Chapter 3 - Ich mag dich
Von allen Geschenken, die uns das Schicksal gewährt, gibt es kein größeres Gut als die Freundschaft – keinen größeren Reichtum, keine größere Freude. [/style]
Epikur von Samos
Als Ethan an diesem Abend endlich schlafend in seinem Bettchen lag, ließ ich mich mit einem Stöhnen auf die Couch fallen. Ich war wirklich geschafft und das nach nur einem Tag. Ich war erleichtert am College nicht mehr alleine zu sein und freute mich, Alice am nächsten Tag wiederzusehen. Geistesabwesend ließ ich meinen Blick durch das Wohnzimmer schweifen und er blieb an meiner Schrankwand hängen, auf der genau zwei Fotos standen.
Das erste zeigte mich und meinen damaligen Freund James, der mit meiner Schwangerschaft nicht klarkam und der mich hängen ließ, als ich ihn am meisten brauchte. Und das andere zeigte mich und meine Eltern in glücklichen Zeiten, als ich noch ganz klein war und bevor meine Mutter meinen Vater verlassen hatte. Als ich noch ein richtiges Zuhause kannte und meine Eltern und ich noch, wie mein Vater immer sagte, die drei Musketiere waren. Einer für alle und alle für einen…dass ich nicht lache…
Schnell schaute ich weg und ging in die Küche um mir ein Glas mit kaltem Wasser zu füllen.
Alle für einen…damals hatte ich wirklich daran geglaubt. Ich glaubte an meine Familie und dass uns nichts auseinanderbringen konnte. Wir waren glücklich…bis meine Mutter mich eines Tages mitnahm und wir Forks verließen. Erst, als sie mit ihrem jüngeren Freund zusammen war, hatte sie keine Zeit mehr für mich. INicht, dass ich Phil nicht mochte…Er war nur nicht der Richtige für sie…Dad war der Richtige…
Ab da an, war ich nur das fünfte Rad am Wagen und entschied mich zu Charlie zu ziehen.
Anfangs lief das alles auch wirklich gut. Er ließ mir Freiraum und ich freute mich endlich mal mehr Zeit für mich selbst zu haben. Doch mit der Zeit kam er immer weniger nach Hause. Er verbrachte viel Zeit bei der Arbeit, da er Chief von Forks war und so auch am Wochenende immer gebraucht wurde. Auch wenn ich es mir nie eingestehen wollte, fehlte mir Zuwendung. Irgendwann fand ich sie…bei James…Er war neu an unserer Schule und einer der wenigen Jungs, die mich beachteten. Bei James hatte ich das Gefühl, als würde er mich wirklich lieben…als wäre ich ihm wichtig…
Es war wirklich naiv so was zu glauben. Nachdem ich schwanger wurde wusste ich, dass er genauso war, wie all die anderen. Wir waren ein paar Monate zusammen und er brach mir wirklich das Herz, als er mir in der schwersten Zeit meines Lebens nicht zur Seite stand. Stumme Tränen rannen mir die Wangen hinunter und ich versuchte mein Schluchzen zu unterdrücken, indem ich mir eine Hand vor meinen Mund hielt.
Irgendwann schlief ich auf der Couch ein, bis ich mitten in der Nacht schweißgebadet aufwachte. Meine Haare klebten an meiner nassen Stirn und mein T-Shirt war schweißdurchtränkt. Hastig stand ich auf und versuchte meinen unregelmäßigen Atem wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ich hatte einen Alptraum und doch wusste ich nicht mehr, von was er gehandelt hatte. Nur das tadelnde Gesicht meiner Eltern kam immer und immer wieder in mein Gedächtnis zurück.
Es war gerade einmal vier Uhr morgens und dennoch wusste ich, dass ich keinen Schlaf mehr finden würde. Zu aufgewühlt war ich und zu sehr stand ich noch unter Schock. Ich lief in mein Bad, während ich mich aus meiner Kleidung schälte und stellte mich unter die heiße Dusche. Langsam entspannten sich meine Muskeln wieder und ich ließ mich auf die Knie sinken. Mein Gesicht vergrub ich in meinen Händen.
Hatte ich wirklich alles in meinem Leben falsch gemacht?
