Kapitel 3 ~ Rubys Lektion
Dean lümmelte auf einem der unbequemen Stühle im Hauptquartier mit den Beinen über die Tischkante und einem Glas des guten Stoffs in seiner Hand herum. Chuck überwachte die Logistik des Camps und trotzdem wusste er nie, wo Dean den Alkohol versteckte, mit dem er sich bis zur Besinnungslosigkeit betrank. Oft war er betrunken noch unausstehlicher als ihr furchtloser Führer. Aber wahrscheinlich musste sich Dean irgendwo, irgendwie ein Ventil für seine harte, kühle Fassade suchen, um nicht innerlich zu zerbrechen.
Er war bereits sturzbetrunken, als Cas durch die Tür kam.
„Sieh an, sieh an, pretty-boy angel!", schnalzte 2014 Dean.
Cas warf ihm einen kühlen Blick zu und bemühte sich nicht, ihm zu antworten. Anfangs hatte er die Streitgespräche mitgemacht, die zumeist in Sex geendet hatten. Es war therapeutisch, wenn sie sich danach ausgepowert in den Armen lagen und die Trauer und den Schmerz durch ihre Nähe voneinander fernhielten. Aber inzwischen gab es nur noch äußerst selten Versöhungssex oder überhaupt eine Versöhung, da waren nur Resignation, Selbstmitleid und schmerzende Worte.
Dean wartete auf eine Antwort, während er den Bourbon, die Flasche am Hals haltend, an seinen Mund führte und trank. Er ließ Cas nicht aus den Augen, der vor dem altmodischen, in die Jahre gekommenen Schrank in die Knie ging. Die untere, rechte Tür knarrte beim Öffnen. Zum Vorschau kam eine bauchige, verstaubte Flasche versiegelt mit einem Korken.
„Auf den Mann, pardon, Engel, der mich gerettet hat. Vieeeeeelen Dank!", lallte Dean mit schwerer Zunge. „Dafür musste er nur Ja sagen, Luzifer die Füße küssen. Ja, oooohh, jaaaaaaaaa", höhnte er stöhnend.
„Es ist der schwierigste Job, ein netter Mensch zu sein, wenn man keiner ist", erwiderte Cas trocken und wandte sich dem Ausgang zu.
„Ich habe mich gefragt, was für ein Engel wäre Cas? Nach allem. Was für einer wäre er? Ein putziger, schelmischer Gabriel, der mit den Menschen tödliche Streiche spielt? Oder eher ein zügelloser, sexsüchtiger Hedonist wie Balthazar? Oder macht er sich einfach aus dem Staub wie die anderen feigen Säcke?", zischte Dean herausfordernd.
„Du hast mich verlassen! Du hast mich schon lange verlassen!" Zornig wirbelte Cas herum, schoss auf Dean zu, packte ihn am Hemdkragen und stieß ihn zurück, sodass er mit samt seinem Stuhl auf den Boden fiel. Polternd kam der Bourbon aus seiner Hand zum Liegen und entleerte sich. Cas' Wut war wie flüssiges Magma an die Oberfläche getreten und hatte sich in einem aufgewühlten Ausbruch entladen. „Du hast mich zuerst verlassen! Du hast dich einen Dreck um mich gescheert! Was kümmert es dich jetzt, was ich mache? Ich habe für dich rebelliert. Wegen dir wurde ich vom Himmel abgeschnitten! Ich habe mein Mojo für dich verloren! Für dich, Dean!
„Nicht die alte Leier...", murmelte Dean. Der Sturz hatte ihm zugesetzt. Sein Kopf schwindelte, also blieb er für den Moment einfach eine Weile liegen.
Cas schnaubte.
Dean wischte mit dem Handrücken über den Mund. „Du hättest mich einfach sterben lassen sollen. Warum hast du mich nicht sterben lassen? Es gibt keine Harpune für meinen weißen Wal. Niemand hätte zurückkommen sollen. Du hättest mich dort lassen sollen. Ich bin fertig, Cas." Er legte einen Arm über die Augen.
Der Schmerz in Deans Worten brachte den Engel an seine Belastungsgrenze. Mit einem Seufzen ging er neben Dean in die Knie und stellte die Bourbon-Flasche aufrecht hin. „Dean, du weißt nicht, was du redest", sagte er jetzt sanfter.
