Hallo an alle Leser und Reviewer! Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich für's Lesen und Kommentieren der ersten beiden Kapitel bedanken. Ich hoffe, die Fortsetzung gefällt euch und seid etwas nachsichtig mit unserem guten Professor/der Professorin, ja? Ja, sie/er ist streng zu den Studenten und erwartet viel und wird in der ersten richtigen Vorlesung enttäuscht. Natürlich sind Studenten nicht dumm. Natürlich wird sich da noch etwas ändern. Natürlich werden sie auch irgendwann aufmucken und etwas antworten; ich habe mich dabei nur auf meine Erfahrungen gestützt und die besagt, dass in den ersten Vorlesungen die allermeisten noch viel zu eingeschüchtert und neu im Studentenleben sind, um mit dem Dozenten (der ja meistens sehr viel mehr Ahnung hat als man selbst) zu diskutieren. Ich hoffe, das ergibt alles halbweg Sinn für euch.
Aber nun viel Spaß beim Lesen!
Erste Vorlesung
Du schielst durch den kleinen Spalt zwischen den beiden Flügeltüren und reckst den Hals, um besser beobachten zu können, was drinnen vor sich geht. Halblautes Gelächter dringt nach draußen, sie klingen fröhlich und entspannt, du verstehst es nicht, sie wissen doch, was gleich passieren wird, sie wissen doch, was auf sie zukommt, Gespräche über dunkle, dunkle Stunden und sie sitzen dort und lachen und genießen ihre unbeschwerte Studentenzeit.
(Manchmal wird dir schmerzhaft bewusst, wie viel der Krieg dir gestohlen hat, dir ganz persönlich. Wo ist deine Jugend hin?)
Ein Blick auf deine Uhr verrät dir, dass es an der Zeit ist, sich dem Kampf zu stellen. Also stößt du die Türen auf und gehst hinein, deine Tasche schlenkert in deiner Hand, während du auf dein Lesepult zugehst und du merkst, wie sich Schweigen und Ruhe über die Menge legen wie ein Zauberbann.
Du legst die Tasche ab und kramst ein wenig in ihr, bis du die Manuskripte und Erinnerungsfetzen und Filmmitschnitte für die heutige Vorlesung zu Tage befördert hast. Pergamente stapeln sich vor dir, du legst deinen Zauberstab neben ihnen ab (ohne gehst du nirgends hin – manche mögen es „paranoid" nennen, du sagst dazu „aus Erfahrung lernt man") und lässt deine Augen über deine Studenten gleiten.
Sie rutschen auf ihren Stühlen hin und her, während du sie musterst, manche wenden den Blick ab, als wäre es ihnen unangenehm, wenn du sie betrachtest und du überlegst verschwommen, ob das wohl diejenigen sind, die die Texte nicht gelesen haben. Du wirst es nie erfahren.
„Guten Morgen", beginnst du und bekommst ein gemurmeltes, schüchternes Echo, das dich zum Lächeln bringt. „Herzlich willkommen zu Ihrer ersten, richtigen Vorlesung, nachdem wir letzte Woche hauptsächlich Vorbemerkungen und Fragen geklärt haben. Ich hoffe, es ist Ihnen gelungen, die Texte für die heutige Sitzung zu lesen und aufzuarbeiten – falls nicht, wird Ihnen schon bald aufgehen, dass ich diese Texte in meinen Vorlesungen keineswegs rekonstruieren werde. Ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Hausaufgaben machen, und das, worüber ich sprechen werde, wird darauf aufbauen."
Sie schweigen. Eingeschüchtert. Natürlich. Verdammt.
Du schickst ein beruhigendes Lächeln hinterher, das deinen Worten ihre Schärfe etwas nehmen soll.
„Ich weiß, dass Sie neu sind, dass das Studium für Sie eine vollkommen neue Erfahrung darstellt, dass Sie so etwas noch nie erlebt haben. Dafür habe ich Verständnis. Ich bitte Sie nur, sich so gut wie möglich vorzubereiten. Sonst bringt es Sie nicht weiter, meine Vorlesung zu besuchen. Ich bin nicht dafür da, Ihnen alles vorzukauen, was Sie auch eigenständig nachlesen können. Ich bin hier, um Ihnen die Dialektik der Geschichte aufzuzeigen, um Sie zum selbstständigen Denken anzuregen, zu Zweifeln und Kritik. Ich bin hier, um zu erläutern. Das setzt voraus, dass Sie sich in Eigenarbeit mit dem Thema auseinandersetzen. Aber bitte, wenn Sie Fragen haben – scheuen Sie sich nicht, mich anzusprechen. Ich beiße nicht und ich habe Sprechzeiten, damit sie genutzt werden."
