KAPITEL 02

Stunden verstrichen und schon bald hatte Kaelandrien alles gesehen, das in ihr begrenztes Visier tappen konnte. Von ihrem Platz in der ersten Reihe aus hatte sie perfekten Blick auf den Quartiermeister und sein kreisrundes Imperium, in dem er mit strenger Hand über seine elfischen Untertanen herrschte. Mit wachsendem Amüsement genoss sie einen komödiantischen Dreiakter zwischen ihm und einer rothaarigen Elfe.

Der Auftakt beinhaltete die Unterweisung, eine wertvolle Rüstung zu holen, wobei der Quartiermeister wiederholt eindringlich betonte, wie wertvoll sie genau war. Er zerfloss fast in andächtiges Schmachten bei der Aufzählung der Spezifikationen. Im zweiten Akt brüllte und sprang er herum, weil ebenjene Rüstung zusammen mit der Elfe unauffindbar war. Jeder unbeteiligte Soldat, Magier oder Bediensteter, der das Pech hatte, ihm über den Weg zu laufen oder Ausrüstung von ihm erstehen zu wollen, musste sich durch eine laute Schimpftirade schlagen, ehe er das bekam, wofür er gekommen war. Der Schlussakt war eine tränenreiche Versöhnung mit seiner Rüstung auf seiner Seite und einem darauffolgenden Wutausbruch, der wiederum der Elfe Tränen in die Augen trieb.

Kaelandrien hätte Mitleid mit dem Mädchen gehabt, wäre sie nicht zu sehr damit beschäftigt gewesen, sich selbst zu bemitleiden. So gemein es auch klang, die Kleine hatte eine ordentliche Schelte verdient. Sie war stundenlang mit dem wertvollen Stück Metall in den Armen hinter den Ruinen gesessen und hatte Blumen bewundert und die Sonne genossen. Kaelandrien hatte es ganz genau durch die Säulen gesehen.

Mit dem Ende des Stücks musste sie sich eine neue Beschäftigung suchen. Schon mehrmals hatte sie an die Menschlichkeit der Wache appelliert und damit nur mäßig mehr Erfolg gehabt als der eingefangene Deserteur im Käfig neben ihnen. Mittlerweile ignorierte die Wache sie, egal was sie tat. Zwischenzeit lich war sie an den Versuchen gescheitert, ihren Rucksack zu ergattern, der ihr abgenommen und auf verdächtige Gegenstände untersucht worden war. Da die Wache mit dem Inhalt nichts anzufangen gewusst hatte, lehnte er nun neben Lyras an der Wand, bis einer der Vorgesetzten Zeit hatte, über sein Schicksal zu entscheiden.

In Ermangelung von Bewegungsfreiheit begannen Kaelandriens Glieder langsam zu schmerzen, sodass sie dazu übergegangen war, sich ihrem traurigen Schicksal zu fügen und mucksmäuschenstill im Schneidersitz in meditationsähnlicher Regungslosigkeit auf ein naives Opfer zu warten, das sie nach Duncan schicken konnte.

»Wie bist du auf den Namen gekommen? Kaelandrien klingt grausam.« Lyra hatte alle vorangegangenen Schritte übersprungen. Seit ihrer Inhaftierung war sie, ohne ein einziges Wort vernehmen zu lassen, mit angezogenen Knien dagesessen.

»Wirklich?«, fragte Kaelandrien rhetorisch. »Wir sitzen ausgehungert und dreckig in einem winzigen Gefängnis und das einzige, das du dich fragst, ist der Ursprung meines Namens?«

»Ich frage mich etliche Dinge. Allerdings nehme ich an, dass das die einzige Frage ist, auf die du antworten kannst.«

Kaelandrien holte Luft zu einer Erwiderung. Allerdings hatte Lyra recht. Der Plan war nach allen Regeln der Kunst schiefgelaufen. Wenn man diesen zweifelhaften Geistesblitz überhaupt so nennen durfte. Rückwirkend betrachtet, gehörte der Marsch in ein Lager voller bewaffneter Soldaten wahrlich nicht zu ihren Meisterleistungen. »Ich hatte Schmerzen und war gestresst«, sagte sie schließlich. »Mir sind nur bedeutungslose Silben eingefallen, die immer mehr wurden, weil Flemeth mich nicht unterbrochen hat.«

»Seit wann kannst du unter Stress nicht denken?«

»Eustress ist gut, aber gib mir Distress und ich bin raus.«

Sie verfielen zurück in Schweigen, und Kaelandrien wandte sich wieder der Suche nach einer visuellen Beschäftigung zu. Der Quartiermeister war selig mit seiner Rüstung, daneben versuchte ein Rekrut erfolglos eine Soldatin der königlichen Armee zu umgarnen. Für einen Moment spielte Kaelandrien mit dem Gedanken, den Gigolo zu sich zu winken. Einem Paar hübscher Augen würde so jemand nicht widerstehen können. Mit ein wenig Glück war er verzweifelt genug, um sich auch mit ein paar blutunterlaufenen, angeschwollenen zufrieden zu geben. Der Abend war hereingebrochen, so genau würde er schon nicht hinschauen.

Sie stand kokett an die Eisenstäbe gelehnt, als eine zielstrebig an ihr vorbeischreitende Gruppe junger Männer ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Für die Erkennung von Details war die Entfernung zu groß, jedoch hatte Kaelandrien eine leise Ahnung von der Zieldestination. Sie musste immer noch herausfinden, in wie weit die Ereignisse des Spiels mit jenen des … nun ja … echten Ferelden übereinstimmten.

