Über die Unzulänglichkeit rationaler Betrachtungen in Zeiten des Verlobungsbooms

Noch am selben Abend berichtete Hermine Harry und Ginny von ihrem Gespräch mit der Direktorin und erklärte ihnen, dass sie rational überdenken würde, welche Person für sie als Scheinehemann in Betracht kommen würde. Sie erklärte diese Angelegenheit für sich zu einem unbedeutenden Nebenwiderspruch und war mehr daran interessiert baldigst ein Konzept für den Umsturz der Regierung zu entwerfen.

Um den Nebenwiderspruch schnell aus der Welt zu schaffen begab sich Hermine unverzüglich in die Bibliothek, wäre diese Frage geklärt konnte endlich die richtige Arbeit beginnen.

Schon am Weg in die Bibliothek wurde ihr bewusst, dass der Gesetzesbeschluss etwas in Hogwarts verändert hatte. Überall begegneten ihr Schüler und Schülerinnen die miteinander besprachen, ob es nicht sinnvoll wäre baldigst zu heiraten. Sie überhörte einige Gespräche während sie sich immer langsamer werdend der Bibliothek näherte.

„Also Betsy hat sich heute mit Joel verlobt.", hörte sie eine dunkelhaarige Fünfklässerin.

Aufgrund des zweijährigen Krieges waren ein Großteil der fünften Klassen, sowie die gesamten sechsten und siebten Klassen im heirats"fähigen" Alter.

„Verdammt. Sinclair und Frankie sind auch schon verlobt. Irgendwie gehen uns die Männer aus. Ich hab echt nicht vor die Schule wegen eines Gesetzes aufgeben zu müssen.", ärgerte sich das andere hellhaarige Mädchen mit dem sie sprach.

Es beruhigte Hermine zu hören, dass es offenbar viele Stimmen gegen dieses Gesetz gab. Die Frage war nur wie sie diese Menschen mobilisieren könnten. Plötzlich erschien ihr das viel wichtiger als der unbedeutende Nebenwiderspruch, der nur ihr eigenes, elendes Leben betraf. Aber pflichtbewusst wie sie war rief sie sich ins Gedächtnis, dass sie dieses Problem dann ein für alle mal aus der Welt hätte. Sollte es anders sein, was sie nicht glauben wollte, könnte sie diese Nebensache immer noch ausgiebigst ignorieren und vor sich herschieben. Dann hätte sie zumindest ihr Pflichtbewusstsein besänftigt, weil sie immerhin behaupten konnte sich der Sache bereits angenommen zu haben.

Ein weiteres Gespräch riss sie erneut aus ihren Gedanken.

„Das glaubt ihr nicht! Amanda hat sich mit Brian verlobt und Tasha mit Kyle.", rief ein Junge mit blonden Locken quer über den Korridor und lief auf einen dunkelhaarigen Jungen und ein kleingewachsenes Mädchen mit rotem Pferdeschwanz zu.

„Und Mike hat sich mit Janet verlobt.", erzählte nun das Mädchen.

„Russell mit Bridget.", meinte der dunkelhaarige Junge nur achselzuckend und sichtlich desinteressiert.

„Wisst ihr was das heißt?", seine Blicke schweiften von der einen Person zur anderen.

Sie blieben schließlich auf dem Mädchen haften und Hermine bekam das Gefühl, dass er sich nur nicht traute sie zu fragen, ob sie sich nicht vielleicht mit ihm verloben wollte, obwohl er es offenbar nur zu gerne getan hätte.

„Wir müssen uns wirklich beeilen!", meinte er schließlich, als er offenbar nicht länger auf eine Antwort warten wollte, „Was sagst du Terry? Hast du schon ein Mädchen im Visier?"

Terry klopfte dem Mädchen auf die Schulter.

„Tracy und ich haben gerade vorher beschlossen uns zu verloben.", erklärte er in ruhigen Ton.