Du legst eine Pause ein, lächelst erneut und nickst.
Vereinzelt huschen zaghafte Lächeln über die Gesichter deiner Studenten und du denkst, Versuch geglückt, ein bisschen Angst hast du ihnen nehmen können. Es fällt dir schwer, den schmalen Grat zu finden zwischen professionellem Historiker und einfühlsamem Pädagogen.
„Gut", fährst du fort, „Nachdem wir das geklärt haben, würde ich Ihnen gerne einen Ausschnitt aus „Hogwartsjahre" zeigen. Darf ich vorher um Handzeichen bitten, wer von Ihnen diesen Film kennt?"
Du schaust neugierig in die Runde und seufzt innerlich auf, als die meisten Arme nach oben schnellen. Genau das hast du befürchtet. Kinder, die sich für Erwachsene halten, und deren Geschichtsbildung darin besteht, dass sie furchtbare Verfilmungen über den Krieg gesehen haben.
„Danke", sagst du dennoch so ruhig wie möglich und die Hände gehen wieder nach unten, „Für diejenigen unter Ihnen, denen der Film nicht bekannt ist, möchte ich kurz zusammenfassen, worum es geht. Das Drehbuch basiert lose auf dem Leben Harry Potters und romantisiert jedes noch so unwichtige Erlebnis. Es verdreht Tatsachen und rückt sich alles so zurecht, dass es in das Bild der Öffentlichkeit passt. Das bedeutet, unsere lieben Gryffindors sind die Helden und die Slytherins sind die bösen Schlangen, die ihnen das Leben zur Hölle machen."
Du legst erneut eine Kunstpause ein und lässt zu, dass das bittere, ironische Lächeln, das wild an deinen Lippen zerrt, sich auf ihnen niederlässt. Du hast dir deinen Zynismus verdient, findest du.
Deine Studenten sehen verwirrt zu dir auf, manche haben rote Wangen bekommen und überlegen vermutlich gerade, dass sie den Film doch eigentlich nicht schlecht fanden, als sie ihn damals gesehen haben...
„Wahrscheinlich fragen Sie sich nun, warum ich Ihnen einen solchen Schund dann vorführe", sprichst du weiter und straffst dich leicht, „Ich zeige Ihnen diesen Ausschnitt, damit wir vergleichen können, welche unterschiedlichen Ansichten der Öffentlichkeit präsentiert werden. Sie haben vorbereitend unterschiedliche Texte gelesen. Einmal das Vorwort von Professor Finnigans wissenschaftlichem Buch Grün ist die Hoffnung, dann Auszüge aus Mr Longbottoms Autobiographie Als ich ein kleiner Junge war und ein Interview aus dem Tagespropheten, geführt von einer berühmten Klatschreporterin. Ich gehe davon aus, dass Ihnen beim Lesen Unterschiede in diesen Texten aufgefallen sind. Dieses Wissen behalten Sie nun bitte im Hinterkopf, während wir uns den Ausschnitt anschauen."
Schweigen breitet sich aus wie Nebel an einem Novembermorgen, die Augen deiner Studenten leuchten wie Sterne, groß und blank und du denkst, wie viel sie noch lernen müssen, aber du möchtest es ihnen beibringen, du möchtest ihnen zeigen, was Geschichte ist, wie sie ist, wie sie funktioniert, wie die Medien sie benutzen wie eine Hure und wie man sie betrachten sollte.
Du suchst den richtigen, kleinen Würfel heraus, auf dem der Ausschnitt gespeichert ist, preist in Gedanken die Wunder der magischen Technologie und tippst den Würfel mit der Spitze deines Zauberstabs an. Hinter dir, auf der großen, hell gestrichenen Wand, erscheint ein Bild und du hältst den Film kurz an, drehst dich zu deinen Studenten.
