Hallo,

obwohl ich schon seid Jahren FFs verschiedener Genres lese, ist dies meine erste eigene Geschichte.

Über Rückmeldung jeder Art würde ich mich sehr freuen.

DISCLAIMER: Außer meiner alternativen Storyline und meinem OC gehört Alles dem bewundernswerten J. R. R. Tolkien. Ich schreibe nur zu meinem Privatvergnügen und verdiene kein Geld damit.

Und jetzt, viel Spaß beim Lesen!

KAPITEL 2

„Sagt mir, mein lieber Herr Beutlin. Wann habt ihr Gandalf, den Grauen, zuletzt gesehen?"

„Gandalf? Gandalf, der Graue? Ist das nicht der Zauberer mit dem unglaublichen Feuerwerk? Den hat man hier in der Gegend schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen!" antwortete Bilbo nachdenklich.

„Aber, Miss, darf ich euch im Gegenzug auch eine Frage stellen? Wer seid ihr und woher kennt ihr mich? Ich meine, ich habe gerne Gäste," damit fing er an, mit der Teekanne und den beiden Tassen zu hantieren, die er mitgebracht hatte, was sie wiederum dazu brachte, erneut das Gesicht vor Schmerzen zu verziehen. „Wirklich sehr gerne. Ich bevorzuge es nur, sie vorher zu kennen."

Sein letzter Satz ließ sie schmunzeln. Dabei hatte sie ja nicht einmal seine Vorratskammer auf den Kopf gestellt. Andererseits lag sie beinahe unbekleidet in seinem Gästebett. Also sei ihm die Frage ruhig gestattet.

„Das waren drei Fragen, mein Lieber. Meine Freunde nennen mich Anar. Wie die anderen mich nennen, soll mir gleich sein," sagte sie in dem Wissen, dass ihr richtiger Name in diesen Landen wohl nicht allzu geläufig sein würde.

„Und ich habe schon sehr viel von Euch gehört. Allerdings dürfte ich Euch völlig unbekannt sein. Wie ich hierhergekommen bin, weiß ich nicht mit Sicherheit, aber ich habe da so eine Vermutung. Ihr würdet mir einen sehr großen Gefallen tun, wenn ich bei Euch bleiben dürfte, bis Gandalf eintrifft."

„Wisst ihr denn, wann das sein wird?" fragte Bilbo skeptisch.

„Nein. Aber er wird kommen!" sagte sie mit der größten Entschlossenheit, derer sie fähig war.

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Die Tage vergingen.

Zu Beginn war es für Anar sehr schwer. Aber die Ruhe des Auenlandes im Allgemeinen und die Abgeschiedenheit von Beutelsend im Besonderen halfen ihr dabei, sich mit ihrer Sinnesschärfe abzufinden. Zumal sie nicht, wie in ihrer Welt stetig ausgeprägter wurde, sondern auf dem Stand ihrer Ankunft stagnierte.

Wie bereits befürchtet, war es ihr sehr unangenehm, die typische Hobbitkleidung zu tragen, die Bilbo von irgendwoher für sie organisiert hatte. Stattdessen hatte sie sich aus einem dunkelblauen Vorhangstoff ein Kleid schneidern dürfen. Dieses bestand aus vielen Lagen des dünnen Stoffes, von dem nirgends zu viel auf einer Stelle Haut auflag. Aus einem Reststück hatte Anar sich eine Art Piratenkopftuch gebastelt, das bis über ihre Augen reichte. Bei dem Gedanken, dass sie damit ein wenig wie Daredevil aussehen würde, musste sie kurz schmunzeln. Aber das Kopftuch bedeckte in einer Lage ihre Augen, so dass das Licht immer nur gefiltert auf ihre Augen treffen würde. Und es bedeckte ihre Ohren, was die umgebenden Geräusche auf ein beinahe erträgliches Maß dämpfte.

Außerdem versteckte es ihre roten Locken. Für jemanden, der es gewohnt ist bei Belieben unter eine warme, oder in ihrem Fall heiße, Dusche hüpfen zu können, war es gewöhnungsbedürftig mit ungewaschenen Haaren herumzulaufen.

Während sie an ihrem Kleid arbeitete, was ohne Nähmaschine deutlich mehr Zeit in Anspruch nahm, als sie gedacht hatte, leistete sie Bilbo in der Küche oder dem Wohn- und Arbeitszimmer Gesellschaft. Wo immer Bilbo gerade zu tun hatte.