Hermine beobachtete wie sein Gesichtsausdruck verfiel. Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen und murmelte etwas das nach „Oh." klang.

Als Hermine Schritte hinter sich hörte, bemerkte sie, dass sie tatsächlich stehen geblieben war, um diese Szene zu beobachten. Es war ihr direkt unangenehm.

Die Stimme die sich hinter ihr nun erhob machte es nur schlimmer.

„Beobachten wir neuerdings unsere Mitschüler und Mitschülerinnen? Ich wusste gar nicht, dass sie sich so sehr für Seifenopern interessieren. Das ist ja einmal eine ganz neue Seite an ihnen.", höhnte die Stimme.

Es war niemand anders als Severus Snape, den sie nun finster anfunkelte, nachdem sie sich zu ihm umgewandt hatte.

„Ich denke das geht sie genau gar nichts an.", meinte sie zornig.

„Na dann, viel Spaß bei ihrer persönlichen Seifenoper. Oder steht schon fest wer bald geheiratet wird?", machte er sich über sie lustig.

„Solange ich nicht sie heiraten muss.", grollte sie.

„Wie schade. Ein plötzliches Liebesgeständnis hätte mir den Abend bestimmt versüßt. Ich kann es mir richtig vorstellen wie sie sagen: Professor, die ganzen Jahre über wollte ich sie mit meinem besserwisserischen Verhalten nur beeindrucken, weil ich seit Jahren unsterblich in sie verliebt bin. Worauf ich wohl erwidert hätte, dass ihnen eine derartige Selbstblamage hätte erspart bleiben können, wenn sie sich nur kurz daran erinnert hätten, wie sehr ich ihr Besserwissertum immer missbilligt habe.", verhöhnte er sie weiter.

„Oh nein, wie tragisch. Eben das hatte ich natürlich vor. Und ich dachte immer ihr Sarkasmus und ihre Grausamkeit waren nur eine Tarnung ihrer wahren Gefühle, weil sie doch wussten, dass eine Schülerin und ein Lehrer keine Beziehung führen dürfen. Oh, sie brechen mir das Herz.", rollte sie mit den Augen, „Guten Tag Professor."

Die letzten Worte sprach sie mit einer tiefen Abneigung aus und wandte sich dann um und setzte ihren Weg fort. Severus Snape hatte ihr heute ja gerade noch gefehlt.

Wider ihren ersten Vermutung war Snape bis zum bitteren Ende ein Spion ihrer Seite gewesen. Dumbledor hatte sich auf seinen Wunsch hin töten lassen, da er selbst todkrank war und so Snape der durch einen Schwur gebunden war das Leben rettete. Er hatte noch mehr dadurch erreicht: Snapes Tarnung war perfekt, einzig der engste Kreis des Orden des Phönix war informiert über die wahren Hintergründe und bekam weiterhin Snapes Informationen. Außerdem bewahrte er Draco Malfoy und seine Mutter dadurch nicht nur vor dem Tod, sondern bewegte auch etwas in Draco, das ihn dazu bewegte zur Seite des Ordens zu wechseln. Hermine war sich allerdings nicht sicher, ob es nicht einfach nur die Angst vor Voldemort und seinem sicherem Tod war, die ihn dazu bewogen.

Was Snape betraf, so war er seit Ende des Krieges rehabilitiert und unterrichtete sogar wieder in Hogwarts. Sein Charakter hatte sich nicht merklich verändert, er war ganz der alte, mit der gleichen Arroganz und denselben leidigen Vorurteilen. Gerade diese Vorurteile wollte das Ministerium bekämpfen, aber der Weg den sie dazu gewählt hatten war unethisch und beraubte sie ihrer Freiheit. Abgesehen davon glaubte Hermine nicht daran, dass derartige Zwänge auch nur in irgendeiner Weise dazu beitragen konnten alte Vorurteile abzubauen. Sie nahm eher an diese Vorurteile würden durch diese Zwänge nur noch verstärkt werden und möglicherweise eine neue dunkle Bewegung heraufbeschwören.