Ein leises Wimmern ließ mich aufschauen und ich hörte eine leise Stimme, die nach mir rief. Sofort stand ich auf und zog mir meinen Bademantel an. Schnell lief ich in das Zimmer meines Sohnes und schaute in seine verheulten Augen, die mich bettelnd anschauten.
„Hattest du einen Alptraum, mein Schatz?" Ich nahm Ethan auf den Arm und strich ihm beruhigend über den Rücken.
„Deiner Mami geht es auch nicht besser…" Flüsterte ich und summte meinem Kleinen leise ins Ohr. Nach einer Weile hörte ich nur noch seinen regelmäßigen Atem und legte ihn zurück in sein Bettchen.
„Ich werde immer für dich da sein…Das verspreche ich dir!" Mit diesen Worten drückte ich meinem Kleinen einen sanften Kuss auf die Stirn und ging zurück ins Bad. Die Nacht verbrachte ich überwiegend damit, auf der Couch zu liegen und an die Decke zu starren. Schlaf überkam mich nicht mehr und als nach gefühlten Tagen endlich mein Wecker klingelte, stand ich erleichtert auf.
Auf dem Weg zum College bemerkte ich, wie mir langsam die Augen zufielen. Erst als ich Alice von weitem entdeckte erwachte ein wenig Leben in mir und ich lief mit einem Lächeln auf den Lippen auf sie zu.
„Oh, Bella…ich freu mich so, dich zu sehen!" Alice sprang überglücklich auf mich zu und nahm mich in den Arm.
„Ich freu mich auch." Brachte ich unter dem Druck ihrer Umarmung hervor.
„Dann holen wir uns jetzt einen Kaffee und machen uns auf den Weg zur Vorlesung!" Alice schnappte sich meine Hand und zog mich, wie schon so oft, hinter sich her.
„Sag mal, hast du eigentlich einen Freund?" Mit großen Augen sah sie mich an.
„Nein, ich habe keinen Freund!" Entgegnete ich ihr.
„Hmm, dann müssen wir dir einen suchen." Zwinkerte sie mir zu. Wir hatten den Vorlesungssaal erreicht und setzten uns in eine der mittleren Reihen, ganz nach links.
Ich blickte Alice von der Seite an und sie wendete mir ihren Blick zu.
„Ich…möchte keinen Freund…" Fing ich an, doch Alice unterbrach mich.
„Ach Bella, das habe ich doch nicht so gemeint!" Grinste sie.
„Keine Angst, ich werde dich nicht verkuppeln und ich werde dir auch kein Blind Date besorgen. Da habe ich selbst eine schlechte Erfahrung gemacht und möchte das keinem Zumuten…Wobei…" Ihr Grinsen wurde noch breiter.
„…mich Jasper aus dieser komischen Situation befreit hatte."
Ich sah sie neugierig an und stupste ihr in die Seite.
„Ist Jasper dein Freund?" Fragte ich sie und sie nickte.
„Dann musst du mir später alles erzählen!"
Der Vormittag verging schnell und in der Mittagspause gingen Alice und ich in die Cafeteria. Schon auf dem Weg dorthin fing sie mit gedämpfter Stimme an zu erzählen.
„Weißt du, ich war vor circa einem Jahr zu Besuch bei meinen Brüdern. Beide hatten in dieser Zeit eine Freundin und ich kam mir wirklich fehl am Platz vor, da alle immer Händchen hielten und sich andauernd küssten. Immer saßen die vier zusammen…es war wirklich schrecklich. Irgendwann meinte Emmett dann, er müsse mich mit jemandem verkuppeln und arrangierte ein Blind Date…" Sie holte tief Luft, bevor sie fortfuhr.
„…Es war der schlimmste Abend meines Lebens. Dieser Kerl…" Knurrte sie.
„…der hat doch wirklich die Nerven gehabt mich zu betatschen und wollte mir mit aller Gewalt einen Kuss geben. Als ich ihn fast nicht mehr abwehren konnte, tauchte Jasper wie aus heiterem Himmel auf."
Auf Alice Gesicht legte sich ein strahlendes Lächeln und sie sah verträumt auf den Boden. Was hätte ich in diesem Moment nur darum gegeben auch an ihrer Stelle zu sein. Es wäre schön gewesen, doch ich gönnte es ihr von ganzem Herzen.
„Der Held in der strahlenden Rüstung…" Flüsterte ich.
