3.
„So, diese Wrestlings…"
„Kranzlinge, Severus. Es ist wirklich nicht mehr lustig." In ihren Augen nistete trotz ihrer Worte ein Lächeln. Der geruhsame Tagesbeginn mit Frühstück im Bett hatte ausfallen müssen, weil Granger – Hermione – sich an den Grund ihrer Anwesenheit erinnert hatte. Sie saßen im Speisesaal und genossen den Blick über einen Stausee, der direkt unterhalb der Burg lag, in der ihr Hotel war. Severus fühlte sich fast wie zu Hause in Hogwarts, wenn auch mit deutlich mehr Komfort wie den warmen Teppichen, den warmen Heizkörpern und dem warmen Körper, der seit dem letzten Abend sein Bett teilte. Das verschlafene Lächeln, das sie ihm halb verdeckt von ihrer Teetasse zuwarf, weckte die Erinnerungen an die vergangene Nacht.
Normalerweise besuchte Severus eine Bar in Muggellondon oder Edinburgh, wenn er sein zölibatäres Dasein nicht mehr aushielt. Doch auch dort fand er ohne ein gewisses Maß an Alkohol (seitens der Frau) und große Selbstbeherrschung und Verleugnung der Persönlichkeit (auf seiner Seite) keine willige Bettgefährtin. Vor Hermione hatte er sich nicht verstellen müssen. Sie kannte ihn und den Zynismus, den Ärger und die Launenhaftigkeit, die ihn ausmachten, und sie hatte ihm trotzdem erlaubt, sie zu berühren. Er hatte sie küssen dürfen, sie streicheln und ihr viele zufriedene Laute entlocken können. Sie hatte ihm noch mehr gegeben und sie hatten sich in der Leidenschaft verloren und gefunden.
Er wagte nicht, an eine Zukunft zu denken, und wünschte sich doch, dass es eine solche für sie gäbe. Seine Miene musste ihr verraten haben, was er dachte, denn Hermione wurde unter seinem Blick rot. Severus wusste, wie weit diese Röte über ihren Körper reichte, und seine Finger kribbelten in der Hoffnung, sie bald wieder erhitzt und befriedigt neben sich liegen zu sehen.
Unruhig rutschte er auf dem Stuhl hin und her.
„Wieso mussten wir nach Deutschland apparieren? Ich dachte, sie würden überall verschwinden?" Mit purer Willenskraft kam er auf das Thema zurück. Da sie beinahe allein im Saal waren, konnten sie ungestört reden, ohne die einschlägigen Zauber verwenden zu müssen.
„Ihre Population schrumpft überall dort, wo die Weihnachtstraditionen aufgegeben werden. In vielen Haushalten gibt es keine Adventskränze oder Tannengestecke mehr, oder es werden solche aus Kunststoff verwendet. Dort können die Kranzling nicht ihr gutes Werk tun. Es ist dort eine erhöhte Bereitschaft zur häuslichen Gewalt zu beobachten. Das war absehbar und beunruhigt die Regierungen der … unserer Welt nicht, da es vor allem die andere Seite betrifft." Severus musste sich zusammenreißen, um ihr zuzuhören. Es war informativ und er staunte darüber, dass sie sich dieses Wissen in vermutlich sehr kurzer Zeit angeeignet hatte, doch er staunte noch mehr über die weiche Haut ihrer Hände, die er mit dem Daumen streichelte. Ihre Lippen waren noch rot von seinen Küssen und er hatte Probleme damit, sich zu konzentrieren. Sie würde es jedoch nicht gutheißen, wenn er den Höhlenmensch gab und sie zurück in ihr Zimmer schleifte. Er war ernsthaft versucht, es trotzdem zu tun und die Konsequenzen später zu ertragen. Hermione schien zu merken, dass er abgelenkt war, und ließ bereitwillig seine Hand los, als er sich überwand und sie zurückzog. Er vermisste den Kontakt sofort und funkelte sie missmutig an, doch seine Konzentration kehrte zurück. Mit einer mentalen Notiz, dringend an seiner Selbstbeherrschung arbeiten zu müssen, die sich einzig dank einer willigen Frau verabschiedet hatte, verschränkte er die Arme vor der Brust und forderte ebenjene Frau auf, weiterzusprechen.
