Kapitel 3
Nach dem Gespräch mit Angela stürzte sich Bones erneut in die Arbeit und diesmal gelang es ihr wirklich, die Gedanken an Booth und den gestrigen Abend beiseite zu schieben und sie konzentrierte sich ganz auf die Knochen, die vor ihr lagen. Sie verließ ihren Arbeitsplatz nur, um sich eine Tasse Kaffee zu holen und kehrte gleich darauf zu ihren Knochen zurück. So bekam sie gar nicht mit, wie spät es wurde, und das die wenigen Geräusche auch immer leiser wurden, bis sie ganz verstummten.
„Wusste ich doch, dass ich dich hier finde." Erschrocken richtete Bones sich auf, als sie die Stimme ihres Partners hinter sich hörte. Sie war so in ihre Arbeit vertieft gewesen, dass sie nicht einmal gemerkt hatte, wie Booth hereingekommen war, vermutlich die Wachmänner gegrüßt und seine Karte durch die Sicherheitsschleuse gezogen hatte.
„Booth, du hast mich erschreckt!", sagte sie streng zu ihm, konnte aber nicht verhindern, dass sich ein Lächeln auf ihre Lippen stahl. Er stand ihr gegenüber, balancierte einen großen Karton auf dem Arm und grinste sie breit an.
„Und du hast mich vergessen, wenn ich mir ansehe, wie du hier immer noch in deine Arbeit vertieft bist. Wir wollten heute Abend zusammen essen."
„Booth, das tut mir leid, diese Skelette aus dem Sezessionskrieg haben mich so beschäftigt, dass ich… Sorry!"
Bones schaute zerknirscht zu Boden und bemerkte daher nicht, dass Booth immer näher kam. So erschreckte sie schon wieder, als er sie nun an der Schulter berührte und sagte: „Los, Bones, auf, auf, wir haben eine Verabredung und ich hab schon das Essen besorgt", damit deutete er auf den Karton, in dem sich, wie Bones jetzt sah, viele Packungen von Wong Foo befanden. Allerdings sah es so aus, als ob Booth eine Armee verpflegen wollte, nicht nur sie beide.
„Ok, Ich muss nur eben noch die Knochen wegräumen. Übrigens, Booth, wer kommt denn noch zum Essen? Das kann unmöglich nur für uns beide sein! Und wo willst du essen? Du findest es doch eklig, neben dem Labor zu essen, wenn du weißt, was hier immer so alles herumliegt."
Damit drehte sie sich wieder zu Ihrem Arbeitstisch um und verstaute die Knochen in ihrem Behälter. Nachdem Bones den Karton ins Lager gebracht hatte, holte sie ihre Handtasche in ihrem Büro und ging schnellen Schrittes auf den Ausgang zu, wo Booth schon ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er nicht in seiner üblichen Anzug-und-Krawatte-FBI-Kluft steckte, sondern Jeans und T-Shirt trug. Komischerweise verunsicherte sie sein Aufzug sofort: „Booth, du musst nicht mit mir zu Abend essen, wenn du was besseres vor hast, ich meine, ich bin erwachsen und kann mich auch durchaus abends allein beschäftigen..."
„Komm schon, Bones, halt keine Vorträge, das Essen wird langsam echt kalt und ich freu mich schon aufs Essen mit dir. Also, beweg dich!" Dabei grinste er sie so fröhlich an, dass sie alle Irritationen beiseite schob und beschloss, sich auch auf das Essen zu freuen.
Als sie gemeinsam die Tiefgarage erreichten, fühlte sie plötzlich Booth Hand auf seinem Rücken und spürte, wie er sie in Richtung seines Autos schob.
„Booth, ich glaubs nicht! Ich darf noch nicht mal fahren, wenn wir nicht an einem Fall arbeiten?" Sie drehte sich aufgebracht zu ihm um und wollte ihre Tirade fortsetzen, aber er drückte ihr in dem Moment den Karton in die Hand und erklärte: „Ich möchte nur, dass du den Karton fest hälst. Das Abendessen soll zwar zwanglos sein, aber ich hab trotzdem keine Lust, mein Hühnchen von der Fußmatte im Auto zu essen."
