hellgrau-weiß wie Simons, sondern irgendwie ocker-beige oder hellbraun. Was nicht wirklich besser war.
Als er sich umgezogen hatte, traf er im Gang auf Simon, der gerade aus dem Badezimmer kam. Was man ihm bis auf die gekämmten Haare aber nicht ansah. Terry stellte sich auf eine längere Wartezeit ein, als Simon in seinem Zimmer verschwand. Um sich umzuziehen, wie Terry annahm. Dass er sich da irrte, stellt sich Sekunden später heraus, als die Tür wieder aufging und die einzige Veränderung an Simon ein Buch war, das dieser in der Hand hielt.
»Willst du dir nichts anderes anziehen?«, fragte Terry. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Simon barfuß und in denselben Shorts und demselben T-Shirt, in denen er gerade noch geschlafen hatte, vor die Tür gehen wollte. Aber Simon war schon halb die Treppe hinunter, als er »Wozu?« antwortete.
Terry war sprachlos. Seine Mutter hätte ihm so etwas niemals erlaubt. Und es sah dem Simon, den er aus Hogwarts kannte, auch gar nicht ähnlich. Er lief hinter ihm her. Simon war schon im Garten, als er ihn einholte, und zerrte eine alte Holzbank aus dem Schatten der Hauswand in die Sonne. Scheinbar erleichtert setzte er sich und schlug sein Buch auf, ohne auch nur in Terrys Richtung zu schauen. Terry hatte definitiv genug davon, ignoriert zu werden und baute sich mit verschränkten Armen vor Simon auf. Dieser seufzte, schlug sein Buch wieder zu und sah zu Terry auf.
»Sagt dir der Name Diogenes etwas?«, fragte er, wahrscheinlich als präventives Ablenkungsmanöver, vermutete Terry. »Antiker Philosoph? Tonne? Alexander der Große?«
»Was soll das alles?«, wollte Terry wissen. »Und ich mein' damit nicht Diogenes!«, stellte er zur Sicherheit klar.
Simon zuckte mit den Schultern. »Ich hab' keine Ahnung, was du meinst. Aber falls du auf meine Absicht anspielst, den Tag mit Lesen zu verbringen, so möchte ich dich hiermit wissen lassen, dass ich Ferien hab'!«
Terry wollte etwas erwidern, aber noch bevor ihm einfiel, was eigentlich, redete Simon schon weiter: »Wir sind nicht in der Schule. Niemand schreibt dir vor, was du tun sollst. Wenn du nichts im Garten machen willst, dann lass es bleiben. Schnapp dir 'n Buch und lies, oder schmeiß dich vor den Fernseher. Du kannst wirklich machen, was du willst!«
Terry hatte keine Ahnung, was er darauf sagen sollte. Im Prinzip wäre ihm ein ruhiger Tag ganz recht gewesen, aber er wusste selbst nicht genau, was er eigentlich machen wollte. Andererseits … Der Himmel war strahlend blau, und obwohl es noch ein wenig kühl war, versprach es ein heißer Sommertag zu werden. Aus dem geöffneten Küchenfenster war das Radio zu hören, und Miss Grey schien gerade die Runde zu machen, um die restlichen Fenster ebenfalls aufzustoßen. Er sah sich im Garten um. Die Gemüsebeete vor dem Haus hatten es wohl am nötigsten. Vor allem die Zwiebeln und Karotten. Und die Radieschen. Und wenn er keine Lust mehr hatte, konnte er ja einfach wieder aufhören. Unkrautjäten war sowieso keine Arbeit, mit der man jemals fertig wurde. Wenigstens sagte Professor Sprout das immer.
»Wenn du an was Bestimmtes denkst, dann entscheid dich lieber schnell«, sagte Simon, der ihn aufmerksam musterte. »In spätestens 'ner Stunde kommt Mum raus, um zu helfen. Ich weiß, sie spinnt, aber sie hat 'nen Narren an dir gefressen.«
»Quatsch!«, wehrte Terry ab und fühlte, wie er rot wurde. Der Gedanke war ihm irgendwie unangenehm, obwohl er selbst nicht hätte sagen können, warum.