„Was allerdings die Alarmglocken der Regierung vor allem in Deutschland schrillen lässt, ist die erhöhte Selbstmordrate unter Zauberern in den letzten Wochen seit dem ersten Advent. Der Hüter der Kranzlinge der Enklave, die wir uns gestern angesehen haben, hat berichtet, dass ein Großteil der Wichtel verschwunden war, bevor er sie zum Überwintern einsammeln konnte. Es scheint einen Wilderer zu geben."
„Und Shacklebolt hat uns geschickt, weil …?"
„Dich hat er geschickt, weil du sein bester Mann für alles bist. Und mich, weil ich ihm die Pistole auf die Brust gesetzt habe."
„Du wolltest diesen Auftrag bekommen? Warum?"
Sie seufzte und schob ihr Besteck auf dem Teller zurecht.
„Ist das nicht offensichtlich?"
Er ignorierte ihren Einwand und den hoffnungsvollen Blick, den sie ihm unter gesenkten Lidern zuwarf. Ohne den ablenkenden Körperkontakt hatte er wieder ein besseres Gespür für seine Umgebung, und er hatte bemerkt, dass eine der Kellnerinnen den unbesetzten Tisch schräg neben ihnen bereits zum dritten Mal abwischte. Seine Gesichtszüge in eine unbeteiligte Maske verwandelnd, kehrte er zum Gespräch zurück.
„Ich wollte wissen, warum es bei den Deutschen niemanden gibt, der das untersuchen kann."
Sie sah kurz auf, bevor sie den Blick wieder senkte.
„Ich glaube, der deutsche Minister hat mit Kingsley noch eine Rechnung offen, die er nur zu gern begleichen will. Irgendetwas mit Flüchtlingen und fremder Magie, denen er die Einreise verweigert oder so. Ehrlich gesagt, war es mir nicht so wichtig", antwortete sie brüsk. Die Leichtigkeit, die seit dem Vorabend zwischen ihnen geherrscht hatte, war unvermittelt einer gedrückten Stimmung gewichen. Severus fragte sich, warum das Lächeln auf Hermiones Gesicht verschwunden war, doch in diesem Moment konnte er nichts tun. Er hatte einen Verdacht, dem er nachgehen musste. Mit geübter Geste ließ er seinen Zauberstab aus dem Ärmel gleiten, so dass die Spitze verborgen in seiner Handfläche lag.
„Alles in Ordnung?" Hermione hatte sich wieder gefangen und sah ihn fragend an.
Ohne ihr zu antworten winkte er das Mädchen herbei, das nun den Nebentisch neu eindeckte.
„Ich hätte gerne noch etwas Tee."
Hermione beäugte seine noch halbvolle Tasse und schwieg. Unangenehme Stille breitete sich aus, bis das Mädchen sich mit seiner Bestellung näherte.
„Jedenfalls – du glaubst also auch, dass ein Wilderer für das Verschwinden der Kranzlinge verantwortlich ist?", fragte er und bemühte sich, das deutsche Wort korrekt auszusprechen. So kam er nicht in den Genuss, das hübsche Lächeln auf Hermiones Gesicht zu sehen, wenn er die Wichtel Wrestlings nannte. Sein Versprecher hatte das Zeug dazu, sich zum wiederkehrenden Spaß zu entwickeln, doch ihre unbeschwerte Zeit schien vorbei zu sein. Er bedauerte die Rückkehr zur Professionalität, die Hermione gewählt hatte.
„Pscht!", mahnte sie, doch das Mädchen hatte ihn eindeutig bereits gehört. „Aber ja, das glaube ich." Hermione lächelte ihr kühl zu, als sie mit zitternden Händen den Tee abstellte. Das Porzellan klapperte. „Außer dem einen in unserem Zimmer habe ich – was ist?"
Die Kellnerin stand noch an ihrem Tisch und wrang ihre Hände vor der schwarzen Arbeitskleidung, die sie blässlich und krank wirken ließ.