Da sie wusste, wie versessen er auf Geschichten war und sie nun wirklich genug davon kannte, erzählte sie ihm mit ruhiger und leiser Stimme jeden Tag eine andere. Mal eine Geschichte aus tausend und einer Nacht, mal Stücke aus der unendlichen Geschichte, dann wieder Historisches aus Mittelerde.

Sie beließ es aber nicht dabei, einfach nur die Geschichte zu erzählen. Im Anschluss diskutierten sie immer die Beweggründe der verschiedenen Charaktere und was die beiden an ihrer Stelle anders gemacht hätten.

Die Tage wurden zu Wochen und Bilbo und Anar wurden sehr gute Freunde. Sie hatten viel gemeinsam. Sie genossen die Ruhe und Abgeschiedenheit von Beutelsend, einen guten Tee und eine noch bessere Geschichte. Sie kochten und backten zusammen, sangen Lieder aus beiden Welten und genossen ihre Zweisamkeit.

Anar war jedoch klar, dass sie Bilbo aus seiner Wohlfühlzone herauslocken musste, wenn er jemals bereit sein sollte, für das Abenteuer, das ihm bevorstand.

Durch geschickt eingeflochtenen was-wäre-wenn-Fragen am Ende ihrer Geschichten, machte sie Bilbo neugierig auf das Bogenschießen und den Schwertkampf.

Ihre eigenen Kenntnisse beschränkten sich zwar auf Geschichten und Historienfilme, aber für Grundkenntnisse sollte es reichen. „Ich habe einmal davon gelesen!" wurde dabei ein häufig benutzter Satz.

Und so begannen die beiden in den Stunden der Dämmerung, wenn die Helligkeit für Anar keine allzu große Qual bedeutete, Zeit im Freien zu verbringen.

Sie fingen damit an, jeweils einen Bogen zu bauen und sich einen Vorrat an Pfeilen zu schnitzen. Den korrekten Stand beim Bogenschießen kannte Anar aus einem Sachbuch über das Mittelalter. Das Wissen aus dem Bogenschießunterricht, den Susan Pevensie Caspian in der Verfilmung der Narnia-Chroniken gegeben hatte, rundete das Ganze ab.

Als sie langsam aber sicher begannen, Fortschritte zu machen, musste Anar immer wieder daran denken, Stich aus dem Trollhort zu bergen. Leider wusste sie nicht ganz genau, wo der Trollhort war und zum anderen wollte sie es nicht riskieren unterwegs zu sein, falls Gandalf doch noch auftauchen sollte.

Stattdessen trainierten sie zunächst mit Stöcken und danach mit geschnitzten Attrappen aus Holz, die schwerer waren und somit den Muskelaufbau unterstützten.

Anars Trainingsschwerpunkt lag dabei hautsächlich darin, nicht getroffen zu werden. Zwar hinterließen die Treffer keine Wunden, aber durch ihre erhöhte Sensibilität schmerzten auch „Streifwunden" sehr. Sie beschloss daher, statt mit einem Schwert zu kämpfen, auf zwei Langdolche auszuweichen. Der Kampfstil hatte etwas tänzerisches und defensives, was ihr sehr gelegen kam.

Aus Wochen wurden Monate und langsam wurde Anar unruhig. Wo blieb Gandalf nur? Warum hatte, wer auch immer, sie so lange vorher nach Mittelerde geschickt? Sollte sie nur Bilbo auf sein Abenteuer vorbereiten? Sollte sie vielleicht in den eigentlichen Verlauf der Geschichte gar nicht eingreifen?

Sie bat Bilbo um ein leeres Buch und begann die Geschichte des Hobbit' und des Herrn der Ringe aufzuschreiben, bevor sie noch Details vergessen würde. Da sie immer nur dann daran arbeiten konnte, wenn Bilbo ihr nicht über die Schulter sah, nahm die Vollendung des Werks eine ganze Weile in Anspruch. Sie schrieb nicht alles wörtlich nieder. Sie war schließlich weder Sheldon Cooper noch Spencer Reid. Aber sie notierte, wer wann mit wem was besprochen hat. Wer wann was aus welchen Gründen getan hat. Oder tun würde? Sowas kompliziertes!

Und so geschah es, dass Anar zwei Jahre nach ihrer Ankunft im Auenland gerade das Teewasser für das zweite Frühstück aufsetzte, während Bilbo auf der Bank im Garten seine Pfeife im Sonnenschein genoß und ein gewisser grauer Wanderer Bilbo einen guten Morgen wünschte.