Kapitel Nr. 3 ... viel Spaß beim Lesen:
„Kein einziges Tier ist gestohlen worden. Die sind hierher gekommen, um uns auszuspionieren. Das denke ich!" Sagte Claire und hielt sich widerwillig den Eisakku an die geschwollene Augenbraue. Obwohl sie zugeben musste, dass das gut tat. Trotzdem hasste Claire es, dass sie von allen diesen mitleidigen Blick bekam. Jeder in der Küche starrte sie an … sie wollte endlich hoch in ihr Zimmer, um sich umzuziehen, aus dem Pyjama raus und sich waschen. Ihre gute Laune vom Vortag war unwiederbringlich verflogen.
„Vermutlich, haben sie Recht, Claire. Da Drover's ja noch mal ganz schön Glück gehabt." Sagte der Sheriff notierte sich die Fakten und blickte auf die Uhr, die über dem Herd hing. Es war 5:56 Uhr und draußen hatte der Tag begonnen, als wäre nichts gewesen. „Ich würde mir gerne noch die Scheune ansehen und …"
In diesem Moment stürmten Alex und Nick in den Raum. Wenn einer von beiden etwas hätte sagen wollen, dann wurden sie beim Anblick von Claire direkt wieder still. Keiner von beiden hatte Claire oder auch die anderen Frauen je so gesehen. Alle waren blass, hatten dunkle Ränder unter den Augen. Claire jedoch hatte es scheinbar am schlimmsten erwischt: Getrocknetes Blut an ihrer Kleidung und an ihrem Gesicht, Kratzer an den Armen und ein Eisakku zum Kühlen. So ein Bild bot sich einem nach einer Kneipenschlägerei zwischen Männern – aber eine Frau hatten beide noch nie so gesehen.
Alex bemerkte die angespannte Situation. „Bist du zu lange im Bad gewesen, Claire, und wurdest von den anderen Mädels bestraft?" Fragte Alex vorsichtig. Doch sein Versuch, die Spannung abzubauen misslang. Claires Blick, der ihn traf, hätte ihn aufspießen können.
Spinner! Claire seufzte und rückte ungeduldig auf dem Stuhl hin und her. Sie wollte jetzt sofort nach oben. Nicht noch zwei Augenpaare mehr, die mich von oben bis unten nach Verletzungen absuchen!
„Claire, …" Begann Nick, wurde aber von Tess' warnendem Blick darauf hingewiesen, besser nichts zu sagen, also führte Nick seinen Satz nicht zu ende.
Alex räusperte sich und spielte dann verlegen an dem Rand seines Cowboyhutes herum. „Wir sind sofort hergekommen, als wir davon gehört haben." Alex versuchte Claire nicht anzublicken, da er wusste, dass sie es hassen würde. Aber er konnte nicht anders.
Frank DeCosta tippte mit seinem Stift auf den Küchentisch. „Nun gut." Sagte der Sheriff und erhob sich. „Ich will mir nur schnell noch mal den Stall ansehen, wenn das in Ordnung ist, und dann bin ich weg."
„Ich denke, sie können direkt zu unserem Vater fahren, Frank!" Nick schluckte und sah zum Sheriff rüber. „Heute Nacht haben sie auf Killarney ca. 100-150 Rinder gestohlen. Er hat eben angerufen."
Alle Augen weiteten sich. Die Diebe hatten also nicht nur Drover's ausspioniert, sondern auch auf Killarney Rinder gestohlen.
„Das gibt's ja nicht." Sagte Claire und dachte daran, wie viel Glück sie hatte, dass nicht ihre Rinder gestohlen worden waren. „Da sind wir ja im wahrsten Sinne des Wortes mit einem ‚blauen Auge' davon gekommen!" Versuchte Claire zu scherzen, verzog beim Lachen jedoch schmerzhaft das Gesicht.
„Na gut, wenn das so ist … dann werde ich wohl direkt weiter nach Killarney fahren." Entgegnete der Sheriff, bevor er von Becky zum Stall gebracht wurde, um sich umzusehen.