Die Menschheit hatte ihr Ablaufdatum erreicht genauso wie Deans Gefühle, die verschüttet gegangen waren. „Schlaf deinen Rausch aus. Wir reden morgen, okay?" Cas erhob sich und warf einen letzten Blick auf Dean, bevor er nach draußen ging.
Es war ein lauer Abend im August. Cas sah das Licht in einer der größeren Hütten, die mehrere Schlafplätze bereithielten. Sie hatten sich versammelt, um die Lage zu besprechen. Chuck hatte die anderen angehalten, Dean oder ihn in Ruhe zu lassen, aber spätestens morgen würden sie eine Erklärung, eine Antwort verlangen.
Morgen.
Cas schob alle Überlegungen, wie es weitergehen würde auf morgen. Morgen würde er Dean von seiner Idee erzählen.
Manchmal vergas er, für was und warum er kämpfte, aber als er den alten 2009 Dean auf ihn wartend und unruhig besorgt in der Blockhütte vorfand, überfiel ihn ein ungeahntes Verlangen, dessen Erfüllung greifbar vor ihm stand.
„Alter, wo warst du? Du kannst nicht einfach mit einem ‚Beweg dich nicht!' abhauen!"
Cas hielt triumphierend das Gefäß mit dem nachgedunkelten Öl aus Jerusalem in die Höhe. „Das können wir noch gebrauchen", erwiderte er feixend.
„Jesus, Cas...", gab Dean entgeistert von sich. „Was... was zur Hölle hast du vor?"
Cas entkorkte das Glasgefäß und roch daran. Er liebte den Duft des heiligen Öls aus Myrrhe, Zimt, Kalmus und Cassia. Noch mehr begeisterte ihn jedoch Dean, der verdattert auf seine leichte Anmache reagiert hatte. Dieser Dean ließ ihn immer wieder daran zurückdenken, was sie gehabt hatten. Es fühlte sich falsch und gleichzeitig richtig an. Konnte es falsch sein, etwas zurückhaben zu wollen, was man einst gehabt hatte? Und das auch noch direkt vor einem stand?
Zielstrebig stellte Cas das Öl weg, hob den Teppich an und schmiss ihn zur Seite. Dann drehte er sich einmal mit dem heiligen Öl um sich selbst und malte damit einen Kreis auf den Holzboden.
„Erzengel sind immun gegen das heilige Öl, aber es ja auch nicht für ihn."
„Für wen...? Zach!"
Das halbleere Gefäß landete auf dem Tisch und wurde von ihm mit einem Stück Stoff präpariert. Cas gesellte sich zu Dean und bewunderte sein Werk. Der Kreis war genau mittig im Raum. Es gab keinen Weg daran vorbei. Nun mussten sie nur noch auf Zachariah warten, der Dean nach drei Tagen in der Zukunft abholen wollte.
„Castiel's Fried Angel." Der Engel grinste.
Dean musterte Cas' Profil. Der Ausspruch klang sehr nach ihm, nach Dean. „Was willst du mit Zach?", fragte er.
Cas wandte sich ihm zu. Die Sorge und Unruhe auf Deans Gesicht waren ehrlich. „Du hast mir gezeigt, wie man den Impala tankt. Du bist mir Kleidung und Schuhe einkaufen gegangen. Wir waren zusammen Essen. Du hast mir beigebracht, wie man sich rasiert."
Dean lachte beim Anblick von Cas' Bart. „Sehr erfolgreich."
„Du warst bei mir, als ein Höllenhund mich verletzt hat und ich vor Schmerzen geschrien habe. Ich weiß noch genau, wie du mich zusammengeflickt und mich getröstet hast. Das ist Teil des Menschseins, hast du gesagt. Ich habe wütend ausgespukt, wie sehr ich es hassen würde. Die Schmerzen und die Angst. Du hast mich warm angelächelt – das ist das Beste am Menschsein."
„Nicht gerade ein Bibel-Camp...", murmelte Dean, als Cas ihn vertraut anlächelte. Fast erwartete er, dass er ihn küsste, wie er es auf der Fahrt nach Detroit getan hatte. Es herrschte ein ungemeines Prickeln in der Luft, was Dean nicht unberührt ließ. Cas war drauf und dran ihn zu verführen – wenn da nicht Zachariah jeden Moment auftauchen würde.