„Hattest du schon einen Freund?" Fragend schaute sie mich an.
„Ja…aber er war nicht der…Richtige…" Traurig schaute ich weg und Alice legte mir einen Arm um die Schultern.
„Ist wirklich nicht mehr schlimm…es ist schon über zwei Jahre her…"
„Was ist denn passiert?" Bei jedem hätte ich mich in dieser Situation in mein Schneckenhaus zurückgezogen, doch ich fühlte, dass es Alice ernst meinte. Sie wollte mir helfen und daher fasste ich den Entschluss ihr von James zu erzählen. Nur einen kurzen Augenblick ging mir sogar durch den Kopf von Ethan zu berichten, doch die Angst hielt mich zurück.
„Ich dachte er sei anders…" Fing ich an zu erzählen.
„…die meisten Jungs in meiner Heimatstadt wollten nur das Eine. Als dann James neu an unsere Schule kam, dachte ich nicht, dass er mich überhaupt beachten würde. Ich..."
„Wieso nicht beachten? Du bist so hübsch, Bella. Siehst du das denn nicht?"
Alice sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und ich seufzte. Natürlich war ich nichts Besonderes.
„Ich glaube du siehst wirklich nicht, was du für eine Wirkung auf das männliche Geschlecht hast…"
Ich schüttelte den Kopf und Alice verstummte. Resigniert deutete sie mir an, dass ich weitererzählen sollte. Wahrscheinlich hatte sie verstanden, dass ich nicht über mich und meine Wirkung sprechen wollte. Geglaubt hätte ich ihr sowieso nicht.
„Irgendwann sprach er mich an und lud mich zum essen ein. Ich fiel aus allen Wolken und war glücklich, dass er sich für mich interessierte. Doch nach ein paar Monaten ließ er mich fallen wie eine heiße Kartoffel…"
„Männer sind Mistkerle!" Schimpfte Alice als wir uns an die Essensschlange in der Cafeteria stellten. Eigentlich hatte ich keinen großen Hunger und nahm mir daher nur einen Apfel und eine Flasche Wasser.
Als wir beide an einem Tisch in der Ecke platz genommen hatten, schaute Alice verwundert auf mein Tablett.
„Du isst ja fast gar nichts. Hast du keinen Hunger?" Ich schüttelte den Kopf und bemerkte, wie jemand hinter mich getreten war.
„Bella, du musst mehr essen. Dann wirst du so groß und stark wie ich!" Emmett zog den Stuhl neben mir nach hinten und setzte sich mit einem überfüllten Tablett an den Tisch, während er mir ein breites Grinsen zuwarf.
Alice lehnte sich zu mir und flüsterte mir etwas ins Ohr.
„Er hat heute Abend ein Date mit Rose und lädt sie zum essen ein…Dass er da überhaupt noch was essen kann…"
„Schwesterchen…kann es sein, dass du über mich lästerst?" Betont lässig zog er das erste Wort in die Länge und sprach mit vollem Mund.
„Nein, natürlich nicht." Entgegnete sie ihm grinsend und nahm einen Bissen von ihrem Mittagessen.
Eine Weile später saßen wir zu viert auf der Wieso auf dem Campus. Rose hatte sich zu uns gesellt und unterhielt sich angeregt mit Emmett. Ich beobachtete sie aus den Augenwinkeln und so, wie sie sich ihre Haare aus dem Gesicht strich, war mir klar, dass sie Emmett mochte. Ein Lächeln formte sich auf meine Lippen und ich drehte mich zu Alice, die das ganze Schauspiel auch interessiert verfolgte.
„Hey Edward!" Rief sie plötzlich und als ich aufblickte, schaute ich wieder in die schönsten grünen Augen der Welt. Mein Herz beschleunigte sich wie am Vortag und ich bemerkte zu meinen Entsetzten, wie sich meine Wangen leicht röteten. Edward musterte mich eindringlich, was mich ziemlich nervös machte.
„Hi." Sagte er, während er sich neben Alice setzte und seine Freundin Tanya, die ich erst in diesem Moment bemerkte, hinter sich herzog. Sie betrachtete mich mit einem argwöhnischen Ausdruck in ihren Augen.
„Bella, hast du Lust heute Abend mit mir ins Kino zu gehen?" Alice pflügte ein paar Blumen von der Wiese, um sie zu einem Kranz zusammenzustecken.