„Wir befinden uns relativ in der Mitte des Films, an Weihnachten während Harrys viertem Schuljahr. Er ist, mit Cedric Diggory, Schulchampion für Hogwarts im Trimagischen Turnier und muss am Weihnachtsball teilnehmen. Die Szene, die wir uns nun gemeinsam ansehen werden, behandelt die Reaktionen gewisser Schüler auf das Eintreten der Champions", erklärst du so objektiv wie möglich. Du weißt, was auf dich zukommt, und es macht dich noch immer wütend, nach all den Jahren.
Erneut berührst du den Würfel mit deinem Zauberstab und der Filmausschnitt beginnt.
Fünf Jungen in Festtagsroben aus Silber und Grün stehen johlend und pfeifend vor den anderen Schülern. Von rechts kommen die Champions herein, erst Fleur Delacour, dann Cedric Diggory, dann Viktor Krum (Buh-Rufe beim Erscheinen von Hermione Granger und abfälliges Getuschel der Partnerinnen besagter Jungen in Silber und Grün.) und zuletzt Harry Potter. Die Jungen toben und brüllen, ihre Gesichter sind vor Wut und Hass verzerrt und ihre Hände zu Fäusten geballt, zucken immer wieder zu ihren Zauberstäben.
Harry Potter lächelt und schaut in eine andere Richtung, würdigt sie keines Blickes und gleitet mit Parvati Patil an der Hand immer weiter in die Große Halle hinein. Hinter seinem Rücken stecken die Jungen ihre Köpfe zusammen und machen sich lustig über ihn, wie lächerlich er aussieht, dass er es gar nicht verdient hat, in diesem Turnier zu sein, dass der Dunkle Lord ihn vernichten wird, weil er doch eigentlich nur ein kleiner Junge ist, der viel Glück hatte.
Einer der Jungen (groß, blond, mit arrogantem Gesichtsausdruck und spitzen Wangenknochen) richtet sich auf, ein böses Lächeln auf den Lippen, zieht seinen Zauberstab und brüllt einen Hex, in Sekundenschnelle. Ein rubinroter Blitz jagt auf Harry Potter zu, der sich in einem spektakulären Sprung zur Seite retten kann, nachdem er wenig galant seine Tanzpartnerin von sich gestoßen hat. Auf einmal hat er seinen Zauberstab in der Hand, richtet sich wieder auf und kommt langsam auf den blonden Jungen zu.
„Potter", speit der verbittert und kühl aus und geht ihm entgegen, „Duell gefällig?" Harry Potter ist ruhig, die Schülerschaft Hogwarts' versammelt sich hinter ihm, gibt ihm Rückendeckung, während hinter dem Blonden noch mehr Gestalten in Silber und Grün auftauchen, die Jungs mit Mordlust im Blick und die Mädchen mit grausamen Lächeln.
„Ich kämpfe nicht mit dir, Malfoy", erwidert Harry Potter ruhig und steckt seinen Zauberstab ein, „Wir sind hier, um den Zusammenhalt in der internationalen magischen Welt zu stärken. Findest du nicht, dass Duelle da herzlich unangebracht sind? Also nimm deinen Stab runter, Malfoy."
Jemand beginnt begeistert zu klatschen.
Du hältst den Film an. Länger hättest du es auch kaum ertragen. Du räusperst dich, tippst den Würfel zweimal an, bis das Bild schwarz wird, und wendest dich deinen Studenten zu. „Ich weiß", beginnst du, „dass das hier eine Vorlesung ist, was bedeutet, dass ich rede und Sie zuhören. Dennoch finde ich es wichtig, dass Sie selbst Rückschlüsse ziehen können und nicht nur das notieren, was ich Ihnen vorbete. Ich möchte, dass Sie sich jetzt in Gedanken zwei Minuten lang mit der Frage beschäftigen, welche Charakterisierungen uns diese kleine Szene bietet. Und behalten Sie dabei bitte auch die Texte im Hinterkopf, die Sie vorbereitend gelesen haben."
Im Saal kehrt Ruhe ein, während du langsam den Würfel so einstellst, dass die Filmszenen nur auf einer kleinen Seite zu sehen sind, damit du den nächsten Ausschnitt suchen kannst, ohne deine Studenten dabei in ihrer hoffentlichen Konzentration zu stören.