„Es kommt mir, als wäre der Bordellbesuch mit dir schon wieder eine Ewigkeit her", meinte Dean.
„Du warst sehr an meiner Jungfräulichkeit interessiert." Cas kicherte.
Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Dean versuchte sein Bestes, die Situation unter Kontrolle zu halten, was Cas zu einem noch breiteren Lächeln verleitete. Cas glaubte, Dean sei kurz davor ihn zu küssen oder zumindest ihn zu umarmen, aber er hatte vergessen, wie zurückhaltend und ausgebremst Dean in Castiels Anfangszeit als Mensch ihm gegenüber gewesen war.
Stattdessen berührte Dean seinen Arm und warf ihn den liebvollsten Blick zu, den Cas seit Monaten, wenn nicht Jahren von Dean bekommen hatte. „Du hast dich sehr verändert." Dann wechselte er abrupt das Thema. „Was habt ihr unternommen, um Luzifer aufzuhalten?"
Cas schlug vor, sich auf das Bett zu setzen, während sie auf Zachariah warteten. Er trug noch immer die schwarze Stoffhose und das weiße Hemd von Jimmy Novak, das er sich zurückgeholt hatte. Er schlüpfte aus Schuhen und Socken und setzte sich im Schneidersitz auf den Quilt. Mit drei offenen Knöpfen, dem ungekämmten Haare und dem gepflegten 14-Tage-Bart sah er wie eine verwirrende Mischung aus dem alten Castiel und dem männlicheren, erwachsenen Cas aus.
„Michael hat es versucht", nahm Dean den Faden wieder auf, nachdem er sich zu Cas gesetzt hatte.
„Sein Gefäß hat ihn geschwächt. Ähnlich wie bei Luzifer und seiner alten Hülle Nick."
„Und danach haben die Engel die Erde verlassen?"
„Michael war ihre beste Chance."
„Was ist mit..." Dean zuckte mit den Schulter, „...dem Trickster?"
„Gabriel?" Cas winkte ab. „Lange Geschichte... Der Trickster war ein Engel. Luzifer hat ihn wie viele andere umgebracht, die sich ihm nicht unterordnen wollten. Es gibt eine Gruppe... eine Liga von Dämonen, die nicht mit ihrem Boss einverstanden sind. Lovers in League against Satan."
„Lovers in League...?", unterbrach Dean mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Warte, bis du Crowley kennen lernst", erwiderte Cas vergnügt, „Leider kann man kaum noch mit der Liga rechnen, seit Crowley nicht mehr ist. Der zähe Hund hat sich lange gehalten, das muss man ihm zugute halten."
Er erzählte Dean von der Nationalgarde, die die Croats mit Waffengewalt in Schach hielten, während fieberhaft nach einem Impfstoff für den Virus geforscht wurde. Da der Virus dämonischen Ursprungs war und ein Großteil der Menschheit Dämonen und andere Monster bis zum Ausbruch der Apokalypse für besseres oder schlechteres Entertainment gehalten hatte, setzte der Engel keine großen Hoffnungen auf eine Impfung oder Heilung. Es gab Camps wie Chitaqua, geführt von Jägern, aber die meisten waren Einzelgänger und taten sich mit den verschiedensten Überlebenden schwer. Im Camp Chitaqua gab es Kinder, Frauen, Männer, die alles andere als für einen Krieg mit Dämonen und Zombies geeignet waren.
Die Zeit verging wie im Flug. Sie hatten vergessen, worauf sie eigentlich warteten, als Zachariah plötzlich in der Holzhütte erschien. Cas sprang sofort auf seine Füße, Dean folgte ihm ein wenig behäbiger.
„Schon fast Mitternacht! Schnell, bevor sich die Kutsche in einen Kürbis und der Engel in eine Maus verwandelt!" spottete Cas.
„Castiel", grüßte der ältere Engel süffisant. „Uriel hatte recht. Dean war schon immer deine Schwäche." Er warf ihm einen vielsagenden Blick zu, ehe er sich an Dean wandte.