Das war Claires Startsignal, um aufzustehen und nach oben zu gehen. „Also …" Mit diesem Wort legte sie den Eisakku auf den Tisch, „… auf Drover's ist kein Platz für Faulpelze. Auf in den neuen Tag! Es gibt ne Menge zu tun!" Flink wie ein Wiesel und noch bevor irgendwer irgendetwas sagen konnte, hatte sie die Küche durchquert und war schon auf den ersten Stufen der Treppe, als sie Alex' Stimme hinter sich hörte.
„Claire, warte!"
Sie atmete geräuschvoll aus, rollte mit den Augen und drehte sich um, um Alex im Eiltempo davon zu überzeugen, dass es ihr gut ging, nur um endlich nach oben gehen zu können. Doch als sie sich umdrehte und in seine Augen blickte, war sie tatsächlich für einen Moment sprachlos. Über die sonst so vergnügt wirkenden Augen hatte sich ein dunkler Schatten gelegt. Ihr war mit einem Mal klar, dass er sich wirklich Sorgen machte und dass er jetzt nicht mit einem Witz oder einer kurzen Erklärung abgefertigt werden konnte.
Er hätte diesen dummen Witz eben nicht machen sollen. Ihr Gesicht und ihre Kleider waren schmutzig, und das nicht nur vom Blut. Ihrem Blut. Staub und Dreck klebten überall an ihr und er konnte einige große Handabdrücke an ihren Oberarmen sehen, die nicht von einer der Frauen stammen konnten. Alex musste schlucken und spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete. Sonst war er in ihrer Gegenwart nicht so verstockt, aber was sollte er jetzt schon sagen?
Sie sah, dass es ihm schwer fiel etwas zu sagen und versuchte zu lächeln. „Alles klar bei dir, Alex?" Fragte sie sanft und kam zwei Stufen herunter, um näher bei ihm zu stehen.
Ein Lächeln legte sich auf sein eben noch ernstes Gesicht. „Das fragt die Richtige! Ich bin nicht derjenige, der sich heut Nacht allein gegen drei Viehdiebe verteidigt hat."
Claire lächelte leicht. Eigentlich war es ja nur ein Einbrecher, mit dessen Faust ich gekämpft habe! „Mir geht's gut, Alex. Keine Sorge." Claire konnte es kaum fassen, wie fürsorglich dieser Draufgänger doch sein konnte, wenn es drauf ankam. Sie kannte Alex gut genug, um zu wissen, dass viel mehr in ihm steckte, als viele glaubten. „Auch, wenn ich so aussehe wie ich im Moment aussehe!" Entgegnete sie mit einem Lächeln. Seine dunklen Augen starrten sie unverwandt an und Claire wurde ganz warm ums Herz.
Alex Ryan griff nach ihrer Hand und drückte sie sanft. Es war eine Sache verprügelte Frauen zu sehen, aber es war eine andere Sache verprügelte Frauen zu sehen, die man gut kannte. Und Claire war eine Freundin. Jemand, den es zu beschützen galt. Immer noch starrte er in ihre blauen Augen, nur um sich davon zu überzeugen, dass es ihr wirklich gut ging. Aber sie wart hart im nehmen. Kein Grund zur Sorge, Alex!, ermahnte er sich selbst. „Wenn … wenn du dann endlich meine Hand loslässt, McLeod, kannst du auch hochgehen. Es sei denn wir wollen hier noch ein bisschen länger Händchen halten?!"
Claire grinste und merkte, wie sich der Riss an ihrer Augenbraue spannte. Aber sie ignorierte es und war froh, dass Alex wieder zu Scherzen aufgelegt war. „Ich komme vielleicht später auf dein Angebot zurück, Ryan!" Und mit diesen Worten verschwand sie nach oben.
Zehn Minuten später trat Claire wie neu geboren in die leere Küche. Niemand war zu sehen oder zu hören und so machte sie sich schnell einen Happen zu essen und eilte zu den Stallungen hinüber. „Komm mit, Roy!" Befahl sie dem Hund, der neben dem Treppenabsatz auf die gewartet hatte.
Tess sattelte soeben Oscar und streichelte dem weißen Wallach über den Kopf, als sie Claire über den Hof kommen sah. Ganz wie sie gesagt hat, dachte Tess und konnte kaum glauben, dass ihre Schwester schon wieder so gut aussah. „Was doch saubere Sachen und ein gewaschenes Gesicht aus einem Menschen machen können." Rief Tess lächelnd ihrer Schwester entgegen und machte so auch die anderen auf Claire aufmerksam. Ihre Sorge um sie war unbegründet.