»Oh, doch«, beharrte Simon auf seinem Standpunkt. »Ich bin sicher, sie würd' dich am liebsten adoptieren. Wenn das mit deiner Scheidung nicht so läuft, wie du willst, brauchst du bloß vorbeizukommen und zu fragen. Du wirst schon sehen.«
Terry fand es ziemlich beschissen, so an die Scheidung seiner Eltern erinnert zu werden. »Arschloch!«, tat er Simon seine Meinung kund.
Simon grinste ihn an. »Glaub mir, du bist der Sohn, den sie sich immer gewünscht hat, und ich bin der, den sie nie gewollt hat.« Terry starrte Simon sprachlos an, während dieser den Kopf in den Nacken legte und »Stimmt doch, Mum?« nach hinten rief.
Zu Terrys Entsetzen tauchte tatsächlich Miss Greys Kopf im Küchenfenster auf. »Brillante Analyse!«, schnaubte sie. »Was hab' ich doch für einen schlauen Ableger.«
»Siehst du?«, sagte Simon wieder zu Terry gewandt. »Was hab' ich dir gesagt?« Und wieder den Kopf in den Nacken legend fragte er: »Mum? Du würdest Terry doch jederzeit gegen mich eintauschen, oder?«
»Worauf du einen lassen kannst, mein Sohn!«, antwortete seine Mutter im Plauderton, als würden sie über das Wetter reden.
Simons Grinsen war mittlerweile so breit, dass sich seine Mundwinkel den Ohren zu nähern schienen. »Wenn Mum vulgär wird, meint sie's ernst.«
Terry starrte die beiden nur hilflos an. Wo war er da nur hineingeraten? Miss Grey schien Mitleid mit ihm zu haben, denn sie wandte sich ihm zu und lächelte ihn an.
»Nimm diesen Verrückten bloß nicht ernst, Terry!«, sagte sie und machte eine Handbewegung vor ihrer Stirn, die wohl andeuten sollte, dass sie Simon für nicht zurechnungsfähig hielt. »Der Schuppen mit den Gartengeräten ist rechts hinter dem Haus. Falls du wirklich was im Garten machen willst.«
Terry ergriff die Chance zur Flucht sofort, wurde jedoch nach wenigen Schritten von Simons Stimme aufgehalten, die ihm »Das andere rechts!« nachrief. Mit hochrotem Kopf eilte er in die Gegenrichtung wieder an Simons breitem Grinsen und Miss Greys lächelndem Gesicht im Küchenfenster vorbei.
Er fand den Schuppen und setzte sich erst einmal auf den Hackstock, der davor stand. Er hatte ja schon einiges gesehen, bildete er sich ein, aber Simon und seine Mutter waren wirklich seltsam. Er fragte sich, ob die beiden sich auch so aufführten, wenn sie allein waren. Einer seiner alten Schulfreunde hatte Eltern, die sich so ähnlich benommen hatten – und es wahrscheinlich immer noch taten –, nur umgekehrt. Sie behandelten ihren Sohn wie ihr ein und alles, wenn jemand dabei war, und wie den letzten Dreck, wenn sie allein waren. Aber irgendwie war das normaler als die Art, wie sich Simon und seine Mutter gegenseitig fertigmachten. Er hatte mittlerweile den Verdacht, dass sie das nur taten, um ihn in Verlegenheit zu bringen. Aber die offensichtliche Übung, die sie darin hatten, sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf zu werfen, sprach wiederum dagegen. Auf jeden Fall würde er hier erstmal ein Weilchen warten, bis sich Miss Grey verzogen hatte. Wahrscheinlich würde Simon den Mund halten und lesen, wenn sie wieder verschwunden war.