„Tut mir leid…ich muss arbeiten." Sagte ich und der Ausdruck in ihren Augen zeigte Enttäuschung.
„Und danach? So lange musst du doch nicht arbeiten, oder?"
Erschrocken schaute ich auf und versuchte über eine passende Antwort nachzudenken. Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren und dennoch wollte mir einfach nichts Passendes einfallen.
„Bella?" Mit einem Blick den ich nicht deuten konnte, schauten alle auf mich und Blut schoss mir ins Gesicht. Ich wollte niemanden Anlügen, doch was sollte ich sagen?
„Ich…ich…ich muss noch Babysitten…" Babysitten? Wie kam ich nur auf diese bescheuerte Idee? Wäre es möglich gewesen, hätte ich in diesem Moment meinen Kopf gegen eine Wand geschlagen.
„Babysitten?" Fragten Alice und Edward gleichzeitig.
„Ja…ich…muss Babysitten. Und solange mich die Eltern nicht so gut kennen, würde ich lieber abends bei ihnen zuhause bleiben…" Mit einem Müden lächeln versuchte ich Alice milde zu stimmen.
„Ich hasse Babys…" Hörte ich Tanyas Kommentar.
„…die stinken so und schreien tun sie auch immer."
„Das stimmt doch überhaupt nicht…" Protestierte Alice, doch mitten in ihrem Satz brach sie ab und fing hysterisch an zu schreien und sprang auf.
„Jasper?" Wie von der Tarantel gestochen rannte sie quer über die ganze Wiese und schmiss sich in die Arme eines gutaussehenden jungen Mannes. Das war also ihr Freund?!
Beruhigt, dass die Diskussion unterbrochen wurde, stand ich auf, um Jasper zu begrüßen und streckte ihm eine Hand hin.
„Du musst Bella sein!" Stellte er lachend fest und ich nickte.
„Und du musst Jasper sein!" Lächelte ich.
„Du hast einen mächtigen Eindruck auf meine Freundin gemacht. Sie hat gestern Abend am Telefon nur von dir erzählt." Sagte er, während wir uns setzten und schon wieder lief mein Kopf rot an.
„Ich hoffe sie hat nur Gutes erzählt!" Brachte ich heraus und Jasper lachte.
„Alice würde nie schlecht über ihre neue beste Freundin sprechen!"
Beste Freundin? War ich wirklich schon nach einem Tag Alices beste Freundin?
„Sie hat nicht wirklich viele Freundinnen. Mich freut es, dass ihr euch getroffen habt!" Ehrlich schaute er mich an und Alice schien erschrocken über seine Worte.
„Bella…ich…" Brachte sie stockend heraus.
„Ist schon gut…" Lachte ich.
„Ich mag dich…neue beste Freundin!"
Mit einem Mal lag Alice in meinen Armen.
„Oh man…Frauen…" Schnaufte Emmett.
„…ich glaube wir sollten langsam los." Sagte Edward in einem eigenartigen Ton. Als Alice endlich von mir abließ blickte ich Edward an. Seine Augen durchbohrten mich und es schien, als würde er in meinen Kopf und meine wirren Gedanken blicken können. Mein Atem ging schneller und ich selbst versank in seinen Augen.
„Ja, gehen wir…" Tanya stand auf und drückte Edward einen dicken Kuss auf die Lippen. Demonstrativ sah sie mich an und ich wunderte mich, was sie mit dieser Show bezwecken wollte. Ich mochte Tanya wahrscheinlich genauso wenig, wie die anderen und sie konnte mir egal sein. Genauso war mir Edward egal und seine wunderschönen grünen Augen…
„Los Bella, wir kommen sonst zu spät." Rief Alice und ich sprang auf die Beine.
„Tschau Leute, wir sehen uns Morgen." Sagte ich und hakte mich bei meiner neuen besten Freundin ein. Es war komisch. Noch nie war ich eine Person gewesen, die seine Gefühle jedem mitteilte und dennoch hatte ich vor allen gesagt, dass ich Alice mochte. Am liebsten war es mir, wenn ich für mich alleine war. Ich machte die Dinge meist mit mir selbst aus, so hatte ich mir oft schon so manche Enttäuschung erspart. Doch leider waren es nur manche und nicht alle gewesen…