Lyra zog sich auf die vom Hunger wackeligen Beine. »Denkst du, die vollziehen den Beitritt?«

»Würde mich nicht überraschen.« Kaelandrien verengte die Augen. Mit wachsender Distanz war durch die Dunkelheit nicht mehr viel von den drei Männern zu sehen, bis auf dass sie von einem weiteren Mann in Empfang genommen wurden. Der Gigolo schloss sich ihnen an. Zusammen verschwanden die fünf die Empore hinauf hinter die Trümmern einer einst hohen Wand.

»Denkst du nicht, dass wir langsam etwas tun sollten?«

Kaelandrien zuckte die Schultern. »Mein Plan lautet verzweifeln und weinen. Gegenvorschläge?«

»Den Zynismus sein lassen wäre ein Anfang«, konterte Lyra.

»Gut. Zynismus aus. Weiter?«

»Er ist noch da. Ich kann ihn hören.«

Frustriert warf Kaelandrien die Arme in die Luft. Wie konnte sie nicht zynisch sein? Außerdem war sie weniger zynisch als passiv aggressiv. Ihre Freundin auf den definitorischen Unterschied hinzuweisen, erschien ihr als unklug. Das hatte sie von ihrer Spontanität.

Das neue Schweigen zog sich über den Einbruch der Nacht. Immer öfter musste Kaelandrien aufstehen, um ihre Gliedmaßen auszuschütteln. Das taube Kribbeln intensivierte sich von Stunde zu Stunde. Ihre Versuche, einen Überblick über die Geschehnisse im Lager zu erringen und ein Schlupfloch zu finden, liefen mit ungezielter Präzision ins Leere. Die meisten Soldaten waren mit der Pflege ihrer Ausrüstung beschäftigt, Klatsch wurde nur gewispert und nach wie vor sah sich keiner dazu berufen, zwei armen Gestalten hinter Gittern einen Funken Wohlwollen zu zollen. Kaelandrien wagte keine lauten Rufe. Das Risiko, dass die Wache sie tatsächlich ruhig stellen würde, war zu groß. Es wäre es wert gewesen, wenn sie eine Chance auf Verteidigung gehabt hätte. Da sie weder Waffen hatte, noch mit ihnen umzugehen wusste, blieb ihr nichts weiter übrig, als auf zufällige Aufmerksamkeit zu hoffen.

Die Nacht zog sich in die Länge. Es war zu bezweifeln, dass einer der Rekruten den Beitritt überlebt hatte. Kaelandrien hatte ferne Schreie gehört. Niemand war von der Plattform zurückgekehrt. Wie lange mochte sie schon in diesem Käfig sitzen? Den halben Tag? Für jemanden wie sie, der jede freie Minute seines Lebens verplante, war es ein halbes Leben. Rumsitzen, nichts tun, rumstehen, nichts tun.

Es mochten weitere Stunden oder nur Minuten vergangen sein, bis tatsächlich jemand in Hörweite zu ihnen kam. Der Mann war – wie alle anderen – breit und trug seinen Helm unter dem Arm. Sein strammer Spazierschritt schien kein bestimmtes Ziel anzusteuern, allenfalls das Totschlagen von Zeit. Der Gigolo wäre ihr lieber gewesen. Ein Wimpernaufschlag, ein koketter Spruch, ein Appell an seine Empathie hätten vielleicht genügt, um ihn zu überreden. Dieser Soldat war gutaussehend und trug einen harten Gesichtsausdruck vor sich her. Er hätte bei der Soldatin neben dem Quartiermeister eine Chance gehabt.

»Schönen guten Abend!« Wenn das nicht geistreich war! Sie schüttelte den Kopf über ihren intrinsischen Sarkasmus. Reflexartig wandte der Vorbeigehende sich ihr zu. Er sah sich kurz um, ob jemand anderer in der Nähe war, dem der Gruß gegolten haben konnte. Bis auf die Wache, die nach Stunden des Wachens alles andere als wach war, und der vor sich hin grummelnde Deserteur war niemand in der näheren Umgebung. Der Mann sah sie abschätzig an, dann drehte er sich um und ging.

»Hey! Nicht weggehen!«, rief Kaelandrien und sprang auf. »Wir brauchen deine – Eure Hilfe, meine ich!«

»Zweifelsohne«, stellte er fest, ohne stehen zu bleiben.

Großartig. Genau so hatte sie sich das vorgestellt. Nicht! Sie wollte sich wieder hinsetzen und jede ihr bekannte Gottheit verfluchen, da verlangsamte sich sein Schritt. Lyra hatte sich aus ihrer zusammengerollten Haltung in einen aufrechten Sitz gebracht, die Hände in den Schoß gelegt und das Kinn ein wenig erhoben, um dem Mann in die Augen sehen zu können.

»Bitte.« Die beiden Silben hatten nur sehr subtil etwas Verzweifeltes. Egal was genau es war, es brachte den wenig hilfsbereiten Mann zum Anhalten, wenn auch mit hochgradigem Skeptizismus auf dem kantigen Gesicht. Er hielt mehrere Meter Sicherheitsabstand zu ihnen – in einer Welt voller Magier konnte man es ihm nicht verdenken – aber immerhin entfernte er sich nicht mehr. Kaelandrien machte eine ermutigende Geste gegen Lyra. Lyra fuhr fort, »Man hat meine Freundin und mich grundlos eingesperrt. Wir wollen mit Duncan reden.«

»Mit dem Kommandanten der Grauen Wächter?«, präzisierte er. »Was hat jemand wie Ihr mit ihm zu schaffen?«

Lyra holte Luft, doch aus ihrem Mund kam nichts. Wie sollte man kurz und prägnant erklären, dass man von einer Hexe der Wildnis von einer fremden Welt nach Ferelden gehext worden war, ohne wie ein Sonderling zu klingen? Die Erklärung rechtfertigte ihren Arrest, alleine weil es unheimlich und absurd war.