„Ich bräuchte noch Ihre Zimmernummer, Madam."
Severus hörte ihrem guten Englisch an, dass sie vermutlich jedes Wort ihres Gesprächs verstanden hatte, während sie den Tisch unnötig geputzt hatte. Er sah ihr hinterher, als sie sich schließlich hastig entfernte. Die Bewegung seiner Hand blieb Hermione verborgen, die nachdenklich auf den See sah. Sie schien bedrückt zu sein, doch als sie ihn ansah, war ihre Miene entschlossen.
„Es gibt im ganzen Saal keinen einzigen Kranzling. Ich habe einen Zauber entwickelt, der mir ihre Anwesenheit zeigt, und ich wette, dass es, außer in unserem Zimmer, keinen im gesamten Schloss gibt. Ich habe da so ein Gefühl."
Ein Gefühl hatte Severus auch, und das hatte nichts mit den Wichteln zu tun. Er spürte, dass das, was er mit Hermione geteilt hatte, zwischen seinen Fingern zerrann, und er befürchtete, dass die gemeinsame Nacht nur das Resultat weihnachtlicher Sentimentalität war. Wenn sie den Auftrag erfüllt hätten, wäre alles beim alten. Hermione würde ihn nicht mehr anlächeln, er würde sich ihr nicht mehr öffnen. Sie schien bereits zu bereuen. Ihre Freundschaft war zerstört.
„Lass uns gehen."
Er stand abrupt auf und schritt davon, ohne sich nach ihr umzudrehen. Er musste die Mauern um sein Herz erneuern, die sie niedergerissen hatte, und er fühlte sich klein und verletzbar. Niemand durfte erfahren, wie leicht man seinen Stolz brechen konnte.
Hermione war nur wenige Schritte hinter ihm. Als sie in den langen Flur einbogen, der zu ihrem Zimmer führte, sah Severus am anderen Ende eine Figur durch die Tür huschen. Sein Verdacht erhärtete sich, denn die Figur war in das Schwarz des Restaurantpersonals gekleidet. Das Mädchen, das ihr Gespräch belauscht hatte, schien etwas zu verbergen. Er war sich sicher, dass er sie verschwinden gesehen hatte. Wenn er Glück hatte, wäre sie sogar in das Verschwinden der Wreathlings verwickelt. Er beschleunigte seinen Gang.
„Snape! Warte!"
Er ließ die Zimmertür für sie offen und fragte sich, wie er so schnell wieder zu Snape werden konnte. In seinem Kopf war sie Hermione und würde es bleiben. Er begrüßte den Schmerz der Ablehnung wie einen alten Bekannten. Es war vermessen von ihm, anzunehmen, dass er ein wenig Zuneigung und Wärme in seinem Leben haben könnte. Niemals würde sich eine junge, hübsche Frau wie Hermione an ihn binden. Ihre Aktivitäten im noch ungemachten Bett waren die Folge eines Fehlurteils auf ihrer Seite gewesen. Er war wieder einmal ein Fehler, den eine Gryffindor begangen hatte. Er tauge nicht als Freund und nicht als Bettgefährte. Jeder Versuch, das zu ändern, war zum Scheitern verurteilt. Severus stellte sich nicht einmal mehr die Frage, wie es zu Hermiones enthusiastischer Beteiligung in der Nacht gekommen war, als er die leere Stelle auf der Fensterbank sah.
In dem Moment, in dem Hermione die Tür schloss, aktivierte er den zweiten Teil des Verfolgungszaubers, mit dem er das Mädchen belegt hatte. Er würde der Sache auf den Grund gehen und sich dann wieder in die Einsamkeit unter Hogwarts' Bediensteten und dem Lehrerkollegium flüchten.
„Komm mit." Er griff nach Hermiones Hand und konzentrierte sich auf den Zauber, der seinem Unterbewusstsein das Apparationsziel vorgab. Mit Ziel, Willen und Bedacht begann die Welt, um ihn zu wirbeln. Erst als er wieder auf sicheren Füßen stand, bemerkte er, dass er nicht länger Hermiones Hand hielt.
Er war allein.
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