Seit er hier war, war fast kein Tag vergangen, an dem er nicht wenigstens ein Mal bedauert hatte, dass er sich zu den Greys hatte abschieben lassen. Dabei hätte es ihm eigentlich hier gefallen – wenn Simon und seine Mutter nicht gewesen wären. Die Gegend war wirklich schön, und er mochte die wellige, grüne Hügellandschaft. Es war eine nette Abwechslung zu London und in gewisser Weise sogar schöner als die zugegebenermaßen beeindruckende Kulisse von Hogwarts. Normaler, aber irgendwie trotzdem magischer. Und das Haus war genial. Er hätte sich wirklich in das Haus verlieben können. Es war zwar nicht groß, aber auch nicht zu klein. Und der halbe Efeumantel verlieh dem hellen Backsteinbau mit dem Schieferdach etwas seltsam Lebendiges. Es war ein Bilderbuchhäuschen; fast schon zu schön, um war zu sein. Nur seine Bewohner störten den idyllischen Gesamteindruck.
Als er meinte, lange genug gewartet zu haben, holte er sich eine kleine Harke aus dem Schuppen und ging wieder in den vorderen Teil des Gartens. Simon war tatsächlich wieder in sein Buch vertieft und schenkte ihm keinerlei Beachtung. Von Miss Grey war zum Glück auch nichts zu sehen. Er machte sich über das Zwiebelbeet her. Heiße Tage waren perfekt zum Unkrautjäten. Man braucht das Zeug nur aus dem Boden zu ziehen und konnte es zwischen den Pflanzreihen liegenlassen. Die Sonne würde den Rest übernehmen. Und gleichzeitig war das vertrocknete Unkraut eine Art Dünger für das Beet. Hatte jedenfalls Professor Sprout behauptet.
Er war ganz auf das zähe Unkraut konzentriert und hatte schon das halbe Beet gejätet hatte, als er merkte, dass er allmählich Spaß an der Sache bekam. Bis Simon plötzlich sein Buch zuklappte und zu ihm hersah.
»Übrigens«, begann er und Terry hackte mit Wonne eine unschuldige Ackerwinde zu Tode, die er gerade gekappt hatte. »Die Katze benutzt die Zwiebeln als Katzenklo.« Terry bearbeitete das Unkraut noch wütender.
»Sonst noch was, was ich wissen sollte?«, fragte er gepresst.
»Na ja«, antwortete Simon nach kurzem Zögern. »Hast du was mit den Erdbeeren vor?«
Terrys »Warum?« kam ihm automatisch über die Lippen, bevor er noch überlegt hatte, ob er wirklich mehr wissen wollte.
»Meine Großmutter ist in ihnen gestorben.« Terry sah Simon entsetzt an, aber an dessen ausdrucksloser Miene ließ sich nicht ablesen, ob das nur ein geschmackloser Witz oder sein Ernst gewesen war. »Klassisch, oder?«
Terry wusste mal wieder nicht, was er darauf sagen sollte, aber diesmal rettete ihn das schrille Klingeln einer Fahrradglocke, das von der Straße kam.
»Morng, Simon!«, erklang die Stimme des Postboten vom Gartentürchen. »Schon auf? Der frühe Vogel, wie?«, fragte er grinsend.
»Morng, Mr. Clayton«, grüßte Simon zurück, anscheinend ohne sich an dem Seitenhieb zu stören, und stand von der Bank auf. »Was Interessantes dabei?«
»Neh. Nix Wichtigs. Bloß Werbung und so 'n Mist«, erwiderte der Postbote, während Simon sich mit vorsichtig tapsenden Schritten barfuß über den Kiesweg zum Gartenzaun hinbewegte. »Oh, und 'ne Postkarte. Grüße aus'm Urlaub und so weiter.«
»Von wem?«, fragte Simon den Mann, der mittlerweile von seinem Rad gestiegen war und in seiner Umhängetasche wühlte.
»Irgend'ne Edna. Arbeitskollegin von deiner Mum?«, erwiderte der Mann und reichte Simon, der mittlerweile das Gartentürchen erreicht hatte, über den Zaun hinweg einen Packen Post.