„Bei den ganzen Ärschen, die im Himmel herumschwirren, ist es keine Überraschung, dass er mich bevorzugt!", verteidigte Dean Cas.
Cas war mit einem Knie auf dem Boden, dem anderen angewinkelt, und entzündete das heilige Öl mit seinem Feuerzeug. Helle, rötlich-gelbe Flammen züngelten fast bauchnabelhoch auf. Ein wütender Engel starrte ihn. „Castiel! Was zur Hölle soll das werden? Bildest du dir ein, du könntest mich hier festhalten?"
„Vielleicht nicht..." Cas hielt das brennende Feuerzeug an seinen selbstgebauten Molotowcocktail.
„Was willst du?", fauchte Zachariah zornig.
„Dein Schwert – oder du bist Toast." Um seine Absichten zu unterstreichen entzündete Cas den Stofffetzen.
Zachariahs Kieferknochen mahlten vor Wut. Er hatte nur äußerst begrenzte Fähigkeiten, die er in dem Kreis benutzen konnte und das wusste Cas. Unwillig knöpfte er seine Anzugjacke auf, während er mit der anderen Hand ein Stopp andeutete. „Glaubst du, du könntest Luzifer töten?", schnaubte Zachariah und holte das relativ kleine Engelsschwert hervor. Er pfefferte es mit einem gezielten Wurf knapp an Cas vorbei an die Wand, wo es im Holz stecken blieb.
Womit der Engel nicht gerechnet hatte, waren Cas' Wut und Enttäuschung, dass die Engel ihn auf der Erde zurückgelassen hatten. Nicht einer hatte ihn gefragt, ob er hätte mitkommen wollen. (Er hätte sich so oder so für Dean entschieden.) Aber es hatte Cas geschmerzt, dass er offensichtlich ein Ausgestoßener war.
Der Molotowcocktail war ein echter Schock für Zachariah. Er sah Cas überrascht an, während Glas und Flammen an seiner Brust auseinander gesprengt wurden und die Hülle des Engels entflammten. Zachariah schrie vor Schmerz, den Kopf in den Nacken. Cas riss das Schwert aus der Wand und setzte mindestens genauso gezielt nach. Sein Arm langte durch die Flammen. Das Schwert durchbohrte die Brust, die schöne Krawatte. Zachariach ging in die Knie und fiel schließlich tot um.
Cas sah bei dem Schauspiel regungslos zu. Seine Arme schmerzten vom Feuer, doch er heilte sich bereits selbst. Dann schloss Cas die Augen, das Feuer schimmerte rot-orange durch seine Augenlider. Die Hitze war überwältigend. Als der Adrenalinrausch nachließ, spürte er, wie unerträglich heiß es so nah an den Flammen war.
Cas hatte schon früher getötet, Engel, Croats. Jemanden zu töten, der infiziert war, aber noch aussah, handelte und redete wie ein Mensch, fiel ihm schwer. Die Tatsache, dass jemand durch ihn sein Leben verloren hatte, lastete auf seinen Schultern.
„Entweder die oder wir", hatte Dean ihn angefahren, als Cas das erste Mal gezögert hatte. Er erschoss kaltblütig jeden Infizierten, machte nicht mal Halt, um ihnen die schlechten Nachrichten mitzuteilen oder sich verabschieden zu können.
Cas hatte eine Weile gebraucht, um ohne Gebet und ohne Zögern auf den Kopf zu schießen; Drogen hatten es ihm erleichtert.
Eines Nachts hatte der betrunkene Dean ihm erzählt, wie Ruby sie, ihn und Sam, hatte überzeugen wollen, dass das übergeordnete Wohl erforderte, hart und kalt zu werden und logische Entscheidungen zu treffen, ohne Rücksicht auf den Verlust von einzelnen Menschen. Sam hatte damals überlegt Nancy, die Sekretärin des Sheriffs, mit einem Zauber zu opfern, während Dean strikt dagegen war. Wenn sie erst anfingen, Unschuldige zu töten, wären sie nicht besser als Dämonen.
Dean hatte zu Cas gesagt, wie recht Ruby hatte.
Der Engel erwachte aus seiner Trance, als 2009 Dean ihn gereizt fragte: „Cas, verdammt, hast du auch geplant, das Feuer irgendwann zu löschen?"