Magische Technologie ist etwas, was dich fasziniert, aber was du nicht im Geringsten verstehst. Hätte dir jemand vor zehn Jahren erzählt, dass es eines Tages magische Filme geben würde, hättest du kein Wort geglaubt. Heute hältst du diesen kleinen Würfel in der Hand. Magische Technologie hat einen regelrechten Boom erlebt in der letzten Zeit, auch wenn sich die Filme auf den Themenkomplex „Harry Potter" beschränken.
Sicher, da ist immer noch genügend Abgrenzung von den Muggels (Kinos? Wozu? Es gibt ja diese kleinen, praktischen Würfel und schon wird aus jedem Wohnzimmer ein Kinosaal, und überhaupt, magische Filme dauern mindestens fünf Stunden und dieser ganze Kameraschnickschnack fällt weg, aber trotzdem, findest du. Obwohl es nur eine Frage der Zeit war. Magische Radios gibt es ja auch seit langem.) und dennoch gleichzeitig eine kleine Annäherung. Warum? Habt ihr endlich begriffen, dass Magie nicht alles richten kann, dass Magie kein Garant für Glücklichsein ist? Du hast deine Zweifel.
(Nach dem Krieg, nach all den Feiern, nach all dem Wiederherstellen von guten Rufen und Namen, da hat es eine Zeit gegeben, in der du daran geglaubt hast, dass nun alles besser, alles anders werden würde, dass dieses lächerliche Schwarz-Weiß-Denken aus den Köpfen der Menschen verschwinden würde, aber etwas Seltenes ist eingetreten und du hast dich getäuscht. Leider.)
Du hebst den Kopf wieder, schaust in die verunsicherten Gesichter deiner Studenten und beschließt, dass sie den zweiten Filmausschnitt durchaus auch noch vertragen können. Du willst dich nicht an ihnen rächen dafür, dass sie an Klischees festhängen, sondern du willst sie darauf aufmerksam machen, damit sie endlich aus ihrer rosa Scheinwelt auftauchen und lernen, kritisch zu beobachten. Nicht alles, was in Geschichtsbüchern steht, ist wahr. Nicht alles, was in Filmen vorkommt, ist genauso passiert. Nicht alles, was ihre Eltern ihnen erzählen, ist richtig.
Du hast diese Lektion vor langer Zeit gelernt. Und seither versuchst du, sie weiterzugeben.
„Sind Sie soweit?", fragst du leichthin in die Runde und erntest schüchternes Nicken. Das genügt dir. Du bist mittlerweile daran gewöhnt, dass die meisten der Studenten nach deiner ersten, richtigen Vorlesung etwas schockiert sind und sich fragen, wo sie da nur gelandet sind. Nur, weil du deinen Beruf ernst nimmst. Weil Geschichte für dich nicht nur ein phrasenreiches Fach ist.
„Gut. Dann wenden wir uns jetzt der zweiten Szene zu, die ich Ihnen präsentieren möchte. Mittlerweile sind wir in Harrys fünftem Schuljahr gelandet und Dolores Umbridge hat bereits mehr Macht an sich gerissen als die Schüler sich je hätten vorstellen können. Wollen wir doch mal sehen, was unseren Helden nun passiert." Merlin, wie zynisch du klingst. Wie alt und verbittert. Manchmal hast du Angst, dass Seamus Recht hat und dein Fach dich auffrisst.
(Nein. Er hat sogar ganz sicher Recht. Aber was sollst du dagegen unternehmen?)
„Harry", wispert Hermione und winkt ihn hektisch zu sich. Sie kauert hinter einer Ecke, schmiegt sich an kaltes Mauerwerk und rutscht beiseite, damit Harry noch neben sie und Ron passt. „Was ist los?", fragt Harry atemlos und sieht seine beiden besten Freunde verwirrt an. Er hat Bücher im Arm und war gerade auf dem Weg zur Bibliothek.