»Jepp«, sagte Simon. »Mathe und Geschichte. Wo treibt sie sich denn dieses Jahr rum?«
»Dominikanische Republik«, antwortete der Postbote. »Is' das nicht die, die letztes Jahr in Kuba war?«
»Glaub' schon«, sagte Simon, während er die Postkarte ansah. »Schaut jedenfalls ganz nett aus, der Strand. Aber wahrscheinlich haben sie ihn extra für das Foto geräumt und den Müll dann wegretuschiert.«
»Wahrscheinds«, stimmte der Postbote ihm grinsend zu. Erst dann schien er Terry zu bemerken, der diesem Gespräch ziemlich fassungslos gefolgt war. Er kam sich wie in einem falschen Film vor. Oder sollte er eher nach einer versteckten Kamera Ausschau halten? Er konnte einfach nicht glauben, dass sich Simon da gerade völlig normal mit einem Postboten unterhielt. Was hieß hier unterhielt? Die beiden hielten ein Schwätzchen!
»Ihr habt Besuch?«, fragte der Postbote und warf Terry einen neugierigen Blick zu.
»Nur 'n Mitschüler, der 'n paar Tage bei uns Ferien macht«, sagte Simon zu dem Mann. »Terry Boot. Kommt aus London«, fügte er mit bedeutungsvoll hochgezogenen Brauen hinzu. Es klang fast so, als wolle er andeuten, dass Terry ein geradewegs aus einer Anstalt entflohener Irrer sei.
»London«, sagte der Postbote abschätzig und hatte tatsächlich die Frechheit, Terry einen mitleidigen Blick zuzuwerfen. »Drecksnest. Schlimmer als Leeds.«
»Jepp«, stimmte ihm Simon ganz ernsthaft zu.
»Drum wart ihr in der Höhle!«, sagte der Postbote, dem gerade ein Licht aufzugehen schien. »Ich hab' schon gedacht, die alte Mrs. Swann hätt' jetzt endgültig ihr letztes bisschen Verstand versoffen. Hat nix von 'nem Besuch erzählt, bloß dass ihr im Loch wart.«
»Wie geht's ihr so? Hab' gehört, sie hat sich die Hüfte gebrochen, während ich weg war«, fragte Simon über den Zaun gebeugt und schien sich unglaublicherweise wirklich für die Antwort zu interessieren.
»Ach, sie is' schon lang wieder auf den Beinen. Bösartig wie eh und je. Und säuft so viel wie vorher.« Der Postbote hielt einen Moment inne. »Noch mehr sogar. ›Wegen der Schmerzen in der Hüfte‹, sagt sie. Als wär' ihr nicht jede Ausrede recht.«
Simon und der Postbote tauschten ein wissendes Lächeln. Terry verspürte den Wunsch, sich die Augen zu reiben, ließ es aber wegen seiner dreckigen Hände lieber bleiben.
»Jepp, schau' dann mal weiter«, sagte der Postbote und zwinkerte Simon zu. »Die andere Straßenseite will auch noch ihre Post.« Grinsend schwang sich der Mann wieder auf sein Rad und wendete. »Bis denn, Simon. Grüß mir deine Mum!
Simon nickte ihm zu. »Bis denn, Mr. Clayton!«
Dann tapste er wieder mit vorsichtigen Schritten über den Kiesweg zum Küchenfenster zurück, legte den Packen Post auf die innere Fensterablage und brüllte »Die Post!« ins Haus hinein.
Erst als er sich wieder auf die Bank gesetzt hatte, begegneten seine Augen Terrys ungläubigem Starren.
»Was?«, fragte er, während er suchend in den Seiten seines Buchs herumblätterte.
Terry legte die Harke weg und richtete sich auf. »Was war das denn?«, fragte er, während er immer noch versuchte, die Farce, die sich da eben abgespielt hatte, zu verarbeiten.
»Die Post?«, sagte Simon gleichmütig, immer noch mit Hin- und Herblättern beschäftigt.