»Aedan, was machst du da? Sie warten auf uns!«, rief jemand aus dem Abseits. Der eben Angekommene trug eine Bänderrüstung, einen Schild und die freundlichste Miene, die Kaelandrien hierzulande bislang gesehen hatte. Er sah ein wenig anders aus als seine Computerversion, aber sie hätte ihr letztes Hemd darauf verwettet, dass sie es mit Alistair zu tun hatte. Jackpot!

Lyra war schneller. »Das mag ein ungünstiger Zeitpunkt sein, aber wir müssen wirklich mit Duncan sprechen! Es ist wichtig!«

Alistair runzelte die Stirn und trat einen Schritt näher an die Käfige heran. »Weshalb seid Ihr eingesperrt?«

»Weil sie offensichtlich Verbrecher sind«, meinte der andere; Aedan »Wieso säßen sie sonst in einem Käfig?«

»Das ist ein großes Missverständnis! Ich schwöre es! Wenn wir mit Duncan reden könnten –«

»Wie heißt Ihr?«, unterbrach Alistair sie. Ihm schien der Unterhaltungswert dieser eigentümlichen Konversation weit mehr zuzusagen als seinem verkniffenen Freund – wenn sie überhaupt befreundet waren.

Wieder antwortete Lyra schneller. »Lyra.«

»Und Ihr?« Er hatte sich gegen Kaelandriens Käfig gelehnt und sah sie abwartend an. Das Amüsement in seinen Augen entging ihr nicht. Noch weniger seine gerade Nase und seine schmalen Lippen und. Das Wissen, dass fast jeder ihrer Avatare mit ihm geschlafen hatte, machte eine Erwiderung unmöglich.

»Kae …«, quälte sie heraus. Sie hatte ihren Namen vergessen! Wie ging es weiter? »Kae … li … la …«

»Kaela«, mischte Lyra sich ein, die restlichen Buchstaben des zusammengestoppelten Vornamens einfach ignorierend. »Sie heißt Kaela.«

»Kaelandrien.« Da war es endlich! »Mein Name ist Kaelandrien.«

Alistair verzog seinen unverschämt attraktiven Mund zu einem Grinsen. »Kaelandrien? Das ist ein schrecklicher Name.«

»Alistair ist nicht besser.« Sie presste die Lippen aufeinander. Niemand hatte Alistair vorgestellt, jedoch schien ihr hellsichtiges Faktenwissen ebenso niemandem aufzufallen. Vorsichtshalber ließ sie das Thema fallen. Die Beleidigung überging sie sowieso. »Wir können alles vernünftig erklären. Gebt uns nur eine Minute mit Duncan. Bitte.«

Während die beiden Männer sich nonverbal mit Bewegungen des Kopfes berieten, versuchte Kaelandrien angestrengt, nicht zu schreien. Nicht, weil sie sich blamiert hatte. Das stand bei ihr an der Tagesordnung. Sie war ungeduldig und unausgelastet. Ihr Hintern war wundgesessen, ihre Beine lechzten nach einem ordentlichen Schritt, ihr Verstand hatte das Planen satt. Zumal keiner ihrer Pläne jemals schief gehen konnte, weil sie in diesem Käfig verrotten würde, wenn Alistair sich nicht bald erbarmte! Mit jeder verstreichenden Minute schwand ihre Hoffnung. Dabei hatte sie gerade auf ihn gesetzt.

»In Ordnung«, sagte er schließlich. »Ich werde Duncan sagen, dass zwei charmante junge Damen ganz begierig auf ein Gespräch mit ihm sind. Allerdings schätze ich, dass Ihr euch bis morgen gedulden werden müsst. Vor den Mauern Ostagars wird gleich eine Schlacht geschlagen. Keine Sorge, im Lager seid Ihr sicher.«

Eine Welle der Panik durchfuhr Kaelandrien. Sicher? Eingesperrt in einem Lager, in dem es bald vor Dunkler Brut wimmeln würde? Unwillkürlich verkrampften ihre Finger um die Eisenstäbe. »Nein! Ihr müsst uns sofort freilassen! Bitte! Wenn ihr uns hier lasst, ist das unser Todesurteil!«

Für einen halben Herzschlag zögerte Alistair; Kaelandrien konnte es sehen, so kurz es auch war. Sie setzte zu einer elaborierteren Erklärung an, tieferem Flehen, eindringlicherem Bitten, doch es brachte nichts. Aedan hatte den Rückzug vorgegeben. Alistair musste die Angst in Kaelandriens Augen aufgefallen sein, dennoch folgte er seinem Gefährten die Treppen hinab zu dem riesigen Lagerfeuer, dessen oberes Flammenende gerade noch so von den Käfigen aus erkennbar war. Erschöpft ließ Kaelandrien sich zurück auf den Käfigboden sinken.

»Wer ist dieser Aedan?«, fragte Lyra. Die zuvor geschöpfte Zuversicht war aus ihr herausgeflossen wie durch ein Sieb. Zurück blieben dicke Klumpen an Entmutigung.