Alex, Nick und Jodie hatten bei den Rindern gestanden und sich umgesehen. Jetzt, da Tess Claire erwähnt hatte drehten sich alle nach ihr um.
Claire biss kräftig von ihrem Brot ab und hatte bis eben gar nicht gemerkt, wie hungrig sie gewesen war. Ihre linke Wange war leicht geschwollen und ein Tape-Pflaster hatte sie sich über die aufgeplatzte Stelle an ihrer Augenbraue geklebt, aber ansonsten war nichts mehr zu erkennen. „Ihr habt doch nicht etwa alle auf mich gewartet, oder?"
Alex grinste sie an. „Doch, ich schon."
Claire grinste zurück und ging dann rüber zum Gatter um nach Blaze zu rufen. Die Stute, die nicht weit weg an einigen Grashalmen herumgekaut hatte, kam direkt angallopiert. Claire ließ sie von der Weide und stellte sie neben Oscar an die Stallwand, bevor sie sich den Sattel und das Zaumzeug holte.
„Ich nehme mal an, ihr wollt auch nach Killarney?" Fragte Claire, als sie den Sattel auf den Rücken der Stute hievte, das Brot zwischen den Zähnen.
Nick nickte und blickte zum Himmel hinauf. Die Sonne hatte es nicht geschafft durch die Wolkendecke zu kommen. Es würde ein heißer, drückender Tag werden. „Das hatten wir vor."
„Wie du schon richtig erraten hast, wollten wir nur noch auf dich warten." Tess stieg in Oscars Steigbügel und schwang sich auf den Rücken des Pferdes. Reiten hatte sie erst lernen müssen, als sie aus der Stadt hierher gezogen war, aber mittlerweile ging es sehr gut. Nicht so gut wie Claire, aber der Traum eines jeden Mädchens war auch für sie Wirklichkeit geworden. Tess blonde Haare wehten im Wind, als sie auf ihre Schwester hinab blickte. Die Kratzer und blauen Flecke an den Armen hatte Claire durch das blaue T-Shirt nicht verstecken können, aber sie bot schon wieder eine ganz andere Erscheinung als heute Morgen.
Alex trat neben Claire und blickte sie mit einem besorgten Hundeblick an. „Du willst also nicht mit uns im Wagen fahren?"
Claires Stirn legte sich in Falten. „Wieso sollte ich?" Dann dämmerte es ihr … „Wenn du denkst, dass ich nur wegen der kleinen Beule nicht reiten sollte, dann sage ich dir jetzt mal eines, Alex Ryan…"
Alex begann zu grinsen und fragte sich ob er jemals solch wütende blaue Augen gesehen hatte. Wie gut er Claire doch kannte … er wusste, wie man sie auf die Palme brachte. Am besten funktionierte das immer wieder, wenn man ihre Fähigkeiten in Frage stellte.
Tess verdrehte nur die Augen, als sie die Neckereien zwischen ihrer Schwester und dem ältesten Ryan-Bruder mit ansah. Sie wendete Oscar und gesellte sich zu Nick und Jodie, die neben dem Pickup auf Alex warteten.
„Was ist los, Tess?" Fragte Nick und klopfte sich ein wenig Staub von der Hose.
Tess zuckte mit den Schultern. „Sie testen gerade mal wieder, wer der Stärkere ist."
Jodie kicherte. „Wenn ihr mich fragt, dann sind beide total ineinander verknallt … und das schon seit Ewigkeiten." Für diese Aussage bekam sie von Nick und Tess nur einen verwirrten Blick.
Fast gleichzeitig blickten sich Nick und Tess zu ihren Geschwistern um. Verliebt? Alex in Claire? Claire in Alex?
„Was sich liebt, das neckt sich!" Warf Jodie dazwischen und war dann wieder still.
Tess und Nick beobachteten ihre Geschwister immer noch. Konnte Jodie Recht haben? Die beiden gingen schon ihr ganzes Leben so miteinander um. Tess schüttelte den Kopf. „Nein, glaub' ich nicht, Jodie. Alex und Claire sind eher so was wie …"
„… Geschwister!" Vollendete Nick. Er kannte Alex' und Claires Verhalten schon seit Ewigkeiten. Dass sie sich gegenseitig Streiche spielten und ärgerten war normal. Völlig normal. Ob Jodie da nicht etwas missverstand?