»Der Mann hat eure Post gelesen! Und du hast mit ihm … getratscht!« Terry konnte es immer noch nicht fassen. Simon, der jedes Mal verächtlich die Nase gerümpft hatte, wenn ihm von Terry irgendein Gerücht zugetragen worden war, das in Hogwarts die Runde gemacht hatte.
»Erstens war das Mr. Clayton. Und es war nur 'ne Postkarte. Ist ja nicht so, als ob er Briefe über Dampf aufmacht und sie dann liest. Und selbst wenn er das täte – und nicht mal Mrs. Swann ist auf diesen Gedanken gekommen, jedenfalls bisher nicht …« Simon schien endlich die Seite gefunden zu haben, auf der er mit dem Lesen aufgehört hatte. »Und, Terry? Was das ›Tratschen‹ betrifft … Vielleicht ist es dir noch nicht aufgefallen, aber unsere nettes, kleines Dorf hat weniger Einwohner als ein mittleres Hochhaus.«
Mit höchst zufriedener Miene lehnte er sich auf seiner Bank zurück, streckte seine Beine aus, und nahm sein Buch wieder hoch. Terrys Blick wanderte von dem zerknitterten T-Shirt über die Shorts, denen man ebenfalls ansah, dass jemand in ihnen geschlafen hatte, hin zu den schmutzigen Fußsohlen, wo er hängen blieb und mit fasziniertem Grauen beobachten musste, wie Simon … mit den Zehen wackelte?
»Um es ganz deutlich zu sagen«, meinte Simon mit beinahe verträumtem Lächeln, »Wir sind hier am schönsten Ort auf dem gesamten gottgegeißelten Planeten: in einem Kaff am Arsch der Welt!«
Anthony war ausnahmsweise als Erster fertig und wartete vor dem Kamin. Er zupfte noch einmal unzufrieden an den Ärmeln seiner Ausgehrobe. Er trug diese lächerlichen Gewänder in letzter Zeit viel zu oft für seinen Geschmack. Tradition hin, Tradition her, ihn störte einfach, dass er dauernd an den Zauberstab stieß, der in einer Unterarmtasche des rechten Ärmels steckte. Natürlich wusste er, woher die Tradition kam. Es galt eben als unhöflich, zu einer Feier seinen Zauberstab mitzubringen. Was er aber nicht verstand, war, warum man es dann trotzdem tat und daraus auch noch eine Tradition machte. Seine Mutter hatte behauptet, dass man den Zauberstab nicht deshalb im Ärmel trug, um ihn zu verstecken, sondern um ihn im Notfall sofort zur Hand zu haben. Es hörte sich zwar ein wenig paranoid an – wie vieles, was seine Mutter von sich gab, seit sie ihn in Verteidigung unterrichtete –, aber Anthony musste zugeben, dass der Zauberstab wirklich so in der Ärmeltasche lag, dass man ihn jederzeit an einem Ende hätte greifen können. Angeblich konnte man sogar zaubern, ohne ihn herauszuziehen, aber Anthony schien das doch ziemlich schwierig, solange die Spitze noch im Ärmel feststeckte. Leider ging es wahrscheinlich trotzdem irgendwie, und seine Mutter würde ihm bestimmt in Kürze eine entsprechende Lektion erteilen.
Als er Schritte die Marmortreppe herunterkommen hörte, drehte er sich um. Seine Mutter schwebte zur Linken seines Vaters die Stufen hinab. Sie trug ein samtig-schwarzes Robenkleid, das an den Säumen und Ärmelaufschlagen mit Reihen blutrote Runen verziert war. In letzter Zeit trug sie solche Kleider immer öfter, wenn sie ausgingen. Ihr Gesicht war nur ein bleicher Fleck, umrahmt von ihren langen Haaren. Anthony hatte den Verdacht, dass sie seit neuestem einen Zauber verwendete, um deren Schwarz noch dunkler wirken zu lassen. Ihre rechte Hand ruhte leicht auf der Armbeuge seines Vaters. Er hatte nur eine einfache, formelle Robe in Dunkelrot an.