»Ein sehr unsympathischer Mensch, das steht fest. Der Name kommt mir bekannt vor. Ich glaube, er ist bei der Charaktererstellung standardmäßig eingestellt für einen menschlichen Adeligen. Wenn du mich fragst, sind wir hier die NPCs.«

»Das ist eher unvorteilhaft, oder?«

Kaelandrien zog die Beine an und umschlang sie an den Knöcheln. Unvorteilhaft war einer von sehr vielen Ausdrücken dafür. Nicht wenige davon waren Schimpfwörter und Flüche. Ein NPC in der eigenen Geschichte? Das war einfach nur armselig. »Haben wir jemals die Herkunftsgeschichte des Adeligen gespielt?«

»Nein.«

»Ist ziemlich brutal. Das gesamte Haus wird von einem Freund der Familie abgeschlachtet, nur der jüngste Sohn überlebt und findet Zuflucht bei den Grauen Wächtern. Nur für den Fall, dass du ihm wehtun willst. Seine wunden Punkte sind vermutlich seine toten Eltern.«

»Klischee.«

»Irgendwie schon.«

Mit verstreichender Zeit setzte sich das Lager langsam in Bewegung. Rüstungen wurden angelegt, Waffen aufgenommen, Formationen gebildet. Irgendwo schrie jemand Befehle, vermutlich König Cailan, dessen Existenz zwar wahrscheinlich, aber nicht bewiesen war. Kaelandrien übte sich weiterhin in Zurückhaltung, Spielinhalte als gegeben anzunehmen, nur weil sich ein paar bewahrheitet hatten. Es blieb die Hoffnung, dass keine wildgewordene Horde Dunkler Brut Ostagar überfluten würde.

Keine halbe Stunde später marschierte ein Teil der Truppen über die Brücke nach draußen. Es mussten zwei oder höchstens drei Stunden vor Mitternacht sein. Der Mond stand hell am Nachthimmel und zum ersten Mal fragte Kaelandrien sich, weswegen man eine Schlacht absichtlich im Dunkeln schlug. Weil man das Leuchtfeuer sonst nicht sehen würde? Verschlechterte Sichtbedingun gen waren ein hoher Preis für ein Signal.

»Wie hoch stehen die Chancen, dass wir diese Nacht überleben?«, fragte Lyra.

»Willst du einen statistischen oder einen intuitiven Schätzwert? In beiden Fällen würde ich ihn im unteren Prozentbereich festsetzen. Wenn wir unser Überleben als Mittelwert definieren, dann ist die heutige Nacht sicher mehr als zwei Standardabweichungen davon entfernt.«

»Hast du Angst?«

»Ich fasele über Statistik, und das nicht einmal fachlich korrekt.« Kaelaindrien prustete einen Schwall Luft aus in der Hoffnung, dadurch freier atmen zu können. Etwas zerdrückte ihre Brust. »Panische Angst«, beantwortete sie schließlich die eigentliche Frage. Es war eine Lüge. Sie fühlte keine panische Angst, eher tiefgreifendes Elend. Nach allem war es ihre Schuld. Tröstend langte sie durch die Gitterstäbe nach Lyra, die ihre Finger ebenfalls ausstreckte. Berührungen waren zwischen ihnen selten, Freundschaft hin oder her. Ihre Beziehung war immer mehr platonisch verlaufen. Auch jetzt trennten ihre Fingerspitzen einige Millimeter. Der Gedanke zählte. Kaelandrien spürte heiße Tränen aufsteigen. »Es tut mir so leid«, wisperte sie.

»Du kannst nichts dafür.«

Die Worte waren wie ein Stich. Lyras verständnisvolle Miene ein zweiter. Das anschwellende Kampfgebrüll im Hintergrund ein dritter. Es hatte begonnen. Und sie konnten nur warten.

In der ersten Zeit passierte nichts. Waffengeklirr und Kriegsschreie vermengten sich zu einem lauten Einheitsbrei im Tal, weit unter der einstigen Festung, die man ihnen als sicher verkauft hatte. Sie war sicher, für etwa zehn Minuten. Dann fielen die Horden ein.

Es waren kleine Gruppen Dunkler Brut, höchstens drei oder vier per Trupp. Sie fauchten und spien, marschierten durch Ostagar wie ein Elefant durch einen Porzellanladen; rigoros, unbeugsam, unaufhaltsam. Sie bespritzten den Boden mit dem Blut ihrer Opfer, die kreischend und um Gnade winselnd einer Schar aufgescheuchter Hühner gleich davonliefen. Keiner war schnell genug. Die Soldaten waren an der Front, die Leute im Lager waren keine Gegner für die Hurlocks und Genlocks. Kaelandrien und Lyra saßen zusammengekauert in ihren Käfigen, stumme Gebete auf den Lippen, dass sie in dem Chaos nicht auffallen würden. Sie hegten keine große Hoffnung.

Lyras Schultern zitterten, ihre Lippen bebten, während über Kaelandriens Wangen nur wütende Tränen liefen. Mit wachsendem Entsetzen beobachtete sie die Tortur der rothaarigen Elfe, als ein Hurlock sie an ihrem zarten Hals aufhob wie eine Puppe, mehrmals in der Luft schüttelte und ihr seine baren Krallen in den Unterleib rammte. Sie war sofort tot.

Kaelandrien wollte nicht so enden. Nicht so, nicht hier. Sie wollte überhaupt nicht enden. Die Tränen wurden immer mehr und sie bemühte sich nicht mehr, den Fluss mit ihrem Handrücken zu unterbrechen. Sie war zornig auf die Magister, denen die Dunkle Brut zu verdanken war, auf den Erbauer, weil er sich nicht um die Katastrophe in Thedas kümmerte, und am allermeisten auf sich selbst.