Verdammt! Ein rationales Argument! Da konnte sie schlecht etwas gegen einwenden, vor allem, weil auch sie ihr Essen lieber von einem Teller als aus seinem Auto essen wollte. Also klappte sie ihren Mund wieder zu und ließ sich auf den Beifahrersitz gleiten, nachdem ihr Booth die Tür aufgehalten hatte.
Einige Minuten später hielten sie bei Booth vor der Haustür. Es hatte während der Fahrt begonnen zu regnen und auch der Wind hatte einiges an Kraft zugelegt. Daher beeilten sich beide, die Haustür zu erreichen und platzten ziemlich stürmisch in den Flur. Nachdem Booth die Wohnungstür geöffnet hatte, nahm er seiner Partnerin den Essenskarton aus den Händen und ging in Richtung Küche. Bones blieb im Flur stehen und sah sich um. Sie war noch nicht oft bei Booth zu hause gewesen und wenn, hatte sie nicht die Gelegenheit gehabt, sich in Ruhe ein Bild zu machen. Es war ihr schon bei ihrem ersten Besuch hier aufgefallen, dass seine Wohnung nicht so aussah, wie sie es erwartet hatte. Nicht so, wie sie sich die Wohnung eines viel beschäftigten Singlemannes vorgestellt hatte. Schon im Flur hingen einige Fotos von Parker und anderen Menschen, die Bones nicht kannte. Auf einigen dieser Bilder sah sie Menschen, die wie Booth aussahen. „Das sind bestimmt seine Eltern und Geschwister.", schoss es ihr durch den Kopf. Sie fühlte sich beim Anblick dieser Bilder unbehaglich, also drehte sie sich lieber zur Garderobe um und hing ihre Jacke und die Handtasche auf. Dann folgte sie den Geräuschen aus der Küche und blieb in der Tür stehen.
„Kann ich dir irgendwie helfen, Booth?" Er war damit beschäftigt, das Essen auf Teller zu verteilen und in die Mikrowelle zu schieben.
„Du kannst schon mal was zu trinken mit ins Wohnzimmer nehmen, wenn du willst. Im Kühlschrank sind Wein und Bier und auch Saft. Nimm dir, was du willst. Ich hätte gern ein Bier." Bones schob sich an Booth vorbei in Richtung Kühlschrank – so groß war seine Küche wirklich nicht – entnahm ihm zwei Flaschen Bier und ging dann ins Wohnzimmer. Sie ließ sich auf der Couch nieder, stellte die Getränke auf dem Tisch ab und begann, sich auch hier umzusehen. Gemütlich war das zimmer, das musste sie zugeben. Es gab sogar einen Kamin. Auf dem Sims sah sie weitere Fotos. Als sie sich erhob, um sich die Bilder anzusehen, fiel ihr etwas auf. Zwischen den Bildern seiner Familie fand sie auch eines, auf dem das Team des Jeffersonian zu sehen war. Das überraschte sie jetzt doch sehr. Schnell stellte sie das Foto auf den Kaminsims zurück und nahm wieder auf dem Sofa platz.
Im nächsten Moment kam auch schon Booth um die Ecke und reichte ihr einen Teller, um sich dann neben ihr am anderen Ende der Couch nieder zu lassen. „Guten Appetit, Bones." Das ließ sie sich nicht zweimal sagen, denn seit der Geruch des Essens durch die Wohnung zog, merkte sie, wie hungrig sie war.
Während sie aßen hatten sich Booth und Bones über alles mögliche unterhalten, von ihrem letzten Fall, den beide sehr traurig fanden, über Bones letztes Buch bis zu Hodgins verrückten Verschwörungstheorien. Als beide aufgegessen hatten, stand Booth auf, nahm ihre Teller und machte sich auf den Weg in die Küche. „Möchtest du auch einen Kaffee?", fragte er über die Schulter hinweg in Richtung seiner Partnerin. Ihr gemurmeltes „Mmmmhhhhh" nahm er, wie am Morgen schon als ja.