»Bereit, Anthony?«, fragte seine Mutter, als sie in der Empfangshalle angekommen waren. Mit kritischem Blick musterte sie ihn und richtete seine Halskrause im Nacken etwas auf. »Wir müssen deine Haare wieder schneiden lassen. Oder neue Gewänder mit flachem Kragen besorgen.«
»Kragen«, würgte Anthony heraus, der die engen Halskrausen hasste. Aber seine Mutter antwortete nur »Vielleicht«, was in trotzdem hoffen ließ.
»Wir apparieren«, sagte sie dann zu Anthonys Überraschung.
Normalerweise benutzten sie doch immer das Flohnetz. Und die Parkinsons hatten mit Sicherheit mehrere Kamine in ihrer Empfangshalle, wie es sich gehörte. Wozu wollten seine Eltern apparieren? Aber seine Mutter machte nicht den Eindruck, als wäre sie in Stimmung für Fragen, und sein Vater wirkte ziemlich geistesabwesend. Anthony stellte sich zwischen sie und spürte, wie sich die Hand seiner Mutter fest auf seine Schulter legte, als sie seinem Vater zunickte und »Auf drei!« sagte.
Bei drei verschwanden sie und tauchten gleichzeitig in der Empfangshalle der Parkinsons wieder auf. Seine Mutter ließ seine Schulter wieder los und legte ihren Arm wieder auf die Armbeuge seines Vaters. Anthony brauchte einen Moment, um sich von dem Erlebnis zu erholen. Es war nicht das erste Mal, dass er beim Apparieren mitgenommen worden war, aber er hatte dabei immer noch das Gefühl, dass jemand versuchte, ihn von allen Seiten auf die Hälfte seiner Größe zusammenzuquetschen.
Er sah sich in der Empfangshalle der Parkinsons um. Er erinnerte sich nicht wirklich, ob er schon einmal hier gewesen war. Eingangshallen sahen fast alle gleich aus. Steinfußböden, viel Marmor, Kronleuchter an der Decke. Wenigstens war diese hier nicht gar so protzig wie die meisten, unter anderem ihre eigene. Die Parkinsons standen an einer großen Flügeltür, die in einen Festsaal führte, und begrüßten ihre Gäste, von denen sich schon eine ziemlich lange Schlange gebildet hatte. Als Anthony seinen Blick über die Festumhänge und die Robenkleider schweifen ließ, in der geheimen Hoffnung, vielleicht noch ein paar andere Schüler aus Hogwarts ausfindig zu machen – vielleicht sogar Millicent, schließlich ging sie mit Pansy nach Slytherin – entdeckte er plötzlich seinen Großvater. Er stand bereits im Saal, hielt ein Glas in der Hand und unterhielt sich gerade mit einem anderen Zauberer. Anthony musste sich zusammennehmen, um ihm nicht zuzuwinken. Hoffentlich ergab sich heute endlich die Gelegenheit, ein paar vorsichtige Erkundigungen über den Stein anzustellen. Außerdem hatte er ihn schon seit Weihnachten nicht mehr gesehen und freute sich, ihn wieder mal zu treffen.
»Großvater ist auch da«, sagte er zu seinen Eltern, falls diese ihn noch nicht erkannt hatten.
»Ich weiß«, sagte seine Mutter nur und starrte in den Festsaal. Sein Vater machte immer noch einen nachdenklichen Eindruck, schwieg aber zu Anthonys Bemerkung.
Ein Zauberer, den Anthony nicht kannte, beugte sich zu seinem Großvater und flüsterte ihm anscheinend etwas ins Ohr, worauf dieser sich zu ihnen umdrehte. Er wechselte noch ein paar Worte mit dem Zauberer und kam dann zu ihnen heraus. Auf dem Weg nahm er noch ein zweites Glas von einem Tablett und brachte es mit. Als er bei ihnen ankam, nickte er Anthony und seinem Vater nur kurz zu.