Ihre Sicht war verklärt von dem nassen Schleier, was gut war, weil sie sich so einreden konnte, sich die Silhouette eines pyknischen, hässlichen Genlocks einzubilden; sich einzubilden, wie er näher kam, direkt auf sie beide zu, die überstehenden Backenzähne gefletscht. Der Überlebensinstinkt raffte sie auf, ließ sie die wenigen freien Zentimeter zurückweichen, bis das Gitter schmerzhaft in ihren Rücken drückte. Zurückbleibende Striemen waren ihr letztes Problem. Lyra kreischte auf, als der Genlock sein kurzes Schwert schwang und gegen ihren Käfig schlug, so wie man aus herablassender Bosheit gegen Gehege von Zootieren pochte. Ein ersticktes Wimmern flüchtete aus ihrer Kehle, zusammen mit einem leisen Aufschrei.

»Hey!«, brüllte Kaelandrien. Es war nicht richtig, dass Lyra die Konsequenzen tragen musste. Mit großer Überwindung wechselte sie entgegen ihres Fluchtreflexes auf die andere Seite des Käfigs und schlug mit der baren Hand gegen den schwer atmenden Genlock. »Lass sie in Ruhe!«

Ihre Fäuste fuchtelten umher, ohne den überlegenen Gegner ein zweites Mal zu treffen. Sie spürte ihre Beine schwach und ihre Luftröhre eng werden. Nur das Adrenalin hielt ihren Körper am Funktionieren, machte sie mutig und ließ sie ein weiteres Mal nach dem Genlock langen. Kampflos gab sie nicht auf. Mit aller Kraft begann sie, in ihrem Käfig nach allen Richtungen zu randalieren. Er war zu massiv, um sich auch nur ein Stück zu bewegen, doch der Genlock war so verwirrt von ihrem Tanz, dass er keine Anstalten eines Angrifft machte. Vorerst.

Kaelandrien hatte Genlocks nie als speziell intelligente Wesen deklariert. Sie waren einfach gestrickt, reflexgesteuert und vor allem instinktgetrieben. Ein Ablenkungsmanöver konnte nur bis zu dem Zeitpunkt gut gehen, an dem die Instinkte übernahmen – und diese waren auf kompromissloses Töten eingestellt.

»Kaela!«, ertönte Lyras Stimme. Sie wurde überlagert von metallischem Klirren. Der Genlock war nicht länger alleine. Ein Hurlock hatte sich von der Seite genähert, angelockt von den merkwürdigen Geräuschen. Er war davon weniger irritiert als genervt. Mit einem kräftigen Stoß kippte er Kaelandriens Käfig um. Ihr Schrei zerriss ihr fast das eigene Trommelfell. Der Aufprall war der zweithärteste heute, kein Vergleich zur fulminanten Ankunft in Ferelden, aber schmerzhaft genug, um ihr für einen Moment die Luft zu rauben. Mehr Zeit brauchte der Hurlock nicht, um sein Schwert zu ziehen und es durch die Gitterstäbe zu treiben.

Blut spritzte. Menschen schrien. In Kaelandriens Ohren rauschte es. Ihr Herz raste. Die Umgebungsgeräusche drangen nur mehr wie durch Watte zu ihr durch, ebenso ihr eigenes hysterisches Zetermordio. Das war das Ende. Sie würde nicht einmal eine ordentliche Beerdigung bekommen. Mit ein wenig Glück vergingen sich Aasfresser an ihren Überresten, bevor sie zu ungenütztem Kompost verfaulten. Eine reizende Aussicht.

Ein paar Sekunden vergingen und trotzdem der Hurlock immer noch über ihr lehnte, nur getrennt durch jene schützenden Gitterstäbe, die sie bis jetzt als Restriktion empfunden hatte, schrie sie weiter. Ihre Extremitäten schlugen wild um sich, prallten gegen Ecken und Kanten.

»Sie soll die Klappe halten!«, brummte jemand. Die Stimme hatte sie schon einmal gehört. Schlagartig verstummte sie. Sie war so erschrocken, dass sie sogar aufgehört hatte zu weinen. Die restlichen Tränen wurden vom kühlen Wind in ihren Augenwinkeln getrocknet, zeitgleich wurde der Hurlock vom Käfig gezerrt und fiel mit einem dumpfen Laut auf den Steinboden. Zum Vorschein kam dasselbe freundliche Gesicht, das sie zuvor im Stich gelassen hatte. Ihre Stimme war ein atemloser Hauch, »Alistair …«

»Hab ich es dir nicht gesagt?« Die rhetorische Frage traf über Kaelandrien hinweg auf Aedan. So unsympathisch er auch war, er hatte Lyra aus ihrem Gefängnis befreit und alleine dafür dankte Kaelandrien ihm von ganzem Herzen. Stumm, verstand sich, vorwiegend weil sie vom Schreien keine Luft bekommen hatte. Kaelandriens Käfig mit einem breiten Zweihänder zu öffnen, war für Aedan ein Leichtes. Er ließ ihr keine Zeit für Dank, wenn sie diesen vorgehabt hätte, sondern stemmte die Spitze der Klinge neben sich in den Boden.