„Umbridge", antwortet Hermione bedrückt und deutet mit dem Kopf um die Ecke. Harry macht sich lang, damit er sehen kann, was passiert und dann steht ihm der Schock mitten ins Gesicht geschrieben. Vielleicht zehn Meter von ihnen entfernt stehen sieben Mitglieder des neugegründeten Inquisitionskommandos, lauter Fünft- und Sechstklässler, sie lachen laut und kalt und grausam und jeder von ihnen hat den Zauberstab drohend in der Hand.
„Was ist denn, Kleiner?", spotten sie und Harry bemerkt den verängstigten, zitternden Zweitklässler in ihrer Mitte (Hufflepuff, den Farben nach zu urteilen). Er ist klein, mit strohblondem Wuschelhaar und riesigen, verschreckten Augen, „Hast du Angst?", fragen sie weiter und lachen sich kaputt, während der Kleine verzweifelt nach einem Ausweg sucht, um ihnen zu entwischen.
„Ich... ich... ich wollte doch... nur... zum Abendessen...", stammelt er und wird immer leiser, während das Gelächter anschwillt und die älteren Jungen sich gegenseitig anfeixen. „Achso", sagt einer von ihnen mit samtweicher Stimme und geht in die Hocke, um dem Kleinen in die Augen sehen zu können. „Zum Abendessen wollest du", wiederholt er lauernd, seine Krawatte ist silbern und grün, „Und was denkst du, warum jemand wie du, der unsere ehrenwerte Professor Umbridge heute mit einem albernen Scherz erschreckt hat, ein Abendessen verdient hat?"
Der Kleine zittert noch etwas mehr, Harry ballt hinter der Ecke die Hände zu Fäusten und Hermione flüstert „Wir müssen etwas gegen diese Umbridge unternehmen, Harry!". Harry nickt und steht auf und dann geht er auf die Gruppe zu.
Du hältst den Film an, lässt den kleinen Würfel in deine Tasche gleiten und drehst dich zu deinem Kurs. „Meinungen?", hebst du deine Stimme an, stützt dich mit den Händen am Pult ab und lässt deinen Blick wandern. Es interessiert dich, was sie denken (falls sie etwas denken, erwidert deine zynische Hälfte), aber wie üblich sind sie zu schüchtern, um sich zu melden. Du hasst diese Enttäuschung, die sich stets in dir ausbreitet, wenn du bemerkst (oder glaubst zu bemerken), dass all deine Bemühungen umsonst waren. Doch du ermahnst dich, nicht zu streng mit ihnen zu sein. Immerhin sind sie gerade mal im ersten Semester. In der ersten Vorlesung. Du erwartest zu viel zu schnell. Wie immer.
„In Ordnung", fährst du gespielt leichthin fort und raschelst sachte mit deinen tausend Notizpergamenten, „Dann erlauben Sie bitte, dass ich Ihnen meine Ansichten zu diesem Thema darlege. Scheuen Sie sich nicht, mich mit Fragen oder Einwürfen zu unterbrechen. Versuchen Sie, kritisch an die ganze Angelegenheit heranzugehen. Niemand ist objektiv, wenn es um diesen Krieg geht. Merken Sie sich das."
Deine Stimme ist eindringlich, deine Augen huschen über deine Studentenschar und dir entgeht das leise Getuschel nicht, das sich in den Reihen ausbreitet. Manchmal wünschst du dir zu wissen, was sie sich gegenseitig zuraunen. Allerdings funktioniert die Gerüchteküche gut. Vielleicht solltest du wieder einmal in der Mensa essen, dann würdest du erfahren, was man sich so erzählt über dich.
„Wie Ihnen bei den beiden Filmausschnitten sicherlich aufgefallen ist", beginnst du und stützt dich mit den Unterarmen auf deinem Lesepult ab, „wird ganz klassisch mit den Häuserklischees in Hogwarts gespielt. Diejenigen, die Ärger machen, die Harry Potter angreifen und sich an unschuldigen kleinen Kindern vergreifen, sind gleichzeitig auch die, die sich in Silber und Grün kleiden. Die Slytherins. Die, denen man nicht trauen kann, und deren Haus alleine für sich steht, während die übrigen drei zusammenhalten. Sicher ist Ihnen das noch aus Ihrer eigenen Schulzeit geläufig."