Als Booth mit zwei Kaffeebechern zurück ins Wohnzimmer kam, sah er mit einem Blick, das irgendetwas mit seiner Partnerin los war. Irgendwie saß sie verkrampft auf seinem Sofa. Anscheinend wollte sie irgendetwas los werden. Er reichte ihr den Becher, setzte sich wieder und sah sie erwartungsvoll an. Wenn er eines bei seiner Zusammenarbeit mit Brennan gelernt hatte, dann, dass man sie nicht drängen durfte. Weder, wenn es um Laborergebnisse noch um irgend etwas anderes ging. Er musste nicht lange warten.
„Booth, ich wollte mich bei dir entschuldigen." „Ok, danke, Bones. Verrätst du mir auch, wofür?" Bones schien etwas furchtbar interessantes auf dem Fußboden vor der Couch entdeckt zu haben, da sie immerzu dorthin sah, während sie ihm antwortete.
„Angela sagt, ich hätte vermutlich dein männliches Ego verletzt, als ich gesagt habe, dass ich nicht mit dir schlafen werde. Außerdem sagt sie, ich hätte dir etwas unterstellt, da du dich wie ein guter Freund verhalten hast und gestern Abend keine unehrenhaften Absichten hattest." Nach dieser Erklärung sah sie weiterhin nach unten, aber sie hatte jetzt vom Boden zu ihren Händen, die den Kaffeebecher hielten gewechselt.
Booth konnte nur sprachlos da sitzen und sie anstarren. Dann breitete sich langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Stimmt, ich hatte keine unehrenhaften Absichten – oh man, Bones, wo hast du bloß dieses Wort her? Und beleidigt war ich auch nicht, da kann ich dich beruhigen. Aber sag mal, besprichst du eigentlich alles mit Angela? Muss ich mich darauf gefasst machen, dass sie morgen einen detaillierten Bericht über heute Abend erhält, inklusive einer Analyse dessen was ich gesagt oder nicht gesagt oder getan oder nicht getan habe?"
Jetzt sah Bones doch auf und ein Anflug von Wut funkelte in ihren Augen: „Wenn du das so sagst, klingt es, als ob wir Schulmädchen wären, die ihre Erlebnisse durch hecheln. Ich hab mich lediglich an Angela gewandt, weil ich dein Verhalten gestern Abend nicht verstanden habe. Du bist ein Mann, ich bin eine Frau. Wir sind beide ungebunden, und wenn dich dein religiöser Hintergrund nicht hindert, dann spricht aus anthropologischer Sicht nichts dagegen, dass wir miteinander schlafen. Aus beruflicher Sicht schon. Du hast mich angefasst und geküsst, also dachte ich, ich sollte das mit dem Sex besser klarstellen. Angela hat versucht, mir zu erklären, dass das nicht unbedingt was sexuelles bedeuten muss, aber das sind so schwammig", sie wedelte aufgeregt mit den Händen vor ihrem Gesicht. „das sind die Dinge in denen ich nicht gut bin. Ich kann nicht zwischen den Zeilen lesen!" Nach diesem kleinen Ausbruch ließ sie sich nach hinten gegen die Sofalehne fallen, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte verschlossen in seine Richtung.
Auch Booth lehnte sich jetzt gegen die Sofalehne zurück. Er hatte ein Bein locker unter das andere geschlagen und war, im Gegensatz zu seiner Partnerin, ziemlich entspannt.
„Temperance, jetzt hör mir mal gut zu. Du musst dich bei mir wirklich nicht für so was entschuldigen. Aber wir sind Freunde und Partner, bei der Sache, um die es hier geht, noch mehr Freunde als Partner, daher muss ich dich um etwas bitten." Bei diesen Worten wurde ihr Blick weicher und ihre Haltung etwas entspannter. „Was?"
„Wenn es etwas zwischen uns gibt, das unklar ist, etwas, dass du nicht verstehst oder das dich verunsichert, dann sprich mit mir darüber. Ich weiß, das du Angela Vertraust und das ihr Freundinnen seid, aber was zwischen uns passiert, das geht auch erstmal nur uns beide was an.
Ok?" Er sah ihr in die Augen und wartete dort auf eine Bestätigung. Sie nickte langsam. „Ok. Damit kann ich leben."