Jodie zuckte mit den Achseln. „Wie ihr meint. Aber ich sage euch, wenn mich mein Bruder so ansehen würde, wie Alex und Claire sich manchmal ansehen, dann müsste sich meine Mutter aber gewaltige Gedanken machen!" Mit diesen Worten stapfte Jodie zurück zum Haus und ließ Tess und Nick mit verwirrten Gesichtern zurück.
Claires Wangen hatten sich vor Aufregung gerötet. „…ich bin mit einer gebrochenen Schulter und zwei gebrochenen Rippen 60km weit geritten…"
„…und es ging dir blendend, ich weiß!" Führte Alex ihren Satz zu ende. Auch das war eine Sache, die Claire auf den Tod nicht ausstehen konnte.
„Was willst du denn dann überhaupt von mir?" Claire war verwirrt und strich sich unsicher die Haare hinter die Ohren.
„Wärst du mit uns im Auto gefahren, hätten wir Händchen halten können!" Entgegnete Alex und schenkte ihr ein charmantes Lächeln.
Claire brauchte eine Sekunde, um zu reagieren und verpasste ihm zwei Schläge gegen die Arme, bevor sie an zu lachen fing.
Alex lachte ebenfalls und freute sich, dass er Claire zum lachen gebracht hatte, denn das schaffte man meist nur schwer. Sie war viel zu ernst, fand er. Wer ein solches Lachen hat wie sie, der sollte viel öfter lachen!
Claire strich sich die Haare zurück und setzte ihren Hut auf, als sie sagte: „Und jetzt sieh zu, dass du nach Killarney kommst, Alex Ryan! Sonst bin ich eher da!" Mit diesen Worten schwang sie sich in den Sattel und drehte ihre Stute mit einer leichten Gewichtsverlagerung in die richtige Richtung.
Alex blickte zu ihr hinauf. Sie sah einfach umwerfend aus – lockiges, dunkelbraunes Haar, ein enges, dunkelblaues T-Shirt und eine ausgewaschene Jeans, die Claires lange, schlanke Beine gut zur Geltung brachte. Dieser Körper zur Abwechslung mal in einem Kleid, dachte Alex und er wäre hin und weg gewesen. Aber es musste schon eine äußerst besondere Angelegenheit sein, dass Claire McLeod sich mal in einen Rock, geschweige denn ein Kleid warf. Ihre Schwester Tess war da anders. „Und lass dir noch eins sagen, McLeod!"
Jetzt war Claire gespannt und ihre Augen funkelten. Was kann denn jetzt noch kommen?
„Diese geschwollene Wange und angerissene Augenbraue stehen dir wirklich ausnehmend gut. Das macht dich so … gefährlich!"
Grinsend holte Claire aus und schlug Alex den Hut vom Kopf. „Da kannst du mal sehen, wie gefährlich ich bin, mein Lieber!" Blaze trat ungeduldig von einem Bein auf's andere. Claire spürte, dass die Stute laufen wollte – genauso wie sie über die Felder und Weiden preschen und den Wind in ihren Haaren und auf ihrer Haut spüren wollte. „Also, Alex … wer zuerst auf Killarney ist?"
„Abgemacht!" Und kaum hatte Alex das gesagt, spornte Claire ihre Stute an und verschwand, eine Staubwolke hinter sich herziehend, in Richtung Killarney, während Alex wie ein Verrückter zum Auto sprintete.
Tess und Nick sahen sich nur verwundert an. Diese Kinder!
„Los, Nick, steig schon in den Wagen! Schnell" Alex krabbelte hastig hinter das Steuer und ließ den Motor an.
„Bis gleich, Tess!" Brachte Nick noch hervor, bis ihn sein Bruder am Ärmel in den Wagen zog.
Alex' „Tschüs, Tess!" war kaum noch zu hören, als der Pickup den Hof von Drover's Run mit einem Affenzahn verließ.
Tess schüttelte wieder nur den Kopf, wandte ihr Pferd und machte sich auf nach Killarney. Diese Landleute!
Von Claire war schon nichts mehr zu sehen.
Bis zum nächsten Kapitel!