Du unterbrichst dich für einen kurzen Moment und beobachtest, wie einige Köpfe nicken. Du hast Beziehungen nach Hogwarts. Du weißt, dass sich vieles geändert hat, aber nicht alles, und Häuserrivalität ist etwas, das wohl niemals verlorengehen wird, auch wenn die Extreme sanfter geworden sind seit deiner Zeit.
„Ich möchte Ihnen keineswegs weismachen, dass Slytherins absolute Unschuldsengel sind", hebst du deine Stimme leicht an, „Das sind sie nämlich auf keinen Fall. Im Übrigen genauso wenig wie die Schüler der anderen Häuser", fügst du hinzu und unterdrücktes Gelächter erhellt den Raum, „Um ein weiteres Klischee zu bedienen... Gryffindors sind diejenigen, die den Lehrern die meisten Streiche spielen und die meisten Strafarbeiten abbekommen. Unschuldsengel? Bestimmt nicht."
Ruhe kehrt ein. Du kannst auf manchen Gesichtern Zweifel ablesen und weißt, du hast sie zum ersten Nachdenken gebracht. Du kratzt am Gold ihrer Helden. Vielleicht werden sie dich bald dafür hassen.
(Oder vielleicht werden sie begreifen.)
„Im ersten Filmausschnitt sind wir einem jungen Herrn begegnet", fährst du langsam fort, „Draco Malfoy. Ich will Ihnen nicht erzählen, dass die dargestellte Rivalität zwischen ihm und Harry Potter nicht existiert hat, jedoch nicht unbedingt in dem Maße, wie es uns die Medien und Presse gerne glauben lassen möchte. Diese Aufforderung zum Duell, die der Film zeigt, hat niemals stattgefunden."
Das Kratzen unzähliger Federkiele über Pergament erfüllt deinen Hörsaal, du siehst deine Studenten über ihre Blätter gebeugt dasitzen und eifrig mitnotieren, Details, die du sie nicht fragen wirst, weil du möchtest, dass sie Zusammenhänge verstehen.
Du ordnest deine Notizen, um Zeit zu schinden, bis alle fertig sind mit Schreiben. „Zur Beziehung zwischen Harry Potter und Draco Malfoy werden wir später noch genauer kommen", kündigst du an, „doch vorerst wollen wir bei den Klischees bleiben, die uns präsentiert werden. Und natürlich wollen wir uns mit dem befassen, was Sie vorbereitend in den Texten gelesen haben."
Du beschließt, den Film nicht gesondert zu behandeln, sondern mit den Texten zu verbinden, weil dir ein Blick auf die magische Uhr hinten an der Hörsaalwand verrät, dass dir sonst die Zeit davonlaufen wird. Und du hörst nicht gerne mitten im Thema auf, lieber verknüpfst du.
„Das Interview von Miss Parkinson hat Ihnen hoffentlich gezeigt, mit welchen Mitteln die Klatschpresse arbeitet", beginnst du deine Ausführungen, „Das Interview diente nicht, wie suggeriert wurde, dem informativen Zweck, den Leser darüber aufzuklären, wie die wissenschaftliche Arbeit an einem Forschungsbuch von statten gegangen ist, sondern hatte alleinigen Unterhaltungswert. Die Veröffentlichung von Professor Finnigans Buch wurde als Anlass genutzt, um die jahrhundertealte Fehde zwischen Gryffindor und Slytherin neu zu beleben und den Lesern frisch in Erinnerung zu rufen.
Miss Parkinson kommt hierbei eine besondere Stellung zu, weil sie nach dem Krieg eine der ersten Slytherins war, die mit Gryffindors in Kontakt stand. Warum, wird im Interview nicht geklärt. Überhaupt ist die Recherche verblüffend lückenhaft. Es gibt kaum Argumentation oder Erläuterungen, nur Fragen, die Miss Parkinson in Bedrängnis bringen sollen.
Nun fragen Sie sich vielleicht, woher kommt es denn, dass eine Slytherin einem Gryffindor hilft? Woran liegt es, dass Professor Finnigan, ein Gryffindor und Klassenkamerad von Harry Potter, sich ausgerechnet mit der grünen Seite der Wirklichkeit befasst und darum bemüht ist, Wahrheiten aufzudecken?"