»Was jetzt, du Held? Die beiden sind Ballast. Willst du sie etwa –«

Lautes Brüllen unterbrach ihn. Sofort nahm er sein Schwert wieder auf und festigte seinen Stand. Alistair hatte es ihm gleichgetan. »Hätten wir sie der Dunklen Brut als Zwischenmahlzeit mit einer Grußkarte dran dalassen sollen?«

»Das klingt nach dem besten Plan, den du jemals hattest – und dabei zähle ich die Sache mit dem Truthahn mit!«

Kaelandrien verfolgte den Wortwechsel nur bedingt aufmerksam. Ihr Fokus lag auf dem Hurlocktrio, das mit erhobenen Waffen auf sie zugerannt kam und von denen einer ein Gesandter war.

Schnell stellte sich heraus, dass ihre Sorge unbegründet war. Alistair und Aedan bewegten sich weniger präzise als dogmatisch durch die kleine Horde, ganz nach dem Paradigma geübter Kämpfer. Vor einem Bildschirm aus der schrägen Vogelperspektive sah es so einfach aus, einen Gegner mit einem Schwerthieb niederzustrecken. Am Rande des Kerngeschehens und inmitten des großen Ganzen konnte Kaelandrien die raue Gewalt sehen, die eine einfache Attacke erforderte. An der unbedeckten Stelle um den Hals der Männer traten dicke Adern hervor, jede Bewegung war begleitet von kräfteaktivierendem Schnaufen und Knurren. Das bisschen Blut auf Kaelandriens Haut kam ihr im Angesicht der dramatischen Mengen um sie herum plötzlich vernachlässigbar vor. Daraus, dass die Gruppenmitglieder ebenso gegen Dunkle Brut kämpften wie ihr Avatar, hatte sie einmal geschlussfolgert, dass das Blut nicht sofort eine Infektion mit der Verderbtheit zur Folge hatte. Hoffentlich war das nicht einfach nur ein Entwicklerfehler.

Ohne bewusstes Zutun hatte sie Lyras Arm ergriffen und sie schützend zu sich gezogen. Lyra allerdings brauchte keinen Schutz. Mit gezielter Entschlossenheit zog sie Kaelandrien mit sich nach hinten, trat achtlos über die Leiche der Wache hinweg – niemand hatte bemerkt, wann der Mann getötet worden war – und presste ihr ihren Rucksack gegen die Brust. Damit war ihre spontane Initiative vorerst zu Ende. »Und jetzt?«

Eine berechtigte Frage. Kaelandrien blinzelte zu Alistair und Aedan, die in ihren blutbesudelten Rüstungen nur wenig mit den strahlenden Rittern gemein hatten, die sie gerettet hatten. Wenn überhaupt, sahen sie im Kampf wie wilde Bestien aus. Eine leichte Gänsehaut kroch über ihre Arme, die sie durch die Schultergurte ihres Rucksacks schob.

Die beiden Krieger hatten ihren letzten Gegner längst erledigt. Niemand machte Anstalten, die frischen Leichen nach nützlichen Gegenständen zu durchsuchen. Zum Glück. Es gab nur eine begrenzte Anzahl an Dingen, die eine Frau ohne Schreikrampf hinnehmen konnte.

»Wir bleiben bei denen«, schlug Kaelandrien vor. Welche große Wahl hatten sie schon? Aedan war bereits in Richtung Brücke vorgegangen, Alistair folgte ihm ohne Blick zurück auf die Jungfrauen in Nöten, die er eben noch heldenhaft gerettet hatte. Eines war immerhin klar: Manche Spielprinzipien hatten eine erschreckend praktikable Manifestation im wirklichen Ferelden – sofern dieses Ferelden Wirklichkeit war, was von Minute zu Minute wahrscheinlicher erschien. Kaelandrien tauschte einen vielsagenden Blick mit Lyra aus. Auf der Stelle Wurzeln zu schlagen, war keine gesunde Alternative.

Alistair und Aedan zu folgen, glich einem Marsch durch das Geisterschloss im Wiener Prater. Nicht nur die Kulisse und die Einrichtung waren verstörend – obgleich hochfrequent auffindbare Blutlacken, ausgeweidete oder pervers zugerichtete Leichname und Dunkle Brut einen großen Teil dazu beitrugen – war es auch der Kampfstil ihrer persönlichen Vorhut, der die Frauen einen gewissen Abstand einhalten ließ. Alistairs Schildschlag rollte beim Auftreffen auf seine Gegner wie verdammendes Donnergrollen über das Schlachtfeld. Bei den ersten Einsätzen waren sowohl Kaelandrien als auch Lyra zusammengezuckt. Hinzu kam ein wolfsgroßer Mabari von bulliger Statur, bestehend aus dicken Muskeln und strammen Sehnen. Er gehörte zu Aedan, wie sich alsbald herausstellte, denn er verteidigte seinen Herrn mit bedingungsloser Hingabe. Mittlerweile ergoss sich feiner Nieselregen über die unpraktisch gebaute Architektur des Turms, zu dessen oberster Etage sie sich durchschlugen.

Oder es zumindest versuchten.

Der Oger kam quasi aus dem Nichts. Es war eine Weile her, seit Kaelandrien ihren letzten Spielstand begonnen hatte, doch an das violette Ungetüm konnte sie sich sehr gut erinnern. Wie hatte sie geflucht und gebrüllt beim Kampf gegen den übermenschlich großen ersten Bossgegner. Beim Anblick seines realen Pendants verschlug es ihr den Atem. Selbst Alistair und Aedan, zuvor furchtlos vorangeprescht, machten mit erhobenen Klingen ein paar Schritte zurück.

