Entstehung: 5.12.2011

Zahltag

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"Es ist so weit!", schallte Dorothees Stimme durch die Gruft. "Lumpi! Luu-uuumm-mmpiiiii! Du gehst!"

Dem langgezogenen Ruf folgte ein Donnern, das wohl davon rührte, dass eben gerufener mit dem Kopf

gegen seine Sargdecke stieß.

Ein gedämpftes "Ich komme schon." war zu hören, dann fuhr Lumpis Sarg mit einem Krachen auf. Er

hatte statt einer Tür ein Rollscharnier, doch weder beim Abmessen noch dem anschließenden Einbau

hatte der jugendliche Vampir sonderlich genau gearbeitet: Der Deckel verkantete und ging nicht weit

genug auf, als dass der Vampir ohne weiteres aussteigen konnte. Rüdiger hatte sich anfangs jedes Mal

kaputt gelacht, doch mit den Jahren langweilte es ihn nun nur noch, auch nur aufzuschauen, wenn

Lumpi sich verrenkte, um mit den langen Beinen herauszukommen.

Er hüpfte von seinem Podest herunter und fuhr flüchtig mit den Händen durch die Pfütze, die sich nach

jedem Regen in der Mitte des Raumes bildete. Im Moment war es nicht mehr als ein staubiges Rinnsal,

doch Lumpi schien es zu erfrischen. Er betupfte sich auch die Stirn damit, bevor er mit einem Ärmel

seiner Rockerjacke darüber wischte. "Ach, herrlich. Ich mach mich auf." Er warf einen Blick auf Dorothee,

die von Rüdiger und Anna meist nur mit Tante angesprochen wurde - an Tagen, wo die beiden höflich

sein wollten, mit Tante Dorothee.

Die starrte ihn erwartungsvoll an. "Beeil dich, Lumpi. Ich bin schon so aufgeregt!" Ihre Stimme entglitt

ihr in höhere Tonlagen. "Wann kriegen wir sonst schon mal Post?"

"Aber sei vorsichtig.", mahnte Anna, die im Schneidersitz auf ihrem Sarg saß. "Die Nacht ist gerade

erst angebrochen. Es könnten viele Menschen unterwegs sein. Oder - oder Geiermeier.", fügte sie

mit großen Augen an.

"Umso besser." erwiderte Lumpi, ohne sie anzuschauen. Er nahm sich einen Flugmantel von einem

Haken an der Wand. "Also nicht Geiermeier, aber die Menschen." Lumpi leckte sich die Lippen.

Geiermeier war wie ein lästiges Insekt: Meist schlief er Tags, und kam nachts heraus - aber nicht immer

zur selben Zeit -, manchmal aber schlief er nachts, um wachte am Tage. Er musste halt auch ab und

zu im Haus anwesend sein, wenn zum Beispiel der Gasableser kam, oder er ein Paket erwartete. Sie

wussten, wo sein Haus war, aber konkret zu sagen, wo er sich aufhielt, erwies sich meist als

schwierig. So wie man sagen konnte, dass die Fliege noch im Zimmer herumschwirrt, aber sobald

man mit der Fliegenpatsche auf die Suche geht, sieht man sie nicht mehr.

Aber sie wollten ihn sowieso nicht entfernen, er roch zu sehr nach Knoblauch. Einfach eklig.

Lieber fanden sie sich mit ihm ab, als sich ihm willentlich zu nähern.

Lumpi hatte sich den Mantel über den Kopf geworfen und an den Armen festgebunden. Jetzt stürmte

er die Treppe hoch. Am Tor nach draußen hielt er die Nase in den Wind, um eventuellen Knoblauch-

geruch herauszufiltern. Tannennadeln, Erde, Sträucher. Nichts. Harz. Das Rascheln von Zweigen im

Wind.

Zufrieden öffnete Lumpi das schmiedeeiserne Tor einen Spalt, und schlüpfte hindurch. Sobald er es hinter

sich geschlossen hatte, sprang er in die Luft und arbeitete sich mit kräftigen Armschlägen höher und höher.