Du schaust nach unten und siehst offene Münder. Der Bann wirkt, wie jedes Jahr, wenn du deine Vorlesungen beginnst.
„Eigentlich ist es furchtbar einfach", fährst du fort, „Es hat zu tun mit Erwachsenwerden und Herauswachsen aus kindischen Vorurteilen. Miss Parkinson, die wohlgemerkt nachweislich niemals das Dunkle Mal getragen hat, hat nach dem Krieg begonnen, Magisches Recht zu studieren. Genau wie Dean Thomas und Ernie MacMillan. Das sind Namen, die Ihnen vielleicht nichts sagen, aber die zur gleichen Hogwartsgeneration gehören wie Miss Parkinson und Harry Potter.
Dean Thomas ist ein Gryffindor. Ernie MacMillan ein Hufflepuff. Glauben Sie, deren Professoren hätte das damals gekümmert? Man befand sich an der Universität. Kleinkriege waren zu unterlassen und Gruppenarbeit war zu befolgen, ganz egal, ob man seine Partner mochte oder nicht. Es war die Zeit, in der Zusammenhalt und Zusammenarbeit großgeschrieben wurde, wir befanden uns in der Euphorie der Nachkriegszeit und als Miss Parkinson mit ihren beiden ehemaligen Klassenkameraden in eine Gruppe gesteckt wurde – ja, glauben Sie, sie hätte dagegen protestieren können? Ohne sich vollkommen zu blamieren? Ohne als intolerant verschrieen zu werden?"
Du schüttelst den Kopf.
„Ganz gewiss nicht. Man mag über Slytherins sagen, was man will, doch sie sind ehrgeizig und sie sind schlau. Vielleicht klingt das in Ihren Ohren nach einem Märchen und ich bin nicht besonders gut darin, es zu erzählen, aber Tatsache ist, dass wir nach dem Krieg alle lernen mussten, unsere Vorurteile herunterzuschlucken und neu anzufangen, miteinander. Versuchen Sie mal, ein Land neu aufzubauen und dabei alle zu ignorieren, die etwas mit Slytherin zu tun haben. Sie werden ja sehen, wie weit Sie kommen."
Stille kehrt ein, als du dich räusperst und kurz deine Nase putzt. Du bist gefangen in diesem Zustand der Unsicherheit, der dich in deiner ersten Vorlesung immer überfällt. Angst, es nicht richtig erklären zu können. Angst, dass es wirkt wie ein dummes Ammenmärchen. 'Und plötzlich waren sie Freunde.' Merlin, wo doch so viel dahintersteckt. Soviel Leid und Liebe. Glück und Unvernunft und Lachen und Streiten. Soviel Leben.
„Bitte glauben Sie jetzt nicht, dass nach dem Krieg alle Slytherins sofort gut Freund mit dem Rest der Welt werden wollten. Slytherins waren schon immer gut darin, ihr eigenes Süppchen zu kochen und sich nicht um Andere zu scheren. Aber plötzlich fanden sie sich in der Lage wieder, dass man sie offen argwöhnisch betrachtete und nicht wusste, was man mit ihnen anfangen sollte. Sie wurden, wie so häufig, über einen Kamm geschert und galten als verhinderte Todesser.
Vielleicht rufen Sie sich kurz in Erinnerung, dass Hogwarts nicht nur aus den höheren Klassen besteht... Vielleicht überlegen Sie einmal, ob man ein elfjähriges Kind dafür verurteilen darf, dass der Sprechende Hut es nach Slytherin geschickt hat. Vielleicht denken Sie einmal darüber nach, wie viel Sie mit dreizehn Jahren von der Welt verstanden haben. Und dann fragen Sie sich, wieso wir so rasch dazu bereit sind, all das zu vergessen, wenn es um Slytherins geht.
Natürlich gibt es schwarze Schafe. Natürlich gibt es Verrückte. Natürlich gab es Todesser, die vollkommen überzeugt waren von der Lehre des reinen Blutes, die folterten ohne zu zögern, aber dabei handelt es sich um Erwachsene. Ja, auch um Eltern."
Du bohrst deinen Blick in die Augen deiner Studenten.
„Als Sie jünger waren und Ihre Eltern Ihnen gesagt haben, dass der Dunkle Lord böse ist – haben Sie ihnen geglaubt?"