Eine Weile saßen beide schweigend auf dem Sofa und hingen ihren eigenen Gedanken nach, während sie ihren Kaffee tranken. Dann räusperte Bones sich und setzte sich aufrechter hin.
„Booth, nachdem, was du eben gesagt hast, möchte ich dich was fragen." „Klar, schieß los" Er sah sie erwartungsvoll an.
„Warum steht dahinten auf deinem Kamin ein Foto vom Team aus dem Jeffersonian? Hat das was damit zu tun, dass du gestern gesagt hast, du findest Angela heiß? Ich kann dir auch ein Foto nur von Ihr besorgen, wenn du willst. Die anderen Fotos in deiner Wohnung sind von deine Familie, hab ich recht also, warum dieses Foto?"
Wieder brachte das, was sie gesagt hatte, ihn zum lächeln. Er versuchte, es zu unterdrücken, denn dass sie nun mit ihm sprach und die Fragen stellte, die ihr auf der Seele brannten, war gut. Er wollte dass nicht dadurch wieder zunichte machen, das er sie durch Heiterkeitsausbrüche verunsicherte.
„Das Foto steht da, weil ich euch mag, Bones, jeden von euch, sogar deinen verschrobenen Assistenten. Kann es eigentlich sein, dass du ein kleines bisschen eifersüchtig auf Angela bist? Du erwähnst schon zum zweiten mal meine flapsige Bemerkung darüber, dass ich sie heiß finde. Mach dir da mal keine Gedanken, Angela ist zwar heiß, aber auf die Art und Weise, an der sich ein Mann schnell die Finger verbrennt. Ich habe kein Interesse. Und die Fotos zeigen nicht nur meine Familie, sondern auch Freunde und Menschen, die ich gern hab. Deshalb steht auch das Blinzlergeschwader hier bei den anderen Menschen, die ich mag. Ist damit deine Frage zu deiner Zufriedenheit beantwortet."
Bones dachte kurz nach. „ Ich denke schon. Sich ein Bild machen hat, vor allem in der westlichen Welt eine lange Tradition. Zu einer zeit, als es noch teuer und aufwendig war, Abbildungen von Menschen herzustellen, drückte ein Bild auf ganz reale, monetäre weise Wertschätzung aus, es war nämlich wertvoll. Diese Tradition hat sich bis in die Zeit der einfach verfügbaren und reproduzierbaren Bilder erhalten und so drücken Fotos im privaten Rahmen, ähnlich wie religiöse Ikonographie, Wertschätzung für den oder die Dargestellten aus. Ich werde Zack also sagen, dass er auf deinem Kamin steht, das wird ihn freuen. Er möchte gerne von dir anerkannt werden." Nach einem kleinen Zögern fügte sie hinzu: „Kann ich dich noch was fragen?" „Bones, du musst nicht jede Frage vorher beantragen. Red einfach drauflos."
„Gut, also folgendes: Angela hat versucht, es mir zu erklären, aber erstens bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich es verstanden habe und zweitens weiß ich nicht genau, ob sie auch das getroffen hat, was du gemeint hast. Erklär mir bitte nochmal, was das gestern Abend zwischen uns war."
Booth atmete tief durch und dachte kurz nach. Er war sich nicht sicher, wie er in Worte fassen sollte, was jeder halbwegs normal sozialisierte Mensch quasi im Vorübergehen lernte. „Ich weiß nicht genau, ob ich es erklären kann, Bones, aber ich kann es dir zeigen. Ich denke, dass wird auch gehen."
„Zeigen? Was meinst du mit zeigen?" Bones sah ins skeptisch an. „Vertrau mir einfach. Und denk dran, was zwischen uns passiert , bleibt auch zwischen uns. Du musst nicht mit allem sofort zu Angela rennen." Er wusste selbst nicht so genau, warum er das sagte, aber er hatte das unbestimmte Gefühl, dass ein Teil von dem, was er als nächstes vor hatte, bei Angela zu einer gewissen Verwirrung führen könnte.
Danke an Pummelchen fürs Betalesen und die aufmunternden Worte!!!