Der Oger war riesiger als Kaelandrien ihn sich vorgestellt hatte, und er stank bestialisch. Eine Druckwelle vermoderten Geruchs flog gegen die Menschen zu seinen Füßen, vermengt mit Speichel und Resten menschlichen Fleisches. Nur weil Alistair sich schützend vor sie und Lyra schob, bekamen sie lediglich die Hälfte davon ab. Alistair trug nicht einmal einen Helm. Das war eines der Dinge, das eine Frau nicht ohne Schreikrampf hinnehmen konnte. Bevor er aus Kaelandrien herausbrechen konnte, unterbrach Alistair.

»Bleibt zurück!«, wies er sie an.

»Als ob wir da vor gehen würden!«, krächzte Kaelandrien nach Luft schnappend. Ein rauer Aufschrei entkam ihr, als der Oger seine Fäuste auf den Boden schmetterte. Sie fand Halt an Alistairs Schulter, für exakt einen rasenden, von Adrenalin angefeuerten Herzschlag, bevor er sein Schwert einmal über dem Kopf rotierte und mit einem mächtigen Kriegsschrei nach vorne stürmte, dicht gefolgt von dem sehr viel dezenteren Aedan und seinem schnaufenden Mabari.

Kaelandrien und Lyra blieben im Hintergrund wie der Ballast, der sie waren. Kaelandrien bezweifelte stark, überhaupt als Anhängsel gesehen zu werden. Daran, dass Aedan sie einfach zurückgelassen hätte, wenn sie nicht sturen Schrittes gefolgt wären wie ein junges Schaf seiner schützenden Herde, hatte sie hingegen keine Zweifel.

Verstecken war alles, was sie tun konnte. Lyra vor sich herschiebend, ging sie hinter einem eingestürzten Wandstück in Deckung, nervös den Kampflauten lauschend. Zwei Männer und ein Mabari gegen einen Oger. Es war ein unmenschliches Schauspiel. Immer wieder lugten sie über den Rand ihrer provisorischen Palisade. Alistairs Schild nutzte gegen den überdimensionierten Kontrahenten nur wenig, noch weniger sein Langschwert, das entgegen seines Namens nicht lang genug war, um in die Nähe des Ogers zu kommen. Sie würden draufgehen. Erst würde der Oger Alistair fressen, dann den Mabari und Aedan. Zum Schluss würde er sich an ihr und Lyra zu schaffen machen.

»Jetzt ist es offiziell«, sagte Kaelandrien bitter. »Meine Pläne sind scheiße.«

»Sieh es positiv: Wenigstens sterben wir spektakulär.«

»Das ist dein Trost? Verdammter Erbauer sei barmherzig …«

Das wütende Bellen des Mabari zerriss ihr Gebet. Kaelandrien war nie religiös gewesen. Eine sarkastische Floskel auf eine inexistente Entität hin, erschien ihr als würdiger Abschluss für ihr heidnisches Leben für den Fall, dass es den Erbauer oder Gott wirklich gab oder die beiden sogar ein und dasselbe waren.

Es sollte nicht so weit kommen. Lyra stieß sie in die Seite und lenkte ihren Blick gerade noch rechtzeitig auf den Kampfschauplatz, um Zeuge zu werden, wie Aedan mit einem geschmeidigen Schwung seines Zweihänders die Achillessehnen des Ogers durchtrennte und Alistair sich von vorne gegen die Kehle des fallenden Ungetüms warf, das Schwert voran. Wieder spritzte Blut. Quentin Tarantino wäre stolz gewesen. Die Rüstungen der Krieger ließen nicht mehr viel Platz für neue Blutflecken.

Weiterhin aus der Ferne beobachtete Kaelandrien, wie Aedan ohne Umschweife das Leuchtfeuer entzündete. Der Oger lag im Weg, sodass er auf dessen Kopf steigen musste, um den brennenden Scheit einzuwerfen, den er vom kleineren Feuer daneben genommen hatte. Ein Glück, dass es unter einem Vorsprung stand, sonst hätte der Regen die Flamme zerstört. Andererseits wäre es vermutlich einerlei gewesen. Loghain würde seiner Armee sowieso den Rückzug befehlen.

Während Lyra an der Wand in ihrem Rücken niedersank, kämpfte Kaelandrien sich auf die Beine. Ihren Rucksack warf sie zu Boden. Er war schwer und feucht vom Niederschlag. Bis sie bei ihnen angelangt war, nahmen weder Aedan noch Alistair Notiz von ihr. Nur der Mabari knurrte feindselig.

»Ruhig, Junge«, beruhigte Aedan ihn. Dem Hund schien seine Schicht Blut und Dreck ebenso wenig auszumachen wie seinem Besitzer. »Wieso seid ihr uns gefolgt?«

Eine berechtigte Frage. Eine unnötige ebenfalls. »Weil wir da unten kläglich verreckt wären. Ich mag mein Leben, wenn's recht ist.«

»Sie zu retten war deine Idee, Alistair. Was gedenkst du zu tun? Ich für meinen Teil traue diesen seltsam gekleideten Gestalten nur so weit ich sie werfen kann.«

Das war wenigstens ermutigend. Gemessen an seinem muskulösen Körperbau und Kaelandriens schlanker Statur, konnte er sie bestimmt recht weit werfen. Sie ging lieber nicht davon aus, dass er seine Aussage wörtlich gemeint hatte. Stattdessen sagte sie, »Wir kommen nicht aus diesem Teil von Thedas. Aber wir wollen gegen die Verderbnis helfen.«

Aedan ließ ein misstrauisches Brummen vernehmen. »Ach ja? Ihr könntet genauso gut eine Chasind sein.« Er richtete sein blutiges Schwert gegen sie. Dass sein Arm beim Aufrichten eines Zweihänders mit nur einer Hand leicht zitterte, war der Bedrohung keineswegs abträglich. Nach einer kurzen Überprüfung, ob Lyra noch bei Bewusstsein und an Ort und Stelle war, machte Kaelandrien einen mutigen Schritt nach vorne, gerade so weit, dass die Spitze der Klinge ihren Hals nicht berührte. Bluffen war ihre große Stärke.