Die Köpfe nicken.
Experiment geglückt.
„Stellen Sie sich vor, Sie sind klein, vielleicht fünf Jahre alt, vielleicht sieben, vielleicht elf. Ihre Eltern sind wunderbar, lesen Ihnen jeden Wunsch von den Lippen ab. Sie sind glücklich. Sie kennen von der Welt nur das, was Ihre Eltern Ihnen erzählen. Wenn Sie nun hören, dass es dort draußen Menschen gibt, die versuchen, Ihnen das wegzunehmen, was seit Jahrhunderten das Eigentum der Zauberer, also Ihr Eigentum, ist, und dass es jemanden gibt, der dafür kämpft, dass Sie dieses Eigentum zurückbekommen – verraten Sie mir, würden Sie diesen Jemand unterstützen?"
Du stellst deine Ellbogen auf dem Pult ab, verschränkst die Finger ineinander und bettest dein Kinn darauf. Es ist ganz leise geworden. Sie sind deinem Gedankengang gefolgt, das kannst du erkennen, und du siehst die Angst in ihren Blicken, weil sie merken, dass deine verquere Wahrheit Sinn ergibt. Sie haben Angst, weil ihr eindimensionales Weltbild gerade dabei ist, in Scherben zu zersplittern. Und du bist Schuld.
„Achtung", sagst du leise und lauernd, „Geschichte kann zu Einsichten führen."
Vereinzelt bekommst du Lächeln zu sehen. Gut. Ein paar intelligente Köpfe schaden nicht.
„Ich will das Todesserdasein nicht verharmlosen oder beschönigen. Was passiert ist, ist schrecklich, und es gibt keine wirkliche Entschuldigung dafür. Ich versuche nur, Ihnen mögliche Gründe aufzuzeigen. Denn eigentlich ist es ganz einfach", stellst du erneut fest, „Es hat zu tun mit unserer Erziehung, damit, wie wir groß geworden sind. Niemand ist von Grund auf schlecht oder böse. Wir lernen, durch unsere Erfahrungen. Neville Longbottom fasst das im ersten Kapitel seiner Autobiographie Als ich ein kleiner Junge war ganz hervorragend zusammen.
Er erklärt dort, dass er die Zusammenhänge nicht begreifen konnte, doch er konnte verstehen, inwieweit es mit den Hogwartshäusern zu tun hatte. Also hat er sich darauf gestürzt. Simpel. Und effektiv. In wenigen Sätzen haben Sie dargelegt bekommen, wie Hass entsteht."
Du blinzelst erneut zur Uhr. Deine Zeit ist beinahe abgelaufen für heute. Zeit für ein Schlusswort.
„Vielleicht konnte ich Ihnen damit zeigen, wie viele Wahrheiten existieren", fügst du laut und deutlich hinzu, „So viele Geschichten, mit jeweils einem anderen Fokus, je nach dem, was Ihnen Ihre Eltern erzählt haben. Aber welche von ihnen ist wahr? Und wer hat das Recht darüber zu entscheiden?"
Es klingelt und du hebst kurz die Hand, um anzudeuten, dass du noch nicht ganz fertig bist. „Wir haben heute leider nicht alles geschafft, was ich mit Ihnen besprochen wollte", erklärst du, während sie ihre Pergamente eilig in überfüllte Taschen stopfen, „In der nächsten Vorlesung werden wir uns Erinnerungen von Draco Malfoy und etlichen anderen Klassenkameraden von Harry Potter anschauen. Bitte lesen Sie vorbereitend die entsprechenden Texte. Haben Sie eine schöne Woche."
Sie springen von ihren Sitzen und eine Vielzahl an Stimmen erfüllt den Raum, während du ruhig deine Unterlagen sortierst und sorgfältig einpackst. Die erste Vorlesung ist vorbei. Die Geschichte hat dich wieder in ihren Bann gezogen, sie hält dich mit Krallenfingern fest und liebkost und streichelt dich. Sie ist wie eine Geliebte, die du weder loswerden kannst noch willst. Aber vorerst gehst du nach Hause und freust dich auf heiße Schokolade und auf ein warmes Lächeln.
Dann arbeitest du weiter.
tbc