In der Bibliothek angekommen nahm sie sich ein Buch, nur um ihren Kopf etwas zu klären, wie sie sich selbst sagte. Sie las stundenlang immer wieder den gleichen Absatz ohne auch nur ein Wort davon zu begreifen, während ihre Gedanken rasten. Anstatt ihren Kopf zu klären, drehten sich ihre Gedanken nun nur mehr um das globalere Ziel, die magische Gesellschaft von dieser Unterdrückung zu befreien und nicht mehr um ihr persönliches Desaster.

Als sie das erkannte, besann sie sich wieder ihrer Situation. Sie ging gedanklich durch welche Möglichkeiten sie hätte das Gesetz zu umgehen.

Sie war sich sicher, dass Minerva McGonagall Recht hatte. Sie konnte nur dann aktiv Widerstand leisten, wenn sie sich nicht in Askaban befand. Es bestand die Möglichkeit unterzutauchen, aber nun, da der Krieg gegen Voldemort endlich zuende war, verdiente sie sich doch endlich ein Leben. Sie wollte die Schule abschließen, und die einzige Möglichkeit die ihr blieb – da McGonagall sie nicht verstecken könnte und sie so immer auf der Flucht wäre – war eben eine Scheinehe. Aber auch dieses Eingeständnis half ihr nicht viel weiter, denn das Problem war immer noch wen sie heiraten sollte.

Sie nahm also ein Pergament zur Hand, um die Sache systematisch anzugehen und rief sich alle Halbblut- und Reinblutzauberer in Erinnerung die sie kannte und die ihrem Wissen nach noch nicht verheiratet waren. Dann begann sie zu notieren:

Victor Krum, Neville Longbottom, Fred, George, Percy und Charlie Weasley, Seamus Finnigan, McLaggan, Crabbe, Goyle, Malfoy, Blaise Zabini, Theodor Nott, Hagrid und – vor diesem Namen zögerte sie lange - Snape

Sie musste sich selbst sagen, dass sie ihn nur der Vollständigkeit halber auf die Liste setzte. Heiraten würde sie diesen Mann auf gar keinen Fall. Alleine die heutige Begegnung mit ihm war dafür Grund genug. Seit sie wieder in Hogwarts waren hatte Snape damit begonnen sich noch unerträglicher zu verhalten. Er ließ keine Gelegenheit aus sie zu verhöhnen, wann immer sie sich auch über den Weg liefen. Früher hatte sich dieses Verhalten wenigstens größtenteils auf den Unterricht beschränkt, aber aus irgendeinem Grund schien es ihm mittlerweile sogar mehr Freude zu bereiten sie zu quälen als Harry. Obwohl Harry natürlich das Gegenteil behauptet hätte.

Die Liste war für ihren Geschmack viel zu kurz, zumindest was wirkliche Möglichkeiten betraf, also musste sie schnell handeln. Gleich jetzt würde sie Victor und den Weasleys schreiben, danach mit Neville, Seamus und wenn es nicht anders ging McLaggan reden. Eventuell würde sie es sogar in Erwägung ziehen mit Nott zu sprechen, sein Vater war zwar ein berüchtigter Todesser, aber immerhin war er nicht ganz so vorurteilbeladen wie Malfoy und Zabini und intelligenter als Crabbe und Goyle zusammen. Hermine begann zu lachen, als sie an die Slytherins dachte und „tröstete" sich mit dem Gedanken, dass da ja immer noch Hagrid oder Snape wären.

Da wäre es ja noch einfacher eine Annonce aufzugeben, überlegte sie kurz und begann dann mit den Briefen.

Als sie aus der Eulerei zurückkam war der Gemeinschaftsraum bereits leer und sie legte sich kurz auf die Couch vor dem Kamin. Nur um für einen Moment zu rasten, sagte sie sich. Natürlich schlief sie ein…