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"Ich hab es!"

Es war kurz nach Mitternacht, und in der Gruft waren nur noch Anna und Tante Dorothee. Rüdiger hatte

es nicht ausgehalten, Anton nicht zu besuchen - obwohl der kleine Menschenjunge gebeten hatte, nur

am Wochenende besucht zu werden, wegen der Schule, das wusste Lumpi.

Er grinste verschlagen.

"Soll ich vorlesen?", fragte er, und hopste auf seinen Sarg, den Brief in der Hand.

"Ist das Blut an deinem Kinn?", fragte Anna stattdessen. Sie starrte ihn an.

Lumpi hielt inne und streckte die Zunge raus. Doch im letzten Moment fuhr er sich nicht über die Unter-

lippe. Offenbar fürchtete er, dass es auch verschmierter Lippenstift sein konnte. Er schminkte sich

immer die Lippen blutrot.

Vorsichtig tastete er mit dem Finger danach und schnupperte.

"Blut.', stellte er fest, und leckte es augenblicklich auf.

Tante Dorothee starrte derweil in die Luft. Sie wartete nur auf den Brief.

Lumpi bemerkte es. "Oh, also, wartet." Er öffnete die Lasche und zerrte ungeduldig an dem wider-

strebenden Papier. "Er lag in unserem Briefkasten, wie beabsichtigt. Es ist alles noch so, wie wir

es damals verließen."

Die Vampire hatten für Notfälle wie diesen, wo sie Post bekommen mussten, einen "toten" Briefkasten

errichtet. Nun, die meiste Zeit des Jahrzehnts war er tot, also unbenutzt, aber eben alle fünfzehn oder

zwanzig Jahre trudelte dieser Brief von der Stadtverwaltung ein. Es zahlte halt niemand sonst für sie

die Gruft. Und den Rest der Zeit blieb der Briefkasten von den Menschen unbeachtet.

"Nun lies schon vor!", hauchte Anna drängend.

"Also gut!", Lumpi räusperte sich. "Sehr geehrter Herr Schlotterstein, ihre Grabstätte läuft ab. Bitte

zahlen sie unten genannten Betrag-"

"Weiter! Weiter unten!", unterbrach Tante Dorothee.

Lumpi überflog den Text. Letztlich wussten sie alle, worauf Dorothee scharf war.

"Hmmhmhm, ah, hier: überweisen oder in bar bezahlen auf der Dienststelle Zimmer blablabla ..." Er schaute

auf. Ein Leuchten war in Dorothees Augen getreten. "Eine Einladung!", seufzte sie, und hielt die Hände

vor ihr Herz. Oder mehr vor ihren Magen. Sie konnten das Gebäude nicht einfach so betreten, dazu

waren sie zu wenig Mensch, selbst wenn es eine Behörde war, und keine Privatwohnung. Aber wenn man

sie einlud...

Der Empfänger war ein nicht existierender, erfundener Nachkomme Johannes Schlotterstein, dessen

Name auch auf dem Briefkasten so stand.

Aber das machte nichts. Auf diese Weise kam Tante Dorothee an ein paar Angestellte der Stadtverwaltung

ran, und da sie dort immer vorgab, nicht zu wissen, wo es lang ging, noch an ein paar mehr.

Und dort interessierte man sich nur dafür, dass bezahlt wurde. Bezahlt...

"Lumpi!", rief Tante Dorothee erneut. "Hast du auch an das Geld gedacht?"

"Klaro, Tantchen. Hier.", er stand auf und drückte ihr ein paar Scheine in die Hand. "Hatte dieses Fräulein

bei sich, dass... ähm..." Er sprach nicht weiter, aber als er sich gleich darauf über die Lippen schleckte,

war klar, worauf er sich bezog. Und normalerweise klaute er nicht. Was wollte er auch mit Geld? Aber hier

ging es um ihre Miete. Die unwissende hatte ihnen weitere fünfzehn Jahre verschafft, wenn nicht länger,

und Spaß mit Geiermeier und Anton Bohnsack.