»Kathryn«, sagte er dann und hielt seiner Mutter das Glas hin, das eine bernsteingelbe Flüssigkeit enthielt, wahrscheinlich Feuerwhiskey, wie Anthony seinen Großvater kannte.
»Ein interessantes Kleid«, fuhr er fort, als Anthonys Mutter das Glas angenommen hatte. »Ich glaube nicht, dass es viele verstehen werden.«
»Nicht alle, aber die Klügeren vielleicht«, erwiderte sie, ohne eine Miene zu verziehen. »Und die anderen …« Sie zuckte mit den Schultern.
»Ich habe deine Mitteilung erhalten«, fuhr sein Großvater zu Anthonys Erstaunen fort. Seine Mutter und sein Großvater korrespondierten nie. »Du hast in letzter Zeit ziemlich viele Briefe verschickt, wie ich gehört habe?«
»Nur ein paar. An ausgewählte Adressaten«, sagte seine Mutter und nahm einen tiefen Atemzug über dem Glas, das sie in der Hand hielt.
»Und nicht alle so freundlich wie deine Nachricht an mich, wie es scheint. Snape hatte schon einen Bezoar auf der Zunge, als er die Phiole mit dem Gegenmittel in der Asche fand.«
Anthony fragte sich langsam, wovon die beiden da redeten. Er warf seinem Vater einen fragenden Blick zu, aber der schien ihn gar nicht zu bemerken.
»Ja, er scheint unter einem Aufmerksamkeitsdefizit zu leiden. Dabei sollte gerade er es besser wissen, nicht wahr?«
»Sollte man annehmen, ja«, stimmte ihr sein Großvater lächelnd zu. »Aber alle Menschen haben ihre Fehler. Viele von ihnen werden von diversen Träumen und Hoffnungen abgelenkt. Und Hoffnung ist nicht immer etwas Gutes.«
Anthonys Mutter sah ihn scharf an und sagte dann: »Manche Dinge sind sehr einfach, Marcus.« Anthony glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Seine Mutter nannte seinen Großvater nie beim Vornamen. Langsam fragte er sich, was hier eigentlich vor sich ging.
»Aber selbst die einfachsten Dinge können sehr kompliziert werden, wenn man sie genauer betrachtet«, erwiderte sein Großvater leichthin.
Seine Mutter legte Anthony wieder eine Hand auf die Schulter. »Nicht in diesem Fall«, sagte sie und ihr Griff war dabei beinahe schmerzhaft.
Sein Großvater schwieg einen Moment und Anthony fühlte seinen Blick auf sich ruhen. Dann wandte er sich wieder seiner Mutter zu.
»Ich stimme dir vollkommen zu. Dieser Fall liegt einfach.« Die Hand, die Anthonys Schulter gepackt hielt, entspannte sich merklich.
»Ich freue mich, dass wir uns da einig sind.« Die Stimme seiner Mutter klang zum ersten Mal so, als meinte sie wirklich, was sie sagte.
»Ich hoffe doch sehr, du hast nicht ernsthaft geglaubt, ich würde einen anderen Standpunkt einnehmen.« Die Stimme seines Großvaters klang seltsam. Anthony hoffte, dass er irgendetwas an der Unterhaltung der beiden gehörig missverstand.
»Nein«, sagte seine Mutter und nahm einen kleinen Schluck Feuerwhiskey. »Aber ich habe alle Eventualitäten in Betracht gezogen.«
Sein Großvater nickte bedächtig. »Du hast auch Dumbledore geschrieben?«, fragte er unvermittelt, und als sie »Ein leeres Pergament und eine Feder« zur Antwort gab, lachte er kurz auf. Anthony wünschte sich, er würde wenigstens ein bisschen mehr als die Hälfte von dem verstehen, wovon die beiden sprachen.