»Wären wir Chasind, hätten wir uns mit Magie verteidigt und wären geflohen, anstatt euch hilfesuchend auf die Gefahr hin zu folgen, erneut eingesperrt zu werden. Thedas steht vor einer Verderbnis und Ferelden wird zuerst fallen. Wir können helfen. Wir wollen helfen.«

»Wer versichert mir, dass Ihr die Wahrheit sprecht?«

Tapfer hielt Kaelandrien den Blickkontakt. »Niemand. Aber es liegt nicht an dir, über die Annahme oder Ablehnung unserer Unterstützung zu entscheiden.« Das war der Moment, an dem ihr die Stille auffiel. Kein Geschrei, kein Donner, keine Dunkle Brut. Nur vom Tal hallte Waffenklirren hinauf. Es klang überwiegend menschlich.

Alistair hatte sich entfernt und sah zwischen zwei Zinnen nach unten. »Sieht aus, als hätten sie die Dunkle Brut zurückgedrängt. Die Frau hat recht, Aedan. Wir haben das nicht zu entscheiden.« Er stieß sich ab und kam trotz seiner schweren Rüstung leichtfüßig zu ihnen zurück. »Duncan wird sich für sie interessieren. Ich meine, die beiden tragen kurze Hosen. Wo gibt es sowas?«

»Wir werden das bereuen«, antwortete Aedan düster. »Hör auf meine Worte, Alistair. Du und ich, wir werden das irgendwann bereuen.« Weit weniger leichtfüßig stapfte er voran die Treppen hinab, den Mabari dicht auf den Fersen.

»Hört ihm nicht zu. Er macht gerade ziemlich viel durch.«

»Nun«, stieß Kaelandrien spitz aus, die Arme vor der Brust verschränkt, »wir wurden gewaltsam in ein fremdes Land gezerrt, unrechtmäßig eingesperrt, fast von Dunkler Brut umgebracht und mit Ogerspeichel angespien. Unser Leben ist auch nicht gerade ein Regenbogen.«

»Sagt bloß, eine nette, kleine Verderbnis ist nicht Eure Lieblingsbeschäftigung an lauen Sommerabenden voller Müßiggang.«

Kaelandrien kniff die Augen zusammen. Wenigstens konnte sie jetzt verstehen, weswegen manche Spieler sich in Foren über Alistairs Humor beschwerten. Er war ja sowas von unpassend. Sarkasmus war immer noch ihre Domäne. Unglücklicherweise fiel ihr kein pfiffiger Spruch ein, um diese Tatsache zu behaupten. Sie war nach wie vor müde, hungrig und ausgelaugt. Wenn keine Dunkle Brut vorhatte, sie in die Bewusstlosigkeit zu prügeln, bis Flemeth sie in Gestalt eines Drachen vom Dach pflückte, zog sie eindeutig ein Bett dieser Unterhaltung vor.

»Gehen wir einfach zu Duncan«, sagte sie resignierend und hob ihren Rucksack auf. Er musste zwanzig Kilo wiegen, exponentiell mit jeder Sekunde an Gewicht gewinnend. Beim ersten Schritt taumelte sie zurück, nach hinten gezogen vom unwillkommenen Ballast. Nur ihr Stolz ließ sie aufrecht stehen bleiben. Lyra ließ sich von Alistair aufhelfen und dirigierte ihn mit einer Geste zum Führer auf diesem Abstieg durch das Labyrinth an Türen und Korridoren des Turms.

»Wir helfen doch nicht wirklich dabei, die Verderbnis aufzuhalten?«, wisperte sie Kaelandrien zu.

»Bist du noch ganz dicht? Natürlich nicht!« Kaelandrien zuckte über ihre eigene Lautstärke zusammen. Alistair schien nichts gehört zu haben. Kein Wunder. Wenn sie alle paar Minuten das donnernde Dröhnen von Schildschlägen um die Ohren hätte, wäre ihr Gehör auch stark angeschlagen. »Aber wie kommen wir schneller und sicherer an den Erzdämon ran als an der Seite derer, die dazu ausgebildet werden, ihn zu töten? Der Plan ist perfekt.«

»Das sind deine Pläne nie.«

»Vertrau mir.«

»Hey«, unterbrach Alistair. Er drehte sich im Gehen um. Für seinen extensiven Kampfstil war er erstaunlich fidel unterwegs. »Euren Namen habe ich mir gemerkt, Lyra, aber der Eurer Freundin ist mir entfallen. Wie heißt Ihr noch gleich?«

»Kae …« Weiter kam sie nicht. Nicht nur, weil sie den Rest ihrer merkwürdigen Silbenkombination über die Aufregung vergessen hatte. Auch weil sie plötzlich unendlich müde war. Ihre Lieder klappten zu wie durchgeschnittene Rollläden, nur leiser, und sie spürte sich selbst vornüber kippen. Falls ein Aufprall auf hartem Stein kam, bekam sie ihn nicht mehr mit.