»Bisher ohne Antwort«, fuhr sie fort. »Also ist auch kaum mehr eine zu erwarten. Aber noch würde ich dazu neigen, Albus Dumbledore zu den Aktiva zu zählen.«
Sein Großvater nickte nachdenklich. »Diese Einschätzung ist vermutlich gerechtfertigt. Aber die Ereignisse haben in gewissen Kreisen für Unruhe gesorgt. Es gibt viele, die nichts zu gewinnen haben und den Status quo einer ungewissen Zukunft vorziehen würden. Aber andere wiederum sind … ambitioniert. Ich werde die Augen und Ohren offen halten, aber bisher gibt es nichts Konkretes. Es fällt jedoch immer wieder ein Name: Lucius Malfoy.«
Seine Mutter zeigte keinerlei Anzeichen von Überraschung. Aber sie leerte den Rest ihres Glases in einem Zug und fragte: »Ist er hier?«
»Mit Frau und Sohn«, bestätigte sein Großvater. »Sie ist eine geborene Black –«
»Ich kenne Narcissa«, unterbrach ihn seine Mutter und gab ihm das leere Glas wieder zurück. Mit einer Handbewegung, als wolle sie ihre Robe glattstreichen, was völlig unnötig war, fuhr sie über die runenverzierten Säume des Stoffes. »Sie gehört zu denjenigen, die durchaus in der Lage sein sollten, gewisse Zeichen zu deuten.«
»Gut«, meinte sein Großvater. »Wirst du mir nachher die Ehre erweisen mit mir zu tanzen, Kathryn? Wenn du es gestattest, mein Sohn?«, setzte er noch hinzu, ohne aber Anthonys Vater anzusehen.
Anthony musste sich zwingen, den Mund geschlossen zu halten und die beiden nicht anzustarren, besonders als seine Mutter völlig ernsthaft »Es wäre mir ein Vergnügen, Marcus« erwiderte.
»Dein Kleid gefällt mir wirklich«, sagte sein Großvater zu ihr, und »Wir sehen uns gleich« zu Anthony und seinem Vater, bevor er wieder in den Saal zurückging. Nicht nur Anthonys Blicke folgten ihm. Auch in den wartenden Grüppchen wurden Köpfe gedreht, und die Goldsteins wurden aus vielen Augenwinkeln aufmerksam beobachtet.
»Du solltest unter die Hellseher gehen, Liebes«, flüsterte sein Vater und legte die Hand auf den Arm seiner Mutter. »Du hast auf dem alten Sturkopf gespielt wie auf einem Klavier.«
»Nein, Theo.« Seine Mutter lächelte ihn an und legte ihre Hand auf seine. »Ich glaube, da unterschätzt du ihn. Er hat sich spielen lassen.«
Anthony folgte seinen Eltern, als diese in der Schlange weiterrückten. Er hatte selbstverständlich mitbekommen, dass seine Mutter und sein Großvater eine Art Waffenstillstand geschlossen hatten. Vielleicht sogar mehr, und das freute ihn wirklich. Leider meinte er aber auch, den Rest des Gesprächs im Wesentlichen begriffen zu haben. Es stank geradezu nach Politik. Er zerrte an seiner viel zu engen Halskrause und bemühte sich, die verstohlenen Blicke der Umstehenden so gut wie möglich zu ignorieren.
Als sie die Parkinsons erreichten und seine Eltern ein paar oberflächliche Floskeln mit ihnen austauschten, sah er, wie Pansy ihm einen Blick zuwarf und mit den Augen rollte. Wahrscheinlich musste sie schon eine Ewigkeit hier stehen und war noch genervter als er. Er verdrehte als Zeichen der Solidarität ebenfalls die Augen. Er verstand sie nur zu gut. Fast wünschte er sich, dass die Ferien bald vorbei wären und er wieder in Hogwarts wäre, wo niemand von ihm erwartete, dämliche Bälle zu besuchen und auch noch mit allen möglichen Mädchen zu tanzen. Als er aber Millicent entdeckte – und sie ihm unauffällig zuwinkte –, war er gewillt, zumindest für den heutigen Abend noch ein Mal eine Ausnahme zu machen.
